Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen

Part 5

Chapter 53,337 wordsPublic domain

Daß Schneeschuhe, Schlittschuhe und andere meist nur zu lustigem Sport dienende Geräte in einem Feldzug eine hohe Bedeutung haben, hat der vergangene Winter uns gelehrt. Der heute so beliebte Schneeschuh, auf dem man schnell über losen Schnee dahingleiten kann, hat seinen Vorläufer in dem Schneeschuh, der nur das tiefe Einsinken in den Schnee zu verhindern hat, in dem sogenannten Schneereifen. Schon Xenophon berichtet uns ums Jahr 350 vor Chr., daß die Armenier zur Winterzeit ihren Pferden Säcke um die Füße binden, um die Sohlenfläche des Tieres zu vergrößern und so das Einbrechen zu verhindern. Fast 400 Jahre später erzählt Strabon, das man im Kaukasus ungegerbte Ochsenfelle unter die Füße befestigte, um im Schnee nicht einzubrechen. In Norwegen war der Schneeschuh im 10. Jahrhundert schon bekannt. Die altnordische Mythologie hat eine besondere Schneeschuhgöttin. Das Schiff wird dort auch „Schneeschuh des Meeres“ genannt, woraus man schließen kann, daß der Schneeschuh im Norden älter ist, als die Seeschiffahrt. Das um das Jahr 1265 verfaßte Buch „Konungs skuggsjá“, d. h. Königsspiegel, eine zusammenfassende Beschreibung von Grönland sagt: „Die Vögel im Fluge oder die schnellsten Windhunde oder Rennntiere überholt der Läufer mit Schneeschuhen an den Füßen.“

Kyeser sagt, man soll sich aus Stroh Ringe flechten und diese mit Strohbändern unter die Füße der Menschen und Pferde binden; dann werde man nicht im Schnee versinken. Jetzt besteht der Schneereif aus einem hölzernen Ring, der mit Seilen durchflochten ist. Auf diesen liegt ein Stück Leder, das man unter den Fuß bindet.

38.

Seilschwebebahnen im Krieg.

Die niedliche Malerei einer Seilschwebebahn, die wir hier sehen, stammt aus einer technischen Handschrift, die sich in der Hofbibliothek in Wien befindet. Die Zeichnung ist in ihren Einzelheiten zwar nicht sehr genau, doch erkennen wir deutlich, wie der Mann einen Korb zu der Burg hinüberkurbelt. Seit jener Zeit findet man in kriegstechnischen Handschriften Seilschwebebahnen häufig dargestellt, um Geschütze oder Menschen über Flüsse oder Täler zu befördern. Auch zum Festungsbau wird die Seilschwebebahn schon im Jahre 1592 verwendet, um die Erde auf größere Entfernungen wegzuschaffen.

Die erste Seilschwebebahn, von deren Ausführung wir wissen, wurde im Jahre 1644 in Danzig erbaut, als man innerhalb der Festung eine Bastei anlegte. Die nötige Erdmasse mußte vom außerhalb der Festung liegenden Bischhofsberg herangeschafft werden. Um die Anlage einer guten Fahrstraße und einer starken Brücke über den Festungsgraben zu ersparen, baute der leitende Ingenieur eine Seilbahn, die bei den Zeitgenossen großes Aufsehen erregte. Ein langes Seil „mit etlich hundert angehängten kleinen Eymerlein“ wurde auf Pfosten von der Bastei zum Bischofsberg hin- und hergeleitet. An den beiden Enden ging das Seil über große Scheiben, die von Pferden getrieben wurden. „Wie nun drei Männer bestellt waren, welche die Erdschollen auf dem Berge nach und nach in die Eimer füllten, so waren auch etliche andere in der Stadt, die solche im Laufe umstürzten und ausleerten, und so wurde der Berg oder dessen Erde ohne Wunderwerk versetzt.“ Man verkaufte damals in Danzig sogar einen großen Kupferstich, der diese Anlage in allen Einzelheiten zeigte. In der Danziger Stadtbibliothek wird noch heute ein langes Lobgedicht auf diese Bahn aufbewahrt.

