Moderne Probleme

Part 9

Chapter 93,201 wordsPublic domain

Was wir jetzt „Stil“ in unsrer Wohnungsausstattung nennen, ist nur die künstlerische Verschrobenheit und Eitelkeits-Narrheit unsrer Sitten, der stilisirte Widerspruch zwischen dem, was wir vorstellen wollen, und dem, was wir sind. Ein wirklicher Stil kann sich erst dann entwickeln, wenn wir Hoffarth und Lüge aus unsrer Repräsentation verbannen und die Vernunft der Sache selbst zu Worte kommen lassen. Nur auf dem Grunde der Wahrheit und Zweckmässigkeit des Wesens kann die Schönheit der Erscheinung erblühen, andernfalls bleibt sie eine aufgetragene Schminke, welche für jedes feinere ästhetische Gefühl das übertünchte Unwesen nur um so widerlicher macht. So gewiss einem Gast die fünf Gänge eines Soupers im Halse stecken bleiben müssen, wenn er daran denkt, dass die Familie sich durch viele fleischlose Kartoffelmahlzeiten die Mittel zu dieser Gasterei abdarben muss, so gewiss müssen ihn die „stilvollen“ zwei oder drei Vorderstuben anekeln, wenn er daran denkt, dass alle wirklichen Gebrauchsmöbel in der Familie mit den unglücklichen Kindern in zwei oder drei Löcher von luft- und lichtlosen Schlafkammern zusammengepfercht sind, in denen nach Verabschiedung der Gäste auch die Eltern noch Unterschlupf suchen, während die Dienstboten in mehr oder minder unmöglichen Schlafgelegenheiten sich zur Arbeit des folgenden Tages stärken.

So lange die Fensteröffnungen der Wohn- und Schlafräume durch keine Glasscheiben verschlossen waren, oder so lange der einfache Glasfensterverschluss undicht genug war, um eine ausreichende unbeabsichtigte Ventilation zu gestatten, konnten auch enge und mehrfach besetzte Schlafzimmer den hygienischen Ansprüchen genügen. Gegenwärtig, wo auch die Schlafzimmer meistens mit gutschliessenden Doppelfenstern versehen werden, sollte durch baupolizeiliche Vorschrift dafür Sorge getragen werden, dass überall hohe Ventilationsspalten neben den Fenstern angebracht werden, welche mit Watte verstopft werden, um das Eindringen schädlicher Keime abzuhalten. Eine solche Vorkehrung scheint mir vor dem Schlafen bei offnen Fenstern den Vorzug zu verdienen, insbesondere in Malariagegenden und für Personen mit rheumatischen und katarrhalischen Dispositionen, ganz abgesehen davon, dass in Parterrewohnungen das Schlafen bei offnen Fenstern aus Sicherheitsgründen unthunlich und selbst eine Treppe hoch nicht unbedenklich ist. Die von ärztlicher Seite mehr und mehr empfohlene und im Publikum mehr und mehr in Aufnahme kommende Sitte des Schlafens bei offenem Fenster weist deutlich genug auf die Richtung hin, in welcher eine Abhilfe zu suchen ist; der Ventilationsspalt mit Watteverschluss leistet indessen dasselbe ohne die mit dem ersteren verbundenen Gefahren.

Sehr wünschenswerth und heilsam wäre es, wenn jede Wohnung Gelegenheit böte, bei jedem Wetter ohne Erkältungsgefahr täglich mehrere Stunden frische Luft geniessen zu können, auch ohne die Wohnung verlassen zu müssen. Dies ist erreichbar, wenn zu jeder Wohnung ein Ostbalkon und ein Westbalkon gehört, welche ringsherum geschlossene Brüstung, hölzernen Fussboden, gläserne Seitenwände und ein leinenes Zeltdach über sich tragen. Auch der für Erkältungen empfindlichste Mensch kann bei jeder Witterung auf dem jeweilig windgeschützten dieser Balkone mehrere Stunden hintereinander verweilen und seine gewohnten Beschäftigungen treiben, wofern er sich nur so kleidet, wie wenn die Lufttemperatur um 10 Grad niedriger wäre als sie ist, die Beine fest in Decken einwickelt und die Hände durch waschlederne Handschuhe schützt. Ein solcher Aufenthalt im Freien kann natürlich die Spaziergänge in frischer Luft nicht überflüssig machen, wohl aber mit denselben zusammen die Luftkurorte und Winterkurorte ersetzen, ohne dass er die Menschen aus ihrem gewohnten Kreise und ihrer Beschäftigung herausreisst.

