Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Part 16
»Hier!« rief Firsow wieder mit dem gleichen Triumph und riß Lande am Arm zu den Heiligenbildern hin.
Lande unterschied, daß zwei auf Papier gedruckte Szenen aus der Heiligen Schrift kindlich mit widersinnigen Farben bemalt waren; den weiblichen Gesichtern waren Schnurr- und Kinnbärte aufgesetzt worden.
»Ah so!« sagte er gleichmütig.
Das Kind schluchzte still.
»Weine nicht ... Wir lassen ihn nicht mehr ...« Ssonja sprach ganz mechanisch; sie wandte keinen Blick von Lande.
»Aber es ist doch ein Kind, Firsow!« Lande nahm ihn an der Hand und versuchte, ihn zu beruhigen.
»Das weiß ich, daß es ein Kind ist!« Firsow warf den Kopf in den Nacken. »Wenn er kein Kind wäre, so hätte ich ihn vielleicht totgeschlagen! ...«
»Was reden Sie!« Lande machte eine abwehrende Handbewegung.
»Gewiß ... totgeschlagen, totgeschlagen hätte ich ihn!« schrie Firsow hartnäckig und klopfte mit den Fingerknochen auf den Tisch.
»Lassen Sie das, Firsow,« befahl Lande energisch und nahm ihn an der Hand; dann sah er sich nach Ssonja um. »Lassen Sie ... wegen einer solchen Bagatelle! ...«
Firsow richtete sich blitzschnell auf, als ob er gerade auf diese Worte gewartet hätte.
»Bagatelle?« wiederholte er, das Wort unnatürlich dehnend.
»Ja, wie kann man denn dem irgendwelche Bedeutung beimessen! Verstehen Sie denn nicht, daß Sie unendlich viel mehr sündigen als der arme Knabe?« sagte Lande überzeugend und traurig.
»Ha! ... Das halten Sie für eine Bagatelle? So ...« fing Firsow an, und plötzlich rief er in dem früheren, geheuchelt wütenden Ton, als ob er sich künstlich erhitzen müsse:
»Eine Bagatelle ist das?« Er kreischte schrill und stampfte mit den Füßen. »Hinaus, hinaus mit dir! Gotteslästerer, Teufel! Hinaus, daß hier keine Spur von dir bleibe.«
»Firsow,« sagte Lande erstaunt, »was haben Sie?«
»Hinaus!« brüllte Firsow. Er hörte absichtlich nicht, spritzte Speichel, trampelte mit den Füßen und geriet nun wirklich in Wut.
Zum zweiten Mal in seinem Leben schien es Lande, daß es nicht ein Mensch war, der schreit, sondern irgend ein hinterlistiges, böses Wesen in ihm. Der Ekel stieg ihm in den Hals; aber dieses Gefühl war ihm so ungewohnt und qualvoll, daß er sich schnell abwandte und zurückwich.
»Ich gehe fort ...« sagte er hastig. »Sie sind heute sehr eigentümlich ... Lieber will ich morgen kommen ... Nur nehme ich auch Sserjoscha mit, sonst können Sie ...«
Firsow erstickte fast vor Wut, sperrte die Augen auf, blieb aber stumm.
Lande wandte sich zu Ssonja.
»Wir nehmen ihn zu uns, Ssonja!« sagte er.
Ssonja warf einen raschen Blick auf ihn, nickte schweigend mit dem Kopf, hob angestrengt den dicken, verweinten Jungen auf den Arm und ging zur Tür.
»Wir gehen fort, Firsow, und nehmen Sserjoscha mit ...« wiederholte Lande.
»Glück auf den Weg!« rief heiser Firsow und blieb wie angewurzelt vor den Heiligenbildern in der Ecke stehen.
»Wir nehmen ihn ja nur, weil Sie zu aufgeregt sind,« sagte Lande in versöhnlichem Ton.
