Mister Galgenstrick: und andere Humoresken

Chapter 8

Chapter 83,720 wordsPublic domain

Auf dem Nachttischchen stand eine Medizinflasche, die ich noch nie bemerkt hatte, und neben der Flasche lag friedlich -- mein Zigarettenetui.

Ich öffnete es: Zigaretten waren keine mehr darin, wohl aber ein kleiner Zettel, auf dem in ungelenker Bleistiftschrift stand: »_Excuse, Sire._«

Diese echt Galgenstrickische Art der Bitte um Verzeihung versöhnte mich auf der Stelle. Die Angelegenheit war erledigt.

Ich steckte das Etui in die rückwärtige Hosentasche und frug: »Hast du schlecht geschlafen, Galgenstrick? Dein Aussehen gefällt mir nicht.«

Er nickte eifrig. »Ich habe während der Nacht kein Auge geschlossen; so oft sich der Gott des Schlafes niederbeugte, meine Wimpern anzuhauchen, scheuchten ihn meine rastlosen Gedanken zurück. Sie kläfften ihn an, bis er sich nicht mehr zu nähern wagte und mich wehmütigen Blickes meinen wachen Träumen überließ.«

»Und worüber hast du denn so erregt nachgedacht, Galgenstrick?«

Er zuckte fröstelnd zusammen, strich sich die Bettdecke dichter an den Leib und sprach ernst: »Ich habe versucht, mir Sätze zurechtzulegen, in denen ich dir meine weiteren Erlebnisse berichten könnte. Aber es wollte mir nicht gelingen, die Geschehnisse zu ordnen, ratlos stehe ich ihnen gegenüber: wie die Perlen einer zerrissenen Kette liegen die Ereignisse wirr zerstreut vor meiner Erinnerung, und ich weiß nicht, ob es mir gelingt, sie wieder aneinanderzureihen. Ich habe zerstückelte Menschen gesehen und friedlich schlummernde Leichen; ich habe verzweifelte Schreie gehört und Gebete, die über jeden Schmerz triumphierten; ich habe brennende Dörfer gesehen und Stätten des Trostes -- aber all diese Töne und Bilder verschmelzen in meinem Gedächtnis zu Formlosigkeit. Der Eindrücke, der neuen Gesichte waren zu viele ...«

Er hatte mehr zu sich selbst gesprochen als zu mir. Nun schwieg er, und seine erhitzten Augen starrten ins Uferlose.

Plötzlich hob er seine Hände, ballte sie gegen einen unsichtbaren Feind und ließ sie langsam wieder sinken. Dann legte er die Mittelfinger der rechten Hand auf die mittleren Finger der linken Hand und beschrieb mit geschlossenen Augen jenes Zeichen, das ihn der Mohammedaner gelehrt hatte.

Ich hatte den Eindruck, als handle er in Bewußtlosigkeit, als führe er Reflexbewegungen aus.

Doch dem war nicht so. Denn, als sei nichts geschehen, öffnete er nun die Augen, wandte sich mir zu und sagte:

»Ich will dir erzählen, so gut ich es vermag.«

Ich konnte mich eines leisen Schauers nicht erwehren, eines Schauers, wie ich ihn einmal bei den Produktionen eines Willenskünstlers empfunden habe, der es fertiggebracht hatte, sich selbst in hypnotischen Schlaf zu versenken und selbst wieder zu erwecken.

* * * * *

Kannst du, Herr, es nachempfinden, wie einem Vater zumute sein muß, der sich innig bemühte, seinen Sohn in seinem Geiste und auf Grund seiner Erfahrungen zu einem guten Menschen zu erziehen, und der nun ansehen muß, wie der Sohn in schlechte Gesellschaft gerät, deren leichtsinnigen Ratschlägen er williger folgt als den gereiften Mahnungen des Vaters?

Armer Vater, vergeblich rufest du dein Kind zur Umkehr: schon ist es zu weit entfernt, deine Stimme zu hören. Vergebens hoffst du, es werde den Kopf zurückwenden, deine verzweifelte Gebärde sehen und in einer Wallung der Liebe an deine Brust zurückeilen!

