Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen
Part 7
Leonardo berichtet uns, daß er einmal ein Dampfgeschütz versucht habe. Es habe eine Kugel, die ein Talent wog, sechs Stadien weit geworfen. Man kann dem großen Meister diese Behauptung wohl glauben, wissen wir doch, daß er sich auch sonst eingehend mit Untersuchungen über die Dampfkraft beschäftigt hat. In der Skizze erkennen wir das Dampfgeschütz unten fertig zusammengestellt; oben sehen wir in drei Skizzen die Einzelheiten. Ein Kohlenfeuer erhitzt das im hinteren Ende des Laufes eingeschlossene Wasser. Sobald man das oben sichtbare Ventil öffnet, wird die Kugel herausgeschleudert. Kohlen und Wasser werden in besonderen Kästen am Lafettenschwanz mitgeführt. Noch in späteren Jahrhunderten versuchte man häufig Dampfgeschütze, doch stets ohne Erfolg.
63.
Abwehr von Sturmleitern.
Recht findig ist eine Idee von Leonardo, um den stürmenden Feind von der Mauer herabzuwerfen. Wir erkennen in der Leonardoschen Handzeichnung, wie die von außen her an die Festungsmauern angelegten Leitern von einem in der Mauer verborgen liegenden Balken in dem Augenblick umgeworfen werden können, da die Feinde die Leitern erstiegen haben. Wie das Umwerfen geschieht, ist aus der Skizze deutlich zu ersehen. Leonardo vermerkt zu der Skizze: „Das Holz, wo sich die Leitern aufstützen, muß in der Mauer verborgen liegen, damit die Feinde nicht die Leitern tiefer anlegen und dieses Holz mit Äxten zerhauen.“
64.
Ein listiger Rammsporn.
Ein eigene „Art und Weise, ein Schiff in den Grund zu bohren“ beschreibt Leonardo also: „Es ist vor allem nötig, daß die einander feindlichen Schiffe ineinander verschränkt seien, das heißt, derart ineinanderverhakt, daß du von deines Schiffes Spitze aus nach deinem Belieben loshaken kannst, damit, wenn das (feindliche) Fahrzeug auf Grund geht, es das deinige nicht mit sich ziehe. Und es wird folgendermaßen gemacht: ziehe ein Gewicht in die Höhe und darauf laß es los, und im Fallen wird dasselbe einen derartigen Schlag ausüben, wie dies bei einem Pfahle seitens eines Rammblocks geschieht. Und beim Fallen zieht sich der Kopf eines Balkens, der in einem Zapfen lagert (beweglich) aufgerichtet ist, nach rückwärts. Und wenn der obere Kopf des Balkens herankommt, so geht der untere (Kopf hinweg) und bringt das Schiff zum Sinken. Aber mache, daß das Holz schneidend sei, damit, wenn es zum Stoß heraneilt, das Wasser ihm keinen Widerstand bereite. Und vor allem mache, daß die Fesseln, welche die Fahrzeuge aneinandergehakt halten, sich nach deinen Belieben von deiner Seite aus zerschneiden lassen, damit das gegnerische Fahrzeug beim Untersinken dich nicht mit sich ziehe.“
65.
Leonardos „Zepata“.
Mit dem geheimnisvollen Namen Zepata bezeichnet Leonardo das hier abgebildete Fahrzeug, das die blockierende Flotte durchbrechen soll. Dies ist der erste Entwurf zu einem Sprengschiff. Sobald dieses Fahrzeug, von gutem Wind getrieben, gegen die Hafensperre stößt, werden eine Reihe von Zünddrähten in Schießpulverpfannen gesenkt. Die unten im Schiff aufgespeicherte Pulverladung explodiert und wirft die darüber aufgeschichteten Balken umher.
66.
Eine mechanische Trommel.
