Mimi Lynx: Eine Novelle

Part 3

Chapter 31,823 wordsPublic domain

Er gab dem Diener seinen Mantel und den Weinbeerstock, steckte beide Hände in die Taschen und schritt, die kurze englische Pfeife im Munde, durch den Weingarten zum Walde ... Dort war es noch stiller. Manchmal ein Specht, ein Rascheln im Laube vom Vorjahr, ein niederflatterndes Blatt. Zwischen den Stämmen war es kühl und dunkel. Das Moos roch ... Die Damen lagen in einer laubgefüllten Grube. Helene Kortmann war ganz in Weiss, eine grosse Schärpe mit braunroten und atlasglänzenden Zeichnungen um die Taille. Sie hatte weisse Halbhandschuhe an. Ihr Hut war so breitrandig, dass er ihr kleines dunkles Gesicht fast verbarg. Aber ihre grossen himmelblauen Augen schimmerten. Sie gab ihm langsam die Hand und rührte sich kaum. Mimi, in ihrem Bebékleide mit blossem Nacken, blossen Armen, ein goldenes Herz, wie es Kinder tragen, an einem dünnen Bande um den Hals, war aufgesprungen. Unter den Augen brannten ihr die Wangen, sonst war sie gleichmässig blass. Er küsste ihr die Hand, sie gab ihm einen leichten Schlag über den Mund. »Das für Ihre Gedichte von vorgestern,« sagte sie. »Wir haben sie zusammen gelesen. Die Helen' hätt ihnen solche Schlechtigkeiten gar nicht zugetraut.« Helene sagte nichts. Sie sah ihn nur mit ihren grossen himmelblauen schimmernden Augen an. Er lächelte verlegen. Es ärgerte ihn, dass das alles so officiell war. Er brauchte diese Kortmann nicht als Vertraute. Er zürnte Mimi, die gleich seinen Unmut fühlte. »Ja, wir haben keine Geheimnisse,« lachte sie und legte sich zu Helene. »Nicht wahr, Heli?« Helene reichte ihr langsam die Wange zum Kusse. Er hätte am liebsten beide geschlagen. Oder noch besser ... Es überkam ihn plötzlich wie ein Rausch. »Legen Sie sich nur auch her, Herr Harry,« sagte Mimi und machte ihm Platz zwischen sich und Helene. Er liess sich langsam, vorsichtig nieder. Ihn schwindelte, als er sich über die beiden Frauen beugte. Sie waren ihm beide so nahe, sie dufteten so stark, sie hatten die ganze süsse Müdigkeit des Frühlingsnachmittags in den Gliedern.

Er sah zu Mimi hinüber. Er erblickte ihr Gesicht von unten, zuerst das volle weiche Kinn, dann diesen sündenfrohen lächelnden Mund, die weitaufgerissenen Nasenflügel, durch die die Sonne schien, und die seltsamen Kinderaugen unter der weissen halbmondförmigen Stirn. Er dachte: »Mit diesen beiden wunderschönen Frauen im Walde, im Frühling. Mimi ganz weiss, ganz weich und leuchtend, mit einem dünnen rosa Schleier, Rosen über den ganzen Körper gestreut, Helene, braun und glänzend wie eine Haselnuss, in ihre schwarzen, langen Haare gehüllt, die Arme unter dem Kopfe verschränkt, die grossen himmelblauen Augen träumend in den Wipfeln, ich selbst, ein Ephebe, schlank und schön, o so schön, dass diese Frauenschönheit neben mir erbliche, so schön wie ein Lied der Sappho, bartlos, ganz bartlos mit langen, langen, schwarzen Wimpern und müde vom Lieben, müde von der eigenen Schönheit ...«

Und dann sagte er, was er gedacht hatte, sagte mehr und blickte dabei fortwährend in das Blau über ihm, in dem die hohen dünnen Wipfelzweige bebten und Sonnenstaub flimmerte ... Der Kuckuck rief. Mimi richtete sich auf. »Wielange leb ich noch?« Ihre Augen horchten in Erwartung. Sie stemmte einen Arm gegen die Böschung und zählte halblaut: »Eins, zwei, drei ...« Da schwieg der Kuckuck ... Eine Wolke zog über die Sonne. Aus ihren Augen schwand das Licht. Es war kühler geworden ... Stille ... Nur leise, leise rührten sich hoch oben die Blätter ...

