Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 7

Chapter 73,535 wordsPublic domain

»Nicht gerade quält, nur ... aufregt,« erwiderte Mishujew. Mit einem Mal empfand er unangenehm, daß seine Herzensergießung einen zu ernsten Charakter angenommen hatte; er schämte sich, Podgurski gegenüber so offen zu sein.

Podgurski schwieg still und wartete interessiert.

»Mich regt diese Sonderstellung meiner Person in der Gesellschaft auf,« fuhr Mishujew gegen seinen Willen fort; er konnte dem erwartungsvollen Schweigen Podgurskis nicht widerstehen. »Kann man denn wirklich nicht zugeben, daß ich ganz ebensolch ein Mensch bin, wie alle anderen, daß ich ebenso denke, ebenso fühle ...«

»Ich meine es anders,« lächelte Podgurski, »wie Sie wollen, aber Geld ist eine große Macht. Und Sie können es auch gar nicht unausgenützt lassen; jeder lebt eben davon, was er hat. In Fällen, wo wir anderen nur mit unserem _Ich_ rechnen, mit seinen guten oder schlechten Eigenschaften, führen Sie unwillkürlich Ihr Geld ins Feld ... das weiß jeder Mensch. Was uns betrifft z. B. ... Ich spucke darauf, aber dennoch fühle ich, daß Sie nicht ich, nicht Opalow, nicht Tschetyrjow sind ... Vielleicht tun Sie mir nichts, nicht Böses noch Gutes, aber doch Sie können es tun. Und ... weiß es der Teufel! Das stört ganz entschieden. Ich habe es soeben erst gesagt, ich möchte auf Ihre Millionen am liebsten spucken, und doch aufrichtig, ich habe mich gleich dabei im Ton vergriffen ...« Podgurski lächelte treuherzig und machte eine schicksalsergebene Bewegung mit den Händen.

Mishujew nickte ihm zu. Er blickte ihn jetzt gerade an und schien mit Spannung auf etwas zu warten.

»Was Sie auch wollen,« sprach Podgurski fast verdrießlich weiter. »Ich kann doch nicht vergessen, daß Sie Millionär sind, daß Sie von Genüssen und Möglichkeiten leben und lebten, die ich nicht im Traum gesehen habe; daß Sie mir auf den Tisch tausend Rubel legen könnten. Sie können es aber auch nicht tun und können mir im Gegenteil irgend etwas einbrocken. Nehmen wir bloß Parchomenko ...«

»Ich spreche doch nicht von Parchomenko!« versetzte Mishujew mit einer Betonung, die ihn von diesem Namen scharf trennen sollte.

»Aber für uns sind Sie beide ganz egal!« rief Podgurski mit treuherzigem, überzeugendem Eifer. »Wir wissen doch nicht, wie Sie denken, wie Sie fühlen!«

Er verstummte für eine Sekunde und schien etwas gefunden zu haben.

»Hier, es regt Sie auf, daß alle Sie anders ansehen ... Aber Sie selbst, Fjodor Iwanowitsch, tun Sie doch einmal was, um uns ihre wahre Seele zu zeigen -- nicht die des Millionärs, nein, einfach die Mishujews? Es ist Ihnen doch selbst unmöglich, nur für eine Sekunde aus dem Auge zu verlieren, daß Sie Millionär sind! Statt sich gute Beziehungen zu anderen Menschen zu verdienen, sie durch irgend etwas hervorzurufen, regen Sie sich auf, fordern Sie diese Beziehungen ... So sei unser souveräner Wunsch! ... Das ist doch auch ...«

»Mir scheint, ich gebe mich eher zu einfach,« versetzte Mishujew hitzig.

Podgurski zuckte nur die Achseln.

»Das sagen Sie, >zu<. Für mich gäbe es darin kein >zu<, wenn ich mich einmal zusammennehme und alles, was mich quälte, Opalow erzählte. Aber Sie sehen da gleich ein, >zu<. Ihnen kommt es vor, als lassen Sie sich herab, indem Sie mit mir offen reden. Sie schämen sich wohl gar Ihrer Offenheit? Ist doch wahr, nicht?«

Der Ton Podgurskis wurde dreist, und unbegreifliche Gehässigkeit klang jetzt heraus.