Wie einem solchen Vater erging es mir, Sahib, als ich zu erleben verurteilt war, wie die Hindus im Verkehr mit den Weißen abtrünnig wurden den Gebräuchen der Heimat, der Rasse. Ich habe dir schon erzählt, daß einige von uns sich hatten zu Sergeanten befördern lassen, und ich will hinzufügen, daß noch mehrere den Versuchungen anheimfielen, die in Marzel lockten: sie gaben sich mit weißen Frauen ab, ja, was noch schlimmer ist, sie aßen sogar Speisen, die nicht nach unseren Gebräuchen zubereitet waren.

Ach, Herr, und auch ich war so schwach, mich unterjochen zu lassen von einer Begierde, die mir fremd gewesen war: von der Sucht nach jenem brennenden Dämon, der mir zum ersten Male aus Jim Boughsleighs Whiskyflasche entgegengegrinst hatte.

Ich verlangte nach diesem betäubenden Gift, als ich frierend, hustend und blutspeiend in dem stickigen Eisenbahnwagen eingepfercht saß, durch dessen Fugen und Türspalten der eisige Wind kroch. Auf manchen Stationen machte der Zug halt, fremde Menschen betrachteten uns neugierig, riefen uns Aufmunterungen zu -- die wir aber bald genug nicht mehr beantworteten. Einige Male hielten wir auch stundenlang auf offenem Felde, inmitten von Schneegestöber. Keiner wußte, warum. Es war uns auch gleichgültig.

Ich verlangte nach dem Flaschendämon, als man uns in einem fremden Orte auslud, durch ein verlassenes Dorf trieb, eine endlose Landstraße entlang, auf der uns Soldaten, Kanonen, aber auch abgehärmte Frauen, halberfrorene Kinder begegneten.

Ich verlangte nach dem Dämon, als wir endlich, todmüde, unsere erstarrten Glieder in einer Kirche auf den Boden strecken durften, um wenige Stunden zu schlafen. Und meine Brüder hätten mich fast geprügelt, weil ich durch mein Husten den Gott des Schlafes verjagte.

Da ich in meiner Brust tausend spitze Dolche spürte, erhob ich mich, um im Dorfe nach heiligem Kuhmist zu suchen, daß meiner Krankheit Linderung werde.

Aber vor der Türe stand ein Posten, der mich mit grimmigen Scheltworten zurücktrieb. Und im gleichen Augenblick begann ein wildes Schießen nach dem nächtlichen Himmel.

»Wollt ihr die Sterne herunterschießen?« frug ich verwundert den Posten.

»Ruhe! Mach', daß du in deinen Stall kommst!« fauchte er mich an.

Ich aber ließ mir Zeit, die Ursache des seltsamen Schießens zu erkunden, in das sich nun deutlich auch Kanonendonner mischte.

Da sah ich hoch am Himmel einen Lichtschimmer sich bewegen, ein kleines Licht mit einem grauen Riesenleib, der surrend knurrte.

Nie noch habe ich ein so furchtbares Lufttier gesehen, nie einen so schreckenerregenden Dämon. O, ich verstand, daß sich die Franzosen und Engländer vor diesem Ungetüm fürchteten, das sie »Zeppelin« nannten. Es soll furchtbare Kugeln ausspeien, die Brand und Verwüstung zeugen.

Als ich in die Kirche zurücktrat, umringten mich meine Brüder, und ich erzählte ihnen, was ich gesehen hatte.

Wir warfen uns zu Boden, beteten zu Schiwa und Wischnu, daß sie diesen Luftdämon vernichten mögen, und mit ihm die deutschen Dämonen! ...

Am Morgen wurden wir weitergetrieben, immer weiter nach Norden. Etliche von uns fielen um, erschöpft vor Kälte und Hunger, und wir durften ihnen nicht helfen. Mögen die guten Götter sich ihrer Seelen erbarmt haben!

Und mit unserer Mühsal wuchs unser Haß gegen die Deutschen. Immer neue Schandtaten dieser Dämonen erfuhren wir durch unsere Vorgesetzten.

Einmal begegneten uns Wagen, die waren mit roten Kreuzen bemalt. Sie waren dicht verhängt, so daß wir den Inhalt nicht sehen konnten, aber wir hörten aus ihrem Innern Stöhnen, Schreien und Wimmern.