Die Erfindung von _Drahtseil_-Schwebebahnen gebührt dem Bergassessor von Dücker. Die erste große Ausführung wurde dadurch wenig bekannt, daß sie im Auftrag des Staates nach dem deutsch-französischen Krieg zu den Festungsbauten bei Metz erbaut wurde. Erst vor einigen Jahren konnte ich die Erfindung aus den Akten der Fortifikation zu Metz veröffentlichen.

39.

Wie man einer Wache den Teufel an die Wand malte.

Die Münchner Hof- und Staatsbibliothek besitzt unter ihren reichen Schätzen an Handschriften auch ein überaus merkwürdiges Geheimbuch eines Kriegsingenieurs, namens Joannes Fontana, das ums Jahr 1420 verfaßt sein mag. Nach einer neueren Forschung war dieser Fontana in den Jahren 1418 bis 1419 Rektor der artistischen Fakultät der Universität Padua.

Um seine Geheimnisse nicht zu verraten, schreibt Fontana sämtliche Aufzeichnungen in einer Geheimschrift. Wir erkennen diese in den letzten drei Zeilen auf unserm Bild. Weit später hat jemand diese Geheimschrift entziffert und den lateinischen Text in lesbarer Schrift über die Geheimschrift geschrieben.

In dieser Handschrift werden alle möglichen geheimen Mitteln angegeben, deren man sich besonders im Kriege bedienen soll. Eines unter ihnen ist eine Zauberlaterne um bei Nacht den Feind zu erschrecken. Wir sehen in der linken unteren Ecke des Bildes einen orientalisch gekleideten Menschen, der eine runde Laterne in der Hand hält. Auf der gewölbten Scheibe der Laterne ist, wie man deutlich zu erkennen vermag, ein grausiger Teufel mit Flügeln, Hörnern und Krallen gemalt, der einen gefährlichen Spieß schwingt. Wir bemerken auch den kegelförmig aufgerollten Wachsstock auf dem Boden der Laterne, der dieses Teufelsbild von innen her beleuchtet. Den übrigen Teil der Laternenscheibe müssen wir uns durch Blech, oder durch schwarze Farbe abgeblendet denken. Nähert man sich mit einer solchen Laterne einer weißen Wand, so wird dort die Teufelsfigur vergrößert -- natürlich aber auch verschwommen -- sichtbar werden. So zeigt denn Fontanas Zeichnung auch, wie der Teufel recht groß und greulich auf der Wand erscheinen soll.

Über zweihundert Jahre später findet sich die Zauberlaterne wieder, nachdem man sie mit geschliffenen Gläsern der inzwischen erfundenen Fernrohre versehen hatte. Heute feiert diese Laterne magica im Kinematographen ihre höchsten Triumphe.

40.

Der erste Torpedo -- Anno 1420.

Fontana ist auch der erste, der uns die heute so gefürchtete Torpedowaffe im Bilde zeigt. Wir erkennen ein kleines, spitziges Fahrzeug, ringsherum geschlossen und mit zwei, nach hinten hinausragenden Seitensteuern versehen. Zwischen diesen sitzt eine Öse, an die ein Seil mit einem nachschwimmenden Mittelsteuer geknüpft wird. Das Fahrzeug ist vorn mit einem langen, spitzen Widerhaken versehen, und in seinem Innern mit Schießpulver gefüllt.

Um es bei seiner geheimnisvollen Annäherung dem überraschten Feind möglichst gefährlich erscheinen zu lassen, sind ihm zwei Augen so aufgemalt, daß es -- aus dem angegriffenen Schiff von oben her gesehen -- wie der Kopf eines heranschwimmenden Ungeheuers aussieht.