»Sie merken es vielleicht selbst gar nicht!« sagte er triumphierend.

»Da sehen Sie es,« erwiderte Mishujew ernst und schob die breiten Achseln in die Höhe. »Bei jedem andern hätten Sie das gar nicht bemerkt, mir aber können Sie es nicht verzeihen ... Sie hören mir zu und denken sicherlich, daß ich posiere oder mir in origineller Dummheit gefalle ... werde am eigenen Fett ersticken ...«

Podgurski wurde unwillkürlich verwirrt und lachte.

»Das kann ich nicht bestreiten. Etwas wird wohl daran sein ...«

»Ja,« Mishujew nickte traurig mit dem Kopf, »Sie wollen nicht einsehen, daß ich von ganzem Herzen froh bin, mit Ihnen zu reden, weil es mir vorkommt, daß gerade Ihr Benehmen, -- wie es auch sei, ob gut oder schlecht --, von meinen Millionen unabhängig ...«

»Das glaube ich auch!« Podgurski verbrauchte gegen seinen Willen in diesen Worten zu viel Edelmut.

Sofort verstummten beide, weil sie den falschen Ton heraushörten. Mishujew wurde finster, ohnmächtig; Podgurski ärgerlich.

»Einfach verrückt!« dachte der, und der falsche Ton empörte ihn nicht mehr seinetwegen, sondern machte ihn auf Mishujew wütend.

Durch das geöffnete Fenster war die dunkle, wogende See sichtbar; vom Ufer klangen dumpfe Hufschläge und ferne Musik herauf. Podgurski fühlte, daß er sofort weitersprechen müßte, fand aber im Augenblick keine Worte. Das Schweigen dauerte an, es wurde immer schwerer, das Gespräch wieder aufzunehmen. Gleichsam als wäre etwas vollständig abgerissen. Ihre Stimmung wurde so schwerfällig, wie wenn etwas, woran es ihrer Seele ohnehin mangelt, nutzlos und unsinnig vergeudet worden wäre. Mishujew seufzte schwer und bewegte die schweren Arme, die er auf der Tischplatte gekreuzt hielt.

»Nun, ich werde gehen ...« sagte er.

»Wohin? Bleiben Sie noch.«

»Nein, ich habe Kopfschmerzen. Auf Wiedersehen!«

Podgurski zuckte unmerklich verdrossen die Achseln.

Uff, Teufel, wie schwerfällig der Kerl ist, dachte er.

In diesem Augenblick sah er das Portefeuille mit Geld, das Mishujew auf dem Tisch vergessen hatte. Er wollte ihn rufen, aber etwas hielt ihn zurück.

Mishujew trat auf die Straße hinaus und schlenderte langsam dem Park zu. Etwas Eigentümliches war in seinem Gedächtnis zurückgeblieben und machte ihn unruhig: war es das schwere, mißlungene Gespräch mit irgend einem geriebenen Burschen oder eine huschende Bewegung hinter seinem Rücken als er aus dem Restaurant trat?

Was war es doch?

Plötzlich erinnerte er sich, daß er sein Portefeuille vergessen hatte. Noch bevor es ihm ganz zu Bewußtsein kam, fühlte er, daß etwas Scheußliches geschehen war. Ein trüber Gedanke kam ihm, eine Weile versuchte er schneller zu gehen, aber dann setzte sich in ihm der Gedanke fest, daß Podgurski das Geld stehlen werde. Das war ihm peinlich. Er machte Kehrt und trat wieder ins Restaurant ein.

Podgurski stieß beinahe mit ihm zusammen. Ein Blick auf sein etwas verwirrtes und doch freches Gesicht, dessen Augen feindselig zur Verteidigung bereit waren, genügte, um den Verdacht Mishujews zu bestätigen.

