Mister Galgenstrick: und andere Humoresken

Chapter 6

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Wir musterten einander eine Weile, ohne zu sprechen. Diesem wortlosen gegenseitigen Suchen zweier Unglücklichen haftete eine merkwürdige Feierlichkeit an.

Wir prüften unsere Seelen mit den Blicken -- zwei Freunde, die sich in tiefer Not begegnen und sich stumm verstehen.

Ich legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie zur Stirn.

Gespannt harrte ich, ob der Mohammedaner das Zeichen erwidere?

Er stieg gemessen die Stufen der Treppe empor, bis er dicht vor mir stand. Kein Zucken in seinem Gesicht, keine Bewegung verriet, was in ihm vorging.

Mir war zumute wie in einem Tempel.

Und ohne den Blick von mir zu lösen, vollführte er das geheimnisvolle Zeichen.

Langsam ließ er die Hände sinken. Dann beugte er sich zu mir nieder und flüsterte das eine Wort: »Leise!«

Er ahmte das Pfeifen und Rascheln einer Ratte nach -- blickte nach oben -- die Wache rührte sich nicht.

Da setzte er sich neben mich auf die Treppe, -- und nun war er nicht mehr der feierliche Mohammedaner mit den gemessenen Gesten, sondern ein gesprächiges altes Männlein, das hastig lispelnd mit mir plauderte, wie ein altvertrauter Bekannter.

Ich merkte freilich wohl, daß er bei dem scheinbar sorglosen Plaudern mich eindringlich beobachtete, und ich glaube, er hätte bei der kleinsten verdächtigen Schwankung meines Tonfalls sich sogleich wieder in den unnahbaren Stummen zurückverwandelt.

»Woher kennst du das Zeichen, Freund?« forschte er.

»Einer deines Stammes hat es mich gelehrt.«

»Wo?«

»In Bombay.«

»Wann?«

»Am Tage, ehe man uns auf dieses Schiff brachte.«

»Erzähle es mir genau!«

Ich erfüllte sein Begehren. Er hörte mir ruhig zu, manchmal mit dem Kopf beifällig nickend, manchmal leise kichernd.

Von Zeit zu Zeit gab er mir mit der Hand ein Zeichen, eine Pause zu machen, ahmte wieder die Ratte nach, blickte nach oben, und da keine Gefahr drohte, ließ er mich weiter sprechen.

Als ich geendet hatte, sagte er:

»Das war Abu-Kalib! Allah segne ihn! Und stärke ihn im Sterben, wenn ihn die Engländer erwischen!«

»Wenn er dich kennt, weshalb gab er dann den Brief mir, dem Fremden, und keinem von euch?«

»Schlauköpfchen! Weil kein mohammedanischer Soldat in Bombay auch nur für die Zeitspanne eines Augenblinzelns unbeobachtet blieb! -- Wo hast du den Brief?«

»Hier!«

Ich zog ihn aus meinem Gewand, fühlte, ob das Siegel noch unverletzt sei, und reichte ihm das Schreiben.

Er küßte es.

»Ist bei euch unten eine Wache?« lispelte er.

»Nein. Wozu auch?«

»Pst! Leise, mein Freund!«

Er faßte meine Hand und zog mich die Treppe hinab. Dabei quiekte er ein Rattenkonzert von erstaunlicher Naturtreue -- die Wache oben rührte sich nicht. Vielleicht war sie eingeschlummert.

Als ich am Eingang zu unserem Raume stand, zögerte ich einen Augenblick. War es nicht sündhaft, einen unreinen Mohammedaner in unser Lager zu führen? -- Aber seufzend gestand ich mir, daß ich in den letzten Wochen unter dem Zwange des Krieges so oft hatte gegen unsere Sittengebote verstoßen müssen, daß mir die Götter wohl auch dieses Vergehen noch verzeihen würden.

So traten wir denn auf den Zehenspitzen ein, stiegen über die Schlafenden hinweg, nach einer Fensterluke, durch die der Mond seine neugierigen Strahlen warf.

