Mister Galgenstrick: und andere Humoresken

Chapter 3

Chapter 33,717 wordsPublic domain

Jim schnalzte mit der Zunge. »Das ist -- das ist der Kriegsgott der Engländer.«

»Ist das am Ende derselbe Lord Kitchener, der den Mahdi vernichtet hat und Chartum einnahm?«

»Unsinn! Das war ein ganz anderer -- das war sein Urenkel! Dieser Lord Kitchener ist ein mächtiger Gott!«

Das schien mir nun wieder wenig glaublich, denn ich hatte auf dem Bild genau bemerkt, daß Gott Kitchener nur zwei Arme hatte, -- und bei uns haben die einfachsten Götter ihre sechs bis acht Arme.

»Wozu braucht er mich denn?« tastete ich vorsichtig.

»Um die verfluchten Deutschen zu vertilgen! Sei nicht dumm, Hindu, und komm' mit! So gut, wie du's bei den Soldaten hast, kannst du's nirgends haben: fast keine Arbeit, -- die Vorgesetzten tragen dich auf Händen und lesen dir jeden Wunsch von den Augen ab, -- und Geld kriegst du jede Woche einen Haufen!«

Jim Boughsleigh verdrehte die Augen wie ein Händler, der einem dummen Reisenden ein aus Europa frisch importiertes Tonfigürchen als echte altindische Götterstatue anpreist. Er redete so eindringlich auf mich ein, daß mich Ekel vor ihm ergriff.

Was hatte er nur? Daß mich die Europäer auf Händen tragen würden, das glaubte er wohl selbst nicht. Und daß sie mir viel Geld geben wollten, war verdächtig. Denn #viel# Geld geben die Engländer nur her, wenn sie etwas #Böses# wollen.

»Na?« drängte Jim Boughsleigh ungeduldig. »Lieber Freund, wie ist's? Läuft dir das Wasser nicht im Munde zusammen? Fasse dein Glück beim Schopf! Ich rede mit dir wie ein Vater!«

Das konnte mich schwerlich verlocken, denn wenn mein Vater mit mir redete, so nahm er dazu meist einen Riemen in die Hand. Ich versuchte, mit einer neuen Frage auszuweichen: »Sind denn die Engländer nicht stark genug, um die Deutschen #allein# zu besiegen?«

»Natürlich sind sie stark genug, mein Herzchen! Es ist die reine Großmut von uns, wenn wir euch an dem Ruhm teilnehmen lassen wollen. Habe ich nicht auch meinen #Whisky# mit dir geteilt? -- Pah, die Deutschen! Feige, kraftlose Hunde sind sie --«

»Aber du sagtest doch, sie seien mächtige Dämonen?«

Jim Boughsleigh wurde wild.

»Zum Teufel, höre mit deinen dummen Fragen auf! Es ist, wie ich dir sage! Und wenn du kein Narr bist, trittst du noch heute in die glorreiche Armee Seiner Majestät des Königs von England ein!«

»Um nach Deutschland geschickt zu werden?«

»Nein, nur nach Ägypten braucht ihr! Das ist ganz nahe von hier! Ein wunderschönes Land -- o, wie schön ist es dort -- Mumien, Pyramiden, Sphinxe -- na, trink noch mal!«

Ich hatte genug gehört. Ich nahm den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, rückte außer Prügelweite und erklärte: »Jim Boughsleigh, die Armee des Königs von England ist die herrlichste der Welt! Ich sehe es an dir! Aber ich bin ein Narr, ich bin ein verblendeter Narr; ich stoße mein Glück von mir und trete nicht ein. Ich bin nicht würdig, einer so herrlichen Armee anzugehören! -- Mögen die Götter dich schützen!«

Mit diesen Worten sprang ich eilends auf und rannte mit dem Sack davon, so schnell ich konnte und ohne mich umzusehen.

Jims Whiskyflasche flog mir dicht am Kopf vorbei und ich hörte ihn einige Wünsche ausstoßen, die durchaus nicht nach »lieber Freund« und »mein Herzchen« klangen.

