Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 8

Chapter 83,629 wordsPublic domain

Doch sie begann ihm auseinanderzusetzen, warum sie ihn für klüger, besser, origineller als die anderen hielte. Sie bewies es leidenschaftlich, aufgeregt, hastig. Aber er widersprach ihr immer wieder und erklärte mit falscher, gehässiger Stimme, daß ihr Mann ein hervorragender, prächtiger Mensch sei. Er schilderte ihn wahrheitsgetreu und erniedrigte sich selbst dabei. Vor Maria Sergejewna tauchte allmählich immer klarer und deutlicher die bekannte Gestalt auf; das feinfühlige Gesicht des schönen, zärtlichen, eigenartigen Menschen, das sie auch noch jetzt, ohne es zu wissen, liebte. Irgendwo in der Ferne zeigten sich Erinnerungen an das erlebte Glück, an die ersten Liebkosungen; sie riefen bis zur Unfaßbarkeit feine Trauer hervor. Sie erschrak und begann zu streiten, ganz eigentümlich zu streiten, als ob sie nicht Mishujew zu widerlegen suchte, sondern etwas anderes, das im Innern ihrer selbst entstanden war. Das krankhaft angespannte Gehör Mishujews erfaßte diesen eigentümlichen Klang der gebrochenen weiblichen Stimme. Auch in seinem eigenen Flüstern änderte sich etwas: er stieß seine Werte mit trockener, unbegreiflich gehässiger Hartnäckigkeit hervor. Und mit einem Mal merkte Maria Sergejewna mit Entsetzen, daß es ihr, sobald sie nicht mehr leugnen konnte, daß ihr Mann ein hervorragender, guter Mensch ist, an den Beweisen fehlte, weshalb sie Mishujew liebgewann.

Ohne Worte wurde es klar, daß sie ihren Mann liebte und ihn auch jetzt noch nicht vergessen hatte, und daß sie nur von dem Drang nach neuem, prunkvollem Leben, den sie bis jetzt mit solcher Beharrlichkeit, und, wie sie glaubte, auch mit Aufrichtigkeit geleugnet hatte, fortgerissen worden war.

Als sie dahin kam, verstummte sie plötzlich, ungeschickt, ratlos, schwach, während sie sich angstvoll sagte, daß sie jede Sekunde dieses Schweigens zugrunde richten müsse. Mishujew wartete, drückte noch immer mit seiner schweren Schulter auf ihre weiche Brust und schob sein Bein nicht von ihren runden, warmen Schenkeln zurück. Seine Augen starrten unverwandt geradeaus in die Finsternis, sein ganzer Körper lag abgestorben in der entsetzlichen Erwartung dessen, was er längst vorausgesehen hatte. Eine unabwendbare, eisige Kälte stieg allmählich von ihnen herauf und trennte sie voneinander. Sie versuchte, noch etwas zu sagen, brachte es aber nicht fertig und brach plötzlich in ohnmächtiges Weinen aus.

»Warum folterst du mich so! ... Ich weiß von nichts ... von nichts ...«

Mishujew schwieg und atmete schwer. Er fühlte, wie sein ganzer Körper, sein Herz und Gehirn in schwarze Leere versanken.

Maria Sergejewna schluchzte auf und verstummte. Er schwieg und wartete auf etwas. Ohne mit dem Weinen aufzuhören, hob sie schüchtern ihren Blick. Da klatschte plötzlich eine scharfe Ohrfeige mit furchtbarer Kraft über ihr Gesicht.

»Ah!« schrie Maria Sergejewna; sie verlor für einen Augenblick vor Entsetzen und Schmerz fast die Besinnung.

»Luder!« sagte Mishujew heiser. Schwer und vierschrötig, in der Finsternis unsichtbar, kroch er fort, wobei er sich bemühte, ihren warmen, regungslosen Körper nicht zu berühren, und ging rasch, an die Möbel stoßend, aus dem Zimmer.

»Ende!« sagte in ihm dumpf eine Stimme.