Eine Weile blickten sie sich gegenseitig in die Augen. Dann sprach Mishujew ungeschickt:

»Ich habe mein Portefeuille liegen lassen.«

Podgurski zwinkerte mit den Augen, riß die Lider hoch, sein ganzer Körper geriet in Bewegung, als wäre er sofort bereit, sich ins Suchen zu stürzen.

»Wirklich? Ich habe es nicht gesehen. Kellner!«

»Nicht nötig ...« erwiderte Mishujew leise.

»Warum nicht nötig ... es muß sich doch finden ...« Podgurski geriet in nervöse Hast; sein Gesicht bekam das Aussehen eines gefangenen Fuchses, der doch noch in jedem Augenblick zuschnappen will.

Mishujew sah ihm fest in die Augen.

»Für mich macht es doch nicht viel aus ...« sagte er unsicher.

Er wünschte nur, Podgurski möge begreifen, daß er ihm wegen dieses verfluchten Geldes nicht zürnen würde, und es ihm offen gestehen.

Aber das Gesicht Podgurskis wurde noch wütender, sogar seine Zähne kamen, wie zum Beißen bereit, zum Vorschein.

»Was wollen Sie damit sagen? ... Ich sag Ihnen doch, ich habe nichts gesehen! ...«

Mishujew überflog ihn mit einem kurzen Blick, lächelte knapp und ging plötzlich mit einer wegwerfenden Handbewegung fort.

VIII

Als Mishujew nach Hause kam, sich an den Schreibtisch setzte und gewohnheitsmäßig nach einem Haufen Briefe und Telegramme greifen wollte, trat Maria Sergejewna frisch und leuchtend ein. Mit ihr schien eine ganze Wolke Bergluft, Blumenduft und Meeresgeruch in das Zimmer zu strömen. Und an ihrem Gesicht, das grundlos lächelte, an ihren Augen, die schlüpfrig glänzten, merkte er, daß sie schon jetzt, bevor sie ein Wort gesprochen hatte, log. Log und sich fürchtete; eine Furcht, die nur schöne Frauen kennen. Das feine und durchsichtige Spiel von Schönheit, Hilflosigkeit und Lüge verleiht ihnen einen erregenden, unfaßbar geheimnisvollen Schimmer.

Sie rief seinen Namen, lief, etwas zu leicht und lebhaft, auf ihn zu und legte ihre warmen Hände auf seine breiten Schultern.

»Du bist schon nach Hause gekommen! ... Liebster, wie ich mich nach dir gesehnt habe!«

Mishujew sah ihr fest in die Augen, durch die dunkle Funken huschten, und wurde ernst. Stechende, krankhafte Verdächtigungen stiegen im Augenblick in ihm auf; er fühlte sich sofort matt und unsicher.

»Wenn du nur eine Ahnung hättest, wie nett es dort war! Wir fuhren die Chaussee nach Sympheropol herunter, weit -- weit! Den ganzen Weg lang trieben wir Kindereien, sangen, lachten ... Nachher soupierten wir in Gurjew!«

Mishujew sah sie schweigend, aufmerksam an, und unter seinem schweren Blick rötete sich das zarte Gesichtchen kaum merklich, das Figürchen wurde geschmeidiger, wie bei einer Katze, die Pupillen leuchtend von unsicherem, falschem Licht.

»Nein, wirklich ... Du bist doch nicht böse, Theodor, daß ich mich so herumtreibe?« sie guckte ihm in die Augen. »Ich habe dich wirklich vernachlässigt! ... Warum bist du auch nicht mit uns gefahren? Es war so schön! ... Und ohne dich ist es doch nicht das richtige!«

Sie wollte ihn küssen, bog ihren ganzen biegsamen Körper herüber und berührte ihn wie absichtlich mit ihrer elastischen Brust.

Mishujew rückte erregt zurück.

»Höre, Mary, heuchle gefälligst nicht!« sagte er ungeschickt.

»Was denn?« Maria Sergejewna machte große, aufrichtige Augen. Aber aus ihnen lugte noch durchsichtiger und heller die feige weibliche Lüge hervor.

