Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen
Part 4
Soweit der wesentliche Inhalt der Stelle über diesen Tauchversuch im Alexander-Roman. Sowohl in einer Brüsseler, als einer Berliner Pergamenthandschrift dieses Volksbuches findet man Miniaturmalereien des 13. Jahrhunderts über diesen merkwürdigen Vorgang. Die altfranzösische Überschrift in unserer, dem Berliner Exemplar entnommenen Abbildung lautet in der Übersetzung: Wie Alexander sich versenkt in das Meer in einer Tonne aus Glas. Der Hintergrund des Bildes ist oben von einem Teppichmuster überspannt. Davor sehen wir ein kleines Schiff, von dem aus zwei Männer den König in seiner Glastonne an vier Stricken ins Meer hinabgelassen haben. Zwischen Schiff und Meeresboden wimmelt es von allerlei Fisch- und Tiergestalten. Greulich-groß schwimmt ein Wallfisch mit bösem Blick gerade über dem Glasfasse dahin. Der königliche Held sitzt in vollem Ornat, mit Krone und Zepter, dicht unter dem Einsteigedeckel seines Tauchapparates auf einer Bank und beschaut beim Schein zweier Lampen, die links und rechts neben ihm hängen, die Wunder ringsumher. Auf dem Meeresboden gibt es vierfüßige Tiere, grünende Bäume und fischfressende Meermenschen.
Der Tauchversuch aus dem Alexander-Roman wurde um die Mitte des 14. Jahrhunderts in der Weltchronik des Rudolph von Ems noch in einer weit originelleren Weise in drei Malereien dargestellt, und natürlich dort auch wieder dem historischen Alexander zugeschrieben. Als Tauchgefäß dient eine große, gläserne Kugel, die an einer Kette befestigt ist. Im ersten Bild wird die Kette von der Königin in einem Schiff gehalten, und der König hat sich sogar seine Haustiere mit in die Tiefe hinabgenommen. In dem zweiten Bilde, wo der König auf dem Meeresboden Rast macht, wird sein Fahrzeug von häßlich gestalteten Meerwundern mit Tier- und Menschenköpfen bedroht. Im letzten Bild entsteigt der König seinem unterseeischen Fahrzeug. Diese Darstellung hat sich der Maler besonders leicht gemacht, indem er nur einen schmalen Spalt an der Kugel geöffnet erscheinen läßt.
Während der König noch den linken Fuß aus der Spalte herauszieht, erzählt er bereits seinen Getreuen von dem, was er unten auf dem Meeresboden gesehen.
Später ging die Darstellung des Tauchversuches auch in die Druckausgaben des Alexander-Romans über; so findet man z. B. die Abbildung in der Straßburger Ausgabe von 1488. Die schönen Glasgefäße der Handschriften sind zu häßlichen nüchternen Kästen zusammengezezichnet worden.
Daß der im Volk durch die Dichtungen lebendig gebliebene Glaube an die Möglichkeit unterseeischer Arbeiten nicht nutzlos verloren gegangen war, erkennen wir aus einer Reihe von Darstellungen in Werken alter Kriegstechniker. Es sind Göttinger, Dresdener und Münchener Handschriften aus der Zeit von 1405 bis 1460, die uns verschiedentlich die praktische Anwendung der in den Volksdichtungen gegebenen Anregungen zu Tauchversuchen zeigen.
Leider ist seit einer Reihe von Jahren die einzige, in Stuttgart aufbewahrte Handschrift von Salman und Morolf, worin, wie wir hörten, vom Luftschlauch die Rede ist, mehrerer ihrer Malereien beraubt worden. Unter diesen befindet sich ersichtlich auch die Malerei über das Unterseeboot Morolfs.
23.
Wie ein König gedachte an den Himmel zu rühren.
Im Alexanderroman wird auch erzählt, wie der König eine Luftfahrt unternahm.
