Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Part 6
Immer noch zitterte in Mishujew die Erregung, die ihn plötzlich gepackt hatte. Das gekaufte Weib war ganz in seinen Händen, und in dem unbewußten Gefühl uneingeschränkter Gewalt tasteten seine Finger instinktiv über den nachgiebigen, weiblichen Körper, der hinter trockenen Falten eines grauen, weißseidengefütterten, breiten Mantels glitt. Sie war noch immer nur oberflächlich bekleidet und bebte vom Kopf bis zu den Füßen, doch anscheinend nicht einmal vor Kälte. Ihre großen Augen blickten beim blassen Dämmerlicht erschrocken und sonderbar aus dem bleichen, geschminkten Gesicht mit der zerstörten Frisur hervor.
Ganz entschieden lag etwas Eigentümliches in ihr: wie manchmal in der Melodie eines eleganten, unverschämten Tanzes beharrlich eine versteckte Note unverständlicher Trauer durchzittert, so blickte hin und wieder aus der halbnackten, bemalten Kokotte eines Café-Chantants schüchtern und trauervoll irgend etwas anderes -- ein unglückliches, niedergeschlagenes Weib, hervor. Und wenn sie lachte, trank, tanzte, die Männer auf die zutapsenden Finger klopfte, glitt um ihre geschminkten Mundwinkel und die untermalten Augen ein unfaßbarer Schatten verborgenen Schmerzes. Das gab ihr einen scharfen, beißenden Reiz. Im Restaurant, beim elektrischen Licht, hatte sich dieser eigentümliche, auffallende Gesichtszug unter der schamlosen Maske begehrlicher Verkäuflichkeit verborgen. Jetzt dagegen, wo doch alles zu Ende war und sie nur darauf zu warten hatte, was dieser Mann, von dem sie gekauft worden war, mit ihr anfangen würde, trat er wieder, ohne sich zu verbergen, auf ihre abgeblaßten, müden Mienen und verband sich traurig mit der Dämmerung des blassen einöden Morgens.
Und dieser unterwürfige Ausdruck war es gerade, der Mishujew mit tollem Rausch erfüllte und seinen ganzen, mächtigen Körper mit dem scharfen Zittern unerbittlichen Verlangens durchtränkte. Je demütiger sie seinen Händen nachgab, je müder und trauriger ihre Augen blickten, desto dunkler und schwerer stieg irgendwo aus der dunklen Tiefe seiner Seele der Trieb nach wollüstiger Grausamkeit herauf.
Bei der Villa angelangt, schritten sie durch den Garten, in dem südliche Blumen betäubend dufteten. Mishujew hinter der Kokotte, die ihn wie eine demütige Sklavin zu sich ins Haus führte.
In ihm schienen zwei Wesen zu leben: das eine entsetzte sich davor, was sich seiner bemächtigt hatte; das andere wurde unter dem Bewußtsein der vollen Gewalt trunken und wollte nicht mehr sehen, was das erste ganz klar verstand. Und je höher in ihm der Widerwillen gegen sich und das Mitleid mit diesem müden Weib, das offensichtlich litt und sein Leiden zu verbergen suchte, aufstieg, desto unaufhaltsamer wurde sein Verlangen nach schmutzigster, brutalster Wollust. Er hatte das Gefühl, als wäre er völlig in der Gewalt eines uralten Tieres, das plötzlich in ihm erwacht war, obgleich er es längst getötet glaubte, und das ihn jetzt in seinen Abgrund schleppte; er sah sich klar niederstürzen, ihm graute davor und dennoch glitt er immer tiefer und tiefer hinab.
»Wohnst ... du allein?« fragte er abgerissen. Er zitterte und fühlte, wie seine Füße in der Qual der Erwartung schwächer und schwächer wurden. Und plötzlich sah er, wie sein ganzes Empfinden abriß und irgendwo hinuntersauste. Ein widersinniger Gedanke blitzte durch das glühende Gehirn, ein rotes Feuer leuchtete vor seinen Augen auf und etwas Blindes, Ungeheures nahm ihn ganz in Besitz.
