Mimi Lynx: Eine Novelle

Part 1

Chapter 13,651 wordsPublic domain

DIESES BUCH WURDE GEDRUCKT IN DER OFFIZIN W. DRUGULIN LEIPZIG

RICHARD SCHAUKAL

MIMI LYNX

EINE NOVELLE

INSEL-VERLAG LEIPZIG 1904

Einmal im Herbste, kurz vor Beginn des dritten Semesters, war er zu einem kleinen Souper geladen. Die Leute standen ihm fern. Er ging ohne Interesse hin, fast mit Bedauern. Wie immer kam er zu spät ... Damals lernte Heinrich Mimi Lynx kennen. Ihre Stirne war bleich wie Citroneis, ihre Brauen rund und dumm wie bei einem Baby. Ihre Augen, von einem wechselnden Braun-Grün, schimmerten unter müden breiten Lidern. Ebenso müde war die Unterlippe. Aber die Oberlippe und die viel zu starken Zähne lachten. Und um die kurze steile Mopsnase mit den heftig vibrierenden sinnlichen Flügeln spielte etwas wie Hohn. Das Haar war dicht, dunkelblond. Gewaltsam mit dem Kamme aus der Stirne nach dem Scheitel gezerrt, stand es halbmondförmig über den schmalen Schläfen und lastete mit einem dicken Knoten in dem sehr schlanken mädchenhaften Nacken. Ihre Bewegungen geschahen ruckweise, sie stiess die Arme aus den Schultergelenken heraus, die Hand gab sie breit wie eine Engländerin und grüsste dabei mit einem kurzen Zucken des Kopfes über der weichen und immer etwas herausfordernd gehobenen Büste. Die Arme kreuzte sie gerne, und ihre Füsse in den ausgeschnittenen Lackschuhen erinnerten wieder an ein Baby. Sie war zweiundzwanzig Jahre alt, drei Jahre verheiratet und hatte ein kleines Mäderl, das ihr gar nicht ähnlich sah und dem sie immer wie einem ganz merkwürdigen, nicht sehr appetitlichen Dinge entgegenkam. Sie liebte schwermütige Musik, frisches saftiges Obst und Ananaskonfekt. Auf der Strasse ging sie stets ohne Schirm, beide Hände im Muff oder in den Taschen der kurzen Jacke, lächelnd und neugierig ... Sie gefiel ihm. Er war ihr mit geröteten Wangen genaht, was vom schnellen Gehen, von der Herbstkälte und von Befangenheit gleicherweise herrührte. Sie war auch verlegen, sagte einige Worte, suchte nach einer Pointe und lächelte. Ihr Lächeln war ansteckend.

Gabriele d'Aunay, die Hausfrau, machte sich angenehm bemerkbar. Sie sagte zu ihm: »Warum haben Sie mir eigentlich nicht Ihr Buch gewidmet?« Und zu Mimi: »Er hat wunderhübsche Augen, nicht wahr?« Sie setzte rechts neben sich einen ältlichen Rittmeister, der eine enorme Glatze und einen dicken schwarzen Schnurrbart hatte, und zur Linken placierte sie einen ganz schmalen kleinen Bezirkskommissär, der von Zeit zu Zeit einen sehr feinen Witz fallen liess, immer an Gustav Lynx vorbei, der ihn beharrlich missverstand. Gustav Lynx, Mimis Gatte, trug den linken Arm in der Binde; er war mit dem Pferde gestürzt. Mimi gegenüber lehnte die schwarze hindufarbige Helene Kortmann, geborene Gräfin Tuff, eine junge Witwe, und blickte mit Augen von zartestem Himmelblau den kurzsichtigen Hausherrn an, der, zwischen zwei zu unterhaltenden Damen, verbindlich an dem blassrosa Lachsstück auf seinem Teller herumstocherte. Mimi Lynx war Heinrichs Tischnachbarin.