Den prophylaktischen Werth einer theilweisen Verlegung unseres stubenhockerischen Lebens auf die Balkone halte ich für unberechenbar und glaube sicher, dass das nächste Jahrhundert in dieser Hinsicht einen grossen Umschwung in unsren Lebensgewohnheiten herbeiführen wird, welcher uns dem erfrischenden Leben im Freien, wie die Alten es führten, wieder um so viel näher bringen wird, wie unsre klimatischen Verhältnisse es gestatten.

Gegenwärtig sind wir noch auf dem Punkte, dass die Menschen sich bequemen, alles zu thun, um ihre zerstörte Gesundheit wieder herzustellen, aber gar nichts, um die bedrohte sich zu erhalten. In den Heilanstalten und Kurorten machen sie eine Art von Sport daraus, die journée médicale, d. h. die tägliche Aufenthaltsdauer in frischer Luft auf 9 bis 11 Stunden auszudehnen, aber zu Hause denken sie mit einem täglichen, einstündigen Spaziergange Wunder wieviel für ihre Gesundheit gethan zu haben.

Durch die Balkone wird der Garten als Zubehör der Wohnung keineswegs überflüssig; während der Werth der Balkone besonders im Winter und bei ungünstiger Witterung hervortritt, wird der Garten im Sommer und bei schönem Wetter zur doppelten Wohlthat. Der Balkon bietet frische Luft, aber der Garten soll ausserdem freie Natur bieten, oder wenigstens einen Ersatz für dieselbe, wie blauer Himmel, grüner Rasen mit blühenden Blumen und schattige Bäume ihn zu gewähren im Stande sind. Der Balkon ist wesentlich nur für Erwachsene geeignet, der Garten ist der Tummelplatz der Kinder und als solcher die nothwendige scenische Vervollständigung zum Kindheitsparadies. Erst der Besitz des Gartens macht die Familiengeselligkeit im eigenen Hause auch im heissen Sommer möglich, wenn die Gäste nach der Hitze und dem Staub des Tages Erquickung in der Abend- und Nachtluft suchen. Dazu gehört nun freilich, dass der Garten auch wirklich ein Garten ist, nicht ein stubengrosser Fleck mit verkümmerten Gewächsen, auf den niemals die Sonne scheint, und von dem aus man erst bei starkem Hintenüberlegen des Kopfes eines Stückchens Himmel ansichtig wird. Wie unglaublich die Genügsamkeit der Grossstädter in dieser Hinsicht ist, sieht man am besten, wenn man an einem heissen Sommerabend die Biergärten der inneren Stadttheile durchwandert; von frischer Luft kann in der Mehrzahl dieser zwischen Häuserkolossen schachtartig eingezwängten „Gärten“ keine Rede mehr sein, und es ist nur die Auffrischung der Abendtemperatur, der Kontrast mit der noch schlimmeren Luft der Wohn- und Arbeitsräume und die nächtliche Verschleierung der Umgebung, was diese „Erholungsorte“ erträglich erscheinen lässt. Da nun thatsächlich in allen grösseren Städten die Gärten mehr und mehr verschwinden oder bis zur Selbstironisirung einschrumpfen, so scheint es nicht leicht, die gestellte Forderung zu verwirklichen.

Von besonderer socialethischer und hygieinischer Wichtigkeit ist ferner der Unterschied, ob jede Familie ihr eignes Haus bewohnt, oder ob sie mit vielen anderen Familien das Haus theilt. Nur das eigne Haus lässt ein wahres und volles Heimathsgefühl, die echte Poesie des „Vaterhauses“ in dem aufwachsenden, jungen Geschlecht entstehen; die Miethwohnung mag vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet praktischer sein, insofern ihr Wechsel sich den zu- und abnehmenden Bedürfnissen der Familie leichter anpasst, aber der sittigende und festigende Einfluss auf Gemüth und Charakter, den der eigne Besitz gewährt, fehlt ihr. Dies gilt schon dann, wenn die Miethwohnung selbst ein ganzes Haus umfasst; noch andere Schädlichkeiten treten hinzu, wenn sie nur eine unter den vielen Wohnungen einer Miethskaserne oder eines Miethspalastes ist. Ausser den Differenzen zwischen Miethern und Wirth entwickeln sich dann eine Menge Streitereien zwischen den verschiedenen Miethern theils infolge der Nöthigung, sich um die gemeinsame Benutzung der gemeinsamen Hauseinrichtungen zu vertragen, theils durch den Klatsch der Dienstboten; beide verderben den Charakter durch Gewöhnung an Streitsucht und Kleinlichkeit und vergiften das nachbarliche Verhältniss.