Wie man eine große Trommel beim Heerzug selbsttätig schlagen lassen kann, zeigt die hier wiedergegebene Skizze Leonardos. Von den beiden Laufrädern des kleinen Wagens aus werden zwei Stiftwalzen durch Zahnräder in Bewegung gesetzt. Von den Stiften werden die Trommelstöcke auf beiden Kalbfellen bewegt.
67.
Ein unsanfter Wecker.
In unserem Bildchen, einer flüchtigen Handskizze von Leonardo, wird jeder vergebens nach einer Weckuhr suchen; und doch ist sie da.
Leonardo vermerkt zu seiner Skizze: „Dies ist eine Uhr für solche anwendbar, die in der Verwendung ihrer Zeit geizig sind. Und sie wirkt so: wenn der Wassertrichter so viel Wasser in das Gefäß ~e~ fließen ließ, wie in der anderen Wagschale ist, gießt diese, indem sie sich hebt, ihr Wasser in das erstgenannte Gefäß. Dieses hebt, indem es sein Gewicht (dadurch) verdoppelt, mit Gewalt die Füße des Schlafenden, dieser richtet sich auf und geht seinen Geschäften nach.“
Der erwähnte Buchstabe „~e~“ ist in der sehr vergilbten Zeichnung schwer zu erkennen. Rechts sehen wir einen Menschen im Bett liegend. Einige Schritte vom Fußende des Bettes entfernt, steht ein hohes hölzernes Gestell, das ein Wassergefäß trägt. Aus diesem läuft über Nacht das Wasser ganz langsam in die darunter befindliche Schale ~e~. Diese Schale sitzt an einem röhrenförmigen Hebel, der seinen Drehpunkt an dem hohen Gestell hat. Nahe an dem Fußende des Bettes erweitert sich der rohrförmige Hebel zu einem flachen Wassergefäß. Über diesem und dem Wassergefäß auf dem hohen Gestell, sowie auch über dem runden Wassergefäß am andern Ende des Hebels, liest man jedesmal das Wort „Wasser“, von Leonardos Hand geschrieben. Sobald das runde Wassergefäß sein Übergewicht bekommt, senkt es sich. Dadurch hebt sich das flache Wassergefäß ein wenig, und es schüttet seinen Inhalt schnell durch den rohrförmigen Hebel in das runde Wassergefäß. Wer sich mit dieser Weckvorrichtung zu Bett begibt, muß seine Füße abends in eine Schlinge legen, die an dem Hebel befestigt ist. Durch den Ruck, den das plötzlich ausstürzende Wasser erzeugt, wird der Schläfer wohl wach werden.
Diese Weckvorrichtung ist mehr originell als praktisch. Vom technischen Standpunkte aus ist sie aber sehr interessant, weil sie uns wohl zum ersten Male den Grundgedanken verrät, auf dem unsere sogenannten „mechanischen Relais“ oder „Krafteinschalter“ beruhen. Es sind dies Mechanismen, bei denen durch geringe Kraft eine leicht bewegliche Steuerung so umgeschaltet wird, daß jetzt eine große Kraft hinzukommt, die die eigentliche Bewegung ausführt.
68.
Wie einer im Jahre 1507 von England nach Frankreich fliegen wollte.
Am 21. September des Jahres 1507 versuchte John Damian im Flug schneller über den Kanal zu kommen, als eine Gesandtschaft, die an diesem Tage von England nach Frankreich abreiste. Die Chronik berichtet darüber: „Zu diesem Zweck ließ er sich ein Paar Schwingen aus Federn herstellen, die er fest auf seinen Körper band, und flog von der Mauer des Stirling-Schlosses auf, stürzte aber sogleich zur Erde und brach sich ein Bein.“
Aber was bedeutet ein solches Mißgeschick, wenn man die richtige Entschuldigung dafür zu finden weiß. Der Chronist berichtet: „Die Ursache hierfür schrieb Damian dem Umstand zu, daß sich in den Schwingen einige Federn von Hennen befunden hätten. Diese strebten immer zum Miste, nicht aber zum Himmel hinauf.“
69.