Inmitten seines Arbeitszimmers blieb er stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen vor sich hin. Dort, hinten, suchte das gespannte Ohr irgend einen Laut zu fassen, aber alles blieb still, wie ausgestorben. Er fürchtete sich, auch nur einen Finger zu rühren, ihm schien, daß die leiseste Bewegung den Tod mit sich bringen würde. Sein ganzes Wesen war ein einziger, unsäglicher Schmerz. Entsetzliche Scham, tiefste Vereinsamung und tödliches, herzzerreißendes Mitleid mit sich und mit ihr verschlangen sich chaotisch mit kalter, böser Freude, als ob er endlich an jemandem Rache nahm, indem er, ihm zum Trotz, sich selbst vernichtet hatte.

»Ende!« sagte Mishujew mit sonderbarem Lächeln.

Er wollte dieses unsinnige Lächeln unterdrücken, aber es wuchs in die Breite, wurde größer, zerrte an seinem Gesicht, er konnte die klappernden Kiefer nicht ruhen lassen, und mit einem Mal zuckte sein ganzes Gesicht in _einem_ furchtbaren, wahnsinnigen Krampf auf.

X

Es war ein windiger Tag; die breite See, mit weißen Gischtkämmen bedeckt, scharf blau in der Ferne und grell-grün in der Nähe, wogte nicht, sondern schien sich zu drehen. Alles war scharf und buntfarbig: die Schatten, das Sonnenlicht, die prächtigen Toiletten der Damen, die auf dem Dampfer standen, die Borde und Taue des Schiffes. Der Wind erfüllte alles mit launischer, gleißender Bewegung; die ganze Umgebung wurde dadurch ungeheuer groß, die Menschen aber und das Städtchen, das hinter der Bucht strahlte, fast spielzeugartig klein.

Auf die Abfahrt des Dampfers mußte sehr lange gewartet werden. Mishujew wie Maria Sergejewna fühlten sich traurig, schwer und unbehaglich.

Grob rasselte der Krahn, während er schwere Kisten durch die Luft trug und in den Kielraum versenkte. Über die Schiffsbrücke, zwischen Verdeck und Ufer, strömte ungeduldig eine bunte Menge, unter der sich auffallend viele Damen befanden. Vom Ufer schrie man zum Bord hinüber, vom Bord zum Ufer, man warf sich gegenseitig Blumen zu, die von scharfen Windstößen ins Wasser gerissen wurden. Die Damen hielten die Hutkrempen fest; die Röcke flatterten bald auf, bald umschlangen sie die Kniee, zeigten die weichen Umrisse der Füße und verliehen dadurch dem Ganzen einen ungeduldigen, unsteten Charakter. Trotzdem sah es aus, als ob der Dampfer nie mit der Aufladung der zahllosen Kisten fertig werden und abfahren wird. Manchmal begann die Dampfhuppe ungestüm zu brüllen, und ihr gewaltiger, schriller Seufzer übertönte alle Laute, schwoll höher und höher an; erst als die Ohren bereits schmerzten und das Gebrüll ganz unerträglich wurde, riß es plötzlich ab, schrie kurz auf und verstummte. Eine seltsame Stille trat ein, lange hörte man in den fernen Bergen das verhallende Echo. Dann erhob sich wieder scharfes, eiliges Gerede, und ungeschlacht rasselte der Hebekrahn.

Mishujew stand am Bord und litt unter einer furchtbaren, drückenden Last. Er fühlte, daß Maria Sergejewna ihn immer wieder anschaute, und sah von der Seite ihre dunklen Augen, die sich anstrengten, ruhig und lächelnd auszusehen, in denen aber durchsichtige Tränen standen.

Sie sagte nichts. Die Entscheidung war schon gestern getroffen; nach der schweren, abscheulichen Unterredung gab es jetzt nichts mehr, worüber sie sprechen konnten.

