Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 18

Chapter 183,621 wordsPublic domain

... Fünfzehn Rubel ... Fünf genügen mir vollständig; zehn muß ich Wassja schicken ... Nur wird er sich ärgern! ...

Lande rieb gequält die Stirn.

... Ich werde ihm schreiben müssen, ich habe jetzt zwei Stunden ... meinte er und wurde froh.

Es war schon ganz dunkel geworden; alle Konturen schienen weich und zart. Am offenen Fenster, das wie ein schwarzer Flecken aussah, saß Landes Mutter. Trauer und Einsamkeit lagen auf ihrer kaum sichtbaren, in der Finsternis des Zimmer zerfließenden Gestalt. Lande erkannte sie von weitem, sein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Er sah sie zum ersten Male wieder, seitdem sie ihm gesagt hatte, sie wolle von ihm nichts eher wissen, bis er seine törichten Ansichten vom Leben geändert hätte. Als sie es ihm mit kreischender Stimme zurief, war es Lande unmöglich, sie anzusehen. Er war in schwerer Trauer fortgegangen. Später fürchtete er, sie aufzusuchen; er glaubte, daß sie ihn noch einmal mit dieser fremden Stimme, die sie selbst quälen und beunruhigen mußte, anschreien könne.

Aber als er sie jetzt einsam und gebeugt am Fenster sitzen sah, erweiterte sich sein ganzes Wesen in lichter Zärtlichkeit und brennendem Mitleid. Er sprang über einen Graben, stellte sich auf einen Eckvorsprung und umarmte schweigend die Mutter. Und sie sagte kein Wort, weinte nur freudig und fing an, seinen Kopf zu küssen, ihn an ihren weichen, greisenhaften Busen zu drücken und sein Gesicht mit warmen Tränen zu benetzen.

»Mama, meine Mama!« flüsterte Lande leise, und seine Lippen haschten nach der vor Zärtlichkeit und Freude zitternden Hand.

»Mein lieber, mein goldner Junge!« klang eine unendlich teure, schluchzende Stimme an sein Ohr. Eng verflochten sich ihre Seelen.

»Du gehst nicht mehr fort ... du verläßt deine Mutter nicht mehr?« fragte sie ihn.

»Ich gehe nicht fort, gehe nirgends mehr hin!« antwortete er aus vollem Herzen.

Die Nacht kam still und unmerklich. Lande stand immer noch auf dem Gesims, und ihm schien, daß ihm in der ganzen Welt nichts als diese stille, süße Liebe und Liebkosung gefehlt hatte.

Groß und schwarz, kam jemand von der anderen Seite des Grabens heran und fragte:

»Iwan Ferapontowitsch, sind Sie es?«

Lande sah sich um, erkannte Molotschajew und sprang auf den Bürgersteig hinunter.

»Ich komme gleich, Mama!« sagte er eilig. Er schwang sich über den Graben und fragte: »Ich bin es ... Was wollen Sie?«

Molotschajew atmete schwer und dumpf; er sah verlegen aus.

»Ich möchte Ihnen ein paar Worte sagen! Wollen wir nicht lieber gehen?«

»Gewiß ... Bitte!«

Sie gingen die finstere, leere Straße hinunter. Molotschajew atmete immer noch schwer und schaute gespannt vor sich hin.

»Ich wollte Ihnen sagen ... Sie haben sich mit Ihrer Mutter ausgesöhnt?« Die Frage kam ihm selbst unerwartet.

Lande lächelte. »Ich hatte mich niemals mit ihr gezankt.«

»Ach ja ... ich habe ganz vergessen,« sagte Molotschajew und verzog boshaft die Lippen, »daß Sie sich mit niemandem zanken, niemanden stören, niemals ... Nur wollte ich Ihnen gerade erklären, daß Sie mich stören!« Er sprach mit Überwindung, und mit wachsender Wut.

»Wirklich?« fragte Lande betrübt. Der Ton seiner Stimme, still und ernst, erregte Molotschajew, indem er ein undeutliches Gefühl der Scham in ihm hervorrief.

