Part 10
So lange der selbstgepflückte Strauss von Feldblumen nur Ausdrucksmittel ist für die beredte Sprache des Herzens, müssen jene feineren Bedenken schweigen, welche sofort in ihr Recht treten, wo die Kunstindustrie sich der Blumengaben bemächtigt. Nichts predigt so laut die Vergänglichkeit des Schönen als die von ihrem Stamm und ihrer Wurzel getrennte Blume. Sie ist ein zum Tode verwundeter Organismus, dessen Farben nur noch nicht beschädigt sind, -- ein noch lebendes und lächelndes Haupt, das von seinem Rumpfe getrennt ist. Der heute so prächtig prangende Strauss ist morgen ein verwelkter, verwesender Leichenhaufen, und unter dem Schein des Lebens, an dem das Auge sich freuen soll, fühlt das Herz den Todeskampf der Zellen und Organe hindurch. Wenn ich am Morgen die über Nacht erblühte Rose am Stock im Garten betrachte, und mir sagen muss, dass vielleicht schon am selben Abend ihr Blumenleben seinen Gipfel überschritten hat und seinem Verfall zuneigt, dann ist es ein natürlicher Process des Werdens und Vergehens, der in diesem Einzelfall mir anschaulich vor die Seele tritt; wenn ich aber die Rose im Wasserglas oder auf den Draht eines „Bouquets“ geflochten sehe, so kann ich mich des widerwärtigen Gedankens nicht erwehren, dass der Mensch ein Blumenleben gemordet hat, damit es im Sterben ein Auge erfreue, das herzlos genug ist, den unnatürlichen Tod unter dem Scheine des Lebens nicht herauszufühlen. Dass es nicht der Tod an sich ist, dessen Anblick uns stört, beweisen die getrockneten Blumen, die ebensowenig missfallen wie ausgestopfte Thiere oder aufgespannte Schmetterlinge. Es ist vielmehr das den Tod im Herzen tragende Leben, der zur Ergötzung hervorgerufene und vor Augen gestellte Todeskampf der widerstandslos duldenden Blumenseele, was das Herz verletzt.
Für ein feineres Empfinden gehört die Blume so wenig in das Bouquet wie der Vogel in das Bauer, sondern die Blume in den Garten, in Wiese, Feld und Wald, wie der Vogel auf den Baum. Wer keinen Garten hat, oder nicht im Stande ist, denselben zu betreten, der mag zum Ersatz sich Blumen in sein Zimmer oder vor sein Bett bringen lassen. Wer aber im Stande ist, die Naturschönheit da zu geniessen, wo sie am schönsten ist, d. h. in ihrer naturgemässen Umgebung und unter ihren naturgemässen Lebensbedingungen, der wird selbst die Topfblumen im Zimmer gern missen, und viel lieber das Freie aufsuchen, um sie zu bewundern. Sehe ich aber gar ein Meisterwerk der Blumengärtnerei, einen grossen Korb mit einer Masse der kostbarsten auf Draht gezogenen Blüthen, so ist mir zu Muth, als würde mir ein Ragout aus Tausenden von Nachtigallzungen vorgesetzt, oder als sollte ich einen Damenkopfputz aus lauter aufgespiessten, auf’s Rad geflochtenen, noch zappelnden Schmetterlingen und Käfern bewundern. Ich bin überzeugt, dass eine spätere Zeit die heutigen Moden im Blumenluxus noch härter verurtheilen wird, als wir die in Figuren geschnittenen Bäume des vorigen Jahrhunderts, und dass die Kunstgärtnerei bei einer Reinigung und Verfeinerung des Geschmacks ihre Triumphe wieder ausschliesslich da feiern wird, wo sie berechtigt sind: im Sommer- und Wintergarten.
2. Das Rauchen.
Die meisten jungen Leute kommen durch die Macht des Beispiels zum Rauchen: sie scheuen sich, als Nichtraucher unter einer Mehrheit von rauchenden Genossen unmännlich zu erscheinen, oder als absonderliche Ausnahme dazustehen. Gegen einen solchen sklavischen Nachahmungstrieb darf man bei den selbstständigeren Naturen an das eigene Urtheil und den Stolz der Selbstbestimmung appelliren; die unselbstständigeren Jünglinge wird man am besten dadurch vor den Folgen solcher Nachahmungssucht bewahren, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass im letzten Menschenalter das Rauchen in den besten gesellschaftlichen Kreisen mehr und mehr aus der Mode gekommen sei, dass der Procentsatz der Nichtraucher in denselben beständig im Steigen sei, und dass es schon jetzt für distinguirter gelten könne, nicht zu rauchen als zu rauchen.
