Mimi Lynx: Eine Novelle

Part 2

Chapter 23,494 wordsPublic domain

Es war totenstill um ihn. Die Lampe beleuchtete voll die Tischplatte, das Fenster bis in die halbe Vorhanghöhe und den schweren Spiegelkasten. Keine Uhr tickte. Von draussen kam gedämpftes Strassenleben herauf: Wagenrollen und Tramwayklingeln. Er lag über dem Papier und fühlte sich müd und traurig. Weltverlassen erschien er sich, elend ... Er dachte an den Sommer, an die Zeit beim Hans, an den Wald und die hohen, hohen weissen Wolken. Martha L. stieg aus der schwerfälligen Landkalesche und wanderte leicht und lautlos zur roten kleinen Dorfkirche ... Er dachte an diese wundervollen Sommernächte. Wie sie beide, er und der Hans, einander gegenüber in den breiten Betten in ihrem selbstgeschmückten Heim unterm Dache fast bis in den Morgen hinein gelesen und geplaudert hatten, während der Mond durch die schmalen Rundbogenfenster ins Zimmer lugte. Oft war er aufgestanden und ans Fenster getreten. Diese klare silberne Kühle draussen! Die stillen hohen schwarzen Pappelbäume und drüben der Wald mit weissen Kronen. Der Himmel rein, dunkelblau, unendlich über dem Berge und über dem träumenden Garten, der an Eichendorff gemahnte und die Posthorntage ... So fern alles, vergangen, nie mehr zu haben, nie mehr! ... Dann sah er die Paula auf der Bühne, unwahr, fremd, mit traditionellen Gesten, hörte ihre Bühnenstimme und ihr Bühnenlachen ... Die Paula, wie er sie auf dem »Ring« getroffen hatte, verdrängte die Schauspielerin. Er konnte sie nicht aus dem Cylinderglänzen und dem trüben nassen Herbsthimmel bringen, sie wanderte immer an der Seite ihrer »Gesellschafterin« vor ihm her, immer vor ihm her, er sah ihren geschmeidigen Rücken in der pelzbesetzten weiten Jacke, die Hand, wie sie das Kleid hielt, den hohen Absatz, der unter dem Saume erschien ... Dann schrieb er wieder einige Zeilen ... Plötzlich hielt ihn seine Schöpfung fest, die Worte wollten ins Leben, er unterlag ihnen, willenlos liess er sich mitnehmen von der Schönheit ihrer Leidenschaft. Er schrieb, dass die Feder unwillig krächzte. Sie kam den Gedanken nicht nach, sie wehrte sich. Und auf einmal überfiel ihn eine namenlose Angst, die Angst vor den eigenen Worten, vor diesen seltsamen schlanken Versen, die aus ihm kamen, lautlos, selbstverständlich, und sich ins Sichtbare, ins Gewisse verwandelten unter der schwarzen Spitze der hässlichen Feder. Hinter seinem Rücken lag die Finsternis, lag das unheimliche, unhörbare Leben der Finsternis eines verlassenen Zimmers, dessen Türflügel weit offen standen. Eine eisige Kälte kroch ihm über den Rücken, seine linke Hand, die auf dem beschriebenen Bogen ruhte, begann bis in den Arm, bis in die Schulter zu zittern, er hätte aufgeschrieen, wenn er den Mut dazu gehabt hätte ... O, wenn der Hans jetzt käme! Diese warme Stimme, diese lebensfreudigen Schritte, wenn er sie gehört hätte! ... Er hielt inne und lauschte. Er vernahm nur sein Blut, und dann fiel sein Blick in die spiegelnde Scheibe, und er sah sich in einem weissen Lichtschimmer, unwirklich, mit tiefen dunkeln Augenflecken ... Die Angst stieg um ihn in die Höhe, langsam, feierlich wie Rauchsäulen; in seinen Ohren klang sie, und etwas Grässliches, Grosses, Eiskaltes nahte, schritt aus der Finsternis hinter ihm heran ... Jetzt senkte sichs wie eine Hand herab, sie wollte auf seiner Schulter liegen, er bückte sich, kroch in sich zusammen, erschauerte vor Kälte ... Da ging die Türe. Er schrak zusammen und schrie ... »Servus,« sagte der Hans, »was hast Du denn?« Alles war vorbei. Er drückte ihm zärtlich, dankbar die Hand. »Was hast Du denn?« »Nichts, nichts.« Und er fühlte mit Entzücken, wie es um ihn lichter und wärmer wurde, wie ein Ring um seinen Kopf zerfiel, wie seine Glieder aus ihrem Erstarren sich lösten ... Dann zündete er sich eine Cigarette an und sah sich im Zimmer um. Da stand ein Diwan, dort das Bett, und die Tür war offen, und die Klinken glänzten so gemütlich ... Er stand auf und ging umher ... Der Hans erzählte von der Paula ...