Künstliche Hände in alter Zeit.
In dem herrlichen, urdeutschen Schauspiel von Goethe „Götz von Berlichingen“ ist eine der schönsten Szenen die, da Bruder Martin -- unter dem Goethe sich den jungen Luther vorstellt -- den Ritter erkennt.
Am Abend trifft Bruder Martin den Ritter vor einer Herberge; wie gern möchte er diesem Ritter gleichen, der so mannhaft spricht! Wenigstens seinen Namen möchte er wissen, aber Götz darf sich nicht zu erkennen geben, und er reicht dem frommen Bruder die Linke zum Abschied.
„Bin ich die ritterliche Rechte nicht wert?“
„Und wenn ihr der Kaiser wärt, Ihr müßtet mit dieser vorlieb nehmen. Meine Rechte, obgleich im Kriege nicht unbrauchbar, ist gegen den Druck der Liebe unempfindlich: sie ist eins mit ihrem Handschuh; Ihr seht, er ist von Eisen.“
„So seid ihr Götz von Berlichingen! Ich danke dir, Gott, daß du mich hast ihn sehen lassen, diesen Mann, den die Fürsten hassen, und zu dem die Bedrängten sich wenden! (er nimmt die rechte Hand). Laßt mir diese Hand, laßt mich sie küßen!........ Laßt mich! Du, mehr wert als Reliquienhand, durch die das heiligste Blut geflossen ist, totes Werkzeug, belebt durch des edelsten Geistes Vertrauen auf Gott..... Es war ein Mensch bei uns vor Jahr und Tag, der Euch besuchte, wie sie Euch abgeschossen ward vor Landshut. Wie er uns erzählte, was ihr littet, und wie sehr es Euch schmerzte, zu Eurem Beruf verstümmelt zu sein, und wie Euch einfiel, von einem gehört zu haben, der auch nur eine Hand hatte, und als tapferer Reitersmann doch noch lange diente -- ich werde das nicht vergessen.“.......
Berlichingen hatte seine rechte Hand im Jahre 1504 vor Landshut durch einen Schuß aus einem Nürnbergischen Geschütz dadurch verloren, daß die Kugel den Schwertgriff entzweischlug, und ihm die Hälfte davon zwischen Hand und Arm eindrang. Viele Monate lag der Ritter in Landshut, gequält von dem Gedanken, daß er nun zum Kriegshandwerk dauernd untauglich sei. Da erinnerte er sich, von seinem Vater gehört zu haben, daß ein Kriegsknecht, namens Köchle, eine künstliche Hand getragen habe.
Vom Dorfschmied, der nahe der Burg des Ritters wohnte, ließ er sich eine Eisenhand anfertigen, die sich noch heute im Besitz seiner Familie befindet. Sie ist roh gearbeitet. Die vier Finger sind nur gemeinsam in ihrer gekrümmten Stellung nach innen hin beweglich, und während man sie bewegt, nähert sich ihnen der gekrümmte Daumen. So konnte Götz zwischen Daumen und Finger die Schwertscheide, die Zügel, oder sonst etwas einklemmen. Drückt man auf einen Knopf oben auf dem Handrücken, dann springen Finger und Daumen wieder auseinander. In späteren Jahren ließ Götz sich eine sorgfältig gearbeitete Eisenhand anfertigen, die gleichfalls noch erhalten ist. An ihr ist jedes einzelne Fingerglied verstellbar, und drei verschiedene Druckknöpfe lassen das Handgelenk, die Gelenke des Daumen und die Gelenke sämtlicher Finger wieder in Streckstellung springen.
Sind die Eisenhände des Götz die bekanntesten, die ältesten sind sie bei weitem nicht.
Bereits der Urgroßvater des berüchtigten römischen Staatsmannes Catilina, der im zweiten punischen Krieg um 210 vor Christus die rechte Hand verloren hatte, ließ sich dafür eine eiserne anfertigen.