Heinrich sprach gleich anfangs viel und sehr leise. Er neigte sich beim Sprechen mit seinem rechts gescheitelten dunkeln, vollen Haare zu ihr hin und zerknüllte eine Semmel, wie es seine schlechte Gewohnheit war. Er erzählte der blassen, lächelnden Mimi, die sehr lange, wunderbar dünne Nägel an den unruhigen Fingern hatte, von seinem Innenleben. Er entschuldigte sich, dass er über sich spreche. Aber dessenungeachtet redete er weiter. Seine Stimme war schmeichelnd und hatte einen gedämpften, wie um ein Rendezvous bittenden Klang. Manchmal blickte er auf seine gepflegten Hände und legte die Finger ineinander, mit gesenkten Lidern, so dass die langen schwarzen Wimpern über seine vollen, im Lichte der elektrischen Hängelampe bleichen Wangen, die sich unter den Augen und um die starke, gerade Nase leise und im Laufe des Gespräches tiefer röteten, kleine feine Schatten warfen.

Dann stellte er die Beine auseinander, breitete die silberweisse Serviette mit den feinen grauweissen Girlanden, die er deutlich bis auf jedes Blättchen sah, über seine schlanken hohen Kniee, goss sich aus dem gerippten, silberbeschlagenen Kruge hellgelben Wein in ein grünes Stengelglas und legte behutsam, lautlos seinen Lackschuh an den linken Knöchel der jungen Frau. Sie rührte sich nicht. Und einmal sah sie ihn an mit glänzenden Augen, die jetzt dunkelbraun und sehnend erschienen unter den müden milchweissen starken Lidern, lange, lange ... Endlich schob sie ihm ihr Glas hin, so dass der grosse Smaragd, der über die drei Brillanten an ihrem linken kleinen Finger ragte, an seiner um die Knöchel vor den vier deutlichen grünblauen Adern starkgeröteten Hand ruhte, und bat ihn um einen Tropfen Wein ... Sie sprach wenig. Sie liess ihn erzählen. Und sein Fuss schmiegte sich an ihren Fuss, zärtlich fragend, endlich bittend, ungestüm flehend. Da gab sie leise, ganz leise Antwort ... Um zwölf Uhr ging er mit dem kleinen schmalen Bezirkskommissär, der laut gähnte, durch die stille dunkle Marthastrasse.

»Gefällt Ihnen die Lynx?« fragte Herr von Römer plötzlich.

»Ja ... Sehr gut.« Zögernd, fast misstrauisch.

»Wer hat sie denn jetzt? Wissen Sie's nicht zufällig?«

»Nein.«

Es ärgerte ihn, dass der Mensch ihm das sagen durfte, ihm, der schon ein Recht auf sie besass. Dann trennten sie sich ...

Er dachte an Mimi Lynx. Jetzt sitzt sie im Wagen, an der Seite ihres Mannes. Sie lehnt sich an ihn ... Und dann werden sie langsam die stille Treppe hinaufsteigen, sie müde, mit dem zärtlich zagenden Schritte, der in die Nacht führt, zum Bette ... Was ist er ihr, ihr Mann? ... Sie haben keine Scham voreinander. Sie wird sich entkleiden und die Decke fröstelnd bis zu den Lippen emporziehen. Dann kommt er, wirft sich hin neben sie, zieht die Taschenuhr auf und löscht das Licht aus. Und das Licht der Strassenlaternen zittert über den Plafond ... Ob sie an ihn denken wird? Nein. Sie hat ihn vergessen ... Vergessen? Hat sie denn überhaupt an ihn gedacht? ... Vielleicht. Einen Moment. Beim Abschied. Im Wagen. Bei der Berührung ihres Mannes ... Und wie hat sie an ihn gedacht? Mit einem neugierigen Verlangen? Entkleidet ihr Gedanke den jungen Menschen, der heute in ihr Leben getreten ist? ... Er blieb stehen und horchte in die Nacht. Wolken zogen wild über den tiefdunkeln Himmel. Funken sprühten aus einem grossen Schlot im Hintergrunde. Die Stadt schlief. Die Stille war lastend, beängstigend. Er wollte etwas hören und stiess den Stahlbeschlag seines Stockes gegen die Pflastersteine. Dann zündete er sich eine Cigarette an. Das Streichholz flammte auf, ein warmer Phosphorgeruch stieg ihm in die Nase. Die Flamme frass sich gierig in das Papier. Er warf das Streichholz weg. Es leuchtete hell auf, zuckte und erlosch. Auf dem Turme über der Stadt schlug es ein viertel nach zwölf. Ihn fror. Er steckte beide Hände in die Taschen seines Überrockes, zog die Schultern herauf und ging. Er hörte seinen Schritten zu und dem Rauschen seines Blutes ... Fernes Wagenrollen ... Er liebte Mimi Lynx ...