Mimi Lynx war in Wien. Sie hatte an Heinrich ein paar Zeilen gesandt. Er traf sie bei der Baronin Nina E., ihrer Cousine. »Sie sind in Wien, gnädige Frau?« »Wie Sie sehen, Herr Heinrich.«

Es war ein warmer Novembernachmittag. In dem kleinen Boudoir der Baronin Nina wartete ein Strohteetisch mit mehreren Etagen unter einer langen gravitätischen Reihe dickbauchiger orientalischer Krüge auf einem Wandbrette. Ein hellgelbes Halbkreissofa war von niedrigen japanischen Wänden fast umstellt. Dieser Teil des Zimmers mit dem hoch an der halb getäfelten Wand hinaufreichenden dunkelroten Kamin lag im Schatten. Am Fenster stand ein Blumentisch und ein überladener zierlicher Schreibtisch aus goldbemaltem Ebenholz. Ein lebensgrosses Kniestück der Baronin auf einer schlanken Staffelei zeigte die kleine weiche Frau in grosser Toilette, einen roten Plüschmantel um die vollen Schultern ... Nina E. hatte es verstanden, ihren Salon beliebt zu machen. Sie hatte sich die ganze Gesellschaft erobert durch die unnachahmliche Grazie, mit der sie allen Leuten Liebes und Gerngehörtes auf eine diskrete Art sagt. Die jungen Herrn besonders schwärmten von ihr. Und keiner wagte sich mit Andeutungen an ihre Person. In einem ständigen Verkehre mit diesen Damen der höheren Halbwelt hatte sie sich rein zu erhalten gewusst und liebte ihren Mann. »Es ist charmant und soll de facto wahr sein,« hatte sich die Gräfin Anna Wartnegg-Zierlinska, die »kompetent« war, darüber geäussert. Nina E. besass zwei blonde Mädchen, deren Lachen das Vestibül des kleinen Hotels erfüllte, wenn der Besucher dem Diener seinen Mantel übergab. Denn die Kinder bewohnten das Parterre und machten kein Hehl aus ihrer Gegenwart. Diese zwei kleinen Stumpfnasen wussten, dass sie im Hause etwas bedeuteten.

»Nehmen Sie eine Tasse Tee, Herr von D.?« fragte die Hausfrau mit ihrem gütigen Lächeln, das die alltäglichsten Worte zu kostbaren Liebenswürdigkeiten umschuf.

»Bitte, Baronin, sehr gern.«

Und nun sassen sie beim Tee, und Mimi naschte Bonbons aus einem grossen violetten Ridikül, rauchte Cigaretten mit Goldmundstück und spielte mit drei ernsten Pagoden wie ein kleines Mädel. Er freute sich, sie war übermütig, und Nina gab dem Ganzen die milde Weihe. Er dachte: »Wenn diese Frau dabei sässe, würde eine Marquis de Sade-Scene zu einem Kinderstubenscherz an einem schulfreien Nachmittage.« Endlich küsste er den Damen die Hand, nahm seinen Hut und Stock und verneigte sich. »Besuchen Sie uns in der Oper, wenn Sie wollen, Herr von D.,« sagte die kleine weiche Frau und nickte mit dem schlanken Madonnenhalse: »Erster Rang 26.«