»Treiben Sie gefälligst keine Narrenspossen!« schrie er grob und blieb stehen. »Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche!«

Lande blieb ebenfalls stehen. »Schreien Sie mich nicht an ...« sagte er, mit leidverzerrtem Gesicht. »Ich habe wirklich nicht gewollt ...«

»Und ich sage Ihnen,« rief Molotschajew durch die fast knirschend auf einander gepreßten Zähne, immer lauter und lauter, und schwenkte den Griff einer Reitpeitsche vor Landes Gesicht, »daß ... wenn Sie sich mir in den Weg stellen, ich Sie ... wie einen Waschlappen beiseite schmeiße!« Molotschajew erstickte vor Wut, wandte sich kurz um und ging mit raschen Schritten fort.

»Ich verstehe nichts ...« sagte still und traurig Lande.

XVI

Im Stadtgarten war italienische Nacht. In der dunkelgrünen Baummasse glühten regungslos, wie märchenhafte Feuerblumen die bunten Flecken der Laternen. Militärmusik spielte. Ihre blechernen Töne füllten die grüne Dämmerung mit dem wilden Tanz kreisender, klingender Gespenster. Sie hallten unter den Bäumen wieder und schwebten einsam an das ferne Ende des Gartens, klangen durch dunkle, leere Alleen, überholten einander bald in kreischender metallner Traurigkeit, bald in ungestüm-scharfer Freude. Es waren nur wenige Menschen in den langen Alleen. Die unbeweglichen feurigen Blumen beleuchteten nur einsamen Tönen, die unsichtbar an ihnen vorbei flogen, den Weg.

In der Hauptallee und auf dem Platz neben dem Orchester und dem Buffet war es heller, einfacher und ruhiger. Die Musik dröhnte hier so nahe, daß man ihr betäubendes Gebrüll nur als Lärm empfinden konnte. Die Feuer flossen in ein grelles, gelbes Licht zusammen. Die Menge drängte sich dicht, lachend, plaudernd, in buntem Durcheinander. Es roch nach Puder, Kerzendunst und Parfüms.

Marja Nikolajewna war zusammen mit Lande hingekommen. Diese zwei Wochen ließ sie ihn kaum von sich. In seiner Gegenwart fühlte sie sich klar und ruhig; sie glaubte, ihn einfach und zärtlich zu lieben. Lande sprach ebenmäßig, still und gut, nie war in ihm Begehren oder Leidenschaft zu merken. Auch sie sprach mit ihm nicht von Liebe, aber tief in ihrer Seele, irgendwo in ihrem prächtigen Körper, glimmte verlegen die süße Erwartung eines lichten, herrlichen Augenblicks. Wenn sie Lande ansah, spiegelte sich in ihren Augen diese kristallklare, freudige Empfindung wieder.

Sie war mit Molotschajew schon seit langem nicht mehr zusammengetroffen. Er hatte zuerst versucht, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen, indem er sie plump an jene glühende Nacht erinnerte. Als sie jedoch erschrocken von ihm zurückwich, begann er mit seiner Abreise zu drohen; er war auch wirklich auf kurze Zeit fortgefahren. Sie atmete freier auf. Doch sobald sie erfuhr, daß er zurückgekehrt war, erwachte in ihr etwas wie bange Freude und Erwartung. Sie sah unruhig um sich, als ob sie sich vergewissern wollte, daß ihr niemand dieses Gefühl anmerke. Es rief viele qualvolle und sonderbare Regungen in ihr hervor.

... Was ist denn das? Bin ich denn wirklich so verdorben? schwirrte es quälend durch ihren Kopf ... Ich liebe doch Lande ... den lieben, den reinen. Nicht den andern ... das Tier!

Sie suchte sich Molotschajew vorzustellen; er war wie ein schönes, ungebändigtes Tier. Trotz ihres Widerwillens dachte sie doch mit interessierter Neugierde an ihn; ihre Nasenflügel spannten sich, ihre Brust hob und senkte sich und ihre Augen lagen weit geöffnet in den Höhlen. An dem Abend, an dem Molotschajew ein eigentümlich verworrenes Gespräch mit ihr gehabt, das in seinen simpeln Teilen Fieberphantasien glich, flogen wie abgerissene Fetzen dazwischen Andeutungen, scharf ausgeprägt, heuchlerisch lockend, während die Augen die Wahrheit sprachen.

