Moderne Probleme

Part 1

Chapter 13,082 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1888 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche, altertümliche, sowie inkonsistente Schreibweisen wurden dagegen beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.

Das Inhaltsverzeichnis wurde nach Vorgabe des Textes folgendermaßen angepasst:

a. ‚Das Philosophie-Studium auf den Universitäten‘ wurde korrigiert zu ‚Das Philosophie-Studium an den Universitäten‘. b. Die Seitenzahl für den Abschnitt ‚Die preussische Schulreform von 1882‘ wurde von 160 zu 169 geändert.

Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) sowie das ‚Esszett‘ (ß) werden im Text umschrieben (Ae, Oe, Ue, bzw. ss). Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+

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Eduard von Hartmann.

Moderne Probleme.

Zweite vermehrte Auflage.

Leipzig Verlag von Wilhelm Friedrich K. R. Hofbuchhändler. 1888.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort zur ersten Auflage.

Dass es mir bisher an Feinden gefehlt habe, wird niemand behaupten können. Die katholische Kirche hat mich in amtlichen Kundgebungen und in dicken Büchern als einen Erzketzer und Hauptführer der wider Gott anstürmenden Rotte gebrandmarkt, die evangelischen Orthodoxen haben sich auch in dieser Frage an ihre Rockschösse gehängt, und der liberale Protestantismus wird mir die an ihm geübte Kritik[1] niemals verzeihen. Die Konservativen verabscheuen mich als religiösen Revolutionär, die Liberalen als einen Gegner der parlamentarischen Regierungsform, als Militaristen, Monopolisten und Socialisten; die Socialdemokraten hassen in mir mit Recht den aristokratisch gesinnten Gegner alles demokratischen Nivellements, der speciell die socialdemokratischen Verirrungen so scharf mitgenommen hat.[2] Die mechanistisch und darwinistisch gesinnte Welt der Naturforscher hat sich von der zweiten Auflage meiner Schrift „Das Unbewusste vom Standpunkte der Physiologie und Descendenztheorie“ i. J. 1877 so schwer getroffen gefühlt, dass sie sich seitdem in grollendes Stillschweigen und Ignoriren gehüllt hat. Die Positivisten und Neukantianer, welche alle Metaphysik verwerfen und bekämpfen, sehen in dem Verfasser der Schrift über den „Neukantianismus u. s. w.“ einen der gefährlichsten Störer ihrer Cirkel; die vordarwinschen naturwissenschaftlichen Materialisten und die Nachfolger Feuerbachs hassen in mir, wie die Schriften von Stiebeling, J. C. Fischer, Carl Grün und die Wuthausbrüche Dührings beweisen, einen rückständigen Schwärmer und Obscuranten, und die Optimisten aus allen Lagern reichen sich die Hände, um meinen Pessimismus, den sie nicht verstehen, als Volksverderber und Jugendverführer zu verdammen. Die Hegelianer hatte ich schon durch meine erste Veröffentlichung „Ueber die dialektische Methode“ vor den Kopf gestossen, die Schopenhauerianer bereits durch die Kritik der Schopenhauerschen Moralprincipien (in der „Phänomenologie des sittlichen Bewusstseins“) verletzt und durch den Aufsatz „Mein Verhältniss zu Schopenhauer“ (in den „Philosophischen Fragen der Gegenwart“ Nr. II) ganz in’s Lager meiner Gegner hinübergetrieben, und den Universitätsphilosophen gegenüber hatte ich meine ohnehin schon schwierige Stellung als unzünftiger Konkurrent noch durch verschiedene Aeusserungen über die Universitätsphilosophie[3] verschlimmert.

Unter diesen Umständen hätte ein ganz auf sich selbst angewiesener, auf keine Klique, kein literarisches Organ und kein Katheder gestützter Forscher leicht Bedenken tragen können, die Zahl der ihn umgebenden Feinde zu vermehren und deren Feindseligkeit zu verschärfen. Wenn ich dies trotzdem in den letzten Jahren im weitesten Umfang gethan habe, so bitte ich darin keine übermüthige Laune oder muthwillige Händelsucht zu sehen; was mich dazu antrieb, gegen so mancherlei moderne Irrthümer das Wort zu ergreifen, war ein inneres Bedürfniss, die Stimme der besonnenen Kritik zur Geltung zu bringen, ein unerschütterliches Vertrauen in die siegreiche Kraft der schlichten ungeschminkten Wahrheit, und ein Gefühl der Verpflichtung, durch meine völlig unabhängige Stellung mehr als viele Andere zur Inangriffnahme so peinlicher und undankbarer Aufgaben berufen zu sein.