Seinen Antrieb erhält dieser Torpedo durch zwei aus seinem Deckel nach hinten hinausragenden Raketen. Ihre Brandsätze werden vor dem Abfahren angezündet. Sie sind in ihrer Brenndauer so berechnet, daß der Torpedo sein Ziel erreicht hat, ehe die Raketen ausgebrannt sind. Ihre Endladung wird also, sobald sich die gefährliche Waffe mit ihrer Spitze in die Holzwand des feindlichen Schiffes eingebohrt hat, die ganze Pulvermasse im Torpedo entzünden, sodaß das getroffene Schiff durch die gewaltige Explosion ein Leck bekommt.

Der Fontanasche Torpedo geht in seiner Konstruktion auf kleinere Fahrzeuge zurück, die den Arabern schon ums Jahr 1258 bekannt waren.

In den späteren Jahrhunderten hört man nichts mehr vom selbstfahrenden Torpedo. Man beschränkte sich darauf, den Torpedo entweder durch schwimmende Mannschaft heimlich an den Feind zu bringen, oder ihn beim Nahkampf mittels Stangen von Schiff zu Schiff zu lanzieren. Man hatte nämlich erkannt, daß das Schießen unter Wasser keine einfache Sache ist.

Erst seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschäftigt man sich mit Torpedokonstruktionen. Damals erhielt die Waffe auch den heutigen Namen, und zwar nach dem „Torpedo“, einem Fisch, der aus besonderen Organen gefährliche elektrische Schläge auszuteilen vermag.

41.

Wie sahen die ältesten Geschütze aus?

Über das Vorkommen und Aussehen der Schießpulverwaffen herrscht noch in den weitesten Kreisen Unklarheit, sodaß es sich wohl lohnt, einmal einen kurzen Überblick über die Geschichte des Schießpulvers, der Gewehre und der Geschütze zu geben.

Höchstwahrscheinlich sind die Chinesen ums Jahr 1175 im Besitz einer Mischung von Salpeter, Schwefel und Kohle gewesen, die sie als _Spreng_-Mittel in eisernen Bomben verwendeten. Die Sprengwirkung eines solchen Schießpulvers beschreibt in Europa im Jahre 1242 der von der Kirche wegen seiner naturwissenschaftlichen Forschungen später heftig verfolgte Roger Baco. Wenige Jahre hernach berichtet ein Grieche, namens Marchos, über dieses sprengsame Schießpulver und im Jahre 1265 macht der vielgelesene Albertus Magnus weitere Kreise hierauf aufmerksam.

Wer dieses Schießpulver in seinem Mischungsverhältnis so verändert, daß es in einem eisernen Rohr _treibend_ wirken konnte, ist gänzlich unbekannt. Den Vater der bedeutsamsten Erfindung aller Zeiten kennen wir nicht!

Wir wissen nur, daß zwischen 1325 und 1350 Schießpulver und Geschütze in verschiedenen Urkunden erwähnt, bezw. primitiv abgebildet werden. Die älteste Darstellung eines solchen Geschützes findet sich als dekorative Zugabe in einer Randleiste eines in Oxford aufbewahrten lateinischen Manuskriptes „Über das Amt der Könige“. Die Malerei verrät, daß der Künstler ein Geschütz nur von Hörensagen kannte. Auf einer viel zu schwach gezeichneten Holzbank liegt ein an der Pulverkammer übertrieben verstärktes Rohr. Aus seiner Mündung schießt ein Kugelpfeil gegen das Tor eines Turmes, weil ein hinter dem Geschütz stehender Ritter im Augenblick ein glühendes Eisen an die kleine Pulverpfanne hält.

