Mister Galgenstrick: und andere Humoresken

Chapter 1

Chapter 13,679 wordsPublic domain

E-text prepared by Norbert H. Langkau, Rudy Ketterer, and the Project Gutenberg Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)

Transcribers' note:

Words typeset in _antiqua_ and #spaced-out# words are indicated as shown.

MISTER GALGENSTRICK

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung zeitgenössischer Romane

Ullstein & Co / Berlin und Wien

MISTER GALGENSTRICK

und andere Humoresken

von

Karl Ettlinger (»Karlchen«)

Ullstein & Co / Berlin und Wien

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.

Mister Galgenstrick

»I glaub', jetzt kommt der Herr Doktor nimmer!« sagte Fräulein Berta, die Kellnerin, mit ihrem huldvollsten Lächeln und versuchte, mir heimtückisch das leere Bierglas zu entziehen, um es frisch füllen zu lassen.

»Stehen lassen, Berta! Ich #hab'# heute schon meine Bettschwere! Und überdies füllt man zehn Minuten vor Eintritt der Polizeistunde keine Biergläser mehr!«

»Jesses, fressen S' mi nur net glei!«

Sie zog sich schmollend zurück und widmete sich wieder dem Stricken eines Kriegerstrumpfs von respekteinflößender Fußgröße.

War ich, in meiner Ungeduld über Walters Ausbleiben, zu grob gewesen? -- Ich wollte mein Unrecht wieder gut machen und leitete die Friedensverhandlungen durch einen jener Blicke ein, die Fräulein Berta mit der lächelnden Drohung zu quittieren pflegt: »Sie, das sag' i Ihrer Frau Gemahlin!«

Aber Fräulein Berta war schon zu tief in das Maschenzählen versunken, um sich weiter um ihre Gäste kümmern zu können.

Ich nahm also zum zehnten Male das Zeitungsblatt in die Hand, das vor mir auf dem Tisch lag. Vielleicht stand doch irgendwo noch eine versteckte Notiz darin, die ich erst #dreimal# gelesen hatte?

Wo nur _Dr._ Heßberg blieb! Ich bin es ja gewöhnt, daß Walter das akademische Viertel zu »Nur Dreiviertelstündchen« ausdehnt, ich ertrage es auch ohne Vorwürfe, wenn er sogar noch ein viertes Viertelstündchen zulegt, denn auch ich leiste im Punkte Pünktlichkeit Bedenkliches -- aber mich auf neun Uhr ins Kaffeehaus zu bestellen und fünf Minuten vor Mitternacht nicht einmal telephoniert zu haben, das war der Rekord.

»Berta, zahlen!«

»Ham S' was g'sagt?« tönte es unter Stricknadelgeklapper herüber.

»Ich war so frei. Zahlen möcht' ich!«

Berta schwebte heran. Eine gekränkte Titania. (Aus Niederbayern.)

»O mei, sind Sie heut bös! Also was ham S' dann g'habt?«

»Vier Dunkle und -- 's ist gut, da kommt _Dr._ Heßberg, ich zahl' später!«

Fräulein Berta wandte sich meinem Freund zu, um ihn aus seinem Mantel zu schälen.

»Einen Kognak!« bestellte er kurz, nahm mir gegenüber Platz und ersetzte seinen zerkauten Zigarrenstummel durch eine neue Zigarre.

»Die wievielte ist das heute?« erkundigte ich mich.

»Die zehnte!«

Wenn _Dr._ Heßberg so stark rauchte, hatte er sicherlich viel Arbeit und viel Ärger hinter sich. Ich hatte es ihm ja auch auf den ersten Blick angesehen, daß er übelster Laune war. Dennoch konnte ich ihm eine kleine Moralpauke wegen seiner beispiellosen Unpünktlichkeit nicht ersparen und ich begann vorwurfsvoll:

»Ich gestatte mir die bescheidene Bemerkung, daß es vor ur-urgrauer Zeit einmal neun Uhr war. Zu dieser angenehmen Stunde hätte eigentlich --«

»Ich weiß!« unterbrach mich Walter nervös. »Ich weiß!« Und in einem plötzlichen Zornausbruch schlug er auf den Tisch. »Aus der Haut fahren kann man!«

