Modernste Kriegswaffen - alte Erfindungen

Part 10

Chapter 103,166 wordsPublic domain

Anfänglich wurden vier Mann in jeder Kompagnie mit Luftgewehren ausgerüstet; 1790 schon schritt man zur Bildung eines eigenen Korps, 1313 Mann stark, das vom Hauptmann des General-Quartiermeister-Stabes Freiherrn von Mach instruiert wurde. Diese Schützen schossen nur je 20 Schuß aus einer „Flasche“, da dann infolge geringeren Drucks Treffsicherheit und Schußweite abnahmen. Auf der rechten Seite des Laufes befand sich das Kugelmagazin, aus dem durch einen leichten Druck auf einen Querriegel eine Kugel in den Lauf vor das Luftventil gelangte. Durch einen anderen Druck wurde der Hahn und mithin die Feder gespannt, die beim Abdrücken das Ventil öffnete. Die Handhabung war also sehr einfach, sodaß der Schütze in der Minute 20 Schuß abgeben konnte. Die Schußweite habe 150 bis 400 Schritte betragen. Im Kleinkrieg war die Windbüchse eine fast unbezahlbare Waffe. Napoleon I. ließ in den Kriegen gegen Österreich jeden sogleich erschießen oder aufhängen, der eine Windbüchse besaß. Hätte das Gewehr nichts geleistet, dann wäre der Korse wohl nicht zu dieser Maßregel veranlaßt worden. Die Herstellung der Windbüchse wahrte Österreich als strenges Geheimnis. Girardoni erhielt eigene Werkstätten und beeidete Arbeiter.

Daß sich diese merkwürdige Waffe nicht erhalten hat, und nach dem Jahre 1815 als disponibler Vorrat der Festung Olmütz überwiesen wurde, liegt, abgesehen von den veränderten taktischen Ansichten, hauptsächlich an dem Umstande, daß für die Behandlung der feinen Schloß- und Ventilbestandteile ausgebildete Büchsenmacher nicht vorhanden waren, und daher „der in den Relationen ersichtliche Prozentsatz der unbrauchbar gewordenen Windbüchsen ein so erschreckend großer ist“. 1848 und 49 sind aus den Beständen des Olmützer Zeughauses die brauchbarsten jener Windbüchsen von Girardoni nochmals zur vorübergehenden Verwendung gekommen.

112.

Ein närrischer Luftfisch?

Daß die Fischform für ein schnellfahrendes, dickbauchiges Luftschiff die beste sein muß, erkannte man schon in einer Zeit, da die Verwirklichung dieser herrlichen Idee noch unmöglich war.

Beachten wir dies, so erscheint uns das Bild des Luftfisches nicht mehr so närrisch, wie zuvor. Ein Schweizer meinte im Jahre 1784, also im zweiten Jahre der Gasballone, daß ein solch fischförmiges Fahrzeug gewiß sich im Luftozean ebenso schnell fortbewegen müsse, wie der Körper eines Fisches im Wasser am besten zu schwimmen vermöge. Ein riesiger Schwanz sollte als Steuer dienen und große Flossen -- aus dem Innern gleich Ruder bewegt -- das Vorwärtskommen des Untieres bewirken. Es scheint gar so, als sollte dieser Luftfisch ein kriegerisches Ziel verfolgen; denn aus dem vordersten Fenster der Gondel schießt doch wohl jemand auf die Erde hinab?

Denken wir an den spitzen Kopf unserer Luftschiffe, an deren Schwanzsteuer, und deren Stabilisierungsflossen, an deren verschlossene Gondel, wenn wir dies alte Bild betrachten!

113.

„Heil Dir im Siegerkranze“.

Es ist bekannt, daß unser Lied „Heil Dir im Siegerkranz“ von Balthasar Gerhard Schumacher am 17. Dezember 1793 als „Berliner Volksgesang“ in den Berlinischen Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen bekannt gemacht wurde. Schumacher bezeichnete seinen Gesang als eine Umarbeitung des „Liedes für den dänischen Unterthan an seines Königs Geburtstag zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes“.

Mit der heute so oft gesungenen Melodie unserer Hymne wurden wir Deutsche -- darauf sei hier wohl zum erstenmal hingewiesen -- im Februar des Jahres 1793 durch das in jener Zeit angesehene, heute recht selten gewordene „Journal des Luxus und der Moden“ (S. 73) bekannt. Vermutlich lernte auch Schumacher die Melodie aus dieser Quelle kennen.