Mit einer letzten Willensanstrengung rief er sich zu:
-- -- Was ist das? Wahnsinn! Eine Lumperei! ... Doch diese Aufwallung glitt gleich wieder ohnmächtig ab und in dumpfer Ergebenheit sagte etwas im Innern seiner Seele: »Mag sein! warum denn nicht, wenn ich es kann und will? Ja, eine Bestie, ein Despot ... meinetwegen! ... Sehr gut!«
Und in seiner Stimme klang es fast wie wilde Schadenfreude, wie wenn er sich an einem rächte, der schöner und reiner war als er und den er jetzt vollständig von sich stieß, als er plötzlich Emma befahl, stehen zu bleiben.
»Höre,« sagte er plötzlich heiser, »laß uns hier!«
Emma blieb stehen. Sie verstand ihn nicht gleich und sah sich unwillkürlich nach dem Grase im Schatten der Bäume und Rosenbüsche um. Aber er erfaßte diesen Blick im Flug und ergriff sie in einem furchtbaren Ausbruch brutaler Schonungslosigkeit an der Hand.
Emma wich zurück, und ihr Gesicht nahm sofort denselben niedergeschlagenen und bemitleidenswerten Ausdruck an, wie vorher im Restaurant, als man sie mit Gewalt entkleidete. Und wieder sah sie sich um, aber nunmehr so hoffnungslos wie ein völlig erschöpftes Tierchen.
»Was wollen Sie! ... hier ist es unmöglich ...« flüsterte sie mit weiß gewordenen Lippen.
Als sie zurückwich, öffnete sich ihr Mantel, und ihre nackten Schultern kamen, blaß beleuchtet vom bläßlichen Dämmerlicht, zwischen weißer zerbrechlicher Seide zum Vorschein.
»Und wenn ich es will! ...« Mishujew lächelte kurz und seltsam.
Sie erwiderte etwas, wich weiter zurück und sah sich mit weit geöffneten traurigen Augen um. Es entstand ein kurzer krampfartiger Kampf, und plötzlich stand mitten im märchenhaften Morgengarten ein fast nacktes Weib, nur in einzelne Spitzenfetzen wie in Meeresschaum eingewickelt.
Mishujew packte es an dem nackten biegsamen Hals und drückte es mit furchtbarer Kraft, unter dem qualvollen Genuß, daß er dem Weibe Schmerz bereitete, zu Boden nieder.
Es trieb ihn, etwas zu tun, das möglichst schmerzlich, abscheulich, widerwärtig wäre. Während er klar, wie von einem Blitz beleuchtet, die ganze Erbärmlichkeit und Lumpenhaftigkeit des wilden Impulses empfand, schleuderte er die ganze Last, die ihn so lange bedrückte, auf diese unglückliche Prostituierte nieder und zerstampfte sein ganzes langjähriges Leid, das niemand verstanden, das alle zurückgestoßen hatten, in den Kot einer gemeinen, sinnlosen Erregung.
Emma stieß einen kurzen Schmerzensschrei aus; im selben Augenblick schlug Mishujew, gleichzeitig mit dem letzten erlöschenden Krampf voller Befriedigung, eine riesige Welle Ekel und Verachtung über den Kopf. Er schob das Weib krampfhaft von sich und erhob sich mit schwerem feuchten Atem, am ganzen Körper schweißbedeckt, erhitzt, matt.
Mit einem Male war alles, was ihm noch soeben trübe und unüberwindlich schien, verschwunden; er sah sich im Morgenlicht mitten im Garten neben einer gemarterten Frau, schmutzig und abstoßend wie ein Tier.
Sie raffte ihre Kleiderstücke und Röcke zusammen und wickelte sich sofort in die Spitzenfetzen ein. Dann schaute sie sich um, und trat mit einem unbegreiflichen Blick in den dunklen Augen vor ihn. In diesen Augen sah er Widerwillen und scharfen ohnmächtigen Haß leuchten.
Sie schwieg still und zitterte in ihrem Mantel am ganzen Leibe. Mishujew lächelte, wartete eine Weile und ging dann verwirrt zur Seite. Er wußte nicht, was er noch sagen und tun sollte.