Ich hatte geglaubt, daß ich mit dieser schroffen Beendigung der Unterredung endgültig der Gefahr entronnen sei, Jim Boughsleighs Waffenkamerad werden zu müssen und nach fernen Ländern zum Kampf gegen die deutschen Dämonen verschickt zu werden.

Ich wußte nicht, daß es mir vom Schicksal anders bestimmt war. Und seinem Schicksal kann keiner entgehen. Wohl vermagst du dich vor dem Arme der Menschen zu verbergen, aber es gibt kein Winkelchen auf Erden, wo du dich vor den Armen Schiwas verstecken könntest. Das bunte Treiben der Menschen gleicht dem Gewimmel eines Ameisenhaufens -- aber Schiwa kennt jede einzelne Ameise beim Namen und läßt sie keine Sekunde aus den Augen. Du glaubst dein Leben nach deinem Willen und deinen Trieben einzurichten und bist im Strome des Geschehens doch nichts anderes als ein Metallfischlein, das von einem unsichtbaren Magnetstab gelenkt wird.

Als ich Jims Stimme nicht mehr hinter mir fluchen hörte, verlangsamte ich meinen Schritt. Mein Herz war schwer, und doppelt schwer dünkte mich daher auf meinem Rücken die Last des Sackes. Denn ein fröhliches Herz ersetzt dir tausend Sklaven, ein trüber Sinn aber legt dich in eiserne Fesseln.

Ich gedachte der guten Lehren, die mein Vater mir gegeben hatte, ehe ein Hanfstrick ihm die Taille zwischen Kinn und Schultern zu eng schnürte, und ich wünschte mir inbrünstig: O, gäbest du mir auch jetzt einen deiner Ratschläge!

Während ich diesen frommen Gedanken nachhing, fiel mein Blick auf einen Affen, der auf einer Palme kauerte und mich mit großen, klugen Augen so eindringlich ansah, daß mich wie eine Eingebung die Gewißheit durchzuckte: in diesem heiligen Tierleib wohnt deines Vaters Seele.

Tränen feuchteten meine Augen, ich warf mich zu Boden und flehte: »Gib mir ein Zeichen, ob du mein Vater bist!«

Mit angehaltenem Atem beobachtete ich, wie der heilige Affe eine Palmfrucht abriß, an ihr herumnagte und sie dann nach mir warf. Und da er genau meinen Kopf traf, so daß mir eine dicke Beule schwoll, zweifelte ich keinen Augenblick länger, daß ich in der Tat meinen ehrwürdigen Vater vor mir hatte.

Ich flehte also weiter: »Bei dem Brummen meines Kopfes, in dem sich ein Bienenschwarm niedergelassen zu haben scheint, bitte ich dich, o Vater, mir zu bedeuten, ob mein heutiger Beutezug mit Malatri, der Brillenschlange, gesegnet sein wird?«

Dreimal wiederholte ich diese Beschwörung, aber leider schien mein ehrwürdiger Vater seit seiner Hinrichtung etwas schwerhörig geworden zu sein. Der Affe kümmerte sich nicht weiter um mich, er drehte mir den Rücken und begann sich zu lausen.

Mit Andacht folgte ich seinen Bewegungen, allein ich konnte ihnen keinerlei väterlichen Wink entnehmen, sei es, daß ich die Zeichensprache nicht verstand, sei es, daß die zunehmende Dämmerung meinen Blick trübte.

Denn es war inzwischen dunkel geworden, in den Häusern der Weißen flammten die Lichter auf und drunten im Hafen hatten die großen Dampfschiffe ihre Flammenaugen aufgeschlagen und blinzelten zum Lande herüber.

Ich liebe die Nacht. Es gibt nichts Schöneres als eine muntere Nacht, wenn man den Tag über gut ausgeschlafen hat. Und ich sage euch: ein Kluger kann in einer einzigen Nacht mehr stehlen, als zehn Dumme in zwanzig Tagen ausgeben können.

So erhob ich mich denn, um das Haus zu suchen, in dessen Zimmern ich ein wenig aufzuräumen gedachte.

Zuvor aber eilte ich nochmals in meine eigene Lehmhütte, um mit roter Farbe das Zeichen Schiwas auf meiner Stirne zu erneuern.

