Mister Galgenstrick: und andere Humoresken
Chapter 4
Merkwürdige Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich diesmal die Reinschrift ausführte. Und öfter als einmal blieb, wenn ich aufsah, mein Blick auf dem Plakat haften, das meine Frau kürzlich einem Hausierer abgekauft und über meinen Schreibtisch genagelt hat, und das in dicken Buchstaben verkündet: »Gott strafe England!«
Und ich dachte mir: das unverständliche Gekreisch, das Mister Galgenstrick in seinem Fieberanfall ausgestoßen hatte, wird wohl nichts anderes gewesen sein als eine etwas ausführlichere indische Umschreibung dieses zum geflügelten Worte gewordenen Satzes.
Bis tief in den Morgen hinein arbeitete ich. Ich brauchte wenig an »Galgenstricks« Worten zu ändern, denn er erzählte mit einer überzeugenden, naiven Anschaulichkeit.
Nur in zwei Punkten bekenne ich mich schuldig, Korrekturen vorgenommen zu haben: ich habe manche sprachliche Bilder, die nur einem Inder verständlich sein können, durch annähernd entsprechende Bilder aus der deutschen Gefühlswelt ersetzt, und -- ich habe einige allzu drastische Äußerungen »Galgenstricks« über uns Weiße schonend gemildert.
Denn ich halte es nicht für den #ausschließlichen# Daseinszweck des Lesers, sich zu ärgern.
Ehe ich am nächsten Tage den Kranken aufsuchte, ging ich zu _Dr._ Heßberg, um mich nach des Patienten Befinden zu erkundigen.
_Dr._ Heßberg war sehr böse und überschüttete mich mit Vorwürfen. »Wenn man nur euch verflixten Laien nicht mehr in Lazarette hineinließe!! Da schwänzeln gewisse Herrschaften in den Krankensälen herum, die nicht das geringste dort zu suchen haben, regen uns mit ihren Gaben und ihrem Geschwätz nur unnütz die Patienten auf -- zum Donnerwetter, ein Kranker ist ein Kranker und keine Sehenswürdigkeit!«
Zerknirscht ließ ich die Strafpredigt über mich ergehen.
»Und worin besteht mein Verbrechen?« frug ich, als _Dr._ Heßberg beim Amen angekommen war. »Ich habe überhaupt kein Wort mit ihm geredet, habe mir ruhig erzählen lassen, ohne ihn zu unterbrechen!«
»Das fehlte auch gerade noch, daß du einen Kranken durch Widerspruch reizen würdest! Es war schon eine Mordsdummheit, jawohl, eine #Mordsdummheit#, daß du ihm die indischen Bilder brachtest! Man kann sich dem Bett nicht mehr nähern, ohne daß der Kerl aus Angst um seine Bilder rabiat wird! Das nennt ihr Laien nachher, dem Kranken "eine Wohltat erweisen"! Ich werde noch den Antrag stellen müssen, jedem Lazarettbesucher beim Eintritt die Taschen mit Röntgenstrahlen zu durchleuchten!«
Obwohl _Dr._ Heßbergs Reden durchaus nicht schmeichelhaft für mich waren, freute ich mich über sie. Sah ich doch daraus, wie besorgt er um das Wohl eines jeden einzelnen Patienten war, und ich sagte mir: O möchten doch die Ärzte im Lager unserer Feinde den in Gefangenschaft geratenen, verwundeten Feldgrauen ebensoviel sorgende Liebe widmen wie ein deutscher Arzt einem kranken Wilden.
»Also ich verspreche dir, dem Kranken nicht mehr die geringste Kleinigkeit mitzubringen!«
»Dazu würdest du auch gar keine Gelegenheit haben! Denn es kann selbstverständlich keine Rede davon sein, daß du ihn wieder besuchst!«
»Aber erlaube, das ist denn doch --«
»Bitte, ich bin der Arzt -- da gibt es keine Widerrede!«
Wir trennten uns verbittert.