Nun schön ... Ende, -- mag es das Ende sein ... wiederholte sich Maria Sergejewna lautlos, und nur ihre Hand im weißen Handschuh fuhr ohne Grund über den blanken Messing des Schiffsbords. An dieser ununterbrochenen, gespannten Bewegung konnte Mishujew verstehen, was sie fühlte und dachte, was für auswegslose Trauer ihr kleines Herz zerriß. Sie tat ihm leid; er fühlte eine unendliche Schuld gegen sie. Doch in seiner Seele war es leer, und es war unmöglich, sich eine Rückkehr zu dem früheren, zu den Zärtlichkeiten, dem gemeinsamen Leben und der gegenseitigen Wärme, vorzustellen. Etwas war gerissen, zwischen ihnen lag kalte Leere, und jetzt hatte er nur noch einen Wunsch: nichts mehr in die Länge zu ziehen! Nur schneller alles zu enden!

Tja ... dachte Mishujew, unbeweglich auf die bunte Menge starrend. Sie wird auch ohne mich fertig werden. Wird das bisherige festliche Leben führen, nichts entbehren, nur Lust und Freude suchen.

Ihm schien, daß sie einen anderen Mann finden müsse, den sie so wie einst ihn lieb gewinnen kann, der sie aber aufrichtig und mit dem Gefühl des Dankes, mit warmer, inniger Achtung liebt. Doch aus irgend einem Grunde konnte er sich diesen anderen nicht vorstellen; statt dessen stieg vor ihm bald das schwarzbärtige, runde Gesicht Parchomenkos bald die hängende Unterlippe des Börsianers auf.

Auch das ist möglich, dachte Mishujew -- sie hatte die reine, aufrichtige Liebe zu ihrem Mann, sie tauschte sie gegen mich ein, weil ich ihr neue Eindrücke, die Möglichkeit eines sorgenlosen, lustigen Lebens gab. Jetzt wird es ihr schwer sein, zum früheren zurückzukehren ... sie muß in dem neuen Gleise bleiben ... Und sie wird fröhlich sein, sich glücklich hingeben, lachen, sich schön kleiden ... Bis das Leben selbst erblaßt und in Leere aufgeht ... Es ist doch schade! ... Aber ich allein bin schuld ... Na, schön ... Ich werde leben, wie ich schon gelebt ... es wird öde, widerwärtig, einsam zugehen! Leer ...

Die Messinghuppe fing zu brüllen an. Die Luft erzitterte, das Verdeck zitterte, und eine Minute lang schien es, daß auch das Meer und der Himmel unter dieser unmenschlichen Stimme, die in den Bergen widerhallte, erbebten. Auf dem Verdeck schrie man, man bewegte sich und schwenkte die Tücher.

Maria Sergejewna wurde blaß, und in ihren dunklen Augen drückte sich unterwürfige Trauer aus. Mishujews Herz zog sich zusammen. Beide fühlten in diesem letzten Augenblick die hoffnungslose, traurige Zärtlichkeit.

Man konnte den Moment nicht bemerken, in dem der Dampfer abstieß, nur der trübe, grüne Wasserstreifen wurde plötzlich breit und wuchs zwischen der nassen Steinumfassung der Mole und dem schwarzen Borde schnell an.

Mishujew stand auf dem Verdeck und schaute lange aus, um unter der Menge die schlanke, winderfaßte Gestalt Maria Sergejewnas zu finden. Der Dampfer fuhr mit voller Geschwindigkeit, und die Gischtkronen der freien Wellen zeigten sich zwischen ihm und dem Ufer. Der Kai wurde immer kleiner und kleiner, aber lange noch sah Mishujew die in der Richtung des Dampfers hergehende, helle, weibliche Gestalt, deren Kleid der sonndurchstrahlte Wind hin und her zerrte und hochhob.

Ihre Gesichtszüge konnte er nicht mehr erkennen ... nicht mehr sehen, ob sie steht oder geht. Nur ein kleines, helles Fleckchen schmiegte sich an die lange, graue Steinwand, mitten im Wind, den rollenden Wellen und dem weißen Gischt, den der Wind von ihren Köpfen reißt.

Immer kleiner und kleiner. Und als das Städtchen, und der Kai, und das kleine, weibliche Figürchen zu einem Panorama, das wie Spitzenwerk durchleuchtet war, zusammenflossen, stach ein scharfer Schmerz tief in sein Herz; er fühlte sich in der ganzen Welt allein.

