Mister Galgenstrick: und andere Humoresken
Chapter 5
Ich sperrte Nase und Mund auf. War das alles? Ein versiegeltes Schreiben? Und deshalb so viel Geheimtuerei?
»Was bedeutet das Ganze?«
»Ein frommes Werk! Die Götter werden es dir lohnen! Und die Engländer dich dafür verwünschen!«
Ich wußte nicht, welche von beiden Belohnungen mir die begehrenswerteste dünkte.
»Und ich soll es irgendeinem Mohammedaner geben?«
»Irgendeinem, der das Zeichen kennt!«
»Und wann soll ich zum ersten Male das Zeichen erproben?«
»Sobald ihr auf hoher See seid!«
Ich zuckte zusammen, -- aber schon im gleichen Augenblick kam mir mein Schreck töricht vor.
Diesmal war ich es, der lächelte, und ich sprach: »Auf hoher See? Wir kommen nicht übers Meer, wir werden nur in der Heimat verwendet!«
Da schaute mich der Mohammedaner so tieftraurig an, daß mein Lächeln erstarb und Unruhe mir ins Herz zog.
»Armer Freund!« klagte er und wischte sich mit der Hand eine voreilige Träne von der Wimper. »Armer Freund!«
Als ich ihn so bewegt sah, geriet ich in solche Aufregung, daß ich hastig einen Zipfel seines Kleides ergriff und ihn bestürmte:
»Was willst du damit sagen? Weshalb weinst du? Bei allem, was du verehrst, sprich, sprich!«
Aber er wiederholte nur: »Armer Freund!«
Und riß sich los und enteilte.
Ich stand da, mit blitzenden Augen und wogender Brust. In der geballten Faust hielt ich die drei Rupien, die mir aus alter Gewohnheit in der Hand geblieben waren, als ich das Kleid des Fremden berührt hatte.
War ich das Opfer einer Zauberei? War der Fremde ein böser Dämon gewesen?
Doch nein, er hatte geweint.
Aber vielleicht hatte auch ihn ein kluger Vater gelehrt, zu weinen, wenn sein Herz vor Freude sprang, und zu lachen, wenn der Schmerz ihn würgte.
Sicher wußte er mehr, als er gesagt hatte.
Mein Kopf wirbelte, -- nein, ich wollte mit diesem Schreiben, das vielleicht eine Zauberformel barg, nichts zu tun haben, ich mußte es ihm zurückgeben. »Mein Freund,« rief ich und eilte in die Straße, in der er verschwunden war, »mein Freund ...«
Aber ich fand ihn nicht mehr. Er mußte sich in irgendeinem der Häuser verborgen haben.
Der Atem ging mir aus, und ich verlangsamte meinen Schritt.
»Armer Freund« hatte er mich genannt. Sah er eine dunkle Zukunft voraus? Ahnte er Leiden, die mich treffen sollten und die er nicht von mir abwenden konnte? Verband uns beide ein verwandtes Geschick?
Ich fühlte den Brief in meinem Kleide, und mein Verstand sagte mir: »Wirf ihn von dir! Zerreiße ihn, verbrenne ihn!« Zu gleicher Zeit aber klang es in mir: »Bewahre ihn gut! Es ist ein frommes Werk, zu dem du berufen bist!«
Die Ruhe, die ich aus dem Gebet geschöpft hatte, war in peinvolle Beklemmung gewandelt, ich war in einen Irrgarten widersprechender Gefühle geraten, und wohin ich mich auch wandte, einen Ausgang zu finden, stieß ich auf dicke Mauern.
Ich achtete nicht mehr auf die Richtung, die ich einschlug, und mein Instinkt führte mich den Weg zu meiner Lehmhütte, vor der ich plötzlich stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin geraten war.
Es war dunkel geworden, die Häuser standen wie ausgestorben, denn die Engländer hatten bei Kriegsbeginn einen Erlaß verkündet, der es den Eingeborenen verbot, des Abends Licht zu brennen. Auf diese Weise hofften sie, alle geheimen Zusammenkünfte verhindern zu können.