Als ich die künstlerische Darstellung dieser Luftfahrt vor Jahren in der Berliner Handschrift des Alexanderromanes sah, hätte ich sie beinahe nicht beachtet, weil doch von einer Luftfahrt oder von irgend einem andern technischen Problem auf den ersten Blick nichts zu sehen ist. Ich sah nur einen König auf seinem Thron sitzend, und das erschien mir nicht besonders erachtenswert. Erst die altfranzösische Überschrift des Bildes machte mich neugierig. Es heißt dort nämlich: „Wie Alexander sich läßt tragen in die Luft von Vögeln, die man Greife nennt.“
Der ganze Hintergrund ist wiederum durch einen großen Vorhang abgedeckt, vor dem sich folgendes ereignet. Zwei Gruppen von würdigen Hofleuten schauen empor und deuten durch die Sprache ihrer Hände an, daß sie etwas verwunderliches sehen. Ihre Blicke sind auf einen Thron gerichtet, auf dem der König Alexander wieder im Königsornat sitzt. An dem Thron bemerken wir lange, seitlich herausragende Stangen, und an die Stangen sind geflügelte Tiere mit den Beinen festgebunden. Die Blicke aller dieser Tiere sind mit gierigen Augen auf die große Lanze gerichtet, die der König zum durchbrochenen Dach seines Luftsitzes hinausgesteckt hat.
Der Text zu dieser Malerei erzählt uns folgendes Erlebnis des Königs: „Da gedacht ich, wie ich an den Himmel rühren möchte und ließ mir bereiten eine starke Sänfte, die gut mit Eisen beschlagen war. Daran hieß ich Stangen machen, und band daran gezähmte Greife. Und ich hatte eine lange Stange, daran war den Greifen ihr Essen gemacht. Diese Stange konnte ich zu den Greifen und von ihnen wegrücken. Ich ließ die Greife von ihrer Speise kosten. Darnach reckte ich die Stange in die Höhe; weil aber die Greife meinten, sie könnten ihre Speise erlangen, schwangen sie ihr Gefieder: da erhoben sie sich mit der Sänfte von der Erde. Ich aber reckte die Stange mit der Speise empor, „die greiffen flugen nach und fürten mich so hoch in die lufft, das ich weder wasser noch erden gesehen mocht.““
Nun erzählt Alexander weiter, wie er in den Lüften schwebt und unter sich blickte. Er war so hoch, daß ihm die Erde wie eine kleine Kugel erschien! Köstlich ist es zu lesen, wie der König wieder abwärts flog. Er neigte einfach die Stange „unter sich“, und die Greife „sanckten sich zu tal“. Als seine Getreuen ihn wieder in der Luft sahen, eilten sie auf Dromedaren in schnellem Lauf herbei. Sie mußten aber zehn Tagereisen bis in eine wilde Wüste zurücklegen, ehe sie ihren König erreichten. Von dort aus führten sie ihn getreulich, fröhlich und wohl gesund wieder zu seinem getreuen Volk. Da erhob sich große Freude und Wonne, denn das ganze Volk hatte große Angst und großes Leid um den König gelitten; denn sie meinten und besorgten fast, daß er nimmer wieder zu ihnen kommen würde. So wurde denn diese Sorge und Angst in große Freude und Wonne verkehrt.
24.
Von einem, der das Schießpulver nicht erfunden hat.
Je nach Laune behauptet und bestreitet man, daß der Franziskaner-Mönch Berthold Schwarz, dessen Familienname vor dem Eintritt ins Kloster Konstantin Ancklitzen gelautet habe, der Erfinder des Schießpulvers ums Jahr 1354 gewesen sei.
Als ich die vorstehende Behauptung, die jeder wohl schon einmal, wenigstens bruchstückweise, gehört hat, vor Jahren kritisch untersuchte, blieb an ihr auch nicht ein wahres Wort. Ich sagte mir, daß die Kriegstechniker des Mittelalters diesen Mann am besten gekannt haben müssen, diesen Mann der durch seine Taten die ganze Kriegstechnik in neue Bahnen zu weisen vermochte. Und so fand ich denn in einer Reihe von Handschriften, deren älteste etwa bis zum Jahre 1420 zurückreichen, einen gewissen Bertholdus auch stets erwähnt. Ich kann deshalb folgendes über diesen Mann auf Grund jener alten Schriften sagen:
Ein deutscher Mönch im Kloster der Bernhardiner hieß Berthold der Schwarze. Er hatte studiert und sich mit der Alchemie beschäftigt. Bei einem seiner Experimente benutzte er die damals schon bekannte Schießpulvermischung. Es erfolgte zufällig eine gewaltige Explosion, und so kam Berthold zu einer Verbesserung der Mischung, deren Wesen von ihm bei weiteren Untersuchungen „ganz erneut gesucht und gefunden wurde.“ In Verbindung hiermit verbesserte er auch die Kunst aus Büchsen zu schießen. Das geschah im Jahre 1380. Der Berthold aber ist, „vonn wegen der kunst die er erfunden und erdacht hat, gerichtet worden vom leben zum todt im 1388. Jar.“
Diese Angaben lassen sich mit den übrigen geschichtlichen Tatsachen ganz gut in Einklang bringen. Eine so weltumgestaltende Erfindung, wie Geschütz und Schießpulver, konnte nicht von einem einzigen Manne ausgehen. Die einzelnen Erfinder sind überhaupt sehr rar, wenn man ihre Leistungen kritisch betrachtet. Fast immer stehen sie auf den breiten Schultern voraufgehender Männer. So auch dieser Bertholdus. Er faßte wohl die Technik des Schießpulvergeschützes auf Grund wissenschaftlicher Untersuchungen einheitlich zusammen, trat für diese Erfindung ein, machte sie in weiten Kreisen bekannt, wurde von seinen Gegnern der Zauberei angeklagt, verfolgt und hingerichtet. So wurde aus dem Märtyrer einer Idee im Volksmund ein Erfinder.