Nach dem Theater wollte Mimi eine Strecke zu Fuss gehen. Die Baronin Nina schickte den Wagen voraus, und sie schritten schweigend über den Ring. Heinrich sah auf ihre Schatten und freute sich, wenn Mimis Schatten und sein eigener aneinander gerieten. Einmal kam er mit seiner rechten Hand an ihren Handschuh. Es durchfröstelte ihn. Und er versuchte, das leise Anstreifen zu wiederholen. Sie gelangten an die Tramwaygeleise. Die Laternen hörten auf, die Schatten verschwanden. Da nahm er seinen ganzen Mut zu einem Wagnis zusammen und ergriff Mimis kleinen Finger. Sie liess ihm den Finger. Er drückte ihn, dann umschmeichelte er die ganze Hand. Sie steckte ihren kleinen Finger in die Oeffnung seines Handschuhes über dem Gelenk und tastete höher nach der Handfläche. Er sah sie an. Schon näherten sie sich wieder den Laternen. Da griff er in die Tasche, holte eine Cigarettendose hervor, liess das Schloss Ninas wegen laut knacken und zog dann den rechten Handschuh aus. Die Berührung war jetzt unmittelbarer. Er bebte am ganzen Körper ... Wieder Laternen: die Schatten kamen rasch um ihre Gestalten herum und wuchsen vor ihnen in die Länge. Klar und scharf wanderten sie vor ihren Füssen. Er steckte beide Hände in die Taschen und begann auf einmal allerhand Dummheiten zu erzählen. Manchmal kam die Stimme der Baronin herüber wie aus der Ferne, sänftigend ... Der Wagen wartete. Die Damen stiegen ein. Er zog den Hut. Beim Handkuss hatte er Mimis Hand umgedreht und seine Lippen in die Oeffnung des Leders gepresst. Sie stand vor ihm und verbarg seinen geneigten Kopf instinktiv vor Nina ... Er sah ihr in die Augen. Das volle Licht der Laterne fiel auf sie. Sie hatte etwas wie Winken in den Augen, ein Leuchten innerer Freude ... Der Wagen rollte davon ...

Sie schrieben einander. Sie holte sich allwöchentlich ihre Briefe von der Post. Er erhielt jeden Samstag seinen Bericht. Und die Briefe wurden immer intimer ... Als er am zwanzigsten December nachmittags halb drei Uhr in ihr Boudoir getreten war, in dem sie ihn am Fenster hinter den Stores erwartet hatte, legte er seinen Hut auf den Sessel neben der Türe, zog dann den Flügel hinter sich zu, versicherte sich überflüssigerweise mit einem Blicke, dass ausser ihr niemand im Zimmer sei und sagte nur: »Mimi« ... Sie kam ihm nicht entgegen. Sie wartete. Er machte zwei Schritte und blieb stehen. Das Zimmer war dunkel. Der Schneehimmel hing tief. Die Glasrahmen der Photographieständer auf dem Schreibtische glänzten. Das sah er ... Da machte er noch einen grossen Schritt und umfing sie ... Er sass auf dem Sofa, hielt sie auf seinen Knieen und küsste ihre Finger, einen nach dem andern, und dann küsste er die Hand an den feinen blauen Adern entlang bis unter den Ärmel, und plötzlich packte er sie und küsste sie auf die Augen, in die Augenhöhlen unter den Brauen, auf die Nasenflügel, an den Wangen herab bis unter das Kinn und hinter die Ohren. Sie zitterte. Sie schmiegte sich an ihn, dass er ihr Herz klopfen hörte, und er hielt inne mit seinen Küssen und lauschte. Da mit einem Rucke warf sie ihren Kopf zurück, ergriff mit beiden Händen sein Gesicht, zog es zu sich herüber und presste ihre Lippen in seinen Mund. Sie hielten den Atem an, sie sahen einander in die Augen, bis sie übergingen. Vor Schmerz liess sie ihn los und atmete tief ... Da er sie leise wiegte, lehnte sie sich in seinem linken Arme schwer nach rückwärts und senkte den Kopf hintenüber, bis sich die Haut an Kinn und Hals so straff spannte wie Papier über einer Kante, wenn es am zerreissen ist. Er beugte sich zu ihrem Halse und küsste sie gerade auf die Kehle. Sie lachte und wand sich, weil es sie kitzelte. Und dann sagte sie leise, ganz leise und durch feuchte, volle Lippen: »Dummi, kleines Dummi!« ...

* * * * *

Er kam oft. Sie erwartete ihn, empfing ihn lächelnd wie immer und verlor nie den Blick für die Gefahr der Verhältnisse. Das brachte ihn auf böse Gedanken. Sie schien die Aufregungen einer Liaison zu kennen und erfahren die Momente des Vergnügens zu arrangieren. Aber da er sie lieb und zärtlich fand und die Überzeugung, dass er jetzt wenigstens der einzige sei, sich täglich festete, schüttelte er die unbequemen Beschuldigungen ab, küsste und freute sich seiner Jugend und der neuen eigentümlichen Steigerung seines Wesens ... Dabei studierte er zur ersten Staatsprüfung, bruchstückweise, nicht eigentlich mit Unlust, fast vergnügt, einen schönen Lohn vor Augen. Ausserdem waren die Festtage da, die Weihnachtswoche mit den vielen Urlaubern, den lange nicht gesehenen, aus allen Weltgegenden in der Heimatstadt zusammengeschneiten Bekannten. Es war ihm wie ein Fest, das man in einer Flucht glänzender Säle gibt. Man geht umher, reibt sich die Hände, hat ein Lachen um den Mund und spricht da freundlich, dort ernster, reicht die Finger, drückt die Hand, klopft auf die Schulter und macht Witze, wie's eben kommt, unantastbar als bekannter Hausherr, gern gesehen, freudig begrüsst. Dazu das Eislaufen, die lustige, kühne Bewegung im Freien: leicht gekleidet in der Winterkälte, eine Cigarette im Munde, und man ist so verwegen, alles zu unternehmen, vor nichts zurückzuschrecken. Eine schöne, selbstbewusste Zeit. Er war Mimi dankbar ... Und merkwürdig: ihren Mann gewann er täglich lieber.