An der Pforte meines kargen Heims strauchelte ich über einen plumpen Gegenstand. Ich bückte mich -- und fuhr zurück: da lag Malatri, die Brillenschlange, und sie war tot. Erschlagen von rohen Händen.
Ich warf mich nieder, preßte den armen Kadaver an mich, streichelte den zerschmetterten Kopf, so daß mir das geronnene Blut an den Fingern kleben blieb. Ich rief: »Malatri, Liebling meiner Seele, Genosse meiner Beutezüge, hörst du mich nicht? Erwache und richte dich auf! Ich will dir vom besten Reis bringen, ich will dir die süßeste Milch stehlen, ich will dir ein weiches Lager bereiten! Du sollst an meinem Hals schlafen, ich will dich bedienen wie einen Fürsten, -- so vernimm doch den Ruf deines Freundes und gib ihm ein Zeichen!« ...
Dies waren die Worte, die der Schmerz mir eingab.
Aber die Seele, die in Malatris geschmeidigem Körper gewohnt hatte, ließ sich nicht mehr zurückrufen. Schon hatte sie in einem anderen Leibe ihre Stätte gefunden, vielleicht lebte sie in einer der Ratten, die über die Schwelle huschten und meine Klagen mit leisem Pfeifen begleiteten.
Nun hatte ich nichts mehr, was mich an die Heimat fesselte. Mit der letzten Wurzelfaser war ich losgerissen aus dem Boden -- gleichgültig, wohin man mich verpflanzen werde.
Das Spielzeug des Schicksals ...
Ich hob Malatri von der Erde, trug sie zu einem nahen, fließenden Gewässer und überließ sie den trägen Wellen.
Verspätet traf ich in der Kaserne ein. Zu meiner Verwunderung blieb die erwartete Strafe aus, der Posten ließ mich passieren, ohne mich zur Rede zu stellen. Er lachte mir nur breit ins Gesicht, als wisse er ein spaßhaftes Geheimnis.
Kaum aber hatte der Gott des Schlafes meine Lider angehaucht, da riß ein gellendes Trompetensignal uns alle empor. Und als wir aufblickten, stand in der Türe unser Offizier mit fünf Soldaten, und sie hielten ihre Revolver bereit.
Wir waren den Anblick von Revolvermündungen zu sehr gewohnt, um unruhig zu werden, und dachten, es sei wieder einmal eine Nachtübung anberaumt. Als wir jedoch unsere Gewehre ergreifen wollten, sahen wir mit Erstaunen, daß sie heimlich weggeräumt worden waren.
Ich mußte doch länger geschlafen haben, als ich geglaubt hatte.
»Antreten im Hofe ohne Waffen!« befahl der Offizier und schnitt ein Flüstern, das sich erheben wollte, durch das Kommando ab: »Ruhe! Kein Wort!!«
Wir alle mußten vor ihm den Raum verlassen, er folgte nebst seinen fünf Soldaten, ohne den Finger vom Revolverhahn zu nehmen, und es war nicht anders, als treibe er eine Herde vor sich her.
Im Hofe aber sah es seltsam aus. Da standen zwei Regimenter englischer Soldaten mit geladenen Gewehren, und sie ließen uns nicht aus den Augen.
Dem einen Regiment gegenüber standen die mohammedanischen Truppen, die im andern Flügel der Kaserne untergebracht gewesen waren. Ihnen fehlten, gleich uns, die Waffen.
Dem zweiten Regiment gegenüber mußten wir uns aufstellen.
Auf großen, mit Pferden bespannten Karren lagen unsere Gewehre.
Kein lautes Wort fiel, selbst die Befehle wurden halbleise erteilt, als gälte es, sie vor unberufenen Lauschern geheimzuhalten.
Waren wirklich alle so bleich, oder sog der Schein des heiligen Mondes die Farbe aus ihren Wangen?
Die englischen Soldaten marschierten auf uns zu, nahmen unseren Zug in die Mitte, und nun ging es hinaus in die Nacht, -- rechts und links von schußbereiten Wächtern behütet.
Im Zickzack führten sie uns durch die Stadt, deren Straßen von Menschen gesäubert worden waren. Nur die Schritte hallten, und auch sie waren gedämpft wie bei euren Leichenzügen.