Man begreift, warum man im alten Tyrus neun- bis zehnstöckige Häuser baute; die enge Insel liess ein andres Wachsthum der Stadt, als in die Höhe eben nicht zu, und ähnliche Verhältnisse kehren in neuerer Zeit in Festungen wieder. Man begreift auch wohl, dass vor Entwickelung der Pferdebahnen und Hochbahnen grosse Städte die Neigung haben mussten, in die Höhe zu wachsen und das Hinterland der Strassenhäuser baulich auszunutzen, weil eben die Verkehrsmittel zur Ueberwindung grösserer Strecken fehlten. Aber gegenwärtig, wo diese Verkehrsmittel theils schon vorhanden sind, theils ihre Brauchbarkeit zur Genüge erprobt haben und der weiteren Verwirklichung entgegensehen, ist es unbegreiflich, dass die Städte nicht ausschliesslich in die Breite wachsen. Statistisch ist es erwiesen, dass nicht die Kellerwohnungen am ungesundesten sind, sondern die im vierten Stock gelegenen, trotzdem dass Licht und Luft zu ihnen besseren Zutritt hat; der Grund liegt theils in der Schädlichkeit des Treppensteigens für vielerlei Konstitutionen und Zustände, theils in der Lufterneuerung der Wohnräume von unten her, welche reichlich ein Drittel der Gesammtventilation beträgt und den Bewohnern der obersten Stockwerke gleichsam Stichproben von sämmtlichen Miasmen der vier bis fünf unter ihnen wohnenden Familien zuführt. Jede Erhöhung um ein neues Stockwerk macht eben auch rückwärts alle unteren Stockwerke ungesunder, indem sie eben so gut wie ein Verbauen der Höfe den Luft- und Lichtzutritt zu den Fenstern derselben beschränkt. Das Verbauen der Höfe in Verbindung mit der Engigkeit der Strassen macht es schon jetzt in den meisten Stadttheilen unmöglich, an jeder Wohnung einen, geschweige denn zwei Balkone anzubringen, und ebenso ist es der Grund für das Einschrumpfen und Aussterben der Gärten.

Die ärgsten Sünden in dieser Hinsicht sind in Berlin erst in den letzten beiden Jahrzehnten begangen worden, und zwar lediglich desshalb, weil die massgebenden Behörden nicht mit einer zweckmässigen und doch nicht unbilligen Bauordnung zu Stande kommen konnten; sie konnten aber bloss darum nicht mit ihr zu Stande kommen, weil sie sich nicht entschliessen konnten, die Einförmigkeit der Vorschriften aufzugeben und der völligen Verschiedenheit der Situation bei Umbauten in der Innenstadt, bei Neubauten an der Peripherie und bei Neubauten in der weiteren Umgebung Rechnung zu tragen. Auch die neue Berliner Bauordnung von 1887 trägt der Verschiedenheit der inneren und äusseren, der fertigen und der erst anzulegenden Stadttheile in ganz unzulänglicher Weise Rechnung, und fordert auf der einen Seite zu viel, auf der anderen zu wenig. Was bis jetzt gebaut ist, das ist nun einmal verpfuscht; man kann es durch Zwangsverfügungen nicht ungeschehen machen, ohne schreiende Unbilligkeit gegen die Besitzer auch nicht im Falle von Umbauten; aber man kann die Zukunft davor retten, in den jetzt noch unbebauten Stadttheilen in denselben Fehler zu verfallen. Man braucht nur auf dem Bebauungsplan eine Eintheilung in verschiedene Zonen vorzunehmen, in deren ersten höchstens dreistöckig, in deren zweiten höchstens zweistöckig, und in deren dritten nur im Villenstil gebaut werden darf. Um dies einheitlich durchzuführen, dazu wäre allerdings die Zusammenlegung Berlins mit seinen Vororten zu einer „Provinz Berlin“ unter einheitlicher Baupolizei-Verwaltung erforderlich, von der schon wiederholentlich die Rede gewesen ist, und welche sich auf die Dauer doch als eine unausweichliche Nothwendigkeit aufdrängen wird.