Und unser Kolonel sagte: »Das haben die deutschen Barbaren verschuldet, die den Krieg mitten im Frieden angefangen haben! Und deshalb müssen sie vernichtet werden!«

»So sind es #deutsche# Dörfer, die ringsum brennen?«

»Ja, wir sind mitten in Deutschland! In der Provinz Brandenburg!«

Ich wollte ihn fragen, warum in Deutschland die Bauern alle Französisch sprechen -- aber ehe ich den Mund öffnen konnte, geschah etwas Entsetzliches: unter heulenden Fistelstimmen ging ein Regen von dicken Eisenstücken auf uns nieder, die sich beim Anprall auf die Erde in glühende, feuerspeiende Teufel verwandelten.

Der Kolonel griff sich nach dem Kopf, taumelte nach vorne und blieb, mit dem Gesicht in den Schnee fallend, bewegungslos liegen. Wildes Geschrei erhob sich, wir stoben auseinander, und wenig hätte gefehlt, daß wir uns in der sinnlosen Verwirrung gegenseitig mit unseren Messern angefallen hätten. Über die am Boden sich krümmenden Körper hinweg rannten wir instinktiv zurück -- heraus aus der Hölle, deren Dämonen uns heulende Eisenbälle nachschleuderten.

Hinter einem Hügel sammelten wir uns wieder.

Wir Hindus sprachen kein Wort. Ich dankte dem Schicksal, das mich behütet und aufbewahrt hatte, meine Brüder zu rächen.

Die Weißen flüsterten aufgeregt miteinander. Manche von ihnen schrieben Briefe und Karten an ihre Frauen und gaben sie sich gegenseitig.

An wen hätte #ich# schreiben sollen? ...

In der Nacht führte man uns in einem großen Bogen gen Westen. Lautlos stapften wir über den gefrorenen Schnee; die Sterne, die in Indien so gütig blicken können, starrten mit feindseliger Kälte auf unseren Zug herab, der sich in Windungen vorwärtsschob -- einer riesigen Malatri vergleichbar.

Und diese aus zitternden Menschen gebildete Schlange kroch über Hügel, durch Schluchten, wälzte sich über zugefrorene Bäche und Flüsse. Wir Hindus wurden ungeduldig: »Weshalb treibt man uns in der Irre umher, statt uns den Feinden gegenüberzustellen?«

Die Engländer gaben uns zur Antwort: »Nur noch ein Weilchen! Dann wird euer Wunsch erfüllt. Wir meinen es gut mit euch, deshalb kommt ihr in die vorderste Reihe, wo es am ungefährlichsten ist; wir aber bleiben waghalsig weiter rückwärts.«

Und so geschah es auch.

In die vorderste jener Erdfurchen, die sie »Schützengräben« nennen, legten sie uns Inder. In einer Frostnacht, die uns die Glieder schier zu steifen Stäben fror, lösten wir die Franzosen ab, die bisher in dieser Furche gehaust hatten. Lautlos, als gälte es einen Einbruch, wechselten wir die Plätze.

Und da lagen wir drei Tage, durften kein wärmendes Feuer entzünden und warteten vergeblich, daß uns die Engländer den versprochenen Reis nach vorne brächten.

Eisenkugeln flogen über unsere Köpfe hinweg -- wir beachteten sie nicht mehr.

Ich war so matt, daß ich im Stehen stundenlang schlief. Einmal weckte mich der rauhe Gesang jenes Liedes, das ich einst in Bombay hatte aus dem Gefängnis singen hören, jenes seltsamen Liedes, das ich für ein religiöses halte und das mit den Worten beginnt: »Deutschland, Deutschland über alles.«

»Sind die Deutschen so nahe?« frug ich einen Sergeanten.

»Sie liegen fünfzig Meter von uns im Schützengraben.«

Ich weiß nicht, wie weit fünfzig Meter sind, aber es muß eine geringe Strecke sein.

Konnten wir doch auch den Dunst gekochten Fleisches bis zu uns herüber riechen.

