Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen

Part 17

Chapter 173,607 wordsPublic domain

Sie sahen sich um und erblickten etwas Riesiges, Schwarzes, dicht neben sich aus der Finsternis herauswachsen. Schwarzer Dunst quoll, wie eine ungeheure, niederwuchtende Säule empor und beschmutzte Himmel und Sterne. Ein rotes Feuer blickte sie scharf und gierig an.

Man hörte schon, wie das Wasser düster aufwirbelte. Ein scharfes, messinghartes Pfeifen durchbohrte die Luft, erfüllte den Himmel, das Wasser, im selben Augenblick bedeckte der riesige Schatten den Mond vor ihnen, füllte alles mit Finsternis an, peitschte eine schwere kalte Welle auf und hüllte sie in einen erstickenden Rauch ein, der sich mit den Spritzern und der Gischt aus der aufgerührten Tiefe vermischte. Das Boot ging in die Höhe, prallte gegen etwas an, stürzte einen furchtbaren nassen Abgrund hinab; für eine Minute schien es, daß sie untergehen. Aber im selben Augenblick floh der Schatten vorüber, der Mond sprang empor und blieb wieder, hell und unbeweglich, über dem Wasser stehen, das jetzt in wilder Freude quirlte und glitzerte.

»Wunderbar!« Molotschajew war ganz hingerissen.

»Wunderbar!« rief gleichzeitig Marja Nikolajewna mit klingender Stimme, und preßte die Hände an die Brust. Und glänzend vor Jugend und frischer Kraft fügte sie hinzu: »Das Herz riß mir geradezu ab. Ich meinte, wir ertrinken ... Der Tod!«

»Aber ich war gar nicht erschrocken!« warf unerwartet und ruhig Ssonja hin: »Ist es denn nicht gleich, wann wir sterben! ... Ich hatte keine Angst!«

Molotschajew riß mit komischer Verwunderung die Augen auf. »O Gott! ... Ein kleiner Lande! Es wäre doch schon an einem genug!«

Marja Nikolajewna blickte ihn an, er schien ihr kräftig und schön; sie seufzte tief auf und lachte dann im Einklang mit ihm.

»Sie können Lande nicht verstehen!« erwiderte Ssonja feindselig.

Molotschajew hob verachtungsvoll den Kopf. »Mag sein ... Warum auch! Dafür verstehe ich das Leben, die Liebe, die Schönheit ... mit meinem ganzen Wesen! ... Das Leben, die Kraft, die Jugend, die Schönheit -- sie mögen leben! Marja Nikolajewna, nicht wahr?«

Marja Nikolajewna seufzte angestrengt und reckte sich still und stark mit der glücklichen Sehnsucht der verlangenden und wartenden Jugend.

»Ja, richtig ...« antwortete sie leise.

»Ach!« rief Molotschajew wild, leidenschaftlich und sinnlos glücklich, und sein rufender, rätselhafter Schrei flog unendlich weit über das Wasser. Langsam und gleichmäßig stiegen und senkten sich die Wellen um das Boot, und die Lichtsäule des Mondes glitzerte und wiegte sich, mit ihnen.

XII

Im Garten war es finster, es roch stark nach warmer Feuchtigkeit. Die Bäume und Büsche waren nicht mehr im einzelnen zu erkennen, sie waren alle in eine tief dunkle Masse zusammengeschweißt, in der nur geheimnisvoll, unbeweglich Johanniswürmchen, wie winzige, weiße Fünkchen in dem dunklen Strom der Nacht, aufleuchteten.

Molotschajew und Marja Nikolajewna gingen durch die Finsternis; sie mußten sich auf dem unsichtbaren, festen Weg mit den Füßen vorwärtstasten.

»Setzen wir uns,« sagte Marja Nikolajewna; ihre Stimme hob sich scharf von der gespannten Stille des Gartens ab.

Sie fanden, ebenso tastend, die Bank und setzten sich nebeneinander.

Nach wie vor glänzten hier und dort weiße Funken in der Tiefe der Finsternis auf. Molotschajew beugte sich nieder und griff in dem nassen, warmen Gras nach einem Leuchtwürmchen. Bläulich phosphoreszierendes Licht, das einem saphirgrünen Punkt entströmte, erhellte seine breite, kräftige Hand. Marja Nikolajewna neigte sich, und ihre Köpfe fielen in dem schwachen Lichtschein fest zusammen.