Die älteste wohlerhaltene Eisenhand habe ich hier abgebildet. Man fand sie im Jahre 1836 beim Brückenbau in Alt-Ruppin. Sie mag 50 bis 100 Jahre älter sein, als die Eisenhände des Götz.
In späteren Jahrhunderten wurden künstliche Hände für Kriegsbeschädigte häufig angefertigt. Auch mehrere fürstliche Personen, die im Kriege eine Hand verloren hatten, ließen sich mechanische Eisenhände anfertigen.
Als der berühmte österreichische Waffenschmied Girardoni im Jahre 1779 bei der Probe eines von ihm konstruierten Magazingewehres die Linke verloren hatte, fertigte er sich selbst eine so künstliche Eisenhand, mit der er an der Werkbank arbeiten konnte. Diese unglückliche Explosion veranlaßte ihn aber auch, das gefährliche Pulvermagazin aufzugeben, und ein Luftmagazin anzuwenden. So wurde er, wie wir noch hören werden, zum Erfinder der Kriegs-Windbüchse.
70.
Feld-Uhren.
In früheren Zeiten muß man einer richtig gehenden Uhr im Kriege keine Bedeutung beigelegt haben; denn in der Kriegsliteratur ist nur sehr selten von Uhren die Rede, und nur ein einziges Mal fand ich eine Uhr für das Feld abgebildet.
Ums Jahr 360 vor Christus sagt der griechische Kriegsschriftsteller Ainaias, man verwende einfache Wassergefäße mit einer kleinen Ausflußöffnung, um im Felde die Zeit zu messen. Je nach der Jahreszeit verstopfte man die Öffnung mehr oder weniger durch Wachs, um bei kürzeren oder längeren Nächten eine gleichmäßige Einteilung der Nachtwachen zu erhalten. Die erwähnte Abbildung einer Wasseruhr für den Krieg fand ich in dem Buch von Valle aus dem Jahre 1521.
Ein Wassereimer hängt an einem Seil, an dessen anderem Ende 24 Gewichte übereinander angebracht sind. Je mehr Wasser aus dem Eimer abläuft, um so leichter wird er. Mithin würde er immer schneller nach oben steigen. Nun legt sich aber in jeder Stunde eines der Gewichte auf den Fußboden, und gleicht dadurch den Gewichtsverlust an Wasser aus. Mithin bewegt sich der Zeiger am Eimer gleichmäßig über die 24 Stundenzahlen. -- Ob mit genügender Genauigkeit?
71.
Von Mund- und Ziehharmonikas.
Mund- und Ziehharmonikas, im Felde heute die beliebtesten Musikinstrumente, sind Berliner Erfindungen. Sie wurden von Christian Friedrich Ludwig Buschmann erfunden, und zwar in den Jahren 1821 und 1822. Sie hießen damals Mund-Aeoline und Hand-Aeoline. Die Mundharmonika, auch Aura genannt, geht auf die deutschen Brummeisen des ausgehenden Mittelalters zurück. Das Brummeisen bestand aus einem eisernen Bügel, in dem eine Zunge schwingend angeordnet war. Blies man gegen diese Zunge, so entstand ein brummender Ton. Wie man den Geschützen im Mittelalter Namen gab, die man von ihrem Aussehen, oder ihrem Ton herleitete, so nannte man einzelne Geschütze auch Trummel, Maultrommel oder Brummerin. Diese Benennung leitet sich von den Brummeisen oder Maultrommeln her. Im Berliner Zeughaus liegt noch heute ein französisches Prachtgeschütz vom Jahre 1535, auf dem man ein solches Brummeisen bildlich dargestellt sieht. Ein ganz ähnliches Geschütz ist in das Arsenal von Woolwich gekommen, und dort noch vorhanden. In der Literatur erwähnt wird die Maultrommel wohl zuerst im Jahre 1658 von dem berühmten Pädagogen Comenius in seinem „~Orbis pictus~“. Es ist also nicht richtig, daß man den Jesuiten Kircher als den Erfinder der Maultrommel bezeichnet. Er beschrieb sie nur im Jahre 1673.
