Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 2

Chapter 23,524 wordsPublic domain

»Lassen Sie einen doch vorbeigehn,« wiederholte er noch leidender.

Parchomenko maß ihn mit einem raschen wegwerfenden Blick und trat achtlos auf die Seite.

»Maria Sergejewna, wollen wir heute nach Suuk-Su fahren ... Gestern haben wir es hin und zurück in zwei Stunden gemacht. Ehrenwort! Wunderbar angenehm, mein Ehrenwort ... wie Vögel! ... Wir werden dort Abendbrot essen und dann zurück! ... Bei Mondenschein hat es etwas Bezauberndes, auf Ehrenwort!« schrie er ganz strahlend; offenbar bis in die Zehenspitzen von der Freude über die eigene Existenz erfüllt.

Maria Sergejewna weigerte sich, mutwillig und kokett den neuen Hut schüttelnd, der ihr in der Tat das Aussehen eines graziösen Mädchens gab.

»Wir waren erst vorgestern dort!«

»Ja, aber im Auto ist es etwas ganz anderes. Über die Berge weg! Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leicht man von einem Berg auf den anderen fliegt ... Ja, geradezu die Empfindung, als fliege man im Traum ... auf Ehrenwort!«

»Nun gut ... später. Jetzt will ich spazieren gehen. Gehen wir! Das Meer ist heute wunderschön.«

Die drei Damen Parchomenkos, alles üppig blonde, phlegmatische Schönheiten, stiegen lachend und wie im Spiele aus dem Automobil.

»Fjodor Iwanowitsch, warum sind Sie denn heute so mürrisch?« Parchomenko strotzte vor Freude.

»Er ist jetzt immer mißgestimmt,« antwortete Maria Sergejewna für ihn, als wäre sie selbst daran schuld, und berührte Mishujews Gesicht mit einem schüchternen Blick.

»Sie sollten ihn doch dazu verleiten, ein Auto zu kaufen, -- das bringt ihn augenblicklich in andre Stimmung. Aufblühen wird er,« lachte laut Parchomenko. »Mit dem Auto kuriere ich mich jetzt in allen Nöten. Ehrenwort, -- kein Scherz!«

Die Damen gingen zu viert voran, allgemeines Aufsehen erregend. Parchomenko rannte neben ihnen her, steckte sie mit seiner lärmenden Freude und Sicherheit an, wobei er ihnen fortgesetzt vor die Füße lief; nur Mishujew schritt schwer hinterdrein. Während sie mitten durch die festlich gekleidete Menge, die wie ein sonnendurchwärmter Bienenschwarm summte, gingen, blickte Mishujew aufmerksam und lange in die Gesichter, die ihnen entgegenkamen, als suchte er aus ihnen etwas herauszulesen.

Sie begegneten wieder dem schwindsüchtigen Popen und dem weißblonden Menschen im blauen Hemd. Diesmal ging ein hochgewachsener, hagerer, ernster Mann neben ihm. Mishujew kannte ihn; nun erinnerte er sich auch an den blonden. Der Ernste war ein bekannter Schriftsteller, der andere ein junger, schwindsüchtiger Dichter.

Der Schriftsteller warf einen flüchtigen, unfreundlichen Blick über die Gesellschaft und wandte sich ab. Der Dichter sagte ein paar Worte zu ihm, und in dieser Stimme wie in dem zornigen Blick des anderen lag ein spöttisch-feindseliger Zug gegen Mishujew, Parchomenko und ihre gutgepflegten, schönen Damen.

Bald von der Sonne überstrahlt, bald im Schatten der Schirme, zogen in bunter Reihenfolge männliche und weibliche, hübsche und häßliche Gesichter vorüber. Ein lebendiger Kaleidoskop, der sich in jedem Augenblick veränderte, rollte vor ihren Augen ab, und Mishujew verfolgte mit gewohnheitsmäßiger, krankhafter Unruhe dieses einförmige, eigentümliche Spiel: er sah, wie alle die gleichgültigen menschlichen Augen, die flüchtig über die herankommenden Gesichter glitten, plötzlich auf ihm haften blieben und den Ausdruck stumpfer Neugierde annahmen. Das war alles so gewohnt und eintönig, daß es Mishujew mitunter vorkam, als habe die ganze festliche Menge nur ein einziges -- ein flaches Gesicht, das ihm über alle Maßen widerwärtig war.