Ja, es war ein Leichenbegängnis. Die Versprechungen, die sie uns und den Mohammedanern gegeben hatten, trugen sie zu Grabe, und uns alle stießen sie mit hinab in die Gruft.
Wir sahen den Hafen vor uns, der angefüllt war von englischen Soldaten, und ein großes Schiff stand bereit, uns aufzunehmen.
Zuerst wurden unsere Gewehre verladen. Alles so lautlos, wie in einem Schattenspiel.
Und ich selbst kam mir vor wie leblos -- ich sah, was geschah, aber ich hatte die Empfindung dafür verloren. Ich sah, wie die Mohammedaner über die Bretter schritten, die den Steinboden mit dem Schiff verbanden, ich sah, wie ihr Zug in einer Treppenluke verschwand -- ich fühlte keinen Schmerz. Ich setzte mich in Bewegung, als die Reihe an uns gekommen war, willenlos wie ein Tier.
Als ich über die Bretter marschierte, versagten meine Knie den Dienst, ich fiel. Aber ein Stoß mit dem Gewehrkolben in den Nacken brachte mich wieder auf die Beine.
Im Aufspringen sah ich den Mond über mir stehen. Und mir war, sein Antlitz ähnele dem fremden Mohammedaner, dessen Schreiben ich im Gewande trug, und er weinte.
Und eine weiße Wolke schob sich vor ihn, um die Träne an seiner Wimper zu trocknen.
* * * * *
Gerade wollte ich eine Pause des Atemholens dazu benutzen, »Galgenstrick« mit der sanften Frage zu unterbrechen, ob ihn das Erzählen nicht anstrenge, als er selbst hüstelnd sprach: »Wenn es dir recht ist, o Herr, lasse mich schließen für heute!«
Natürlich war es mir recht.
Um aber Mister Galgenstrick nicht in gar so trüber Stimmung zu verlassen, plauderte ich noch ein wenig von gleichgültigen Dingen.
Er hörte mir die ersten paar Sätze geduldig zu, dann sagte er: »Ihr Weißen redet, ohne zu denken!« drehte sich im Bett herum, und soweit die Bettdecke erkennen ließ, nahm er eine Körperstellung ein, die selbst der optimistischste Optimist nicht als Ehrenbezeigung deuten konnte.
Ich mußte ob dieser Pantomime so herzlich lachen, daß Mister Galgenstrick sich wieder zurückdrehte und, angesteckt von meiner Heiterkeit, mir grinsend die Zähne zeigte.
Und so hatte ich doch meine Absicht erreicht, ihn vor meinem Abschied in heitere Laune zu versetzen.
Als ich am nächsten Mittag in das Lazarett kam, sagte mir auf dem Flur die Krankenschwester: »Mister Galgenstrick ist, seitdem Sie ihn besuchen, braver -- aber heute nacht war er wieder sehr ungezogen!«
»Was hat er denn angestellt?«
»Er hat sich selbst das Fenster geöffnet und die ganze Nacht hindurch die kalte Luft, die Gift für seine kranke Lunge ist, eingeatmet. Ich habe _Dr._ Heßberg gar nichts davon gesagt, sonst hätte er den Patienten furchtbar zusammengeschimpft!«
»Daran haben Sie recht getan, Schwester!«
Übrigens hatte die kalte Luft meinem farbigen Freunde nicht viel geschadet -- soweit mein Laienauge es beurteilen konnte.
Er war recht vergnügt, legte bei meinem Eintritt die indischen Bilder, die er stundenlang zu betrachten pflegte, beiseite und begann nach einigen kurzen Begrüßungsworten lebhaft zu erzählen.
* * * * *
Das Meer ist ein heiliges Gewässer, und es übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Besonders auf die Speisen, die man im Magen hat.
Laß mich schweigen, Herr, von den ersten Tagen der Seefahrt. Wir glichen weniger einer Truppe, die in den Kampf gegen die Deutschen zieht, als einer Truppe, die aus dem Kampf mit den Deutschen kommt. Und wenn meine Seele jemals in den Leib eines Herings ziehen sollte, so weiß sie nun wenigstens im voraus, wie einem beim Eingepökeltsein zumute ist.