»Das bestreite ich!«

»Laß das, ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt!«

»Warum? Hat dich jemand drei Stunden warten lassen? Oder ist ein Patient "unartig" gewesen?«

»Unartig!« rief _Dr._ Heßberg tragisch. »Sage lieber: skandalös! Das ganze Lazarett hat mir der Kerl auf den Kopf gestellt! Da gibt man sich die größte Mühe mit so einem braunen Burschen --«

»Braun?«

»Nun ja, es ist ein Inder! Seinen Namen soll der Kuckuck behalten, denn er ist ungefähr so lang wie ein ausgewachsener Leitartikel. Wir nennen ihn, seinem Wunsch gemäß, Mister Galgenstrick!«

»Das klingt doch recht vertrauenerweckend! -- Übrigens ein Inder -- das interessiert mich mächtig!«

Fräulein Berta brachte den bestellten Kognak, den Walter auf einen Zug austrank.

»Mir noch ein Bier, Berta!« sagte ich. »Und zwar --«

»Jetz is z' spät. Jetz is Polizeistund'!«

»Aber den angefangenen Satz wird man doch noch zu Ende sprechen dürfen?«

Sie wandte sich wieder ihrem Strickstrumpf zu, -- ich war endgültig in Ungnade gefallen.

»Ein Inder sagtest du, Walter?«

»Ja, und was für einer! Unglaublich, so einen Kerl überhaupt in europäisches Klima zu verschicken! Hochgradig tuberkulös. Und jetzt noch einen Achselschuß dazu. -- Das hindert aber Herrn Galgenstrick durchaus nicht, sich aufzuführen wie ein wildgewordener Truthahn!«

»Was hat er denn angestellt?«

»Er läßt sich einfach nicht behandeln. Gewalt muß man anwenden, um ihm einen Verband anzulegen. Zwei Leute müssen ihn festhalten. Er behauptet nämlich, alle unsere Medikamente seien wertlos, ihm könne nur ein einziges Mittel helfen, und zwar -- es ist zu blöd, man könnte darüber lachen, wenn es nicht zum Verzweifeln wäre, --«

»Und zwar?«

»Heiliger Kuhmist!«

Ich verzweifelte nicht, sondern lachte.

»Du hast leicht lachen,« fuhr mein Freund gereizt fort. »Aber mir ist das gar nicht spaßhaft. Für mich ist ein Kranker ein Kranker, und ich betrachte es als meine Pflicht, ihn zu retten. Gleichgültig, wer und was er ist! Da strengt man sich an, müht sich wie ein Vater um so einen Menschen, und zum Dank tobt und schreit er, wirft einem die Medizinflaschen ins Gesicht, beißt einem in die Hände -- und brüllt, er will heiligen Kuhmist haben!«

»Ein hochinteressanter Patient! Du, dem mußt du mich vorstellen!«

»Nein!«

»Wirklich im Ernst: den möchte ich kennen lernen!«

»Wozu?«

»Erstens um ihn zu beruhigen, zweitens um mit ihm zu plaudern.«

»Das wird dir schwer fallen. Mister Galgenstrick spricht ein englisches Kauderwelsch, das kein Normalmensch verstehen kann.«

»Daher auch wahrscheinlich seine Aufgeregtheit. Der arme Kerl begreift einfach nicht, was ihr mit ihm vorhabt! Walter, du weißt, ich spreche Englisch wie meine Muttersprache --«

»Hm!«

»Ich danke dir! "Hm" ist eine halbe Zusage! Also wann werde ich Mister Galgenstricks Bekanntschaft machen?«

»Morgen um drei Uhr! Aber pünktlich sein!«

»Pünktlich, als ob ich _Dr._ Heßberg hieße!«

Am nächsten Nachmittag zeigte mir Walter den indischen Patienten. Er war wegen seiner vorgeschrittenen Tuberkulose in einem Separatzimmer untergebracht.

Ich hatte erwartet, einen jener abgemergelten Inder zu finden, wie man sie auf den Bildern der indischen Hungersnöte in illustrierten Zeitschriften sieht. Zu meiner Überraschung traf ich einen jugendlichen Mann von nicht unsympathischen Gesichtszügen, dem man seine schwere Krankheit kaum ansah.