Daß die Hymne bereits 1796 in Berlin vor dem König gesungen wurde, konnte ich vor einigen Jahren an anderer Stelle nachweisen. In einem Bericht über ein physikalisches Theater, der unter dem 20. Juni 1796 an das Journal des Luxus eingesandt wurde, und dort im Augustheft zum Abdruck kam, fand ich die Nachricht, daß man „Heil Dir im Siegerkranze“ am 24. Juni 1796 in Berlin sang. Es war nämlich ein aus Stuttgart stammender Mechaniker namens Enslen wiederum -- wie bereits 1791 -- nach Berlin zur Vorstellung gekommen. Er zeigt zunächst drei automatische Figuren, nämlich einen Flöte spielenden Spanier, eine Harmonika spielende Frau und einen Trompeter. Alsdann kam ein Bühnenkunststück mit einem Luftballon, der die Form von einem Reiter zu Pferde hatte. Darnach kam ein turnender Automat an die Reihe. Im zweiten Teil der Enslenschen Vorstellung wurden optische Kunststücke vorgeführt. So erschienen Petrarca und Laura, Heloise und Abelard. Das nächste Bild wird also beschrieben: „Dann zeigt sich in der Ferne ein heller Stern, erweitert sich, und aus ihm entwickelt sich das sehr ähnliche Bild Friedrichs des zweyten, in seiner gewöhnlichen Kleidung und Haltung, also nicht als Geist. Das Bild wird immer größer, kommt immer näher, bis es dicht vor dem Orchester in Lebensgröße zu stehen scheint. Der Eindruck, den diese Erscheinung in dem Parterre und den Logen machte, war auffallend. Das Klatschen und Jauchzen war unaufhörlich. Da Friedrich sich zu seinem Stern zurückzuziehen anfing, riefen Viele: O bleibe bey uns! Er ging in seinen Stern zurück, aber auf das laute Ancorarufen mußte er noch zweimal wiederkommen.“

Alsdann wird berichtet, daß am 24. Juni der König selbst -- also Friedrich Wilhelm II. -- mit den Prinzen und Prinzessinnen das Enslensche Theater besucht habe. Es wurde diesmal anstatt der Erscheinung Friedrichs II. ein transparentes Bild des Königs vorgestellt. Das Orchester spielte das Lied: „Heil Dir im Siegerkranze“ und das ganze Parterre sang es laut.

Die Vorstellungen von Enslen fanden im Pinettischen Theater in der „Bärenstraße“ statt. Es trug seinen Namen nach einem Künstler, der sich Chevalier Pinetti de Merci nannte und dem der König das ehemalige Döbblinische Haus in der Behrenstraße geschenkt hatte.

114.

Luftballone zum Laufen.

Eine der merkwürdigsten Verwendungen der Luftballone hat am Ende des 18. Jahrhunderts ein Franzose vorgeschlagen. Er machte sich einen Ballon von etwa 3 Meter Durchmesser, füllte ihn mit Gas, band ihn zu und befestigte das kleine Luftfahrzeug mittelst Riemen an einen Brustgurt über seinem Kopf schwebend. Ein solcher Ballon vermag etwa 50 Pfund zu tragen und sein Erfinder wollte ihn zu Fußreisen benutzen, damit er an seinem eigenen sterblichen Gewicht einen ½ Zentner weniger zu tragen habe. Statt des Spazierstockes nahm der Erfinder ein großes Doppelruder aus Taffet, mit dem er, als wäre er im Wasser, Bewegungen ausführte. Was aus dieser Erfindung geworden, weiß man nicht. Sie scheint vergessen worden zu sein, weil es jenen Leuten mit hochfliegenden Plänen zu niedrig war, den Ballon des freien Äthers im Staube zu benutzen.

115.

Der Telegraphenfächer.

Als der optische Telegraph bei seinem Auftreten in Frankreich (1793) durch die fabelhaft schnelle Übermittlung der Nachrichten vom Kriegsschauplatz populär geworden war, ersann ein findiger Kopf eine unterhaltende Spielerei für die Pariser Gesellschaft: den Telegraphenfächer.