Das war ja eine nette Eröffnung, die mir _Dr._ Heßberg gemacht hatte. Also ich sollte die Fortsetzung von Mister Galgenstricks Erlebnissen nicht mehr erfahren. Das schmerzte mich tief. Nicht etwa weil bei mir plumpe Neugier nach Stillung gierte, sondern ich hatte ein warmes, rein menschliches Interesse an dem armen Teufel gewonnen, und mir war nun zumute, als sollte ich einen freudig gewonnenen Schützling für immer aus den Augen verlieren.
Ich schloß die Blätter, auf denen ich seine Erlebnisse aufgezeichnet hatte, in das unterste Fach meines Schreibtisches -- in das Fach, in dem meine unvollendeten, endgültig aufgegebenen Arbeiten ruhen, die ich scherzhaft meinen »Nachlaß zehnter Band« zu nennen pflege.
Acht Tage später -- ich hatte mich halbwegs beruhigt -- klingelte mich _Dr._ Heßberg telephonisch an.
»Hallo??«
»Jawohl! Schrei nicht so! Hier Heßberg.«
»Wie geht's Mister Galgenstrick?«
»Besser! Du -- er will dich sprechen!«
»Aha! Siehst du, ich bin #doch# nicht so schlecht, wie du mich hingestellt hast!«
»Eingebildet, wie alle Schriftsteller! Wenn du mir ihn aber wieder aufregst --«
»Weiß schon!«
»Spaß beiseite, ich bitte dich in allem Ernst --«
»Sehr richtig!«
»Ich lege den allergrößten Wert darauf, daß --«
»Und wie geht's deiner Frau?«
»Scheusal! Also sei vernünftig, und --«
»Auf Wiedersehen!«
»Adieu, -- verzeihe, das Wort darf man ja nicht mehr gebrauchen: Leb wohl!«
Dieses Telephongespräch fand um drei Uhr mittags statt, -- um halb vier war ich bei Mister Galgenstrick.
Ich fand ihn ruhiger, als ich gehofft hatte. Er begrüßte mich lächelnd und schien sich zu freuen. Er »#schien#«, -- denn bei diesem Menschen, der sein Mienenspiel eisern in der Gewalt hielt, mußte man sich aufs #Erraten# seiner stummen Empfindungen beschränken.
»Wie fühlst du dich, Galgenstrick?«
»Der Doktor ist gut,« antwortete er ausweichend. »Aber heiliger Kuhmist wäre besser!«
»Du hast nach mir verlangt?«
»Ja, ich will dir weiter erzählen.«
»Strengt es dich auch nicht zu sehr an?«
»Darauf kommt's nicht mehr an. Das Schicksal tut, was es will.«
Er ließ sich von mir das Kopfkissen tiefer in den Rücken schieben, so daß er halb aufgerichtet lag, und erzählte:
* * * * *
Ich hatte unklar gesehen, wie Jim Boughsleigh sein Sündengeld einschob. Möge er an dem Whisky, den er sich dafür kaufte, erstickt sein! Mögen ihn die wilden Hunde gefressen haben!
Dein Gesicht, Herr, sagt mir, daß dir meine Verwünschungen mißfallen. Ich weiß, ihr Weißen sagt, man soll seinen Feinden verzeihen, und ich will gerne glauben, daß ihr eure Kanonen nur zu diesem Zwecke baut. Auch wir Hindus verzeihen unseren Feinden, nur schlagen wir sie gerne vorher tot.
Ich könnte dir nun mit Leichtigkeit vorlügen, daß es mir die erste Zeit in der Kaserne sehr schlimm ergangen sei. Aber ich will niemanden schlechter machen, als er ist. Bei den Engländern habe ich das auch gar nicht nötig.
Nein, es erging mir besser, als ich es erwartet hatte. Man brachte mich mit vielen anderen Hindus in einem großen Hause unter, das einen weiten kahlen Hof einschloß. Des Nachts stand uns ein Zimmer zur Verfügung, in dem ehemals zehn weiße Soldaten gewohnt hatten, und da wir nur zu achtzig darin zu schlafen brauchten, fühlten wir uns ganz wohl, und wenn wir unsere Beine bis an die Schultern hochzogen und den Kopf dazwischen steckten, hatten wir bequem Platz.