Die Ungeschicklichkeit des Malers kann gerade uns heute nicht wundern. Erleben wir es doch, daß niemand von uns etwas sicheres über die neuen Waffen der Gegenwart weiß, obwohl wir mehrere Male am Tage aus den Berichten unserer Zeitungen die erstaunlichsten Leistungen dieser neuen Waffen erfahren. Wie anders erst vor 600 Jahren, wo die Geheimniskrämerei, verbunden mit einer starken Dosis Aberglauben, und unterstützt durch die langsame Berichterstattung, fast in jedem Beruf zu finden ist. Im Beruf der Kriegstechniker ist das Geheimnis noch Jahrhunderte lang möglichst in allen Dingen gepflegt worden. Ihre Handschriften, deren wir trotz aller Kriegswirren vergangener Zeiten noch einige hundert Stück besitzen, sind entweder ganz ohne Text, oder in Geheimschrift, oder in einer unverständlichen, phantastischen Sprache geschrieben, und immer wieder begegnet man, wenn der Verfasser kaum begonnen hat, eine Neuerung zu erklären, den eiligen Schlußworten „so fortfahrend kannst du dies machen, wenn du die Kunst kannst“.

Weil wir in der Technik überall zuerst das Grobe, und erst später als Verbesserung das Feine finden, können wir annehmen, daß das schwere Geschütz älter ist, als die Handfeuerwaffe. Die Urkunden bieten zwar wenig Anhalt für diese Annahme, weil eine feststehende Bezeichnung in keiner Sprache zu finden ist. Die Franzosen nennen ihre ersten Geschütze Eisenköpfe, wir bezeichnen große und kleine Rohre zunächst als Büchsen. Chronisten, die später ältere Urkunden abschrieben oder übersetzten, haben viele Verwirrung angerichtet, weil sie nach Gutdünken solch unklare Ausdrücke präzisierten. So entstanden denn dort, wo höchstens eine Wurfmaschine oder ein Rohr zum Schleudern einfacher Brandsätze erwähnt wird, willkürlich eine „Kanone“ oder ein „Gewehr“. Das ist z. B. in vielen spanischen und orientalischen Urkunden der Fall. Ebenso in einer Genter Urkunde von 1313 bezw. 1393 und einer Metzer Urkunde von 1324. Ließt man die Urtexte, so steht vom Schießpulvergeschütz nicht das geringste darin.

Die ersten Geschütze wurden bald aus Eisen, bald aus Bronze angefertigt. Sie hatten eine Rohrlänge von sechs Kalibern, d. h. das Rohr war sechs Mal so lang als die dazu gehörige Kugel. Kugeln waren bald aus Eisen, bald aus Stein gefertigt. Bemerkenswert bei den ältesten Rohren ist die innere Konstruktion. Fast alle Rohre haben nämlich, wenn man etwa bis zu ⅝ in ihre Rohrlänge eingedrungen ist eine scharfe Verengung. Hinter diese Verengung schüttet man das Schießpulver, dann trieb man einen Holzklotz in das Rohr, der sich gegen die Verengung stemmen mußte und alsdann lud man die Kugel vor den Holzklotz und befestigte sie durch kleine Holzteile. Zwischen dem Schießpulver und dem Holzklotz blieb ein Luftraum, sodaß ein allzu starkes Eintreiben des Klotzes das Schießpulver nicht zur Entzündung bringen konnte. Zum Schießpulver führt eine Bohrung, die mit Pulver gefüllt und mit dem glühenden Geschützhaken (Abb. Seite 39) erst später mit der Lunte, entzündet wurde. Neben einem jeden Geschütz brannte ein kleines Feuer, oder ein kleiner Ofen, um den eisernen Geschützhaken an der Spitze glühend zu machen. Das Geschützrohr hatte keinerlei Zapfen. Es wurde auf eine Balkenunterlage gelegt und dort stark verkeilt. Infolgedessen hatte das Geschütz nur eine einzige Schußrichtung. Das Laden und Abfeuern eines Geschützes nahm eine viertel bis eine volle Stunde Zeit in Anspruch. Was wir heute als Geschützlafette bezeichnen, ist uns aus dem ersten Jahrhundert der Geschütze so unbekannt, daß noch keine Zeughausverwaltung bis heute für ihre ältesten Rohre eine glaubwürdige Lafette konstruieren konnte. Noch zur Zeit Kaiser Maximilians finden wir zu Anfang des 16. Jahrhunderts schwere Geschützrohre in den einfachsten unbeweglichen Balkenbettungen liegen.