Nachher, allein, hatte Marja Nikolajewna die undeutliche Vorstellung, daß in ihrem Körper ein Kampf tobte: etwas Reines und Helles ertrank ohnmächtig in heißen, wahnsinnig stürmischen Wogen hellroten Blutes. Nachts, als sie sich ankleidete, ergriff sie der brennende Wunsch, sich vollständig nackend zu entkleiden; lange, mit derselben ruhelosen Neugierde betrachtete sie ihren schlanken, nackten Körper, der in greller Windung aus der finsteren Tiefe des großen Spiegels zurückgeworfen wurde. Am Morgen darauf fühlte sie sich entsetzlich beschämt. In ihrer ohnmächtigen, einsamen Angst suchte sie Lande auf, rief ihn an, blickte in seine reinen, ruhigen Augen und erlangte bei seinem freudigen, zusammenhanglosen Reden die Ruhe zurück.

Sie wußte, daß Molotschajew zu dem Gartenfest kommen würde. Sie fühlte es an der unruhigen Kühle, die in ihrer Brust aufstieg, und von der ein leichtes Zittern durch ihre vollen Schenkel lief. -- Er wird kommen ... Ich muß gehen! muß gehen! ... dachte sie halb unbewußt; ging aber nicht fort, wartete, und betrog sich selbst. Was geht er mich denn überhaupt an ... Ich habe nur Angst vor ihm ... vor seiner Brutalität! -- rechtfertigte sie sich und fühlte, daß sie log.

Die Musik verstummte. Hinter den schweigsamen, regungslosen Bäumchen trat die Stille hervor; man hörte, wie erregt und abgerissen die Schritte der Spaziergänger über den Sand der Allee scharrten.

»Wissen Sie,« sagte Lande, »daß Ssonja eine Pilgerreise zu Fuß unternehmen wird?«

Für eine Sekunde riß sich Marja Nikolajewna von ihren Gedanken los und sah ihn verwundert an: »Nicht möglich! Wohin?«

»Über hundert Werst weit ... Sie hat sich eine Reisegefährtin gesucht, eine einfache, alte Frau, und will gehen. Sie hat mich um Rat gefragt.«

»Und Sie haben ihr zugeredet?«

»Nein. Sie fragte mich so, daß ich sah, sie hat es nicht nötig. Ich habe nichts gesagt,« erwiderte Lande ernst.

»Sie ist in Sie verliebt!« meinte Marja Nikolajewna, mit einem häßlichen Gefühl, das sie aber selbst nicht merkte.

»Nein!« erwiderte Lande entschlossen und ruhig. »Ihr scheint es vielleicht wirklich, daß sie in mich verliebt sei ... Ich habe es bemerkt. Aber das ist nicht richtig; -- sie ist nicht in mich verliebt, sondern in ... ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll ...« Lande lächelte schwach und schwenkte die Hand. »In das Große ist sie verliebt ... Sie ist ein wunderbares Mädchen, diese Ssonja! Sie hat ein großes Herz und wenig Liebe. Es gibt solche Menschen; sie sind unglücklich: sie möchten in ihr Herz etwas Riesiges einschließen, die ganze Welt, Heldentaten, Märtyrertum, und ihnen fehlt die Liebe, das Kleine zu fassen, das neben ihnen ist ...«

Marja Nikolajewna hörte Lande zu, blickte aber unverwandt, gespannt, auf den Lichtkreis am Eingangstor des Gartens. Dort sah sie plötzlich Molotschajew auftauchen, sah, wie er, da er sie offenbar nicht bemerkte, in eine andere Allee einbog, regte sich aber nicht.

»Molotschajew, hier sind sie!« ertönte an der Seite die scharfe Stimme Schischmarjows, und die beiden kamen auf sie zu.

Molotschajew drückte schweigend die schmale, weiche Hand des Mädchens.

Schischmarjow fing sogleich an, energisch auf Lande einzureden. Marja Nikolajewna hörte sie nicht ... Sie atmete hastig, wobei sie ihre Brust hoch und nervös anhob, und schaute entschlossen vor sich hin; mechanisch klappte die Spitze ihres Schirms auf den Boden.