Es gefiel mir auch, daß man in diesem Hause nicht, wie es sonst Sitte bei den Weißen ist, die schuldlosen Tiere tötete, sondern die Wanzen und Ratten durften sich nach Herzenslust vermehren.
Anfangs hatte man uns Strohsäcke zum Schlafen gegeben, aber der Hindu schläft nur, in eine Decke gewickelt, auf dem Fußboden. Es ist dies auch praktischer, denn die Strohsäcke muß man von Zeit zu Zeit reinigen, den Fußboden aber nie.
Meine Befürchtung, daß ich mit Mohammedanern oder Weißen in einem Raum weilen müsse, erwies sich als unbegründet. Schmerzlich allerdings war es mir, einem Angehörigen der Kriegerkaste, mit Hindus #niedriger# Kasten gemeinsam hausen zu müssen, und es dauerte eine Weile, bis ich imstande war, diese Schmach als eine Fügung des Schicksals geduldig zu ertragen.
Das Essen war reichlich und wir durften uns die Tiere von den Brahmanen, die unter uns waren, schlachten lassen, wie überhaupt die Engländer sich so wenig um #unsere# Religion kümmerten wie um #ihre eigene#.
Nun, ich will es dahingestellt sein lassen: gaben sie uns so viel zu essen, um unsere Freundschaft zu gewinnen, oder gaben sie es uns in derselben Absicht, in der sie ihre Gänse mästen? Sonst war das Leben nicht ganz so schön, wie es mir Jim Boughsleigh in Aussicht gestellt hatte. Am frühen Morgen trieb man uns in den Hof, stellte uns in Reihen, und dann mußten wir alles machen, was uns der Offizier befahl. Sonst gab es Prügel.
Der Offizier sagte oft, daß er es gut mit uns meine, und hatte dabei die Hand am Revolvergriff.
Manchmal drohte ich vor Erschöpfung umzusinken, dann bekam ich einige Peitschenhiebe und war wieder munter. Ich fügte mich in mein Los, und wenn der Offizier mich anschrie, so dachte ich mir »Rutsche mir den Buckel entlang, o Herr,« und auf diese Weise kamen wir ganz gut miteinander aus.
Also lernte ich die Kriegskunst. Manches freilich verstanden wir Hindus weit besser als unsere Lehrmeister, zum Beispiel, wie man lautlos auf dem Boden schleicht. Ich lachte innerlich, wenn ich unseren Vorgesetzten dies vormachen sah, und sagte mir: »Die englischen Soldaten gäben schlechte Einbrecher. Nun vielleicht ist in England die Kaste der Diebe für die höheren Diplomaten reserviert.«
Aber ich lernte vielerlei Neues. Um nur eines zu erwähnen: ich wußte noch nicht, daß man den Patronen, ehe man sie in die Gewehrläufe schiebt, die Spitze abbrechen muß. Ich wunderte mich darüber und fragte den Offizier, warum dies geschähe, und er klärte mich auf: »Das steht so im Völkerrecht!«
Überhaupt klärte uns der Offizier gründlich auf -- mit Vorliebe darüber, was die Deutschen für böse Dämonen sind und daß sie ohne jeden Grund den Krieg angefangen haben und daß sie schon seit vielen Jahren daran arbeiten, das harmlose England einzukreisen.
Und daß deshalb alle Kulturvölker auf Englands Seite getreten seien, zum Beispiel die Serben und die Zuaven, und auch alle freiheitsliebenden Herrscher, zum Beispiel der Zar.
Und indem er sich an die mohammedanischen Regimenter wandte, fuhr der Offizier fort: »Deshalb hat auch der Sultan den Heiligen Krieg gegen die Deutschen erklärt!«
Von dem vielen Geld, das man mir als Lohn versprochen hatte, bekam ich nichts zu sehen und ich hätte mir kaum das zum Leben notwendige Opium für meine Pfeife kaufen können, wenn ich mir nicht manchmal kommandiert hätte: »Hände in fremde Taschen -- marsch, marsch!«
Auch der Hindu braucht in seinen freien Stunden eine Zerstreuung, sonst sinkt er auf die Stufe eines Weißen herab. Die Araber haben, wie man mir erzählt hat, ihre #Märchenerzähler#, die Engländer haben ihre #Zeitungen#. Sie zwangen auch uns, sie zu lesen, und wir erfuhren daraus, wie die Deutschen überall besiegt werden, und wie besonders die #Russen# zwei furchtbare Waffen haben: die Masurischen Seen und den strategischen Rückzug.