Plötzlich empfand er entsetzliche, beißende Scham und eine eigentümliche erniedrigende Furcht. Alle Menschen, die er heute gesehen hatte -- Tschetyrjow, Parchomenko, Maria Sergejewna, Marussin, Opalow -- schwirrten blitzschnell an ihm vorüber. Die haßerfüllten strafenden Augen Tschetyrjows steckten hinter diesen furchtbaren, vom gleichen unversöhnlichen Haß erfüllten Frauenaugen; er schrie beinahe vor Schmerz, Scham und völliger Verzweiflung auf.
Doch inzwischen legte sich ein sonderbarer Schatten auf ihre Augen. Teils Angst, teils Gefälligkeit und Habsucht. Sie machte eine Anstrengung, um zu sprechen, ihre Lippen erzitterten, und Mishujew, der sie anblickte, bekam mit einem Male vor ihr Furcht.
Das schien kein Mensch mehr zu sein, sondern etwas anderes, erbärmlich Widerwärtiges; ihre gierigen und bösen Augen blickten verlogen und frech, die Lippen waren gefällig zu einem glitschigen Lächeln verzogen. Sie machte zwei Schritte vorwärts und legte den nackten Arm um seinen Nacken.
Das blasse Morgenlicht glitt über ihre reinen Linien und verlor sich in dem weichen Schatten der vollen, üppigen Brüste.
Ihn überlief etwas wie ein Schreck, aber im nächsten Augenblick blieb nur noch Widerwillen gegen sie und gegen sich selbst zurück. Es kam ihm sinnlos vor, daß in ihm eine Minute vorher noch dieser furchtbare Sturm getobt hatte, von dem jetzt nichts zurückgeblieben war. Furchtlos und töricht war er vorübergegangen; er empfand einfach Übelkeit.
»-- Nicht nötig, --« sagte er ungeschickt. »Das Geld schicke ich später zu.«
Sie streckte sich ihm noch einmal entgegen, lächelte ihm verlockend mit den verlogenen Lippen zu, aber Mishujew wandte sich jäh um und ging mit schweren Schritten fort.
Kreischend schlug die Gartenpforte hinter ihm zu. Ihn umwehte ein Hauch von Leere und Schweigen; vor ihm breitete sich die schwach beleuchtete, blaue Straße aus.
Er hörte noch, wie leichte, weibliche Schritte eilig über den Kies liefen, dann erstarb das Geknister der Seidenröcke in der Ferne; es wurde ganz still und einsam.
Still und traurig-einsam wurde es auch im Herzen Mishujews, und der ganze Alpdruck der vergangenen Nacht versank in diesem schweigenden, ohnmächtigen Leid. Er blieb inmitten der Straße stehen und sah mit trockenen Augen hinauf in den bläulichen Himmel, auf dem bereits ein paar rötliche Morgenwölkchen wie ein Vogelzug, der in sonnige Gelände eilt, dahinschwammen.
VII
Am Abend spielte eine Kapelle im Stadtgarten. Die riesige, hellbeleuchtete Muschel auf der Bühne war mit Musikanten gefüllt, die sich wie sonderbare Insekten hin und her bewegten. Ganze Reihen schlanker, eleganter Bogen glitten wie die Beinchen von Heupferdchen auf und nieder, und der Kapellmeister, der ebenfalls wie ein Käfer auf den Hinterbeinen aussah, schien seine Schwingen bald ineinander zu schlagen und sie dann wieder breit zu entfalten. Süß pfiffen die Flöten, die Geigen schrien auf und stoben auseinander, schließlich rundete einsam eine ernste, traurige Trompete die letzten schönen, samtenen Töne ab.
Durch alle Alleen ergossen sich -- scheinbar unerschöpflich -- lärmende Menschenhaufen. In der Luft lagen ununterbrochen die Geräusche, die das Scharren unzähliger Füße hervorruft, die Gespräche schwollen bald wie eine Welle an und wurden stärker, bald aber ebbten sie unvermutet ab und verliefen sich irgendwo in der Tiefe der dunklen Alleen, um sofort wieder in einen breiten Wildbach von Lachen, Ausrufen und klingenden Schaumkronen weiblicher Stimmen zurückzuschlagen.