In dieser Beleuchtung sah ich zum ersten Male den Mohammedaner deutlicher: die vielen Runzeln in seinem Gesichte zeugten von vollbewußt erlittenen, herben Lebensschicksalen. Und nun begriff ich auch, warum er beim Sprechen lispelte und das Pfeifen der Ratte täuschender als ein Hindu nachahmen konnte: er pfiff durch eine breite Zahnlücke.

Ehe er das Schreiben öffnete, sah er mir scharf in die Augen.

Ich verstand sein Mißtrauen, las in seinem Blick die Frage: »Bist du auch nicht von den Engländern bestochen?« und deutete als klarste Antwort auf das Zeichen Schiwas an meiner Stirn.

Er nickte befriedigt und brach das Siegel auf.

Und während er las, weiteten sich seine Augen, Entsetzen verzerrte sein Antlitz, er taumelte, ließ das Blatt sinken, als überstiege es das Fassungsvermögen seines Hirnes, weiter zu lesen.

Ich erschrak und bereute es beinahe, ihm das Schreiben anvertraut zu haben.

Am Ende war es doch kein heiliges Werk, wie mir Abu-Kalib beteuert hatte?

Am Ende hatte ich mich zum Mitwisser, zum Mitschuldigen eines blutigen Frevels gemacht?

Aber ehe ich diese Befürchtungen weiter denken konnte, fesselte mich wieder des Mohammedaners seltsames Benehmen.

Er hatte das Schreiben dicht vor die Augen gehoben, so daß ich im Mondschein durch das Pergament hindurch die Umrisse seines Kopfes wie den gespenstischen Schatten eines Raubtierschädels sah. Nun senkte er das Blatt wieder und mir starrten die Züge eines Irrsinnigen entgegen. Er ergriff meine Hand mit seiner fiebernden Rechten, während er sich die Linke in den Mund preßte, um nicht aufschreien zu müssen.

Ich stand erschüttert. Bis ich fühlte, wie sich der Druck seiner Hand löste und er aus seinem Krampfe erwachte.

Und nun hing er an meinem Hals und weinte an meiner Brust -- der alte Mann wie ein Kind.

Ich wußte mir sein Weh nicht zu erklären, aber ich wagte nicht zu fragen. Ich legte meinen Arm um seinen gekrümmten Rücken, er zuckte zusammen unter dieser zärtlichen Bewegung, und nun hatte er sich wieder auf sich selbst besonnen.

»Allah wird dich lohnen und dir die Wonnen des Paradieses schenken!« lispelte er. Und indem er auf die Reste des Siegels aus dem Fußboden wies, warnte er: »Entferne dies, lasse es die Engländer nicht finden! Es kann dich den Kopf kosten!«

Ich bückte mich, las die Reste zusammen -- und als ich mich wieder aufrichtete, war der Mohammedaner entwischt. Ich hörte von der Treppe her das Piepen einer Ratte -- vermischt mit schluchzendem Kichern.

Heute weiß ich, was in dem Schreiben stand: es war des Sultans Aufruf zum heiligen Krieg.

Aber nicht zum heiligen Krieg gegen die deutschen Dämonen, wie die Offiziere gelogen hatten, sondern zum heiligen Krieg gegen die Engländer.

Ich hatte die Reste des Siegels vom Boden aufgesammelt und, um sie sicher zu verbergen, verschluckt. Die Folge bewies mir, daß Siegellack ein schlechtes Nahrungsmittel ist. Heftiges Bauchgrimmen lohnte mir das fromme Werk und bestätigte die alte Erfahrung, daß uns unsere guten Taten in der Regel die #bittersten# Schmerzen eintragen.

Bald genug sollten mich unerwartete Ereignisse belehren, daß der alte Mohammedaner den Inhalt des Schreibens nicht geheimhielt.

Wirrer und aufgeregter dünkte mich am nächsten Morgen der Widerhall der Schritte uns zu Häupten. Vielleicht aber kam es mir auch nur so vor, da ich bisher nie so aufmerksam auf dieses Geräusch geachtet hatte.

In der Nacht aber erhob sich über uns ein drohendes Gemurmel, schwoll zu gärenden Rufen, Schreie kreischten und bald war es, als ob ein Rudel wilder Hunde losgelassen sei.