Die Ziehharmonika von Buschmann war noch äußerst primitiv. Eine weite Verbreitung erlangten solche Instrumente seit 1829 durch den Wiener Klaviermacher Demian unter der Bezeichnung „Acordion“. Ursprünglich hatten die Instrumente fünf Tasten, die je einen Akkord zum Ansprechen brachten. Knöpfe an Stelle der Tasten führten Bichler und Klein 1834 ein. 1843 erfand Band in Krefeld die komplizierte Form der Ziehharmonika, das Bandonion.
72.
Wie der Teufel Kanonen und Schießpulver erfinden läßt.
Der Holzschnitt, den unsere Abbildung nach einem Original vom Jahr 1544 wiedergibt, knüpft an den Bericht alter Kriegsbaumeister, daß ein deutscher Mönch, genannt Berthold der Schwarze, der Erfinder der Schießpulvergeschütze sei, an. Neuere Forschungen haben ja auch ergeben, daß der schwarze Berthold ums Jahr 1380 irgendwo in Deutschland als wissenschaftlicher Reformator auf dem Gebiete der Artillerie tätig war. Aber noch Jahrhunderte lang waren die Chronisten und die Dichter dem Manne gram, der das „graußamn vnd erschröcklich püxengeschütz erfundten“ hatte. Man erklärte seine Erfindung als eine Einflüsterung des Teufels und fluchte ihr noch lange. Wir sehen deshalb auf dem Bildchen auch den Teufel als den Urheber der Erfindung, den Mönch nur als sein willenloses Werkzeug. Das Bildchen zeigt zwei getrennte Vorgänge nebeneinander: rechts den Teufel und den Mönch beim Pulvermachen, links die beiden an einer Kanone beschäftigt. Beim Pulvermachen führt ein häßlicher, fliegender Teufel den Stössel mit seinem Maul. Am Geschütz umarmt ein Teufel liebevoll den Mönch, der beim Laden ist. Im Vordergrunde sitzt ein häßliches Tier, wie ein Dudelsack anzusehen, das mit seinem Rüssel Schießpulver aus einer Schüssel frißt. Es soll auf die unheimlichen Töne hindeuten, die das anscheinend harmlose Pulver zu geben vermag.
73.
Geschütze aus Holz.
In einem dem Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen ums Jahr 1620 gewidmeten Manuskript wird ein dreiläufiges, aus Holz anzufertigendes Geschütz dargestellt. Es sei „ein sonderbahren hultzern Hagell Geschütz, Welches denn Hagell sehr weit von sich wirfft undt solches eine geraume Zeit treibt, wirdt in Sturmes nöthen sehr nützlichen von den Defensoren gebraucht“.
Ob hölzerne Geschütze wirklich, wenn man solche auch in der höchsten Not der Belagerung angefertigt hatte, einen praktischen Wert hatten, bleibt zweifelhaft. Eine starke Pulverladung durfte man ihnen nicht zumuten. Angeblich wurden schon im Jahre 1544 hölzerne Geschütze von den Engländern bei der Belagerung von Boulogne gebraucht. Wenigstens zeigte man solche Geschützrohre in London, bis sie dort im Jahre 1841 beim Brand des Towers vernichtet wurden.
74.
Maschinen zum Festungsbau im Jahr 1565.
