Mister Galgenstrick: und andere Humoresken

Chapter 7

Chapter 73,769 wordsPublic domain

Im Hafen wurden uns unsere Waffen zurückgegeben und wir wurden durch die Stadt in die Kaserne geführt.

Dieser Einzug ist meine schönste Erinnerung an den Krieg. Die Menschen drängten sich auf den Straßen, Freude leuchtete von ihren Gesichtern, sie riefen uns jauchzende Begrüßungen zu, schwenkten Tücher.

Es war das einzige Mal, daß uns Hindus von den Weißen die Ehrfurcht bewiesen wurde, die uns gebührt.

Besonders begeistert begrüßten uns die Frauen. Sie warfen uns Kußhände zu und Blicke, für die jeder Hindu sein Weib totprügeln würde.

Während des Einmarsches geschah ein Wunder: es fielen vom Himmel weiße Papierfetzen, die aber zu Wasser zerschmolzen. Die Europäer nennen sie »Schnee«. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und fürchtete mich gewaltig. Allein man beruhigte mich: dieser Schnee fiele jeden Winter, er sei ganz ungefährlich. Man sagte mir auch, man mache daraus Männer -- aber das glaube ich nicht. Denn wenn die Weißen aus Schnee Menschen machen könnten, weshalb hätten sie dann uns Hindus und die abscheulichen Neger zu Hilfe holen müssen?

Aus allen Fenstern guckten Männer und Frauen, und aus einem Hause -- du kannst dir meine Freude denken -- schauten Hindus herab. Es war ein großes Gebäude, und von seinem Dache wehte eine große Fahne mit einem roten Kreuz. Genau, wie sie an dem Hause flattert, in dem ich jetzt liege.

Ich habe am nächsten Tage den Versuch unternommen, mit meinen Brüdern in diesem Hause zu sprechen, ihnen meine Schicksale zu erzählen und sie nach ihren eigenen Erlebnissen zu fragen. Ich fand auch nach vielem Suchen das Haus, aber man ließ mich nicht hinein. Ja, es wurde uns sogar ausdrücklich verboten, mit Verwundeten zu reden.

Heute kann ich mir dieses Verbot nur allzu gut erklären.

Sonst aber hatten wir in Marzel ziemlich viel Freiheit. Wir durften frei auf den Straßen gehen, durften uns alles betrachten. Die Leute von Marzel waren sehr freundlich zu uns, sie stopften uns die Taschen voll Zigaretten, schenkten uns wollene Decken und lachten herzlich, wenn wir uns in unserer, ihnen unverständlichen Sprache bedankten. Daß wir ihre Speisen nicht genossen, wußten sie bereits.

Einmal begegnete mir auf der Straße ein Zug von Menschen, denen eine Fahne vorausgetragen wurde, auf der ein weißes Weib in Waffen abgemalt war. Ich fragte einen Mann auf englisch, wer diese Lady sei? Er antwortete mir in derselben Sprache, aber er sprach lange kein so reines Englisch wie ich.

Und ich erfuhr, diese Lady sei eine Jungfrau aus O-r-l-e-a-n-s (was wieder ganz verrückt ausgesprochen wird) und die Engländer hätten sie verbrannt.

Ich stimme sonst selten mit den Engländern überein, aber da mußte ich ihnen vollkommen recht geben. Ein Weib, das die Vermessenheit hat, einem Manne gleichen zu wollen, gehört getötet. Jeder Hindu wird diese Ansicht teilen. Nur weiß ich nicht, weshalb die Engländer uns die Witwenverbrennungen verbieten, wenn sie selbst früher Weiber verbrannten?

Überhaupt scheinen die früheren Engländer viel vernünftigere Menschen gewesen zu sein als die heutigen.

Ein andermal kam ich an einem Laden vorbei, da waren Tiere ausgestellt. Auch eine große Schlange war dabei, die zusammengekrümmt in einem Glaskasten lag und schlief. Vielleicht träumte sie von ihrer Heimat?

Ich mußte an Malatri, die Brillenschlange, denken und ein Schluchzen zog mir den Hals zu.