»Ich sehe doch, daß mit dir etwas passiert ist,« sagte Mishujew mit Überwindung. »Also brauchst du nicht zu lügen ... Sage geradeheraus, was du hast ... Das ist besser.«

Maria Sergejewna stieß ein falsches Lachen aus und schmiegte sich mit ihrem ganzen Körper, dem Busen, den Armen, Beinen, den kitzelnden Haaren an ihn; sie hoffte offenbar, ihn durch den Rausch ihres Duftes, ihrer Wärme und Elastizität umzustimmen.

Mishujews Körper wurde durch diese unwahre Liebkosung statt der sonstigen Erregung von unerträglicher, physischer Wut gepackt.

»Aber laß das doch, sag ich dir! ...« er schob grob seine Schultern vor ihre Umarmung.

»Wie sonderbar du heute bist ... was regst du dich denn auf!« Maria Sergejewna tat verwundert und machte fast mit Gewalt den Versuch, ihn zu umarmen. Aber Mishujew stieß sie so grob zurück, daß es sie augenscheinlich schmerzte, denn ihr hübsches Gesicht wurde für eine Weile von einem erschrockenen Ausdruck überzogen. »Bei Gott ...« rief sie nochmals.

»So erzähle endlich!« schrie er wütend.

Die kleine Frau erschrak und trat zur Seite, aber auch von weitem blickten ihn immer noch ihre durchsichtigen, unwahren Augen an.

»Ach nichts! ... Kleinigkeiten ... Ich wollte es dir anfangs gar nicht erzählen ...«

Eine Kältewelle rieselte über Mishujews Kopfhaut. Er fühlte, daß er unter einem tollen Wutausbruch das Bewußtsein verlieren würde, wenn sie nicht sofort mit der Sprache herausrückte; es mußte etwas Furchtbares geschehen.

Sie schien es selbst zu fühlen, denn sie kam vorsichtig auf ihn zu und legte ihre Fingerspitzen wie tastend auf seinen festen Ellenbogen.

»Siehst du ... du darfst aber nicht böse sein ... Es war nichts weiter ... Wir soupierten in Gurjew auf dem Balkon, du weißt, so über dem Meer ... dort ist es wunderschön, und ...«

Sie zog die Erzählung in die Länge, während sie sich immer noch vorsichtig mit den Fingern auf seinen Ellenbogen stützte; Mishujew fühlte, wie diese niedlichen Fingerspitzen leise zitterten.

Die Sicherheit, daß etwas Gemeines, nicht Gutzumachendes geschehen sei, wuchs mit Blitzesschnelle in seinem Gehirn.

»So erzähle endlich!« brüllte er in einer Aufwallung von Zorn und Schmerz so laut, daß seine Stimme durch die ganze Wohnung dröhnte.

Maria Sergejewna sank beinahe in sich zusammen, ihre Augen wurden ganz rund, wie bei einer aufgeschreckten Katze.

»Siehst du ...« stammelte sie hastig, halb die Worte verschluckend, ohne sich vom Fleck zu rühren. »Ich habe dort Wassja ... habe meinen Mann ... getroffen ... er bat mich, ich möchte zu ihm hereinkommen, er wollte mit mir sprechen ... Ich hätte es nicht tun dürfen, nicht wahr?« Sie fragte unerwartet; es war deutlich zu erkennen, daß sie selber wußte, sie hätte es nicht tun sollen, und mit dieser Frage nur von neuem log.

Mishujew schwieg und atmete schwer.

Maria Sergejewna trat vorsichtig näher und berührte wieder seine Hand.

»Bist du mir böse?« Aus dem Ton klang klar heraus, daß sie seinen Zorn voraussah und nun bemüht war, sich naiv zu zeigen.

Toll vor Wut erhob sich plötzlich Mishujew und schleuderte sie schweigend von sich. Maria Sergejewna fiel beinahe über ein Fauteuil; doch krallte sie sich fest und geschmeidig, wie eine fallende Katze ausgereckt, noch rechtzeitig in die Armlehne.

»Was hast du? ...« begann sie mit blassen Lippen.