Damals dachte er viel über sich selbst nach. So gewöhnte er sich immer mehr und mehr daran, seinem eigenen Handeln zuzusehen. Es kam zu einer vollständigen Spaltung seines Wesens. Er war sehr ruhig, immer zuwartend, nicht gerne aus seinem Stuben- und Bücherleben durch gewaltsame Eingriffe aufgestört, etwa durch Besuche von Freunden, die ihm doch nichts zu sagen hatten. Resigniert empfing er diese Menschen, wehrte ihren unaufrichtigen Entschuldigungen und zwang sich zu den Gesprächen, die sie pflegten, diesem Worteaneinanderreihen über Gegenstände ihrer Tage, ohne Sinn, ohne innere Bewegung. Wozu reden die Leute immer? fragte er sich. Sie haben doch kein Bedürfnis zu diesen Kritiken und Reproduktionen banaler Geschehnisse. Leben die Leute ein Traumleben? Sie stehen auf, studieren oder lesen über die Worte weg, wandeln spazieren und bleiben vor jedem Bekannten stehen; sie geben in den »ersten Häusern« Karten ab, gehen spät schlafen, sehen Menschen bei sich; keiner ihrer Dialoge ist ihnen notwendig, ihre Lebensregungen entgehen ihnen, weil sie sie nicht verfolgen. Sie lassen sich leben. Sie empfinden nur die Eindrücke der Oberfläche, sie denken nicht nach über ihr Gestern, sie sorgen nicht um ihr Morgen. Und dann treten sie in die Berufe, geben wieder Karten ab, essen, schlafen, heiraten, sehen Menschen bei sich, bekommen Kinder, deren Sein sie nicht wollten, streben einflussreiche Posten an und rauchen unzählige Cigaretten. Endlich werden sie älter, »erfahrener«, und schliesslich legen sie sich dem Tode in die Arme, ohne Wachstumsringe gefühlt zu haben, und sterben. Nein, sie lassen sich töten. _Und mit diesen Menschen muss man umgehen? Man darf sie nicht erschlagen wie Fliegen, die einen ärgern?_ Warum nicht? ...

Er ging zu Mimi Lynx und brachte ihr seine »Nächte«. Sie dankte und blätterte in den starken schwarzgeränderten Seiten. Dann sah sie ihn an, lange, unter den müden Lidern heraus mit einem Lächeln um die kurzen Oberlippen, das ihm vegetabilisch schien, wie Pflanzen lächeln mögen, wenn die Winde der Zeit an sie stossen, Pflanzen auf ihren locker wurzelnden Stengeln, die lächeln, bis einer kommt und sie gedankenlos abbricht, an ihnen riecht und sie fallen lässt ... Er setzte sich neben sie im Zwielicht der gestickten Stores, verschränkte die Finger über den schmalen Knieen und dachte angelegentlich daran, dass ihm Schweiss vom schnellen Gehen auf der Stirne stand und dass seine Lippen brannten vom vielen Schneuzen ...