O Malatri, hätte ich dich hier gehabt, wie hätte ich dich streicheln und küssen wollen, meine glatte Freundin! Ich hätte dir meine Sehnsucht geklagt nach dem warmen Indien, und du hättest meine Sprache verstanden und mit mir getrauert!

O Malatri, warum bist du allein aus diesem Leben geflohen und hast mich nicht mitgenommen, der ich dein bester Freund war?

Ich wischte mir die Tränen von der Nase -- da fiel mein verschleierter Blick auf ein kleines Glaskästchen, in dem auf einem Leiterchen ein grüner Frosch saß.

»Aha, ein gefangener Deutscher!« sagte ich mir und ward wieder heiter.

Die ersten Tage gefiel mir Marzel über die Maßen, doch als meine Neugier gestillt war, nistete sich die Langeweile in meiner Seele ein und begann ihre Eier auszubrüten.

Daher rieten mir meine Kameraden, die Mittage in einem jener Häuser zu verbringen, welche die Weißen »Kaffeehaus« nennen. Aber dort war es noch langweiliger.

Ich weiß nicht, weshalb die Weißen diese Stätten aufsuchen, in denen sie ein Getränk trinken, das sie zu Hause sicherlich billiger, besser und in reinerer Luft bekommen; in denen sie Spiele spielen, bei denen sie ihr Geld verlieren und Streit miteinander bekommen; in denen zehn Menschen gleichzeitig Musik machen, und wenn man durch Händeklatschen seinem Mißfallen Ausdruck gibt, erst recht nicht aufhören.

Vielleicht tun es die Weißen, um sich zu kasteien.

Am heftigsten empörte es mich, daß in diesen Stätten so viele #Frauen# herumsaßen, statt, von ihren Gebietern eingesperrt, zu Hause zu arbeiten und in harter Fron die Schmach, ein Weib zu sein, abzubüßen.

Aber ich habe ja schon gesagt, daß die Weißen nicht wissen, wie man eine Frau vernünftig behandelt.

Noch deutlicher sollte ich das erfahren, als ich an einem der nächsten Abende, an dem ich länger Urlaub hatte, in ein anderes Lokal ging, dessen Besuch mir die Kameraden empfohlen hatten.

Wir Soldaten genossen dort freien Eintritt, während alle anderen Menschen Geld bezahlen mußten, um in das Gebäude zu gelangen, das außen mit vielen farbigen Lichtern geschmückt war.

Zuerst kam man in einen großen Vorraum und dort gaben die Menschen ihre Hüte und die Mäntel ab. Ich dachte, sie würden sich vielleicht noch weiter ausziehen, aber das taten sie nicht.

Die Frauen, welche die Hüte und die Mäntel in Empfang nahmen, hatten zuletzt eine Unmenge von diesen Bekleidungsstücken, und ich begreife nicht, weshalb sie nicht im Laufe des Abends damit durchbrannten. Aber die Weiber haben ja keinen Verstand.

Aus dem Vorraum führte eine Treppe in einen weiten, hellerleuchteten Saal, in dem viele Tische standen.

Ein Mann, der ein merkwürdiges Kleid mit vielen Goldknöpfen anhatte, führte mich an einen Tisch und machte mir ein Zeichen, ich sollte mich hinsetzen.

Das tat ich, wenn auch widerstrebend. Denn ich hatte Angst, die Weißen würden wieder Musik machen -- eine Befürchtung, die sich leider bald erfüllte.

Als ich mich umsah, stand der Mann mit den Goldknöpfen noch immer hinter mir und reichte mir ein bedrucktes Heft. Aus Gefälligkeit nahm ich es ihm ab -- da wollte der freche Mensch Geld dafür haben, und ich gab ihm das Heft wieder zurück.

Ich betrachtete mir den Saal, in dem schon viele Leute und auch einige Hindus saßen, und mich interessierte besonders ein großes Tuch, das an der Wand vorne hing. Darauf war allerlei Geflügel gemalt, aber mit menschlichen Körpern.