Wir wachgewordenen Hindus sahen einander verwundert an und ein Brahmane sagte:

»Ein Narr, wer sich gegen das Schicksal auflehnt!«

Ich unterschied in dem Lärm, wie Holz zerbrochen wurde, wie Glas klirrte, und mein Eindruck war: die da oben demolieren ihr Gefängnis.

Und nun trampelten Schritte auf der Treppe -- die Mohammedaner drängten unter wildem Heulen nach dem Verdeck -- Schüsse fielen.

Ein Handgemenge schien zu toben.

Einen Augenblick dachte ich daran, meine Brüder zu entflammen, den Mohammedanern zu Hilfe zu kommen. Aber ich besann mich rechtzeitig, daß die Bekenner Allahs mir ebenso fremd und unrein gelten wie die Weißen. Mögen die Götter sie beide vernichten!

Was hätten auch wir Unbewaffneten gegen die wohlgerüsteten Engländer ausrichten können? Und überdies: Verdient, wer erfolgreich lügt, härtere Strafe als der Tor, der #sich belügen läßt#?

Ich, als Hindu, habe tiefere Achtung vor dem Lügner als vor dem Belogenen -- und ich glaube, auch ihr Weißen fühlt insgeheim gleich mir, denn weshalb löget ihr sonst so oft?

Da der Lärm über uns und auf der Treppe kein Ende nehmen wollte, so beschloß ich, mich persönlich von dem Stand der Dinge zu überzeugen. Vielleicht siegten die Mohammedaner und wir konnten aus der fremden Tapferkeit Nutzen ziehen?

Du siehst, ich fühlte schon ganz englisch.

Ich öffnete also die Türe -- prallte aber sogleich zurück. Zwei englische Soldaten hielten mit gezücktem Revolver Wache vor der Tür. Dieser Posten stand fortan bei Tag und bei Nacht vor unserem Raum und hinderte jeden Verkehr zwischen uns und den Mohammedanern.

Seit der Meuterei der Mohammedaner glich das Schiff einem schwimmenden Zuchthaus.

Nur ein einziges Mal durften wir Hindus an Deck und das war am Tage nach jener Revolte. Unsere Offiziere ließen uns in Reihen von zwei und zwei antreten und trieben uns die Treppe hinauf.

Oben standen wieder die bewaffneten Engländer uns Unbewaffneten gegenüber -- ganz wie damals auf dem Kasernenhof, als man uns zur »Nachtübung« auf das Schiff gebracht hatte.

Wie lange hatte ich den Himmel nicht mehr gesehen! Und wie hatte er sich verändert! Es war nicht mehr der liebe blaue Himmel Indiens, der luftige Wohnsitz der Götter, nicht mehr der süße Himmel, der wie der durchsichtige, zarte Schleier vor einem klugen Frauenantlitz ist -- nein, es war ein schmutziges Tuch, das sich ein altes Weib vor das verrunzelte Gesicht gebunden hatte, ein trüber, dunstiger, mißgelaunter Himmel.

Ein Himmel, der nicht hören und nicht sehen wollte, was nun geschah.

Denn nun trat ein Offizier vor und hielt eine jener Reden, in denen die Engländer Meister sind. Kein Volk der Erde versteht es so vortrefflich, gleichzeitig zu sündigen und sich moralisch zu entrüsten. Es gleicht einer Hure, die über den Kuß eines reinen Mädchens Zeter schreit. Einem bestochenen Richter, der einen hungrigen Brotdieb zum Pranger verurteilt. Und wenn die Engländer jemals der Göttin der Wahrheit einen Tempel bauen, so müßten sie ihr Standbild auf den Kopf stellen und ihr eine Schnapsflasche in die Hand geben.

Der Offizier sprach davon, daß die Mohammedaner den heiligen Eid, den sie dem König geleistet hätten, schmählich gebrochen hätten. Davon, daß ihnen dieser Eid unter lügnerischen Vorspiegelungen erpreßt worden war, sprach er nicht.

Er sprach davon, daß die Engländer die väterlichen Freunde der Mohammedaner seien, und wie schändlich es sei, solche väterliche Liebe durch Meuterei zu lohnen. Davon, daß die Engländer gleichzeitig dem Sultan sein Land nehmen und es mit ihren Spießgesellen teilen wollten, sprach er nicht.