Er schrieb eine Salonbluette und las sie ihr vor. Sie sass auf seinen Knieen, küsste ihn auf die Nasenspitze und trieb Unfug wie ein kleines Kind ... Manchmal kam der lange bleiche Toni Richterstätten um diese Nachmittagszeit, ja oft traf er ihn schon an, wenn er ins Zimmer trat, behaglich rauchend im Fauteuil zurückgelehnt, überlegen, geheimnisvoll und wie verständnisinnig lächelnd. Anfangs ärgerte er sich. Später sagte ihm die Gerechtigkeit, dass ihm der Toni ungemein sympathisch sei mit seiner ruhigen Pose eines Vollkommenen. Und wenn Mimi gar von seiner Hässlichkeit begann, fühlte er sich so sicher, dass er ihn verteidigte ...

Am zwölften Januar fuhr er wieder nach Wien und stürzte sich in den Fasching. Mimi kam auch auf ein paar Tage. Aber sie hatten einander nie. Sie mussten immer vor Leuten verkehren. Das war ermüdend und eigentlich fad. Zu all dem drängte das Lernen. Oft schlief er beim Buche ein in der behaglichen Ofenwärme des neu gemieteten kleinen »altdeutschen« Zimmers, wenn unten im Hofe ein Leierkasten melancholisch werkelte ... Endlich packte er seine Sachen und fuhr, einem plötzlichen Entschlusse folgend, Hals über Kopf nach Hause. Es war im März. Schon meldete sich der Frühling. Der Schnee zerging in den Glacis-Anlagen, viele Vögel sassen auf den Telephondrähten, die Bäume waren schwarz, und die Leute rannten halbe Tage spazieren ... Er rettete sich von der Spätsaison, was zu retten war, selbst die Neigung der spröden, blassen Helene Savines, die allen schnippische Antworten gab und unbeliebt war in der »exklusiven«, titelsüchtigen Provinzgesellschaft. Es war ein pikanter Flirt. Sie stritten eigentlich immer miteinander, kämpften spöttisch mit schmalen spitzen Bonmots, aber sie suchten einander und unterhielten sich ... Mimi blasste etwas ab. Sie wurde zur Gewohnheit. Die schlanke Helene war neuer, unberührter, sie reizte durch die Hecken, die stachlig und kraus um sie sprossten.

Von ferne liess er alle seine Wünsche manchmal zu der Baronin Lili Grossmölk fliegen. Die übersah ihn gänzlich. Das kränkte seine Eitelkeit. Aber er studierte die jeweiligen Günstlinge und beneidete sie.

Mit Mimi sprach er oft von der biegsamen, graziösen Frau, deren Kameengesicht so unbewegt blieb durch Tanz und Wein.

Helene ward ihm verleidet durch ihr Kokettieren. Sie hatte dabei eine Art, über ihn weg zu reden, die ihn bei ihrer sonstigen Vertraulichkeit verdross.

Überhaupt fiel ihm plötzlich ein, der ganze Unsinn sei nicht nötig. Er fuhr wieder nach Wien.

Mitte Mai kam er zurück. Er spielte den Blasierten und hielt lange Reden über Nichtigkeiten. Merkwürdigerweise war er auch ins systematische Studieren geraten. Daneben forcierte er das Rudern. Er gefiel sich in dem glatten Trikot, mit den mageren weissen Knabenarmen. Und jetzt verliebte er sich eigentlich erst recht in Mimi.