Der Mensch ist ohnehin so sehr der Sklave seiner angeborenen und anerzogenen Bedürfnisse, dass er wahrlich nicht nöthig hat, diese Gebundenheit noch durch ein weiteres angewöhntes Bedürfniss zu vermehren; wenn man sieht, wie schmerzlich der Gewohnheitsraucher unter einer, wenn auch nur zeitweiligen Entbehrung (sei es aus gesellschaftlichen oder gesundheitlichen oder ökonomischen Rücksichten, sei es unter dem Zwange von Ausnahmeverhältnissen, wie im Kriege) leidet, so sollte sich der Freiheitsstolz jedes Jünglings dagegen aufbäumen, freiwillig ein solches Joch auf sich zu nehmen. Ein eingewurzeltes Laster aufzugeben, kostet eine fast übermenschliche Ueberwindung; aber sich gegen die zwecklose Angewöhnung zu sträuben, kostet weiter gar keine Ueberwindung, als die eines unmännlichen Nachahmungstriebes.
Jeder Jüngling, der den höheren Ständen angehören will, sollte über ein solches Mass von Selbstbeherrschung verfügen, und der socialen Ehrenpflicht seines Standes eingedenk bleiben, den niederen Ständen mit gutem Beispiel voranzugehen und die allmähliche Entwöhnung der Nation von diesem Laster anzubahnen. Denn ein Laster muss diese Angewohnheit in der That genannt werden, durch welche jährlich Milliarden buchstäblich in die Luft geblasen werden, die andernfalls ausreichen würden, die brennendsten socialen Fragen (Alters-, Wittwen- und Waisenversorgung) zu lösen, unter deren Last unsere Zeit seufzt.
Völker ohne sonstige Pflanzenalkaloïde mögen in dem Nikotin ein werthvolles Reizmittel der Nervennährung schätzen; Völker mit Thee, Kaffee, Cacao u. s. w. besitzen in diesen Reizmittel genug, als dass nicht das Nikotin zu viel des Reizes hinzubringen sollte. Die Einwirkung des Tabakrauches bei Affektionen der Augen, der Athmungswege, des Magens und Darmkanals und der Galle ist entschieden nachtheilig; meistens aber entschliessen die erkrankten Raucher sich viel zu spät, ihre Gewohnheit auszusetzen.
Wie jedes Reizmittel, so stumpft auch dieses sich durch Gewohnheit ab und verlangt verstärkte Zufuhr, birgt also die Gefahr einer Uebertreibung in sich, welche zur chronischen Nikotinvergiftung führen kann, besonders bei der Verbindung mit reichlichem Alkoholgenuss; die complicirten Erscheinungen der chronischen Nikotinvergiftung (Spinalirritation, Amblyopie u. s. w.) sind aber zum Theil noch so wenig ergründet und bekannt, dass sie vorkommenden Falles häufig genug von den Patienten und Aerzten nicht erkannt oder falsch gedeutet werden.
Hoffentlich bleibt die burschikose Sitte des Rauchens im weiblichen Geschlecht für immer auf Studentinnen und dergleichen Emancipirte beschränkt; so lange dies aber geschieht, haben die Raucher nur die Wahl, sich von dem anderen Geschlecht abzusondern oder gegen dasselbe (natürlich unter scheinbarer Beobachtung der feinsten Höflichkeitsformen) rücksichtslos zu sein. Gerade in den niederen Volksschichten, wo das Weib ohnehin der geplagtere und schlechter gestellte Theil ist, geht ein unverhältnissmässig grosser Theil des Gesammthaushaltes für das Rauchbedürfniss des Mannes darauf.
Ist der sociale Schaden des Rauchens nicht mit dem des Branntweintrinkens zu vergleichen, so auch nicht der physiologische Nutzen desselben, da der Branntwein doch wenigstens eine Ersparniss an anderen Nahrungsstoffen im Gefolge hat, der Tabak nicht.