Durch meine Schrift „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft“ habe ich mir nämlich nicht nur bei den Vertretern des Judenthums selbst, sondern auch bei den christlichen Philosemiten und nicht minder bei den Antisemiten viele neue Gegner gemacht, ebenso durch meine Schrift über den Spiritismus sowohl die spiritistischen Kreise gegen mich aufgebracht, als auch dem Widerwillen der Aufklärungsrationalisten und Materialisten gegen mich neue Nahrung zugeführt. Der Aufsatz „Was sollen wir essen?“ hat bei den Vegetarianern eine förmliche Erbitterung gegen mich wachgerufen, welche sich bis zu der öffentlichen Drohung: „es mir nicht vergessen zu wollen“, verstiegen hat. „Unsre Stellung zu den Thieren“ hat eine ähnliche Wirkung auf die Antivivisektionisten und sentimentalen Thierschützler ausgeübt. „Die Gleichstellung der Geschlechter“ und „Die Lebensfrage der Familie“ hat diejenigen Mitglieder des schönen Geschlechts, welche für die Emancipation ihrer Schwestern und für eine ausserfamiliäre Berufsstellung derselben kämpfen gegen mich in Harnisch gebracht. „Der Rückgang des Deutschthums“ hat den bei der grossdeutschen Idee stehen gebliebenen Theil der deutschen Liberalen gegen mich aufgeregt, die preussischen Polen mir zu unversöhnlichen Feinden gemacht, die Erbitterung des Ultramontanismus neu geschürt und vor allem bei den Deutschösterreichern einen Sturm der Entrüstung entfesselt, der wohl nicht ganz ohne Einfluss auf das aktive Aufraffen derselben aus dem doktrinär-liberalen Schlummer geblieben ist und hoffentlich auch ferner noch erspriessliche Folgen zeitigen wird. Die Aufsätze „Zur Reform des Universitätsunterrichts“ und „Das Philosophie-Studium“ dürften die Antipathien der Philosophieprofessoren gegen mich, wenn das überhaupt möglich war, noch verschärft haben, und „Die Ueberbürdung der Schuljugend“ muss auch diejenigen Pädagogenkreise gegen mich verstimmen, welche nicht schon als Vertheidiger der Realschulen oder Realgymnasien durch meine frühere Schrift „Zur Reform des höheren Schulwesens“ gegen mich eingenommen waren.

Zum mindesten bürgt das durch zahllose Gegenartikel, Vorträge, Zuschriften u. s. w. bekundete Aufsehen, welches die Mehrzahl der nachstehenden Aufsätze schon bei ihrer vereinzelten Veröffentlichung in Zeitschriften gemacht hat, dafür, dass dieselben auch in ihrer nunmehrigen Zusammenstellung einige Beachtung verdienen dürften; denn erst in dieser ihrer Vereinigung lassen sie ihre innere Zusammengehörigkeit, sowohl unter einander, als auch mit den Schriften über das Judenthum und den Spiritismus erkennen. Die Abhandlung „Der Somnambulismus“ bildet eine unmittelbare Ergänzung zu der Schrift über den Spiritismus, indem beide sich gegenseitig erläuternde Arbeiten die sogenannte „Nachtseite der menschlichen Natur“ erörtern und entschieden gegen eine neuere, auf den Geheimbuddhismus gestützte mystische Richtung Front machen, welche dieses Gebiet eines krankhaften Nerven- und Seelenlebens zu einer dem normalen Zustand überlegenen höheren Stufe des Geisteslebens aufzubauschen versucht. Die Aufsätze gegen den Vegetarianismus, den Antivivisektionismus, die Frauenemancipation und die egoistisch überspannte Missachtung der Familienpflichten gehören ebenfalls in eine engere Gruppe zusammen, welche der Schrift über das Judenthum schon dadurch näher gerückt ist, dass in ihnen allen der abstrakte Idealismus und die falsche Sentimentalität bekämpft wird.