»Haben denn die Deutschen etwas zu essen? Ich dachte, sie litten Hungersnot?«

»Das tun sie auch! Sie essen Ratten und Mäuse und zwingen die gefangenen Hindus, gleichfalls diese Tiere zu essen!«

Ich stierte ihn entsetzt an. »Ehe ich solch unreines Fleisch esse, sollen sie mir alle Glieder einzeln vom Leibe reißen!«

»Das werden sie sowieso tun, wenn du in ihre Hände fällst! Sie martern alle Gefangenen zu Tode!«

»Und fressen sie dann, ich weiß es!« schloß ich das Gespräch.

Ich war überzeugt, daß es nicht der Dunst von gebratenen Ratten war, der zu uns herüberdrang, sondern der Geruch gerösteter Hindus. Der gutmütige Sergeant hatte mir nicht die ganze schreckliche Wahrheit sagen wollen ...

Wieder hatte mich die Erschöpfung überwältigt. Der Kopf war mir auf die Brust gesunken. Ich träumte:

Durch die Straßen Bombays wandelte ich an der Seite meines Vaters. Um seinen Hals baumelte ein Hanfstrick, aber er achtete dessen nicht, sondern sprach liebevoll mit mir und ich hörte wieder seine Worte: »Der Menschen Schicksal ist den Göttern nur ein Würfelspiel.« Wir kamen an dem Regierungspalast vorbei und von seinem Türmchen herab wehte eine blutrote Fahne. Auf der Fahnenstange aber kauerte Abu-Kalib, der Mohammedaner, und weinte und klagte: »Armer Freund!« Und er machte das geheime Zeichen, und ihm gegenüber, auf einer Palme, hockte ein heiliger Affe und ahmte das Zeichen nach. Ich lachte hellauf und drohte dem klugen Tier -- aber da war es kein Affe mehr, sondern eine große Whiskyflasche, in der Jim Boughsleigh gefangen saß. Und er jammerte: »O, mich is schlecht, very hundsmiserabel schlecht is mich!« Da hob ich einen Stein auf, um ihn nach Jim Boughsleigh zu werfen. Aber nicht der Stein flog, sondern ich selbst, denn ich war einer der Geflügelmenschen geworden, die ich in Marzel auf dem bemalten Tuch gesehen hatte. Und ich flog über die Stadt hinweg und landete in Ägypten. Da stand das Tierspital, das bisher in Bombay gewesen war, und jene Dame aus Marzel saß an der Pforte und rief: »Malatri hat nach dir verlangt, sie will dich sprechen!« Und da kam auch schon Malatri durch ein Loch in der Türe gekrochen und hatte vier große Beine bekommen und --

Ich fuhr empor. Dicht über mir, am Rande des Schützengrabens, stand ein riesenhafter Mensch und schlug mit dem Gewehrkolben nach mir. Ich schleuderte meinen vergifteten Dolch gegen seine Kehle, sprang aus dem Graben und rannte durch ineinander verbissene Menschenknäuel laut schreiend geradeaus.

Frage mich nicht, was ich sah, noch was ich hörte. Ich kannte mich nicht aus, achtete nicht, wer Feind, wer Freund war, ich schoß um mich, lief, warf mich hin, sprang wieder auf, riß das Bajonett von meinem Gewehr, um es als Messer zu gebrauchen, und -- spürte plötzlich einen Schlag gegen meine Achsel, der mich umwarf.

Ein Mensch stolperte über mich, faßte meinen Hals, würgte mich -- ich verlor die Besinnung.

* * * * *

Ich weiß nicht, wie lange meine Seele sich von mir getrennt hatte. Waren es Stunden, waren es Tage -- nur Schiwa vermag es zu sagen.

Sie kehrte wieder in demselben Augenblick, als zwei Hände mich bei den Beinen packten. Ich wollte mich aufrichten, aber ein stechender Schmerz in der Achsel drückte mich zu Boden. Und die tausend Dolche in meiner Brust waren glühend geworden und verbrannten mich von innen heraus.

»Wer bist du?« fragte ich den Weißen, der meine Beine gepackt hatte, auf englisch. Er war ein jugendlicher Mann, ich erkannte es trotz seines Vollbartes. Um den Arm trug er eine Binde mit einem roten Kreuz.