Gerade wollte ich einen in der Nähe sitzenden Bruder fragen, in welchem Lande es solche geflügelte Menschen gibt und ob sie auch Eier legen, als plötzlich die Musik einsetzte. Und wenn bei den Weißen Musik gespielt wird, sind sie ruhig und reden nichts, und das ist der einzige Vorteil, den die weiße Musik hat.

Drei Stücke spielte die Musik, und es war sehr vorsichtig von den Musikern, daß sie versteckt saßen und man sie nicht sehen konnte.

Das mittelste Stück war die englische Nationalhymne, die von allen Leuten mitgesungen wurde und von mir auch, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß ich dann Zigaretten geschenkt bekomme.

In Bombay hatten sie eine ganz andere englische Nationalhymne gehabt als diese, welche lautet:

_It's a long way to Tipperary It's a long way to go. It's a long way to Tipperary, To the sweetest girl I know. Good-by, Picadilly! Farewell, Leicester Square! It's a long, long way to Tipperary, But my heart's right there!_

Ich weiß nicht, wo Tipperary liegt und wer der Herr Picadilly ist, zu dem man in dieser Nationalhymne »Adieu« sagt, noch weiß ich, wer die Frau Leicester Square ist, zu der man »Lebewohl« sagt, ich weiß nur, daß mir dieses Lied vorkommt wie ein großer Blödsinn. Und ich verstehe nicht, daß die Engländer so eine dumme Nationalhymne singen, wenn sie in die Schlacht ziehen, um andere für sich kämpfen zu lassen.

Nach dem dritten Musikstück wurde es finster und das große Bild mit den Geflügelmenschen rollte sich bis zur Decke in die Höhe.

Und da sah ich, daß hinter dem Bild noch ein großer erleuchteter Raum war, in dem ein Wald gemalt war. Ich freute mich und dachte, vielleicht kommen jetzt Affen in den Wald.

Aber es kamen sechs französische Ladies und die Leute machten »Ah«, weil sie so alt waren.

Die Ladies hatten englische Uniformen an, nur an den #Beinen# hatten sie keine Uniform.

Und sie sangen auf englisch ein Lied: Daß sie die tapferen Highländer wären und alle deutschen Barbaren töten würden, und sie stocherten dabei mit den Beinen in der Luft herum, und ich glaube wirklich, daß kein Deutscher diesen Anblick hätte ertragen können.

Die Leute gerieten denn auch in eine schreckliche Begeisterung und schwenkten die Taschentücher und schrien minutenlang. Leider aber wurden sie wieder ruhig, so daß die Ladies weiter singen konnten.

Und sie sangen eine zweite Strophe, die hatte denselben Inhalt wie die erste.

Und dann eine dritte, die hatte denselben Inhalt wie die zweite.

Und immer warfen sie dabei ihre Beine in die Luft und ich muß zugeben: das war eine Leistung in ihrem Alter.

Dann kamen die Geflügelmenschen wieder herunter und gingen noch ein paarmal in die Höhe, damit die Ladies Kußhände werfen konnten, und es wurde wieder hell.

Ich war sehr ärgerlich über diese Ladies. Noch zorniger aber war ich über eine französische Miß, die am Nebentisch saß und ununterbrochen zu mir herüberlächelte und ihre Augen verdrehte. Wenn ich Malatri, die Brillenschlange, bei mir gehabt hätte, hätte ich sie auf dieses Weib losgelassen.

Sie muß irgendeiner Kaste angehört haben, denn auch sie hatte sich mit roter Farbe bestrichen -- allerdings nicht auf der Stirn, wie wir Bekenner Schiwas, sondern auf den Backen.

Als die Miß sah, daß ich auf ihre Blicke aufmerksam wurde, lächelte sie noch freundlicher und fragte etwas in ihrer unverständlichen Sprache. Ich wollte freundlich sein, und antwortete das eine der drei französischen Wörter, die ich weiß, nämlich »oui!«.

Da stand sie auf und setzte sich an meinen Tisch und begann, Süßigkeiten zu knabbern.

Nun steigerte sich meine Wut noch erheblich: wie kann eine Frau sich unterstehen, in Gegenwart eines Mannes zu essen, und auch noch an demselben Tisch! Eine Hindufrau hätte nie den Mut dazu.