Er sprach davon, daß die Engländer blutenden Herzens die Mohammedaner für den gebrochenen Soldateneid strafen müßten, denn England sei der berufene Schützer des Rechts auf dieser Welt. Davon, daß sie, wie ich später hörte, verbündet sind mit den Meuchelmördern von Serbien und dem ehrenwortbrüchigen Zaren von Rußland, sprach er nicht.

Es war eine lange Rede und sie enthielt fast mehr Lügen als Worte. Wir hörten sie an, wie man eben eine Rede anhört, wenn einem geladene Gewehre nach der Brust schielen, und beneideten die Möwen, die davonfliegen konnten.

Dann begann das Strafgericht. Die Engländer zählten aus den Reihen der Mohammedaner jeden zehnten Mann aus, zwangen ihn vor die Front zu treten und banden ihm die Hände auf den Rücken.

Auch den Alten, dem ich das Schreiben Abu-Kalibs ausgehändigt hatte, traf das Los. Wir suchten uns mit den Blicken, und wenn er die Augensprache verstand, las er von meinem Antlitz Worte, die -- hätten die Engländer sie vernommen -- unsere Familientradition wieder zu Ehren gebracht und mich am Galgen baumeln gemacht hätten.

Der Alte hob, als die Reihe an ihn kam, feierlich seine Hände den Stricken entgegen, und es sah beinahe aus, als segne er die Ketten, ehe sie ihn fesselten. Sie banden ihn so fest, daß sein Rücken noch gekrümmter war als sonst.

Und obgleich ich nicht gerne einen Menschen lobe, außer mich selbst, muß ich sagen: dieses greisenhafte Männchen ging dem Tode mit einem Gleichmut entgegen, der jedem Hindu zur Ehre gereicht hätte.

Möge seine Seele sich auf ihren weiteren Wanderungen so weit vervollkommnen, daß die Götter sie in einigen Jahrtausenden würdig finden, in dem Leib eines Hindus, und sei es auch nur der untersten Kaste, zu wohnen.

Die Gefesselten wurden weggeführt, und uns trieb man wieder in unseren Stall zurück.

Kaum waren wir unten, da erschienen die Engländer bei uns, um unsere Habseligkeiten zu durchstöbern. Ja, wir mußten uns sogar nackt vor ihnen ausziehen, damit sie erführen, ob wir nichts Verdächtiges unter unseren Kleidern verborgen trügen.

Wie klug war der Rat des Alten gewesen, die Spuren des Siegels zu tilgen!

Die Engländer fanden nichts bei mir, außer zwei fremden Geldtäschchen. Und auch bei den anderen fanden sie nichts.

Wir lauschten, ob wir die Schüsse vernähmen, die die Seelen der gefesselten Mohammedaner wie Peitschenhiebe aus ihren Körpern treiben sollten -- aber kein Schuß gellte.

Wahrscheinlich haben sie sie #gehenkt#, dachten wir.

Doch auch diese Vermutung war irrig. Die Todesstrafe wurde erst vollzogen, als wir an Land waren, als wir an einer Küste ausgeladen wurden, die sie Ägypten nannten.

»Wem gehört dieses Land?« frugen wir.

»Es gehört uns Engländern.«

»Wieso?«

»Wir haben es uns genommen.«

»Mit welchem Recht?«

Da lachten sie und sagten, wir hätten keine Kultur.

Ich habe das Wort »Kultur« noch gar oft gehört und gelesen, aber ich bin mir trotz angestrengten Grübelns nicht klar geworden, was Kultur eigentlich ist? Kultur ist, wenn man Schulen baut, und Kultur ist, wenn man Kanonen baut. Kultur ist, wenn man den Frieden preist, und Kultur ist, wenn man den Krieg besingt. Kultur ist, wenn man die Armen speist, und Kultur ist, wenn man den noch Ärmeren ganze Länder raubt. Kultur ist, wenn man seine Religion ehrt, und Kultur ist, wenn man andere ihrer Religion abtrünnig macht.