»Wir sind deine Freunde!« antwortete eine englische Stimme mir zu Häupten. Erschrocken wandte ich unter Schmerzen meinen Kopf und gewahrte hinter mir einen zweiten Mann, der dasselbe Abzeichen trug und sich eben anschickte, mich unter den Schultern zu fassen, um mich mit Hilfe seines Begleiters auf eine Tragbahre zu legen.

Ich griff nach einer Waffe -- aber keine war im Bereich meiner Hände zu finden.

»Laßt mich liegen,« ächzte ich. »Was wollt ihr von mir?«

»Wir sind deine Freunde!« antwortete jener wieder und rief seinem Kameraden einige unverständliche Worte zu.

Ein heißer Schreck durchflutete mich. Welche Sprache redeten die beiden? -- War es Deutsch?

Ich riß meine Beine, die der eine von neuem gepackt hatte, strampelnd los.

»Seid ihr Deutsche?« entrang es sich mir stöhnend.

»Ja, das sind wir. Nun aber schweige, sei vernünftig und lasse dich von uns wegtragen!«

»Nein!« schrie ich auf und wälzte mich in dem blutigen Schnee. »Nein! Ihr wollt mich fressen! Ich will nicht geschlachtet werden! Lieber will ich hier verenden wie ein wundes Tier! Berührt mich nicht!«

Die beiden sahen sich kopfschüttelnd an. Sie sprachen wieder in ihrer fremden Sprache, und ich suchte, angstgepeinigt, in ihren Mienen ihre Absichten zu lesen. Hätte ich einen Revolver gehabt, ich hätte sie erschossen.

Schließlich zuckte der eine die Achseln, sie beugten sich nieder, hoben mich mit eisernen Griffen auf die Bahre und trugen mich hinweg.

Ich brüllte: »Ihr Dämonen, Hunde, ihr wollt mich zerstückeln! Aber ich esse euer unreines Fleisch nicht! Seid verflucht! Laßt mich los!«

Und ich spuckte meinen blutigen Auswurf nach ihnen. Aber sie ließen sich nicht irre machen.

Ach, ich war zu schwach, mich ernstlich zur Wehr zu setzen. Meine Gedanken verwirrten sich wieder, und meine Seele nahm von neuem Abschied von meinem gefolterten Leibe. -- -- --

Als ich die Augen aufschlug, fand ich mich in einem großen halbdunklen Zelt, auf einer Bahre liegend. Um mich herum standen ähnliche Bahren und auf jeder lag ein Mensch. Die Luft war von ungekannten, bitteren Düften erfüllt.

Ich hob den Oberkörper, um besser sehen zu können, fiel aber sogleich unter wildem Schmerz in mich zusammen. Was war mit meiner Brust geschehen? Ein dicker Verband lief von der Achsel um Arme und Brust. Wer hatte mich in diese Tücher eingeschnürt?

Langsam kam mir die Erinnerung und mit ihr das atemlose Entsetzen: Du bist bei den Deutschen, sie wollen dich schlachten ... man hebt dich hier mit anderen Hindus für das Opferfest auf ... eine Speisekammer lebender Menschen.

Ich versuchte mich mit meinem Nachbarn zur Rechten zu verständigen, indem ich ihn leise anrief.

Er wandte langsam den Kopf nach mir -- ich sah in ein weißes Gesicht.

Furchtbar: so fraßen also die Deutschen auch #weiße# Menschen!

Als ich die glanzlosen Augen auf mich gerichtet sah, vergaß ich schier meine eigenen Schmerzen.

»Leidest du sehr, Herr?« lallte ich.

Der Weiße, der mein Englisch nicht verstand, wandte den Kopf wieder weg von mir und wimmerte kaum hörbar.

Ich hörte Schritte und entdeckte nun im Halbdunkel zwei Männer in weißen Kitteln, die mit einer ähnlich gekleideten Frau von Bahre zu Bahre gingen. An jeder Bahre blieben sie eine Weile stehen, aber ich konnte nicht unterscheiden, was sie machten.

Als sie sich mit meinem Nachbarn zur Rechten beschäftigten, sprachen sie mit ihm in deutscher Sprache. Das nahm mich wunder -- woher kannte der kranke Engländer die Sprache der Barbaren?