Er lag ruhig im Bett und betrachtete mich mit durchtriebenen Augen, die eine drollig-naive Spitzbüberei verrieten.

Der Bursche gefiel mir. Wenn ich nach dem ersten Eindruck eine Diagnose seines Charakters hätte stellen sollen, hätte ich gesagt: »Windhund.«

»Geh nicht zu nah an ihn ran,« flüsterte mir _Dr._ Heßberg zu. »Er beißt, wenn er gereizt wird!«

Aber aus den Augen Mister Galgenstricks sprach keine feindliche Absicht. Er musterte mich eine Weile schweigend und frug dann: »Bringst du mir heiligen Kuhmist, Herr?«

Ich muß gestehen, es war das schauderhafteste Englisch, das je meine Ohren schmerzte.

»Nein,« antwortete ich. »Aber ich werde versuchen, ihn dir zu verschaffen.«

Walter gab mir einen Rippenstoß. »Bist du verrückt?«

Der Kranke hingegen nickte befriedigt. Ich hatte ihm eine Hoffnung gegeben, und er war mir dankbar dafür.

»Wann kommst du wieder, Sahib?«

»Morgen!« sagte ich. Und bekam für diese Antwort den zweiten Rippenstoß.

Und ich kam morgen wieder, und übermorgen, und beinahe täglich.

Freilich, das gewünschte Heilmittel durfte ich ihm nicht verschaffen, aber ich brachte ihm ein anderes, wohltuendes Heilmittel: Ablenkung. Ich hatte mich nach wenigen Tagen an sein Kauderwelsch gewöhnt, verstand ihn fließend und gewann mir dadurch sein Vertrauen.

Ja, ich brachte ihn im Laufe einer Woche so weit, daß er sich willig behandeln ließ, obwohl er für des Arztes Bemühungen nur ein verächtliches Lächeln übrig hatte.

»Es ist alles sinnlos,« behauptete er, »aber macht mit mir, was ihr wollt!«

Mitunter hatte er Stunden der tiefsten Niedergeschlagenheit. Dann flackerte ein wilder Haß gegen alle Weißen in ihm auf, -- besonders gegen die Engländer.

Aber er hatte auch Stunden, in denen er lenksam war wie ein Kind.

Und eine solche Stunde benutzte ich zu der Bitte, mir seine Lebensgeschichte zu erzählen. Ich versprach ihm, sie wörtlich aufzuschreiben.

Wider alles Erwarten sagte er nach kurzem Besinnen zu.

Und da auch _Dr._ Heßberg keine Einwendung dagegen hatte, so brachte ich schon zum nächsten Besuche Bleistift und Papier mit, und Mister Galgenstrick begann zu diktieren.

Hier ist die Geschichte seiner Erlebnisse.

Ich schrieb sie nieder, wie er sie erzählte, und ich enthalte mich jeden Kommentars.

Möge sie für sich selbst sprechen.

* * * * *

Ich bin geboren in Bombay, bin der dritte Sohn meines Vaters und heiße Maharabatigolamatana.

Weil aber dieser Name meinem Vater zu lang war und auf die Dauer zu einsilbig schien, kürzte er ihn ab und rief mich »Galgenstrick«.

Ich bin Hindu, und unsere Familie gehört der Kriegerkaste an. Mein Vater war denn auch ein sehr tapferer Mann und lag in beständigem Krieg mit den englischen Wächtern; die Engländer nämlich sind ein merkwürdiges Volk: sie selbst stecken mein ganzes Vaterland ein, sie wollen aber nicht erlauben, daß ein armer Hindu nur eine einzige fremde goldene Uhr einsteckt, und so kam es öfter zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten zwischen meinem Vater und England.