»Es ist nicht erloschen ...« sagte Marja Nikolajewna leise, als ob sie fürchtete, das regungslose, still leuchtende Würmchen zu erschrecken.

Der stille Hauch ihrer Worte berührte weich und zart Molotschajews Wange. Er hob die Augen und sah im durchsichtigen Schein ihr feines, zartes Profil und den oberen Teil der vorgestreckten Brust.

Irgendwo neben ihnen fiel etwas weich ins Gras und man hörte, wie ein Zweig sacht ins Wiegen kam. Sie seufzten beide und sahen sich um. Molotschajew schüttelte das Leuchtwürmchen vorsichtig von der Hand ab; es wurde wieder finster und roch noch intensiver nach warmem, feuchtem Gras.

In Molotschajews Brust drängte bebend ein lockendes Gefühl; er meinte, die gespannten, rufenden Schläge ihres Herzens zu vernehmen. Vor seinen Augen, in trübem Grau, flimmerte eine schlanke, etwas geneigte, weibliche Gestalt; sie war in der Finsternis wie weit von ihm entfernt; nur der feine, erregende Duft ihres Körpers und ihres trockenen Haares strich dicht an seinem Gesicht vorbei. Die Dunkelheit wurde immer angespannter, die Finsternis verdichtete sich mehr und mehr, alles trat zurück, umgab sie mit toter Leere, in der es nur sie allein, nur eine Sehnsucht ihres kräftigen, überreizten Körpers gab. Immer enger zog sich zwischen ihnen die Entfernung zusammen; und allmählich traten sie, von einem eigenen, sinnbetäubenden Licht, still wie die Nacht, wie ihr Verlangen erhitzt und bebend wie ein Geheimnis, übergossen, aus dem Dunkel hervor. Molotschajew streckte leise die Hand aus, glitt auf den erzitternden, weichen Körper zu und umarmte ihn.

Langsam legte sie den Kopf in den Nacken, so daß ihre unsichtbaren, weichen Haare auf Schulter und Arm Molotschajews fielen; eine unüberwindliche Macht hatte sie in eins verschmolzen; es war nichts zwischen ihnen, als einzig das schmerzlich süße kreisende Verlangen.

Doch plötzlich zersprang die Finsternis in tausenden Feuern, erklang in dröhnenden Lauten, verschwand zwischen den vortretenden Bäumen, Büschen und den spöttischen nächtlichen Fünkchen: Marja Nikolajewna war Molotschajews Händen, biegsam wie eine gleißende Schlange entschlüpft, und lachte silberhell und spöttisch, während sie zur Seite sprang. Die wirbelnden und klingenden Töne ihres Lachens überstürzten sich; sie waren weit in den Garten, ihn mit einem Schlag aufweckend, eingedrungen.

Molotschajew erhob sich verwirrt, kopflos und reckte schwerfällig seinen großen, schweren Körper, der noch immer in jeder Fiber bebte.

»Marja Nikolajewna ...« seine Stimme klang dumpf, zitternd. »Was sollen die Scherze?«

»Was?« Marja Nikolajewna fragte mit geheuchelter Neugierde; ihm schien ihr Ton boshaft und höhnend.

»Was für Scherze? Was ist denn los?«

Wieder wirbelte ihr silberhelles Lachen in der Finsternis und klang zurück; heiße Furcht und gierige Wünsche tönten heraus. Von unten drückte sich in Molotschajews Kopf eine schwere, rachsüchtige Reizung durch. Die Haare klebten an seiner weißen Stirn, Nebel schwamm vor seinen Augen, im Kopf schwindelte es dumpf und still.

»Ah!« schrie er heiser, beugte trotzig den Kopf, wie ein Stier, nach vorn, und schob sich langsam auf sie zu. Er vergaß an alles, entfernte sich von allem, sah nur noch, wie sie ihn biegsam und neckisch anlockte. Mit seinem ganzen Wesen empfand er, daß sie ihn ebenso heiß begehrte, daß sie nur fürchtete, ihn neckte und ihm trotzte. Das instinktive Verlangen vermischte sich plötzlich mit wollüstigem Haß, mit dem Durst nach brutaler Vergewaltigung und schamlosen Schmerzen.