»Erkläre mir gefälligst,« Mishujew sprach mit unheimlich zurückhaltender Stimme, während er sie mit kühlem Haß betrachtete. »Meinst du im Ernst, daß es für mich möglich ist, darüber nicht zu zürnen? ... Wozu heuchelst du?«

»Aber was habe ich denn Schlimmes getan?« stammelte, jetzt in aufrichtiger Hilflosigkeit, Maria Sergejewna.

»Was? Hier, --« Mishujew schwieg eine Weile still und suchte nach dem passenden Wort, in dem schmerzlichen Gefühl, daß er das Richtige nicht finden würde und ein anderes nehmen müßte: »Hier hast du es: eins von beiden, entweder du gestehst mir offen, daß ich für dich nichts bin, daß du zu mir nur als Maitresse kamst, während du ... oder ...«

Mishujew sprach nicht zu Ende. Plötzlich tat er sich selbst leid: er hatte diese Frau so innig geliebt, er opferte ihr einen Menschen, der ihm teuer war, handelte gemein und schmutzig, log, betrog, immer in dem Glauben, daß sie dafür ihm wenigstens nahe sein würde. Durch diese unveränderlich wiederkehrenden Begegnungen mit ihrem Mann war es schon oft zu qualvollen, erniedrigenden Eifersuchtsszenen gekommen. Er hatte ihr einmal sogar gestanden, daß ihn der Gedanke folterte, sie habe ihm nur seines Geldes wegen nachgegeben ... Jetzt sah er mit einem Mal, daß dem wirklich so war: sie hatte ihn nicht geliebt, sie liebte den andern, sie ist bereit, sich ihm wieder hinzugeben; ihn, Mishujew, belügt und betrügt sie, wie einen Narren, aus lauter Furcht. Er fühlte sich lächerlich; in einer dummen und erbärmlichen Situation.

»So würde nicht die niedrigste Dirne handeln!«

In diesen Worten klang ein ganzer Schwall toller, grober Worte zusammen. Ihn packte ein unbändiges Verlangen: sie zu schlagen, sie irgendwie bis zum äußersten brutal zu behandeln, um ihr zu zeigen, daß sie, da sie nun einmal des Geldes wegen zu ihm gekommen war, auch sein Eigentum geworden ist, mit dem er ganz nach Gefallen handeln kann.

Aber als er in ihrem Gesicht ohnmächtige, sklavische Furcht erblickte, ergriff ihn plötzlich ein so drückendes, peinigendes Gefühl, daß er sich schwer am Tisch niederließ, mit den Händen an den Kopf faßte und nur noch einen Wunsch hatte, nichts mehr zu hören und zu denken.

Einige Minuten lang dauerte das Schweigen. Mishujew saß immer noch unbeweglich am Tisch, und sein großer Kopf, der hilflos auf den Händen gestützt lag, erschien arm und bemitleidenswert.

Maria Sergejewna stand lange auf einem Fleck und sah ihn schüchtern an. Dann leuchtete mild und rührend weibliches Mitleid in ihren Augen auf. Sie bewegte sich leise, trat schüchtern auf ihn zu, blieb stehen; Mishujew konnte den schnellen, ungleichmäßigen Schlag ihres Herzens hören.

Zarte, warme Finger berührten leise wie ein Atemzug seine Haare.

IX

Ähnliche Szenen hatte es auch früher schon mehr als einmal gegeben, aber in ihrer Wiederholung wuchsen sie unheimlich an. Jede neue wurde immer sinnloser und abstoßender als die vorhergehende. Maria Sergejewna konnte es nicht verstehen: manchmal erschien ihr Mishujew wie wahnsinnig, manchmal aber warf sie sich mit brennender Reue allerhand Verbrechen, die sie niemals in ruhigem Zustand anerkannt hätte, vor. Sie sah, daß irgend ein unabwendbares Unglück an sie heranrückte, wußte aber nicht, wie sie den Alb überwinden sollte und litt ohnmächtig und jammervoll unter ihm.