In der damals recht leichtlebigen Pariser Gesellschaft spielte der Fächer bei den Damen eine große Rolle. Hinter ihm konnten sie sich beliebig verstecken und unbeobachtet nach einer Richtung hin ihre Augen spielen lassen. Der Fächer war damals noch der ständige Begleiter einer jeden Dame.

So eignete er sich besonders gut, an ihm einen Telegraphen anzubringen. Am oberen Rande des Fächers waren halbkreisförmig die einzelnen Zeichen des optisch-telegraphischen Alphabets so aufgezeichnet, daß die Dame, die hinter dem Fächer kokettierte, die Zeichen ablesen konnte. Aus dem letzten Stab des Fächers oder aus einer der beiden Deckplatten konnte man ein zierlich aus Silber gearbeitetes Stäbchen herausziehen. Am Ende dieses Stäbchens drehte sich ein kleiner Querbalken, der an seinen beiden Enden wiederum zwei bewegliche Ärmchen besaß. Dieser winzige Apparat glich vollständig den großen optischen Telegraphenapparaten. Die Trägerin des Fächers konnte die einzelnen Buchstaben eines Wortes an dem kleinen Telegraphen einstellen, nachdem sie von ihrem Fächerrand die Stellung des Telegraphen für jeden Buchstaben abgelesen hatte. In Deutschland wurden die Telegraphenfächer 1796 bekannt. Nach England kamen sie im folgenden Jahre. Ein Italiener Badini verbesserte den Telegraphenfächer, sodaß man die kleinen Signalflügel schneller einstellen konnte.

116.

„Telephon oder Fernsprecher“ anno 1796.

In Berlin erschien 1796 eine Abhandlung über einige akustische Instrumente, mit Zusätzen versehen von Gottfried Huth. Der Verfasser nennt sich: Doktor der Weisheit und öffentlicher, ordentlicher Lehrer der Mathematik und Physik auf der Universität zu Frankfurt a. O., sowie Mitglied einiger Gelehrtengesellschaften. In dem dritten Zusatz zu diesem Buch hören wir des Verfassers Ansicht „Über die Anwendung der Sprach-Röhre zur Telegraphie“. Es wird ziemlich umständlich auseinandergesetzt, wie man an Stelle des optischen Telegraphen mit Hilfe gewöhnlicher Sprachrohre, wie sie auf See verwendet werden, eine Verständigung auf weite Entfernung herbeiführen könne. Es sollen in gewissen Abständen Stationen errichtet werden, die die Nachrichten in einer Geheimsprache mittels Sprachrohren über Land rufen. Der Verfasser kehrt also im wesentlichen wieder zu den Rufpostenketten der alten Perser zurück. Was uns an seiner Abhandlung allein interessiert, ist die von ihm gewählte Benennung des Apparates. Er meint, da sein Apparat ganz anders sei als der eines Telegraphen, so verdiene er auch einen andern Namen, und er sagt: „Welcher würde sich hier nun schicklicher empfehlen als der gleichfalls aus dem Griechischen entlehnte: Telephon oder Fernsprecher. Es sey mir also erlaubt, in der Folge dieser Abhandlung mich dieses Wortes der Kürze wegen für die hier vorgeschlagene Anstalt zu bedienen, und so den Telephon von dem Telegraphen, ob sie gleich einen und ebendenselben Zweck haben, da sie ihn durch ganz verschiedene Mittel erreichen, zu unterscheiden.“

Richtig übersetzt hat Huth das Wort Telephon nicht: denn sonst hätte er statt Fernsprecher, Ferntöner sagen müssen. Es ist nun aber sehr merkwürdig, daß eine richtige Übersetzung bereits seit kurzer Zeit vorlag. Christian Heinrich Wolke, ehemaliger Mitstifter und Direktor des philanthropischen Erziehungsinstituts in Dessau hatte nämlich kurz vorher eine bereits seit mehreren Jahren von ihm erdachte „Pasiephrasie“ erfunden, d. h. ein für alle kultivierten Völker brauchbares Universalwörterbuch. Dieses höchst umständliche System einer Universalsprache nannte er auch „Telephrasie oder Fernsprechkunst“.