Lachende Gesichter glitten eigenartig, phantastisch in trübem Spiel des bläulichen elektrischen Lichtes, aneinander vorüber; plötzlich entstanden sie, verwickelten sich, schoben sich zusammen und trennten sich, wie in der komplizierten Figur eines ungewöhnlichen Tanzes. Und von oben bedeckte der Samt des nächtlichen Himmels, schweigsam und feierlich, mit seinen hellen südlichen Sternen die Erde.
Das Fest schimmerte voller Leben, in sorgloser Fröhlichkeit; nur Mishujew kam es vor, als wäre er in dieser festlichen Menge einzig ein düsterer Fleck, ein Siegeldruck der Einsamkeit und Nutzlosigkeit.
An diesem Tage war Maria Sergejewna, die in einem neuen blauen Kleid besonders reizend aussah, wieder in Gesellschaft Parchomenkos ausgefahren. Den ganzen Tag hindurch fühlte Mishujew, wie trübe Unruhe gleich einem schwarzen Schatten über ihm hing. In der letzten Zeit wurde die junge Frau etwas zu interessant und lustig; Mishujew wußte, daß Parchomenko hinter seinem Rücken mit unablässiger Beharrlichkeit hinter ihr her war. Er konnte sich leicht vorstellen, wie geschickt, frech und selbstsicher Parchomenko sein schmutziges Spiel treiben und die Kreise immer enger ziehen würde. Die junge Frau aber war von den ununterbrochenen Freuden des neuen Lebens, in dem sie, nach so vielen Jahren der Dürftigkeit und Langweile, wie in einem plötzlich aufgewirbelten Strudel umhergeschleudert wurde, hingerissen und tanzte gar zu sorgenlos den gefährlichen Tanz über dem Abgrund. Selbst ihre Kostüme, in denen sie die Bescheidenheit einer anständigen Frau sehr geschickt mit pikanten Andeutungen auf die Entblößungen einer Kokotte vereinigte, sprachen deutlich für die taumelnde Erregung, die die allgemeine Jagd nach ihrem Körper, der in voller Pracht geschmückt und aufgeblüht war, hervorrief.
Sie selbst dachte wohl kaum darüber nach, aber Mishujew wußte, daß es in solchem Zustand nur irgend eines Zufalls bedurfte -- einer Mondnacht, einer kecken Zudringlichkeit, eines nicht erwarteten, leichtsinnigen Kusses, -- und die junge Frau würde erst wieder zur Besinnung kommen, wenn alles zu Ende war.
Mishujew schien die Vorstellung sinnlos und unsäglich schmerzlich, daß sich Maria Sergejewna einem Manne hingeben könnte, für den sie nichts als ein gelungenes Werkzeug zur Aufpeitschung seiner übermüdeten Sinne bedeutete. Das war zu ekelhaft und paßte durchaus nicht zu ihrem reizenden Bilde. Manchmal hielt er einen solchen platten Vorgang für ganz undenkbar. Sie war schön, klug, gebildet und hatte zwei Männer geliebt, die über dem Durchschnitt standen. Nach ihnen konnte ein Verhältnis mit diesem Halbtier, diesem Halbidioten, diesem Parchomenko, nur eine unbegreifliche Gemeinheit sein.
Aber manchmal kam ihm der qualvolle Gedanke:
Wodurch bin ich denn besser als er? ... Gut, zugegeben, ich sei intelligenter und feinfühliger. Aber gab ich ihr denn, als ich mich mit ihr vereinigte, meine Intelligenz und meine Qualen, und nicht nur die gleiche tierische Lüsternheit? Als wäre für mich nicht im letzten Grunde wirklich nur ihre Seele und nicht ihr schöner nackter Körper Bedürfnis gewesen. Und Parchomenko? ... Ich kann mir nicht vorstellen, daß er fähig wäre oder es auch nur wagte, eine Frau zu besitzen, die unendlich höher steht als er. Aber ich selbst -- dort war es, im Garten -- quälte diese unglückliche Emma, tötete in ihr den letzten Rest menschlicher Würde, zerfleischte sie wie ein Tier, ohne mich im geringsten darum zu kümmern, was sie im Augenblick gerade denken und fühlen mochte. Wenn ich sogar gewußt hätte, daß sie ein viel feineres Gedanken- und Gefühlsleben besitzt als ich, würde ich es dann anders gemacht haben? ... So wird auch dieser ... Wenn sie, durch Zufall oder Gewalt die Seine wird, so wird er ihren Körper wie jeden anderen an sich pressen, und die Tatsache, daß sie höher steht als er, wird seinen Genuß höchstens noch steigern.