»Schon gut, schon gut!« nickte Firsow schadenfroh mit dem Kopf. »Bringen Sie ihn nur zurück ... Dann werden wir weitersehen!«
Eine Sekunde lang stand Lande unbeweglich und blickte lange und gramvoll Firsow gerade in die Augen. Aber der wandte sich ab und ließ seine Blicke über die Heiligenbilder, den Fußboden, die Wände laufen.
»Aber was haben Sie?« rief Lande bitter. »Niemals waren Sie so zu mir.«
»Schon gut, schon gut!« murmelte Firsow. »Sie haben sich auch was in den Kopf gesetzt. Bilden Sie sich nichts ein! ... Es gibt noch andere wie Sie, wenn Sie sich auch nicht in den Vordergrund drängen ... Wie manch andere! Jawohl, und ... diesem Lausebengel werde ich es noch beibringen, wie er ...«
»Aber er ist doch vor allen Dingen Ihr Sohn!« Lande schlug sich mit der Faust an die Brust.
»Es ist nicht Ihre Sache, mich über meine Pflichten gegen meinen Sohn zu belehren! Verstehen Sie? Nicht Ihnen und nicht mich! Der Herr weiß, wo das Richtige ist ... Der Sohn -- ich weiß, was ein Sohn ist! Ich habe keinen Sohn über meinem Gott!« rief er wieder, indem er sich plötzlich umwandte. »Hier! ...«
Er konnte nicht zu Ende reden und begann, sich krampfhaft an die Heiligenbilder zu klammern, während er etwas auf den Boden fallen ließ und sinnlos murmelte:
»Hier alles ... alles ... alles hier!«
Lande blickte Firsow fragend an, zuckte schwer mit den Achseln und ging aus dem Zimmer:
»Ich werde jetzt lieber fortgehen ... meine Gegenwart regt Sie wahrscheinlich auf ...« sagte er weich.
Ssonja stand an den Stufen mit dem Kind auf dem Arm.
»Gehen wir, es ist unmöglich, mit dem Vater zu sprechen ... Er ist jetzt fast wahnsinnig!«
Er nahm das Kind zu sich auf den Arm und trug es, die Wange an das weiche kindliche Bäckchen geschmiegt. Ssonja ging hinter ihm und schaute mit einem unnatürlich begeisterten Blick auf Landes Nacken, während sie mechanisch die von Tränen genäßte Hand abwischte.
X
Am andern Tag trat Firsow, im Rock und hohen Kragen, trocken und gerade wie ein Stock, in Ssemjonows Zimmer. Lande saß angekleidet am Fenster und schrieb, den Kopf zur Seite geneigt, eifrig, mit etwas kindischen, säuberlichen Schriftzügen ein großes Manuskript ab, das ihm Ssemjonow zur Abschrift verschafft hatte. Der kranke Student lag noch auf dem Bett und rauchte.
»Ah, Firsow!« rief Lande freudig und erhob sich, um ihm entgegenzutreten, wobei er auf das sauber abgeschriebene Blatt einen Klecks machte. Ssemjonow bemerkte von weitem diesen Klecks, sagte aber nichts.
Firsow warf einen kühlen Blick auf Lande; reichte aber die Hand nicht.
»Ich bin gekommen, meinen Sohn abzuholen!« sagte er trocken und übermäßig offiziell.
»Sserjoscha ist schon längst in den Garten gelaufen ...«
»Ssonja ging mit ihm spazieren ...« warf Ssemjonow in gleichgültigem Ton hin.
»Ich danke Ihnen!« Firsow verneigte sich ebenso unnatürlich nach seiner Richtung. »Und nun bitte ich um Entschuldigung ...«
Und er wandte sich zum Fortgehen.
»Was soll das heißen, Firsow?« fragte Lande betrübt.
»Nichts!« Firsow zuckte mit merkwürdig flottem Vergnügen die Achsel.
»Aber lassen Sie doch das!« erwiderte Lande.