Am allerentsetzlichsten war der Verlust an Selbstachtung und der Schmutz, den diese widerwärtigen Szenen hervorriefen. Sie erniedrigten sie und brachten sie in eine gewisse Abhängigkeit von ihrer Umgebung, selbst von den Dienstboten. Von allen Seiten sahen Augen und lauschten Ohren neugieriger, fremder Menschen, denen es gleich war, ob sie litten oder Dummheiten trieben, für die aber das Ganze ein amüsantes Schauspiel war. Sie mußten ihre Stimmen dämpfen, rasch die ätzenden Tränen verbergen, den schmerzverzogenen Gesichtern unwahre Mienen aufzwingen und sich unglücklicher als der elendeste Knecht fühlen.

In den letzten Tagen pflegten solche Szenen nur noch mit hysterischen Anfällen und völliger Erschöpfung zu enden. Es schien, daß sie von Zeit zu Zeit alles Schöne und Kultivierte verließ; in wilder Wut schlugen sich zwei Halbverrückte herum, die selbst nicht mehr wußten, was und wozu sie einander ins Gesicht schrien, und die nur darüber nachdachten, wie einer den anderen schmerzhaft zu kränken und zu verletzen vermöchte.

Mitunter überkam sie völlige Verzweiflung, und sie wünschten ein Ende, nur ein Ende zu machen. Aber in dem Augenblick, wenn Schmerz und Wut bis zum äußersten angeschwollen waren, fielen sie plötzlich zusammen, die Nerven gaben nach, es gab Tränen, gegenseitige Nachgiebigkeit, dann eine krankhafte, unerwartete Erregung, die sie beide in einem brennenden, wollüstigen Anfall zueinander trieb. Es kam ihnen wieder zum Bewußtsein, wie unsinnig das Vorgefallene war, und gleichzeitig überfiel sie hoffnungslose, qualvolle Reue.

»Wir sind verrückt!« sagte Maria Sergejewna verzweifelt und schmiegte sich weinend an Mishujew, als suchte sie bei ihm Schutz. Er litt es schweigend; vor seinen Augen sah er den schwarzen Abgrund des unvermeidlichen Endes.

In derselben Weise war der heftige Auftritt auch an diesem Tage verlaufen.

Maria Sergejewna lag, todmüde, weich und erhitzt, mit tränennassem Gesicht und dunkelgewordenen Augen neben ihm. Das noch nicht befriedigte Verlangen zog sie mit krankhaft verstärkter Macht zueinander. Da sagte sie leise und treuherzig:

»Ich weiß, daß ich es deiner Ruhe wegen nicht tun sollte ... Aber glaube mir doch! Er tat mir einfach leid; so unglücklich kam er mir vor. Krank! ... Wie man es nehmen will ... Schuld habe ich doch ihm gegenüber! ...«

Und dem ermüdeten, vielleicht auch nach der Aufregung klaren Gehirn Mishujews schien es jetzt in der Tat ganz einfach und natürlich:

... Selbstredend hat sie ihm gegenüber Schuld ... Wie dem auch sei, einst liebte sie ihn doch ...

Alle Verdächtigungen schienen ihm sinnlos, unbegründet, nichts als unerträgliche Launen.

»Verzeihe mir ... ich bin tatsächlich verrückt ...« stammelte er, voll schmerzlichen Mitleids, voll Liebe, Reue, Selbstverachtung und küßte das nasse, heiße Gesichtchen.

Sie glaubte sofort, daß nunmehr alles in Ordnung sei, -- jetzt werden sie sich aussprechen, und vom nächsten Tag an wird alles so glücklich verlaufen wie noch nie zuvor. Sie überstürzte sich fast, um ihm alles zu sagen:

»Ich weiß, du meinst, ich hätte dich nicht lieb und wäre nur deines Geldes wegen zu dir gekommen ... Vielleicht hast du Grund, so zu denken ... Ich bin ein dummes, garstiges Ding, aber es ist doch nicht so: wirklich, ich liebe dich mehr als mein Leben! ... Du hast mir schon immer gefallen, schon lange ... Du bist so ... so groß, so stark, so feinfühlig! ...«

Im Zimmer war es finster, und Maria Sergejewnas Gesicht schimmerte trübe, weiß auf dem dunklen Divankissen. Ihre Augen taten sich weit wie zwei Abgründe auf. Ihre Stimme klang zart und abgebrochen, wie die eines gekränkten Kindes.