Einst hatte sie ihren Gatten lieb, der doch unendlich intelligenter und feiner veranlagt war als ich; dann gab sie sich mir hin, weil ich ihr Luxus und Vergnügen verschaffte. Ich habe sie durch die Aussicht auf ein neues Leben fortgerissen, Parchomenko erreicht dasselbe durch seine Frechheit, seinen Despotismus, ... durch irgend etwas sonst noch ... Zu mir war sie ohne Liebe gekommen, nur weil ich reich bin ... sie kam wie das gemeinste Frauenzimmer, ja, es war noch schlimmer, weil sie ihre Verkäuflichkeit hinter einer angeblichen Liebschaft versteckte ... Diese Gemeinheit!
Es war schmerzlich, daran zu denken; so schmerzlich, als ob er sich selbst durch ihre Erniedrigung in den Schmutz trat. Und doch lag in diesen zusammenhanglosen, erdrückenden Visionen ein bohrender Genuß, als träufelte er sich ätzendes Gift auf eine blutende Wunde.
Mishujew schlenderte durch die Menge, die sich von allen Seiten drängte und ihn mit dem Duft von Parfüms und weiblichen Körpern, mit dem Knistern seidener Röcke, umwehte. Er ging langsam vorwärts, blickte mit achtlosen Augen auf seine Füße, und seine kranke Seele stieß sich in dem erfolglosen Streben nach etwas wund, was er sich selbst nicht nennen konnte.
In einer Allee begegnete er dem alten General und seiner Tochter, der kleinen Njurotschka, die so silberhell lachte, den Kopf zurückwarf und dabei das niedliche Kinn zeigte. Sie sah Mishujew schon von weitem, wurde still und warf ihm einen komischen Seitenblick, in dem eine unbewußte, schüchterne Aufforderung lag, zu. Ein erfrischender Zug wehte Mishujew aus diesem blutjungen, reinen Gesichtchen entgegen; doch er zog sich in sich zusammen, lüftete schwer den Hut und ging weiter.
Einige Tage vorher hatte sich der General ein Herz gefaßt und ihn um seine Hilfe gebeten, damit er das Mädchen auf die Universität nach Moskau schicken könne. Fjodor Iwanowitsch hatte es versprochen. Anfangs freute es ihn sogar; ihm schien es ganz reizend, dem niedlichen Mädchen zu helfen; bald aber entstand wieder in dem Tumult seiner Seele ein krankhafter Verdacht: vielleicht bot der General ihm, dem Millionär, seine Tochter an, und gewiß war es undenkbar, daß sie davon nichts wissen sollte. Mishujew sah klar vor Augen, wie er dann dem Mädchen in Moskau begegnen würde, und wie sie beide vom ersten Moment an zwischen sich besondere Beziehungen fühlten: sie ist durch seine Wohltat gebunden und er der, welcher auf Dankbarkeit rechnet. Nach kurzem Kampf und Tränen wird sie gewiß das Erlebnis als unvermeidlich hinnehmen und die Geliebte des Millionärs werden. Eigenartig und beißend wird im Anfang der Genuß ihrer Schamhaftigkeit und des jungfräulichen Körpers sein; dann wird sie fesche Kleider anziehen und zur gewöhnlichen Maitresse werden.
So unvermeidlich, so einfach das war; es machte auf Mishujew einen furchtbaren Eindruck.