»Na--na--na! ...« schrie das Mädchen erschrocken auf und schlug ihn mit irgend einem nassen stechenden Zweig, der ihm das Gesicht mit kalten Tropfen bespritzte, über die Hand.

»Gehen wir lieber nach Hause ... Sie sind heute zu -- -- gefährlich!« sagte sie, noch zitternd und doch schon ihren Sieg auskostend. Mit dem brennenden Genuß, mit dem der Mensch in einen tiefen Abgrund schaut, nahm ihn das Mädchen höhnend unter den Arm.

Und sie gingen. Sie blickte ihm von unten ins Gesicht; spottete über seine Ohnmacht, sprühte Tau und Funken ihres nervösen, erregenden Lachens auf ihn nieder und er, der Ungeschickte, Brünstige, Wilde, er ging demütig, feige neben ihr und bezwang das wütende Verlangen, sie zusammenzuknicken, aufs Gras zu drücken, zu unterwerfen, durch seine Kraft und Leidenschaft zu vernichten.

XIII

Die Nacht war heiß, drückend, voll sonderbarer, unruhiger Träume, voll erhitzten, unbefriedigten Blutes. Erst beim Tagesgrauen fiel Marja Nikolajewna in einen ruhigen, weichen Schlaf, erwachte aber früh, am sonnigen Morgen. Ein ganzer Strom lichter, frischer Luft drang zum Fenster herein und erfüllte das Zimmer mit dem unendlich leichten, blendenden Licht des freudigen Morgens.

Die Kissen waren zerknüllt, das Laken hing zum Boden herunter, das Hemd war von den Schultern geglitten, zeigte die zarten, weichen Füße, wand sich eng an den runden und feinen Körper, der es wie weiße Wellen trug. Die schwarzen Haare waren auseinander gefallen, die Arme hatte sie in einer wonnigen, geschmeidigen Bewegung hinter den Kopf verschränkt, ihre Augen blickten freudig, fragend; eine gewisse undeutliche und doch bestimmte Erwartung lebte in ihrer dunklen Tiefe.

Sie schämte sich dessen und fand es doch gleichzeitig eigenartig und äußerst interessant, was sich gestern im Garten abgespielt hatte. Die rosigen Zehen an ihren kleinen vollen Füßchen spreizten sich leise; darin, daß es die einzige, kaum merkliche Bewegung des von der Erinnerung gespannten, geschmeidigen Körpers war, lag ein trotziger, selbständiger Zug.

Sie senkte langsam den Blick, ließ ihn über den ganzen Körper gleiten; ihr Herz schlug plötzlich angenehm und bange; sie schauerte zusammen, wußte selbst nicht warum, sprang auf, streckte sich geschmeidig und leidenschaftlich und blieb mit einem einzigen Ruck halbnackt und rosig hochaufgerichtet stehen.

Ssonja, die bei ihr schlief, schlug die Augen auf. Sie lag klein und schmächtig unter der grauen Decke, und sah, ohne sich zu regen, forschend und ernst Marja Nikolajewna an, als ob sie wüßte, was in ihr vorging, aber es erst durchdenken müßte.

Marja Nikolajewna sah ihre weitgeöffneten, strengen Augen, fuhr erschrocken, schmerzhaft zusammen und stürzte sich auch jetzt, ohne zu wissen, warum, auf Ssonja, umschloß den mageren Körper mit ihren vollen, nackten Armen und drückte ihn an ihre elastische Brust.

»Ach, Ssonjka, Ssonjka,« sagte sie freudig und schamhaft, »wie schön ist es zu leben!«

Ssonja hob den blassen, zerzausten Kopf, überlegte ein Weilchen und sagte dann:

»Ich weiß es nicht ...«

Marja Nikolajewna warf ihr einen einsichtigen, in sich vertieften Blick zu und lachte dann mitleidig und überlegen:

»Bist noch ein dummes Ding, Ssonjka! ... Du verstehst noch nichts.«

Ssonja setzte sich auf, die dünnen nackten Arme fielen am Körper herab.