Die nationalökonomischen Vortheile der Beseitigung des Tabakrauchens wären ungeheuer. Nicht nur könnte der Arbeiter dadurch eine Lebensversicherung erwerben, welche ausreichte, um sein Alter, seine Wittwe und Waisen gegen die dringendste Noth zu schützen, sondern zugleich würde auch die nationale Handelsbilanz verbessert, wenn einerseits die Einfuhr ausländischen Tabaks und andererseits die Einfuhr derjenigen ausländischen Bodenprodukte wegfiele, welche auf dem jetzt mit Tabak bepflanzten einheimischen Boden erzeugt werden könnten.
Die jetzt mit dem Bau und der Verarbeitung des einheimischen Tabaks beschäftigten Personen würden alsdann mit dem Bau und der Verbreitung der an seine Stelle tretenden Bodenprodukte beschäftigt sein und die jetzt für ausländischen Tabak bezahlten Summen würden, in Gestalt von Wittwen- und Waisen-Pensionen in den Verkehr zurückgeströmt, dazu dienen, das Haushaltsniveau der Arbeiterbevölkerung zu erhöhen, also ihre Kaufkraft für anderweitige Genussmittel zu steigern. Dadurch würde die nationale Produktion weit mehr gewinnen, als sie durch das Aufhören des Tabaksexports und der Verarbeitung des ausländischen Tabaks verlöre.
Da eine solche Umwandlung aber von innen heraus keinesfalls allzuschnell erfolgen dürfte, so ist es Aufgabe des Staates, dieselbe durch eine möglichst hohe Steigerung der Tabakssteuer zu unterstützen, denn auf nichts ist eine hohe Steuer so wohl angebracht als auf dies Laster. Wäre nicht die bei weitem grösste Zahl der Abgeordneten und Wähler rauchende Männer, wäre statt dessen eine Volksabstimmung nach Köpfen möglich, so würde nächst der Branntweinsteuer keine Steuer bereitwilliger erhöht werden, als die auf den Tabak.
Eine wesentliche Verminderung des Rauchens liesse sich freilich auch von der stärksten Erhöhung der Tabakssteuer nicht augenblicklich erwarten, da die gewohnheitsmässigen Raucher doch weiter rauchen würden, nur etwas geringere Sorten; aber in der nächstfolgenden Generation würde der Einfluss doch sehr bedeutend werden, da die erhöhte Kostspieligkeit des Rauchens ein verstärktes Gegenmotiv gegen die Angewöhnung desselben liefern und für viele Jünglinge entscheidend werden könnte.
Die Einführung des Monopols würde die nicht zu unterschätzende Gefahr in sich schliessen, dass der Staat das Rauchen auf alle Weise, insbesondere bei den höheren Gesellschaftsklassen begünstigte, um erhöhte Einnahmen zu erzielen, und dadurch dem aus der Mode-Kommen desselben entgegenwirkte. Dieses nationalökonomische Bedenken trifft das Tabaksmonopol jedenfalls in höherem Grade als das Branntweinmonopol, weil jede anständige Regierung sich schämen würde, ihre Unterthanen zum Trinken zu verleiten, nicht aber zum Rauchen.
3. Die Politik und die Jugend.
Ein Hauptunglück der Zeit nach d. J. 48 in Deutschland ist das Zusammentreffen gesteigerter Berufsansprüche mit dem Ueberwuchern politischer Interessen über die künstlerischen, wissenschaftlichen, gemüthlich-geselligen und religiös-sittlichen. Die in jeder Berufstätigkeit gegen früher erheblich gesteigerten Ansprüche an den Träger verringern nicht nur die Musse, sondern lassen auch den einzelnen nach gethaner Tagesarbeit erschöpfter und erholungsbedürftiger in die Mussezeit eintreten, so dass er nicht nur weniger Zeit, sondern auch weniger Lust und Kraft verfügbar behält, um sich Interessen, die seinem Berufe fern liegen, mit Ernst und Sammlung zuzuwenden. Was aber noch übrig bleibt, davon nimmt die Politik den Löwenanteil für sich in Anspruch, welche sowohl als politische Tagespresse, wie als politisches Vereinswesen an die Sammlungsfähigkeit des Aufnehmenden nicht allzu hohe Ansprüche stellt. Die Interessen an socialethischen und religiösen Fragen gelangen fast nur noch insoweit zu ihrem Recht, als sie sich mit der Politik berühren, in den Streit der politischen Parteien Eingang gefunden haben und durch die Brille des Politikers angesehen werden können. Das politische Parteitreiben aber macht das Gros der Menschen roh und gewöhnt sie an das Austheilen und Ertragen von Beleidigungen und Beschimpfungen ähnlich wie in der Reformationszeit der konfessionelle Hader.