Auch noch später läßt sich mehreremal ein unserm Wort Telephon ähnlicher Ausdruck nachweisen. So hieß ein Musiktelegraph von Sudre vom Jahre 1828 „Telephonium“, und der Physiker Wheatstone bezeichnete drei Jahre später die Fähigkeit hölzerner Stangen, den Schall auf mechanischem Wege fortzuleiten, mit dem Ausdruck „Telephon“. Die gleiche Benennung wandte Romershausen 1838 auf ein Schallröhrensystem an. Der erste aber, der von einer elektrischen Telephonie sprach, war der Unterinspektor der Französischen Telegraphie, Charles Bourseul, der am 26. August 1854 einen Artikel über „~Téléphonie électrique~“ in der „~L’Illustration de Paris~“ veröffentlichte. Unser Philipp Reis begann nach eigenen Angaben seine Arbeiten erst 1852. Am 26. Oktober 1861 machte er sein Telephon zuerst bekannt. Vor genau 55 Jahren, also 1860 soll auf seinen Apparaten zuerst folgendes kleine Zwiegespräch im Garnierschen Institut in Friedrichsdorf bei Homburg v. d. Höhe geführt worden sein: (Reis) „Die Pferde fressen keinen Gurkensalat.“ -- (sein Freund) „Das weiß ich längst, Sie alter Schafskopf.“

117.

Ein „Lenk“-Ballon von 1799.

Im Jahre 1799 legte der in Wien lebende Jakob Kaiserer im Archiv der Universität eine Schrift nieder: „Über meine Erfindung, einen Luftballon durch Adler zu regieren.“ Diesem merkwürdigen Vorschlag wurde die Ehre zuteil, vor mehreren Jahren wiederum gedruckt zu werden. Kaiserer geht von der Beobachtung aus, daß Adler Lämmer rauben können und daß ein Pferd, das kaum einige Zentner tragen kann, 100 Zentner gegen den Strom zu ziehen vermag, mithin müsse ein Adler auch zehnmal soviel ziehen als tragen können. Da man Raubvögel zur Falknerei züchten könne, würde er seine Adler auf Ruf und Peitschenknall abrichten. Solch ein Paar gezähmter Adler wollte Kaiserer mittelst eines Joches von Fischbein und Leder vor die Mitte des Ballons spannen und sie gleich Pferden lenken.

118.

Die Zigarette.

Da ich vom Ursprung des Tabaks und der Zigarren schon erzählt habe, will ich auch vom Alter der Zigarette berichten. Gehören die drei Dinge im Krieg doch zum „Unentbehrlichen“.

Ein Hamburger, namens Nemnich, erzählt im Jahr 1808 in einer deutschen Zeitschrift, dem „Journal für Fabrik“, daß man auch „Papier-Cigarren“ habe, die besonders in Sevilla unter dem Namen „Pitillos“ hergestellt würden. In Havanna und im übrigen spanischen Amerika nenne man sie „Cigarritos“.

Das Brockhaussche Konversationslexikon, das seit der ersten Auflage von den „Cigarros“ spricht, weiß von den heute so beliebten Zigaretten erst in der zehnten Auflage im Jahre 1852 zu berichten: „Cigarrettas oder Cigarritos heißen die spanischen Papierzigarren, welche aus einem Röllchen feinem Papiers oder Reisstrohs bestehen, das mit feingeschnittenem Tabak gefüllt ist; sie werden auch in Deutschland verfertigt, wo sie aber wenig beliebt sind.“ Diese Angaben widerlegen die allgemein verbreitete Ansicht, wir hätten die Zigarette erst im Jahre 1862 aus Rußland kennen gelernt.

119.

Die Eroberung Englands durch die Luft und unter dem Meere hindurch.

Ob die Engländer jetzt nicht mit einem unbehaglichen Gefühl der Spottbilder gedenken, die im Jahre 1804 erschienen, als Napoleon I. England mit allen Mitteln zu bekämpfen suchte? Damals schlug jemand vor, eine französische Armee auf riesigen Luftballonen über den Kanal nach England zu senden. Napoleon wies den Plan als unausführbar ab.

Er trachtete damals eine Flotte von 2000 Fahrzeugen zusammenzubringen. Im Juni 1805 war alles zur Landung bereit. Gegen 132000 Mann, 15000 Pferde und 450 Geschütze konnten in zwei Stunden eingeschifft werden und sollten zehn Stunden später auf englischem Boden stehen. Nur der englischen Kriegsflotte konnte Napoleon mit seinen Fahrzeugen nicht Herr werden. Eine beabsichtigte Täuschung der Engländer war zwar gelungen, doch eines ihrer schnellen Schiffe konnte die Heimatsflotte noch rechtzeitig warnen. Der französische Admiral verzagt, und Napoleons genialer Plan, der die Welt von der drückenden Willkür Englands befreien sollte, hatte so die geeignete Zeit der Verwirklichung verpaßt.