»Ich verstehe alles!« erwiderte sie mit unumstößlicher Überzeugung, »nur kann ich es manchmal nicht aussprechen! ... Nur das Große ist im Leben wichtig! ...«

Marja Nikolajewna fing an, hin und her zu schaukeln, sah dabei aber nicht sie an, sondern ihre feine, bläuliche Haut, die sich an den Gelenken der durchgedrückten, rosigen Arme in Falten legte und sich bewegte.

»Ssonja, warum bist du nur so lächerlich und ernst?«

»Ein ernster Mensch kann nicht lächerlich sein. ... Beides zusammen gibt es nicht,« erwiderte Ssonja mit nachsichtiger Überlegenheit, als spreche sie mit einem mutwilligen Kind.

»Doch, es kann! Du Lächerliche, Ernste ... du Liebe!« Marja Nikolajewnas Stimme klang singend, ganz durchstrahlt von leidenschaftlicher Freude. »Du wirst wahrscheinlich niemals anders werden ... Und wirst auch nie leben!«

»Ich weiß, wie ich leben werde ...« erwiderte Ssonja nachdenklich.

»Wie?«

»Ich weiß schon ... Nicht wie alle ... wie es sich wirklich zu leben verlohnt, um ... zu etwas Höherem ... Ich werde wie Wanja leben,« schloß sie triumphierend. Plötzlich errötete sie furchtbar und wurde zu einem wunderbar zärtlichen, lieben Mädchen, das man unter Tränen und Lachen abküssen möchte.

Marja Nikolajewna küßte sie auch, lachte und schüttelte sie, und beide wälzten sich halbnackt im Bett und verwickelten sich in dem Laken; die eine geschmeidig, kräftig und elastisch, die andere dünn und zerbrechlich. Zwei Mädchen, die das Weib in sich fühlen.

XIV

An diesem Tag reiste Ssemjonow mit dem Nachmittagszug nach Jalta. Dort konnte er, wie die Ärzte sagten, denen er nicht glaubte und doch glauben wollte, gerettet werden. Alle hatten sich versammelt, um ihn zur Bahn zu begleiten.

Ssemjonow fühlte sich sehr schlecht. Ihn freute nichts mehr. Ein nagender, unverständlicher Schmerz hüllte ihn wie ein schwerer Nebel, der ihn alles um sich nur undeutlich und trübe sehen ließ, ein. Gleichgültig und kühl reiste er fort, als ob sein Körper schon abgestorben sei, sein Geist aber nach innen gerichtet wäre, in die bodenlose Tiefe seiner einsamen Schmerzen. Er war weder erfreut, noch verdrossen, daß alle zum Abschied zu ihm gekommen waren. Ihm war es gleich. Nur Lande machte ihm Sorgen, und diese unbegreifliche, bekümmerte Aufmerksamkeit, die er für ihn hatte, berührte die anderen eigentümlich, wie ein Lächeln auf dem Gesicht einer starren, kalten Leiche.

»Nun, Lande, bleibe und lebe hier!« sagte er mit trockenem Hüsteln. »Und wie wirst du essen?«

»Irgendwie ...« beruhigte ihn Lande lächelnd und fügte scherzhaft hinzu: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie sähen nicht ...«

»Bist ein Dummkopf!« versetzte Ssemjonow zornig. »Du bist doch kein Vogel ... Wenn man dich nicht füttert, wirst du vor Hunger krepieren. Eigentlich sehr komisch! ... Wäre ich der liebe Gott, ich hätte dich längst schon lebendig zu mir aufgenommen ... und in ein Irrenhaus gesteckt.«

Lande lachte ansteckend lustig und gutmütig.

»Liebster Wassja, du bist der beste von allen Menschen, die ich je gesehen habe ...«

»Und du der Dümmste ...« Ssemjonow machte eine verdrossene, ungeduldige Handbewegung.

Er schwieg eine Weile.

»Schischmarjow versprach, dir Stunden zu verschaffen.«

»Na, also schön!« Lande war erfreut.

Schischmarjow und Molotschajew kamen zusammen.

»Sie fahren?« fragte gleichgültig der Maler.

»Natürlich!« erwiderte Ssemjonow unfreundlich.

»Einen Schüler hätte ich für Lande gefunden,« sagte Schischmarjow.

»Nun denn ... hörst du?« Ssemjonow blickte auf Lande.