Ich weiß nicht, was Kultur ist, aber ich bin stolz, wenn man mir sagt, ich hätte keine. Obwohl ich andererseits sage: wenn die Engländer Kultur haben, dann haben auch wir Hindus welche!

Ich glaube, Kultur ist im Grunde nur eine der Ausreden, um welche die Weißen nie verlegen sind, wenn es gilt, für häßliche Dinge einen schönen Namen zu finden.

Jim Boughsleigh hatte mir versichert, Ägypten sei ein wunderschönes Land, aber ich merkte nichts davon. Ich fand, es sei eine sandige Wüste, in der es nachts so kalt war, daß ich bitterlich fror.

Und auch das erste Erlebnis, das wir dort hatten, war alles andere eher als wunderschön.

Wir wurden nämlich aus den Zelten, in denen man uns untergebracht hatte, herausgeholt, um der Hinrichtung der gefesselten Mohammedaner beizuwohnen. Man stellte sie auf einen Sandhügel und die Engländer schossen auf sie, bis keiner mehr lebte.

Der Alte war einer der ersten, die umfielen. Er krümmte sich zusammen, wie eine ersaufende Ratte, dann streckte er sich in einem kurzen Krampf und blieb so liegen.

Die Mohammedaner murmelten Gebete, während man ihre Brüder erschoß. Vielleicht war es auch etwas anderes, was sie murmelten.

»Bleiben wir in Ägypten?« frug ich den Offizier, der uns in unsere Zelte zurückführte.

»Vielleicht!«

»Gibt es in Ägypten deutsche Dämonen?«

»Nein! Aber es nahen türkische Feinde!«

»Sind die Türken auch Dämonen?«

»Ja!«

»Verwandeln sie sich des Nachts auch in Frösche?«

Der Offizier sah mich groß an und gab mir keine Antwort mehr.

Vier Tage blieben wir in diesem Land. Und auf alle Fragen, die wir stellten, bekamen wir die Antwort »vielleicht«.

Eine bange Unruhe bemächtigte sich wieder unserer. Was hatten die Engländer mit uns vor? Würden sie auch unter uns ein Blutbad anrichten?

Ich konnte die Zukunft nicht erraten, aber jedenfalls war ich froh, daß ich in unserer Kompagnie der #neunte# Mann war, und nicht der #zehnte#.

Um die Mittagsstunde des vierten Tages befahl mich der Kolonel zu sich.

Ich grüßte ihn ehrerbietig und dachte mir das Gegenteil.

»Höre, Galgenstrick,« begann er, »du bist ein intelligenter Bursche! Du hast dich bisher als tapferer Soldat gezeigt!«

Das war mir neu. Aber ich dachte mir: vielleicht hat es den Engländern imponiert, daß man bei mir zwei fremde Geldtäschchen gefunden hatte. Ich schwieg, denn man darf einem Vorgesetzten nicht ungefragt antworten, und wenn er noch so greulichen Unsinn redet.

»Du bist tapfer, mein Junge,« wiederholte der Kolonel, »und du sollst sehen, daß wir Engländer die Tapferkeit belohnen!«

Mich durchzuckte die Hoffnung: vielleicht läßt er dich zur Belohnung nach Indien zurückkehren?

Aber der Kolonel sagte: »Du bist hiermit zum Sergeanten befördert!«

Ich muß wohl, obwohl ich mich zu beherrschen weiß, ein etwas langes Gesicht gemacht haben, denn er fuhr fort: »Freust du dich nicht? Weißt du nicht, welche Vorteile es hat, Sergeant zu sein?«

Ich sagte: »Ich will nicht Sergeant sein!«

»Warum nicht?« staunte er.