Von wem der Plan, England im Luftballon zu erreichen ehemals ausging, ist nicht bekannt geworden. Selbstverständlich war das Vorhaben für die damalige Zeit gänzlich undurchführbar.

Ein wohl satyrisches Blatt zeigt links den Hafen von Boulogne, rechts -- reichlich nahe -- die englische Küste. Der Zeichner benutzte als Vorlage ein Blatt, das im Jahre 1785 veröffentlicht worden war, als zwei Franzosen eine, allerdings mißlungene, Fahrt im Luftballon über den Kanal angetreten hatten.

In großen Warmluftballonen sind die napoleonischen Heere verladen. Wir sehen Soldaten, Pferde, Fahnen, Kanonen und Fahrzeuge in den Riesengondeln. Unter einem jeden Luftballon hängt eine große Öllampe, deren Flamme durch einen Glaszylinder geschützt ist. Diese Lampe hat den Zweck, die sich an den Ballonwandungen allmählich abkühlende Luft während der Fahrt wieder aufzuwärmen.

Außer diesem satyrischen Blatt muß in Frankreich damals eine Serie mit Projekten zur Eroberung Englands erschienen sein; denn unser großes Bild ist als zweites Blatt „Verschiedener Projekte zum Abziehen nach England“ bezeichnet. Links haben wir wieder die französische, rechts die englische Küste. Der Tunnel unter dem Kanal, von dem vor zwei Jahren wieder so viel die Rede war, ist fertig und niemand denkt daran, den Franzosen ihren Durchzug mit Roß und Geschütz zu hindern!

An der französischen Küste ist es lebendig. Wir sehen große Zeltlager und den Aufstieg von truppenbesetzten Luftballonen. Optische Telegraphen auf dem Berg und an der Küste sprechen mit der übersetzenden Flotte. In den vordersten Schiffen erkennen wir Geschütze, die die englische Küste beschießen. Man hat die einfachsten und billigsten Transportschiffe gewählt, während die Engländer ihre hochmastige Flotte zur Verteidigung gegen den Angriff zur See längs ihrer Küste aufgestellt haben.

Sobald die französischen Lufballone in den Bereich der englischen Küste kommen, werden sie heftig beschossen. Die Scharfschützen baumeln an den Schwänzen riesiger Luftdrachen, deren Halteseile vom englischen Festland aus dirigiert werden. Aber dennoch nähern sich die französischen Kriegsballone immer mehr der Küste, und der erste Ballon, der sich über den englischen Schiffen befindet, wirft schon eine mächtige Brandbombe aus seiner Gondel herab....

Englands Sonderstellung muß gebrochen werden. So war es damals, so ist es heute; denn

Seine Handelsflotten streckt der Brite Gierig wie Polypenarme aus, Und das Reich der freien Amphitrite Will er schließen wie sein eigen Haus!

(Schiller).

120.

100 Jahre Suppentafeln.

Es ist jetzt 100 Jahre her, daß Johann Friedrich Westrumb die ersten Suppentafeln anfertigte. Alsbald ward die Herstellung solcher Tafeln, in die viel Fleisch eingepreßt war von einer Gesellschaft in Buenos-Ayres im Großen unternommen. 1849 wurden der Pariser Akademie gepreßte Gemüse vorgelegt, die nach dem Aufweichen den früheren Geschmack zeigten und sich deshalb auf das Beste für Kriegsschiffe eigneten. Earl Borden jun. in Galveston (Texas) stellte im Jahre 1850 Fleischzwieback her, indem er eine bis zur Sirupkonsistenz verdampfte Fleischbrühe mit Weizenmehl mischte und den Teig bei mäßiger Wärme im Ofen backte. Diese Zwiebacke erregten großes Aufsehen; wie man allerdings erst viel später sah, enthalten sie nicht die Nährstoffe des Fleisches, sondern nur dessen Extraktivstoffe. Der französische Fabrikant Etienne Masson konservierte im gleichen Jahr Gemüse, indem er sie getrocknet einer starken Pressung unterwarf, und sie zu kleinen viereckigen Tafeln formte. Die „Aktiengesellschaft für Fabrikation comprimierter Gemüse“ zu Frankfurt am Main erhielt am 23. August 1855 ein frankfurtisches Patent (für die Zeit vom 31. Januar bis 30. Januar 1864) auf die Fabrikation konservierter Vegetabilien.