»Es ist schon bald Zeit, zur Bahn zu fahren.« meinte Schischmarjow besorgt, während er auf die Uhr sah.

Als Ssemjonow einen Augenblick hinausging, fragte Molotschajew teilnahmslos.

»Wohin reist er? Nach Jalta? Mit welchen Mitteln?«

»Als Hauslehrer,« antwortete Schischmarjow und zuckte die Achseln: »wie es Studentenbrauch ist!«

»Als Hauslehrer?« Molotschajew wunderte sich, und ein Schatten von Mitleid glitt für eine Sekunde über sein Gesicht. »Wie kann er als Hauslehrer gehn? Ihn wirft doch jeder Windstoß um!«

Lande stand auf, drückte hastig die Hand gegen seine Wange, wie in plötzlichem Schmerz, setzte sich aber sofort wieder.

»Ach was!« meinte Schischmarjow, und er machte eine Miene, als wenn er etwas Angenehmes sagte: »unsereiner, ein armer Teufel, kann nicht nach solchen Feinheiten fragen! Hat noch bisher keinen umgeworfen? Also wird es noch weiter gehen.«

Unter dem Fenster tauchte ein schwarzer, durchbrochener Schirm, dann ein zweiter hellroter auf.

»Marja Nikolajewna und Ssonja kommen!« sagte Lande.

Sie traten zusammen mit Ssemjonow herein. Ssonja war ernst, still, machte ihren Schirm zu und setzte sich ebenso Lande gegenüber in die Ecke. Marja Nikolajewna lachte erregt und verlegen, grüßte kaum und blieb mitten im Zimmer stehen, drehte den offenen Schirm auf dem Boden herum, lachte, strahlte mit den Augen und den bloßen Armen und schien Molotschajew überhaupt nicht zu sehen.

Als sie eintrat, fühlte Molotschajew, wie irgend eine Sehne in der Kniekehle nervös zu zittern anfing. Er stand auf und trat an das Fenster; nachlässig angelehnt warf er nur hin und wieder einen raschen, gierigen Blick auf sie.

Der Fuhrmann kam. Man hatte schon von weitem den Wagen rasseln und die Gäule schnauben hören.

»Na, gehen wir!« sagte Ssemjonow gleichgültig.

Lande wollte den Koffer nehmen, aber Molotschajew rief:

»Ach, was wollen Sie denn damit!« Er griff selbst zum Koffer und hob ihn auf, als ob es eine Feder wäre, und trug ihn mit dem Vergnügen, seine Kraft zeigen zu können. Marja Nikolajewna sah ihn nur flüchtig an und schaute gleich auf Ssemjonow. Der gebeugte, kranke Student saß schon in seinem verblichenen, grünlichen Mantel mit grüngewordenen Knöpfen in dem Wagen, die Mütze hatte er tief über die Ohren gestülpt.

»Na, lebet wohl!« rief er traurig, als das Pferd anzog.

»Auf Wiedersehen! auf Wiedersehen!« riefen ihm junge, lebhafte Stimmen zu.

»Ja, halt!« Der Fuhrmann hielt ein. »Also du, Lande ... Übrigens, was geht es mich an? Wie du willst! Lebe wohl!« er schnitt sich selbst das Wort ab und fuhr weiter.

Seine gebeugte, unscheinbare Gestalt hüpfte lange noch inmitten der Straße. Sie nahm sich ganz seltsam aus, war dunkel, es schien, daß in dem hellen, lichten Tag voll Glanz und Freude nur auf ihn allein die warme Sonne nicht scheinen wollte ... Ssonja weinte still.

»Ich begleite Sie, Marja Nikolajewna!« sagte Molotschajew; aus seiner Stimme hörte sie gebieterischen Willen.

Ein ganz eigenartiger Schreck bemächtigte sich ihrer.

»Ich bleibe hier bei Ssonja,« sagte sie, obgleich sie zuvor nicht daran gedacht hatte.

Molotschajew wurde tiefrot, und wieder stieg ein wollüstig-rachsüchtiges Gefühl in ihm langsam empor.