Wir Hindus waren auch zumeist #stumm# wie die Heringe. Wir sind keine Weißen, die stets das Bedürfnis haben, ihr »Herz« auszuschütten -- wobei ich immer lebhaft an das Ausschütten einer Kehrichttonne erinnert werde. Und ich glaube, die meisten Europäer besitzen dieses Mitteilungsbedürfnis, nicht weil ihr Herz übervoll, sondern weil ihr Kopf überleer ist.
Du fragst dich, warum ich dir meine Lebensgeschichte erzähle, da ich das Stummsein so lobpreise?
Siehe, das ist eben der Unterschied: ihr werdet wortkarg, wenn ihr krank seid, ich werde auf dem Krankenlager gesprächig. Ihr haltet das Mundhalten für eine Krankheitserscheinung, ich das Schwatzen.
-- Die Fahrt schien endlos. Wohl hatte ich schon gehört, daß ferne unserer Heimat die Länder liegen, aus denen die Fremden zu uns kommen und uns ihre Waren schicken, aber nie hätte ich geglaubt, daß diese Länder so weit abseits lägen, daß das Meer so breit sei. Ich zermarterte mir das Gehirn mit der Frage, wozu ist das viele Wasser da, und ich kam zu der Lösung: die Götter haben es in ihrer Weisheit ausgeschüttet, damit ihr Weißen nicht so leicht und gefahrlos zu uns herüberkommen könnt. Das Meer ist der Stacheldraht des farbigen Mannes.
Wenn ein Offizier zu uns Eingepökelten hinabstieg, fragten wir ihn nach dem Reiseziel. Der eine Offizier nannte »Ägypten«, der zweite »Frankreich«, der dritte »Belgien«, der vierte »Deutschland«.
Ich sage: »wenn er zu uns hinabstieg«, denn wir Hindus durften nicht an Deck. Wir wurden verschickt wie eine Ware, und ich weiß nicht: berechneten uns die Engländer nach der Kopfzahl oder nach dem Pfund Lebendgewicht?
Wir lagen im untersten Schiffsraum und ein Stockwerk über uns hausten die Mohammedaner. Eine Treppe verband uns. Manchmal kamen Mohammedaner zu uns herab und erzählten uns Neuigkeiten. Die Engländer sahen dies nicht gerne.
»Woher weißt du diese Neuigkeiten?« stellte ich einmal einen Bekenner Allahs zur Rede, der mir mitgeteilt hatte, die Russen hätten die siebzehn Töchter des Deutschen Kaisers gefangengenommen. »Woher weißt du es, da wir mitten auf dem Meere sind? Haben es dir die Möwen zugetragen? Liest du es aus den Zickzackbewegungen der Fische?«
Er hielt mir darauf eine große Rede über ein Ding, das er »drahtlose Telegraphie« nannte und das ein Engländer namens Marconi erfunden habe. Ich ließ den dummen Schwätzer stehen.
Ich weiß, daß ihr Weißen viele Geheimnisse erforscht habt: Ihr habt ein Glasinstrument, das ihr »Thermometer« nennt und mit dem ihr das Wetter macht; ihr habt ein Blechrohr, in das ihr eure Musik eingesperrt habt und aus dem ihr sie herauslaßt, wenn andere Menschen schlafen wollen; und obwohl dieses Blechrohr, das ihr »Grammophon« nennt, keine Nase hat, singt es doch durch die Nase; ihr seid pfiffig und stehlt der Natur gewandter ihre Geheimnisse als ich euch die Taschenuhren, -- aber solchen Unsinn wie »drahtlose Telegraphie« dürft ihr einem Hindu nicht vorschwatzen!
Nein, ich glaube nicht an solche Taschenspielerkünste und ich bin überzeugt, die sogenannten drahtlosen Kriegsberichte der Engländer entstehen auf eine ganz andere Weise, nämlich indem sie einfach fern vom Schlachtfeld erfunden werden.
Und das haben mir später meine Erfahrungen auch bestätigt.
Am dritten Tage der Seefahrt gab es einen großen Tumult auf dem Schiff.