Daß der Bertholdus aus Freiburg im Breisgau stammt, wird erst im Jahre 1599 ganz zufällig und ohne Angabe irgend eines Grundes angenommen. Dort setzte man ihm ein Denkmal.
25.
Eine geheimnisvolle Leiter.
Als ich an einem trüben Herbsttag mit der elektrischen Taschenlampe die äußersten Winkel des alten Klosters absuchte, in dem das berühmte Germanische Nationalmuseum in Nürnberg untergebracht ist, entdeckte ich in einem Kreuzgang unter der Decke eine zusammengerollte Strickleiter, die mir verdächtig schien. Mir geht es wie dem Kriminalschutzmann: alles was mir auf meinem Gebiet begegnet, ist mir verdächtig. Ich muß die kleinsten Einzelheiten mißtrauisch betrachten.
An jener verstaubten Leiter fielen mir blaue Quasten auf, die am Ende der Sprossen angebracht waren. Eine Leiter ist schließlich kein Sofakissen, an dem man als Zierrat Quasten anbringen mag. Ich holte die Leiter herunter und fand, daß die Quasten nur an einer Seite der Leiter angebracht waren, und daß sie dort scheinbar Löcher zu verbergen hatten, die in die Sprossen gebohrt waren.
Nach einiger Betrachtung fand ich, daß in diese Löcher starke Stifte paßten, die an der anderen Seite der Leiter an jeder Sprosse saßen.
Betrachten wir zunächst das nebenstehende Bild, das uns die Konstruktion schneller klar macht. Wir sehen eine Strickleiter mit starren Sprossen. Links trägt jede Sprosse eine Bohrung; rechts je einen Stift. Die Stricke zwischen zwei Sprossen sind so lang, daß man den Stift der zweiten Sprosse in die Bohrung der ersten stecken kann. Steckt man dann die dritte Sprosse auf den Stift der zweiten, und fährt so fort, so erhält man eine lange Stange. Auf diese Stange steckt man zuletzt den großen Haken (in der Zeichnung sind die zu diesem Haken führenden Seile zu kurz gezeichnet). Man kann also den auf der Stange sitzenden Haken auf eine Mauer auflegen. Zieht man alsdann an der untersten Sprosse, so werden die Stifte aus den Bohrungen herausrutschen und es kommt eine Leiter zustande.
Es ist dies also eine Strickleiter, die auch zum Aufsteigen benutzt werden kann, während die gewöhnliche Strickleiter nur zum Absteigen verwendbar ist.
Jüngst fand ich eine solche Steckstrickleiter schon in einer im Wiener Hofmuseum befindlichen Handschrift vom Jahre 1435 abgebildet. Ums Jahr 1620 findet sich diese Leiter mit einer Vorrichtung dargestellt, durch die man den Haken wieder von der Mauer entfernen kann, wenn man an einem dritten Strick zieht. Man brauchte also die Leiter dem Feinde nicht zu überlassen, wenn der Aufstieg mißlungen war.
26.
Das erste Kriegsbuch in Deutschland.
Am 28. August des Jahres 1405 vollendete der aus Franken stammende Ingenieur Konrad Kyeser von Eichstädt ein Prachtwerk, in dem er alles zusammentrug, was zur technischen Kriegsführung seiner Zeit geeignet war. Über drei Jahre lang wurde an der kostbaren, auf Pergament geschriebenen und mit mehreren hundert Malereien gezierten Reinschrift gearbeitet. Diese Reinschrift war für Kaiser Rupprecht von der Pfalz bestimmt; sie wird heute auf der Universitätsbibliothek in Göttingen aufbewahrt.