»Ich war immer froh, daß du dir deiner Macht bewußt bist und daß sich alle dir unterwerfen. Natürlich machte es mir auch Vergnügen, daß du für mich soviel hinauswerfen kannst, wie ich gar nicht wert bin ... Aber reiche Menschen gab es doch so viel! Wenn ich nur wollte ... Aber du bist größer, stärker als sie alle! ... Wir Frauen lieben im Manne die Kraft und die Macht ...«

Mit Tränen der Zärtlichkeit und der Rührung küßte sie Mishujew; unter ihren stillen, verliebten Worten war es um sie wohlig und glückverheißend geworden. Sie flüsterte eilig und treuherzig, sie glühte am ganzen Körper, sie war unterwürfig und hingebend! Ihm kam das stolze Bewußtsein seiner Kraft, das Bewußtsein, daß sie ihn liebt und sich ihm wie ihrer Sonne, für die allein sie existiert, hingibt.

»Ich bin ein dummes Ding, ich kann es nicht erklären,« flüsterte leise Maria Sergejewna, »ich hatte ein so eintöniges, langweiliges Leben ... es schien, als ob alles schon vorbei wäre und mir nichts mehr bevorstände ... Da brachtest du etwas Kraftvolles hinein, ich war wie wahnsinnig vor Glück geworden! ... Ich träumte von dir, lief dir wie ein Backfisch nach.«

»Aber doch habe nicht ich es gebracht ...« bemerkte Mishujew mit dem unbewußten Wunsch, noch weiter in sie zu dringen; seine Stimme erzitterte im voraus in leichter Angst.

»Nein -- du! Du ... So wie du bist: groß, stark, mächtig wie ein König! Aber das ist nicht das Wichtigste: wärest du arm, so hätte ich mich dir ganz ebenso hingegeben ... Du bist mein Alles!« Maria Sergejewna schmiegte ihren Körper mit rührender Schamhaftigkeit und doch schamlos an den seinen.

Sie flüsterte noch etwas, während sie unter seiner Liebkosung wie eine Blume aufblühte; Mishujew schien sein früheres Mißtrauen immer unbegründeter.

-- Ich bin einfach nur ein Despot! dachte er.

Er wünschte nur, daß sie weiter spräche, noch mehr seine fürchtenden Gedanken zerstreue, sie widerlege, es beweise.

»Ja, aber ... dein Mann war doch klüger und talentvoller als ich ... Was bin ich denn im Grunde genommen ...«

Er fragte mit gedämpfter Stimme, als könne er dadurch seinen Wunsch verbergen; er erschrak selbst vor diesem Verhör, wie wenn er über einen Abgrund gleite. Er strengte sich an, sie zu überbieten, ihr den Gatten von neuem in Erinnerung zu bringen, ihr zu beweisen, daß jener besser sei als er.

»Wofür hast du mich im Grunde lieb gewonnen? ... Gewiß nicht, weil ich gesund bin wie ein Bulle?« er sprach mit Absicht verletzend von sich; er war ganz gespannt in der sehnsüchtigen Erwartung nach Widerlegungen, nach leidenschaftlichen, erhebenden Worten.

Maria Sergejewna war durch seine letzte Frage tief beleidigt. Ihr ganzer Körper sträubte sich dagegen, als wäre er plötzlich entblößt auf die Straße geworfen worden; sie fing an zu beteuern, daß es nicht wahr sei.

»Aber, wie denn?«

Sie antwortete nicht gleich, fand nicht die richtigen Worte. Es war finster, und Mishujew konnte den Ausdruck ihrer Augen nicht erkennen. Er wartete und fühlte mit Entsetzen, wie ein schlüpfriger, fürchterlicher Verdacht in dem Dunkel seiner Seele entstand und herumschlich.