Es war um die Mittagszeit, das Meer lag leise atmend wie ein schlafendes Mädchen und schien sich selbst im Schlummer unbewußt zu schämen, daß wir es durch die Fensterluken beobachteten.
Ein sanfter Wind fächelte von ihrer Stirne die Möwen, die ich die Mücken des Meeres nennen möchte.
Da hörten wir plötzlich, wie die Engländer auf dem Verdeck des Schiffes durcheinander schrieen, wie sie aufgeregt hin und her liefen, bis schneidende Kommandostimmen Ordnung in den Wirrwarr brachten.
Ein Mohammedaner stürzte auf uns zu und tobte: »Ein deutscher Kreuzer ist in Sicht! Wir sind alle verloren!«
»Hat er explodierende Metallfische bei sich?« erkundigte ich mich, aber er ließ sich keine Zeit, mir zu antworten. Er raste wieder die Treppe hinauf zu seinen Stammesgenossen.
Ich hörte, wie die Falltüre geschlossen wurde, die uns von dem Verdeck absperrte: wir waren wie in einem Käfig gefangen.
Ein Murren erhob sich, wilde Gedanken jagten sich in unseren Köpfen.
Doch ein Brahmane stimmte ein Gebet an, wir ließen unsere Stimmen mitklingen und unsere Wünsche drangen zu den Himmeln empor, hindurch durch die Falltüre und die Planken des Schiffes.
Wir Hindus flehten zu Schiwa, die Engländer flehten zu ihrem Gott, die Mohammedaner flehten zu Allah. Zu vielerlei Göttern, in vielerlei Sprachen schrie Menschennot nach Errettung, aber ich glaube, im Grunde war es ein und dasselbe Gebet.
Als ich mein Gebet verrichtet hatte, trat ich an eine der Fensterluken, stieß die anderen, die mir den Platz streitig machen wollten, mit den Ellenbogen kräftig zurück und schaute auf den Ozean hinaus.
Ein Rauchwölkchen stieg am Horizont auf, wuchs, kam näher, und es sah aus, als ob ein Schiff langsam aus den Wogen emporstiege: zuerst der Schornstein, dann das Deck, der Rumpf -- und nun war das ganze Schiff sichtbar und lief auf uns zu mit der Schnelligkeit einer Ratte.
Man konnte es im hellen Tageslicht deutlich beobachten.
Da begannen die Maschinen unseres Schiffes laut aufzustöhnen, wir wurden von einem Ruck durcheinandergeworfen, und ein Wettrennen auf Leben und Tod begann zwischen den beiden Dampfern.
Und ich sprach zu mir: »Wie es das Schicksal will, wird es geschehen. Will es das Schicksal, so bleibe ich am Leben, will es das Schicksal, so ertrinke ich. Mir ist beides recht. Wohl ist es betrüblich, daß ich nicht, wie meine Vorfahren, am Galgen sterben soll, daß ich die Tradition unterbreche. Und ich wollte, ich hätte erst das hilflose Ermatten überstanden, bei dem mir das Wasser in den Mund und Nase dringen wird, bis sich die Wellen gurgelnd über mir schließen! Möge das Schicksal meinen Todeskampf abkürzen!«
Und wie ich, dachten wohl alle, alle, die an Bord waren. Ausgenommen vielleicht die Engländer, die die Rettungsboote in ihrer Nähe hatten.
Ich ließ mein Leben an mir vorübergleiten und fragte: »Was hast du mir bisher geschenkt? Viele Prügel und manche hungrige Nacht, aber auch manchen wohlgelungenen Beutezug. Du hast mir manches böse Wesen in den Weg geführt, wie Jim Boughsleigh, aber auch manches gute Wesen, wie Malatri, die Brillenschlange. Ich bin so gut und so schlecht gewesen, wie es mir meine Vermögensverhältnisse erlaubten. Wenn ich einen ungekannten Feind hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich sterbe, ohne ihn umgebracht zu haben; wenn ich einen ungekannten Freund hinterlasse, so tut es mir leid, daß ich seine Bekanntschaft nicht gemacht habe. Möge meine Seele in einem besseren Leibe, als es mein gegenwärtiger ist, zu neuem Leben erwachen, -- und wenn es nicht in meiner Heimat sein darf, so möge es in einem Lande sein, wo die fremden Brieftaschen gefüllter sind und die Wächter sich eines gesunden Schlafes erfreuen!«
Unser Schiff rannte durch die Wellen mit einer Schnelligkeit, die ich ihm niemals zugetraut hätte. Vor der Fensterluke spritzte der Gischt dicht empor, so daß ich nichts mehr sehen konnte. Und wenn ich nicht gewußt hätte, daß wir an Bord eines tapferen, unbesiegbaren englischen Schiffes wären, würde ich sagen: wir flüchteten.
