Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 3

Chapter 33,550 wordsPublic domain

Sie gingen durch den ganzen Park, wo sich die duftige, blaue Dämmerung verdichtete und einsame Pärchen mit leisem, geheimnisvollem Lachen und Flüstern umherstreiften. Leichte Stimmung ließ sich auf Mishujew nieder, wie er sie seit langem nicht mehr gekannt hatte; er wurde einfach, gesprächig und lustig. Er begann von seinen Auslandsreisen zu erzählen, schilderte recht humorvoll, wie er sich auf der Spitze der Cheops-Pyramide ausnahm und kam dann, um dem Mädchen vertrauter zu werden, auf seine Gymnasialzeit zu sprechen.

»Sind Sie denn aufs Gymnasium gegangen?« Aus irgend einem Grunde wunderte es den General.

»Ja, wir sind sehr einfach erzogen worden; auch unsere Mittel waren damals bescheidener.«

Mishujew verstummte. Er rief in der Erinnerung das beinahe vergessene Bild des Pennals hervor und mußte lachen.

»Was für komische Käuze hatten wir unter unseren Paukern.«

»Wir hatten auch solche --«

»Warum >hatten<? Sind Sie denn nicht mehr auf dem Gymnasium?« fiel ihr Mishujew erstaunt ins Wort und sah sie lächelnd an. Ihm war es angenehm, daß sie schon eine »Erwachsene« sein sollte.

»Nein. Ich habe es hinter mir ... schon lange ...« erwiderte das Mädchen leise.

»Ach, was denn >lange<!« der General lächelte liebevoll, »es sind im ganzen drei Monate!«

»Mir kommt es vor, als wäre Gott weiß wie viel Zeit vergangen,« erwiderte das Mädchen noch leiser und fügte kaum hörbar hinzu: »so viel Wasser ist verflossen! ...«

»So--o!« sagte Mishujew mit komischer Wichtigkeit, und plötzlich kam ihm der Wunsch, sich einfach zur Seite zu wenden und ihr einen Kuß auf die Backe zu drücken. Einen festen, reinen und vollen Kuß.

Er blickte sie aufmerksamer an und sah, daß sie ihm anfangs viel jünger, als sie in Wirklichkeit sein mochte, vorgekommen war. Von der Seite aus sah er die weiche Linie ihrer Brust, die dicht neben ihm abgerundete Schulter und den Arm, den der Stoff des Kleides fest umgab.

»Und was wird nun? Auf die Hochschulkurse?« fragte er zärtlich.

»Ich weiß nicht ...« antwortete das Mädchen kaum hörbar und senkte den Blick.

Der General krächzte und fuhr ungeschickt über seinen Backenbart.

Für eine Minute entstand Schweigen, und Mishujew fühlte, daß er eine wunde Stelle berührt hatte. Sie taten ihm plötzlich leid, und ihm kam der fröhliche Gedanke, daß sich alles eigentlich mit einem Schlag in Ordnung bringen ließe. Aber ihm war es peinlich, davon anzufangen, und um das Schweigen zu verscheuchen und das Mädchen aufzuheitern, begann er wieder von seinen Lehrern zu erzählen.

»Wir hatten einen Mathematiker ... so dick und majestätisch wie der vortragende Rat im Ministerium. Die ganze Stunde hindurch pflegte er aus einer Ecke in die andere zu gehen und seine Lebensweisheit zu verzapfen. Dabei war sie in einem einzigen Satz erschöpft. Ja, so schritt er durch das Klassenzimmer, immer aus einer Ecke in die andere, drehte die Finger vor dem Bauch und sprach, doch äußerst gravitätisch: >Es gibt Phi--lo--sophen ... es gibt Männer der Ar--beit ... und es gibt Lieblinge des Schicksals! ...<«

»Sie, Fjodor Iwanowitsch, hat er sicherlich den Lieblingen des Schicksals zugeteilt,« lächelte einschmeichelnd der General und trippelte kurz mit den Füßchen.