Bei solchen Meinungsverschiedenheiten pflegte mein Vater sehr heftig schreiend aufzutreten, weil man ihm den Rücken mit einer Peitsche bearbeitete, wobei meist der Rücken, seltener die Peitsche entzweiging. Die dummen Engländer glaubten, durch dieses Peitschen meinen Vater zu entehren, -- als ob ein Nichthindu überhaupt einen Hindu entehren könnte. Es ist dies ein Pröbchen des Größenwahnes der Weißen, dieser unreinen Menschenrasse, die glaubt, weil sie uns Steuern abnimmt, sei sie uns ebenbürtig. Sie wissen nicht, daß ein Hindu lieber Hungers stürbe als mit einem Weißen an einem Tisch äße, und daß uns eine Speise schon als unrein und ungenießbar gilt, wenn nur der Schatten eines Weißen auf sie fiel.

Wollte ich alle die Kriegstaten meines Vaters aufzählen, so würde es ein Buch werden, länger als meines Vaters Strafliste.

So will ich nur erzählen, daß er im vierzigsten Jahre seines gesegneten Lebens einen ehrenvollen Tod starb, unterhalb eines Querbalkens, mit dem ihn ein Seil verband, das man zweckmäßig um seinen Hals gelegt hatte.

Ich schnitt den Leichnam ab, verbrannte ihn, nachdem ich aus den Taschen seiner Kleidung die Uhr des Henkers und den goldenen Bleistift des Staatsanwaltes entfernt hatte, streute die Asche ins Meer und betete, daß die Seele meines Vaters in den Leib eines heiligen Affen fahren möge.

Denn ich bin ein frommer Hindu und befolge alle Bräuche meiner Religion, solange sie nicht mit Unkosten verknüpft sind oder mich in meinen Lebensgewohnheiten stören.

Die Tränen treten mir in die Augen, wenn ich der letzten Worte gedenke, die mein Vater zu mir sprach: »Liebes Kind,« sagte er (das heißt, er drückte sich etwas unhöflicher aus), »liebes Kind, ich steige morgen die Leiter hinauf, die auch du eines Tages besteigen wirst. Denn dies ist Überlieferung in unserer Familie. Ich habe mein Leben mit nichts begonnen, aber ich habe mich zu ansehnlichen Schulden emporgearbeitet. Wenn du jemanden bei der Nennung meines Namens weinen siehst, so tritt auf ihn zu und tröste ihn: "Du bist nicht der einzige, dem er etwas schuldig geblieben ist."

Ich habe dich in meinem Geiste erzogen, mein Kind: du hassest, was das Leben häßlich macht, nämlich die #Arbeit#, und liebst die Beschäftigung des Weisen, das #Nichtstun#! Ich bin stolz auf dich: wer vermöchte ein Geldstück mit so viel heimlichem Nutzen zu wechseln wie du? Ich glaube, ein Weißer könnte seine Ringe durch die Nase tragen statt an den Fingern, du würdest sie entfernen, ohne daß er es bemerkte. Ich sterbe beruhigt. Wenn du von mir sprichst, mein Kind, so tue es in einem Tone, als stünde ich hinter dir und könnte dich noch verprügeln, wie ich es so oft und ausgiebig getan habe!«

Bei diesen Worten lächelte ich, mein Vater sah es, versetzte mir einen Fußtritt, daß ich dachte, das Gefängnis stürze ein, und er fuhr fort:

»Du stehst nun allein in der Welt, allein in der großen Gaunergemeinschaft, die sich Menschheit nennt. Lerne lachen, wenn es dir weh ums Herz ist, und lerne weinen, wenn du vor Heiterkeit tanzen möchtest! Es gibt keine Schlechtigkeit, die sich nicht als Tugend maskieren ließe! Alles auf dieser Welt ist Schein, und ob du Gutes tust oder Schlechtes, es wird dir so ergehen, wie es vom #Schicksal# vorausbestimmt ist. Glaube nicht, daß sich die Götter, die das Schicksal lenken, durch die Handlungen der Menschen in ihren Entschlüssen beeinflussen ließen: der Menschen Schicksal ist ihnen nur ein Würfelspiel!

Verachte die Menschen, wie es das Schicksal selbst tut. Denn was hast du von ihnen zu erwarten? Wenn du große #Wohltaten# übst, werden sie dich #beneiden#, -- wenn du aber große #Schelmenstreiche# ausführst, werden sie dich #bewundern#. Ich habe dich derartig erzogen, daß du die höchste Bewunderung finden wirst!