Wie sollen diese Zustände sich bessern? Die gesteigerten Berufsansprüche entsprechen der Forderung gesteigerter Arbeitsteilung und intensiverer Arbeitsleistung. Die modernen Staatsverfassungen erheischen die Betheiligung aller Männer bei den politischen Wahlen, und ein gleichgültiges Fernbleiben der geistigen Elite des Volks würde das ohnehin schon bestehende Uebergewicht der demagogischen Schreier und Hetzer zu einem geradezu unbestrittenen machen.
Die reifen Männer können und dürfen sich nur ausnahmsweise ihren politischen Pflichten entziehen, aber diese Pflicht sollte doch nur für die reifen Männer gelten. Handarbeiter mögen für relativ reif gelten, wenn sie in das Alter der Wahlberechtigung eingetreten sind (21 bis 24 Jahr); denn geistig reifer als sie dann sind, werden sie doch nur in Ausnahmefällen noch werden. Die gebildeten Stände dagegen brauchen gerade die Zeit vom Abgang aus der Schule bis zur Verheirathung (also etwa vom 18. bis zum 30. Jahre), um sich geistig zu entwickeln und ihre Mannesreife zu gewinnen; wenn sie diese Zeit, wo der Geist bereits das volle Verständniss besitzt, ohne doch schon in festen Ansichten verknöchert zu sein, für ihre humanistische Ausbildung ungenutzt verstreichen lassen und statt dessen sich auf Politik werfen, so versäumen sie meist etwas Unwiederbringliches. Soll die Physiognomie unsrer höheren Gesellschaft vor einer vorzeitigen facies hippocratica bewahrt bleiben, so müssen Studenten und angehende Praktiker die Politik wie die Pest scheuen und die Erfüllung ihrer politischen Staatsbürgerpflichten auf ein Alter verschieben, wo sie durch vielseitige humanistische Bildung in ihrem Geiste einen Grund gelegt haben, auf dem eine selbstständige, von Parteischlagworten unabhängige politische Urtheilsbildung erst möglich wird.
4. Puder und Schminke.
Das grösste koloristische Meisterwerk der Natur ist die Haut der nordischen weissen Menschenrasse; es übertrifft an Feinheit und Komplicirtheit der Farbentöne, an Leuchtkraft und Sättigung alle sonstigen Farbenwunder der Natur. Wer seinen Teint durch Puder und Schminke zu verbessern glaubt, gleicht einem Bilderrestaurateur, der ein Tiziansches Inkarnat durch weisse oder rothe Retouchen zu heben unternimmt. Auch die gelben und grünen Tinten des sogenannten schlechten Teints sind unendlich viel schöner als Mehl und Zinnober. Der Puder macht die Glanzlichter der Haut stumpf und matt, die Schatten kraft- und wirkungslos, die Mitteltöne fade und mehlsuppig; alle Farben in Licht, Schatten und Mitteltönen entfärbt er zum eintönigen Grau des Gypses. Auf der Bühne sind Puder und Schminke ein Mittel zur Herstellung der zur Rolle gehörigen mimischen Maske; wer diesen Bestandtheil des scenischen Scheins ins wirkliche Leben überträgt, gleicht einem Menschen, der seinen Garten mit gemalten Bäumen und Sträuchen zu verschönern versucht, und zeigt zugleich, dass er nicht sein eignes Selbst darstellen, sondern eine Komödiantenrolle im Leben spielen will.
Nichts ist komischer als die sittliche Entrüstung, mit welcher die „bloss Gepuderte“ auf die Gepuderte und Geschminkte herabsieht, denn an Geschmacklosigkeit steht sie ihr kaum nach, wohl aber an Muth und Klugheit: an Muth in der zaghafteren Schaustellung ihres naturwidrigen Geschmacks und an Klugheit in dem Wahne, den weissen Puderteint eher als den farbigen Schminkteint für Natur ausgeben zu können.