Und daß in Deutschland furchtbare Hungersnot herrscht. Dies konnte ich nicht begreifen. Denn da sich die Deutschen doch nachts in Frösche verwandeln, brauchen sie bloß Fliegen zu fressen, um sich zu sättigen.
Ich befragte den Offizier über diesen Punkt, und bereitwillig klärte er mich wieder auf: die deutschen Fliegen ziehen im Herbst nach Afrika und kehren erst im Frühjahr zurück.
Nun war mir die Sache klar.
Ich erinnere mich auch, daß der Offizier eines Mittags eine Ansprache hielt, die folgendermaßen lautete: »Es ist mir zu Ohren gekommen, daß einige von euch die Spitzen ihrer Messer und Dolche vergiften. Ich mache euch darauf aufmerksam, daß dies bei strengster Strafe verboten ist. Auch taugt euer Gift nichts. Wirksames Gift bekommt ihr in dem Zimmer neunzehn der Kaserne. Es kostet euch nichts und es gibt, so viel ihr wollt. Also merkt euch das Verbot!«
Wir merkten es uns und gingen nach dem Zimmer neunzehn. --
Die Sorge aber, die mich am schwersten in dieser Zeit bedrückte und mit dem Gewicht einer Kanone auf mir lastete, war diese: Der Hindu, der über das Meer fährt und aus seiner Heimat auswandert, verliert seine Kaste. Und dieser Verlust ist schlimmer als der Verlust des Lebens.
Denn wenn du stirbst, so verläßt du nur den Leib, der nicht viel wert ist und nur dazu dient, dir Schmerzen zu bereiten und dich in Versuchung zu führen. Deine Seele aber zieht in einen neuen Leib ein, und nach dessen Verfall abermals in einen neuen.
Es ist mit der Seele wie mit euch Weißen, wenn ihr eine Wohnung kündigt. Nur lassen wir unseren alten Leib gerne in einer besseren Verfassung zurück als ihr eure alten Wohnungen. Unsere Seele »zieht um« -- und auch so ein #Seelenumzug# ist mit mancherlei Unannehmlichkeiten verknüpft, zum Beispiel dem Todeskampf.
Die Seele kann nicht verloren gehen, wohl aber die Kaste. Und wenn du sie nach der Rückkehr in die Heimat wiedergewinnen willst, so mußt du dich schweren Gebräuchen unterziehen, den Göttern große Opfer darbringen -- und noch größere den Priestern. Aber das versteht ihr Weißen nicht.
Doch auch diese Sorge nahm uns unser Offizier vom Rücken, der uns beinahe so viel vom Rücken #nahm#, wie er uns darauf #gab#.
Denn er versicherte uns: »Ihr braucht ja gar nicht über das Meer zu fahren! Die Deutschen sind schon so gut wie vernichtet, und ihr werdet deshalb nur zum Schutze des inneren Indiens verwendet.«
Diese Auskunft erfreute uns doppelt, weil ein seltsames Gerücht in Bombay die Runde machte. Einer erzählte es dem andern, und als die englische Regierung es gar dementierte, wußte jeder, daß es wahr sei.
Es hieß nämlich, draußen auf dem Meere huschten Schiffe der deutschen Dämonen, kleine Kreuzer, und sie führten spitze, eiserne Fische mit sich an Bord, die sie unter Blitz und Donner gegen die feindlichen Schiffe anschwimmen ließen. Die Fische aber fräßen sich mit der Schnelligkeit eines Wetterleuchtens durch die dicksten Schiffswände hindurch und platzten von diesem Fraße. Und rissen bei diesem Platzen alles mit sich in die Luft.
Die Ahnung eines solchen Schicksals aber muß einen jeden frommen Hindu mit Grauen erfüllen, denn wie kannst du einen Leichnam verbrennen, der auf dem Meeresgrund liegt?
Wir dankten deshalb den Göttern, als wir erfuhren, daß wir nicht über das Meer zu fahren brauchten.