»Weil ich dann den anderen Befehle geben muß. Unter uns Hindus aber befinden sich einige Brahmanen, und es wäre eine unlöschliche Sünde, wollte ich mir anmaßen, einem Brahmanen Befehle zu erteilen!«

»Dummes Zeug! In unserer Armee gibt es keine Kastenunterschiede, sondern nur Soldaten! -- Wegtreten!«

Ich wandte mich zum Gehen; da er aber bemerkte, daß ich noch etwas auf dem Herzen hatte, rief er mich nochmals zurück und forschte: »Nun? Was ist dir noch rätselhaft?«

Ich nahm meinen Mut zusammen und sprach: »Ich habe beobachtet, daß Vorbereitungen zur Weiterfahrt getroffen werden. Wohin wird man uns bringen?«

»Das weiß ich noch nicht. -- Hast du sonst noch etwas zu fragen?«

»Ja, Herr! wir haben bisher nur weiße Vorgesetzte gehabt -- weshalb werden nun auch aus #unseren# Reihen Vorgesetzte gewählt?«

»Weil in dem Lande, in das wir kommen, Offiziersmangel herrscht!«

Ich lauschte auf. Eben hatte er noch gesagt, er wisse nicht, wohin wir kämen, und jetzt sprach er von einem ganz bestimmten Land. Er log für einen Engländer recht schlecht.

»Wieso herrscht Mangel an Offizieren, Herr?« frug ich listig. »Haben die Feinde so viele von ihnen getötet?«

Da wurde der Kolonel sehr böse und schrie: »Rede keine Albernheiten!«

Er lief ein paarmal hin und her und lachte in ironischer Wut: »Na, das Fragen wird dir in Frankreich schon vergehen!« Und blieb so dicht vor mir stehen, als ob er mir die Nase zum Abbeißen anbieten wollte, und knurrte: »Ich sehe, du taugst doch nicht zum Sergeanten! -- Scher' dich zum Teufel!«

So blieb ich wenigstens vor der Sünde bewahrt, mich über einen Brahmanen zu erheben.

Als ich wieder in unserem Zelte war, warf ich mich nieder und dankte Schiwa. Ich betete: »Beschütze mich in Frankreich und hilf mir, die deutschen Dämonen vernichten! Und wenn du mir gnädig sein willst, so lasse für jeden Deutschen, den ich töte, noch zwei Engländer umkommen! Lasse mich heil in meine Heimat zurückkehren! Wenn du aber meinen Tod beschlossen hast, so lasse mich auf dem Schlachtfeld sterben, lasse mich nicht in die Hände der deutschen Dämonen fallen, welche uns Hindus schlachten und verzehren! Wenn du aber auch dieses beschlossen hast, so mache, daß mein Fleisch giftig sei, damit der deutsche Dämon, der mich zum Frühstück frißt, qualvoll verenden muß! Lässest du mich aber leben, so will ich nach Benares zum heiligen Strom wallfahren, und alles, was ich inzwischen mit Hilfe der Götter stehlen werde, will ich dir opfern! Oder wenigstens einen Teil davon! Und bewahre mich vor Kultur und allen anderen Übeln!«

Damit war mein Gebet noch lange nicht zu Ende, aber mitten im Gebet kam plötzlich das Signal zum Aufbruch und wir wurden auf das Schiff gejagt.

Nicht alle Hindus waren so fromm gewesen wie ich, einige hatten sich zum Sergeanten befördern lassen, und mir quoll die Galle, als ich einem tief unter mir stehenden Wasserträger gehorchen mußte.

Zu unserem Erstaunen wurden wir in dem Raum des Schiffes untergebracht, in dem bisher die Mohammedaner gehaust hatten. Die Mohammedaner aber blieben mit einigen englischen Offizieren zurück in Ägypten. Es hieß, sie seien nicht würdig, gegen die deutschen Dämonen zu kämpfen, aber ich denke mir, die Engländer fürchteten eine neue Revolte. Wohin sie die Mohammedaner gebracht haben, weiß ich nicht. Aber sicherlich haben die wenigsten ihre Heimat wiedergesehen.

Der Schiffsbauch unter uns blieb leer. Aber nicht lange. Denn nach mehrtägiger Fahrt legten wir für ein paar Stunden an der Küste an und luden Menschen ein, wie ich noch nie häßlichere gesehen habe: tiefschwarze Neger.

Wir wollten zuerst gar nicht glauben, daß es Menschen seien, sondern hielten sie für Tiere. Aber man sagte uns, auch sie seien Verbündete der Engländer und Franzosen.

Seitdem hat sich meine Ehrfurcht vor den heiligen Affen stark vermindert, denn wer weiß, ob nicht auch die Affen heimliche Verbündete der Engländer sind.