»Macht eine Pose wie ein Idiot!« bemerkte Ssemjonow zornig.
Firsow drehte sich rasch zu ihm herum; er geriet aus einem stockdürren plötzlich in einen äußerst biegsamen Zustand.
»Ich weiß nicht, wer der Idiot ist!« erwiderte er scharf. »Aber da es nun dazu kommt ... so bitte, ich will mich mit Ihnen auseinandersetzen.«
Er legte rasch Stock und Hut auf den Stuhl und setzte sich ebenso rasch und impulsiv daneben.
»Sehr notwendig!« schnaubte Ssemjonow. »Hampelmann!«
»Ruhig, Wassja!« bat Lande.
Firsow tat, als ob er nichts gehört hätte und drehte sich kurz nach Lande um.
»Ich sehe mich gezwungen, etwas weit zurückzugreifen ...« begann er hochtrabend, mit offensichtlichem innerem Behagen an der vorbereiteten Rede. »Sie ... Iwan Ferapontowitsch, hatten einmal auf mich einen bedeutenden Einfluß ausgeübt, ich muß das gestehen ... ja, ich will es aufrichtig gestehen ... Ja, ich darf schließlich sagen, daß wir sogar Freunde waren.«
Tiefe Ziegelröte trat auf die welken, trockenen Backen Firsows; für einen Augenblick schien es, daß er in seiner Rede gestolpert wäre, als fürchtete er, Lande könne es bestreiten.
»Ich war Ihnen immer zugeneigt, Firsow ...«
Ein Zug verborgener, ihn selbst erniedrigender Befriedigung huschte über Firsows Mienen; doch sofort wurde er grob und unverschämt.
»Sie haben mich durch den äußeren Eindruck Ihrer Handlungen, deren wahren Sinn ich damals meiner Jugend wegen nicht durchschauen konnte, verlockt ...«
»Ich glaube, ich habe Sie doch als erwachsenen Menschen kennen gelernt ...« fiel ihm Lande, der ihm mit äußerstem Interesse zuhörte, naiv ins Wort.
Firsow wurde wieder von einer besonderen blaugelb gedeckten Röte überzogen.
»Jawohl ... Allerdings, ich ... Ich wollte gesagt haben, daß, als Sie, noch ein Jüngling, Arme und Kranke besuchten und alles verteilten ... und so weiter, da meinte ich, einen wahren Christen gesehen zu haben ... und auch Ihre Reden bekräftigten mich darin ... Ich fühlte große Sympathie für Sie. Ich muß es auch jetzt gestehen ... Dadurch, daß Sie infolge Ihrer Beredsamkeit die vertrauensvolle Jugend fortrissen, wurden Sie sozusagen zum Mittelpunkt ... zu einem Abgott für viele. Selbst ich, ein Mann, -- ich darf es ohne Überhebung sagen --, von innerem Halt und gefestigtem Charakter, ein Mann von Überzeugungen, konnte lange Zeit nicht den wahren Sinn Ihrer Reden und Handlungen begreifen ...«
»Und welchen Sinn hatten sie, nach Ihrer Meinung?« fragte Lande mit Interesse.
»Das werden Sie schon selbst wissen ...« Firsow warf ihm einen schlauen Blick zu und hob den Finger, als ob er ihn zur Seite schieben wollte.
»Nun, doch?«
»Den folgenden ... wenn Sie es durchaus zu hören wünschen ... Indem Sie sich am Dienst der Kirche in keiner Weise beteiligten, wollten Sie gleichsam betonen und ... und hervorheben, daß die wahre christliche Religion außerhalb der Kirche liegt ... Jawohl! Und Sie haben auch in der Tat viele verlockt, so daß sie aufhörten, die Kirche zu frequentieren und sogar in eine Kritik der Dogmen verfielen! ... Viele, aber nicht ich ... Ihnen ging es natürlich gegen den Strich, ich aber bin kein dummer Junge von Student; nicht Sie wären imstande, mich zu beirren. Eher werde ich Sie auf den wahren Weg leiten!«
»O Gott!« seufzte Lande schmerzlich auf. »Was Sie nur da alles zusammenreden, Firsow!«
Ssemjonow drehte sich mit unterdrückter Aufregung schwer auf dem Bett hin und her.