Zum Glück klingelte es in diesem Augenblick und die Geflügelmenschen flogen wieder an die Decke.

Diesmal waren drei Männer in dem Wald, die machten auf Leitern Turnkunststücke. Es war nichts Besonderes, jeder indische Gaukler kann es besser, aber ich war ihnen dankbar, daß sie wenigstens dabei nicht sangen.

Auch die französische Miß neben mir fing an zu turnen, indem sie immer näher an mich heranrückte. Sie hatte ein Taschentuch in der Hand, das roch nach verwelkten Blumen. Und weil sie nicht aufhörte zu schwatzen und die Augen zu verdrehen, sagte ich das zweite französische Wort, das ich weiß, nämlich »pardon!«.

Darüber lachte sie herzlich, zeigte mir ihre Zähne, von denen die meisten aus Gold waren, und streichelte meine Hand.

Nun wollte ich nicht unhöflich sein und sagte das dritte französische Wort, das ich weiß, nämlich »cochon!«.

Da wurde sie noch röter, als sie angestrichen war, und ließ meine Hand los, stand wütend auf und ging fort.

Ich sah ihr verdutzt nach, denn gerade hatte sie angefangen, mir besser zu gefallen.

Aber ich machte mir weiter kein Kopfzerbrechen über den Fall. Ich sah noch eine Weile zu, was die Männer in dem Wald anstellten, und dann ging ich fort.

Auf dem Wege zur Kaserne erblickte ich an einer Straßenecke einen Menschenauflauf, der sich um einen weißen Zettel drängte, welcher an einer Tafel hing.

»Was bedeutet dies, Herr?« frug ich einen englischen Soldaten aus der Menge.

Er drehte sich um und ich bemerkte, daß er sich in dem heiligen Zustand befand, den ich so oft an Jim Boughsleigh beobachtet hatte.

»Stütze mich, Junge!« sagte er und hängte sich in meinen Arm. Und im Weitergehen, wobei er mich bald nach rechts, bald nach links zog und manchmal nach beiden Seiten zugleich ziehen wollte, erklärte er mir: »Ein Telegramm! In der Hauptstadt der deutschen Barbaren macht das Volk aus Hunger Revolution!«

Er freute sich kindisch über diese Neuigkeit, und wenn ich ihn nicht festgehalten hätte, hätte auch er mit den Beinen in die Luft gestochert.

Mich aber beschlich bittere Traurigkeit ob der Nachricht. Hungersnot! Also hatten die Deutschen schon alle Hindus in ihrem Lande aufgefressen!

Und ich, statt meine Brüder zu rächen, war noch immer in Marzel.

O, wie ich diese deutschen Dämonen haßte! O, wie sehnte ich mich nach dem Augenblick, wo ich den ersten von ihnen unter meinem Messer hätte!

Nach allem, was ich gehört hatte, waren die Deutschen nichts anderes als wilde Tiere, blutgierige Dämonen, die auszurotten eine Pflicht, eine Wohltat für die Menschen sein mußte!

»Mögen alle Deutschen unter den gräßlichsten Folterqualen zugrunde gehen!« knirschte ich.

»Brav, Junge,« lallte der Tommy an meinem Arm torkelnd. »Hol' sie der Teufel und seine Großmutter!«

Er hob die rechte Hand, beschrieb damit einige Kreise in der Luft, was ihm aber nur halb gelang, weil seine Hand anders wollte als sein Kopf, und schrie heiser: »Zerschmettern werde ich sie -- alle schlag' ich sie kaputt -- so!!« Und wenn ich ihn nicht gehalten hätte, wäre er vor lauter Begeisterung der Länge nach hingeschlagen.

Plötzlich aber ging -- wie das im heiligen Zustand öfters vorzukommen pflegt -- sein Heldenmut in Rührung über, er fing an zu schluchzen, hing sich an meinen Hals und heulte:

»Braunes Vieh, du bist der einzige wahre Freund! Gib mir einen Kuß! Stinktier! -- O, wär ich doch zu Hause geblieben! Was liegt mir an dem ganzen, verfluchten Krieg! ... Küsse mich, Rabenaas!«

Und dabei streckte er mir seine gespitzten Lippen entgegen. Weil ich aber den Kopf zurückzog, verlor er das Gleichgewicht, stolperte und fiel zu Boden.