Wenn in den tonangebenden Schichten der Gesellschaft das Pudern der Haut zur herrschenden Unsitte wird, so ist das ein Zeichen, dass in ihnen Unbildung, Verbildung und Unnatur, Geschmacksrohheit und Sinnesverkehrtheit sich die Hand reichen, und dass ein Ungewitter des Völkerschicksals zur Reinigung der ungesunden socialen Atmosphäre noth thut. Eine Kultur, die sich äusserlich durch den Puder kund giebt, ist eine miasmatische Afterkultur, die keine echte Kraft mehr zu ihrer Vertheidigung begeistern vermag, und deshalb über kurz oder lang dem Ansturme der kulturfeindlichen Mächte ohnmächtig erliegt; wie es im vorigen Jahrhundert dem ancien régime erging, so würde es in diesem der modernen Bourgeoisie ergehen, wenn eine allgemeinere Verbreitung von Puder und Schminke die symptomatische Rechtfertigung für die socialdemokratische Behauptung von der innern Fäulniss ihrer Kultur liefern sollte.
VIII.
Zur Reform des Universitätsunterrichts.
Unsere Universitäten haben im geistigen Leben der Nation nicht mehr die Bedeutung wie früher, theils weil der Einfluss der Literatur den ihrigen überholt hat, theils weil sie ihren Einfluss mit zahlreichen neben ihnen aufgeblühten Hochschulen technischen, militärischen und sonstigen Charakters theilen müssen. Aber noch immer ist ihre Bedeutung so gross, dass es unrecht wäre, dieselbe zu unterschätzen, und darum ist auch die Frage nach den Mängeln unserer Universitäten und nach ihrer Abhülfe eine Frage von allgemeinem Interesse für jeden, dem dies Gedeihen und der Fortschritt der deutschen Geisteskultur am Herzen liegt.
Die Mängel unsres Universitätswesens liegen sowohl auf Seite der Studentenschaft wie auf Seiten der Lehrkörper ziemlich offen zu Tage. Viele Studenten studiren in den ersten Semestern zu wenig oder gar nicht, weil falsche Ehrbegriffe und zeittödtende Genusssucht ihre Kräfte vollauf in Anspruch nehmen; wenn sie aber anfangen zu studiren, so haben sie alle Hände voll zu thun, um den gesteigerten Prüfungsansprüchen an ihre Berufswissenschaft Genüge zu leisten, so dass ihnen während der ganzen Studienzeit kein Augenblick für allgemeinere Geistesbildung, für das Studium der humaniora übrig bleibt. Für solche Studenten passt unsre deutsche Einrichtung der Universitäten nicht; wäre es sicher, dass diese Art von Studententhum das Feld der Zukunft behaupten würde, so müsste unser Universitätswesen aus Zweckmässigkeitsgründen seine akademische Freiheit aufgeben und gegen den französischen und englischen Zuschnitt der obligatorischen Einpaukerei vertauschen. Glücklicher Weise besitzen wir noch studentische Elemente genug, welche von der akademischen Freiheit wirklichen Nutzen ziehen, und wenn man den Zeichen der Zeit trauen darf, so darf man vorläufig die Hoffnung nicht fahren lassen, dass aus den Kreisen des Studententhums heraus ein Umschwung zum Bessern erfolgen wird durch eine mächtige Auflehnung gegen die bisherige sinnlose Kraft- und Zeitvergeudung.
Einem solchen Umschwung müssen aber einschneidende Reformen von Seiten des Lehrkörpers entgegenkommen, wenn die Besserung gründlich und dauernd werden soll. Der tiefliegendste und allereigentlichste Krebsschaden unsres Universitätsunterrichts liegt meiner Meinung nach darin, dass der Regel nach die Erfindung der Buchdruckerkunst mit Hartnäckigkeit ignorirt, und heute noch wie im Mittelalter der Unterricht allein auf mündlichen Vortrag gegründet wird. Man verkennt die physiologische Thatsache, dass eine Stunde Vortrag-Hören die Nerven und das Gehirn weit mehr anstrengt als eine Stunde Lesen. Dieser Satz erleidet nur da eine Ausnahme, wo das Lesen eine noch ungewohnte Thätigkeit ist, welche eine besondere Anspannung der Aufmerksamkeit erfordert; ein Jüngling aber, der noch auf diesem kindlichen Standpunkt steht, ist eben noch nicht reif für den Besuch der Universität, und deshalb ist bei den Universitätseinrichtungen auf solche unreife Individuen keine Rücksicht zu nehmen.