»T--ja ... Ein Mann der Arbeit konnte ich jedenfalls schwerlich genannt werden.«

»Und ein Philosoph?« bemerkte das Mädchen neckisch, wurde aber sofort verwirrt.

Mishujew lachte und fühlte wieder den Wunsch, sie zu umarmen und zu küssen, unbedingt auf die Backe und so mit vollem Klang!

Aber das Mädchen senkte wieder den Blick. Immer noch drückte ihr ganzes schlankes Figürchen leise Trauer aus.

»Ja, ja ...« Mishujew beeilte sich zu antworten. Ihn hielt der launische Wunsch fest, daß sie nicht wieder schweigsam und traurig werden dürfe.

»Wir hatten auch einen Lehrer der Geographie. Hoch gewachsen, hager wie ein Stock; wir nannten ihn nur >die Makkaroniröhre<. Der erklärte uns immer das Sonnensystem mit verteilten Rollen: er selbst war die Sonne, ich stellte gewöhnlich die Erde vor, ein kleiner Judenjunge -- den Mond usw. Die Sonne hockte auf den Fußspitzen in der Mitte der Klasse und drehte sich langsam um sich selbst, die Erde lief um die Sonne im Kreise, der Mond sauste aus allen Leibeskräften um die Erde herum ... Anfangs ging alles gut, aber bald kamen wir durcheinander, und es trat eine Weltkatastrophe ein: der Mond rannte in die Erde hinein, Mars stieß Jupiter mit dem Kopf vor den Bauch, und dieser majestätische Planet setzte sich plötzlich auf die Sonne und verursachte ein vollkommenes Chaos!«

Das Mädchen warf den Kopf in den Nacken, und ihr Lachen klirrte so sorgenlos heiter durch die Luft, daß Mishujews Herz vor Freuden mitklang. Er wünschte, daß sie weiter lache und begann von allem möglichen zu plaudern, wie es ihm gerade in den Kopf kam, und obgleich das, was er erzählte, äußerst unbedeutend war, brachte er es dennoch mit solcher Komik heraus, daß es allen außerordentlich lustig schien. Das Mädchen lachte nun ununterbrochen, warf den Kopf zurück und zeigte ihr reizendes Kinn. Dem General traten vor lauter Lachen Tränen in die Augen, und alle Passanten sahen sich nach den lärmenden Drei um.

»Ich hatte einen bekannten Diakon, in Ssamara ... Er war ein toller Säufer! Kommt da jemand irgend einer heiligen Handlung wegen zu ihm. Da tritt ihm die Diakonin entgegen und erklärt geheimnisvoll: Vater Diakon könne jetzt nicht empfangen! ... -- Warum denn, -- ist er voll des Spiritus ...? -- Jawohl, ja -- -- ganz voll! -- -- -- Ah, so! und der Besucher entfernte sich teilnehmend.«

»Voll des Spiritus!« Das Mädchen lachte und blickte Mishujew nun wieder gerade ins Gesicht, mit einem Ausdruck, als erwartete sie von ihm noch eine Geschichte, die am allerlustigsten wäre.

Der General aber schleppte sich hinterher, hinkte und schwieg. Er war mit einem Mal verstummt, und in seinem gerunzelten Gesicht spiegelte sich irgend eine Unstimmigkeit wieder. Er erschrak über die unerwartete Fröhlichkeit und Einfachheit Mishujews. In seinem Innern zu allertiefst seiner Seele begann sich trübe Befürchtung zu regen. Er hatte ihr noch keine Form gegeben; es war nur die schüchterne und ohnmächtige, vogelartige Angst um sein reines, zartes Mädchen.

Diese reichen Herrschaften ... zuckte es durch seinen Kopf: für den da wäre es nur eine Kleinigkeit ...

Die Vorstellung davon, was Mishujew mit seinem kleinen Mädchen anstellen könnte, malte sich immer deutlicher vor ihm aus, war aber so grauenhaft, daß der General sich fürchtete, sie in Gedanken festzuhalten.

»Njurotschka! ... Es ist wohl schon Zeit -- nach Hause ...« rief er sie ungeschickt an.

Das Mädchen sah sich verwundert um.

»Es ist noch früh, Papachen!«

Der General murmelte etwas verwirrt vor sich hin. Sein Gesichtchen war gerötet, die Äuglein liefen ganz sinnlos umher. Mishujew sah sich ebenfalls nach ihm um und begriff instinktiv die feinsten Windungen seines Denkens. Etwas Bitteres, Altgewöhntes regte sich in ihm. Zuerst war es schmerzlich, aber gleich stieg irgendwoher, aus dunkelster Tiefe, der scharfe versteckte Gedanke auf: Geld geben, auf die Hochschulkurse bringen ... In gebrochenen, aber blitzgrellen Zickzacklinien wand sich ihr blendender, junger, zum ersten Male entblößter Körper durch seine Vorstellung; zitternde, naive Ausbrüche noch unerfahrener Wollust ... Und dann die tolle, feurige Hingabe. -- Unwillkürlich blickte er das Mädchen von der Seite an, und sie schien bereits nackt vor ihm zu stehen; er sah ihre runden, bloßen Arme, die kleine, elastische Brust, die weichen Haarlocken auf ihrer runden Schulter. Etwas schlug, wie eine heiße Welle, an seinen Kopf, aber er kam sofort wieder zu sich.

Das Mädchen schaute auf und fragte etwas.

»Ja,« antwortete Mishujew. Er fühlte eine große Freude, daß diese alpdrucksartige Vision verschwunden war. Er hatte den leidenschaftlichen Wunsch, die Befürchtung des Generals, die er erriet, zu verscheuchen, wieder schlicht, ebenmäßig, freundlich zu werden.

Er hat ja recht, wenn er mich fürchtet, dachte er schwermütig. Aber auch ich habe keine Schuld ... so würde jeder andere an meiner Stelle handeln. Was soll man tun ...

Mit großer Anstrengung gelang es Mishujew, die wieder heranrückenden, gierigen und beherrschenden Gedanken beiseite zu drängen; doch wurde ihm traurig, hoffnungslos traurig zumute, als befände er sich einer Macht gegenüber, die stärker ist, als sein Widerstand.

Und Wort für Wort kam er, von diesem traurigen Bewußtsein und dem warmen Gefühl für das reine zarte Mädchen ergriffen, auf sein Leben zu sprechen.

»Wie glücklich Sie sind,« plapperte naiv Njurotschka. »Überallhin können Sie reisen, alles sehen, erfahren! Wir sind jetzt zum ersten Mal in Jalta und fühlen uns schon wie im Paradies!«

»Darin liegt ja gar nicht das Glück,« erwiderte Mishujew traurig: »leben kann man überall; Menschen leben am Nordpol wie in Kamschatka, in der Sahara und den Pinski-Sümpfen ... Und selbst, die dort leben, können sich dazu erheben, sich eine eigene Poesie zu schaffen. Leben kann man auch ohne Palmen, ohne Wärme, ohne große Städte. Das ist alles Unsinn ... reine Formsache. Nur eins kann der Mensch nicht entbehren -- Menschen. In der Einsamkeit wird der Mensch stumpf, schwach, wird ohnmächtig und unnütz ...«

»Und mir scheint, ich könnte auch in einer Wüste leben, wenn nur Blumen, die duften und Vögel und das Meer ...«

»Das scheint nur so,« lächelte Mishujew, »uns Menschen sind komplizierte und tiefe Gefühle gegeben ... Und um sie mit Leben zu erfüllen, ist eine Umgebung erforderlich, die ebenso kompliziert, fein und tief wäre. In Himmel, Bäumen und Meer allein kann sich eine Menschenseele nicht auslösen. Man kann noch soviel reisen und sehen ...«

»Ja. Aber Sie haben doch immer Menschen um sich soviel Sie wollen ... Sie können doch soviel Gutes tun,« bemerkte Njurotschka schüchtern. Und ehe er noch etwas erwiderte, fühlte sie, wie sich ihr Herz leise zusammenzog.

Mishujew verzog seine Mundwinkel ein wenig; dadurch machte er auf sie plötzlich einen überaus plumpen, krankhaften Eindruck.

»Ah!« sagte er bitter, von einer plötzlichen heißen Aufwallung fortgerissen: »Gutes! wenn aber jeder, der zu einem kommt, nur um dieses Guten willen kommt ...«

»Aber nicht jeder!« erwiderte das Mädchen mit eigentümlich mitleidsvoller Hast.

Mishujew schwieg. In seiner Seele ging etwas Sonderbares vor: er war auf sich äußerst ärgerlich, daß er so redete, daß er irgend einem Mädchen gegenüber seine Seele entblößte; ein kühler Stolz preßte seine Lippen, und dennoch wollte er sich gerne, ohne daß die rechte Gelegenheit war, einfach aussprechen. Dieser Wunsch siegte.

»Vielleicht wirklich nicht jeder,« sagte er mit Überwindung. »Aber wenn die meisten Menschen nur kommen, um Geld zu holen, so scheint es immer, daß einer, der einfach, ohne Hintergedanken, mit offenem Herzen kommt, sich nur verstellt, und im Innern seiner Seele dasselbe will. Daß auch er nicht gekommen wäre, wenn er nicht Geld finden würde. Und da wird man im Voraus argwöhnisch ... Manchmal überläuft einen solche Bitterkeit, daß man alles von sich abstößt, grob und brutal wird ... Das ist entsetzlich, wirklich!«

Etwas zitterte wieder in Mishujews Stimme, er kniff die Lippen ein und verstummte. Wieder wurde es still und das Getöse des Meeres schien dem Mädchen einsam und traurig. Sie wurde nachdenklich, und tausende zarte, liebevolle Worte schwirrten durch ihren Kopf. Eine mütterliche Zärtlichkeit erfüllte ihre mädchenhafte, naive Seele, sie wünschte ihn zu liebkosen, zu trösten.

Der General schaute verwundert von hinten auf die riesige gebückte Gestalt Mishujews. Anfangs glaubte er ihm nicht, er wurde sogar von stärkerem trüben Schrecken erfaßt: ihm kam es vor, als wollte sich Mishujew gerade in Njurotschkas Augen als Unglücklichen aufspielen. Aber später schämte er sich dieses Gedankens und bedauerte Mishujew auf seine besondere Greisenart -- mit väterlicher Zärtlichkeit:

»Mir scheint ...« begann das Mädchen leise.

Doch die Stimmung war bei ihm schon verflogen. Das kühle Denken bekam Oberhand. Mishujew tat seine Offenherzigkeit vor solchen im Grunde belanglosen Leuten, wie irgend einem General a. D. und seiner Tochter, einer Gymnasiastin, die er sich einfach kaufen konnte, leid. Zwar wurde ihm dieses Gefühl selbst peinlich und er wurde sich seiner Grobheit bewußt; er zeigte sich aber trotzdem plötzlich hochmütig und kühl.

»Nein, das sind alles Bagatellen ...« fiel er ihr kühl ins Wort und fing unvermittelt an, von etwas Unnötigem und Uninteressantem zu sprechen.

Njurotschka blickte ihn rasch an, aber Mishujews Gesicht blieb regungslos und reserviert. Sie wurde plötzlich blaß, richtete sich mit einem Male auf und starrte vor sich hin, während ihre Finger unter der trüben, schmerzlichen Empfindung, verletzt zu sein, erzitterten. Gleichsam, als wäre sie von jemandem entkleidet und verhöhnt worden, sie und alles, was sie mit reiner, inniger Zärtlichkeit in sich entdeckt hatte.

Der General versuchte Mishujew zu trösten, aber er benahm sich ungeschickt, so daß er selbst verwirrt wurde und nur irgend welchen Unsinn murmelte.

Als sie ans Ende der Promenade gekommen waren, hatten alle das Gefühl peinlicher Öde; sie verstanden, daß es Zeit sei, auseinander zu gehen. Der General fiel vollständig zusammen. Er wußte nicht, wie er ihrem Zusammensein ein Ende machen sollte, wurde unschlüssig, trippelte mit den Füßen und redete blödes Zeug über den Abend, das Meer, das Jaltaer Leben. Mishujew schwieg und antwortete nur einige Male ohne aufzublicken:

»Ja, das ist richtig ...«

»Sehen Sie mal, Fjodor Iwanowitsch ...« begann wieder der General, aber gerade da zupfte ihn die Tochter am Ärmel und sagte, mit abgewendetem Blick, leise, aber fest:

»Es ist Zeit, nach Hause zu gehen, Papachen ... Mir ist kalt.«

»Sofort, sofort, Kindlein,« beeilte sich erfreut der General. -- »Nun, auf Wiedersehen, Fjodor Iwanowitsch, auf Wiedersehen.«

Er drückte lange die Hand Mishujews; er konnte sich nicht entschließen, fortzugehen. Er hatte das Gefühl, daß noch etwas fehle. Njurotschka wartete schweigend, blaß und traurig. Ihr taten alle leid -- sie selbst, der Vater, und Mishujew und das Helle und Schöne, das gekommen und wieder vergangen war. Es war ein Gefühl des Mitleids und der schweren Verletzung, das ihr fast Tränen herauspreßte.

Sie lachte nur beim Abschied, über irgend eine Bemerkung des Vaters, schwach und abgerissen, auf, warf aber doch das Köpfchen in den Nacken und zeigte ihr reines zartes Kinn.

In der letzten Minute rührte sich in ihr eine warme Empfindung und sie sagte mit klingender Stimme:

»Fjodor Iwanowitsch, darf ich Sie bitten, mit zu uns heranzukommen.«

»Danke schön,« erwiderte Mishujew kühl.

Das Mädchen errötete und ihre Augen wurden traurig, ratlos.

Den ganzen Weg schwieg sie und hörte darauf, wie der Kies surrend unter ihren Füßen knirschte. Ihre Seele war von einem verwirrten Gefühl erfüllt, als wäre irgend ein Glück abgerissen; ihr Mitleid mit Mishujew wurde noch stärker.

IV

Die Nacht trennte das Meer von der Erde. Hinter der grell beleuchteten steinernen Brüstung der Strandpromenade stand die dichte Finsternis wie eine Mauer; ein unbegreifliches, unaufhörliches Leben schien sich in ihr versteckt zu halten. In dem unsichtbaren freien Raum bewegte sich etwas, stieß schwere Seufzer aus, plätscherte, als ob es schluchzte, schwoll an, flaute ab, und schwoll dann wieder irgendwo in der schwarzen Ferne, die mit dem schwarzen Himmel zusammenfloß, von neuem an. Dort in der Finsternis, vor den menschlichen Augen verborgen, tobte unaufhörlich ein ewiger geheimnisvoller Kampf, als arbeiteten Millionen Wesen unter dem Schutz der kurzen Nacht daran ihr grausames düstres Werk zu vollenden. Die Strandpromenade, die von den blassen Lampen der Laternen mit totem Licht begossen wurde, war von durchsichtiger aufhorchender Leere umgeben. Die Bäume verschwammen zu einer dunklen eintönigen Masse, und nur dicht neben den Lampen schimmerten hell, aber leichengrün einzelne erstarrte Blätter. Von Zeit zu Zeit wuchsen irgendwo einsame Schritte deutlich heran, im Lichtkreise zeichnete sich scharf ein schwarzer Schatten ab, wuchs, dehnte sich aus, bog sich über die Brüstung zum Meer hinab und verschwand in der Finsternis ebenso schnell, die deutlich verhallenden Schritte in die Ferne tragend.

Mishujew ging allein; sein Kopf schien ihm unendlich groß und sein Herz leer.

Das rastlose Meer lärmte in ewiger Trauer; über den Bergen funkelten große Sterne, und die Seele Mishujews erfüllte ein Gefühl, als stehe er über einer Welt, in der alles längst abgestorben war, jedes Leben für immer geendet hatte, und das Auge nur tote Schneefelder und ferne Sterne, die von der Kälte ewigen Schweigens angeschmiedet sind, erblickt.

Tote Trübsal weinte leise in seinem Herzen; es war für ihn ganz gleich, wohin er in der Leere und dem Schweigen der Nacht gehen sollte. Warme Erinnerung lebte noch in ihm, und in den Ohren gellte, wie aus weiter Ferne, klingendes Lachen. Blonde Haare, feuchte Augen, das weiche, reine Kinn eines in den Nacken geworfenen Köpfchens huschten durch sein Gedächtnis. Aber die Gedanken flogen schnell, wie Wolken am Mond in grauer Winternacht, vorüber. Weder Ziel noch Anfang oder Ende hatten sie, und trübselig war ihre dunstige rasende Geschwindigkeit.

Langsam und schwer, wie ein Mensch, der ernstlich krank ist, ging Mishujew bis ans Ende der Promenade, blieb stehen, ging zurück, und er wäre nicht imstande gewesen, mit Worten auszudrücken, worüber er in dieser Zeit dachte. Es gab keine bestimmten Worte, es gab keine Personen, denen gegenüber er seinen Wunsch, sich aufzulehnen, äußern konnte. Aber seine kranke Seele, die das Bewußtsein eines unüberwindlichen Unrechtes, das sie bisher noch nicht begriffen hatte, niederdrückte, verlangte nach etwas.

Eine stürmische Bewegung, grell und lebendig, wie menschliche Liebe und menschliche Freude, schlug vor seinem Blick empor. Aber rings umher blieb alles leer; ihm schien es, daß nicht nur auf dem breiten Kai, sondern in seinem eigenen Leben nur seine schweren Schritte widerhallten, als zählten sie, ohne Zweck und Grund Stufen eines toten Weges, der für niemanden von Nutzen ist.

»-- -- Es ist Zeit, zu sterben!« dachte Mishujew plötzlich mit verzerrtem Lächeln.

In einem Augenblick wurde es ihm leicht und frei ums Herz, als hätte dieses Wort die Hülle alles Schweren und Düsteren abgestreift; und nun stellte es sich heraus, daß nichts dahinter war -- -- -- als vollkommene Leere. Das Gefühl der Leichtigkeit und Raumlosigkeit erfüllte für einen Augenblick seinen Körper und machte ihn ebenso leer und frei, band ihn von Mishujew, dem schwergewordenen, düsteren, abgelebten Menschen los. Aber dieses Gefühl kam nur für einen Augenblick und erlosch, wie ein Funke in Finsternis und Wind.

Wenn allein der Tod übrig bleibt, so ist Alles wahr: dann ist es richtig, daß sein Leben in der Tat widerwärtig und sinnlos ist; er braucht nicht weiterzuleben.

Plötzlich wurde es ihm so schwer zumute, daß er wünschte, weinen und sich auf die Erde werfen zu können, mit dem Gesicht nach unten, und so liegen zu bleiben.

Aber was ist denn geschehen? Bin ich krank? fragte er sich voller Verzweiflung. Er erstickte fast unter einem furchtbaren Druck und begriff nicht warum. -- Ich besitze alles, was einem Menschen nötig ist; sogar viel mehr. Tausende Menschen träumen davon, ein Hundertstel von dem zu haben, was ich besitze ... träumen davon, wie von einem unerreichbaren Glück! Von all meinem Leid wird jeder Mensch nur sagen, daß ich an meinem eigenen Fett ersticke. Was fehlt mir denn. Ich habe alles ...

Und in grellen Streifen zogen im Augenblick Reihen herrlicher Frauen, Theater, Meere, Städte, Bilder, Automobile, Pferde ... eine ganze Welt, voll Farben, Licht und Bewegung, das Luxuriöseste, Schönste, Angenehmste, was die Welt hervorbringen kann, ... an Mishujews Augen vorüber. Aber sein eigenes Gesicht blieb krank und schwermütig zurück. Alles entfernte sich, verblaßte, wurde plötzlich eintönig und ärmlich, wie verblichenes Flitterzeug.

Nicht das, nicht das ist es ... doch was denn? -- Er richtete seine Frage irgend wohin ins Innere seiner schweigenden Seele. Plötzlich durchschüttelte eine Flut gegenstandsloser, unnützer Bitternis seinen ganzen mächtigen Körper; er fiel durch eine Spanne übermenschlicher Leidempfindung, die einen unendlichen Augenblick dauerte, in ein leeres kaltes Loch hinein, wo nichts mehr war als die äußerste Abspannung.

Schweigsam ging Mishujew bis an das Ende der Straße, und sank in seinem ganzen Wesen mit jedem Schritt mehr und mehr zusammen. Mit einem Male fiel ihm ein, wie oft er schon von einem Ende bis zum anderen gegangen war; er kehrte um. Und als sich aus den Scheiben eines Restaurants grelle Lichter über seinen Weg schoben, überschritt er die Straße und öffnete mechanisch die große schwere Tür.

Man muß etwas zu sich nehmen ... ich bin einfach schlaff geworden, dachte er gleichgültig.

Hinter der blendenden Spiegelfläche des Fensters erglänzten lebende Lichter, schwankten schwarze Silhouetten, schimmerten die scharf geschnittenen grünen Blätter der Zimmerpflanzen; weiße Tischtücher strahlten wie Bergschnee.

Sowie Mishujew die Tür geöffnet hatte und der Portier von seinen massigen Schultern den Überzieher abnahm, schlug ihm von allen Seiten verworrener Stimmenlärm, Gelächter und funkelndes Gläserklirren entgegen, es betäubte ihn nach der Stille der Nacht. Er wurde sofort erkannt. Bald hier bald dort tönte durch Gepolter, Klang und Getöse sein Name, eilig und fast warnend ausgesprochen. Einige Frauengesichter begleiteten ihn mit neugierigen Blicken, während er sich langsam zwischen den Tischen vorwärts schob. Neben dem Buffet rief ihn ein Bekannter, der Moskauer Schriftsteller Opalow, an.

»Fjodor Iwanowitsch!« Er schien erfreut und erhob sich eilig; sein Gesicht, mit feinen Gesichtszügen und Augen, schmal und eigenartig, wie bei einer japanischen Puppe, fing mit dem Ausdruck lebhaftester Freude und völliger Zutraulichkeit zu lächeln an. »Fjodor Iwanowitsch, setzen Sie sich zu uns heran! ... Kellner, einen Stuhl her!«

Am Tisch saßen drei Herren: die zwei Schriftsteller, denen Mishujew am selben Tage auf der Promenade begegnet war, und ein aufgedunsener, kahlköpfiger, etwas unsauberer Mensch in Leinwandhosen, die für seine Beine zu eng waren, mit einer auffallenden entweder amerikanischen oder einfach clownmäßigen Weste.

»Sie sind wohl noch nicht bekannt?« fragte Opalow, als sich alle langsam Mishujew entgegen neigten: »Tschetyrjow, ... Marussin, ... Podgurski ...«

»Ehemaliger Schriftsteller!« fügte der aufgedunsene Herr hinzu mit einer Stimme, die die eines Hansnarren -- vielleicht aber auch seine gewöhnliche sein konnte.

Mishujew nannte kurz und flüchtig seinen Namen. Es war ihm stets unangenehm, sich mit seinem Namen vorzustellen: es kam ihm kindisch vor, einen Namen herzusagen, den alle gewöhnlich schon vorher wußten; sich aber gar nicht vorzustellen, wäre auch nicht angegangen. Das erregte ihn.

»Sie kennt ja jeder, Fjodor Iwanowitsch!« lachte Opalow; es war schwer zu unterscheiden, ob er es gutmütig oder mit gehässiger Ironie meinte.

Mishujew lächelte mißmutig, und dieses schiefe Lächeln fiel ihm selbst unangenehm auf: es konnte den Eindruck erwecken, als gebe er zu, daß ihn alle kennen oder als leugne er es oder auch als heuchle er eine Verneinung. Er fühlte, daß ihm Einfachheit fehlte und daß es allen aufgefallen war. Es verstimmte ihn wieder.