»Ich bin erschossen!« schrie er. »Eine Kanone hat mich durchbohrt!«

Nur mit großer Mühe gelang es mir, ihn aufzuheben. Ich lehnte ihn an die Wand eines Hauses. Er blieb eine Minute mit geschlossenen Augen stehen, dann überkam ihn wieder die Tapferkeit.

»Wo ist ein Deutscher?« grölte er, und diesmal überschlug sich nur seine Stimme, nicht mehr er selbst.

»Es ist keiner da!« beruhigte ich ihn.

»Das ist sein Glück! -- Komm, gehen wir weiter! Führe mich, braune Kanaille!«

Ich zog ihn fort.

Ich hätte ihn am liebsten allein gelassen, aber er klammerte sich so fest in meinen Arm, daß ich ihm nicht entkommen konnte.

»Ich muß dir ein Bild zeigen,« erklärte er plötzlich. »Ein Bild, was sie für Halunken sind, die Deutschen! Lehne mich an die Laterne, mein Junge!«

Als seinem Wunsche willfahrt war, kramte er in den Taschen herum und suchte das Bild. Er warf zuerst den Inhalt seiner rechten Hosentasche auf das Straßenpflaster, dann den Inhalt der linken Hosentasche. Mit einem Mal schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, er nahm seine Mütze ab und holte aus dem Futter eine Ansichtskarte.

»Da!«

Ich nahm die Karte und betrachtete sie: sie zeigte eine Photographie, unter der in Englisch und zwei anderen Sprachen stand: »Deutsche Soldaten verteilen Brot an hungrige Belgierkinder.«

Fragend sah ich den Tommy an.

Er riß mir die Karte aus der Hand, wobei er um ein Haar wieder mit dem Erdboden Bekanntschaft gemacht hatte, glotzte sie groß an und grinste: »Das ist die falsche! Das ist eine ... von den Karten ..., die die deutschen Flieger ... heruntergeschmissen haben ...!«

Das Sprechen fiel ihm schwerer und schwerer. Er sprach, als ob er zwei Zungen im Munde hätte.

»Wie?« entsetzte ich mich. »Die Deutschen können #fliegen#?«

Und es lief mir eiskalt über den Rücken.

Ach, nun konnte ich mir das Bild auf dem Vorhang deuten: die Geflügelmenschen waren Deutsche gewesen!

Der Tommy hatte meine Frage überhört; er hatte eine neue Karte aus dem Mützenfutter gekramt, und diesmal war es die richtige: »Deutsche Soldaten erschießen einen fünfjährigen Knaben, nachdem sie ihm die Ohren abgeschnitten haben!«

Ich brüllte vor Wut laut auf, als ich dieses Bild sah. O, diese deutschen Dämonen -- wie lechzte ich nach ihrem Blut!

Weshalb stellte man uns ihnen noch nicht gegenüber? Wie lange sollten wir unseren Haß noch bezähmen?

»_It's a long way to Tipperary_,« begann mein Begleiter zu singen, »_it is a long_ --,« bums, da krachte es.

Der Tommy war den Laternenpfahl abwärts geglitten und saß nun auf dem Pflaster.

»Steh auf,« rüttelte ich ihn. »Du mußt in die Kaserne!«

Mit Anstrengung öffnete er seine Augen zu einem unsicheren Blinzeln. »_Good bye, Picadilly_« ... grunzte er, ließ den Kopf sinken und schnarchte.

»Steh auf!« wiederholte ich dringlicher. »Du wirst bestraft, wenn du zu spät in die Kaserne kommst! Bedenke, daß du ein Soldat des Königs von England bist, Herr!«

»Der König von England soll mir den Buckel herunterrutschen!« brummte er im Halbschlaf und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster aus.

Da überließ ich ihn seinem heiligen Zustand und eilte allein der Kaserne zu.