Einmal kam er zu ihr am Nachmittage. Sie war im Gartenhause, lag auf einer grünen Bank und schien gelesen oder geträumt zu haben. Damals war sie ihm etwas ganz Neues, Seltsames. Sie kam ihm wie nackt vor. Sie hatte ein sehr weites hellblaues Bebékleid an, das eine Gürtelschnur um die vollen Hüften zusammenhielt, und so feine schwarze Seidenstrümpfe, dass ihre Waden unter seinem Blicke zu erröten schienen. Als er sich zu ihr setzte, legte sie ihm beide Füsse in den Schoss. Er zitterte. Sie schob sich langsam, die blossen Arme unter dem lockeren dichten Haare gekreuzt, zur sanft gewölbten Kopflehne hinauf. Dabei stemmte sie ihre Beine gegen ihn und seufzte. Dann lächelte sie wieder mit ihren starken Raubtierzähnen und schloss die breiten weissen Augenlider. Ihm war heiss vom Gehen. Das verdunkelte Gemach roch nach süssem Parfum, »Kirschblüten«. Er beugte sich und küsste ihren Fuss über der Masche an dem zarten Lackschuh. Sie streifte die Schuhe ab und schleuderte sie in die Mitte des Zimmers. Dabei verschob sich das Kleid bis unter das rechte Knie. Ihn ängstigte die schwüle Stille ...

Die Türe knarrte. Er sprang auf. Knox, der stichelhaarige Irishterrier drängte sich mit schnuppernder Nase herein. Und nun setzte die Aussenwelt wieder ein, die Blätter vor den Fenstern rieselten wieder im grellen weissen Lichte, die Schmetterlinge flogen über die Beete, und die Kieswege vereinigten sich vor dem grossen roten Majolika-Pilze des Bassins ... Später sassen sie zusammen unter der alten Linde am Gitter, das nach dem Hofe ging, und tranken Tee. Die hübsche schwarze Pepi mit den lüsternen Augen unter den zusammengewachsenen Brauen bediente sie, eine hochbusige, schmalhüftige, braune Wienerin, auf die die Mimi sehr stolz war. »Sie hat Rasse, das Mädel. Gefällt sie Dir nicht?«, hatte sie ihn schon oft gefragt. Und »Warum küsst Du sie nie? Küss' sie einmal vor mir! Ich möchte sehen, was sie macht?« Diese Reden hatten ihn immer geärgert. Und er schämte sich vor der Pepi, wenn er sie fragte, ob die gnädige Frau zu Hause sei. Heute schien sie ihm besonders mokant und innerlich überlegen lächelnd. Er sagte das der Mimi. »Sie hat recht, die Pepi,« sagte die junge Frau in dem zarten hellblauen Kinderkleide und setzte die goldrandige Tasse vom Munde. Die feuchten roten Lippen in dem blassen Gesichte dunkelten wie blutende Wunden. »Du bist auch ein ganz fürchterlich dummes, dummes Bubi!« »Warum?« Er presste sein Knie an ihr Knie, das nackt und kalt sich fühlen liess. »Warum?« ... Sie trank, leckte sich die Mundwinkel mit der raschen hellrosa Zunge und lehnte sich im Schaukelstuhle zurück. »Weil Du das nicht nimmst, was man Dir geben will.« Er sah sie an, lächelte, wie er meinte, unsäglich dumm, errötete dann über sein Lächeln und schneuzte sich ... Da kam der Gatte mit drei grossen Doggen und gab ihm die Hand. Es schlug fünf ...

Er war traurig, unendlich traurig. Dass er sich immer ja noch einmal erschiessen konnte, genügte ihm heute nicht. Das war doch gar zu schmählich. Und ist es damit auch aus? Ja, sagt man. Wer ist das »man?« Also nicht einmal das hatte man sicher! Wozu dann das Ganze? Er liebte Mimi. Gut. Übrigens, ob das wahr war? Immerhin durfte er sich's einbilden.