Jeden Augenblick erwartete ich, jenes explodierende Metallfischlein käme geschwommen und streckte seinen spitzen Eisenkopf durch die Schiffswand. Jeder Atemzug war mir eine Gnadenfrist.
Wann kommst du, Tod?
»Ich glaube, wir fahren langsamer,« sprach ein Hindu neben mir.
Ich merkte auf und nun kam es auch mir so vor. Der Gischt vor dem Lukenfenster spritzte niedriger, das Stampfen der Maschine wurde leiser.
Nun war auch der Blick über das weite Meer wieder freier -- ich spähte, ich reckte mich hochauf: der deutsche Kreuzer war verschwunden.
Vielleicht hatte ihn Schiwas Faust in das Meer gedrückt, wie man den Kopf eines störrischen Stieres niederdrückt.
»Wir sind gerettet!« jauchzten die Mohammedaner über uns. Und umarmten sich.
Wir Hindus aber blieben ernst, ein unhörbares Aufatmen befreite unsere Brust, unsere Glieder lösten sich aus dem Starrkrampf der Todesbeklemmung.
Und wieder drangen die Gebete empor.
Die Engländer dankten: #Gott# hat uns gerettet.
Die Mohammedaner dankten: #Allah# hat geholfen.
Die Hindus dankten: #Schiwa# hat uns beigestanden.
Die Engländer feierten die Erlösung aus Todesgefahr mit Sekt und Whisky.
Die Mohammedaner feierten sie mit heiligen Gelübden.
Wir Hindus feierten sie mit einem gesunden Schlaf.
Und die Heizer an der Maschine bekamen einen Korb Wein vom Kapitän gespendet.
Übrigens begegneten wir am nächsten Morgen abermals dem deutschen Kreuzer und es stellte sich heraus, daß es ein englisches Handelsschiff war, das bei unserem Anblick schleunigst davongedampft war, weil es uns für einen deutschen Kreuzer gehalten hatte ...
So hatten wir uns gegenseitig bewiesen, daß Britannien das Meer beherrscht ...
Schmerzlicher als unter dieser Stunde der Aufregung litt ich unter der langen Abgeschlossenheit in dem stickigen Schiffsraum. Uns Hindus, die wir so eng mit der Natur verwachsen sind, daß wir mit ihr eine große Familie bilden, von Sonne, Mond abzusperren -- es war unerträglich. Ich fühlte mich lebendig begraben.
Ich habe manchmal die Wahl gehabt zwischen einer Gefängnisstrafe und zwanzig Peitschenhieben auf mein Rückenende, und ich habe stets die Peitschenhiebe vorgezogen.
Das haben die Weißen nie begriffen. In ihren Augen gibt es nichts Entehrenderes, als öffentlich geprügelt zu werden. Ich aber frage: Was hat mein Ehrgefühl mit meinem Popo zu tun? Was ist das für ein Ehrgefühl, das eine Peitsche mir rauben kann?
Ihr könnt mich lahm geißeln, deshalb bleibe ich doch ein Hindu der Kriegerkaste. Aber wenn ihr auch alle Hindus ausrotten würdet, deshalb bliebet ihr doch nur Weiße. Da kann euch kein Mensch und kein Gott helfen.