Sobald eine solche Abänderung der bestehenden Bauordnung erlassen wäre, würde das Publikum mehr als jetzt das Wohnen in entfernteren Villenkolonien bevorzugen, welche allein die Verwirklichung aller oben gestellten Forderungen zu bieten im Stande sind.

Nur in den Vororten hat der Boden noch einen so mässigen Preis, dass Häuser für eine Familie mit Balkonen und Gärten und mit einer ausreichenden Zahl durchweg luftiger und heller Zimmer möglich sind. Man kann ohne Furcht vor Uebertreibung sagen, dass in den Zimmern eines Vororts gesündere Luft geatmet wird, als auf den meisten Höfen einer Grossstadt, über welcher stets, auch bei ganz klarem Himmel, eine von weither sichtbar schwere Dunst- und Rauchmasse lagert. Am auffallendsten ist der Unterschied der Luft im Hochsommer, wo jeder, der es kann, die Grossstadt verlässt, während der Vorortbewohner diese Reisekosten spart.

Die jetzige Kasernenstadt würde dann mehr und mehr zur blossen Geschäftsstadt, in welcher die Berufsarbeiten des Tages sich vollziehen, während man Nachmittags oder Abends in die gesunde Aussenwohnung zurückkehrt. Allerdings gehört, um dem Publikum das Draussenwohnen mundrecht zu machen, auch das noch dazu, dass das Pferdebahnen-, Hochbahnen-, und Aussenbahnen-Netz bedeutend vergrössert und vervollständigt wird, dass die Abonnementspreise noch viel billiger werden, und dass nicht, wie jetzt, seltene grössere Züge, sondern fortwährend kleine abgelassen werden.

Dann aber ist allerdings zu hoffen, dass sich im Verlaufe einer Generation alle Grossstädter an das Draussenwohnen und seine Vorteile für Leib und Seele der Familien so sehr gewöhnen werden, dass die Nachfrage nach eigentlichen Wohnungen in der Stadt und mit ihr der unnatürlich in die Höhe geschraubte Bodenwerth beträchtlich sinkt, so dass es bei den Umbauten der Zukunft wieder ganz von selbst praktischer werden dürfte, den Raum weniger sparsam auszunutzen.

Sollten indess diese Massregeln sich als nicht ausreichend erweisen, dann, aber auch dann erst dürfte und müsste man dem Gedanken einer Expropriation des ganzen städtischen Grundbesitzes durch die Kommune näher treten, um das Grundübel der Wohnungsfrage, die stetige Steigerung des freihändig verkauften Bodenwerths, an der Wurzel zu fassen und wenigstens für spätere Generationen nach erfolgter Amortisation der Kaufsummen erträglichere Verhältnisse anzubahnen.

VII.

Moderne Unsitten.

1. Der Blumenluxus.

Der Strauss, den ich gepflücket, Grüsse Dich viel tausend Mal! Ich habe mich oft gebücket Ach, wohl ein tausend Mal, Und ihn an’s Herz gedrücket Viel hundert tausend Mal.

+Goethe.+

Das Ausschmücken einer Person mit Blumen und das Schenken von Blumen, sei es zum Schmuck der Person oder ihrer Umgebung, ist wesentlich eine symbolische Handlung. Wer sich selbst mit Blumen schmückt, bekundet damit seine gehobene, festliche, lebensfrohe Stimmung, seinen Wunsch, sich im vortheilhaftesten Lichte zu zeigen und anderen zu gefallen; wer einem andern Blumen schenkt, drückt damit symbolisch den Wunsch aus, selber so der beschenkten Person zu huldigen und zur Verschönerung ihres Lebensweges dienen zu wollen, wie die ihr zugeeigneten Kinder der Flur es thun. Am deutlichsten ist diese Symbolik in dem „Blumen auf den Weg streuen“, wo sie besagt, dass, soviel an dem Geber liegt, die beschenkte Person einen Blumenpfad wandeln und mit ihren Füssen nur auf Blumen (nicht auf Dornen, Staub und Steine) treten solle; aber auch das Verzieren der Pforten der Stadt oder des Hauses, oder das Ausschmücken der Wohnräume mit Blumen hat wesentlich denselben Sinn. Schmückt man eine theure Person mit Blumen, so bezeugt man damit zugleich, dass man dieselbe im besten Lichte und in gefälligster Darstellung zu sehen wünscht; hat man die Blumen selbst in Wald und Feld gesucht und gepflückt, so zeigt dies zugleich, dass man keine Mühe scheut, die Theure zu zieren.