... Was geht in mir vor? fragte sie sich und biß sich mit launischem Ärger auf die Unterlippe.

»Mir kommt es vor,« hörte sie plötzlich Landes Stimme, »daß sich die Menschen auf der Jagd nach dem Glück vor einer Tür zusammendrängen, wie die Eingeschlossenen bei einem Brand. Jeder glaubt, sich retten zu können, indem er sich so schnell als möglich, früher als alle anderen, zum Ausgang durchschlägt, aber in dem entsetzlichen Gedränge gehen alle unter.«

»Der Kampf ums Dasein!« meinte Schischmarjow.

»Es darf keinen Kampf geben!« erwiderte Lande fest. »Es ist unmöglich, herauszukommen, wenn man einen Haufen Leichen vor sich hochstapelt ... Man muß sich besinnen, stehen bleiben, sich nicht gegenseitig stören, einander aus dem Wege gehen ...«

»Wie jene zwei Franzosen, die sich gegenseitig höflich den Weg freiließen und beide im Schmutz wateten!« warf Molotschajew mit einer Ironie dazwischen, aus der nicht Spott über Landes Worte, sondern über seine Person herausklang, und lachte kurz auf.

Die Musik begann leise und schwebend zu spielen, als ob sie nach dem vorhergegangenen Wirbelsturm der Töne ermüdet wäre.

»Das ist alles Sentimentalität!« fuhr Molotschajew brutal fort und hob die Stimme an. »Wo Leben ist, soll es gelebt werden ... Nicht ich habe Schuld, wenn jemand schwächer ist als ich ...«

Er schwieg eine Weile und fügte hinzu:

»Ich werfe ihn in den Dreck, trete ihm auf den Kopf und steige hinüber ...«

Lande schüttelte traurig den Kopf.

»Genug in Tränen geschwommen ... Das ist ja kein Leben mehr, ein schläfriger Sumpf!« sagte Molotschajew.

»Und wenn man Ihnen auf den Kopf steigt?« fragte kühl, ohne aufzublicken, Marja Nikolajewna.

Molotschajew wandte sich rasch zu ihr um.

»Meinetwegen ... Das wollen wir erst mal sehen!« und nach kurzem Schweigen fügte er hinzu: »Marja Nikolajewna, ich habe mit Ihnen zu sprechen ...«

Er lächelte unsicher; seine Stimme klang falsch.

»Ich möchte Ihnen etwas erzählen ... über ihn!« er zeigte mit dem Kopf auf Lande.

Lande hob verwundert die Augen.

»Reden Sie hier!« Das Mädchen zuckte die Schultern.

Molotschajew lachte wieder falsch.

»In seiner Gegenwart geht es nicht ... Aber Sie scheinen vor mir Angst zu haben?« fügte er leise hinzu, während er ihr herausfordernd in die Augen blickte.

Marja Nikolajewna lächelte hochmütig.

»Gehen wir!« sie erhob sich. »Lande, kommen Sie gleich nach!«

»Gut!« antwortete Lande ruhig und wandte sich wieder zu Schischmarjow hin.

Im Augenblick fühlte sich Marja Nikolajewna schmerzlich vereinsamt; sie wurde unruhig. Sie hörte noch, als sie nach einer langen Allee hinübergingen, die sich endlos in Leere und Finsternis aufzulösen schien, wie Lande sprach:

»Der Mensch kann nicht glücklich sein, wenn er andere zwingt, seine Rechte zu respektieren, sondern nur, wenn er sie zu lieben lehrt. Aber es ist noch weit, bis es dazu kommen wird.«

Sie waren ziemlich tief in das Innere des Gartens gekommen. Die Töne der Musik drangen nur dumpf hierher und klangen ihnen wie ausgehöhlt in die Ohren. Die Laternen leuchteten tot und trübe, mit gewöhnlichem Lampenlicht. Die Bäume standen nicht mehr dicht, und zwischen ihnen lugte der Sternenhimmel und die Kälte durch.

»Was wollten Sie mir sagen?« fragte Marja Nikolajewna.

Molotschajew atmete schwer.