Die Damen und Parchomenko lachten laut auf, Mishujew ging hinter ihnen, und das Gefühl der Einsamkeit, die ihm längst zur Gewohnheit geworden war, lief unablässig neben ihm her. Er wünschte, fortzugehen, wo nichts und niemand um ihn wäre -- weder Sonne, noch Menschen, noch Lärm. Dort stehen bleiben und lange, sehr lange ganz still für sich stehen. -- --

Der freudestrahlende Parchomenko wandte sich um und rief ihm etwas zu. Irgend eine Abgeschmacktheit, ohne Sinn und Witz, aber sonderbar aufdringlich durch das zur Schau getragene Selbstbewußtsein, daß alles, was er sprach, schön und äußerst interessant sein müßte.

-- -- -- Dieser glückliche Trottel -- dachte Mishujew, während er auf seine Füße hinunterschaute; plötzlich regte sich stumpfer Neid in ihm. Wollte man diese Empfindung in Worte übersetzen, so wäre der Unsinn herausgekommen: -- ach, wenn ich doch solch ein Idiot wäre! Dann könnte ich ebenfalls glücklich sein wie er, mit meinen Automobilen, Millionen, Maitressen, mit all den Menschen, die mich selbst gar nicht bemerken, sondern nur das, was nicht meine Person ausmacht, die mich fürchten, hassen, an mir kleben bleiben.

»Hier kommt auch unser General!« rief Parchomenko. »General, kommen Sie doch her! Ohne Sie ist es langweilig!«

Ein alter General mit breiten roten Streifen und einem verschrumpften, rosigen Gesichtchen auf einem Hals, dünn wie bei einem Küchlein, den der schmale, graue Backenbart nicht zu verdecken vermochte, lief, die Füße nachschleppend, auf sie zu. Er begann, den Damen mit freudestrahlendem Gesicht und kraftloser, greisenhafter Koketterie die Hände zu küssen. Man sah ihm an, daß er im voraus fürchtete, fortgejagt zu werden.

Parchomenko zeigte eine Freude, als wäre ihm ein amüsantes Spielzeug gebracht worden.

»Nun, wie ist's, General, hat der Dampfer von gestern viel hübsche Frauen gebracht? Hat Ihr Herz oft gezuckt?« er lachte laut und drehte sich vor den Damen, die auf der Bank Platz genommen hatten, auf den Stiefelabsätzen herum.

»Wußten Sie schon, Maria Sergejewna,« wandte sich Parchomenko zu ihr, und man sah seinem rosigen Gesicht an, daß er im Begriff war, etwas ungemein Geistreiches zum Besten zu geben, »der General geht jeden Abend zur Landungsbrücke; er will der Unvorsichtigen nachstellen, die sich ihm anvertrauen würde ... Er ist ein Don-Juan, wie er im Buche steht. Auf Ehrenwort, -- ohne Spaß!«

»So, General -- und ich wußte gar nicht, daß Sie so gefährlich sind!«

Eine der blonden Damen Parchomenkos redete ihn gedehnt mit voller, schmachtender Stimme an.

»Oh, Sie kennen ihn eben nicht!« Parchomenko verschluckte sich vor Entzücken; »jeden Abend läuft er hin. Nur wird er von diesen hartherzigen Damen leider so unhöflich wie möglich behandelt: er sucht an jedem Abend für sie Wohnungen, er schleppt ihre Sachen, er zahlt die Droschkenkutscher, und am nächsten Tag laufen sie, -- Gott sei's geklagt! -- mit irgend einem Fähnrich über die Boulevards, und der General wandelt wieder zum Dampfer hin! Auf Ehrenwort, -- -- -- ohne Spaß!«

»Was Sie sagen!« Die üppige Blonde tat äußerst erstaunt.

»Sie müssen stets etwas ausdenken, Pawel Alexejewitsch!« verteidigte sich der General und errötete.