Während der ersten Wochen unserer Übungen in der europäischen Kriegskunst durften wir die Kaserne nicht verlassen. Vielleicht fürchteten die Engländer, daß wir ebenso freiwillig, wie wir in ihr Heer eingetreten waren, auf unseren Spaziergängen wieder aus dem Heer austreten würden. Als sie aber glauben mochten, unseres Gehorsams sicher zu sein, ließen sie uns für die Dauer etlicher Abendstunden in die Stadt hinab.
Zuvor aber ließen sie uns auf die Treue gegen ihren König vereidigen. Wir mußten uns auf dem Hofe aufstellen, ein Brahmane sprach in unseren Dialekten die Eidesformel vor, die wir unter unseren Zeremonien bekräftigten. Und ich glaube, wenn die Engländer die Eidesformel verstanden hätten, die uns der Brahmane vorsagte, hätten sie ihn am höchsten Galgen aufgeknüpft.
Wir aber befolgten die goldene Regel, feierlich ernst zu bleiben, wenn uns das Lachen kitzelt, und so ging die Vereidigung ohne Zwischenfall vorüber.
Die Engländer waren sogar sehr zufrieden mit unserer Eidesleistung. Wenigstens hörte ich beim Wegtreten, wie ein Kolonel zum andern sagte: »Der Eid war das reinste russische Ehrenwort!«
Nach uns wurden die mohammedanischen Truppen vereidigt, aber ich ersparte mir den Anblick, denn in meinen Augen gelten die Bekenner Mohammeds als ebenso unreine Rasse wie die Weißen.
Zunächst verschmähte ich es, von der Erlaubnis des Ausgangs Gebrauch zu machen. Ich war des Abends müde, auch fühlte ich keine Sehnsucht, Menschen vom Schlage Jim Boughsleighs zu begegnen. Ich brachte meine freie Zeit mit Beten und Nachdenken zu.
Ihr Europäer mögt uns in mancher Fertigkeit überlegen sein -- in der Kunst, einsam zu sein, seid ihr nur Stümper, wir die Meister. Ein Mensch, der nicht spricht, ist euch unheimlich, und wo ihr nur könnt, sucht ihr die Gesellschaft von Menschen auf, die schwatzen und lärmen. Dies kommt daher, weil ihr euch nicht nur vor euren #Mitmenschen# fürchtet, sondern noch weit zitternder vor euch selbst! Und ihr habt alle Ursache dazu. Denn wie es giftige Tiere gibt, die am Tage sich in ihre Nester und Höhlen verkriechen und nur des Nachts zu ihrem listigen Treiben erwachen, so schlafen auch eure bösen Triebe in dem Tageslicht des Beobachtetwerdens, -- in der Einsamkeit aber erwachen sie und fallen euch selbst an.
Ihr bestaunt den Fakir, der, um seine Seele zu vervollkommnen, auf einem Bett von aufrechtstehenden spitzen Nägeln ruht, -- ihr selbst aber zerfleischt euch tagein, tagaus mit Reden, die spitziger und rostiger sind als die Nägel des Fakirbettes. Und glaubt ihr, daß sich eure Seele dabei vervollkommne? -- Euer Mund ist ruhelos, weil es euer Herz ist! Und darum habt ihr es immer eilig. Ich aber, ein Hindu der Kriegerkaste, habe immer Zeit, weil ich weiß, daß ich eine endlose Kette von Leben zu leben habe, und was ich heut nicht kann besorgen, besorge ich vielleicht in fünfhundert Jahren. Wenn es das Schicksal will.
Aber weshalb erkläre ich das alles? Du bist nur ein Weißer und kannst niemals ein Hindu werden. Ich sage es dir auch nur, damit du besser meine Handlungen verstehst, -- soweit ein Nichthindu überhaupt einen Hindu verstehen kann.
Ich erzählte dir, Herr, daß ich es anfangs verschmähte, abends auszugehen. Aber mich kam die Sehnsucht an, wieder einmal meine Glieder in einen der heiligen Teiche zu tauchen, wieder einmal in einem Tempel zu beten und das Glück zu genießen, daß eine heilige Kuh aus meinen Händen fresse.