Er tastete mit seinen Worten an ihr herum. Er überlegte, ob er eigentlich jetzt noch von ihr gehen und sie vergessen könnte. Er wusste es nicht. Mimi Lynx sass gegen die steifen »Eselstaschen« gelehnt und nippte an einer Cigarette. Er betrachtete sie und sagte ihr: »Sie sind schön und unbefriedigt. Sie verstehen von den Dichtern nichts als die Worte der Liebe. Sie haben eine unreine Phantasie. Ihre Lippen vertrocknen, weil sie nicht zusammenkommen. Sie putzen Ihre Zähne und Ihre Fingernägel drei bis viermal des Tages, weil es Sie freut, sehr sauber und sehr gut erzogen zu sein ... Sie würden jeden nehmen, der Ihnen gefällt, wenn es bequem möglich wäre ... Sie müssen sehr schöne runde Arme haben, die unmerklich in die Schultern übergehen. Ich sähe Sie gerne mit schmalen grünen Bändern über den Achseln, mit blossem Nacken und in einem schwarzen Sammetkleide, das nur bis unter die Schultern reichte und straff wie ein Mieder wäre. Es würde mir Freude machen, Ihre Haare in einen festen Knoten zu frisieren, der Ihren Stirnadern weh tun sollte.« Er dachte Literatur. Es war ihm um den seltsamen Eindruck zu tun. Sie hörte ihm zu und lächelte. Sie verwies ihm nichts ... Dann kam Gustav, der Gatte, und sie sprachen vom Tennis, von Wien, dem Turf. Gustav, der Gatte, machte einige Witze über das Dichten. »Die Mimi dichtet auch.« Sie lächelte ...

Einmal kam er, um sich zu verabschieden. Sie war im Garten, auf dem die müde kraftlose Herbstsonne lag, trug ein Rohseidenkleid mit dunkelroten Handstickereien, und ein breiter Sommerhut hing ihr am Arme. Sie strich sich die kleinen Haare an den Schläfen zurück und gab ihm die weiche, kühle Hand. Er hielt diese lange, sah die junge Frau an und liess in seine Augen eine gewollte Sinnlichkeit steigen. Da zog sie die Hand zurück und schlenderte ihm voran. Er fragte sie, ob er ihr gelegentlich neue Gedichte senden dürfe. Sie sagte: »Ja, bitte. Tun Sie das.« -- »Werden Sie mir antworten?« -- »Ja«. Dann ging er. Sie sah ihm nach. Einmal drehte er sich um. Sie stand da, schlank und so weich, gleichsam zärtlich im Nachmittagslichte. Er fühlte: Sie sonnt sich. Er verneigte sich. Sie lächelte ...

Als er im Coupé sass und die Stadt allmählich in einem trüben Novemberhimmel verschwand, stieg ihm eine unendliche Traurigkeit in die Kehle. Er lehnte den Kopf an die Scheiben und zwang seine Augen, die Aussenwelt zu bemerken. Aber sie gingen immer wieder in seine Seele und halfen ihm weinen. Das Leben schien ihm herb und hämisch. Es war aus einer wunderschönen Maske geglitten und zeigte ihm hässliche und höhnische Züge. Und hinter ihm lag alles, was lebenswert war. Sonst war er mit einem heftigen Heimweh nach der Mutter geschieden, die er immer, ihre Tränen erstickend, mit vorgebeugtem Halse, um den Blicken der Menschen ihr Leid zu entziehen, rasch über den Perron zum Ausgange eilen sah, wenn der Zug aus der Halle fuhr. Heute war dieses Weh anders und viel heftiger ... Plötzlich begann er sich in seinem Unglücke zu gefallen. Er kokettierte mit seiner Traurigkeit, sah sich wieder einmal leiden zu. Er dachte: »Jetzt bin ich so elend! Und ich fahre nach Wien, in dieses grausame Wien, das mir sein Leben aufdringt und die nüchterne Geschäftigkeit seiner teilnahmslosen Menschen. Ich komme in meine Wohnung, die mich nichts angeht, nichts von mir hat in ihren Mietmöbeln, in ihrer ausgeräumten Kahlheit, die ich erst wieder zudecken soll.« Er zündete sich eine Cigarre an und holte ein Buch aus der Tasche hervor, Maupassant, Pierre et Jean, las einige Seiten. Die Cigarre kohlte ... Er stand auf und trat in den schmalen Gang hinaus. Langhingedehnte, traurige, traurige Felder. Mässige Hügel. Eine fürchterliche Oede lag über dieser nebeligen kühlen Landschaft. Das Gras an den Dämmen war nass und zertreten. Die Telegraphenstangen flogen an dem Fenstergeländer hin. Der Himmel war grau. Grau wie die Tage, die ihn erwarteten. »Was werde ich aus diesen Tagen herausholen, ich, der ich ihnen nichts zu geben habe als meine Sehnsucht?«