»Das ist schön!« rief Lande freudig. »Gerade mit Ihnen möchte ich jetzt sprechen!«

Molotschajew überflog ihn mit einem Blick; widerwärtige Eifersucht sog an seinem mächtigen, schönen Körper und warf ihn in ohnmächtigem Grimm zusammen.

»Wie Sie wollen ... Auf Wiedersehen! Gehen wir, Schischmarjow!«

In Ssemjonows Zimmer war es leer und kühl. Marja Nikolajewna hatte sich an das Fenster zum Garten gesetzt, Ssonja faßte ihre weichen Knie, und Lande stand neben ihr.

»Warum wollten Sie gerade mit mir sprechen?« fragte Marja Nikolajewna und lächelte.

Lande lächelte ebenfalls aber freudig.

»Weil Sie so jung und schön und gut sind, möchte ich gerade mit Ihnen sprechen ... Die Sonne scheint so warm, so gut ...«

Marja Nikolajewna lachte hell und glücklich.

»Als ob ich wirklich so wäre!«

»Ganz gewiß. Sie sind es! ...« wiederholte Lande mit naiver Überzeugung. »Und wie schön ist das.«

»Was?«

»Daß es wie Sie schöne, zarte, junge Frauen gibt! Ich glaube immer, daß Gott nur dazu den Menschen weibliche Jugend, Schönheit und Zartheit geschenkt hätte, damit sie nicht ganz an Freude und Liebe verzweifeln, solange ihre entsetzlich schwere, freudlose Arbeit am Leben dauert.«

Ssonja ließ kein Auge von ihm, unter den Lauten seiner Stimme wurden ihre blassen Wangen rosiger und lebendiger.

»Dann werden also, sobald diese Arbeit einmal beendet ist, gar keine Frauen mehr nötig sein?« fragte Marja Nikolajewna nachdenklich.

»Nein, weshalb?« erwiderte Lande freudig. »Sie werden bleiben ... ebenso herrlich, nur werden dann alle und alles ebenso herrlich, jung und zart sein. Dann wird einst alles hell und heiter werden, jetzt aber sind sie nur ein Strahl von dort, von dieser hellen Zukunft.«

Lande schwieg eine Weile und fügte hinzu:

»Mir tut es immer leid ... ich weiß nicht, vielleicht ist es ein häßliches Gefühl ... wenn sich ein junges, glückliches Mädchen einem gierigen, brutalen Mann hingebt ... Ich bin froh über ihr Glück; aber gleichzeitig tut sie mir leid. Als ob jemand ein klares Flämmchen, das für alle geleuchtet hatte, in seinen Besitz nimmt, fortschleppt, auslöscht ... Ich glaube, übrigens, daß ich nicht aus schlechtem Gefühl so empfinde ... es tut mir nur leid, weil viel zu wenig Menschen solche Flämmchen besitzen! ...«

»Aber es kann doch gar nicht anders sein!« erwiderte Marja Nikolajewna leise und senkte den Kopf. Ihr erschien, daß er von ihr sprach.

»Ja, ja,« gab Lande eilig zu, »gewiß nicht! ... Mir tut es nur leid, daß die Jugend und Schönheit nicht Allgemeingut sein kann. Übrigens, die Menschen glauben, daß das schlecht wäre ... Ich weiß nicht ... vielleicht ...«

Es war still und hell. Die reine, durchsichtige Luft versilberte jeden Laut und kleidete jeden Atemzug in Freude. Marja Nikolajewna wandte Lande ihre Augen zu, und eine seltsame Empfindung durchzuckte sie: für einen Augenblick überkam sie leidenschaftlich, wie nie zuvor, das Verlangen nach Leben; ihr schien, daß sie dazu imstande wäre und es tun wird: alle zu lieben, allen Lust, Genuß, Licht und Freude, ihre Jugend und Schönheit, ihren herrlichen, kraftvollen Körper hinzugeben. Das durchlief sie und verschwand; es blieb nur, wie eine tiefe Furche, nachdenkliche Zärtlichkeit und stille Zuneigung für diesen stillen, schwachen Menschen mit den herrlichen Augen zurück, der neben ihr stand. Lande sah sie klar und heiter an; da wünschte sie, undeutlich, zum ersten Mal, mit ihm eins zu werden. Ein leichter, schamhafter Gedanke huschte voran und beleuchtete klar die zukünftige Vereinigung ihres reichen Körpers mit jenem sonderbaren, träumerisch-zarten Wesen, das er in seiner Seele trug. Eine Vorahnung des unendlichen Glückes überflutete sie wie eine unaufhaltsame Woge von Rührung und Wonne.