Ihr macht ein großes Wesen von eurem Ehrgefühl, zu dessen Verherrlichung ihr mannigfache Löcher in die Luft schießt, aber was wahrer Stolz ist, könntet ihr von dem ärmsten Hindu lernen. Ich will dir ein Beispiel geben: Wohl ist der Hindu euer Knecht, aber in seiner kärglichen Lehmhütte ist er der Herr, und sein Weib würde es nie wagen, sich in seiner Gegenwart zu setzen. Bei euch hingegen gebärden sich just diejenigen Männer als die Herren der Welt, die zu Hause den Mund nicht öffnen dürfen.
Unseren Stolz beugt kein Richtschwert -- euer Stolz zittert vor einem Pantoffel.
Gerne hätte ich mir jeden Tag zehn Peitschenhiebe aufzählen lassen, wenn man mich dafür nur eine halbe Stunde auf Deck gelassen hätte! Ach, ich sah die Gestirne nur durch ein schmales Fenster, ich hörte nicht den Gesang des Windes, und wenn ich den Blick hob, sah ich über mir harte Schiffsplanken.
Ich habe einmal einen weißen Knaben in Bombay gesehen, der sammelte Raupen. Er nahm sie von den blühenden Bäumen und sperrte sie in einen dunklen Pappkasten, in den er ein paar erbärmliche Luftlöcher gestoßen hatte. Mit diesen Raupen verglich ich uns.
Und eines Nachts hielt ich es nicht mehr aus, ich mußte den Mond wieder einmal freien Auges sehen und mich überzeugen, ob er noch weinte?
Meine Brüder schliefen den festen Schlummer des Sklaven, als ich mich erhob, unhörbar die Treppe hinaufzuschleichen. Unhörbarer noch, als ich damals im Hause der Lady die Stufen emporgekrochen war.
Schon war ich an dem Stockwerk der Mohammedaner vorbei und schaute über mir die offene Falltüre. Ich sah den Vollmond mir zu Häupten und hob wie anbetend die Arme. Ich stieg höher und fühlte den Wind nach mir haschen. Und nun konnte ich auch einige Geräte auf dem Verdeck unterscheiden und erblickte den einen Schornstein des Schiffes.
Die Luft war voller Dämonen, die sich winselnd balgten, und der Rauch, der dem Schornstein entqualmte, schnitt tückische Fratzen.
Noch ein paar Schritte und ich mußte droben sein. Aber als ich vorsichtig den Kopf aus der Luke hob, spürte ich einen krachenden Schlag auf dem Schädel und hörte eine böse Stimme: »Willst du wohl drunten bleiben, Kanaille?«
Da zog ich meinen Kopf schleunigst zurück.
O, die Engländer hielten gute Wacht.
Ich stieg bekümmert die Treppe hinab und setzte mich in stummer Klage auf eine Stufe.
Der Schein einer elektrischen Taschenlampe traf mich von oben, ich schaute aufwärts und sah in der Luke der Falltreppe ein weißes Gesicht, das herabspähte und fluchend herunterspuckte.
Dann ward es wieder dunkel.
Mit verächtlichem Achselzucken erhob ich mich und setzte mich einige Stufen tiefer.
Das war wieder eine echt englische Heldentat gewesen, einen Wehrlosen anzuspucken. Schule Jim Boughsleigh. Aber vielleicht verdienen es die Völker, die für Englands Habgier ihr Blut opfern, nicht besser.
Wie lange ich auf der Treppe saß, kann ich nicht angeben. Meine Sinne flüchteten aus der harten Gegenwart in die freundlichen Gärten der Selbsttäuschung und ergötzten sich an dem Spielen mit eitlen Hoffnungen.
Als sie zurückkehrten und ich mir wieder meiner Lage bewußt ward, war die Last meiner Sorgen doppelt schwer geworden. Ich stützte den Kopf in die Hände und wünschte: o möge doch das Schiff mit uns allen auf den Meeresboden sinken.
Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich sah um mich und gewahrte einen Mohammedaner, der am Fuße der Treppe stand und wohl schon längere Zeit meinem Mienenspiel gefolgt war.
Er starrte mich schweigend an. Soweit ich es im Dunkeln erspähen konnte, malte ich mir sein Bild: ein kleines Männlein, mit gebeugtem Rücken. Tiefe, ruhige Augen.