Bei der Anlage von Befestigungswerken bediente man sich schon längst nach Möglichkeit der Maschinen. Ja, wenn der Maschinenbau von irgend einer Seite her ständig befruchtet wurde, so geschah es aus den Bedürfnissen des Krieges. Wenn es gilt, Haus und Hof zu schützen, die Selbständigkeit einer Stadt, eines Volkes zu wahren, dann kommt es weder auf die Kosten noch auf die Innehaltung althergebrachter Regeln an. Und die Kostenfrage, noch weit mehr aber die aus dem Innungs- und Zunftwesen herausgewachsenen Regelungen der Technik, wirkten stets hemmend. Für Erfinder war es ehemals schwer, ein Feld der freien Entfaltung zu finden.
War aber die Heimat bedroht, galt es den Feind niederzuringen, dann fragte man nicht nach Innungswesen und Zunftregeln. Dann durfte der Rotschmied auch einmal gehämmertes Messing verarbeiten, während er sonst nur gegossene Ware behandeln und verkaufen konnte, und der Messingschlager durfte seine gehämmerte Ware sogleich blank schaben, ohne vom Nachbarn, dem Meister Messingschaber, sogleich beim Rat verklagt zu werden.
Eine sehr interessante Maschine -- eine der zahllosen, die beim Festungsbau zur Entwässerung, Gründung, Erdanschüttung in Gebrauch waren -- zeigt uns der Ingenieur Besson in einem ums Jahr 1565 geschriebenen, häufig herausgegebenen und auch (wie die meisten ähnlichen Werke jener Jahrhunderte) in deutscher Sprache erschienenen Buch.
Wir sehen von Künstlerhand gestochen, einen Festungsbau. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß man diese Maschine damals praktisch anwendete, sonst hätte man nicht einen namhaften Künstler der damaligen Zeit herangezogen, um sie zu verewigen. Es soll der Zwischenraum im Mauerwerk einer Festung mit Erde ausgefüllt werden. Nach außen hin die starke Mauer, nach innen hin eine schwache Mauer, dazwischen Erdreich. Mittelst einer Eimerkette wird die Erde nach oben befördert. Man läßt diesen Eimerkettenbagger aber noch nicht selbst schöpfen, sondern füllt die Eimer unten mittelst Schaufeln. Der Antrieb erfolgt durch ein Schneckenrad.
Die Eimerkettenbagger wurden im Jahre 1753 wieder erfunden, aber erst im Jahre 1859 kamen sie in die Praxis.
75.
„Uraltes“ aus China.
Vergleichen wir einmal die beiden voraufgehenden Bilder. Beide zwei Kettenbagger mit Eimern. Beide Maschinen beim Festungsbau, die Menschen an beiden Baggern in gleicher Zahl und Stellung, und auch die technischen Einzelheiten fast völlig übereinstimmend. Es fällt uns zunächst nur auf, daß auf dem zweiten Bild Chinesen und chinesische Schriftzeichen zu sehen sind.
Nun hat wohl jeder schon einmal von dem „uralten chinesischen Lexikon“ gehört, das, aus vielen hundert Bänden bestehend, eine unausschöpfliche Quelle menschlicher Weisheit sein soll. Man weiß auch, daß chinesische Kaiser und Weisen schon vor Jahrtausenden alle möglichen wichtigen Erfindungen, so etwa den Pflug, das Papier, den Kompaß und ähnliches erfunden haben sollen.
In dem großen chinesischen Wörterbuch, das auch in mehreren Exemplaren in Deutschland vorhanden ist und aus über 1600 Bänden besteht, findet sich die hier abgebildete Baggermaschine und noch eine Menge anderer geistreicher Apparate abgebildet und beschrieben.
Man kann also wohl daraus schließen: die Chinesen sind die Erfinder aller dieser Maschinen. Man hat diesen Schluß auch genügend oft und genügend laut getan. Es gibt ja bei uns immer noch Leute, die alles, was „von fremd her“ kommt, bis über die Puppen loben.
Und die Wahrheit: fast alle Maschinen in dem großen chinesischen Wörterbuch sind aus europäischen Werken abgezeichnet, zum größten Teil sogar falsch nachgezeichnet und -- das ist am wichtigsten -- das riesige chinesische Wörterbuch ist erst im Jahre 1726 gedruckt!