Ach, der viele Whisky, den Jim Boughsleigh in meinen Magen genötigt hatte, trug die Schuld daran, daß dieses Zeichen zittrig und verklebt ausfiel. Und ich zweifle heute nicht mehr daran, daß mir Schiwa darob zürnte und nur aus dieser Ursache es fügte, daß der Abend ein so unseliges Ende nahm.

* * * * *

Mister Galgenstrick machte eine Pause der Wehmut in seiner Erzählung. Er zog, schmerzlich stöhnend, die indischen Landschaftsbilder, die ich ihm mitgebracht hatte, unter dem Kopfkissen hervor, betrachtete sie, fuhr liebkosend mit den Händen darüber hinweg.

Ich störte ihn nicht. Man darf diese seltsamen Menschen nicht in ihren Gedankenflügen unterbrechen, sonst werden sie argwöhnisch, und dann ist weder mit Güte noch mit Gewalt ein Wörtchen mehr aus ihnen herauszubringen.

Wer aber zu schweigen versteht, bis ihre Gedanken aus Nebelschleiern sich zu Gestalten der Sprache verdichtet haben, dem schenken sie ihr Vertrauen und teilen ihm ungefragt mit, was ihren Geist beschäftigt. Sie hüten ihre Gedanken wie ein Rosenbeet und hetzen den Hund auf jeden, der sich ihm lüstern naht; fühlen sie aber, daß du ihr Freund bist, so brechen sie selbst die schönste Rose, um sie dir zu schenken.

Endlich hatte Mister Galgenstrick sich wieder auf meine Anwesenheit besonnen, er versteckte die Bilder unter das Kopfkissen und sprach mit bitterer Erregung:

* * * * *

O könnte ich diesen Abend des Schreckens aus meinem Leben streichen! Dann läge ich jetzt nicht bei euch verachteten Weißen mit durchlöcherter Achsel, vergeblich schmachtend nach dem einzigen Mittel, das mir helfen könnte: nach heiligem Kuhmist!

Statt leblose Bilder meiner Heimat zu betrachten, o Herr, weilte ich in der Sonne Indiens, wäre vielleicht ein reicher Mann, hätte vier Frauen, die für mich arbeiten müßten, und könnte, Betel kauend, einem glückseligen Alter entgegenreifen.

Aber ich will nicht murren, ich bin kein Europäer, der seine Torheiten verdoppelt, indem er sie bereut -- das Schicksal wollte es so, wie es geschah. Und nur eine einzige Sorge hält in dieser Stunde mein Herz mit Polypenarmen umklammert: daß, wenn ihr mich zu Tode geheilt haben werdet und ich gestorben bin, meine Seele in eurem rauhen Lande keinen heiligen Tierleib finden wird, in dem sie wohne. Denn ihr behandelt die Tiere schlecht, ihr schlagt und quält sie, und -- so unfaßbar es einem Inderohr klingen würde -- ich möchte bei euch noch lieber ein #Weib# sein als ein #Tier#!

Aber auch dies will ich dem Schicksal überlassen, das mit verbundenen Augen und verstopften Ohren spöttisch lächelnd waltet.

Den Sack mit Malatri, der Brillenschlange, auf dem Rücken tragend pilgerte ich aus dem Eingeborenenviertel der Stadt nach den Häusern der Weißen.

Ich hörte Malatri rascheln, als freue sie sich, mir wieder einmal ihre Treue beweisen zu können.

Der Dämon, der aus der Whiskyflasche in meinen Kopf gekrochen war, schien besserer Laune zu werden: während er bisher in meinem Gehirn grollend rumort hatte, begann er jetzt lustig mit den Beinen zu strampeln, so daß mir mit einem Male gar fröhlich zumute ward. Es kam hinzu, daß die Bäume und Häuser gar possierliche Knixe machten, und ein großes Gebäude nahm sogar grüßend sein Dach wie einen Hut vor mir ab, schwenkte es in der Luft und setzte es wieder auf.