Aber weshalb? fragte er sich: vielleicht wird es gar nicht dazu kommen, vielleicht werden wir Freunde bleiben oder sie gewinnt mich wirklich lieb und an ihrem unberührten Leben wird auch das meine frisch und gesund? ... Warum erwarte ich nur Gemeinheit, -- es gibt doch noch andere Lebensmöglichkeiten ... Menschen leben glücklich und ehrlich ... warum ich nur ... Oder trage ich einen besonderen Krankheitskeim in mir. Alles, was ich nur berühre, muß zu Schmutz und Moder werden? Wie ein Alpdruck! Ich bin krank und töte mich selbst durch solche widerwärtigen Halluzinationen ...
Das Gesicht Mishujews verzerrte sich, als würde sein Herz von einem Messer durchschnitten; mit einem Male wurde es ihm bange, noch weiter inmitten dieser aufregend dummen Menge zu bleiben. Er ging aus dem Garten, trat in ein kleines Restaurant über dem Meer und setzte sich allein an ein Tischchen auf der Veranda.
»Fjodor Iwanowitsch! Warum sitzen Sie so allein?« rief jemand vom Kai herauf, und der dicke, freche, unsaubere Podgurski kam mit glänzenden, hungrigen Augen und der hervorstechenden Leinwandweste auf ihn zu.
»Guten Tag ... Sie langweilen sich wohl?«
Er setzte sich neben ihn und fragte:
»Na also, Fjodor Iwanowitsch, was wollen wir trinken?«
Mishujew lächelte. In der Gegenwart dieses unglücklichen, frechen Burschen fühlte er sich aus irgend einem Grunde freier. Zu einfach sah bei Podgurski der gefräßige Wunsch zum Buschkleppen hervor. Er lag ganz natürlich und offen in ihm. Aber trotzdem konnte man herausmerken, daß gerade seine Beziehungen zu Mishujew nicht davon abhingen, ob dieser Geld geben würde oder nicht.
Podgurski sah sofort, daß sich Mishujew langweile, und in seinem Gesicht spiegelte sich der treuherzige Wunsch wider, ihn aufzuheitern, damit es überhaupt um ihn fröhlicher würde.
»Wissen Sie das Neueste? Opalow hat gestern bei Parchomenko dreizehnhundert Rubel gewonnen!«
»Wirklich?« Mishujew gab sich mit gutmütiger Liebenswürdigkeit den Anschein, als ob es ihn sehr interessierte.
»Ja, und wissen Sie, was er zuerst getan hat? ... Hat sofort die Emma beim Kragen genommen und sie irgendwohin geschleppt, und so eilig, daß er sogar seine Krawatte liegen ließ ... Das muß eine Wonne gewesen sein.«
»Nicht viel brauchte er wohl, um in Wonne zu leben!« lächelte Mishujew.
»Für Sie mag das nicht viel sein, aber für Opalow, dessen Weib in einem Flanellschlafrock herumläuft und alle drei Monate schwanger wird, der eine Fünfundzwanzigrubel-Kokotte aus dem Elysium für den Gipfel weiblichen Reizes hält, für ihn ist es eine neue Welt -- von Parfüms, Spitzen, Luxus, gepflegtem Körper, verfeinerter Wollust! Oh!«
Mit verächtlicher Gutmütigkeit dachte Mishujew, daß das für einen so armen Kerl wie Opalow wirklich ein Glück sei; in ihm regte sich fast etwas wie Neid.
»Wissen Sie was? ...« Podgurski wurde plötzlich lebhaft: »fahren wir ins Kasino?«
»Was sollen wir dort anfangen?«
»Wie, was? spielen!« rief Podgurski mit einer Stimme, als hätte er Mishujew etwas äußerst Erfreuliches mitgeteilt.
»Aber, wozu ...« gab Mishujew matt zur Antwort. »Zu langweilig.«
»Na, dann fahren wir zu Emma herunter -- wollen sehen, wie Opalow in Wonne schwelgt!«
Mishujew antwortete nichts, und Podgurski, der sofort die Ablehnung erriet, machte einen neuen Ansatz:
»Wie kann ich es Ihnen recht machen!« er rieb sich mit besorgter Miene die Stirn. »Wissen Sie was? Wenn Sie wollen, führe ich Sie in so ein Haus ... Sie verstehen -- nur Mädchen unter dreizehn Jahren ... Und es gibt welche, die noch nach dem Kinderzimmer riechen ...«
Podgurski küßte seine aneinander gelegten Fingerspitzen.