Er hatte mich lebhaft an Jim Boughsleigh erinnert. Sein Charakter hinterließ mir einen Nachgeschmack von faulen Eiern, und seine Taschenuhr ging so sehr nach, daß ich sie am nächsten Abend wegwarf.

Vor der Kaserne und im Hof herrschte, obwohl es schon eine Stunde vor Mitternacht war, noch lebhafte Bewegung. Geschütze wurden hin und her gefahren, nachgeprüft, Pferde wurden untersucht, -- ich wußte, was dies zu bedeuten hatte, und Freude erwärmte mein Herz: endlich, endlich setzten wir zum Sprung an auf die Kehlen der deutschen Dämonen.

Kleine, rollbare Instrumente fesselten meine Aufmerksamkeit.

»Was ist das?« bat ich um Belehrung.

»Maschinengewehre.«

»Was wird mit diesen Maschinen hergestellt?«

Und ich erfuhr, daß man mit dieser Waffe mehrere Hundert Menschen in der Minute töten kann.

»Haben auch die Deutschen solche Maschinengewehre?«

»Nein! Überhaupt sind sie kläglich bewaffnet und es fehlt ihnen schon lange an Munition!«

Der weiße Soldat, der mir diese Auskunft gab, hatte sicherlich geglaubt, mir damit Mut und Angriffslust zu schärfen. Darin täuschte er sich. Ich will lieber mit einem Gegner kämpfen, der ebenso stark bewaffnet ist wie ich, als mit einem Schwächling. Ich wünsche mir männliche Feinde, die mich zwingen, alle meine Kräfte anzuspannen, auf der Hut zu sein und das Höchste zu leisten, dessen ich fähig bin. Ein Kampf mit Unfähigen entehrt den Sieger ebenso, wie eine Disputation mit geistig Unterlegenen verdummt.

Übrigens scheinen die Franzosen ihre Maschinengewehre als heilige Gegenstände zu verehren, -- sonst würden sie sie doch nicht mit Vorliebe auf #Kirchtürmen# aufstellen.

Bald genug bewahrheitete sich meine Vermutung, daß unser Aufbruch nahe bevorstünde. Aber wie so anders als unser Einzug in Marzel spielte sich die Abfahrt ab.

Beim Einzug Jubel, Jauchzen, Tücherschwenken -- bei der Abfahrt weinende Frauen, jammernde Kinder, Gesang, der wie Schluchzen klang.

Wir Hindus verstanden diese Traurigkeit nicht. Hatten die Weißen keine klugen Väter, die sie lehrten, wie mich der meine: »Lerne lachen, wenn es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen möchtest!«

Oder glauben diese törichten Weißen, durch Tränen das Schicksal in seinen Entschlüssen wankend machen zu können? Das Schicksal hat lange vor deiner Geburt dein Leben in allen Einzelheiten vorausbestimmt, und es hat dir einen kostbaren Talisman gegeben gegen alle trüben Erlebnisse: die Gleichgültigkeit. Die Weißen halten sich für zu wichtige Wesen.

Ich hatte gedacht, wir würden wieder in das Schiff verladen werden, aber diesmal wurden wir in Eisenbahnwagen verpackt. Man sollte es gar nicht glauben, wieviel Menschen in so einen Eisenbahnwagen hineingehen. Hatten wir uns in dem Schiffsbauch gefühlt wie die Heringe in einer Tonne, so glichen wir jetzt eher dem Sekt in einer Flasche, und wenn jemand unvermutet die Wagentüre geöffnet hätte, wären wir mit einem lauten Knall herausgequollen, wie der Sekt aus der entkorkten Flasche.

Viele Wagen zählte der Zug, und es fuhren außer uns Hindus noch mit: Franzosen, Engländer und die häßlichen Neger.

»Wohin fahren wir, Herr?« frug ich einen Sergeanten.

»Ich weiß es nicht!«

»Werden wir viele Tage unterwegs sein?«

»Ich weiß es nicht!«

Da wandte ich ihm den Rücken und sagte zu meinen Beinen »Gute Nacht«, denn sie fingen an einzuschlafen.