Abgebrochen war das frühere Leben; es verschwand für immer in der blauen Vergangenheit. Vor ihm breitete das leere, bewegliche Meer, hebend und fallend, seinen windigen, kalten Raum aus.

-- -- Na, sei's so ... dachte Mishujew. Vielleicht ist es zum guten ... Irgendwie werde ich schon damit fertig werden.

Auf dem Dampfer ging es lustig und farbig zu. Viele Frauen in schönen Kleidern, mit Blumensträußen in der Hand, gaben ihm ein festliches Aussehen, und als auf dem Vorderteil unerwartet Musik zu spielen begann, glich das Ganze einem fröhlichen Ausflug. Die Fahrgäste teilten sich in Gruppen, zwischen den Damen tauchte bald der Kapitän auf, der in seinem schneeweißen Kittel halb wie ein Geck, halb wie ein Seemann aussah. Scherze, Lachen, weibliche Ausrufe erschollen. Und hinter dem Schiff schäumte das Meer und schwamm in die vergehende Ferne zurück.

Im blauen Nebel zogen grüne Ufer und rosige Berge vorbei. Auf einem Felsvorsprung lag ein weißes Kloster hoch über dem Meer und schwebte lange, wie eine Möve, in der Luft, bis es in der blauen Weite zerfloß. Das Meer rollte und bewegte sich, die weißen Wellen hoben sich und fielen nieder.

Unermüdlich schritt Mishujew auf dem Verdeck auf und ab, schaute auf das verschwindende Ufer und sann nach. In seiner Seele klang und schmerzte ein trauriges, hoffnungsloses Gefühl.

Wohin fahren? Wozu? dachte er, während sein Blick gleichgültig über Meer und Ufer schweifte, die er schon so oft gesehen hatte -- hier, wie an der Küste Italiens und in Ägypten -- und die ihm von der ergreifenden, blauen Schönheit der Natur, die das Herz des Menschen frei wie einen Vogel an einem hellen Sommertag macht, nichts mehr zu sagen wußten.

Nur fiel es ihm auf, wie eigentümlich die Möven kreischten, die den Dampfer begleiteten.

XI

Maria Sergejewna stand in der Mitte ihres Badezimmers, in dessen weißen und grauen Fliesen sich das elektrische Licht brach und spiegelte, und ein kräftiges Kammermädchen rieb sie stark und geschickt mit einem nassen Schwamm ab. Der nackte, feuchte Körper glänzte in dem Licht, und bei jeder Anstrengung des Mädchens gab das schlanke, elastische Figürchen Maria Sergejewnas langsam nach und richtete sich wieder auf. Die abgerundeten Brüste zitterten und schwankten, ihr stolzes Köpfchen richtete sich bald auf, bald sank es mit der schweren, auf den Rücken herabhängenden Frisur nieder, und man konnte glauben, daß das nackte Weib nur von süßer, physischer Lust bewegt wird.

In Wirklichkeit faßte ihr kleines, in einem Klümpchen zusammengezogenes Herz soviel Trauer, Kummer und qualvolle Ratlosigkeit, daß ihr schien, als müßte sie sterben.

»Vielleicht ist es zu kalt, gnädige Frau?« fragte die Zofe, sobald sie bemerkte, daß die abfallenden Schultern Maria Sergejewnas leise erschauerten.

»Was?« Maria Sergejewna erschrak und sah die Zofe mit weit geöffneten, traurigen Augen an.

»Ist das Wasser nicht zu kalt, gnädige Frau?« wiederholte das Mädchen.

»Nein, ... es geht ...«

Die Zofe tauchte den Schwamm in lauwarmes Wasser und fing wieder, während sie an etwas anderes dachte, an, Maria Sergejewna geschickt und gleichgültig den Rücken zu reiben.

Es peinigte Maria Sergejewna; es war ihr unerträglich, nackt dazustehen und sich waschen zu lassen, während ihr das Herz in Stücke brach. Sie wollte allein bleiben, sich ins Bett werfen und den Kopf in die Kissen pressen. Sich niederlegen und absterben, für immer, nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen.