Also verließ ich eines Abends die Kaserne. Als ich durch die Straßen schritt, sah ich, daß die Engländer nicht zu sorgen brauchten, ein Hindu könne freiwillig aus dem Heer austreten, denn an allen Ecken standen Wachen, und zumal zum Hafen konnte kein Lebender gelangen.
Ist es dir schon einmal begegnet, daß dir eine Stadt, die du liebtest und zu kennen glaubtest, plötzlich über Nacht fremd geworden war? Als ich durch die Straßen wandelte, rieb ich mir immer und immer wieder die Augen: war das noch Bombay? Wohl standen die Häuser, die Hütten, die Bäume noch an ihren Plätzen und ich hätte jeden im Traum zu finden vermocht --, aber mir war, als sei eine unerklärliche Veränderung mit ihnen vorgegangen. Eine unsichtbare Mauer hatte sich zwischen mir und meiner Vaterstadt getürmt, und ich empfand ein Frösteln, als sei ein Freund, dem ich mich ganz zu eigen gab, unerwartet einer Frage meiner Seele die Antwort schuldig geblieben, so daß ich den breiten Strom sah, der alle Menschen trennt und über den es keine Brücke gibt.
Am Ufer des heiligen Teiches, an dem Jim Boughsleigh seine Angel nach mir ausgeworfen hatte, machte ich halt. Ich wusch mich nach der heiligen Sitte, und ich sah mit Betrübnis, daß die andern Hindus ihre Augen von mir abwandten. Auf den Bäumen saßen wohl die Affen, aber sie würdigten mich nicht, mit Früchten nach mir zu werfen -- als ob auch sie dächten: »Verräter!«
Ich schlich in einen Tempel, warf mich nieder und klagte den Göttern mein Leid. Die Bilder der Götter hörten mich ernst an: schon so viel Elend und Schmerz ist an ihr Ohr geklungen, daß du keine Wunde ihnen enthüllen kannst, die sie nicht schon tausendfach brennender gesehen hätten. Aber sie sind nicht wie die Menschen, deren Herz sich an die Klagen gewöhnt und sich verhärtet, nein, die #guten# Götter haben für jeden neuen Aufschrei neues Mitleid bereit, wie die Dämonen für jedes neue Unglück neuen Hohn.
So verließ ich gestärkt den Tempel, und freundlich blickten die Götterbilder mir nach, freundlicher als die Augen der Brahmanen und Tempeltänzerinnen, denn ich war mit leeren Händen gekommen.
»Pst! Freund!« klang es zu mir, als ich die Stufen hinabeilte. Ein Mohammedaner, den ich ungern so nahe dem Heiligtum sah, hatte mich angerufen. Er schien mich erwartet zu haben, aber ich kannte ihn nicht. Was kümmern mich die verblendeten Bekenner Allahs? Ich verachte sie, und deshalb überhörte ich des Fremden Ruf und wollte meines Wegs gehen.
Allein der Fremde ließ mich nicht so leichten Kaufs los, er sperrte mir den Weg und, ob ich wollte oder nicht, ich mußte ihm ins Antlitz blicken, und ich sah, daß in seinen Augen Klugheit und Güte wohnten. Er war ein sehniger, schlank gewachsener Mann, und wenn er ein Hindu gewesen wäre, hätte ich ihn nach seinem Begehr gefragt. Da er aber nur ein Mohammedaner war, suchte ich ihm auszuweichen.
»Wischnu und Schiwa mögen dir gnädig sein!« grüßte mich der Mohammedaner.
Einen so frommen Gruß durfte ich nicht unerwidert lassen. »Und dir deine Götter!« entgegnete ich.