Diese Heiterkeit erlitt nur für einen kurzen Augenblick eine Unterbrechung, als ich am Gefängnis vorbeikam. Da sah ich hinter einem vergitterten Fenster einen der Deutschen stehen, die ich drei Tage zuvor unter Jim Boughsleighs Bewachung geschaut hatte: er preßte seinen Körper ganz eng an das Gitter, richtete seine traurigen Augen gegen die Sterne, und sein Mund sang leise ein Lied, das ich seitdem oft habe von den Deutschen singen hören. Ich halte es für ein religiöses Lied, denn sie scheinen besondere Kräfte aus ihm zu schöpfen, und wenn sie es singen, tritt ein leuchtender Glanz in ihre Augen. Ich kann das Lied nicht wiederholen, denn die deutsche Sprache ist gar schwer für einen Hindu, aber die Anfangsworte sind mir im Gehirn haften geblieben, sie lauten: »Deutschland, Deutschland über alles!«

Ich stand unter dem vergitterten Fenster, lauschte und ich wunderte mich, daß ein Mensch so viel Schmerz in ein Lied legen konnte, besonders, wenn er in einen Frosch verwandelt ist.

Denn nachts verwandeln sich ja, wie ich damals glaubte, die Deutschen in Frösche.

Aber ich durfte mich nicht lange mit Zuhören aufhalten, ich bin gewohnt, #vor# Mitternacht einzubrechen, und man soll seinen guten Gewohnheiten nicht untreu werden; ich schritt also weiter und rasch stellte sich meine Lustigkeit wieder ein.

An einer Straßenecke standen zwei Wächter. Als ich genauer hinsah, war es nur einer. Er hielt mich fest und herrschte mich an: »Was hast du in dem Sack, Hindu?«

»Eine giftige Schlange, Herr!« erwiderte ich. »Wenn du es nicht glaubst, so greife hinein!«

Dazu aber hatte er keine Lust. Er drehte sich mißmutig um, und ich hörte, wie er knurrte: »Das Schwein hat einen Schwips!«

Ich bog in einen Seitenweg ein, denn wenn ich einbreche, lege ich keinen Wert auf die Begleitung eines Wächters. Entweder sie nehmen einen fest oder, was noch schlimmer ist, sie verlangen die Hälfte der Beute. Wobei sie so brüderlich teilen, daß sie am Ende sieben Achtel der Beute haben.

Ich musterte die Häuser und spähte, ob nirgends ein Fenster offen stünde?

Die Weißen haben es nicht gerne, daß man durch das Fenster bei ihnen einsteigt. Das ist eines der Vorurteile, von denen sie sich nicht befreien können. Ich habe viele Menschen, die vom Reichtum zur Armut herabsanken, gefragt, und alle haben mir bestätigt, daß sie nicht durch Leute zugrunde gerichtet wurden, die durchs #Fenster# kamen, sondern durch Leute, die sehr freundlich durch die Türe eintraten und die nie vergaßen, bei ihren Besuchen ihre Visitenkarte abzugeben.

Ich halte auch den Besuch eines Hindus, der eine Brillenschlange im Sack bei sich hat, für weit ungefährlicher als den Besuch eines Weißen, der die Giftschlange in der Brust trägt.

Leider stand nirgends ein Fenster offen.

Das hätte mich von meinem Vorhaben abhalten sollen, allein ich war zu gut gelaunt, um unverrichteter Dinge nach Hause zurückzukehren. Das Schicksal hatte eben mein Verderben beschlossen.

Ein Haus, dessen unterstes Stockwerk im Dunkel lag, während im oberen Stockwerk noch ein Licht brannte, schien mir einer näheren Bekanntschaft würdig. Ich erinnerte mich, daß ich aus diesem Hause des öfteren hatte eine Lady kommen sehen, eine Witwe, die reich mit Schmuck beladen war.

Wozu braucht eine Witwe Schmuck?