Helene erhob sich und schüttelte ihr Kleid. Dann sagte sie: »Ich hole ein Buch. Herr von D. soll uns etwas vorlesen.« Er war aufgestanden, verneigte sich; dann sah er Mimi an. Ihre Augen riefen etwas. Und in ihm schmetterte Fanfarenmusik. Mimi sagte: »Aber Helene, Du wirst doch nicht den Weg machen ...?« -- »Wirst Du ihn machen?« -- »Aufrichtig, nein. Aber ...« -- »Wir können nicht so hier liegen, wenn Deine Mama kommt. Und unten bleiben will ich auch noch nicht.« Sie ging. »Ich werde mich nicht hetzen.« ... Man hörte ihre leichten Schritte auf den abgestorbenen Blättern. Dann verschwand sie hinter den Stämmen. Es raschelte noch ... Sie wagten nicht, einander anzusehen. Es war zu gewiss. Sie fühlten, wie es näher kam, näher, näher, wie ein Viergespann kam es um eine Säule. Sie hielten den Atem an. Und plötzlich wandten sich beide zu einander. Mit einem Male, wie auf Befehl. Sie sahen einander in die Augen ... Er nahm sie um den Leib und trug sie. Er sagte nur fortwährend: »Liebe, liebe, liebe, liebe Mimi!« Sie hing an ihm, schwer, angst-bleich und mit geschlossenen Lidern ...

Abends kam ein Gewitter. Frau von Wirt liess einspannen. Heinrich fuhr mit Gustav Lynx in die Stadt. Sie rauchten schweigend. Er war stumm vor lauter Glück, entzückt über den Regen, entzückt über das scharfe Traben der Pferde, entzückt über die dunkelblaue Nacht, die Cigarre war vortrefflich. »Und morgen ist mein zwanzigster Geburtstag,« dachte er.

Mimi schrieb:

»Heute war ich im Walde, gerade im grössten Regen. Ah, das war schön! Ohne Schirm und Hut bin ich hinausgelaufen, zu Hause haben sie rein denken müssen, ich sei verrückt geworden. Du weisst nicht, wie schön das ist: allein im Walde, Du, bei schlechtem Wetter! Wie feines Glockengeläute klingt das Fallen der Tropfen auf dem dürren Laub -- eintönig --, dann wieder ein Windstoss, dass die alten Bäume erzittern, laut krachend Äste zu Boden fallen, mir eine ganze Ladung Wasser ins Gesicht spritzend. So wohl habe ich mich schon lange nicht gefühlt. Die Kälte, die mir langsam durch alle Glieder kroch, war mir angenehm, ich hätte am liebsten laut aufgeschrien vor Behagen. Du weisst nicht, wie kalt das ist, wenn Wind durch völlig durchnässte Kleider fährt. Eine kalte Einpackung ist nichts dagegen. Und ich hab Kälte so gern. Das reizt mich, regt alle meine Sinne auf. Ich muss da an einen warmen Körper denken.

Ich stand lange an einen Baum gelehnt und sah dem Stürmen zu. So nun bin ich trocken. Ich konnte in der Kälte wirklich nicht weiter schreiben, die Finger waren ganz starr. Ich werde das bald wieder aufführen, weisst Du, so ein Sturm nimmt all die schwülen hässlichen Gedanken mit. Ich kann seit gestern ein Gefühl der Scham Dir gegenüber nicht los werden. Du, das ist mir schrecklich, das Gefühl hab ich schon lange nicht gehabt -- Du, ich hab Dich lieb! --«

* * * * *

»So ein Regentag auf dem Lande ist rein zum Verzweifeln. Da ist mir meist bang nach Dir, was ich ja nicht immer sagen kann. Weisst Du, ich glaube, ich bin gar nicht imstande, jemanden zu lieben. Ich tue das nur, wenn ich mich recht langweile. Da überkommt mich so ein Gefühl, ich will nicht sagen Sehnsucht, nein, eher der Wunsch, jemanden bei mir zu haben, der mich liebt. -- Ich lasse mich gerne lieben, selbst kann ich es nicht.«

* * * * *

»Kleinchen, mein süsses, herziges! Vor allem verzeih das Papier --, aber ich kann jeden Augenblick überrascht werden, da mische ich diesen Bogen einfach unter einen ganzen Haufen ebensolcher. Da soll dann einer was herausfinden! Wozu schreibe ich? Es wandert ja doch wie schon so oft ins Feuer --. Nein, diesmal doch nicht, denn ich will Dir ja sagen, dass ich von Montag an in der Stadt bin. Wie lange weiss ich noch nicht. Wir fahren bald fort. Doch nach Ostende. Kleinchen, hast mich sehr lieb? Ich denke, die Fehler machen Dir nichts, ich hab deren so viele, da kommt's nicht mehr darauf an, ob die Schrift ordentlich ist. Wer mich nicht mag, wie ich bin, solls eben bleiben lassen ... Wozu ich Dir das alles schreibe? Als hättest Du alle diese Wische gelesen! Aus Langeweile ... Nein, Bubi, nicht bös sein, ich gesteh's ja ein, reuevoll: »Ich hab Dich lieb.«

Er musste lernen, lernen. Wie ihm das jetzt zuwider war! Und abends las er Dante, und um ein Uhr nachts steckte er sich noch eine Cigarre an und sah ihren dünnen blauen Rauchstreifen nach ...