Sein Entschluß kam ihm jetzt unter ihrem absichtlich kühlen Blick, ihrer geraden Gestalt gegenüber, die von einem strengen Kleid umschlossen wurde, plötzlich sinnlos und schmutzig vor.

»Ich ...« er zwang sich das Wort gewaltsam ab, wußte aber nicht, wie er fortfahren sollte. Seine Kiefer schlossen sich unwillkürlich wie aus Eisen, als ob gerade jetzt das harte Schweigen notwendig wäre.

Marja Nikolajewna fühlte, wie sich ihr eine ungeheure, furchtbare Gefahr näherte. Und es war sonderbar, daß ihre Furcht gerade in diesem Gefühl verloren ging; ihr wurde freier zumute, es war packend interessant, als befände sie sich über einem Abgrund, sie wünschte, noch tiefer hinabzublicken, eine unklare Regung brannte ihr wie mit einer Stichflamme durch das Hirn und überflutete die Wangen mit greller Röte.

... Ach, wie interessant doch das Leben ist!

Wie einer außer ihm liegenden Kraft gehorchend, beugte sich Molotschajew herab, lachte heiser und streckte die Hände aus. Marja Nikolajewna wich mechanisch einen Schritt zurück, rasch, uneben, sodaß ihr großer, schwarzer Hut auf die Augen herunterglitt. Sie hatte die Empfindung, daß ihr Herz plötzlich abriß und hinabfiel.

»Marja Nikolajewna, wo sind Sie?« rief fröhlich Lande.

Molotschajew zitterte, ließ die Arme sinken und sah sich verwirrt um.

Marja Nikolajewna blickte ihn spöttisch an, und mit einer Handbewegung, als wolle sie sich von einem Abgrund zurückschwingen, hob sie die Hände zum Hut.

XVII

Es war gegen neun Uhr abends. In dem durchsichtigen, lichten Schein, den die lichte Abendröte, der blasse Mond und die breite, glatte Fläche des Flusses warfen, konnte die Nacht nicht aufkommen.

Lande kam später als die anderen zum Abhang hinaus, ungewöhnlich traurig und schweigsam.

Schischmarjow trat ihm aufgeregt entgegen.

»Komm her! Ich habe einen Brief von Ssemjonow bekommen ... Das ist bei Gott albern! Um welchen Teufels willen treibst du solchen Unfug? Ssemjonow schreibt, du hättest ihm zehn Rubel geschickt.«

Lande richtete seine weiten, traurigen Augen hoch.

»Laß es, Ljonja,« sagte er einfach und wandte sich dem Flusse zu. Auf sein mageres Gesicht fielen kalte, blasse Lichtreflexe.

»Wie kann ich das lassen!« brauste Schischmarjow auf.

Lande lächelte gequält, ohne sich umzuwenden. Schischmarjow sah ihn an, bewegte die Lippen und wandte sich mit einem Gefühl von kühlem Ärger ab.

... Meinetwegen, kannst du zum Teufel gehen! dachte er.

»Was haben Sie? Warum sind Sie so traurig?« fragte Marja Nikolajewna weich und liebevoll, während sie den Ärmel von seiner grauen Litewka leise mit den Fingern berührte.

Lande wandte sich rasch um, und seine Augen leuchteten in weichem und zärtlichem Lächeln auf.

»Meine Mutter quält mich!« sagte er leidend.

Seltsam schimmerte dieses Leiden durch das helle, stille Lächeln.

Molotschajew ließ den Blick mit kühlem Haß über Marja Nikolajewnas Hand, die auf Landes Ärmel lag, gleiten, wandte sich ab und rauchte sich eine Zigarette an.

»Womit?« fragte still das Mädchen.

»Sie verlangt ununterbrochen von mir ein Leben, zu dem ich nicht fähig bin ... Sie drängt in mich, daß ich Geld nehme und nach dem Ausland fahre; und ich will es nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Die Menschen sind überall gleich ...«

»Das Leben ist anders!« versetzte Schischmarjow.