Im Ganzen ist jede Symbolik um so ausdrucksvoller, je einfacher sie ist; die Vervielfachung des Symbols rückt den Eindruck seiner realen Beschaffenheit in den Vordergrund und drängt damit eben so sehr seinen tieferen Sinn zurück. Deshalb sagt gewöhnlich eine Blume mehr als ein ganzer Strauss, ein kleiner Strauss mehr als ein grosser, ein einzelner Strauss mehr als ein Dutzend oder ein ganzer Wagen voll Blumen. Nur wo die Mühe des Suchens und Pflückens und der etwa in die Zusammenstellung hineingelegte geheime Sinn als Huldigung in den Vordergrund tritt, nur da kann ein Strauss mehr gelten als eine Blume, aber selbst in diesem Falle hat die Wirksamkeit der Multiplikation ihre engen Grenzen. Jede kunstmässige Behandlung des Arrangements lenkt die Aufmerksamkeit von der Symbolik der Gabe auf ihren ästhetischen Werth ab und verringert damit deren innere Bedeutung; schon die im Garten gezogenen Blumen, mit Ausnahme einiger Arten, bei denen man die Entstehung durch künstliche Zuchtwahl fast schon vergessen hat, sprechen weniger zum Herzen als die ursprünglichen Kinder der Natur, welche gleichsam die spontane Huldigung von Hain und Flur darstellen. Sie sind schon darum einzig in ihrer Art, weil sie ein Geschenk ohne jeden Geldwerth darstellen, was man an den Blumen des Gartens, gleichviel ob sie aus dem eigenen Garten gepflückt oder dem eines Kunstgärtners entnommen sind, schon nicht mehr sagen kann. Eine Huldigung ist aber um so zarter, der symbolische Werth des Geschenks um so reiner, je weniger demselben irgend ein in Geld ausdrückbarer materieller Werth zukommt. Es ist nicht bloss die Sitte, welche die Annahme von materiell werthvollen Geschenken verbietet, sondern auch das Zartgefühl, weil jede Leistung eine entsprechende Gegenleistung bedingt. In der materiell werthlosen Blumengabe ist der Begriff des Geschenkes vollkommen vergeistigt und bloss das pretium affectionis übrig geblieben, welches der Stärke des Huldigungswunsches und der aufgewandten Mühe proportional ist.

Wenn man in einer Stadt lebt, wo es unmöglich ist, Blumen anders als im Wege des Kaufs zu erlangen, so ist der poetische Duft des Blumenschenkens und der auf dem Selberpflücken und der materiellen Werthlosigkeit beruhende Affektionswerth unwiederbringlich verloren. Aber es wäre Pedanterie, darum das Schenken gekaufter Blumen ganz verbieten zu wollen, da die Symbolik der Huldigung noch bestehen bleibt. Immerhin muss man dessen eingedenk bleiben, dass gekaufte Blumen doch nur ein klägliches Surrogat selbstgepflückter sind, und dass man mit dem Schenken gekaufter Blumen weit vorsichtiger und sparsamer sein muss als mit demjenigen selbstgepflückter. Auch hier nimmt der symbolische Werth der Gabe in dem Maasse ab, als der selbstständige materielle oder der ästhetische Werth derselben zunimmt; auch hier ist die Gabe um so ausdrucksvoller, je anspruchsloser, kunstloser, natürlicher und schlichter sie erscheint, je mehr sie dem selbstgepflückten Strausse wilder Blumen ähnelt. Die Multiplikation verringert hier den Werth nicht nur an sich, sondern auch durch Steigerung des Geldwerthes, während die Entschuldigung der vermehrten Mühe fehlt. Das gekaufte Blumengeschenk erfüllt nur dann seinen Zweck, wenn der dafür gezahlte Preis so gering ist, dass er für die Verhältnisse sowohl des Gebers als auch des Beschenkten gar nicht in Betracht kommt, also füglich der materiellen Werthlosigkeit der selbstgepflückten Blumen gleichgeachtet werden kann. Ein selbstständiger, ästhetischer, kunstgewerblicher Werth eines Blumenarrangements zerstört den symbolischen Werth nicht nur durch Steigerung des materiellen Werthes, sondern auch abgesehen von dieser schon dadurch, dass er das Geschenk aus der Sphäre der Natur in diejenige der Kunst entrückt, also mit Kunstwerken und Kunstindustriewerken auf eine Stufe stellt. So wenig man gegen das Beschenken mit Vasen, Nippsachen u. dgl. etwas einwenden kann, wenn die Personen in einem Verhältniss zu einander stehen, in welchem die Sitte das Schenken gestattet, ebensowenig gegen das Beschenken mit kunstvoll arrangierten Blumenkörben, Füllhörnern u. s. w.; aber es müssen dann eben auch Personen sein, die sich ebensogut Vasen u. dgl. schenken dürften, und die Immunität des relativ werthlosen Blumenschenkens muss für solche Objekte auch dann ausgeschlossen bleiben, wenn der Geldwerth für den Reichthum der Geber und der Beschenkten nicht in’s Gewicht fällt.