»Ja, reden Sie nur! Ich etwas ausdenken! Und wer hat Sie vor drei Tagen in Dschalita mit einer Gymnasiastin erwischt? wie, -- was?«

»Aber, bei Gott ist es wahr, Pawel Alexejewitsch ... das war meine Tochter Njurotschka! was wollen Sie, bei Gott! ...« sein Gesicht wurde noch röter.

»Eine Tochter? Wir kennen sie schon -- -- diese Töchter!«

»Nein, wirklich, meine Tochter ... Njurotschka!«

»Daß sie Njurotschka heißt, glaube ich schon! Und daß ...« Parchomenko hielt sofort wieder ein und kniff die Augen zusammen; offenbar bereitete er einen recht pikanten Witz vor. »Übrigens ist es schon glaublich, daß Sie nur noch väterliche Gefühle hegen können. Sehr möglich!«

Die Damen lachten, ihre Blicke etwas gesenkt, mit jenem eigentümlichen über die Lippen gleitenden halben Lächeln, in dem noch ein besonderes weibliches Geheimnis zu lauern scheint.

Der General kicherte ebenfalls, doch in seinem freundlichen Gesichtchen zeigte sich ein schmerzlicher Zug, als könnte seine Njurotschka dadurch verletzt sein. Einen Augenblick wollte er sich einfach umdrehen und fortgehen, wagte es aber nicht und kicherte nur krampfhaft weiter.

»Dats ist wunderbar, dats ist wunderbar,« murmelte er, während seine Äuglein ratlos umherliefen.

»General,« plötzlich leuchtete Parchomenko noch intensiver auf, »warum sagen Sie immer >dats< und nicht >das<? Damit es sich komischer ausmacht oder haben Sie einen hohlen Zahn?«

»Sage ich denn dats?« Der General errötete.

»Aber natürlich, dats! Sagen Sie doch: das! So -- -- -- deutlich: das!«

»Ist es denn nicht ganz gleich?«

»In keiner Weise gleich ... Das ist ja furchtbar komisch! Auf Ehrenwort! Nun, sagen Sie mal: das!«

Der Alte lachte, und seine greisen Wangen wurden immer rosiger.

»Nein, Sie müssen es rausbekommen!« Parchomenko ließ nicht von ihm ab.

»Dat--s!« sagte der General mit heldenmütiger Anstrengung.

Parchomenko drehte sich vor Entzücken auf den Absätzen herum. Die Damen lachten. Auch Maria Sergejewna lachte und hob ihr feines Profil empor.

»Das, das, General!« schrie Parchomenko. Sein strahlendes Gesicht war von Wonne übergossen. Er sah aus, als wollte er zurufen: Immer lustiger noch, alter Spaßvogel! ... Du siehst ja, ich bin in guter Laune ... Nur los!

»General, Sie sind der geborene Komiker ... Auf Ehrenwort!« schrie er unter Lachausbrüchen.

Der alte General lächelte verwirrt, und seine Wangen glänzten hilflos.

Maria Sergejewna hatte mit dem Alten, nach dem sich schon die Spaziergänger umsahen, Mitleid. Sie sprach mit ihm weich und zärtlich, erkundigte sich nach seiner Gesundheit und nach der Tochter, der Gymnasiastin, die sie einige Minuten vorher in einem Haufen anderer, ebenso junger und fröhlicher Mädchen gesehen hatte. Der Alte schmolz sofort unter ihrer Zärtlichkeit und lächelte jetzt ganz anders, während er ihr nach Greisenmanier, wie ein gestreichelter, altersschwacher Kater, den Hof machte.

Aber Parchomenko begann wieder geistreich zu werden und ihn zu necken. Mishujew blickte auf sie; es widerte ihn an; der Alte tat ihm leid. Er wollte ihn in Schutz nehmen, bekam aber kein Wort heraus.