Aber die dressierte, gleichgültige Dienerschaft, die nur zu Aristokraten in Dienst tritt, und vor der sich Maria Sergejewna immer noch fürchtete, wie arme, einfache Menschen stets aristokratische Dienstboten scheuen, war im Hause und umgab sie vom frühen Morgen an mit neugierig-kalten, fast nachstellenden Augen. Sie wünschte, daß das, was am Tage zuvor geschehen war, verborgen bliebe, es sollte niemand erfahren, daß sie verlassen wurde, daß sie nur eine Maitresse ist, die man ins Gesicht schlägt, daß man sie wie das niedrigste Frauenzimmer durch den Schmutz schleifen konnte.

Von dem Augenblick an, da Mishujew, der nach einer schweren und hoffnungslosen Auseinandersetzung begriff, daß sie das Band zwischen sich zerrissen hatten, abgereist war, sorgte sich Maria Sergejewna mit allen Kräften, daß niemand etwas von dem Vorgefallenen erfahre. Am Dampfer bemühte sie sich, vergnügt auszusehen und zu lächeln; als sie ihre unermeßliche Qual im Herzen nach Hause trug, zwang sie sich, vor dem Diener die Herrin zu spielen; zu Hause strengte sie sich an, alles wie gewöhnlich zu tun, sie fühlte sich als Sklavin dieser gemieteten Leute, die sie nichts angingen.

Als ihr die Zofe höflich meldete, daß das Bad bereit sei, ging sie sofort ins Badezimmer, kleidete sich aus und gab sich, nackt und unglücklich, den unnötigen, schmerzlichen Bemühungen des Mädchens hin.

Schmerzlich zog sich das Herz der kleinen, nackten Frau, die, umgeben von Licht und Wärme, von sanftem Wasser und warmer, dampf- und parfumgesättigter Luft geliebkost, dastand, zusammen. Ein schweres Gefühl der Einsamkeit lag in dem gehätschelten Körper. Ihr schien, daß man sie verspottete.

»Genug, Klawdia, schon gut ...« sagte sie mit Überwindung; sie fühlte, daß sie im nächsten Augenblick zusammenbrechen müßte.

»Aber die Dusche, gnädige Frau?« meinte höflich die Zofe, und ohne die Antwort abzuwarten ging sie zu dem emaillierten Hahn, öffnete ihn und fing sorgfältig an, den warmen Regen, der von oben herabfiel, mit der Hand zu prüfen.

Maria Sergejewna, der die Tränen in die Augen kamen, stellte sich unter die Dusche.

Erst als die Zofe ihr einen trockenen, weichen Mantel umhing und sie im Schlafzimmer allein ließ, stürzte sie händeringend mit dem Gesicht auf die Kissen.

Die lange zurückgehaltenen Tränen brachen in einer heißen Welle hervor; sie weinte wie ein Kind, hilflos und still.

Ihr ganzes Leben ging an ihr vorüber, alle Leiden der Vergangenheit und die finstere Zukunft, die grausame Täuschung und das Bewußtsein eines entsetzlichen, nie wieder gutzumachenden Irrtums.

Seitdem sich ihr Leben von Grund auf geändert hatte, und die Gattin eines stillen und zärtlichen Mannes, eine Frau mit einer kleinen, doch sonnigen und einfachen Welt, verschwunden war, um einer unruhig schönen Frau, die in Spitzen, Seide, Diamanten, Prunk und Bequemlichkeit schwelgte, zu weichen, seit diesem Augenblick dachte Maria Sergejewna kein einziges Mal an ihr früheres Leben. Das war etwas Lichtes, Liebes, an dessen Verlust sie sich nicht ohne Schmerz erinnern konnte; der Schmerz aber würde sie endgültig der letzten Rechtfertigung für ihre Handlungsweise beraubt haben.