Sonntag-Morgen. Frühgeläut über Buchenwipfeln. Der Fluss liegt klar und spiegelt die Ufer. Alles ist sonnenleuchtend und dabei doch taufrisch. Längs des Flusses reiten die beiden Freunde, Heinrich und Toni, im Gespräche. »Glaubst Du noch immer an ›die Frau‹?« sagt der Toni. »Das ›Ewigweibliche‹ in uns lässt sich halt nicht unterdrücken. Ich glaube an gar nichts --. Herrgott! der Gaul hustet ja.« Sie entzünden ihre Cigarren und treiben die Pferde an ... Über Rotlaub vom vergangenen Winter. Oft springt ein Stein auf und über die Böschung hinab. Wasserplumpsen und weite vergleitende Kreise. Ein schwerer holpernder Leiterwagen kommt von der sanft ansteigenden Waldhöhe. Rechts und links weichen die Reiter aus im Schritt, der am Uferrande vorsichtig. Dann tiefer hinein in den Wald. »Du hast keine Macht über das Weib, Harry,« sagt der Jäger. Was der eigentlich glaubte? Wenn er wüsste! ... »Du kannst sie nicht führen. Sporen geben und hopp!« und damit sprengte er seinen Falben ein, dass er schäumte. Dann riss er ihn wieder herum und führte das gischtbedeckte Tier, das zitternd in die Stangen biss, zurück. »Weiber und Pferde. Wenn nur der Richtige die Zügel hält? Blut muss es setzen! Du, weisst Du was? Beiss sie einmal in die Hand, aber nicht tändelnd und so lala, sondern fest, dass sie aufschreit! Schau, das wird ihr gefallen. Ich kenne sie.« »Hast Du vielleicht selbst schon das Mittel versucht?« »Ich?!« Und ein schallendes Lachen ...

Er kam, um Abschied zu nehmen. In dem kleinen teppichweichen Boudoir war es fast dunkel. Der schwere Fenstervorhang verdeckte die Stores.

Im Nebenzimmer dagegen standen die Fenster weit offen. Sonnenstaub tanzte über dem bronzenen Rauchtische.

Mimi hatte ein weisses Piquékleid an. Sie war sehr bleich. Um ihre grossen müden Augen lagen tiefe blaue Schatten. Die Lider hingen schwer, die langen feinen Wimpern senkten sich wie dünne Stacheln. Sie lehnte sich an ihn und küsste ihn. Plötzlich weinte sie ... So hatte sie schon einmal geweint, im Walde, als er vor ihr lag und zu ihr emporblickte. Damals war das so kindlich rührend, gar so lieb-traurig. Er hatte sie damals gefragt: »Fehlt Dir was, Mimi?« Und sie hatte den Kopf geschüttelt, energisch, wie um zudringliche Gedanken abzuwehren, und hatte durch Tränen gelächelt. Es war, wie wenn durch Regenstrahlen die milde Aprilsonne kommt ... Und wieder wie damals fragte er sie: »Fehlt Dir was, Mimi?«

Sie schluchzte. Er strich ihr über das Haar, leise, zärtlich. So tröstet man ein Kind, dessen grossem gegenstandslosen Schmerze gegenüber, der Lebensfurcht, die einen später zerreibt, man ja auch so gar nichts zu sagen weiss.

»Wein' nicht, Mimi!«

Das Ticken der kleinen Nippesuhr auf dem Sekretär wurde zu laut. Gedanken brausten durch sein Hirn. Dann war es plötzlich still um ihn, feierlich still. »So muss es im Tod sein.« Und unwahrscheinlich, seltsam ward alles um ihn her. Was wollte diese Frau, die da an seiner Brust lehnte, den braunen Kopf tief geneigt, die Finger um seinen Nacken verschränkt? Was war er in dieser Situation? ... Allmählich kam die Gegenwart wieder. Wieder rückte das Pendel auf ihn los. Die Nähe aller Gegenstände ward drohend. Und er fühlte, wie ihre Brust mit dem Schluchzen rang.

Dann ging er und vergass sie ...

Diese Novelle wurde mit Genehmigung des Verlegers dem bei _C. F. Tiefenbach_ in Leipzig 1901 erschienenen Sammelbande »_Intérieurs, Aus dem Leben der Zwanzigjährigen_« (3 Mark broschiert) entnommen. Sie ist 1895/96 geschrieben und seither mehrfach im einzelnen geändert worden.