Bekanntlich hatte Richard Wagner in seinen letzten Lebensjahren neben andern Eigenthümlichkeiten auch diejenige, sich zum theoretischen Vertreter des Vegetarianismus, Antivivisektionismus und Antisemitismus aufzuwerfen, und unter demjenigen Theil seiner Jünger und Anhänger, welcher darauf schwört, dass in dem Evangelium des Meisters auch seine Art sich zu räuspern und zu spucken einen untrennbaren Bestandtheil bilde, spielen auch Vertreterinnen der Frauenemancipation eine bedeutende Rolle. Hier findet also gleichsam ein Zusammenfluss der verschiedenen Ströme des abstrakten Idealismus statt, welche ich in der vorliegenden Schrift bekämpfe, und es scheint deshalb unvermeidlich, dass dieselbe bei diesem Kreise noch grösseren Anstoss erweckt, als dies schon früher meine Nichtanerkennung der Schopenhauerschen Mitleidsmoral und Theorie der Musik und meine Kritik sowohl des Urbuddhismus (im „Religiösen Bewusstsein der Menschheit“ B. I, 2) als auch des Geheimbuddhismus (in den „Philosophischen Fragen der Gegenwart“ Nr. IX) gethan hat.

Mögen diese Blätter trotz aller weiteren Anfeindungen, die ihnen nicht erspart bleiben werden, einen Leserkreis finden, der geneigt ist, in dem wüsten Durcheinander fanatischer Parteistimmen auch der Stimme der parteilosen nüchternen Besonnenheit sein Ohr zu leihen, und mögen diejenigen, welche meine Ansichten nur aus gegnerischen Entstellungen kennen, sich durch eignen Einblick überzeugen, dass sie nichts weiter enthalten, als was für jeden Unbefangenen selbstverständlich und kaum des Aussprechens bedürftig scheinen sollte. Wenn aber philosophische Kritiker sich daran stossen sollten, dass ich mir die Mühe gegeben habe, auch Selbstverständliches niederzuschreiben, so bitte ich sie zu erwägen, dass verkehrten Zeitströmungen gegenüber auch das Aussprechen des Selbstverständlichen sein Recht hat, und dass es des Philosophen nicht unwürdig ist, auch der populären Behandlung von Zeitfragen näher zu treten.

+Berlin-Lichterfelde+, im Herbst 1885.

=Eduard von Hartmann.=

Vorwort zur zweiten Auflage.

Der baldige Absatz der ersten Auflage dieses Buches liefert die erfreuliche Bestätigung dafür, dass die am Schlusse ihres Vorworts ausgesprochene Hoffnung nicht zu Schanden geworden ist. Ich habe in der zweiten Auflage als Nr. V-VII drei Aufsätze über die heutige Geselligkeit, über die Wohnungsfrage und über moderne Unsitten eingeschaltet, welche sich ihrem Inhalt nach an die ersten vier Aufsätze auf das engste anschliessen und dem Buch noch mehr als bisher den Charakter eines Vorläufers zur Socialethik geben. Ebenso habe ich den beiden Aufsätzen über die Schulfrage einen dritten (Nr. XII) hinzugefügt, welcher eine Uebersicht über den gegenwärtigen Stand der ganzen Bewegung giebt und die zunächst erforderlichen Schritte präcisirt. Dagegen habe ich den Aufsatz über den Rückgang des Deutschthums fortgelassen, weil inzwischen mit dem Erlass und der fortschreitenden Ausführung der preussischen Polengesetze sein Zweck erfüllt und seine Aktualität erloschen ist. In einigen der anderen Aufsätze, besonders in Nr. XV, habe ich kleinere Zusätze beigefügt, welche durch die an die erste Auflage geknüpfte Kritik und Polemik veranlasst worden sind. Möge das Buch auch in seiner neuen Gestalt günstige Aufnahme finden.

+Berlin-Lichterfelde+, im März 1888.

=Eduard von Hartmann.=

Inhalt.

I. Was sollen wir essen? 1

II. Unsere Stellung zu den Thieren 21

III. Die Gleichstellung der Geschlechter 36

IV. Die Lebensfrage der Familie 50

V. Die heutige Geselligkeit 85

VI. Die Wohnungsfrage 96

VII. Moderne Unsitten 106

VIII. Zur Reform des Universitätsunterrichts 120

IX. Das Philosophie-Studium an den Universitäten 140

X. Die Ueberbürdung der Schuljugend 157

XI. Die preussische Schulreform von 1882 169

XII. Der Streit um die Organisation der höheren Schulen 177

XIII. Der Bücher Noth 193

XIV. Die epidemische Ruhmsucht unserer Zeit 200

XV. Der Somnambulismus 207

I.