Der junge Dichter und der ältere Schriftsteller kamen wieder an ihnen vorbei. Mishujew hörte, wie aus einer Gruppe junger Menschen, die auf einer benachbarten Bank saßen, einer rief:

»Seht mal dort, seht ... da kommt Tschetyrjow und Marussin!«

»Wo, wo denn?«

Gespannte Mädchenblicke begleiteten die gebeugten Gestalten der beiden Poeten, die sich langsam in der bunten, festlichen Menge entfernten, von ihr wie ein trauriger Fleck geschieden. Mishujew hörte, wie in der jungen Gesellschaft eine heftige Diskussion über Tschetyrjows Talent losbrach.

Als wäre diese Begegnung schuld, wurde ihm mit einem Mal traurig zumute; wieder zog es ihn von hier fort irgendwohin, wo er allein bleiben und lange -- lange stehen könnte, ohne etwas zu sehen, etwas zu hören.

III

Soeben war der abendliche Dampfer eingetroffen, und mitteilsame Feuer brannten auf der anderen Seite der Bucht und spiegelten sich dort wie bunte Blumengirlanden im dunklen Wasser wieder. Von diesem Ufer aus konnte man keine Menschen erkennen, und die schwarze Masse des Schiffes erschien rätselhaft, wie ein dunkles Seeungeheuer, das neben der Mole aus der Tiefe aufgetaucht ist. Aber man hörte schon aus der Ferne das schnelle Gerassel der anfahrenden Equipagen; man fühlte, daß in die lustige Stadt gleich eine ganze Flut neuer Menschen, die das Ende der langwierigen Reise angeregt hat, einströmen würde.

An diesem Tage machte Maria Sergejewna mit Parchomenko und seinen Damen einen Ausflug in den benachbarten Kurort, und Mishujew ging allein spazieren. Er schlenderte langsam über den Strand, vom Kurhaus und dem Kurgarten, wo sich das Nachtpublikum drängte, möglichst entfernt. Er fühlte sich so gut, wie seit langem nicht mehr. Der mondlose, zarte Abend, mit seinem durchsichtigen, goldenen Sternenschmuck, die ruhigen, rhythmischen Töne des leichten Wellenschlages, ergriffen stille, zärtliche Saiten seiner Seele. Die argwöhnische Behutsamkeit, die ihn die ganze Zeit über nicht verlassen hatte, verblaßte jetzt, und lautlos singende Trauer senkte sich in sein Herz. Er wünschte allein zu sein, sich etwas Nahes und Liebes ins Gedächtnis zurückzurufen.

Nachdenklich schritt er über die Strandpromenade, dort, wo sie leer und still war, und leise, herzliche Gedanken zeichneten vor ihm tastend bekannte, halb vergessene Gesichter wieder auf. Mishujew sah sie fast körperlich mit offenen Augen, wie sie unfaßbar durch die blaue abendliche Dämmerung zwischen den großen, blassen Sternen dahinglitten.

Allmählich kehrten seine Gedanken, wie auf einer Kreisbahn, zu der Zeit zurück, als er nach seiner Rückkehr aus dem Auslande, ernüchtert von sinnlosem Herumbummeln, seinem alten Freunde und dessen Frau, Maria Sergejewna, begegnet war. Er war damals ermüdet, überreizt, bis zum Haß gegen alle Menschen erbittert. Sie hatten ihn wieder mit einer ihm ungewohnten Einfachheit ihres Verkehrs erwärmt, ihn in den engen Kreis ihres hellen, gemütlichen Lebens gezogen; es gab viele Tage und Abende, die voll der Zutraulichkeit, der Freude und dem eigenartigen Zauber, den die Nähe einer schönen, guten Frau hervorruft, waren. Dann entstand verborgene Liebe -- eine seltsame, anziehende Verbindung der keuschesten Achtung und der schamlosesten, begehrlichen Phantasien. Und schließlich kam der Augenblick, als in ihr die erst nur schüchterne Antwortsaite erzitterte; dann mit einem Mal war alles, was ganz unmöglich schien, woran er nicht einmal zu denken wagte, nahe geworden und umbrauste ihn mit dem heißen Feuer weiblicher Leidenschaft. Neue Verwicklungen traten ein; schmerzlich, abscheulich wie Alpdrucke. Lange hatte der schwere, von vornherein aussichtslose Kampf ihres Gewissens gegen den vorwärtsstürmenden Drang ihrer Körper gedauert. Da gab es grelle Durchblicke tollen Glückes, wie an jenem Abend, als das strenge, schwarze Kleid plötzlich zu Boden sank und das herrliche, nackte Weib unterwürfig und schamlos wurde; aber das Glück ging in einem breiten Sumpf niedrigster Heuchelei, Schande, unwillkürlichen Betrugs und Lüge unter, die dem Menschen gegenüber, den sie beide liebten und achteten, zur Infamie wurde, der Schmutz schwoll immer höher und höher an, stieg bis an die Kehle, und als sie endlich kaum noch atmen konnten, kam es zu einem kurzen, jähen Bruch.