Nix uralt!
Die Erklärung ist ziemlich einfach. Europäische Missionare brachten unter anderen Wissenschaften auch die Bücher über Maschinenbau mit nach China, dort wurden sie ins chinesische übersetzt, und diese chinesischen Bücher alsdann zur Bearbeitung des großen Wörterbuches mitbenutzt. Fast alle europäischen Schriftsteller über Maschinenbau, die vor dem Jahre 1700 arbeiteten, sind in dem chinesischen Riesenwerk wiederzufinden.
An technischen Einzelheiten verraten die Chinesen übrigens ihre Unkenntnis. So kann man an der Baggerkette leicht verfolgen, daß mehrere Einzelheiten sinnlos verzeichnet sind. Es fehlen z. B. oben und unten die Walzen, über die die Baggerkette geht. Es fehlt insbesondere das Schraubenrad, durch das ein einzelner Mann imstande ist, die schwere Last von acht bis 12 gefüllten Eimern zu heben. Besonders spaßhaft ist es zu sehen, was man aus dem unten links stehenden Manne machte, der die Hacke schwingt, um das Erdreich zu lockern. Er wird in China zu einem Kerl, der mittelst eines Hakens gewaltig an der Baggerkette zieht.
Das eine Beispiel mag hier genügen. Es ließen sich hunderte von andern und ähnlichen Maschinen beibringen. Wären die Maschinen in China uralt, so müßten sie sich auch in älteren chinesischen Werken finden. Das ist aber nicht der Fall; denn in dem großen chinesischen Lexikon vom Jahre 1629 ist keine Spur von ihnen zu finden, obwohl auch dort einige primitive Maschinen beschrieben und abgebildet werden. In jener Zeit waren die europäischen Missionen in China noch nicht bei Hofe seßhaft.
76.
Eine bewegliche Scheibe im 16. Jahrhundert.
Verachtet mir _die Meister_ nicht! Und ehrt mir ihre Kunst! Was ihnen hoch zum Lobe spricht, Fiel reichlich euch zur Gunst,
läßt Wagner seinen Hans Sachs in den „Meistersingern“ strengverweisend sprechen, als der junge Stolzing den Wert des Alten, wenn auch Veralterten, nicht anerkennen will.
Suchen wir unter der Oberfläche der Geschichte, so findet sich gar manches, was uns in Staunen setzt, weil es eine entwickelte Technik „alter“ Zeiten in kleinen Einzelheiten hervorlugen läßt.
Ist da im Münchner Kupferstichkabinett ein kleines Bild von etwa 1579, wie wir es hier sehen. Vor dem abgesperrten Platz stehen links die Zuschauer, innerhalb des Zaunes hohe Herren als Schützen. Zwischen zwei kleinen Häusern, die die Gewehre enthalten, steht der überdeckte Schützenstand. Man schießt gegen eine Reiterscheibe, die auf einer Schiene hin- und herläuft. Vermutlich wird die Scheibe mittels eines Seiles, das in einem Graben liegt, bewegt. An der Schutzmauer hinter der Scheibe sieht man die Spuren der fehlgegangenen Schüsse. Rechts im Hintergrund spielt die Musik und von dem dort stehenden Anzeigestand aus läuft eine „gloggen schnur“ nach dem Stand der Schützen, um mittels einer Glocke Zeichen geben zu können.
Also: ein Schießstand mit beweglicher Scheibe und tele„phonischer“ Verbindung vor 300 Jahren.
77.
Kanonen-Uhren.
In Parkanlagen sieht man öfters inmitten eines freien Rasenplatzes eine kleine Kanone, auf einer Säule stehen, die jeden Mittag 12 Uhr -- astronomischer Zeit -- selbsttätig einen Schuß abgibt. Zufällig stieß ich auf eine Stelle, die das hohe Alter dieses seltsamen Zeitsignals erkennen läßt.