Bei uns Hindus war es Sitte, daß sich die Witwen auf dem Scheiterhaufen des toten Gatten verbrennen ließen -- bei den Weißen scheint es Sitte zu sein, daß die Witwen nach dem Tode ihres Gebieters erst richtig zu leben beginnen. Kein Hindu wird sich einer Witwe nähern, die Weißen aber umgirren mit Vorliebe die Witwen -- besonders die Witwen, deren Mann noch lebt. Überhaupt ist es mir unverständlich, nach welchen Grundsätzen eigentlich die Weißen ihre Frauen behandeln. Der Hindu prügelt das Weib, das nichts arbeitet, -- der Weiße behängt es zum Lohn mit Schmuck. Ja, ich habe die Beobachtung gemacht, daß just diejenigen Frauen am üppigsten mit Schmuck behängt sind, die die meisten Prügel verdienen.

Ich schlich ein paarmal um das Haus der Witwe, wobei ich das Heulen eines wilden Hundes so natürlich nachahmte, daß Malatri zu fauchen begann.

Als sich im Hause nichts regte, kletterte ich zu einem Fenster des dunklen ersten Stockwerks empor und drückte die Scheibe ein. Das Klirren des Glases übertönte ich wieder durch Hundegebell.

Der Dämon in meinem Kopf schien kein Freund von Kletterübungen zu sein, denn er wurde wieder ungemütlich. Aber ich hatte jetzt Besseres zu tun, als mich mit ihm auseinanderzusetzen.

Ich war in einen finsteren Raum eingestiegen. Vorsichtig lauschend kroch ich auf dem Boden vorwärts, wobei ich den Sack mit Malatri vor mir herschob. Zwischen meine Zähne hatte ich ein langes Messer geklemmt.

Nichts rührte sich.

Ich gelangte auf eine finstere Treppe, huschte langsam, ganz langsam empor und geriet auf einen Gang, auf dem ein Schrank stand. Durch einen Türspalt drang ein Lichtschimmer: hier war also das Schlafzimmer der Lady.

Ich hatte erwartet, vor der Schlafzimmertüre, wie es Sitte ist, als Wache einen schlafenden Hindu zu finden -- er fehlte. Wahrscheinlich stahl er gerade irgendwo in der Nachbarschaft.

Nun galt es zu handeln. Ich kniete am Boden nieder und begann unten an der Türe ein Loch mit dem Messer zu schaben, breit genug, um Malatri, die Brillenschlange, hindurchschlüpfen zu lassen. Ich glaube nicht, daß irgendwer diese Arbeit so sicher und geräuschlos zu vollbringen imstande ist, denn schwerlich wird jemand eine so gute Schule genossen haben, wie ich sie bei meinem ehrwürdigen Vater genoß.

Von Zeit zu Zeit hielt ich in meiner Arbeit inne und lauschte -- niemand beobachtete mich.

O welch ein Irrtum! Und #doch# beobachtete mich einer, und das war der Whiskydämon in meinem Kopfe, der beschlossen hatte, mir einen niederträchtigen Streich zu spielen.

Und das kam so:

Ich hatte das Loch in die Türe geschabt, ich hatte Malatri aus dem Sack gelassen und beobachtete, wie das kluge Tier in das Zimmer der Lady schlüpfte. Nun wollte ich mich in dem Schrank auf dem Gang verbergen, um darin den Schreckensschrei der Witwe und den allgemeinen Tumult in Ruhe abzuwarten. Ich öffnete also leise die Schranktüre, -- in dieser Sekunde aber ließ mich der Whiskydämon schwindlig werden, ich stolperte und fiel mit schrecklichem Gepolter in den Schrank hinein, aus dem ein Hagel von Glasgeschirr auf mich niederging.

Hätte sich die Erde geöffnet, ich hätte nicht heftiger erschrecken können.

Unwillkürlich stieß ich einen wilden Schrei aus, denn ich war zu allem Unglück in einen Glasscherben getreten, und rannte die Treppe hinunter, um zu flüchten. Ein Höllenlärm entstand. Türen öffneten sich, Männer und Mädchen, Farbige und Weiße, stürzten brüllend heraus, ein Schuß krachte, dazwischen kreischte die Stimme der Lady -- ich glaubte mein Ende nahe.

Instinktiv erwischte ich die Türe zu dem dunklen Zimmer des ersten Stockwerks -- ich sprang, trotz meines blutenden Fußes, über einen Tisch -- und zum offenen Fenster hinaus.