Mishujew erinnerte sich, wie hell und leicht es um sie war, als alles wohl oder übel beendet schien und sich ihnen ein neues Leben eröffnete. Aber das Vergangene hatte seinen feinen Stachel zurückgelassen und drehte ihn noch bis heute in der vernarbten Wunde um. Als die erste Leidenschaft verflogen war, schien es Mishujew, daß ein furchtbarer, nie gutzumachender Fehler geschehen sei. Die Leiden und Schwankungen, die Maria Sergejewna erlebte, begannen ihm mit verborgener, giftiger Sprache zuzuflüstern, daß er eine ganz erbärmliche Rolle spiele. Diese Frau liebte ihren Mann und nur diesen, und er, Mishujew, der allein durch sein Geld bemerkenswert war, hatte für sie nur zufällige Bedeutung. Früher hatte sie so einfach und arm gelebt; jetzt wünschte sie ganz unschuldig und naiv Glanz und Freude. -- Und weiter nichts ...

Wozu war es dann gut, drei Menschenleben zu vernichten? fragte er sich mit Entsetzen.

Irgendwo durchlebt ein erniedrigter, verlassener Mensch einsam das Mysterium seiner Schmach, die sich weder gut machen noch vergessen läßt; eine junge Frau wurde von allem losgerissen, wie ein beiseite geworfenes Spielzeug ...

Und in mein Leben trat nur ein käufliches Weib mehr ein, dachte Mishujew mit peinigender Roheit, er fühlte selbst, wie sein Gesicht sich verzerrte und zitterte.

Ich habe kein Recht, so von ihr zu denken! vielleicht liebt sie mich wahr und aufrichtig! wandte er sich mit der Bemühung, die aufgetauchten qualvollen Gedanken zu verdrängen, gegen sich selbst. Für einen Augenblick wurde alles in seiner Seele durcheinandergerüttelt, aber bald fühlte er wieder, daß der Gedanke nicht ertötet war, sondern sich nur tief in sein Inneres verkrochen hatte, wo er unfaßbar, wie eine kleine Schlange, die sich unter Steinen birgt, immer tiefer und tiefer fraß.

Mishujew warf den Kopf zurück, unterdrückte mit furchtbarer, fast körperlicher Anstrengung die Erinnerungen; er ging lange die Promenade hin und zurück, ohne festes Überlegen, nur mit formlosen Gedankenfetzen, die er müde durch seine Seele streute. Der Abend wurde inzwischen immer dunkler, immer tiefer und ruhiger glänzte der blaue Himmel, heller prangten die Sterne über den Bergen, und die verstummende See seufzte leicht und leise auf, als schliefe sie ein.

Wenn ich nur einen Menschen hätte, an den ich mich halten könnte! dachte Mishujew plötzlich und erinnerte sich im selben Augenblick an einen Menschen, der ihm in jener Zeit, als er frei mit dem Geld um sich warf und von großangelegter schöpferischer Arbeit träumte, nahegestanden hatte.

Ihn sehen, sprechen, dachte Mishujew mit naiver Sehnsucht; dabei lächelte er unwillkürlich über die schwungvolle Gestalt des berühmten Dichters Nikolajew, die mit einem Mal in der Dämmerung des südlichen Abends unerwartet vor ihm auftauchte.