Und weiter ging die Meerfahrt, immer weiter. Und immer kälter wurde es. Meine Brust schmerzte mich, ich spuckte Blut.

Wenn mir das in meiner Heimat passiert war, so hatte ich heiligen Kuhmist auf meine Brust gelegt. Hier aber, auf dem Meere, gab es dieses köstlichste aller Heilmittel nicht, und so wurde ich kränker und kränker.

Es kam auch einmal der Schiffsarzt zu uns herunter und sah mich an, und er wußte einen fremdländischen Namen für meine Krankheit, nämlich »Simulant«.

Wir alle froren jämmerlich, doch trösteten uns die Engländer: »Je weiter wir nach Norden kommen, desto wärmer wird es! Das ist ein Naturgesetz!«

Aber bei den Weißen scheinen nicht einmal die Naturgesetze etwas zu taugen.

* * * * *

Mister Galgenstrick hustete heftig.

»Bist du müde, mein Freund?« frug ich. Er sah mich gereizt an. »Ich bin weder müde, noch bin ich dein Freund!«

Doch schien ihn diese Grobheit zu reuen, denn er meinte gleich darauf: »Aber ich hasse dich auch nicht. Du hast mir schöne Bilder gebracht.«

Ich wollte das elektrische Licht andrehen, denn es war düster geworden. Galgenstrick bat mich: »Tue es nicht! Öffne lieber das Fenster!«

»Das darf ich nicht, es ist kalt draußen. Die Kälte würde deine Krankheit verschlimmern!«

»Eben deshalb habe ich darum gebeten. Meine Seele lechzt danach, in einen anderen Leib überzugehen.«

Darauf konnte ich nichts erwidern.

Ich wartete, bis Mister Galgenstricks Mienen sich wieder glätteten und er zu erzählen fortfuhr:

* * * * *

Die Stadt, in deren Hafen wir nun anlegten, liegt in Frankreich und heißt Marzel. Geschrieben wird sie M-a-r-s-e-i-l-l-e.

Sie hat einen sehr schönen Hafen, in dem viele Schiffe lagen und auf das Ende des Krieges warteten. Es kommen immer mehr dazu, und als ich einmal einen englischen Kameraden frug, warum diese Schiffe untätig im Hafen ruhen, lachte er:

»Zur Hebung des französischen Außenhandels.«

Mir fiel überhaupt bald auf, daß in den Augen der Engländer ein leises Lächeln zuckt, wenn sie über Frankreich reden, und ich vermute, sie betrachten die Franzosen als eine Art weiße Hindus und lassen sie eine ähnliche Rolle in diesem Krieg spielen wie uns.

Die Franzosen sind kleinere Menschen als wir, aber sie sind viel lebhafter, sie gestikulieren heftig, und auch wenn man, wie ich, ihre singende Sprache nicht versteht, kann man meistens erraten, was sie meinen. Sie reden sehr viel und sehr schnell. Man sollte es kaum für möglich halten, daß die Frauen dort noch mehr sprechen als die Männer, aber es ist #doch# so.

Ich habe von ihrer Sprache nur drei Wörter behalten können, die ich oft hörte: »Oui«, »pardon« und »cochon«.

Bei unserer Einfahrt in den Hafen begrüßten uns die Schiffe mit lautem Jubel. Alle Schiffe hatten sich mit bunten Fahnen behängt, und ich glaubte zuerst, der Kaiser von Frankreich habe Geburtstag.

Später habe ich erfahren, daß es in Frankreich keinen Kaiser gibt, sondern nur einen Präsidenten, der aber auch nichts zu sagen habe, daß vielmehr jedes halbe Jahr ein neues »Ministerium« (ich weiß nicht, was das ist) gebildet wird, um das Gegenteil von dem früheren »Ministerium« zu tun, und daß man dies »Republik« nennt.

Geflaggt aber hatten die Schiffe und die ganze Stadt Marzel, weil eine große, günstige Entscheidungsschlacht stattgefunden hatte: die Russen hatten die Deutschen bei den Masurischen Seen vernichtend geschlagen.