Er ging in das Coupé zurück, schob die Türe zu, denn ihn fror, hüllte sich in seinen Plaid und nahm wieder das Buch vor. Aber das Lesen freute ihn nicht. Er hatte keine Ruhe. Er sah nach der Uhr. Wie die Zeit zögerte! Und plötzlich überfiel ihn wieder einmal tiefe Angst vor der Zeit. »Jetzt scheint sie zu stocken, aber das ist nicht wahr. Sie rennt, sie stürzt in die Ewigkeit. Ich komme ihr nicht nach. Was will ich alles! Was habe ich getan? Nicht einmal französisch kann ich so lesen, dass ich niemals übersetzte, dass mir niemals ein Wort mangelte! Und ich lese doch fast nur französisch. Was tue ich eigentlich? Wozu bin ich?« Und er sehnte sich nach dem Freunde, der erst nachkommen sollte. Der half ihm immer mit seiner Skrupellosigkeit. Der lebte, weil er dem Leben sein Recht zugestand. Er aber liess keine Stunde unzerzaust an sich vorüber ... Dann begann er sich zu trösten. Alles sagte er in stummen wohlgefügten Sätzen, er dachte es nicht: er redete. Und zwischen den Speichen seiner Rede wanden sich windschnell die Gedanken, und an ihnen hielten sich die Gedanken über die Gedanken geklammert, und wenn er ein wenig die Zügel seines Monologes fallen liess, hörte er das alles mit den feinen Ohren seines Gewissens und fürchtete sich vor dem Wirrwarr seiner Seele ... Endlich war er in Wien ...

Als er wieder in seinem Zimmer stand, vor dem unausgepackten Koffer, fiel ihn diese grausame Sehnsucht von neuem an, alle Fänge hackte sie ihm ins Herz, das sich krümmte und blutend zuckte. Er presste seine Hände an die Augen, bis sie schmerzten, so dass rote und blaue Lichter wilde Kreise vor seinen geblendeten Blicken schwangen, als er sie frei gab. Dann seufzte er auf und rief nach dem Mädchen. Er wollte einen Menschen in seiner Nähe haben ... Sie half ihm beim Einräumen der Kasten ... Jedes Stück hatte ihm die Mama sorgfältig in den Koffer gelegt, ein Hauch von ihr war noch um all die Sachen, der sich jetzt verflüchtigte, als sich der Raum rasch und rascher leerte. Endlich schlug er den Deckel zu. Hell klirrte das Schloss. Er war wieder zu Hause ... Schnell zog er sich um. Er musste fort. Zu Menschen. Lachen hören, Gesichter sehen, reden, reden. Und schon fürchtete er sich vor dem Nachhausekommen. Da fiel ihm die Rettung ein: trinken wollte er, bis er müde würde, zum Umfallen müde ... Er eilte in die Stadt.

Als der Hans kam und von der Sonne begehrte, dass sie ihm zuliebe erst um zwölf Uhr mittag aufgehen sollte, als er mit seiner ausgelassenen Laune eines, der die Zügel über den Kopf geworfen hat, nach »Festen« rief, gewann alles ein anderes Aussehen. Die Strassen, die sie Arm in Arm durchwanderten, weiteten sich, die Häuser grüssten freundlich mit ihren prunkenden »Auslagen« und den spiegelblank geputzten Fenstern, die Leute hatten ihre besten Kleider angezogen und trugen ein pfiffiges Lächeln um die Mundwinkel: »O wir verstehens auch!« ...

Ihre Wohnung bestand aus zwei grossen Zimmern im zweiten Stocke eines Hauses in der Alserstrasse, die von dem Vermieter, einem Agenten in Majolikawaren, mit Vasen, Krügen und Jardinieren vollgeräumt waren. Sie verrückten alle Sophas, schoben Tische und Tischchen herum, drapierten die Wände und pfiffen in den Sonnenschein ... Frau Martha L. schrieb an Heinrich ... Der Sommer erstand vor ihm.