42.

Wie ich das älteste datierte Gewehr fand.

Die ältesten Gewehre waren sogenannte „Stangenbüchsen“, das heißt einfache Schießrohre, die auf einer Stange von etwa anderthalb bis zwei Meter Länge saßen. Man lud sie vorn mit Pulver, Pfropfen und Kugel, und feuerte sie gegen den Feind ab, indem man einen glühenden Haken oder eine brennende Lunte an die Pulverpfanne hielt. Die Pulverpfanne war manchmal durch einen Deckel gegen Wind und Wetter geschützt.

Diese Gewehre waren also verkleinerte Kanonen auf Stangen, sodaß sie sich bequem tragen ließen. Wann und wo die Handfeuerwaffen aufkamen, weiß kein Mensch; um’s Jahr 1340 finden sie sich plötzlich an verschiedenen Orten.

Das älteste mit einer Jahreszahl versehene Gewehr entdeckte ich vor einigen Jahren auf sonderbare Weise im Museum für Völkerkunde in Berlin. Es lag dort in einem Schrank der chinesischen Abteilung und war als „Wallpistole“ bezeichnet. Das aus Bronze gegossene Rohr mißt 35 cm in der Länge und trägt in chinesischen Zeichen die Aufschrift „Kaiser Yunglo, im 19. Jahr, 7. Monat“. Außerdem sind noch Inventarnummern auf dem Rohr zu lesen. Das 19. Jahr der Regierung jenes chinesischen Kaisers war unser Jahr 1421.

Als ich mir diese chinesische Inschrift hatte erklären lassen, war ich nicht wenig erstaunt, eine Wallpistole in der Hand zu halten, die 120 Jahre älter sein mußte, als die früheste Nachricht von Pistolen überhaupt. Gewiß, die Form der Waffe sprach für eine Pistole: in der Mitte den wulstigen Teil mit einer länglichen Zündpfanne, die ehemals durch einen Deckel geschlossen werden konnte, als Handgriff der lange Schaft, und als Pistolenrohr der kurze Teil. Betrachten wir unsere Abbildung, so wäre der Handgriff nach oben hin, das Pistolenrohr nach unten hin gerichtet (der im Pistolenrohr versteckte Holzschaft fehlte).

Als ich diesen seltenen Fund zweifelnd in der Hand hielt, kam mir der erleuchtende Gedanke zur rechten Zeit: blase in den Lauf hinein, dann kommt die Luft zum Zündloch hinaus. Schlau, nicht wahr?

Und ich blies. Es kam aber keine Luft.

Und ich blies schließlich in den langen, wohl zur Gewichtserleichterung hohl gegossenen Handgriff der Pistole, da zischte die Luft zum Zündloch hinein. Zunächst allgemeines Staunen. Dann lieh ich mir einen Besenstiel, steckte die angebliche Wallpistole mit ihrem kurzen „Lauf“ darauf auf und konnte so den erstaunten Sinologen die Verwendung ihrer Waffe klar machen. Es ist gar keine Wallpistole, sondern die älteste bisher bekannt gewordene, datierte Stangenbüchse, zugleich das älteste datierte Gewehr überhaupt. Aus unserer Abbildung erkennen wir, wie das Bronzerohr auf dem Holzschaft steckt. Bei näherer Untersuchung fanden sich in der unteren, kurzen Bohrung noch die Reste eiserner Stifte, die Rohr und Holzschaft ehemals zusammenhielten.

43.

Ein Nitro-Sprengstoff im Mittelalter.