Kyeser gibt seinem Werk den lateinischen Titel Bellifortis, womit er andeuten will, daß der Besitzer dieses Buches zum Krieg besonders gestärkt sei. Zu Anfang seiner umfangreichen Einleitung betet Kyeser: „O höchste Weisheit, verleihe mir Klugheit, bis ich die scharfsinnigen Pläne zu Ende geführt habe, durch die der ganze Erdkreis mit wilder Tapferkeit bezwungen wird.“
Soll man nicht glauben, diese Worte wären ein halbes Jahrtausend später für uns geschrieben? Doch hören wir noch weiter, was Kyeser in seiner lateinischen Widmung des Werkes zu sagen weiß.
Soll das Buch zunächst dem Kaiser gehören, so vergißt Kyeser doch nicht, es auch den berühmten Herzögen, den äußerst kriegstüchtigen Landgrafen, den glänzenden Rittern, den hochherzigen Heerführern, den kühnen Hauptleuten, den kraftvollen Kapitänen, den ausdauernden Soldaten und andern Ständen zuzueignen.
Seine deutsche Heimat liebt Kyeser über alles: „Rühmt sich Indien seiner Edelsteine, Arabien seines Goldes, Ungarn seiner schnellen Pferde, Italien seiner List (!), England seines Reichtums, Frankreich seiner Vornehmheit und Freundlichkeit (?): so ist Deutschland wahrlich berühmt durch seinen entschlossenen, starken und tapferen Soldatenstand. Wie der Himmel sich mit Sternen schmückt, so leuchtet Deutschland hervor durch seine freien Künste, wird geehrt wegen seiner mechanischen Kenntnisse und zeichnet sich aus durch vielerlei Gewerbe, deren wir uns billig rühmen. Im übrigen ist unser Heer über die ganze Erde berühmt geworden; _denn als die Erhebung vieler Nationen die Augen auf sich zog, die_ gesetzliche Ordnung störte, und die Wage des Rechts aus dem Gleichgewicht brachte; _da handeln wir Deutschen nicht also_; wir sind nicht von Sinnen, und leiden nicht an jener geistigen Schwäche, daß wir uns nicht lieber von der Wahrheit leiten, als von der Falschheit betrügen ließen, und nicht dem Kaiserthron, der uns von höchsten Wesen für ewige Zeiten übertragen und bestimmt war, lieber durch Gerechtigkeit schützen, als durch Ungerechtigkeit wanken machen.“
Als Kyeser dies niederschrieb lebte er als Verbannter in den böhmischen Wäldern. Weshalb er verbannt war, was er sich im Wechsel des Krieges hatte zuschulden kommen lassen, wissen wir nicht. Nachdem er sein Buch vollendet hatte, bleibt er für uns verschollen.
Aus dem vielseitigen Inhalt seines Werkes sei in den folgenden Abschnitten einiges herausgenommen.
27.
Maskierungen beim Angriff auf Festungen im Mittelalter.
Eine Malerei in der Kyeserschen Handschrift zeigt den Angriff auf eine Burg. Rechts erkennt man, wie die aufgeklappte Zugbrücke mittels eines besonderen langen Hakens gefaßt wird, um sie dann an Stricken herabzuziehen. Währenddem die Belagerten so vom Feinde beschäftigt werden, nähern sich der Burg Krieger von der anderen Seite zu einem „Angriff mittelst Körben, die bis zu den Lenden herabreichen und gleichmäßig aus grünem Holz hergestellt sind.“
28.
Unterstände im Jahre 1405.
„Hier kannst du einen Zugang kennen lernen, der aus schief ineinander greifendem Flechtwerk hergestellt wird und in den Graben herausragt. Er schützt die darin Verborgenen und bewahrt sie vor den Fährlichkeiten des Krieges. Darunter treten die Greise, die Führer und die Unerfahrenen.“
29.
Die „Revolver“-Kanone im Jahre 1405.
Die Umständlichkeit, mit der man die ersten Geschütze laden mußte, hatte eine äußerst geringe Feuergeschwindigkeit zur Folge. Unter einer Viertelstunde konnte man selbst ein kleines Geschütz nicht laden, und bei größeren dauerte es über eine Stunde und mehr. Deshalb lag der Gedanke nahe, mehrere Rohre im geladenen Zustande so auf einer Drehscheibe oder um eine Walze anzuordnen, daß man eines nach dem anderen schnell abschießen konnte.