Draußen aber stand der Wächter, der mich auf dem Hinweg nach dem Inhalt meines Sackes gefragt hatte, mit drei Genossen, und sie schienen mich erwartet zu haben.

Ich rannte ihn über den Haufen und lief -- lief, so schnell mich die Beine trugen -- keuchend, besinnungslos -- auf ein Licht zu, das ich ferne leuchten sah.

Und -- ich weiß selbst nicht, wie es geschah -- plötzlich stand ich vor einem jener Läden, die außen mit bunten Soldatenbildern beklebt waren und in denen selbst zu so später Stunde noch Licht brannte -- ich ergriff atemlos die Türklinke -- und stand drinnen.

Verwundert blickte ich mich um.

In einer Ecke hockten vier Soldaten, qualmten aus kurzen Pfeifen und spielten fluchend Karten. Hinter einem breiten Tisch aber saß ein Kolonel, der bei meinem hastigen Eintritt behaglich schmunzelte und mir die Hand hinstreckte. In meiner Verwirrung legte ich #meine# Hand hinein, die er fest drückte.

Dann griff er in die Tischschublade, nahm ein paar Silberstücke heraus und hielt sie mir hin.

Ist heute die ganze Welt betrunken? dachte ich verdutzt, denn ich wußte nicht, was dies bedeuten sollte.

»Was soll ich mit dem Gelde, Herr?«

»Behalten sollst du's, mein Junge!« sagte der Kolonel. »Steck's nur ein!«

Mißtrauisch tat ich, wie er mich geheißen hatte. Ich sah von einem zum andern -- sie grinsten vergnügt.

Mir kam der Laden unheimlich vor, und da ich mir sagte, daß meine Verfolger wohl inzwischen meine Spur verloren haben mochten, wandte ich mich zum Gehen.

Da aber faßte mich der Kolonel jäh an der Schulter, ließ eine Reitpeitsche, die gleichfalls in der Tischschublade gelegen hatte, dicht vor meiner Nase vorbeipfeifen und schrie in gänzlich verändertem Ton: »Dageblieben! Nicht von der Stelle!«

Ich sah mich abermals verwundert um -- die andern grinsten noch vergnüglicher als zuvor.

»Laßt mich gehen!« bat ich. »Was wollt ihr von mir?«

»Du bist witzig, mein Söhnchen!« höhnte der Kolonel. Und zu den Soldaten gewendet, sprach er weiter: »Ihr habt es gesehen!«

Mich packte Furcht und Entsetzen. Wollten sie mich einer Freveltat beschuldigen? Wußten sie schon von meinem Einbruch?

»#Was# habt ihr gesehen?« stieß ich hervor.

Da richtete sich der Kolonel feierlich auf, nahm den Khakihelm ab und sagte langsam: »Wie du dich soeben durch Handschlag und Annahme des Werbegeldes freiwillig der Armee unseres mächtigen Königs verpflichtet hast!«

»Das ist eine Lüge!« tobte ich. »Das ist --«

Ehe ich den Satz aussprechen konnte, brannte mir schon ein Schlag der Reitpeitsche im Gesicht. Die Soldaten packten meine Arme -- ich konnte mich nicht rühren.

Der Whiskydämon hatte meinen Kopf verlassen, ich war plötzlich pudelnüchtern.

Dicht vor meinem Antlitz funkelten die falschen Augen des Kolonels, und ich hörte seine Stimme zischen: »Wirst schon mürbe werden, mein Jungchen!«

Die Soldaten banden mir die Hände und setzten mich auf einen Stuhl.

»Aber ich schwöre euch, daß ich nicht Soldat werden wollte ...,« wimmerte ich.

»Das hättest du dir früher überlegen sollen!«

»Ich versichere euch, daß --«

»Maul halten!! Der Soldat hat nur zu sprechen, wenn ihn seine Vorgesetzten fragen! -- Wie heißt du?«

Der kreischende Ton schüchterte mich ein, tonlos erwiderte ich: »Ich heiße Maharabatigolamatana -- mein Vater rief mich "Galgenstrick"!«

Die fünf wieherten vor Lachen.