Was sollen wir essen?

In ärztlichen Kreisen hat im letzten Menschenalter ein hauptsächlich von England ausgegangener Umschwung der Ansichten über die Diät stattgefunden, der die Fleischkost in weit höherem Masse bevorzugt, als es früher üblich war. Im Gegensatz hierzu erklären die vegetarianischen Bestrebungen die reine Pflanzenkost für die allein naturgemässe, rationelle und humane Ernährungsweise und machen mit der Kraft einer religiösen Ueberzeugung das künftige Heil der Menschheit von dem Verzicht auf alle Fleischkost abhängig. Die Frage scheint wichtig genug, um sie in reifliche Erwägung zu ziehen.

Das für ein organisches Wesen Naturgemässe ist an zwei Merkmalen zu erkennen: an der Einrichtung seiner Organisation und an seinen Instinkten. Beide weisen übereinstimmend dem Menschen seine Stellung unter den Omnivoren (Allesfressern) an, zu denen beispielsweise auch die Schweine, Bären und Affen gehören. Magen und Darm des Menschen sind nicht wie diejenigen der Wiederkäuer für das Verdauen von Gras und Blättern eingerichtet, aber der Darm hat doch eine bedeutend grössere relative Länge als bei den auf reine Fleischkost angewiesenen katzenartigen Raubthieren. Das menschliche Gebiss ist wie dasjenige aller Omnivoren aus Schneidezähnen, Reisszähnen und Mahlzähnen zusammengesetzt; die reinen Fleischzähne machen nur den achten Theil des Gesammtbestandes aus, was allerdings auf ein Uebergewicht vegetabilischer Kost hindeutet. Die Instinkte des Menschen weisen ebenso wie die aller übrigen Omnivoren darauf hin, dass die Fleischnahrung in gewissem Sinne die werthvollere für seinen Organismus ist; bei offen stehender Auswahl stürzen sich alle Omnivoren zunächst mit Gier auf das Fleisch. Hieraus könnte man schliessen, dass die Schneide- und Mahlzähne den Omnivoren von der Natur nur deshalb verliehen seien, um für den Fall des zeitweiligen Mangels an den schwerer zu erlangenden animalischen Nahrungsmitteln doch keinen Hunger zu leiden, sondern auf vegetabilische Nahrungsmittel zurückgreifen zu können. Aber so einfach liegt die Sache doch nicht. Denn wo der Instinkt nicht schon durch dauernde Gewöhnung denaturirt ist, pflegt auf die erste Gier nach Fleisch bald eine Reaktion der Uebersättigung zu folgen, mit der ein um so stärkeres Verlangen zur Rückkehr nach pflanzlichen Nahrungsmitteln hervortritt.

Die Nahrungsinstinkte des Menschen zeigen ausserdem thatsächlich bedeutende Abweichungen nach Klima, Alter, Geschlecht, Arbeitsleistung und Individualität. In tropischen Ländern, wo nur ein geringer Wärmeverlust zu decken und intensive Arbeit kaum möglich ist, wo also der Körper ohnehin nur eine geringe Menge von täglicher Nahrung zu verdauen braucht, reicht seine Verdauungskraft auch bei vegetabilischer Ernährung mehr als aus, so dass Fleischkost selbst bei grösster quantitativer Mässigkeit leicht zur Uebernährung führt; in den Polargegenden dagegen ist ein so starker Ersatz durch Nahrung erforderlich, dass auch die beste Verdauung unfähig wäre, die nöthige Assimilation aus vegetabilischer Kost zu vollziehen. Der äquatorialen Genügsamkeit entspricht demnach die instinktive Bevorzugung von Nahrungsmitteln mit geringstem Nährwerth (Obst, Reis etc.), der polaren Gefrässigkeit das instinktive Bedürfniss nach Nahrungsmitteln von höchstem Nährwerth bei leichtester Verdaulichkeit (Fleisch, Fett, Thran etc.). In den gemässigten Zonen wiederholen sich diese Gegensätze in gemässigter Form: während der faulenzende Süditaliener und Südspanier nichts begehrt als eine Hand voll Datteln und Feigen nebst einer Zwiebel oder allenfalls Maccaroni, kann der englische Arbeiter oder der norddeutsche Sackträger nicht Fleisch und Speck genug bekommen. Im Durchschnitt tritt im gemässigten Klima der omnivore Instinkt des Menschen in ungetrübter Reinheit ans Licht, während er durch excessive Hitze oder Kälte nach der Seite der Pflanzennahrung oder Fleischnahrung hin abgelenkt wird. Dies lässt darauf schliessen, dass der Mensch einem gemässigten Klima seinen Ursprung verdankt, weil nur in diesem sein Instinkt mit seiner Organisation im Einklang ist.