Eine Militärkapelle, die längs der Wagen des Zuges aufgestellt war, setzte mit einem Marschlied ein. Mitten durch den Lärm der Musik gellte ein Pfiff der Lokomotive, wir wurden wild durcheinandergeworfen -- der Zug fuhr.

»Oui, pardon, cochon!« flüsterte ich vor mich hin. »Lebewohl, Marzel, du warst eine schöne Stadt! Und wenn man die Weißen aus dir hinauswerfen und dafür Hindus ansiedeln könnte, würdest du noch gewinnen! Wie hat mich dein Schmutz angeheimelt! Lebewohl, auch du, Schlange in dem Glaskasten, adieu Marzel!«

Betrachte auch du, Herr, den Lokomotivpfiff als ein Zeichen zum Aufbruch und lasse mich nun allein! Ich bin müde.

* * * * *

Lächelnd über diesen eleganten Hinauswurf erhob ich mich.

Öfter als einmal hatte ich an diesem Mittag in den Augen Mister Galgenstricks jenes durchtriebene Leuchten drollig-naiver Spitzbüberei beobachtet, das mir bei meinem ersten Besuche aufgefallen war. Kein Zweifel: Galgenstrick hatte in Marseille auch einige Abenteuerchen erlebt, die er mir #verschwieg#. Ganz so eisern, wie er sich dessen rühmte, hatte er sein Mienenspiel doch nicht in der Gewalt.

Ich setzte mich zu Hause an meinen Schreibtisch, legte mir die Notizen und Manuskriptpapier zurecht und griff in meine Rocktasche, um mir die gewohnte Arbeitszigarette anzuzünden, da -- ja, zum Kuckuck, wo war denn mein Zigarettenetui?!

»Anna!«

»Gnä' Herr?«

»Sehn Sie doch mal nach, ob im Mantel meine Zigaretten stecken!«

Nach einer Pause, in der ein Stabsarzt ein halbes Regiment eingehend auf seine Felddiensttauglichkeit hätte untersuchen können, brachte mir Fräulein Anna den Bescheid:

»Im Mantel is fei' nix!«

»'s is gut!«

Teufel, wo war mein Etui hingeraten? Es wird doch nicht am Ende ..., aber nein, pfui, so etwas von Galgenstrick zu denken! Wir Weißen sind wirklich schlechte Kerle!

Vormittags telephonierte _Dr._ Heßberg an.

»Jawohl?« begrüßte ich ihn.

»Jawohl und da hört sich einfach alles auf! Wie kannst du dich unterstehen, einem schwer lungenkranken Patienten Zigaretten zu schenken!! Bist du denn ganz von Gott verlassen?«

Also doch! Hatte mir der ... der ... na, wählen wir mal einen milden Ausdruck: der #Bazi# mein Etui geklaut! Aber ich konnte es doch nicht übers Herz bringen, diese Missetat _Dr._ Heßberg zu verraten.

»Er hatte mich so flehend um ein paar Zigaretten gebeten,« log ich, »ich konnt's ihm nicht abschlagen!«

»Und die Folge ist, daß er heute nacht einen schweren Anfall hatte! Zum letzten Male sage ich dir's: Wenn du noch ein einziges Mal --«

»Und wie geht's deiner Frau?«

»Schluß!«

_Dr._ Heßberg klingelte ab. Wieder einmal war ich für fremde Sünden gescholten worden. »Das Schicksal will es so,« dachte ich amüsiert, frei nach Galgenstrick. »Und wenn das Schicksal etwas will, kann man nichts dagegen machen!«

Aber ich nahm mir doch vor, dem Mister Galgenstrick klarzumachen, daß er meine Rocktaschen außerhalb des Bereiches seiner Weltanschauung zu lassen habe. Ich überlegte mir auf dem Weg ins Lazarett eine Rede, und, wie es mit meinen meisten Reden geht, ich kam nicht dazu, sie zu halten.

Denn ich fand Galgenstrick in einem so erbärmlichen Zustand, daß ich ihm kein böses Wort sagen konnte.

Seine kecken Augen hatten einen fiebrigen, hysterischen Glanz, seine Hände, seine »geschickten« Hände zitterten auf der Bettdecke.