»Jawohl, jawohl!« wiederholte Firsow hochmütig. »Nicht mich.«
»Und doch kann ich nicht verstehen, was das alles soll ...« Lande schlug die Hände auseinander.
»Das Folgende!« schrie Firsow grob; sein dunkelgrauer Backenbart ging borstig in die Höhe. Es war offensichtlich, daß er sich verwickelt hatte und sich, da er es einsah, in seiner Eitelkeit gekränkt fühlte. »Erlauben Sie, schließlich, Ihnen geradezu die Frage zu stellen: Sind Sie ein Christ oder nicht?«
Ssemjonow schnaubte.
»Ich weiß wirklich nicht ... und wir wollen doch lieber ein andres Mal darüber sprechen ...« versuchte Lande, den es um Firsow schmerzte, das Gespräch abzulenken.
Wie von einem Strom mitgerissen, schlug Firsow kurz Wort für Wort herunter: »Soo, -- -- Glauben Sie an die rechtgläubige Kirche?«
Lande lief aufgeregt im Zimmer umher.
»Was ist das für eine Frage, Firsow? Wozu das? Übrigens, wenn es Ihnen wichtig ist, an die Kirche glaube ich ganz und gar nicht, das ist selbstver-- ...«
»So--o!« fiel ihm Firsow ins Wort, während er aufsprang und sich mit enger Freude die Hände rieb. »Dieses Gespräch im Zusammenhang mit vielem anderen, sowie mit der Lossagung von Ihrer Mutter ...«
Lande riß die Augen weit auf.
»Das ist nicht wahr, ich habe mich niemals von meiner Mutter losgesagt ... nur habe ich mich entschlossen, getrennt von ihr zu leben, weil --«
»Aber wozu redest du noch ein Wort mit diesem Aas!« brauste Ssemjonow plötzlich auf und setzte sich im Bett auf, zerzaust und gelb. »Weshalb erlaubst du jedem Strolch, in deine Seele hineinzufassen!«
»Ich verstehe!« stieß Firsow in dem früheren falschen Ton zwischen den Zähnen hervor, und zog vorsichtig seine Mütze zu sich heran. »Mehr habe ich nicht zu fragen, obgleich ich noch einiges sagen wollte ... was möglicherweise --« er fügte es mit augengesenkter stolzer Bescheidenheit hinzu -- »Ihnen einen gewissen Nutzen bringen könnte ... Aber da es einmal ... genug! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ... Und Sie können versichert sein, daß ich so handeln werde, wie es mir meine Pflicht und mein Gewissen vorschreiben! ... Jawohl!«
Und Firsow erhob sich triumphierend.
»Ach, du altes Mistvieh!« schrie wütend Ssemjonow, wollte aufstehen, begann aber furchtbar heiser zu husten und fiel, von kaltem Schweiß übergossen, mit dem Gesicht in die Kissen zurück. Der dünne bloße Fuß, der sich unter der Decke hervorgestreckt hatte, zitterte in krampfhafter Anstrengung.
Schadenfroh sah ihn Firsow an und bleckte die Zähne. »Ja, so--o!« sagte er gedehnt von oben herab, dann wendete er sich ebenso wieder an Lande. »Und Ihnen möchte ich noch das eine sagen: alle Ihre Handlungen sind nichts als Heuchelei und Lüge ... Den wahren Glauben haben Sie nicht, vielleicht können aber Menschen, die Sie für tieferstehend halten, als sich ... Sie sind eben ein Diener des Antichrist und ...«
»Scher dich zum Teufel!« kreischte, außer sich vor Wut Ssemjonow, und seine kranke, gespannte Stimme zerschnitt die Luft, wie ein Peitschenhieb. »Raus mit dir!«
Firsow sah ihn stolz an, setzte die Mütze auf und öffnete die Tür.