Wie die klimatischen Abweichungen vom normalen Instinkt als zweckmässige Anpassungen erscheinen, so auch die durch Alter, Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung bedingten Abweichungen. Die geschwächte Verdauungskraft des Alters verlangt nach einem stärkeren Grade von Fleischzusatz in der Nahrung, während der kindliche und jugendliche Appetit auf Obst und Gemüse im Alter mehr und mehr schwindet. Das männliche Geschlecht hat im Durchschnitt stärkeren „Fleischhunger“ als das weibliche, auch abgesehen davon, ob es durch ein grösseres Mass von Arbeit ein stärkeres Ersatzbedürfniss hat; es scheint vermittelst einseitiger Vererbung im männlichen Geschlecht die durch stärkere Arbeitsleistung geweckte Neigung zur Fleischkost sich durch lange Generationen hindurch summirt und befestigt zu haben. Wer aus Ständen, Familien oder Gegenden gebürtig ist, in denen ein beträchtlicher Fleischzusatz zur Nahrung Generationen hindurch üblich war, wird sich immer nur im Kampfe mit seiner instinktiven Neigung auf reine Pflanzenkost zurückziehen; wer hingegen sowohl für seine Person als auch durch seine Vorfahren auf Pflanzenkost eingerichtet ist, wird doch in reiferem Alter eine allmählich zunehmende Verstärkung des Fleischzusatzes bis zu einer gewissen Grenze hin immer mit Behagen empfinden. Diese Grenze ist allerdings individuell verschieden je nach der Verdauungskraft und den qualitativen Bedürfnissen des Organismus, und es ist nicht zu bestreiten, dass es ganz ausnahmsweise auch in gemässigten Klimaten Individuen, besonders solche weiblichen Geschlechts gibt, die eine ausgesprochene Idiosynkrasie gegen Fleischnahrung haben. Solche individuellen Abweichungen des Nahrungsinstinkts können pathologisch, sie können aber auch physiologisch bedingt sein, und selbst auf pathologischer Grundlage können sie ebensowohl zweckmässige Heilinstinkte, wie krankhaft perverse Instinkte sein.

Nimmt man den Durchschnitt des menschlichen Nahrungsinstinktes in gemässigtem Klima zum Massstabe, so findet man ihn wesentlich mit der Organisation seines Gebisses übereinstimmend, d. h. so, dass der grössere Gewichtstheil der täglichen Nahrung vegetabilischen, der kleinere animalischen Ursprungs sein muss, um ihm zu genügen.

Ein Unterschied besteht allerdings zwischen beiden Massstäben, insofern der Instinkt mehr als den achten Theil Fleisch in der Kost verlangt, wie man es nach dem Gebiss erwarten sollte; diess dürfte sich daraus erklären, dass das Gebiss, welches der Mensch von den omnivoren Thieren überkam, auf den achten Theil rohen Fleisches berechnet ist, der Mensch aber gebratenes und gekochtes Fleisch bequem auch mit den Mahlzähnen kauen kann. Dem Instinkt nach gemischter Nahrung entspricht der Instinkt nach Abwechselung zwischen Fleisch- und Pflanzenkost, wenn die wünschenswerthe Mischung beider nicht zu erlangen ist.