In den beiden deutschen Reichspatenten Nr. 12122 und 39511 aus den Jahren 1880 und 1886 werden Verfahren zur Herstellung eines Explosivstoffes angegeben, wie sie schon 4½ Jahrhunderte vorher bei den deutschen Kriegsfeuerwerkern bekannt waren. Es handelt sich um einen wirksamen Sprengstoff, wie wir ihn jetzt im Dynamit verwenden.

Wer diesen Sprengstoff im Mittelalter erfand, wissen wir nicht. Vielleicht war es ein Büchsenmeister namens Abraham, der im Jahre 1422 zu Herzog IV. von Österreich in den Dienst trat. Das alte Rezept ist in dem sogenannten „Feuerwerksbuch“ jener Zeit niedergeschrieben. Dieses Buch war damals einem jeden Artilleristen bekannt.

Es ist überaus auffallend, daß die Vorschrift zur Herstellung dieser mittelalterlichen Dynamitart sogar wortgetreu in andere Werke überging, daß aber niemand soviel Einsicht hatte, um die ungeheure Wirkung dieses Nitrosprengstoffes zu erkennen. Wäre die Erfindung damals, als selbst die Schießpulverbereitung noch in primitivster Form betrieben wurde, verfolgt worden, dann hätten sich daraus für die Menschheit Umwälzungen ergeben müssen, denen gegenüber die Umwälzungen, die uns das Schießpulver brachte, verschwindend klein erscheinen müssen.

So aber ruhte dieses gewaltige Rezept, verborgen in alten Handschriften, bis auf unsere Tage.

Erst Sobrero entdeckte 1846 ein ähnliches Produkt, das Nitroglyzerin. Zwanzig Jahre nachher tränkte Alfred Nobel Infusorienerde mit diesem Sprengstoff und erhielt somit das Dynamit.

44.

„Schnellfahrende“ Kriegsboote.

In fast allen kriegstechnischen Handschriften des Mittelalters werden Schiffe beschrieben, die durch einen geheimen Mechanismus betrieben werden. Sie sind durch Bohlen völlig überdeckt, sodaß der Feind den Mechanismus nicht erkennen, und durch Schüsse beschädigen kann. Unsere Malerei zeigt ein solches Boot nach einer Handschrift im Besitz des Fürsten von Fürstenberg. Sie ist etwa ums Jahr 1425 entstanden. Wahrscheinlich sind diese Boote aber schon tausend Jahre älter. Der Maler hat hier die Bohlen weggelassen, um den Mechanismus des Antriebs zu zeigen. Die Perspektive ist schlecht geraten. So steckt z. B. die Antriebsachse diagonal in dem Balkengerüst, und der Fahrer müßte sich gründlich verrenken, wollte er die Kurbel von seinem Sitz aus drehen. Solche zeichnerischen Fehler kommen aber im Mittelalter ganz allgemein vor.

In einer in Weimar aufbewahrten Ingenieurhandschrift wird das folgende Schiff abgebildet, das auf stillen Wassern gehen sollte. Wir erkennen die Schießscharten und sehen auch vorn ein drohendes Geschützrohr herausragen. Der Text sagt: „Dies ist ein Schiff, das geht auf stillem Wasser und hat vier Fittichräder, und da gehören vier Mann zu, die sie drehen, zwei hinten, zwei vorn. Und es mag wohl zwanzig Gewappnete tragen, außer den vier Mann, die das Schiff treiben. Und die Fittiche gehen in dem Wasser um und inwendig hat jeder Fittich eine Kurbel, die man umdreht. So mag man fahren auf dem Wasser auf und abwärts. Und das Schiff ist verdeckt und heißt ein Streitschiff, und damit sind die Katalonier allen andern Schiffen überlegen.“

45.

Ein Papst als Erfinder.