Es sind verhältnissmässig wenige Fächer des Universitätsunterrichts, bei denen die Demonstration den Stamm bildet, um welche der Vortrag sich bloss erläuternd herumrankt; bei den meisten ist das mündliche Wort des Lehrers auf sich allein angewiesen. Was der Lehrer vorträgt, ist der Inhalt eines ungedruckten Lehrbuchs; was der Schüler nachschreibt, ist der Inhalt eines ungedruckten Leitfadens. Kein Student würde es sich einfallen lassen, nachzuschreiben, wenn er bei Belegung des Kollegs den gedruckten Leitfaden des Docenten eingehändigt erhielte, und ausserdem jederzeit in einem gedruckten Lehrbuch des Docenten das Gehörte nachlesen könnte. Der ganze Unfug des Nachschreibens würde mit einem Schlage beseitigt, wenn die Universitätsordnung es verböte, dass irgend ein Professor oder Docent ein Kolleg ankündigte, zu dem er nicht vorher der Universitätsbehörde den gedruckten Leitfaden eingereicht, oder einen der bereits bekannten Leitfaden eines Dritten zu Grunde legen zu wollen erklärt hat. Jedem Draussenstehenden müsste es zunächst unbegreiflich scheinen, warum dies nicht auch ohne solche Zwangsbestimmung freiwillig von allen Lehrern geschieht, da die Sache doch gar so einfach und selbstverständlich scheint, und jeder Meinungsänderung des Lehrers theils durch neue Auflagen des Leitfadens, theils durch die Ausführungen des mündlichen Vortrags Rechnung getragen werden kann. Der Grund, warum es bisher so selten geschieht, und statt dessen abgeschriebene Diktathefte umlaufen, ist wohl in der Furcht der Professoren zu suchen, einerseits durch selbst herausgegebene Leitfaden sich allzusehr der Kontrole und Kritik ihrer Konkurrenten bloss zu stellen,[9] andrerseits durch solche Darbietung des zusammengedrängten Lernstoffes für die Prüfungen den Studenten das Besuchen ihrer sonst reizlosen Vorträge überflüssig zu machen.
In der That trägt der „Leitfaden“ die Gefahr in sich, dass er dem faulen Studenten die Beruhigung gewährt, auch ohne Besuch der Vorträge durch Auswendiglernen seines Inhalts das Examen in dem Gegenstande bestehen zu können. Diese Gefahr liegt aber wesentlich nur dann vor, wenn der Lehrer sich nicht auf einen wirklichen Leitfaden, d. h. ein gedrucktes Diktatheft, zu beschränken gewusst hat, und statt dessen ein Mittelding von Leitfaden und Lehrbuch, oder gar ein kurzgefasstes Lehrbuch unter dem Titel „Leitfaden“ veröffentlicht hat. Je knapper der Leitfaden ist, desto sicherer wird der Examinator das verständnisslose Memoiren desselben von dem rationellen Durchdringen seines Inhalts unterscheiden können und im Stande sein, das erstere als ungenügend zu verwerfen. Legt der Docent Werth darauf, seinen Zuhörern den Leitfaden nicht auf einmal, sondern nur nach jeder Stunde das Diktat des gehaltenen Vortrags in die Hand zu geben, so hindert ihn nichts daran, seinen Leitfaden in losen Blättern drucken zu lassen, und wenn seine Zuhörerschaft zu klein ist, um den Druck zu lohnen, so stehen ihm andere billige Vervielfältigungsarten zur Auswahl (Lithographie, Hektographie u. s. w.), welche alle den gemeinsamen Vortheil haben, die Zeit für das Diktat zu ersparen.
Man rühmt dem mündlichen Vortrag mit Recht nach, dass er bei gleichem sachlichen Inhalt doch anregender sei als die Lektüre, weil er mit Hülfe der Deklamation und Mimik von Person zu Person elektrische Fäden des Verständnisses spinnt. Dieser Vorzug kommt aber nur dem +freien+ Vortrag und keineswegs der Vorlesung zu; im Gegentheil wirkt das Ablesen eines Manuscriptes meistens ungünstiger auf den Hörer als die Lektüre der gedruckten Vorlesung auf den Leser, weil derselbe sich bei letzterer von vornherein auf sich allein angewiesen weiss, bei ersterer aber in seiner berechtigten Erwartung auf die belebende und zündende Geisteswirkung von Person zu Person getäuscht wird. Würde man nun aber statistisch feststellen, welcher Procentsatz der Universitätslehrer seine eigentlichen Lehrvorträge (abgesehen von den Demonstrationen und Seminarien) frei hält und nicht abliest, so möchte die Ziffer sehr gering ausfallen.