Sie hatte mit einem alten guten Gatten und einem Töchterchen in den Zopfjahren ein nur selten durch Stadtbesuche unterbrochenes Landleben geführt. Aber man erzählte allerhand. Den Heinrich reizte es, dass sie ihn als Kind gekannt hatte und stundenlang seinen Spielen zugesehen haben sollte. Diese Frau mit dem graziösen Halse und den feuchten schwarzen Augen, die ihn als Buben von fünfzehn Jahren einmal durch ihre spröde unnatürliche Stimme aus aller Fassung gebracht hatte, zu besitzen, lockte seine nach seltsamen Begebnissen lüsterne Phantasie. An einem drückend heissen Julimittage kam er zu ihr, verschwitzt, sonnenrot, verlegen und eigentlich unberührt. Er war den Berg hinaufgerannt. In einem schwarzweisskarierten englischen Kleide empfing sie ihn, freudig, wirklich angenehm gestimmt durch seinen Besuch, der durchaus nicht der heranwachsenden Tochter galt. Sie sah ihn an, lächelte und dachte: »Wie hübsch er ist!« Er sagte ihr seine Neigung in langsamen, um Vergebung bittenden Worten, und sie fand ihn »eigen« ... Der Ahornbaum vor dem offenen Fenster verschattete das kühle weite Zimmer mit den zahllosen Photographien und den schweren Salontisch-Prachtwerken. Alles wurde so unwirklich, seltsam gedämpft durch diesen milden alten Baum ... Sie gab ihm die Hand. »Ich habe Ihre Gedichte gelesen. Sie sind ja ein wahrer Poet!«

Was sie sagte, war sehr dumm. Sie sprach überhaupt selten anders als dumm ... Ihm aber schien es, als sei erst mit ihren Worten die Krone der Vollendung auf seine Stirne gedrückt worden. Er hätte sie küssen mögen nur um dieser dummen Worte willen.

Er wollte ihr erwidern, aber er fühlte, es werde etwas ungemein Läppisches herauskommen. Da schwieg er.

Sie sprach weiter. Ihm gegenüber war sie ja so stark. »Und werden Sie die Dichtkunst auch weiterhin betreiben?«

Als ob sie ihn gefragt hätte: »Und werden Sie das Rasieren auch weiterhin betreiben?« Er wurde irre an ihr. Er ärgerte sich fast. Und da sagte er: »Gewiss. Aber ›betreiben‹ ist doch wohl nicht das richtige Wort.« »Excusez, monsieur«, sagte sie. Sie liebte französische Brocken.

Er trocknete sich den Schweiss von der Stirne und war wieder ganz klein, ganz erbärmlich ... Da kam ihr Mann. Das war auch einer von denen, die lächelnd umhergehen, »guten Tag« sagen und blind für das nächste sind. Er war sehr jovial und freute sich »riesig«.

Sie dachte: »Ob Ernst eifersüchtig sein wird auf das Kind? ...« Es war gut, dass Ernst nicht da war. Denn das war der Mann, vor dem ihre arme Seele kniete ... Dann rief die kleine Grete zum Tee ... Das war im Sommer gewesen.

Jetzt schrieb sie ihm:

»Es war sehr freundlich von Ihnen, sich Ihres Versprechens zu erinnern und danke herzlichst hierfür -- bis jetzt war ich noch nicht in Wien -- vielleicht komme ich noch vor Weihnacht, Einkäufe besorgen und wieder mal Grossstadtluft atmen -- bezüglich des Nichterscheinens meines Photo muss ich um Entschuldigung bitten usw. -- Und nun à dieu, mein junger Freund, seien Sie usw.«

Ein Stil! Ja, sie war dumm. Dumm und schön. Eigentümlich. Keine andere Frau war so überzeugend Weib, so ganz dazu da, dass die Männer hingehen und verrückt werden vor Begehren.