»Nein, auch das Leben ist gleich, weil die Menschen gleich sind. Ich glaube nicht, daß das Leben von der Anzahl der Eisenbahnen, Universitäten und ähnlichem mehr abhängen könnte. Das Leben ist _im_ Menschen, man muß es nur auszunützen verstehen. Und übrigens ... wenn dort auch das Leben anders sein sollte, weshalb müßte ich denn hinfahren? Ich würde es sicher nicht leben können ...«

»Es wenigstens ansehen!« rief Schischmarjow mit innerer Lebhaftigkeit und durchbrechender leidenschaftlicher Schwärmerei.

»Nein, das wäre schlecht von mir ...« erwiderte Lande, lächelte sein sanftmütiges Lächeln und fügte hinzu: »Nein, aber ich möchte einfach irgendwohin gehen.«

»Wohin? ... Das heißt, in welchem Sinne ... von den Menschen weg, oder nur irgendwohin, von hier weg?« fragte Schischmarjow mit mißtrauischem Zweifel.

Lande schwieg nachdenklich eine Weile, die Augen zum Himmel gerichtet und still die Augenbrauen hochgezogen. »Von hier fort, irgendwohin, wie auch von den Menschen ... Nicht für immer: nur eine Zeitlang ... Mir kommt öfters der Gedanke, daß es eigentlich jeder Mensch nötig hätte, sich hin und wieder von allem zu entfernen, in eine Wüste meinetwegen, zu gehen ... Ich habe mir immer gedacht, was für ein riesiges Ding doch das Leben ist und wie leichthin und einfach wir herantreten ... Deshalb glückt es wahrscheinlich den Menschen so selten. Es wäre im Grunde nötig, daß sich jeder Mensch in einer gewissen Periode seiner Entwicklung zurückzieht und sich für eine Zeitlang allein auf sich konzentriert.«

»Da hätten Sie sich nur zuerst zurückziehen sollen!« fiel ihm Molotschajew grob ins Wort; sein ganzes Gesicht verzerrte sich plötzlich vor Wut. »Es wäre wahrhaftig das Vernünftigste gewesen.«

Lande blickte ihn lange eindringlich an. Dann seufzte er, zuckte die schmalen Achseln und sagte: »Ich weiß, daß ich Sie störe. Mir tut es leid.«

Marja Nikolajewna sah rasch mit einem halben Blick zu ihm hin. Ihre Hand, die an einem zerzausten Strauß halbverwelkter, blasser Blumen zerrte, hielt inne, geriet aber gleich wieder in nervöse, hastige Bewegung.

»Mir tut es auch sehr leid!« versetzte Molotschajew in seinem gewöhnlichen, schroffen Ton.

Gerade in diesem Augenblick bog ein langer Mensch plötzlich vom Wege ab, ging über das Gras und schwang, nachdem er mit zwei sonderbar schleichenden Schritten hinter Molotschajews Rücken gekommen war, blitzschnell einen langen Knüppel in die Höhe und schlug ihn dem Künstler scharf über den Schädel.

Entsetzen, scharf wie eine Messerschneide, zuckte allen durchs Hirn. Marja Nikolajewna schrie gellend auf, sprang, sich in ihren Rock verwickelnd, zum Abhang und hielt sich kaum am Rand zurück, ganz herübergebogen und das Gesicht in den Händen vergraben. Schischmarjow ließ die Mütze fallen und stand hilflos da. Lande sprang in die Höhe, ergriff Ssonja bei der Hand; das Mädchen richtete sich auf, und öffnete weit die Augen, aus denen wilde Neugierde und ein gewisses gieriges Gefühl strahlte. Molotschajew verlor nicht einen Moment die Ruhe. Sein schönes Gesicht zog sich in Schmerz und Schreck und schüttelnder Wut zusammen. Rasch und gewandt fing er mit der linken Hand den Stock auf, riß so scharf nach unten, daß Tkatschow beinahe vornüber gefallen wäre und hieb dann mit ihm, die Zähne verbissen, quer auf Tkatschows Gesicht, auf den Kopf und Hände ein.

Der vor Schmerz und ohnmächtigem Haß fast wahnsinnige Tkatschow taumelte, ließ den Hut fallen und suchte vergebens, sich mit den Armen zu decken. Man sah, daß von ihm Blut spritzte.