»Dieser halbkrepierte Hund!« sagte er abgesetzt mit unendlichem Haß und Genuß, hinter der Tür. »Schweigen sollte der wenigstens, wenn er schon von Gott geschlagen ist! Will auch noch mit den andern weiter!«
Lande stand blaß und kopflos mitten im Zimmer und lächelte unbeholfen. Ssemjonow sah ihn an und begann sich, wie verschämt über seine Wut, immer noch zitternd und nach Luft ringend, anzukleiden.
»Gott! ... Soviel Haß und Grimm, und weshalb? Habe ich denn ...«
Ohne aufzublicken, warf Ssemjonow still hin: »Du mußt das einfach nicht beachten ...«
Aber Lande hörte ihm nicht zu. Er hatte nur das einzige, unüberwindliche Bedürfnis, sofort, ohne Verzug, den Haß und Grimm auszulöschen, die neben ihm und, wie ihm schien, durch seine Schuld emporgelodert waren, weil er nicht verstanden hatte, ihnen vorzugreifen, und die ihm jetzt unerträglich das Herz verbrannten; ohne Überlegung stürzte er kopfüber aus dem Zimmer.
»Wo willst du hin?« rief Ssemjonow. Er erschrak über dieses unnötige und seiner Ansicht nach erniedrigende Vorhaben Landes.
»Ich komme gleich wieder ...« murmelte Lande, lief die Stufen herunter und stürzte auf den Flügel zu, in dem Firsow wohnte. Die Tür war zugeschlossen; Lande prallte hart an ihr zurück.
»Firsow! Machen Sie auf!« schrie Lande; er klammerte sich an die Türklinke.
Hinter der Tür konnte man nichts als dumpfes, triumphierendes Schweigen hören, es schien, daß gleich hinter ihr jemand verborgen war, der sich in geheimem Vergnügen sein Schweigen auskostet. Lande drehte und rüttelte an der Klinke.
»Firsow! Es ist ein Irrtum! machen Sie auf -- ich will Ihnen alles erklären ... Machen Sie auf!«
Firsow ließ nichts von sich hören. Lande sah sich mit traurigen Augen um, biß sich auf die Lippe, um nicht von seinem Schmerz überwältigt zu werden, und trat zurück.
Aus dem Garten kam die zarte, schlanke Ssonja, vor der Sonne von einem durchsichtigen weißen Kopftuch geschützt, unter dem große Augen forschend und düster hervorblickten, auf ihn zu.
»Wanja,« sagte sie streng und ernst, »gehen Sie von hier fort, Sie erniedrigen sich.«
»Ssonjetschka,« erwiderte Lande ernst, »kann man denn das lassen? Es ist doch entsetzlich, sinnlos ... Wozu, weshalb diese Wut?«
»Er ist ein Schuft, ein Stück Dreck, ein Nichts!« sagte Ssonja überzeugt. »Er haßt Sie schon lange, weil Sie besser sind als er ...«
»Ach, was Sie für dummes Zeug reden, Ssonja!« wehrte Lande ab.
»Es ist wahr!« rief Ssonja beharrlich und riß das Kopftuch herunter.
»Na, mag sein ... Nicht darum handelt es sich, Ssonja, wer besser oder nicht ... Nicht das ist wichtig.«
Auf den Stufen erschien Ssemjonow, halbbekleidet, ungekämmt und safrangelb.
»Lande,« rief er kurz. »Komm her, gleich! Sonst prügle ich dich durch, bei Gott!«
In seiner Stimme klang deutlich Liebe und Mitleid und eine gewisse helle Verwunderung.