»Ruhe!!« brüllte der Kolonel, worauf die anderen mäuschenstill wurden. »Also Galgenstrick! -- Schöner Name! Bist nicht der einzige Galgenstrick in unserer Armee!«

Er ging, die Hände in den Taschen, rauchend im Zimmer auf und ab. »Den hätten wir!« sagte er.

Ich machte einen letzten, verzweifelten Versuch. »Aber so laßt euch doch erklären, Herr --«

»Noch ein Wort, und ich lasse dich prügeln, daß kein Fetzen Haut an dir heil bleibt!«

Ich senkte den Kopf. Alles Gefühl hatte meinen Körper verlassen, ich spürte mich selbst nicht mehr. Eine stumpfe Gleichgültigkeit war über mich gekommen, -- mochten sie mit mir machen, was sie wollten.

Nur unklar dachte ich an Malatri, die Brillenschlange, die in meine Lehmhütte zurückkehren würde, wie sie es gewöhnt war, und mich nicht mehr finden würde ... heute nicht ... morgen nicht ... nie wieder ...

Und wenn ich nicht meinen schändlichen Überlistern einen solchen Triumph mißgönnt hätte, so hätte ich jämmerlich geweint.

»Führt ihn ab!« befahl der Kolonel und deutete lässig mit der Reitpeitsche auf mich.

Und während sie mich derb vorwärts stießen, öffnete sich die Ladentüre und herein taumelte -- Jim Boughsleigh.

Ein Freudenschrei entfuhr mir. Schiwa hat mir den Retter gesandt.

»Jim!« jauchzte ich, und neue Hoffnung wärmte mein Herz, »Jim, edler Freund, sage du es ihnen, daß ich nie und nimmer Soldat werden wollte!«

Und nun geschah das Unfaßbare, nun sollte ich erfahren, daß ich die Schlechtigkeit der Weißen noch weit unterschätzt hatte, und daß der Biß der giftigsten Schlange Balsam ist, verglichen mit dem falschen Kuß eines Weißen.

Denn Jim erhob seinen Fuß, trat nach mir Wehrlosem, spuckte aus und grölte:

»Was sagt das braune Schwein? -- Glaubt mir, Kolonel: auf #meine# Veranlassung hat er sich anwerben lassen -- #mein# Verdienst ist es!«

Da sah ich, daß das Schicksal beschlossen hatte, mich von der Heimat zu trennen. Ich gab jede Hoffnung auf. Meine Glieder zitterten -- ich verlor die Kraft, mich aufrechtzuhalten -- ich gab mir die größte Mühe, Herr meiner selbst zu werden -- umsonst, ich fiel zu Boden, schlug mit den zusammengeschnürten Händen um mich. Schaum trat vor meinen Mund.

Wie durch einen Nebel schaute ich, wie sich Jim Boughsleigh die Silberstücke auszahlen ließ, die als Belohnung für die Anwerbung eines Farbigen ausgesetzt sind -- dann schüttelten mich Krämpfe, mein Kopf stieß wider eine harte Spitze, und -- und --

* * * * *

»Schwester! Schwester!« schrie ich erschrocken und klingelte wie besessen.

Der Kranke war mitten im Satz bewußtlos in die Kissen zurückgesunken. Das Klingelzeichen aber erweckte ihn, er versuchte unter wildem, mir unverständlichem Kreischen aus dem Bett zu springen.

Unter Aufbietung aller meiner Kräfte gelang es mir, den Rasenden, der geifernd nach meinen Händen biß, ins Bett zurückzupressen, bis die Schwester mit einem Wärter kam.

Die Schwester warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, sagte aber nichts, sondern wandte sich sogleich dem Kranken zu, dessen Geschrei langsam in ein erschöpftes Wimmern überging.

Ich stopfte meine Notizen in die Rocktaschen und eilte, den Arzt vom Tagesdienst zu holen.

»Soso,« meinte dieser, »der Inder auf Nummer achtundneunzig! Ein böser Fall! Der wird wohl das Ende des Krieges kaum erleben! -- Scheußliche Sache, der Krieg!«

Während der Arzt sich erhob, um nach dem Kranken zu sehen, telephonierte ich ein Auto herbei.