121.

Der Anfang des Fahrrades.

Der in Mannheim lebende Forstmeister Freiherr Drais von Sauerbronn hatte sich im Jahre 1813 ein kleines Fahrzeug mit drei Rädern gebaut, auf dem er zum nicht geringen Erstaunen seiner Landsleute in den Straßen herumfuhr. Als der Kaiser von Rußland damals nach Mannheim kam, ließ er sich das sonderbare Fuhrwerk vorführen, „fand Wohlgefallen daran und sandte dem Erfinder einen brillantenen Ring für das Vergnügen, welches ihm damit gemacht worden sei“.

Diese Ehrung stieg dem phantastisch veranlagten Freiherrn zu Kopf, er verließ den Forstdienst und wurde Erfinder. Eine ganze Menge von Ideen brachte er im Laufe seiner immer mehr abwärts neigenden Lebensbahn zu Tage. Nur wenige vermochte er zu verwirklichen. Einige seiner Pläne kamen erst lange nach seinem Tode zur Durchführung, darunter das Fahrrad, die Schreibmaschine und die Spiegel, mit denen man Tageslicht in dunkle Zimmer wirft.

Das Draissche Fahrrad, wie es hier in seiner ältesten bekannten Form abgebildet ist, hatte keinerlei Tretmechanismus. Man setzte sich auf den Sattel, legte die Unterarme bequem auf die Lenkstütze und stieß sich mit den Füßen vom Fußboden ab. Um die Schuhspitzen nicht so sehr abzunutzen, schraubte man sich Eisenkappen unter. Am 12. Juli 1817 machte Drais auf seiner Laufmaschine die erste Fahrt von Mannheim nach Schwetzingen und zurück. Dieser Weg, der vier Poststunden lang war, wurde von ihm auf dem Rad in weniger als einer Stunde zurückgelegt. Drais verstand es meisterlich, für seine Erfindungen Reklame zu machen, und so lesen wir denn auch bald in fast allen größeren Zeitungen und Zeitschriften von dieser seiner erfundenen Laufmaschine. Besonders empfahl er das Fahrrad dort zu benutzen, wo man sonst einen Eilreiter, die Stafette, nötig hatte. Im Jahre 1818 erhielt Drais auf seine Erfindung ein badisches Patent, und man ernannte ihn zum Professor der Mechanik. Es ist der einzige mir bisher bekannt gewordene Fall, daß jemand wegen einer Erfindung kurzerhand zum Professor ernannt wurde.

Nach allen Weltgegenden wurden die Draisschen Fahrräder, die man damals Velocipedes oder Draisiennen nannte, verschickt. Besonders die Fürstlichkeiten interessierten sich für dieses neue Verkehrsmittel. In England gab man der Maschine sogleich einen Antrieb durch Handhebel. Die miserablen Wegeverhältnisse der damaligen Zeit verhinderten jedoch damals eine dauernde Verwendung dieser „Knochenschüttler“.

Erst nach dem Tode des verarmten Erfinders (1851) begann man mit Versuchen, die Laufmaschine mit Tretkurbeln zu versehen. Im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 wurden solche Fahrräder von den Franzosen bereits in bescheidenem Umfange angewandt.

122.

Das erste Eisenbahn-Frachtstück.

Daß heute Tag und Nacht Unmengen von Gütern aller Art zu unseren Truppen an die Front rollen, erscheint selbstverständlich.

Als die Eisenbahnen etwas neues waren, galt es als Besonderheit, einen leblosen Gegenstand mit der Dampfbahn zu befördern.

Man hatte zwar bei der ersten deutschen Eisenbahn, die im Jahre 1835 zwischen Nürnberg und dem benachbarten Fürth in Betrieb gekommen war, vorgesehen, neben dem Personentransport auch Güter zur Besorgung zu übernehmen, doch ging man wieder bald von dem Gedanken ab, weil die Schwierigkeiten zu groß erschienen.