»Es wurde schon an die drei Mal aufgehoben. Jetzt sind sie da wohl etwas eingeschüchtert, aber wenn man es auf ein paar Hundert nicht ankommen läßt, kann man da Dinger sehen, wie man sie selbst in Paris nicht immer trifft! Fahren wir doch! ... Warum denn nicht?«
»N--ein, wirklich ...« Mishujew machte eine Grimasse des Widerwillens.
»Warum?«
»So.«
Podgurski sah ihm prüfend in die Augen.
»Ach, das sind Grundsätze!« lächelte er unverfroren. »Und ich habe bisher immer geglaubt, Millionäre leiden nicht an so was!«
»Können Sie denn Millionären nicht einmal das primitivste Reinlichkeitsgefühl zubilligen?« fragte Mishujew ernster als er wollte und lächelte mit verzerrten Mienen, als wäre eine seiner Backen in einem Krampf zusammengezogen.
Podgurski blickte ihn aufmerksam an und wechselte plötzlich das Thema. Er begann Witze zu erzählen, sich über Parchomenko und das Jaltaer Publikum lustig zu machen; unvermittelt bat er dann um hundert Rubel.
Mishujew griff mechanisch in die Tasche und gab ihm das Geld, während er an etwas anderes dachte. Als er die Geldtasche öffnete, durchbohrte Podgurski mit scharfen Blicken die buntfarbigen Ränder der Geldscheine, die daraus hervorlugten, und als Mishujew die Tasche auf den Tisch legte, konnte er seine Augen nicht gleich von ihr abwenden.
»Eins kann ich nicht verstehen! ...« sagte Mishujew langsam, wie zur Antwort auf seine eigenen Gedanken.
»Was?«
Mishujew antwortete nicht gleich und blickte mit einem betrübten Ausdruck zur Seite, als wagte er es nicht, etwas Wichtiges und Schwieriges auszusprechen.
»Sehen Sie,« er stotterte und blickte noch immer nicht auf, »worauf ich auch zu sprechen komme, was ich auch tun mag, niemand sieht es mit denselben Augen an wie bei einem anderen ... Niemand sagt es mir, daß meine Gedanken, meine Gefühle falsch sind, sondern alle meinen: der Millionär ... die Millionen ... Wenn Sie wüßten, wie das ... langweilig ist!«
Mishujew verzog sein Gesicht zu einem ungeschickten Lächeln; an ihm zeigte sich, daß er statt »langweilig« eigentlich ein stärkeres und ernsteres Wort brauchen wollte.
Podgurski sah ihn mit weitgeöffneten Augen an. Er hatte das Gespräch von neulich längst vergessen und konnte nicht verstehen, was Mishujew damit sagen wollte.
Schließlich wird Tschetyrjow wohl recht behalten! dachte er gespannt: es reißt ihn offenbar ordentlich zusammen! ... Ein Dummkopf ist er trotzdem ... wird am eigenen Fett ersticken!
»Etwas Anormales ist doch bei all dem,« fuhr Mishujew mit trauriger, krankhafter Miene fort. »Warum betrachten Sie einen Tschetyrjow z. B., der hundertmal so viel verdient wie Sie, ganz gleichgültig, während ...«
»Hm, Tschetyrjow ...« erwiderte Podgurski, »wieviel der auch verdient, er verdient alles durch seinen eigenen Buckel. Solange die Kräfte reichen, arbeitet er, wird er krank, kommt er aus der Mode, wird aus ihm dasselbe, was mit mir geworden ist ... Und was für einen Verdienst hat er schon ... Sein Leben unterscheidet sich nur sehr wenig von meinem. Aber ein Millionär -- das ist etwas ganz anderes. Eine andere Lebenshaltung, andere Möglichkeiten ... Seine Stellung ist schon ganz Besonderes und auch alle Beziehungen zu ihm -- einfach Ausnahmebeziehungen. Im Grunde begreife ich nicht, was Sie so quält?«