Die naturgemässe Kost des Menschen ist also weder die reine Fleisch-, noch die reine Pflanzenkost, sondern die gemischte oder in den Mahlzeiten zwischen beiden wechselnde, allerdings mit Uebergewicht der pflanzlichen Bestandtheile. Gegen diese Thatsache lehnt sich der Vegetarianismus vergebens auf, der ausserdem die berechtigte Verschiedenheit der Zusammensetzung je nach Klima, Alter und Geschlecht, Individualität und Arbeitsleistung völlig verkennt. Auf den Instinkt des Menschen ist er deshalb als auf einen „kannibalischen“, als auf ein ererbtes Ueberlebsel thierischer Roheit schlecht zu sprechen, und es ist der grösste Kummer der Vegetarianer, dass so wenige von denen, welche vegetarianischen Principien huldigen, im Stande sind, sich gegen die Rückfälligkeit in die vom Instinkt geforderte gemischte Kost zu wahren. Mag er darin vom humanen Standpunkt aus recht haben oder nicht, jedenfalls hat er +das+ Recht damit verwirkt, sich für die „naturgemässe Lebensweise“ zu proklamiren. Will er doch diese Behauptung aufrecht erhalten, so muss er zu der Hilfshypothese greifen, dass der Instinkt des Menschen ein widernatürlicher, degenerirter sei. Aber wodurch soll er degenerirt sein? Und wie lässt sich diese Behauptung vereinigen mit der Thatsache, dass alle Thiere mit gemischtem Gebiss Omnivoren sind, und alle Omnivoren weit gieriger auf Fleischkost als auf Pflanzenkost sind? Man sehe nur, wie ein Affe in Leidenschaft geräth, wenn er eine Taube im Zimmer bemerkt, während er die gebotenen Früchte zwar mit Behagen, aber ohne besondere Erregung hinnimmt. Wenn es Specien mit gemischtem Gebiss giebt, deren Nahrungsinstinkt die Pflanzenkost bevorzugt, so ist diess eine Discrepanz zwischen Organisation und Instinkt, welche nur auf einer nachträglichen Anpassung des animalen Typus an die Lebensverhältnisse entstanden sein kann. Diese Anpassung kann entweder auf einer Unzuträglichkeit des Klimas für Fleischkost, oder auf der Leichtigkeit der Versorgung mit nahrhaften und schmackhaften Früchten für Kletterthiere, oder auf der Schwerfälligkeit und Waffenlosigkeit des Arttypus, welche den Raub von Beutethieren erschwert, oder auf einer Verbindung dieser Umstände beruhen. Aber wenn auch die bis jetzt völlig unerwiesene Behauptung wahr wäre, dass gerade die menschenähnlichen Affen im Naturzustande eine Degeneration des Instinktes nach dieser Richtung hin zeigen, so ist daraus doch nicht zu schliessen, dass es für den Menschen naturgemäss sei, ebenfalls diesem degenerirten Affeninstinkt zu folgen, der thatsächlich nicht der seinige ist, und dessen Anpassungsmotive für ihn nicht mehr zutreffen. Denn der Mensch lebt zumeist in einem gemässigteren Klima, als die menschenähnlichen Affen, ist nicht so Kletterthier wie sie, schafft sich die ihm von der Natur versagten Waffen und macht das Fleisch durch Zubereitung leichter verdaulich. Da der Mensch nicht von den uns bekannten menschenähnlichen Affen abstammt, braucht er auch nicht erst deren degenerirten Nahrungsinstinkt zu restituiren, sondern nur den naturgemässen seiner thierischen Vorfahren zu konservieren.

Es entsteht die weitere Frage, ob die vegetabilische Ernährung +rationeller+ sei, d. h. dem Menschen mehr Vortheile oder weniger Nachtheile biete als die animalische. Denn wenn es auch am nächsten liegt, die naturgemässe Lebensweise zugleich für die vernünftige zu halten, so ist doch durch den Glauben an die Zweckmässigkeit der Natur im Allgemeinen die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass etwas für den Naturzustand Passendes im Kulturzustand einschneidender Abänderungen bedarf, um den höheren Zwecken des Kulturlebens zu genügen. Deshalb kann die Untersuchung, ob etwas naturgemäss sei oder nicht, niemals das letzte Wort haben; denn der aus der Natur hervorwachsende bewusste Geist ist zwar selbst noch einerseits etwas Natürliches, anderseits etwas über die Natur Erhabenes, also etwas Natürliches von höherer Ordnungsstufe, welches die Naturzweckmässigkeit fortsetzt und steigert, indem es das Naturgemässe niederer Ordnungsstufe nach seinen Bedürfnissen modelt.