Es war eine furchtbare Tragödie gewesen, als ihr verlassener Mann, der ihr einst unendlich teuer war, in den letzten Minuten fast an Tränen erstickte und nur noch das eine stammeln konnte: »Mütterchen, Mütterchen ... willst du denn wirklich deinen Jungen verlassen! ... Was werde ich ohne dich tun!« Ein schwerer chaotischer Kampf zerriß sie, ohne daß sie ihn fassen konnte. Das Herz zerbrach vor Mitleid mit dem weinenden erwachsenen Mann, der hilflos und nutzlos naive Worte wiederholte, die sie noch vor kurzem bis zu Tränen gerührt hätten. Als er schluchzend ausrief: »Was werde ich nur allein tun!« -- erinnerte sie sich plötzlich, daß sie sich ihn früher ohne ihre Zärtlichkeit und Pflege gar nicht vorstellen konnte. Im Augenblick sah sie seine Einsamkeit, seine Trauer, seine Armut, während sie Luxus, Pracht und Glück genießen soll. Und eine Minute lang kam ihr ihr Entschluß wie ein Wahnsinn vor.

Sie umarmte und küßte ihren Mann, sie trocknete mit der Hand seine nassen lieben Augen, die von Gram und Tränen entzündet waren. Das Herz sprang zwischen einer neuen farbenreichen Liebe, die ein ungekostetes herrliches Leben verhieß, und dem Zartgefühl und grenzenlosen Mitleid mit diesem weinenden Manne, der hilflos war, wie ein verlassenes Kind.

Maria Sergejewna hatte gefühlt, daß ihre Kräfte schwinden, daß die Träume von einem neuen Leben, die wie ein Märchen glänzten, verblassen und versinken. Um sich zu retten, um nicht alles beiseite zu werfen und zu bleiben, nahm sie sich zusammen und stählte ihr Herz durch eine Grausamkeit, die für sie selbst am schmerzlichsten war.

Als sie fortging und zum letzten Mal das bekannte Zimmer, die bekannte Lampe, das Bett, in dem sie das Glücklichste ihres Lebens genossen hatte, Skizzen, zu denen sie ihrem Manne einst Akt gestanden, die ihren Stolz, einen Teil ihrer Seele bildeten, die ganze vertraute Umgebung mit den Augen überflogen hatte, wurde ihr Herz von unerträglicher Qual durchschnitten. Etwas Entsetzliches heftete sich an dieses Fortgehen, aber sie nahm sich noch einmal, zum letztenmal, zusammen und ging hinaus. Und er weinte nicht mehr, rief sie nicht mehr zurück, sondern holte nur tief Atem und klammerte sich mit der Hand an ihren zurückgelassenen alten Umhang, als wenn er fürchtete, daß ihm auch dieses -- das Letzte -- noch genommen werden könnte. Diese eine Bewegung war furchtbar gewesen und die Erinnerung daran war nicht drückend, nicht qualvoll, sondern einfach grauenhaft, wie die an ein vollbrachtes Verbrechen.

Um dieses Grauenhafte nicht in jeder Minute vor Augen zu sehen, stürzte sich Maria Sergejewna in ein wirklich wahnwitzig leichtsinniges Leben.

Allmählich vergaß sie das Vergangene, wurde fröhlich, bekam Geschmack am Luxus, gewöhnte sich daran. Theater, Bälle, Toiletten, der Verkehr mit reichen Menschen umschwirrten sie wie ein Traum, und sie begann fast zu glauben, daß sie glücklich sei.

Nur selten, wenn sie allein blieb, hörte sie auf, in ihrer Umgebung unterzugehn, dann dachte sie daran, wie irgendwo in der Ferne, mit nagender Trübsal, ein verlassener einsamer Mensch lebte.

-- -- Wie geht es ihm? Was mag er jetzt tun? -- dachte sie, wurde traurig, fühlte sich beschämt, und lief wieder unter Menschen, fuhr irgendwohin, lachte, kokettierte.

Jetzt aber war der Flitter wie Staub abgefallen, und klaffende Leere zeigte sich darunter. Sie wurde ratlos, und in ihrem armen Köpfchen wogte alles durcheinander, wohin gehen, was tun, an was das Herz hängen -- alles war vorbei. Allein eine Maitresse war verlassen zurückgeblieben, eine Frau ohne Namen, ohne Anspruch auf Achtung. Sie hatte aufgehört, ein Mensch zu sein, und wurde zu einem Ding, einem Lappen, den man abgenutzt auf die Straße werfen konnte.