Nun standen sie bei mir.

Die Frau -- es war eine Krankenschwester -- schob ihren Arm unter meinen Rücken, um sanft meinen Oberkörper aufzurichten.

Wütend biß ich nach ihr.

»Artig sein!« sagte der eine Arzt mahnend zu mir. »Wir tun dir nicht weh!«

»Bist du ein Engländer?« forschte ich.

»Nein, ein Deutscher. Aber hier gibt es keine Völkerunterschiede mehr, sondern nur noch Kranke, denen wir helfen wollen. Du siehst hier auf den Bahren Freund und Feind, Weiße und Farbige --«

»Du lügst!« schrie ich -- aber ich dämpfte sogleich meine Stimme, denn die Anstrengung des Schreiens zerriß mir die Brust. »Du lügst!« wiederholte ich jämmerlich, »ihr wollt mich töten! Feige Bestien!«

Der Arzt sprach mit seinem Berufsgenossen einige Sätze in deutscher Sprache. Wahrscheinlich überlegten sie, ob sie Gewalt anwenden sollten.

Schließlich gingen sie mit der Schwester zum nächsten Kranken, ohne mich angerührt zu haben.

Ich lag, dumpf vor mich hinstarrend, und wenn sie nicht meine Arme fest in den Verband mit eingewickelt gehabt hätten, hätte ich mir die Tücher abgerissen. Lieber verbluten, als mich zu Tode foltern zu lassen.

Eine Weile später kehrte die Schwester an meine Bahre zurück, einen dampfenden Teller in den Händen tragend.

»Jetzt wollen sie dich zwingen, verbotenes Fleisch zu essen!!« durchzuckte es mich, und ich biß die Zähne zusammen.

Mochten sie mir sie mit Eisenzangen auseinanderreißen, wenn sie konnten!

Aber -- o wundersame Überraschung -- der Teller war angefüllt mit gekochtem Reis. Und die Schwester beugte sich zu mir nieder und gab mir mit dem Löffel zu essen, wie eine Mutter ihr Kindchen füttert. Und jeden Löffel des heißen Reises blies sie zuvor.

Ich verschlang heißhungrig die willkommene Nahrung.

Die Schwester lächelte und frug auf englisch: »Siehst du, daß wir es gut mit dir meinen?«

Ich musterte sie mißtrauisch und gab ihr keine Antwort.

»Willst du nicht deinen Verband erneuern lassen? Es wird deine Schmerzen lindern!« frug sie weiter. Ihre ruhige Stimme tat mir wohl. Aber wer weiß, vielleicht wollte sie mich nur in Sicherheit lullen.

»Nein!« erwiderte ich rauh. »Ich will keine Wohltaten von euch deutschen Barbaren!«

Bei dem Worte »deutsche Barbaren« trat eine Träne in ihre Augen. Doch sie erhob keinen Vorwurf, geduldig wischte sie mit einem Tuch die Speisereste von meinem Mund und wandte sich anderen Kranken zu.

In meiner fiebernden Brust stritten sich die Gefühle. Ich sagte mir: Du darfst den Deutschen nicht trauen, sie sind deine Feinde, und du hast so viel Schändliches von ihren Sitten gehört, daß du sie verabscheuen müßtest, auch wenn nur die Hälfte davon wahr wäre. Gleichzeitig empfand ich, daß sich diese Krankenschwester nicht verstellt hatte und daß die Güte, die aus ihrer Stimme leuchtete, ein Abglanz ihrer #Herzensgüte# war.

Weshalb hatten mir die Deutschen Reis als Labe gereicht, da es doch hieß, sie spotten unserer Speisegesetze?

War es Absicht, war es Zufall?

Ich beschloß, auf der Hut zu sein und doppelt streng zu beobachten.

Als die Nacht herannahte, machten die Ärzte abermals die Runde. Und wieder forderte mich der eine in englischer Sprache auf, meinen Verband erneuern zu lassen. Aber ich ließ mich nicht von ihnen anfassen.

Die Krankenschwester frug mich, ob ich schlafen könne?