Kyeser zeichnet verschiedene derartige schnellfeuernde Geschütze. Am interessantesten ist die kleine Malerei, die ein „~revolvendus~“ schießendes Drehgeschütz zeigt. Wir erkennen eine starke hölzerne Walze, die auf einer Achse drehbar lagert. Seitlich ragt aus dem Holzklotz ein Hebel heraus, sodaß man die Walze bequem drehen kann. Kyeser sagt: „Dieser große mit sechs Büchsen versehene Block ist in besonderer Art drehbar. Nach dem ersten Schuß dreht er sich, es folgt der zweite, und so fort. Dadurch werden die Feinde getäuscht, die nach dem ersten Schuß keinen weiteren erwarten.“
30.
Sprenggeschosse von Anno 1405.
Kyeser zeichnet uns hier Sprenggeschosse. Sie sind mit Schießpulver gefüllt und entweder mit starkem Leder umnäht (oben rechts), oder fest umschnürt (Mitte): „Fülle diese Sprenggeschosse mit Schießpulver; ein Feuerstrahl wird aus ihnen hervorstürzen, alles zerstören, was er erreicht: so richtet man großen Schaden an.“
Wir hören von Kyeser auch, wie der Aberglaube der Zeit noch in der Praxis steckt. Es soll nämlich nach der Kyeserschen Vorschrift Salpeter in eine Eierschale geladen, und diese ins Feuer gelegt werden. Pulverisiert man dann die Eierschale, „und mischt sie mäßig dem Pulver bei, und ladet damit ein Sprenggeschoß, so wird das Geschoß zerspringen.“
31.
Bomben mit Seife und Teufelsdreck; Stinkbomben.
Auf einem Blatt bildet Kyeser fünf Fässer ab, und neben jedes dieser Fässer schreibt er die Verwendungsmöglichkeit:
„Im Seekrieg schleudere mit Kalkstaub gefüllte Wurfgeschosse, durch die du die Augen der Feinde blendest und diese so leicht besiegst.“
„Mit flüßiger Seife gefüllte Fäßchen schleudere auf Schiffe oder Brücken. Dadurch werden diese schlüpferig, die Feinde stürzen, und du siegst so durch List.“
„Oder du kannst Fäßchen mit Pech, Schwefel, Teufelsdreck, Öl, Kampfer, Vernisium oder gutem Petroleum füllen, diese anzünden und auf Schiffe oder Brücken schlendern, und diese werden verbrannt.“
„Oder du kannst sie mit altem übel riechendem Kot füllen und schleudern, wohin du willst, so werden die Leute ohnmächtig und der Boden wird schlüpfrig“ -- also Stinkbomben!
„Einzelne Gräben kannst du einebnen: werfe listigerweise mit Sand, Erde oder Schotter gefüllte Fäßchen in den Wassergraben, dann stürmst du trockenen Fußes und unter dem Schutz von Sturmdächern die Mauern, besteigst sie im Kampf und besiegst den Feind.“
32.
Wein als Waffe.
Betrachten wir dieses Bild aus der Kyeserschen Handschrift:
Im Hintergrund ein Faß auf einem Handwagen. Zwei gerüstete Krieger daneben mit fröhlichen Mienen beim Wein.
Im Vordergrund links eine Quelle, in die sich ein Krieger eine Feldflasche mit Wein zur Kühlung gestellt hat. Im hohen Gras versucht der -- in der Perspektive damals selbstverständlich noch unerfahrene -- Zeichner drei weinselige Krieger in schlafender Stellung unterzubringen. Doch jeder von ihnen wird von einem nur schwach gerüsteten Bauern unsanft geweckt und mit dem Knüttel erschlagen.
Kyeser gibt zu dieser sonderbaren Darstellung die Erklärung, daß man Wurzeln gewisser Bäume einkochen und dem Wein beimischen soll: „So kannst du mit einem Faß, daß man noch auf einem Lastwagen zu führen imstande ist, eine große Legion vernichten. Es ist dies ein großes Geheimnis der Weisen, des Wirkung du sehen wirst, wie es dir beliebt. Ist kein Essig vorhanden, dann gibt es kein anderes Gegengift; denn dieses Betäubungsmittel lähmt in kurzer Zeit. Bringst du einem einen besonderen Samen durch dieses Getränk bei, so fassen sich die Trinker an den Kopf und bekommen lahme Füße. Dies oben Geschriebene merke dir.“
33.