Marja Nikolajewnas Schultern zogen sich geschmeidig zusammen. An ihren Knien machte Ssonja plötzlich eine kaum merkliche spröde Bewegung, als ob etwas leise gekracht hätte.

»Mir war noch nie im Leben so eigentümlich und wohlig zumute,« sprach Marja Nikolajewna unwillkürlich laut.

»Sie müssen sich doch immer gut fühlen!« sagte Lande mit feuchten Augen. »Es ist doch solch ein Glück, so viel Schönheit in sich zu fühlen, zu wissen, welche Freude man allen damit bereitet.«

»Nicht immer!« erwiderte Marja Nikolajewna kaum vernehmlich, während sie den Kopf zurückwarf und den Nacken gegen das kalte, harte Fensterkreuz stemmte.

»Vielleicht dann nicht,« sagte Lande, »wenn die Menschen zu ihrem eigenen Schaden weiblicher Jugend und Schönheit roh, unachtsam gegenübertreten ... Wenn sie sie erst begriffen hätten, dann würden sie ihre besten Kräfte, alle Möglichkeiten ihrer Seele aufbieten, damit das Leben veredelt wird. Wie leicht wäre es dann, zu arbeiten und zu warten!«

»Lande!« schrie vom Hof her Schischmarjow. »Wo bist du?«

Alle fuhren zusammen; es fiel ihnen schwer, zu sich zu kommen. Lande ging eilig heraus. Man hörte, wie ihm Schischmarjow eindringlich sagte:

»Wir sind zu dir gekommen. Die Mutter des Gymnasiasten, den ich für dich gefunden habe, bittet, ich möchte dich gleich zu ihr schleppen; sie will mit dir sprechen.«

»Ich komme gleich ...« antwortete Lande mechanisch, fast traurig.

Marja Nikolajewna seufzte tief, legte ihren Arm um Ssonjas dünnen Hals und zog sie an sich.

»Manja ...« rief Ssonja feierlich.

Marja Nikolajewna blickte ihr schweigend in die Augen. Sie waren dicht an den ihren. Dunkel, entschlossen, voll unnatürlicher Erhebung und Begeisterung.

»Ich wollte dir sagen ...« fuhr Ssonja ebenso feierlich fort. »Heirate Wanja!«

Eine zarte, gleich wieder geschwundene Röte hatte die Wangen des Mädchens bedeckt. Schweigend drückte sie Ssonja einen zarten Kuß auf die hohe, kühle Stirn, wo der glattgestrichene Scheitel ansetzte.

Lande trat herein.

»Ich muß gehen!« sagte er mit Bedauern.

»Ich gehe mit Ihnen mit,« Marja Nikolajewna blickte ihm eigenartig, lange und tief ins Gesicht. Sie erhob sich und ordnete die Frisur. In ihr war ein festes, ruhiges und volles Gefühl.

Sie trat hinter Lande auf die Stufen hinaus und sah plötzlich neben Schischmarjow das schöne, herbe und ein wenig blasse Gesicht Molotschajews, der sie unverwandt anstarrte. Sie wandte sich verdrossen ab.

... Wie konnte ich das gestern nur! ging es ihr ärgerlich durch den Kopf.

Als Ssonja allein geblieben war, schaute sie lange regungslos durch das Fenster; das Laub des Gartens verschwamm vor ihren Augen. Dann stand sie auf, seufzte krampfhaft, legte den leichten Ärmel des Kleides zurück und biß sich aus voller Kraft in den blassen, dünnen Arm. Auf der bleichen, feinen Haut traten zwei Reihen roter Flecken hervor. Ssonja sah lange trotzig zu, wie die weißen Fleckchen sich rasch mit Blut füllten und ein kleines purpurrotes Kränzchen bildeten.

XV

Spät abends, als die blaue Dämmerung schon hinter der Stadt verklungen war und der Staub sich gelegt hatte, war es still und wohl. Lande kam allein von seinem Schüler, trug den Kopf gesenkt und dachte nach: