Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 21

Chapter 213,743 wordsPublic domain

»Auch ich gehe um meines Glaubens willen,« lächelte Lande.

»Ja ... schon ... Aber du mußt doch wenigstens mit den Umständen rechnen!«

»Das ist so leicht, sein Leben nach den Umständen einzurichten!« sagte Lande mit zartem Vorwurf, während seine hellen Augen weiterlächelten. »Dabei wird man schließlich ganz aufhören, an sich zu glauben und in allem nur nach den Umständen fragen ... Nein, mag es dabei bleiben, ich fühle, daß ich gehen muß, und ich werde gehen ... Auf irgend eine Weise ...«

»Aber begreife doch nur das Eine, daß du vor allen Dingen nichts daran ändern kannst!«

»Das wissen wir nicht!« erwiderte Lande streng. »Das scheint nur so ...«

Schischmarjow schwieg. Er wußte nicht, was er noch sagen könnte.

»Das ist ja dumm, -- du wirst gewiß Jalta nicht erreichen, wirst gewiß nichts besser machen! ... Das ist dumm und unmöglich.«

»Nein,« seufzte Lande und sah ihn nachdenklich an, »ich weiß schon, daß es dir dumm, unmöglich, sinnlos scheint, aber ... ich werde doch gehen ... Versuche nicht, mich zurückzuhalten, Täubchen, tu das nicht!«

Schischmarjow zuckte mit einem sonderbaren Gefühl die Achseln.

»Weiß der Teufel, was das ist!« murmelte er und neigte sich seinem Glas zu.

Sie schwiegen eine Weile.

»Nun, ich gehe, lebe wohl, auf Wiedersehen!« sagte Lande und erhob sich.

»Sitze noch ein Weilchen!«

»Nein, Täubchen ... ich muß noch einiges vorbereiten.«

Er drückte Schischmarjow warm die Hand. Und plötzlich überkam den kleinen Studenten eine trübe Ahnung.

»Also, du gehst doch?« fragte er mit dem Wunsch, zu lachen, aber etwas erzitterte in seiner Stimme.

Lande war um einen Kopf höher als er und sah ihn liebevoll von oben herab an.

»Ich gehe!« er nickte mit dem Kopf.

Schischmarjow wollte noch etwas sagen, aber ein eigentümliches Gefühl schnürte ihm die Kehle zu, er zuckte nur schwer mit den Achseln.

Sie standen schon in dem engen Vorzimmer, in das nur ein schmaler Lichtstreifen durch den Türspalt fiel, als sich Lande plötzlich an Tkatschow erinnerte.

»Hast du den Mann, dessentwegen mich Molotschajew geschlagen hat, noch im Gedächtnis?« fragte er. »Er ist einmal zu mir gekommen ...«

Und Lande erzählte sein Gespräch mit Tkatschow. Er erzählte schlicht und kurz, aber etwas Riesiges, Überwältigendes schob sich allmählich in Schischmarjows Kopf. Die grandiose Phantasie, auf eigentümliche Weise in der Gestalt des neben ihm stehenden Lande verkörpert, packte ihn und riß ihn fort. Er ergriff impulsiv Landes Hand und rief scharf:

»Aber das ist ja überwältigend! Und was hast du ihm geantwortet?«

»Ja,« meinte Lande, »mir war es ein großer Schmerz, seinen Traum zu zerstören ... Es ist ein unglücklicher Mensch ... Mit einem solchen Sturm in der Seele wird man nie zur Ruhe kommen ...«

»Also, du hast dich geweigert?« fragte Schischmarjow fast erschrocken.

Lande lächelte.

»Konnte ich denn darauf eingehen -- ein Prophet zu werden, wenn ich keiner bin?«

Schischmarjow besann sich plötzlich, rieb die Hände und sagte düster:

»Ja, gewiß ...«

Er begleitete Lande bis an die Stufen heraus.

Der Mond war finster und grämlich.

»Lebe wohl!« rief Lande zurück, während er sich in der Finsternis entfernte.

»Lebe wohl!« tönte ihm die Antwort.

Schischmarjow stand lange auf den Stufen, kehrte dann in sein Zimmer zurück und setzte sich an den Tisch. Auf dem Tisch brannte die Lampe, aber ihr enger Lichtkreis fiel matt und welk an den Seiten herab. Die Zimmerecken waren in völlige Dämmerung gehüllt. Schischmarjow rückte das Buch näher; die Buchstaben drängten sich vor seinen Augen, ohne sich dem Gehirn einzuprägen. Eine eigentümliche Aufregung bemächtigte sich seiner. Er setzte sich bald, bald stand er auf, als wäre etwas Ungeheures über ihn gekommen, das ihn peinigte. Alle Gedanken und Gefühle waren von der Gestalt Landes erfüllt. Es war schwer, an ihn zu denken; die Vorstellungen sprangen durcheinander, verwickelten sich, eine löste die andere ab. Landes Stimme, weich und schwach, gellte in den Ohren; ein undeutliches Bild stand neben ihm, nebelhaft und groß.

Schischmarjow zuckte plötzlich die Achseln und lachte unnatürlich scharf, obgleich er noch nie zuvor gelacht hatte, wenn er allein war. Das Lachen gellte ihm selbst in den Ohren.

»Weiß der Teufel!« sagte er heiser.

Er hatte ein Gefühl, als hätte sich durch seine spröde, zähe Seele eine tiefe, feurige Furche gegraben, deren Ende sich vor ihm in der unendlichen Ferne seines zukünftigen Lebens verlor.

XXIII

Des Nachts, im Anfang des Herbstes, als die Luft schon dünn und kalt wurde, ging Lande still aus dem Haus. Er war in eine schwarze, alte Sutane, die er einem Mönch abgekauft hatte, gekleidet und trug einen Sack auf dem Rücken. So wird es leichter und einfacher zu gehen sein, dachte er.

Still und leer war es in der ganzen Stadt. Den Himmel verdeckte eine undurchdringliche Hülle weißer Wolken. Kein Mond, keine Sterne waren zu sehen. Langsam traten die schwarzen Häuser mit ihren abgeschlossenen blinden Fenstern und kalte Bäume, an die sich schwarze Finsternis klebte, zurück. Bald war Lande ins Feld hinausgekommen. Der Wind riß die Schöße seiner Sutane auf und lärmte in seinen Ohren, gedehnt und schwermütig. Leer, weit und kalt lag das endlose Feld vor ihm. Die Wolken zogen hier, wie es schien, noch ferner, noch höher vorbei. Auf den dunkeln Hügeln wiegte sich dürres Gras. Die ungeheuer breite Empfindung des freien Raumes füllte Landes Brust, und eigentümlich gleichzeitig mit ihr schien das deutliche Bewußtsein zu kommen, daß er Jalta niemals erreichen wird. Doch ohne Schwanken, ohne Gram und Verzweiflung trat ihm diese Ahnung in die Seele; ihm wurde im Gegenteil leicht und frei zumute, als ob er gerade dadurch auf den richtigen Weg, der ihn nun endlich zum Ziele führt, geraten wäre; sein Herz zog sich wie im Vorgefühl einer hellen Freude leicht zusammen.

Es war aber nur eine Ahnung, kein klarer Gedanke. In seinen Gedanken stand einzig das Bild des kranken, leidenden Menschen, zu dem er ging; über das, was aus ihm wurde, dachte er nicht nach. Leichten, elastischen Schrittes, als ob die Erde selbst seine Füße von sich schnellte, ging er die breite, weite Landstraße entlang, sah sich freudig und verwundert um und lauschte entzückt auf jeden Laut, den ihm der öde Wind, der traurig die Straße entlang zog, aus der Steppe hertrug.

Der Morgen kam, dann der Tag, dann wieder die Nacht und ein neuer Morgen. Fünf Tage lang ging Lande durch Dörfer und nächtigte bei Bauern, die ihn mißtrauisch anblickten und ihn nur unwillig einließen. Nur wenige sprachen mit ihm, weil nur wenige ihn zu verstehen vermochten, obgleich er alle klar und einfach anredete. Alte Bäuerinnen fragten ihn aus, die welke Backe in die Hand gestützt, fragten, woher er komme und ob er nicht vom Kloster des Hl. Seraphim komme; die Bauern aber warfen ihm nur Seitenblicke zu, und blieben stumm. Am fünften Tag schrie ihn ein vierschrötiger schwarzer Bauer mit schwarzem, wie mit einem Beil zurechtgehauenen Bart und bösen Augen, grob an. »Geh nur weiter, los, sonst, es ist nicht weit bis zum Gendarmen ... Da schleicht hier so manch einer herum!«

Ein so unfreundlicher, unverständiger, fremder Zug lag in dem allen, daß es Lande schrecklich bemitleidenswert schien. Mit weit geöffneten, neugierigen Augen sah er auf das Dorfleben, aber es glitt ebenso absonderlich, lebensarm und reich an ihm vorbei, wie die Bilder der großen, bunten Rinderherden, die ihm ihre starken, gehörnten Köpfe zuwandten und ihn mit rätselhaften, großen Augen begleiteten, wenn er an ihnen vorbeiging. Mit Liebe und Rührung betrachtete Lande diese Menschen, die Rindern glichen, und die Rinder, die wie eigenartige, sonderbare Menschen aussahen; aber er fühlte, daß er ihnen fern, überflüssig, fremd war. Ihm wurde schwer zumute; ihn überkam der schwärmerische Wunsch, mit seinem Blick irgendwo in der Weite einzudringen. Aber der Blick blieb stumpf und kraftlos. Nur wenn die Steppe ganz frei dalag, und die Sonne scheinbar nur für ihn allein in der unermeßlichen Welt leuchtete, war es Lande froh ums Herz. Doch das war nur selten; denn auf allen Seiten machten Menschen, zahllos wie die Ameisen, sich mit irgend etwas zu schaffen.

Als man ihm den nächsten Weg durch den Wald, der Lande wie eine zackige Wand gegenüberstand, zeigte, als er unter die feierlichen, friedlichen Laubkronen trat, da erfaßte ihn ein Freudentaumel; zum ersten Mal in seinem Leben verspürte er ein Gefühl der Erleichterung darüber, daß es hier keine bekümmerten, verfinsterten Gesichter gab.

Den ganzen Tag hindurch ging er über kaum kenntliche, verwachsene Waldespfade, und den ganzen Tag standen nur hochgewachsene, nachdenkliche Bäume um ihn. Nach allen Richtungen hin dehnte sich ihre durchsichtige, grüne Tiefe. Stumme Vögel flatterten lautlos an ihm vorbei; als gäben sie sich den Anschein, daß sie den Wanderer nicht bemerkten. Irgendwo knisterten Zweige, als ginge jemand, doch nicht ein Mensch, durch den Wald. Dann wurde der Wald allmählich lichter, ein Geruch von Feuchtigkeit und die Empfindung einer unbegreiflichen, aber deutlich wahrnehmbaren Kraft zog heran, etwas glänzte zwischen den Bäumen. Es war ein großer, tiefer, wasserreicher Fluß. Nur an den Uferrändern wuchs grünes Schilf und wiegte seine schmalen Blätter wie grüne scharfe Dolche über der Tiefe; aber die ungeheure Masse des freien und vollen Wassers glitt in langsamer, ebenmäßiger Bewegung, rein und breit, dahin. Auf der anderen Seite stand wie eine dichte Mauer ein ebenso dunkelgrüner Wald; hinten rückten schweigsame Bäume heran und streckten knorrige Äste über den Fluß.

Es war einsam und blieb lange Zeit einsam; Lande saß nachdenklich am Ufer. Dann kam auf dem Wasser lautlos ein Kahn heran, ebenso grünlich, feucht und wild, wie die Baumstämme des Waldes, den ein nasser, knorriger Bauer kniend ruderte. Er störte die Fluß- und Waldesruhe nicht, zerrann vielmehr in dem Ganzen, sodaß das Auge über ihn ohne Anhalt, wie über Schilf, Wasser und Himmel, glitt.

»Großväterchen!« rief Lande, sich aufrichtend.

Auf dem anderen Ufer rief eine dünne, eigentümlich hallende Stimme:

»O--äää!« verstummte aber sofort, wie es schien, in furchtbarer Entfernung.

Der Bauer legte das Ruder auf die Knie, quer über den Kahn, der langsam von selbst weiterglitt und einen dünnen, silberhellen Streifen, der wie gläsern klirrte, hinter sich zurückließ.

»Hier!« rief der Bauer zurück.

»I--i!« schallte es wieder aus dem Wald; eilig lief etwas in das Dickicht zurück.

Dann ruderte der Bauer und ruderte, und Lande saß im Vorderteil des Kahnes und spiegelte sich wie ein langer, schwarzer Streifen im Wasser wieder.

»Gehst du noch weit?« fragte der Bauer mit dumpfer Stimme.

»Weit!« antwortete Lande.

Der Bauer blickte ihn mit kleinen, raschen Äuglein an.

»So ...« sagte er, hörte auf zu rudern und starrte aufs Wasser.

»Man sagt, in Sibirien soll viel mehr Raum sein ...« fing er plötzlich an, als stände das, was Lande gesagt hatte, in Zusammenhang mit seinen alten, zähen Gedanken. »So geht das Volk herum, zu suchen, wo es besser ist ... Das ist ja richtig, man weiß nicht, wo man sich lassen soll, aber so hat es auch keinen Zweck ... Man geht, um Recht zu suchen, und es gibt kein Recht auf der Welt ... Ganz gleich, ob du hier oder da wohnst ... So wie ich zum Beispiel, im Wald ... Du denkst das so, als wäre niemand außer Gott über dir ... Alles kommt von Gott, und du selbst kommst auch zu Gott wieder, und außer ihm hilft dir niemand; aber im Gegenteil, -- gleich kommt wer weiß wer, wer weiß wozu und greift zu ... wissen tun wir ja nichts, tappen wie im Dunkel herum; vielleicht muß es auch so sein, wer kann es wissen! ... Seine Gedanken macht sich jeder, aber wer wird sie aussprechen! ... So strengt man das Leben lang seinen Buckel an, rackert sich ab wie eine Schindmähre, ist man aber dazu gekommen, einmal freier aufzuatmen, sich an Gott zu erinnern -- paff! und wieder einmal nichts mehr da! Und dann nachher -- in die Schenke, was bleibt dir anderes übrig. Es gibt kein Recht, lieber Mann, kein Recht! Und ob hier oder da, alles gleich, die Erde ist überall gleich!« Die Stimme des Bauers war eintönig, gedrückt, aber aus ihr schrie lautlos die verborgene Sehnsucht einer gemarterten Seele.

»Dieses Rechte liegt im Menschen selbst, und nicht in der Erde,« antwortete Lande traurig. »Man muß einander lieben und bemitleiden, und das übrige wird schon von selbst kommen!«

Der Bauer lächelte düster.

»Das wissen wir gut, lieber Mann, was kommen wird!« Er warf es achtlos hin, als bezöge sich das Gespräch auf den Tag, der morgen eintreten muß. »Wie sollen wir aber heute leben, das sage uns erst ... Lieben, meinst du ... Wie kommt man aber zum Lieben, wenn man manchmal bereit ist, sich einander wegen eines Stück Brot die Kehle abzuschneiden! ... Da hast du es.«

Der Bauer schwieg, dann fügte er in tiefem Baß hinzu:

»Die Herrschaften haben gut reden ... Die Herrschaften und die Popen! ... Nein, finde du mal erst das Recht hier!« und er steckte Lande seine knorrige Faust, die vom Fischpökeln zerfressen war und mit der er das Ruder hielt, entgegen.

»So ist's ...« begann er nach einer Pause mit einer ganz anderen Stimme. »Gott sieht am besten, wo alles hinsteuert! ... Darum leben wir auch, sonst ... Es gibt keine Gerechtigkeit in der Welt, und vielleicht kommt alles gerade darauf an: Gott will Gerechtigkeit mehr als Sattsein; deshalb stehen auch die Menschen Qualen aus, weil durch sie die Gerechtigkeit auf die Erde kommt! ... So ist's, was, lieber Mann?«

»So, so!« nickte Lande erfreut mit dem Kopf. »Alles, was es in der Welt gibt -- alle Wissenschaften, und alle großen Taten und alle Gedanken, -- alles wird durch Leiden weitergeführt ... Wenn es keine Leiden gäbe, wäre auch die Seele zum Stillstand und zum Sterben gekommen!«

Der Kahn stieß ans Ufer. Lande kroch unschlüssig und langsam heraus. Der Bauer blieb unten. Eine Minute sahen sie sich beide schweigend an. Etwas Starkes und Kräftiges verband sie miteinander; sie waren sich in dieser Minute beide fern und nahe, wie die beiden Enden eines ausgespannten Taues; beide hatten das brennende Verlangen, etwas zu sagen, etwas Bedeutsames, Einigendes; doch konnte er es nicht ausdrücken, weil es keine Worte gab, die gleich stark und gleich verständlich für sie beide, für den Bauern wie für ihn, gewesen wären.

»Lebe wohl, Großvater!« sagte Lande traurig.

Der Bauer murmelte düster etwas Unverständliches vor sich hin, stieß vom Ufer ab und glitt wieder über den Fluß, knorrig und naß wie ein schwimmender Baumstumpf. Lande schaute ihm lange nach, bis er hinter einer Biegung verschwunden war, und sich die langen, silberhellen Streifen auf dem breiten Wasserspiegel wieder geglättet hatten. Gegen Abend verlor Lande den Weg; er fand aber eine alte verlassene Hütte und blieb in ihr über Nacht.

Die Nacht war kalt, schneidend, und Lande schlief schlecht vor Kälte und Müdigkeit.

Der Nebel, der die ganze Nacht zwischen den hohen, regungslosen Bäumen wie eine dichte, weiße Hülle hing, geriet gegen Morgen in Bewegung und wurde grau. Etwas Unfaßbares erzitterte in der Luft, und alles erwachte gleichzeitig leicht und rasch wie auf Verabredung. Ein Vogel zwitscherte leise, als ob er etwas zu fragen hätte. Ein Rabe erhob sich schwer von einem feuchten Ast und flog, während seine taudurchnäßten Flügel linkisch dürre Zweige streiften, geradeaus in den Nebel hinein. Das Gras erschauerte, die Blätter regten sich, und plötzlich fing alles an, strahlend hell zu werden. Der Nebel kam mit einem Ruck ins Schwanken und zog sich in leichte, wankende Säulen zusammen, die eilig, lautlos zwischen den Baumstämmen auf- und niederschwankten.

Lande kroch aus der Hütte; seine dünne, schwarze Gestalt richtete sich über einem hellgrünen Grashaufen in der weißen Dämmerung wie eine schwarze Zickzacklinie auf. Die Nacht hindurch war er stark durchgefroren; sein Gesicht war blaß, grau, zerknittert. Er sah sich um, und im ersten Augenblick kam ihm in dem wogenden Nebel alles sonderbar verändert vor.

Aber der Morgen wurde immer heller. Der Nebel löste sich spurlos, sklavisch auf. Nah und fern erhob sich mit unsichtbarem, mächtigen Brausen das Leben des Waldes. Die Wipfel der Bäume loderten in grellem, rosigen Brand auf und zwischen ihnen in tiefem Blau der Himmel. Lande wurde von der lebendigen Wärme und dem Licht, das sich in mächtigen Strömen über alles ergoß, vollständig durchdrungen.

Er mochte nicht von hier fortgehen. Er ließ sich neben der Hütte auf die Erde nieder und saß still, mit gespannten, freudigen Augen alles um sich her beobachtend, ohne sich zu rühren.

Der Tag stieg auf. Sein grelles, unendlich-mächtiges, lebendiges Licht erwärmte das Herz. Lande saß bald, bald lag er unter einem Baum, der leichte goldene Blätter auf ihn streute, und verfolgte gierig das für ihn neue, geheimnisvolle Waldleben. Ihm schien, daß er langsam anfange, es, wenn auch undeutlich, zu verstehen.

Immer tiefere Ruhe überkam ihn; um so schwächer wurde sein Körper.

Er bemerkte diese Schwäche und aß ein wenig; aber die Bissen wollten nicht durch die Kehle rutschen, und nach dem Essen wurde er noch schwächer. Er stand auf, konnte aber kaum den Fuß anheben: eine eigentümliche Mattheit zitterte in seinen Knieen, ihm schwindelte es, der Kopf war schwer und das Herz schlug leise und schwach.

Ich bin krank, dachte Lande, aber ohne sich zu fürchten oder zu wundern, als wenn er es so erwartet hätte. Wahrscheinlich habe ich mich in der Nacht erkältet, ging es ihm mechanisch durch den Kopf, -- ich muß hier bleiben. --

Eine undeutliche, ruhige Freude stieg allmählich in ihm auf. -- Worüber bin ich froh? -- fragte er sich und lächelte sich selbst zu. -- Weil ich hier bleiben muß oder über etwas anderes? Ich weiß nicht ... aber wie licht, still und wohl mir ist! ...

Den ganzen Tag lang sah er ohne bestimmte Gedanken, ganz in ein beschauliches, zärtliches Gefühl versunken, vor sich hin.

So viel Licht, Farben, Durchsichtigkeit und Leben zitterte um ihn, daß ihm vor Glück und rührender Sehnsucht die Augen brannten.

Unaufhörlich tönte der Stimmenchor des Waldes über ihm, aber außer stillen Vögeln mit grünen Schwanzfedern, sah er nichts. Nur um die Mittagszeit kam aus dem Walde, hinter dem Gebüsch, ein magerer zottiger Bär hervor. Seine kleinen, schwarzen Äuglein blickten Lande aufmerksam und ernsthaft an. Er setzte sich auf die Hinterfüße, reckte den Hals ein wenig an, seufzte auf und starrte dann wieder auf Lande. Ein Vogel wiegte sich leise auf grünen Zweigen, die sich auf dem Himmel ausprägten. -- Gott, wie schön! sagte Lande zu sich, seine Augen wurden feucht.

Der Bär stieß einen sonderbaren, beinahe schluchzenden Laut aus und streckte wieder seinen Hals.

Lieber Kerl! rief Lande, und plötzlich wünschte er sehr, auf den Bär zuzugehen und ihn über das braune, ausgetrocknete Fell, an dem die Zotten herunterhingen, zu streichen. Nur fürchtete er, daß er ihn erschrecken würde. Daß sich der Bär auf ihn stürzen könnte, das kam Lande gar nicht in den Sinn; in seiner Seele war es still und sanft; sie konnte keinen brutalen Gedanken fassen.

Soll ich ihm Brot geben? dachte Lande und lachte selbst über diesen Gedanken.

Der Bär stieß wieder einen schweren, langgedehnten Seufzer aus, blickte noch einmal mit den schwarzen Augen umher, stand auf und trottete, leicht wiegend, in den Wald zurück. Lande kam es traurig und gleichzeitig fröhlich an, zuzusehen, wie er sich unter den säulenhohen Bäumen entfernte.

Hier wäre es gut zu sterben, dachte er plötzlich mit feuchten Augen.

Und der Gedanke an den Tod, mit dem deutlichen, abgeschlossenen Bewußtsein seiner Nähe, trat gebieterisch aber ruhig in seine Seele.

Ssemjonow fiel ihm ein, doch blitzte dieser Gedanke nur auf, um sich gleich wieder in dem vollen, prächtigen Licht des Tages aufzulösen, als ginge er zu einem anderen, einem Mächtigeren, über.

XXIV

Der Regen goß in Strömen, anhaltender Lärm hing über dem Wald. Manchmal schien irgend jemand in der Nähe, hinter einem Busch zu schluchzen, mit dünner, silberklirrender Stimme zu weinen; später hörte man deutlich, daß es nur Regentropfen waren, die klangen.

Lande lag in der Hütte. Es war naß, dumpf und undurchdringlich finster. Manchmal war ihm, als ob er über bodenloser Leere liege, dann hob er mit Mühe die heiße, zitternde Hand, stieß neben seinem Gesicht an unsichtbare, schwere, durchnäßte Zweige, und dicke, kalte Tropfen schlugen auf sein Gesicht. Der Kopf brannte ihm, Fieberfrösteln riß ihm den Körper in Stücke, und er wand sich in dem vergeblichen Bemühen, unter der nassen Sutane warm zu werden, ohnmächtig auf der Erde hin und her. Vor seinen offenen Augen sprühten in der Finsternis Feuerfunken, wirbelten goldene Kreise.

Ich sterbe, -- dachte Lande. -- Ja ... Herr, dein Wille geschehe!

Vor Kälte, vor Schmerz weinte er. Einsame, niemandem sichtbare Tränen fielen heiß auf die nasse Erde, rieselten ihm in den Mund und auf die krampfhaft klappernden Zähne.

Herr, Herr! -- rief er still, und dieser einsame Laut war so sonderbar in Wald und Finsternis, daß es ihm selbst vorkam, als verfiele unter ihm alles für einen Augenblick in Schweigen, würde es still und lauschte. Und dann rauschte, fern und nahe, noch stärker der Regen, das Wasser gluckste.

Lande verlor die Besinnung, regungslos auf der Erde zusammengekauert, die Kniee in einer kalten Pfütze. Er fieberte.

Aus der Finsternis lugte ein großer Hasenkopf. Die langen Ohren waren zurückgeworfen, die roten Augen starrten Lande unverwandt an. Etwas Schreckliches, Höhnendes lag in diesem schweigenden Kopf. Leise, langsam, kaum merklich nickte er Lande zu. Plötzlich leuchtete alles in gelbem Licht auf, als wäre irgendwo in der Nähe, hinter seinem Rücken, eine unsichtbare Flamme entzündet; in ihrem Licht erblickte Lande, wie von der Seite, seinen Körper, widerwärtig und armselig in einer Pfütze zusammengekauert, von der nassen, schwarzen Sutane beklebt, schmutzig, unglücklich, wie ein Wurm. Entsetzliche Angst drängte sich an sein Herz. Mit einem wilden, sinnlosen Schrei setzte er sich auf; dabei stieß er mit dem Kopf an die Zweige. Ganze Bäche kalten Wassers rieselten auf ihn herab, aber er kam nicht zu sich. Eine Menge bekannter Gesichter zogen lebend, augenglänzend, in einer endlosen Reihe, die sich in der Ferne verlor, an ihm vorüber. Sie näherten sich, neigten sich zu ihm, sahen ihn an und gingen weiter, hinter ihnen kamen neue heran. Die Flamme leuchtete nicht mehr hinter Landes Rücken; dafür schien von ihm selbst ein mattes, aber klares Licht auszugehen. Es legte sich auf die Gesichter, die sich verneigten, drang immer weiter und weiter, nach allen Seiten hin. Ihm wurde still und wohl. Dann brannte wieder die Flamme, und wieder wand sich ein schwarzer Körper wie ein zertretener Wurm auf dem Boden; wieder nickte kaum merklich ein Hasenkopf.

Es war kein Gedanke und keine Wahnvorstellung, kein Gefühl, nur das grelle Licht einer wunderbaren Erkenntnis, die Landes erhitztes Gehirn durchdrang. Im selben Augenblick wurde sein ganzes Leben in zwei Teile gespalten: Als hätte ihn das Gewaltige, das in seiner Unbegreiflichkeit Helle und Wundervolle, das, was er sein ganzes Leben lang getan hatte, jetzt verlassen und wäre langsam zerronnen, um alles ringsumher zu erfüllen, er selbst aber war von einem scharfen Leiden, einem einsamen, unbesiegbaren, letzten Schmerz gepackt worden, der ihm seine scharfen Krallen einbohrte und ihn mit schrecklicher Wucht zu Boden drückte.

»A--a--a!« schrie Lande mit schwacher, dünner Stimme in die Finsternis hinein.

XXV

Rjasaner Bauern, Zimmerleute, die nach ihrer Heimat gingen, fanden im Wald, fern von jeder Wohnstätte, einen toten Menschen.