Das Erbteil, das ich dir hinterlasse, ist ungeheuer. Denn nicht nur hinterlasse ich dir Malatri, die Brillenschlange, sondern auch den Inhalt sämtlicher Westentaschen, Hosentaschen und Brusttaschen sämtlicher Weißen, die unser Land besuchen!

Lebe wohl, mein Kind!«

So sprach mein Vater, umarmte mich, indes dicke Tränen über seine Wangen perlten (ein Zeichen, daß ihm sehr heiter zumute war), und entließ mich. Der Gefängniswärter, der von unserer Unterredung kein Wort verstanden hatte, führte mich auf die Straße.

In der Nacht machte mein Vater einen mißglückten Ausbruchsversuch, und am nächsten Tage verließ seine Seele den Leib.

Ich machte vor dem Gefängniswärter eine tiefe Verbeugung, flüsterte »Salaam«, eine Ehrenbezeigung, bei der man sich die schlimmsten Beleidigungen denken kann, und schritt gedankenvoll die Straße hinab.

Ich kam vorbei an dem Krankenhaus der Tiere, in dem wir die siechen Tiere pflegen, bis der Tod ihren Leiden ein Ende setzt. Und wir pflegen die fallsüchtige Kuh, den aussätzigen Affen, das krätzige Huhn mit derselben Liebe und Ehrfurcht wie die leidende Ratte und den verstümmelten Skorpion.

Und ich ging weiter, vorüber an Tempeln und heiligen Teichen, und kam in den Stadtteil der Weißen, wo der große Bahnhof steht, der uns die Fremden bringt, auf daß wir ihre Taschen leeren; wo ihre Kirchen ragen, in denen sie zu einem Gott beten, den ich nicht begreife und nicht begreifen #will#; wo ihr Regierungspalast, auf dessen breitem Bau ein schmales Türmchen ruht, wie ein Tragsessel auf dem Rücken eines Elefanten, hochmütig den Hindu anstarrt; wo die Stadthalle ernst dreinblickt, die in ihrem Bauche unzählige Bücher birgt, aus denen die Weißen allerlei Unnützes lernen, was sie für wissenswert halten.

Es sind stolze Häuser, nicht vergleichbar unseren Lehmhütten, und wenn sie einmal zerstört sein werden, werden sie schönere Ruinen geben. Und sie werden bewundert von allen, die sie zum ersten Male schauen.

Ich aber achtete nicht auf alle diese bekannten Herrlichkeiten, ich beeilte mich, nach Hause zu kommen zu Malatri, der Brillenschlange, die ich von meinem Vater geerbt hatte.

Malatri ist die durchtriebenste, heimtückischste Schlange Indiens, und ich glaube, daß die Seele eines englischen Diplomaten in ihr wohnt. Ihr sind die Giftzähne ausgebrochen, und Schiwa füge, daß das gleiche auch der englischen Politik passieren möge.

Jetzt, da Malatri gestorben ist, kann ich ruhig ausplaudern, wozu sie mir diente: Wenn die Nacht herniedersank, barg ich sie unter meinem Kleid, schlich in das Europäerviertel der Stadt und ließ Malatri in das Schlafgemach einer weißen Lady schlüpfen. Zischend richtete sich die Schlange auf, die Herrin schrie, die Hausbewohner liefen zusammen, um die Schlange zu erschlagen, -- und in dem allgemeinen Tumult fand ich Zeit und Muße, in den vornehmen Zimmern des Hauses ein wenig Umschau zu halten. Wenn ich dann meine Beute nach Hause brachte, pflegte Malatri, die kluge Brillenschlange, schon an der Pforte auf mich zu warten. Ich lobte sie, gab ihr Reis und süße Milch zu fressen, wickelte mich in meine Decke und schlief ausgezeichnet, wie eben ein Mensch schläft, der sich eines guten Gewissens und eines wohlgelungenen Einbruchsdiebstahls erfreut.