Der vierte dieser scharfen, furchtbaren Hiebe traf schon auf Landes Arm. Die Arme wie im Anfall einer sonderbaren Krankheit gegen Molotschajew ausgestreckt, ganz blaß, rief er fest und befehlend: »Nicht mehr ... weg mit dem Stock!«

Er deckte Tkatschow mit seinem Körper.

Eine Sekunde lang sah ihm Molotschajew mit toller Wut in die Augen. »Was ist da noch gefällig! -- Endlich!« sagte er heiser, den Stock krampfhaft gesenkt und in der Faust gepreßt, -- plötzlich schwang er ihn kurz und hieb, eklig klatschend, Lande über die Backe.

Lande taumelte und wurde entsetzlich blaß. In seine Augen traten helle, dicke Tränentropfen, und sie öffneten sich so weit, daß sich hinter ihrem feuchten, leidenden Glanz sein ganzes Gesicht auflöste.

»Nun, mag es denn sein ... ja ...« er ließ die Worte von den Rändern der feuchten, zitternden Lippen gleiten und schaute Molotschajew unverwandt gerade in die Augen, regte sich aber nicht und wandte sich nicht ab. Mit blinder, sinnloser Brutalität holte Molotschajew, nachdem er den Stock beiseite geworfen, aus, und schlug mit der linken Hand zu, machte dann einen Schritt vorwärts und schlug zum dritten Mal. Die letzte Ohrfeige klatschte noch stärker, deutlich und flach. Lande taumelte zurück, stolperte über die Bank und stürzte schwer, häßlich, von der Seite auf sie, mit den Beinen in die Höhe schlagend.

Molotschajew drehte sich jäh um, schleuderte Tkatschow mit furchtbarer Kraft beiseite und ging mit raschen, festen Schritten, ohne jemanden anzublicken, fort.

Was dann geschah, war wie ein schwerer Fiebertraum: alle schrieen auf einmal auf und stürzten im Haufen auf Lande zu. Tkatschow, mit dem Ausdruck des Entsetzens und Flehens auf dem schwarzen, düsteren Gesicht, setzte ihn mit bebenden Armen aufrecht hin. Marja Nikolajewna küßte seine blassen, zitternden Finger. Schischmarjow versuchte ihm die Mütze aufzusetzen und brüllte ganz zusammenhanglos irgend etwas vor sich hin. Ssonja umschlang ihn mit dünnen, durchsichtigen Armen. Sie taumelten am Rand des Abhanges, kopflos wie ein Schwarm unterm Schuß aufgeschreckter Vögel hin und her.

»Herrgott! was war das nur?« fragte Marja Nikolajewna alle mit grenzenlosem Entsetzen und kroch an Landes Füße heran, mit dem unbewußten aber grellen Gefühl der Schuld, mit unendlicher Begeisterung und Mitleid, Liebe und Empörung. Ihr schönes Gesicht war verzerrt, die Haare auseinander gefallen, der Hut auf den Rücken gerutscht, der graue Rock wand sich hilflos im Staub.

»Iwan Ferapontowitsch ... verzeihen Sie ... Verzeihen Sie mir!« stammelte Tkatschow.

Lande wandte ihnen sein im Augenblick angeschwollenes Gesicht zu, mühte sich, zu lächeln, faßte sie bei den Händen, streichelte sie unbewußt mit seinen zitternden und schwach gewordenen Fingern. Seine Augen waren dick geworden, aus Nase und Mund troff Blut, an der Schläfe war Erde und zertretenes, grünes Gras kleben geblieben.

»Das macht nichts ...« sagte er, indem er mit Mühe die aufgedunsenen Lippen bewegte. »Er wollte mich nicht treffen ... Es wird ihm später selbst leid tun ... Ich gehe zu ihm ... warten Sie ...«

Ssonja schlug heiß ihre dünnen Hände zusammen, trat einen Schritt zurück, und, ganz von glückseliger Begeisterung durchglüht, rief sie mit heller Stimme aus:

»Wanja, Sie sind ein Heiliger!«

Lande machte eine schwächliche Handbewegung.

»Ach, was für Dummheiten reden Sie, Ssonja!«

Tkatschow riß sich verzweifelt die Haare.