Er lernte für die erste Staatsprüfung, diesmal »Siegel, deutsche Rechtsgeschichte«. Über den »Stadtbüchern« kamen ihm diese Gedanken ... Ein Frühlingsregen ging nieder. Er nahm einen grünen Band mit rotem Schnitt: »Brandes, Naturalismus in England«. Nicht einmal das hatte er ausgelesen! Und es interessierte ihn doch, es freute ihn. Ja, faul war er, faul! Er sagte es sich laut vor, dann warf er sich über die ausgestreckten Arme auf den Schreibtisch und schloss die Augen ... Er musste gähnen. Und Mittag würde er wieder essen, mit Appetit essen. Suppe, Rindfleisch mit Schinkenreis und grünen Erbsen, drei, vier Stück Hausbackwerk, zwei Glas Wein, zwei Äpfel, ein Stück Brot, zwei Schalen schwarzen Kaffee. Dann würde er lesen bei einer Cigarre um achtzehn Kreuzer. Vielleicht Gottfried Keller, vielleicht Balzac, Père Goriot, wenn er die rechte Aufmerksamkeit haben würde. Und etwas von Baudelaire übersetzen, mit dem Wörterbuche, die verkohlende Cigarre in der Hand ... Oder zur Mimi gehen und dort bis fünf bleiben. Und später bei der Grossmutter sitzen, »Über Land und Meer« anschauen und in einem alten Taschenbuche blättern mit stockfleckigen Stichen ... Das ist Leben! Elend, elend! ... Eigentlich sollte er lernen, fest lernen! Es langweilte ihn so.

Und wozu das? Beamter werden, »eingeführt« werden in Häuser, die ihn nichts angingen, spazieren gehen in diesem Neste mit »Freunden«, willenlos auf und abgehen, bis es ein Uhr schlägt und man nachhause muss. Und in Zeitungen schreiben, zwei-, dreimal die Manuskripte zurückbekommen, da und dort angenommen werden, bekannt werden in Literaturkaffeehäusern und in ostpreussischen Dichterblättern. Pfui! Zu Hause sitzen und zusehen, wie Menschen und Tiere älter werden und trauriger. Oder zu Bekannten gehen und zusehen, wie die Leute dicker und selbstsicherer werden, wie sie an goldenen Uhrketten spielen und Kognak trinken, zuhören, wie sie über ein neues Stück sprechen und über nordamerikanische Silberpolitik oder über die Avancementverhältnisse bei der Landwehr. Pfui! ... Und war er denn seiner Sache so sicher, dass er wirklich etwas anderes sei als die Leute, die mit goldenen Uhrketten spielten und über die Avancementverhältnisse bei der Landwehr sprachen? War nicht sein ganzer Stolz das bissel Dichten und Gescheitsein? Gott, Gescheitsein! Andere sinds auch und wissen viel mehr und beherrschen vier, fünf Sprachen und sind doch nichts! Und war das ein Leben, dazusitzen und dem Geticke der zwei Taschenuhren zuzuhören, die vor ihm lagen, dann in das Buch zu starren und schliesslich Rindfleisch zu essen? ... Er schrieb einige Zeilen auf ein beschmutztes Blatt Papier, die ihm schal und dumm vorkamen, dann spuckte er mitten ins Zimmer und ärgerte sich, dass der Kakadu schrie. Endlich nahm er den gelben Überrock, steckte Cigaretten ein und ging spazieren.

Mimi schrieb kleine blaue Karten, oft zweimal im Tage. »Mein Kleines! Mir ist bang nach Dir! Wenn Du kommst, so komm unter dem Vorwand, mir ein Buch zu bringen, ¼3 zu mir. Vielleicht sind wir dann einen Augenblick allein.« ...

Dann war sie vierzehn Tage bei ihrer Mama, Frau von Wirt, in der Villa. Er war ungehalten wegen böser Gerüchte, die sie ihm in ungünstigem Lichte zeigten. Sie schrieb:

»Lieber Herr!

Diese reizenden Sacherln, die Sie sich jetzt in den Kopf zu setzen belieben, -- bitte ich Dich, Freitag daheim zu lassen. Ich finde sie viel zu dumm, als dass ich Ihnen erst lange versichern wollte, dass Ihre Befürchtungen grundlos sind. Altes Dummi! wann wirst Du mir endlich glauben??? Ein Bussi, Du.

Aber Herzi, sei gut! Bis Du das nächste Mal kommst, darfst Du mit mir Kirschen reissen ... Die Helli K. ist drei Tage bei mir. Wir liegen zusammen und plauschen Nachts unglaubliche Dinge. Auch von Dir ...«

Er fuhr nach Stechnitz. Es war sehr heiss. Der Wagen rumpelte durch die Felder. Der kleine rote Kirchturm ragte aus dem Grün. Das Kreuz glänzte in der Nachmittagssonne ... Frau von Wirt schlief. Die jungen Damen seien im Walde, sagte der Diener, ein verbrannter Mensch, der in Hemdärmeln am Brunnen sass und eine Cigarre rauchte. Das Haus lag still. Alle Jalousien waren herabgelassen. Die Sträucher standen steif und staubig. Das dumpfe Geräusch der schweren Hufe der Pferde im Stallstroh hatte etwas Kühles ...