Und mit Schauer des Entsetzens fühlte sie, daß es kein Zurück mehr gab, daß sie nicht wieder so leben konnte, wie sie früher gelebt hatte. Daß sie auf einem goldenen Wege stand und ihn weiter gehen mußte. Wohin?

-- -- Das ist die Vergeltung, die Vergeltung ... -- stammelte Maria Sergejewna mechanisch.

Auf dem Tischchen neben dem Bett lag das Geld, das ihr Mishujew zurückgelassen hatte, und mit Entsetzen sah sie es an, während sie wie ein eingesperrtes Tier die Kissen mit den verzerrten feinen Fingern zerkratzte.

XII

Mishujew kam an einem regnerischen, schon herbstlichen Tage in Moskau an; sowie er aus dem Wagen stieg, war er von widerwärtiger, kalter Feuchtigkeit bis auf die Knochen durchdrungen.

Der ungeheuer weite, asphaltierte Platz vor dem Bahnhof gleißte wie ein See, nasse Droschken schwammen darauf, und die Schritte kältezitternder, durchfeuchteter Menschen klatschten eilig über ihn hin. In der Ferne, hinter dem grauen Regenvorhang, schimmerten undeutlich zahllose Dächer, Kirchenkuppeln und die trüben Flecken verwaschener Vorgärten. Ihm wurde ganz eigentümlich traurig bei dem Gedanken, daß es hier schon Tage lang keine Sonne, keinen blauen Himmel, keine fröhlichen Blumen mehr gegeben hatte. Alles machte den Eindruck, als wären alle diese eiligen, durchnäßten Leute bis zum äußersten lebensüberdrüssig; sie lebten nur, weil sie sich längst mit dem Regen, dem grauen Himmel, der Kälte und Nässe abgefunden hatten und sie nicht mehr beachteten. Wenn sie jetzt davon gehört hätten, daß irgendwo in der Ferne gerade in diesem Augenblick die Sonne grell leuchtete, das blaue Meer strahlte und das bunte Gras lachte -- dann könnten sie einem solchen Glück gar nicht glauben wollen; -- sie würden sich nur beeilen, weiter durch klatschende, kalte Pfützen zu laufen. Aber Mishujew dachte darüber nicht nach, weil er all das seit langem gewöhnt war; er war von dem goldenen Frühling nicht entzückt und wurde durch den grauen Herbst nicht mißgestimmt.

Er hatte niemanden von seiner Ankunft benachrichtigt, und so war er auch nicht erwartet worden. Seine Sachen übergab er einem Dienstmann, nahm sich eine Droschke und fuhr zitternd vor Feuchtigkeit in dem durchnäßten Wagen nach Hause.

Schon aus der Ferne erkannte er das altbekannte silbergraue Haus, dessen riesige Größe und groteske Verzierungen im Jugendstyl mit einem quer herüberlaufenden kolossalen Schild: »Gebrüder Mishujew« sofort ins Auge fiel. An dem Haustor, das einer Höhle ähnlich sah, spielte sich noch immer das gleiche emsige Gewühl ab. Triefende Lastfuhrleute luden gelbe Kisten, aus denen das feuchte Stroh hervorlugte, auf; gelb-schwarze Wagen fuhren an und ab, erbittertes, hungriges Schimpfen hing armselig in der wasserdurchweichten Luft. Und im Hause, in den weiten Zimmern, die kalt wie der Platz draußen waren, durch meterhohe, trübe Fenster von der Straße getrennt, leuchteten in trockenem Grün elektrische Lampen; gebeugte Köpfe raschelten mechanisch, fast ganz regungslos zwischen Papieren und klapperten mit den Rechenbrettern.

»Alles nach Strich und Faden --« dachte Mishujew, als ob er etwas Neues erwartet hätte, und ging, nachdem er seine Sachen abgelegt, durch das ganze Kontor. Und wie immer, wenn er in diese trockene, geschäftsmäßige Atmosphäre geriet, wurde sein Gesicht auch jetzt hochmütig und kühl, als zöge er zwischen sich und allem Anderen gewaltsame Grenzen.