»Tut nichts, Bruder, wir werden uns schon durchsetzen! Wir sind eine zähe Bande!« ertönte eine Stimme voll Kraft und Wagemut in der komischen Aussprache der Wolgagegend neben ihm.

Mishujews Herz erzitterte.

Eine junge Dame in einem Reitkleid, das fest den prallen weiblichen Körper umschloß, und ein kräftiger Tatar mit schiefen, wie auf Saiten gespannten Beinen, trabten mit dröhnendem Hufschlag an ihm vorbei. Die Dame lachte abgerissen und beugte sich auf den Sattel nieder, der Tatar bewahrte seine majestätische Selbstgefälligkeit; doch kaum waren sie vorüber, als sie auch schon in der Abenddunkelheit zerflossen.

Ganz mechanisch fühlte Mishujew seine Gedanken zu dieser Frau hingezogen: vielen solchen Frauen stand er nahe. Ihre unergründlichen Augen, ihre ausgemeißelten Arme, erhabenen Brüste, schlanke Taillen und harte Schenkel liefen in fast lückenloser Reihe durch den zerfließenden Nebel seiner Vergangenheit. Sie fielen ihm leicht zur Beute, nur kosteten sie ihn mehr oder weniger. Mit geschlossenen Augen stürzten sie sich unter den Goldregen, blühten unter ihm auf und wurden glatt und gleißend wie gut gefütterte Panther.

Schon seit langer Zeit hatten sie aufgehört, Mishujews Leben zu erheitern; schon seit langem blieb er auch, wenn er auf ihren elastischen Brüsten, ihrem samtenen Körper, zwischen den in leidenschaftlicher Qual erzitternden, weißen Beinen lag, doch nur der, der er immer war, -- ein einsamer, suchender, trauertragender Mensch.

Mishujew ging weiter, und wieder begannen sich aus einem riesigen, verwickelten Knäuel einsame Gedanken zu entwirren.

Von der Landungsbrücke rollte ihm schon eine ununterbrochene Flut von Droschken entgegen, als wenn sie irgendwo einen Damm durchbrochen hätten. Gesichter, Hüte, Pappschachteln und Koffer zogen vorüber; unbekannte neue Augen leuchteten auf und verschwanden. Der Fahrweg der Promenade begann unter dem ununterbrochenen Lauf der Räder lebendig zu zittern und zu dröhnen. Mishujew sah sich alles mit Widerwillen an.

Wieviel da sind! ... Wer hat sie alle in die Welt gesetzt! dachte er angeekelt. Vor ihm erhob sich ein riesiger, trüber Leib, den ein unwiderstehlicher, ewiger Drang bis an den Himmel aufgebläht hatte, und er sah aus ihm Millionen abscheulicher Geschöpfe, Gott weiß wozu, hervorkriechen, durchschlüpfen, sich schütteln, über die Erde wimmeln -- von niemandem begehrt, niemanden interessierend.

Lärm und Dröhnen erschütterte die Strandpromenade wie ein Lawinensturz, und verstummte dann in der Ferne, in den Straßen der Stadt, ebenso schnell, wie es entstanden war.

Immer seltener und seltener rollten die Droschken vorbei; jetzt wurde wieder das gleichmäßige, nachdenkliche Atmen des Meeres deutlich, als stünde man an einem öden Ufer. Mishujew schritt noch einmal bis zum Ende der Straße hinunter, an dem ein Kaffeehaus, das mit rotbefezten, lärmenden Türken vollgepfropft war, aufleuchtete, und kehrte wieder mechanisch um.

In der Nähe des Stadtgartens kamen ihm häufiger die üblichen Spaziergänger entgegen. Ein Offizier mit einem Dämchen, das die engumkleideten, biegsamen Schenkel beim Gehen wiegte, zwei oder drei satte Herren mit blutig flimmernden Zigarren zwischen den Zähnen, schlenderten vorüber. Dann umwehten ihn ein paar Backfische mit einem zarten Aroma von Parfüm und dem leichten Hauch, der ihren Röcken entströmte; ihr Gelächter und Geschwätz betäubte ihn für einen Augenblick. Plötzlich sah er den alten General mit dem schmalen Backenbart und den ungeheuerlich breiten, roten Hosenstreifen kurz vor sich. Neben ihm ging ein hübsches Mädchen; ihre zarte Röte und die keusche, strenge, vorschriftsmäßige Tracht des Mädchengymnasiums fielen unwillkürlich sofort ins Auge.