Er sass an dem polierten Schreibtisch, der seinem verwöhnten Geschmacke oftmals Qualen bereitete, und sah in die dunkeln Fensterscheiben. Die Lampe spiegelte sich in der linken unteren. Er kam sich ungemein bleich, »pensif« vor. Er betrachtete diese undeutliche Wiedergabe seines Gesichtes unter den zerzausten welligen Haaren. Dann schrieb er ein paar Verse. Der letzte wollte keinen Reim dulden. Unwillig schob er das Papier in die Mappe ... Da kam der Hans. Natürlich von der Paula. Eine Gardenie im Knopfloch, eine »Festrübe«, eine »Flor de Cuba«, im Munde. Er warf Überrock und Cylinder auf den türkischen Diwan unter der Petroleum-Hängelampe, rieb sich die Hände, pfiff durch die Zähne und wollte gefragt sein. Aber Heinrich hatte keine Lust. Endlich tat er ihm die Freude ... Die Paula war seine Entdeckung. Eine kleine blonde Schauspielerin, eine »Bestie«. Er hatte sie auf der Strasse angesprochen. Sie war anfangs entrüstet gewesen, diese kleine, blasse, à la Botticelli frisierte Person mit den zärtlichen grossen rehbraunen Augen. Da liess er einen Namen fallen, langsam, siegesgewiss: Rose Barune Merony. Das wirkte. Eine Freundin. »Meine beste Freundin.« Und dann wurde er für Montag zum Tee geladen. Er kam und fand bei ihr die Seiler, eine Choristin aus der Josephstadt. Die Paula gefiel ihm. Sie lebte in einem geschmackvollen Bric-à-Brac von Stand-Lampen mit Abas-Jours, japanischen Ofenschirmen, Blumen und Bildern, zeigte einen sehr schönen winzigen Fuss in einem nagelneuen Lackschuh und zerbiss mit herzigen Mauszähnchen Konfekt. Er lud sie zu sich ein. Sie nahm an. »Die Giesi muss mit«. »Gewiss. Sehr gern« ... Um acht Uhr holte er sie aus dem Theater. Sie wolle sich noch umkleiden. Er dürfe hinauf, aber »Ehrenwort, anständig sein!« -- »Ehrenwort!« -- Und er hatte es gehalten ... Sie waren allein in der Wohnung gewesen, ganz allein. Er sass vor dem roten, gelbgezeichneten Sekretär und las: Karl Maria H..., »Gedichte«. Sie wechselte im Nebenzimmer die Toilette. Er hörte das Rauschen der Seide. Denn es gab keine Türflügel, keine Portieren zum Schlafgemache ... Endlich kam sie, lächelnd ... Er war sich damals ungemein läppisch vorgekommen.

An dem Abende lernte sie der Hans kennen und verliebte sich in sie. Natürlich ... Jetzt steckte er immer mit ihr zusammen. Das kostete sehr viel Geld. Aber ohne Erfolg ... Und heute wieder wie immer: Causerie, Dummheiten, ein halbes Dutzend Handschuhe, eine Bonbonniere ... Heinrich seufzte. Er war sich nie recht klar geworden darüber, ob er sie gern hätte. Jetzt wusste er es. Auf jede Einzelheit dieser drei regnerischen Nachmittagsstunden war er eifersüchtig ... Es läutete: der Briefträger ... Zurückgesandte Manuskripte: »Leider sind wir derzeit überhäuft ...« Dann ein grosses starkes Kuvert mit einer niedlichen schiefen Schrift. Er studierte den Poststempel. »Ah!« ...

Geehrter Herr D.!

Besten Dank für die freundliche Übersendung Ihres neuesten Werkes.

Ich habe es bereits gelesen, und es hat mir gut gefallen. Wo soll es denn zuerst aufgeführt werden? Waren Sie schon bei meiner Schwägerin Nina? Der müssen Sie's auch zeigen oder noch besser vorlesen. Es grüsst Sie herzlich

Mimi Lynx.

Nacht. Heinrich sass an seinem Schreibtische und verfolgte den Schatten der Feder, die lässig über den glänzend-weissen Bogen zog. Er schrieb an »Psyche. Ein Mysterium.«