Obwohl ich fühlte, daß der Gott des Schlafes mich vergessen werde, bejahte ich doch diese Frage. Denn ich wußte: nun mußte bald die Stunde gekommen sein, in der sich die Deutsche in Frösche verwandelten.

Als sich die Schwester mit einem guten Wunsche entfernt hatte, faßte ich den kranken Deutschen, der mir zur Rechten lag, scharf ins Auge.

O, ich wollte gut aufpassen! Es sollte mir nicht entgehen, wie er zum Frosch zusammenschrumpfte!

Immer dunkler ward es, immer kälter, es mußte schon um die elfte Nachtstunde sein -- und der Deutsche hatte noch immer Menschengestalt.

Ich war nicht der einzige Wachende im Lazarett.

Ich hörte, wie sich Kranke fiebernd hin und her warfen, hörte Husten und Röcheln, hörte raschelnde Schritte von Wärtern, und einige Male, wie Wasser in Gläser gegossen wurde.

Vor allem aber hörte ich, wie der frostige Nachtwind an den Zeltwänden riß und sie pfeifend peitschte.

Es mußte Mitternacht sein -- und noch immer hatte sich der Deutsche nicht in einen Frosch verwandelt.

Er schlief unruhig, heiser atmend, murmelte im Traum aufgeregte Worte, und ich unterschied mehrmals ein Wort, dessen Bedeutung ich damals noch nicht kannte, das Wort: »Mutter«.

Ist es nicht wundersam, daß das erste deutsche Wort, das ich in mich aufnahm, das Wort »Mutter« war?

Zuletzt überwältigte mich die Ermattung und ich entschlummerte.

Und ich erwachte mit der Gewißheit: die verruchten Engländer haben dich schmählich belogen! Die Deutschen sind keine bösen Dämonen ...

Nein, Herr, ihr seid keine Dämonen; ich erfuhr es aus euren Reden und mehr noch aus euren Taten!

Ich erfuhr es, als wenige Tage später das Lazarett zu unserem Entsetzen beschossen wurde und ihr nicht an eure eigne Sicherheit dachtet, sondern zuerst an die Rettung der Kranken.

Ich erfuhr es, als ihr mich mit euren derben, guten Händen in den Eisenbahnwagen trugt, der mich in diese Stadt brachte.

Und wenn ihr auch nur Weiße seid, voll von törichten Vorurteilen wie alle Nicht-Hindus, und mich mit euren Arzneien heilen wollt, statt mit heiligem Kuhmist -- ich hasse euch nicht und bete zu Schiwa um euren Sieg!

* * * * *

Mister Galgenstrick machte eine lange Pause.

Ich betrachtete ihn ergriffen. Denn so gleichgültig uns auch das Lob eines Hindus sein kann, mich erwärmte doch die naive Bewunderung dieses Naturkindes, das durch alle seine verschrobenen Vorstellungen hindurch die Reinheit deutschen Wesens ahnte.

Plötzlich nahm Galgenstrick meinen Arm, zog mich zu sich nieder und flüsterte mir ein Geheimnis ins Ohr: »Ich glaube nicht, daß die Götter mir das Leben lassen. Wenn sie es mir aber gnädig vergönnen, in diesem Leibe weiter zu wohnen, so will ich von neuem kämpfen! Aber nicht mit euren Feinden gegen euch -- sondern mit euch gegen die Engländer! Versprich mir, daß du mir dazu verhelfen wirst!«

Ich hätte ihm sagen können, daß wir Deutschen keine wilden Völkerstämme in unsere Reihen aufnehmen, daß wir diese »Kulturerrungenschaft« neidlos unseren Gegnern überlassen -- aber ich wollte den Kranken nicht durch Widerspruch erregen.

So machte ich eine Geste, die er sich nach Belieben als Bejahung oder Verneinung auslegen mochte.

Er lächelte befriedigt und ich schied von ihm mit dem Bewußtsein, ihm eine belebende Hoffnung hinterlassen zu haben, die seine Genesung beschleunigen würde.

Zwei Tage blieb ich dem Lazarett ferne, beschäftigt mit der Überarbeitung von Galgenstricks Erzählungen.

Am dritten Tage besuchte mich _Dr._ Heßberg.