Diese Grenze ist leider in neuerer Zeit nicht mehr inne gehalten; man hat die Freiheit des Blumenschenkens gemissbraucht, um sie auf Geschenke von selbstständigem kunstindustriellen Werthe auszudehnen, und das von den wohlhabendsten Gesellschaftsschichten gegebene üble Beispiel hat auch die mittleren Kreise zu einem Blumenluxus verführt, der ausser aller Proportion zu ihren Verhältnissen steht. Wenn ein Fürst oder die Herrin eines gastfreien Hauses zu ihrem Geburtstage mehrere Zimmer mit kostbaren Blumengeschenken gefüllt bekommt, wenn eine Primadonna einen Möbelwagen braucht, um die mit Blumen überschüttete Bühne abzuräumen, oder wenn die Saisonlöwin in einem Modebade bei der Abreise mit ihren Kindern im ersten Wagen fährt und die erhaltenen Blumen von ihrem Dienstpersonal in den nachfolgenden Wagen transportiren lässt, so sind das Ausschreitungen des Blumenluxus, die sich selber richten. Es kommt aber darauf an, sich darüber klar zu werden, dass die Sitten, aus denen diese Ausschreitungen hervorgehen, selbst schon im Princip Unsitten sind, an welche es nachgerade Zeit wird, die bessernde Hand anzulegen.

Niemand soll einem andern in einem Augenblicke Blumen schenken, wo er sicher ist, denselben mit dem Geschenke zu belästigen, und ihn vor die Wahl stellt, entweder sich des Geschenks baldmöglichst zu entledigen, oder mit dessen Bewahrung zu plagen. Wer seinen Badebekannten Blumen schenken will, mag es während ihres Aufenthaltes thun, aber nicht bei der Abreise; wer einer Primadonna seine Huldigung erweisen will, mag ihr Blumen in’s Haus senden, aber nicht vor die Füsse oder gar in’s Gesicht schleudern. Wer ein Gefühl für die Werthsverringerung durch Multiplikation hat, wird sich instinktiv scheuen, seine Gabe zu einem Zeitpunkt darzubringen, wo sie durch das Zusammentreffen mit vielen anderen jeden Werth verliert, und einen passenderen Zeitpunkt wählen. Wer aber keine Wahl im Zeitpunkte frei hat, wird dann seinen Takt wenigstens dadurch beweisen, dass er sich auf eine einzelne oder ganz wenige Blumen beschränkt, da die Multiplikation ohnehin schon durch die Vielheit der Geber entsteht. Vor allen Dingen aber ist dem Grundsatz wieder Geltung zu verschaffen, dass werthvolle oder gar kostbare Blumengeschenke unstatthaft sind unter Personen, denen die Sitte die Annahme anderer Geschenke von einander verbietet. Die Poesie der Blumengabe wird durch nichts mehr entwürdigt, als wenn das gegenseitige Ueberbieten der Geber in der Kostbarkeit der Geschenke zum Tummelplatz für Motive der Eitelkeit und der spekulativen Gewinnsucht gemacht wird.