Als der General Mishujew erblickte, geriet er in Hast. Er begann sofort, ihn zu grüßen und ihm zuzulächeln, während er sein rechtes Bein etwas unbeholfen hinter sich herschleppte. Sonst fürchtete er Mishujew und kam nicht an ihn heran, heute aber wünschte er sehr, vor seiner Tochter mit der Bekanntschaft eines leibhaftigen Millionärs zu renommieren, so daß er es wagte. Aus seinen Augen und selbst aus seiner Stimme strahlte kleinlicher, naiver Stolz; ungezwungener, als es nötig wäre, sagte er:

»Ah, Fjodor Iwanowitsch! Gehen spazieren. Was machen Sie?«

»Guten Abend,« sagte Mishujew rücksichtsvoll und doch mit einer für ihn selbst unmerklichen Nuance von Hochmut und lüftete nachlässig den Hut.

»Gestatten Sie ... hier ... das ist meine Tochter Njurotschka,« stellte der General vor. In seiner Stimme lag Schüchternheit, die aber nicht durch die Person Mishujews, vielmehr durch etwas anderes in ihm hervorgerufen schien.

Mishujew drückte ein kleines, bebendes Händchen. Das ganze Mädchen war zittrig wie ein Vorfrühlingstag. Als sie ihre feuchten, dunklen Augen auf Mishujew richtete, lächelte er ihr unwillkürlich zu. Auch sie lächelte.

Sie gingen alle drei zusammen weiter. Der General war hastig und drosch auf irgend einen Unsinn los, mit dem offensichtlichen Bestreben, das verwirrte Mädchen zu ermuntern und ihr zu zeigen, wie freundschaftlich er mit diesem Millionär stände. Anfangs wurde er sogar ohne Grund vertraulich und machte nach einem ziemlich mißlungenen Scherz den Versuch, Mishujew den Arm um die Taille zu legen. Doch rechtzeitig kamen ihm Bedenken. Trotzdem mißfiel Mishujew schon der Anklang an Vertraulichkeit; er wurde kühl.

Das Mädchen errötete fortwährend und blickte Mishujew nicht an. Er konnte nur ihr kleines Ohr, die flaumweiche Haarlocke und den unfaßbar zarten Umriß der errötenden Wange sehen. Sie schritt nach vorn gebeugt, als schämte sie sich, und ihre Absätzchen klopften nicht laut und nur unsicher auf. Wenn der General besonders schiefe Witze machte, senkte sie den Kopf noch tiefer, und ihre Wange begann zu brennen. Doch sobald Mishujew, unwillkürlich dem Wunsch nachgebend, sie aufzumuntern, etwas Lustiges sagte, warf sie plötzlich den Kopf, dessen Kinn so mollig wie ein Kissen war, in den Nacken zurück und lachte hell auf. Mishujew blickte auf dieses Kinn: es war so abgerundet und zart, daß man glauben konnte, bei seiner Berührung müßte man ein Gefühl der Wärme empfangen. Unwillkürlich begann er liebenswürdig und lustig auf sie einzuwirken, um sie nur zum Lachen zu bringen.

Sie hatte eine ganz wunderbare Art zu lachen: da beginnt zuerst etwas zu klingen und reißt ab, dann schaut sie ihm mit den dunklen Augen gerade ins Gesicht, ihr Blick geht in ein verschämtes Lächeln über und wird plötzlich ganz ernst.

Sobald sie nur das erste Mal gelacht hatte, wurde es Mishujew froh zumute, und ihm gefiel dieses Pärchen -- dieses mädchenhafte Weib und selbst der gutmütige, ängstliche General mit den ungeheuerlich breiten Hosenstreifen und den vorbeigelingenden Witzen. Auch machte es ihm Spaß, daß der Greis sie »Kindchen« und sie ihn »Papachen« anredete. Das war so naiv und schön.