Es ist merkwürdig, daß die Weißen so sehr vor einer Brillenschlange erschrecken, und es hängt sicherlich mit der törichten Furcht zusammen, die dieses dumme Volk vor dem Tode hat. Wir Hindus wissen, daß wir keine Stunde früher oder später sterben werden, als es uns vom Schicksal vorausbestimmt ist. Ist unsere Stunde noch nicht gekommen, so können uns Tausende von giftigen Schlangen beißen, ohne daß es uns schadet, -- ist aber unsere Zeit abgelaufen, so sterben wir an dem Stich einer Mücke, an dem Schlag eines Strohhalmes, an dem Biß eines Mehlwurms.

Die Europäer begreifen das nicht, sie verbringen ihr ganzes Leben in Furcht und Sorge, in Angst und Selbstquälerei, sie scheuen den Tod, statt sich auf die Sterbestunde zu freuen, die sie von einem solchen selbstverpfuschten Leben erlöst.

Das Schlimmste aber ist, daß diese weißen Menschen sich unterfangen, mit ihren niedrigen Anschauungen unser abgeklärtes Leben zu stören. Nicht nur daß sie uns die Witwenverbrennungen und das Ertränken der neugeborenen Mädchen verbieten, sie suchen auch bei Pestepidemien durch allerhand Vorschriften, die sie »sanitäre Maßregeln« nennen, den Gang des Schicksals zu ändern. Ein ebenso vergebliches wie fluchwürdiges Unternehmen.

Sie verbieten uns in solchen Jahren, von dem Wasser des heiligen Stromes zu trinken, -- weil Aussätzige darin baden, und weil wir die Kadaver der heiligen Tiere in diesen Strom zu werfen pflegen.

Sie glauben eben nicht an das Schicksal, nicht an die Macht Schiwas, sondern nur an die Macht des Goldes, und deshalb ist es ein gutes Werk, ihnen das Gold wegzunehmen.

Ich aber füge mich nur dem Schicksal. Will es das Schicksal, so habe ich heute satt zu essen, -- will es das Schicksal, so hungere ich. Zeitweise verdinge ich mich einem Europäer als Boy. Will es das Schicksal, so gelingen mir meine Betrügereien gegen ihn, und er gibt mir obendrein ein gutes Zeugnis, das ich durch einige eigenhändige Zeilen noch verbessere, -- will es das Schicksal anders, so erwischt er mich beim ersten Betrug und verprügelt mich, daß ich nicht mehr weiß, was hinten und vorne ist. Beides ist mir recht.

Finde ich in der Tasche eines Fremden eine Geldbörse, und will es das Schicksal, daß sie wohlgefüllt ist, so behalte ich sie, -- will es aber das Schicksal, daß sie leer ist, so trage ich sie zur Wache.

Alle Hindus sind in dieser Verehrung des Schicksals einig, und nur über #einen# Punkt herrscht zwischen mir und meinen Brüdern eine Meinungsverschiedenheit: Jene behaupten, es sei das höchste Glück der Erde, auf dem Rücken zu liegen und in die Sonne zu blinzeln, ich aber sage, es ist ein noch größeres Glück, dabei auf dem #Bauch# zu liegen.

Nun, das sind eben verschiedene Weltanschauungen, über die sich nicht streiten läßt.

Solche Gedanken ballten sich hinter meiner Stirne, als ich an jenem denkwürdigen Tage des Abschieds von meinem ehrwürdigen Vater die Straßen hinabeilte, um Malatri, die Brillenschlange, zu holen. Da hemmte ein ungewohnter Aufzug meine Schritte.

Wohl zwanzig junge Europäer, in Reihen zu drei und drei aufgestellt, kamen des Wegs daher, begleitet von einer weinenden Frau und von Jim Boughsleigh, dem Soldaten, der sie mit geladenem Gewehr bewachte.

Ich weiß nicht, ob Ihr Jim Boughsleigh kennt? Wenn Ihr ihn #nicht# kennt, habt Ihr jedenfalls nicht viel verloren. Er ist ein langgeschossener dürrer Mensch mit einer Nase, die an Wochentagen sanft rosa, Sonntags aber ins Bläuliche schillert. Wie er mir erzählte, ist er in Southampton geboren worden, verlebte aber viele Jahre in einem Städtchen namens Arbeitshaus und trat schließlich in die Kolonialarmee ein, weil sich seine langen Beine so gut zum Laufen eignen.