Er lächelte und mir fiel ein, daß die Bekenner Allahs ja nur an #einen# Gott glauben. Und da man sich immer ärgert, wenn man eine Dummheit gemacht hat, und ich niemand anderen zur Verfügung hatte, meinen Ärger an ihm auszulassen, so fuhr ich ihn an: »Erlöse mich von deinem Anblick, damit ich mich nicht verunreinige!«
Ich hatte erwartet, daß er nun seinen Dolch ziehen werde, denn diese Menschen fühlen sich sehr leicht beleidigt, und ich hatte schon mein linkes Bein vorgeschoben, um ihn darüber stolpern zu lassen und ihn dann von hinten zu besiegen. Der Fremde jedoch sprach ruhig: »Du bist ein mutiger Mann und deshalb zu meinem Vorhaben geeignet. Und da du so leuchtenden Auges aus dem Tempel tratst, bist du auch ein #gläubiger# Mann und wirst die Beteiligung an einem frommen Werke nicht abschlagen.«
Mich kniff die Neugier. Ich dachte nur: »Juckt er dich mit seinen rätselhaften Andeutungen, soll er dich auch mit einer deutlichen Aufklärung kratzen!«
Auch war es mir so ungewöhnlich, daß ein Mohammedaner mich ansprach (denn sie lassen außer sich selbst nur noch die Christen und die Juden gelten), daß ich mich zu der Frage hinreißen ließ: »Ein frommes Werk? Sprich, was es sein soll!«
Da schaute sich der seltsame Fremde vorsichtig nach allen Seiten um und flüsterte: »Nicht so laut! Wir wollen nicht stehenbleiben! Schreite neben mir einher, als ob wir Gleichgültiges sprächen!«
Wir setzten uns in Bewegung. Ich konnte mir des Mohammedaners Benehmen und Absicht immer weniger deuten.
»Bist du durstig?« frug er und zog eine Whiskyflasche aus dem Gewand.
Da erinnerte ich mich daran, wie Jim Boughsleigh mich mittels dieses flüssigen Dämons zu umgarnen versucht hatte, und Empörung peitschte mich: »Wie? Du, dem seine Lehre den Wein verbietet, reichst mir solches Getränk? Lasse mich allein, denn wie könnte das Werk ein frommes sein, das du mit Hilfe eines Dämons beginnen willst?«
Er lächelte wieder. »Hättest du getrunken, so wäre kein Wort mehr über meine Lippen gekommen, denn ich brauche einen nüchternen Mann!«
Ich bewunderte die Schlauheit des Mohammedaners. Vielleicht handelt es sich um einen Einbruch? dachte ich. In diesem Falle hätte ich allerdings schweren Herzens absagen müssen. Denn nur noch eine Stunde durfte ich der Kaserne fernbleiben.
»Sprich!« heischte ich kurz.
Da trat der Fremde in den Schatten eines Baumes, und seine Lippen sprudelten: »Merke dieses Zeichen!« Er legte die drei mittleren Finger der rechten Hand über die Mittelfinger der linken und hob sie bis zur Stirn. »Hast du es gesehen?«
»Ja!« Und ich konnte mich nicht enthalten zu fragen: »Wie oft hast du heute schon aus deiner Flasche getrunken?«
Er lachte. »Ich trinke nicht, aber es ist mitunter nötig, sich betrunken zu stellen, ... solange die Engländer die Herren dieses Landes sind!« Bei den letzten Worten sprühten seine Augen so leidenschaftlichen Haß, daß ich mich ihm gesinnungsverwandt fühlte. Von diesem Augenblick an vertraute ich ihm, als hätte ich schon zwanzig Diebstähle mit ihm gemeinsam ausgeführt.
»Wirst du das Zeichen nachahmen können?«
Ich tat es.
Wir traten wieder aus dem Schatten des Baumes und wanderten weiter.
»So höre mich: Versuche, wenn mohammedanische Soldaten in deiner Nähe sind, unauffällig dieses Zeichen zu machen! Aber lasse es nie die Engländer sehen! Erwidert keiner meiner Brüder das Zeichen, so tue, als habest du nur eine unwillkürliche, spielerische Handbewegung gemacht. -- Wenn dich aber einer mit demselben Zeichen wiedergrüßt, so gib ihm dieses!«
Blitzschnell hatte er aus seinem Kleid ein versiegeltes Schreiben gezogen und es mir in eine Falte des Gewandes geschoben. Ich trat einen Schritt zurück, denn noch konnte ich mich nicht an die körperliche Berührung eines Nichthindus gewöhnen.
»Lasse es nicht in die Hände der Engländer fallen!« zischelte er.