In den Zeitschriften mittelalterlicher Kriegsingenieure begegnet uns immer die Konstruktion der Mühle; denn die Verpflegung der Truppe mußte bei den schlechten Wegeverhältnissen des Mittelalters, die so schlecht waren, daß wir uns heute vielleicht nur in Polen wieder einen Begriff davon machen konnten, meist vom Halm aus erfolgen. Überall mußte der Reibstein oder die Mühle zur Zerkleinerung der Halmfrüchte mitgeführt werden. Je größer aber die Heermassen wurden, um so schwieriger war die Brotbereitung auf kleinen Mühlen. Die Mühlen des Feindes fand man stets zerstört. Zum Bau von Wasser- und Windmühlen fehlte die Zeit; denn die Herstellung von Zahnrädern, Achsen usw. erforderte große Vorbereitung.

Nach einer Handschrift aus der Zeit der Hussitenkriege kam der Papst auf den Gedanken, eine einfache Mühle mit einem Wasserrad zu verbinden. Alle Zahnräder und Getriebe fallen weg, wenn man das Wasserrad und den Läuferstein auf dieselbe Achse setzt. Man leitet das Bachwasser dann seitwärts auf die Schaufeln des Rades und läßt es durch Stoßkraft wirken.

Wer dieser Papst sein mag, konnte ich trotz weitgehender Nachforschungen nicht feststellen. Dieser Erfinder auf dem Stuhl Petri in Rom wies uns den Weg zur Konstruktion der wirksamen Turbinenräder, durch die wir heute, besonders in Gebirgsgegenden Millionen von Pferdekräften für die Industrie nutzbar machen.

46.

Ein Taucheranzug aus dem Jahr 1430.

In der gleichen Handschrift der Zeit der Hussitenkriege sehen wir hier einen Taucher auf dem Meeresgrund dargestellt. Seine Ausrüstung ist so vollständig, daß wir uns über das hohe Alter dieser Malerei nicht genug verwundern können. Der Mann trägt einen Anzug aus Leder, Schuhe mit Bleisohlen und einen großen, kugelförmigen Taucherhelm. Vor den Augen sitzen große Gläser. Um die Lenden schlingt sich ein Strick, an dem der Taucher hinabgelassen und hinaufgezogen wird. Ein Luftschlauch geht bis über den Spiegel des Wassers. Seine Mündung schwimmt dort, von Korkkugeln getragen. So ausgerüstet kann der Taucher versunkene Ballen und Fässer an besondere Seile befestigen, damit sie emporgezogen werden.

Wie so manche Aufzeichnung in den Handschriften mittelalterlicher Ingenieure, sind auch Zeichnungen von Taucheranzügen Jahrhunderte lang nur denen bekannt geworden, die sich beruflich mit dem Inhalt kriegstechnischer Werke zu beschäftigen hatten.

47.

„Jäger zu Pferde“ im 15. Jahrhundert.

Die neu geschaffene und alsbald neu vermehrte Reitertruppe der „Jäger zu Pferde“ hat im Mittelalter ihren Vorläufer in dem „~eques scoppetarius~“ gehabt, den wir ums Jahr 1450 in verschiedenen Handschriften des Ingenieurs Mariano dargestellt finden.

Roß und Reiter sind schwer gepanzert. Der Reiter trägt eine langgeschäftete Hakenbüchse von großem Kaliber als Waffe. Beim Schuß legt er den Haken in eine Gabel, deren unteres Ende am Sattel befestigt ist. Den Schaft der Waffe stützt er gegen den Brustpanzer. Das Gewehr wird mit der linken Hand gerichtet, während die rechte die brennende Lunte bereit hält. Die Munition trägt der Reiter in einem besonderen Sack, der hinter den Sattel gelegt wird. Aus dem Text ist zu entnehmen, daß diese Jäger zu Pferde -- wörtlich Stutzbüchsenreiter -- noch ihr Schwert zum Angriff oder zur Verteidigung gebrauchen, wenn ihnen in der Schlacht das Pulver oder die Kugeln ausgehen. „Die Jäger zu Pferde sind geeignet zum ersten Angriff auf den Feind, auch erregen sie großen Schrecken und Pein und sind die Ursachen für den Sieg.“

48.

Granatierer -- Grenadiere.