Als ich Jim Boughsleigh kennen lernte, befand er sich gerade in heiligem Zustand. Er lag auf der Straße, streckte alle viere von sich und gab auf keine Frage Antwort. Seine Seele weilte auf Urlaub im Paradies.

Ich habe ihn später noch öfter in diesem heiligen Zustand angetroffen, und ich habe beobachtet, daß er dabei stets eine leere Flasche bei sich hatte, auf der »Whiskey« stand. Einmal war noch ein wenig heiliges Wasser in dieser Flasche, ich zog sie ihm aus der Tasche, setzte sie an den Mund, trank -- und warf die Flasche entsetzt fort, denn es saß ein brennender Dämon darin.

Von dem Klirren der Flasche erwachte Jim Boughsleigh, ächzte und sprach die heiligen Worte: »Mich is schlecht! Very hundsmiserabel is mich!«

Späterhin, als wir uns etwas angefreundet hatten, wollte Jim Boughsleigh auch #mir# von seinem heiligen Wasser zu trinken geben. Aber ich lehnte ab, weil in den Vorschriften unserer Religion kein Gebot enthalten ist, Dämone zu trinken. Und weil ich der Ansicht bin, daß der Genuß des Wassers vom heiligen Strom in Benares, obwohl Pestkranke darin baden und Tierleichen darin schwimmen, lange nicht so viel Schaden auf der Welt anrichtet als der Genuß des heiligen Whiskeywassers.

Jim Boughsleigh war ein Narr wie alle Europäer. Befand er sich in unheiligem, nüchternem Zustand, so fand er nicht genug Worte des Lobes für seinen Stand und seinen Herrscher. Er blähte sich auf wie ein Kalkuttahahn und krähte:

»Ich bin ein Soldat Seiner Majestät des Königs von England, des Kaisers von Indien! _God save the King!_«

»Ist dein König sehr mächtig?« frug ich ihn.

»Der mächtigste König der Welt! Von Rechts wegen sollte ihm die ganze Erde gehören!«

»Wieviel Frauen hat er denn?« erkundigte ich mich weiter.

»Schafskopf! Eine einzige!«

Da dachte ich mir meinen Teil. -- Ein König, der sich nur eine einzige Frau leisten kann, kann nicht gar so reich sein! Jeder indische Fürst hat ein paar hundert.

Aber ich wollte nicht vorschnell urteilen, denn ich bin ein Hindu und kein Europäer, und deshalb fuhr ich fort zu fragen:

»Wieviel Elefanten hat dein König in seinem Stall?«

»Gar keine! Esel!«

»Welcher Kaste gehört dein König an?«

»Bei uns gibt es nur eine Kaste, die der Gentlemen!«

Ich dachte mir: »O weh! Wer verbergen muß, welcher Kaste er angehört, der kann nicht weit her sein! Am Ende gehört er zur Kaste der Wasserträger?« Und ich rümpfte in Gedanken meine Nase.

Aber weil ich ein gründlicher Mensch bin, stellte ich eine letzte Frage:

»In welchem Tempel wird dein König verehrt?«

Da lachte Jim Boughsleigh herzlich und sagte:

»In einem großen Tempel, dem größten Heiligtum der Engländer: es heißt #die Börse#!«

Das imponierte mir gewaltig, und ich habe seitdem tiefe Ehrfurcht vor dem König von England. Und ich denke mir: wenn er auch keine heiligen #Elefanten# besitzt, so wird er doch genug heilige #Affen# in seiner Umgebung haben.

In solchen Tönen pflegte Jim Boughsleigh seinen Herrscher und seinen Soldatenberuf zu lobpreisen, wenn er seine unheiligen Stunden hatte. Befand er sich hingegen in heiligem Zustand, so schimpfte er auf seinen King und auf seine sämtlichen Vorgesetzten mit einer Überzeugungskraft, daß einem Angst und Bange werden konnte, und er verglich sie mit Tieren, von denen ich noch nie etwas gehört hatte.

Dies also war Jim Boughsleigh, der an jenem Tage mit geladenem Gewehr als Wächter der Weißen des Wegs daherkam.