Ein Festungs-Aufzug mit Kraftbetrieb.
Als auch selbst die kleinen Städte im Mittelalter ihre eigene Herrschaft führten, waren Überfälle aus der Nachbarschaft täglich zu erwarten. Die Ingenieure trachteten deshalb danach, die wehrhaften Bürger möglichst schnell auf die Verteidigungstürme der Festung hinauf zu bringen. Das beste Mittel hierzu blieb der Aufzug.
Wir wissen heute, daß man schon im alten Rom den Aufzug kannte, und dazu benutzte, um ohne lange Zwischenpausen die Kämpfer und die wilden Tiere im großen Zirkus in die Arena fahren zu lassen.
Kyeser zeichnet hier einen Aufzug, und wenn wir von der etwas wunderlichen Zeichnungsart absehen, ist die Darstellung ohne weiteres verständlich. Wir erkennen die senkrecht stehenden Fahrschienen, zwischen denen der Fahrkorb auf- und abgleitet. Nun ist aber noch eine Maschinerie vorhanden, bestehend aus zwei ein wenig rückwärts gelagerten Achsen, die an jedem Ende ein großes Windrad tragen. Um die Achsen schlingt sich das Förderseil, und zieht, vorausgesetzt, daß Wind geht, den Fahrkorb in die Höhe. Die Einzelheiten der Maschinerie, besonders die Ausrückvorrichtung, die Bremse usw. läßt Kyeser in seiner Skizze weg. Erklärend sagt er: „Die durch Wind arbeitende hölzerne Maschine wird auf diese Weise gebaut: in dem in der Mitte befindlichen Kasten sitzt der Mann, der sich durch Straffziehen des Seiles emporhebt, durch Nachlassen herabläßt. Manche bringen unten noch zwei Windräder an, dann ist der Gang sicherer, kräftiger und schneller.“
34.
Spiegelnde Schilde.
Spaßig wirkt die Kyesersche Erklärung zu einer Malerei, die zwei geharnischte Ritter im Dolchkampf zeigt. Oben links scheint die Sonne in glühender Fülle: „Wenn der Kämpfende seinen Schild nach der Sonne richtet, verrichtet er mit Hülfe der Sonne Mannes-Taten; denn flimmernde Strahlen entsendet die Leuchte des Himmels und blendet das Auge des anderen Mannes, der so besiegt werden muß. Denn der Schild spiegelt das Bild der Sonne wieder.“
35.
Erschröckliche Kriegsmaschinen.
Erinnern wir uns, daß Kyeser in der Zeit lebte, da Geschütze und Gewehre noch neu waren, und die Kriegsweise des Altertums noch nicht verdrängt hatten. So wundert es uns nicht, in seinem Werk eine Reihe von Kriegsmaschinen zu finden, denen auch er keine Bedeutung mehr beimessen konnte, die er aber erwähnen mußte, um zu zeigen, daß er das durch die Länge der Zeit Geheiligte kannte und anscheinend schätzte.
Da sehen wir denn z. B. wie zwei Krieger einen riesigen eisernen Kopf auf einem Rädergestell einen Hügel hinanschieben: „Dieses bewaffnete Haupt, das auf zwei Rädern geschoben wird, und beiderseits mit den Ohren schneidet, tötet, was es mit seiner Zunge und dem Horn sticht, und wird Martiale genannt. Innen von Holz, ist es von außen mit starkem Eisen gerüstet, damit es nicht mit zweischneidigen Hämmern oder anderen Werkzeugen zerstört werden kann. Der indische König Porus führte dieses Kriegsgerät, durch das er die Feinde besiegte, indem er viele damit tötete.“
Es ist also einer der in der Kriegsführung des Altertums beliebten Sichelwagen, zu seiner Wirkung jedoch auch auf das Grauenerregen berechnet.
36.
Luftkissen im Mittelalter.
Hier zeichnet uns Kyeser ein aus Leder zusammengenähtes Luftkissen. Rechts oben erkennen wir einen kleinen Blasbalg, durch den man es füllen kann. Mit den beiden Riemen bindet man die Füllöffnung fest zu: „Das aufblähbare Ruhekissen wird auf allen vier Seiten mit starker Naht versehen, sodann ein Blasbalg in dasselbe eingeführt, dadurch mit Luft gefüllt und dann mit Schnüren unterbunden.“
37.
Schneeschuhe.