XI
Abends brannte in Firsows Häuschen Licht. Bei der toten, starrgelben Flamme saß er kerzengerade, unbequem am Tisch und setzte eine Anzeige gegen Lande an den Bischof auf. Die Feder schabte am Papier wie eine nagende Maus; es war heiß, schwül, von der dumpfen Luft und dem schweren Haß, der die beleidigte Seele Firsows füllte.
Hinter dem Fenster leuchtete der weiße Mond, atmete leicht die kühle, blaue Nacht. Auf dem Boulevard hätte man beim Mondenlicht lesen können; alles war durchsichtig-blau und rein, wie mit grünlich-blauer Emaille überzogen. Spaziergänger gingen ihn entlang; ihre schwarzen Schatten legten sich leicht und scharf auf die glatte Erde.
Lande und Ssemjonow, der eine in seiner alten Litewka, der andere im Studentenmantel, den er vollständig zugeknöpft hatte, ließen die Menge hinter sich und setzten sich auf die Bank über dem Abhang.
»Und ich sage dir,« Ssemjonow schwenkte entschieden den Stock, »daß die Menschen sich in der Suche nach einem sogenannten Glück zur Genüge gequält haben. Es ist längst an der Zeit, darauf zu spucken und auseinanderzugehen ...«
»Nein,« erwiderte Lande traurig aber fest, »das ist Verzweiflung, und Verzweiflung ist eine Sünde; sie bedeutet, daß man den Mut sinken läßt. Wir kennen den Willen Gottes nicht und können uns daher nicht selbständig von ihm trennen. So oder anders, wir werden doch den Willen desjenigen, der uns geschickt hat, erfüllen. Und ich meine, daß wir nicht verbittert, nicht verzweifelt sein sollen. Wir müssen trachten, wie es am besten zu erfüllen ist, was wir nicht unerfüllt lassen können; -- das ist das Leben! Es ist das Beste für den Menschen.«
Ssemjonow schwenkte verächtlich den Stock, und sein schwarzer Schatten wiederholte diese Bewegung.
»Und wer will uns lehren, wie es am besten zu erfüllen ist?«
»Unser Herz,« antwortete Lande überzeugt. »Unser Gewissen.«
»Na, Bruder, das Gewissen ist bei den Menschen verschieden ...«
»Darüber braucht man nicht nachzudenken, Wassja ... Niemand beruft uns dazu, die verschiedenen Gewissen abzuschätzen und zu vergleichen: jeder Mensch hat nur an sein eigenes zu denken ... Es ist Überhebung, Wassja ... alles unbedingt gleich abzuschätzen und klarzumachen; auch sein Urteil über alles zu fällen. Es ist nur nötig, daß sich jeder Mensch aufrichtig mit allen seinen Handlungen im Recht glaubt.«
»Das ist alles sehr schön ...« Ssemjonow schmunzelte. »Hat aber wenig Zweck ... so, mein Lieber!«
Ihnen näherten sich, auf dem dunklen Hintergrund der Häuser und Bäume vom Mondenlicht klar umrissen, Schischmarjow, Molotschajew, Marja Nikolajewna und Ssonja, die sich mit der Hingabe und Verliebtheit, die Backfische stets erwachsenen, schönen Mädchen gegenüber empfinden, an Marja Nikolajewna schmiegte.
Marja Nikolajewna drückte Lande unschlüssig und linkisch die Hand und lächelte unwillkürlich, weil ihr seine Gestalt am Abend des Überfalls in Erinnerung kam. Sie wandte sich ab und legte ihren weichen, vollen Arm um Ssonja; Molotschajew stand schön und groß am Abhang, wie von kaltem Silber des Mondlichts angeschmiedet, der kleine Schischmarjow sprach eiligst auf Lande ein.
»Höre, Wanja, das ist doch wirklich zum Teufel!« sagte er mit scharfer Stimme, während er nervös die Hände bewegte und rieb. »Bist du denn wirklich ganz außerstande, Menschen zu unterscheiden? Dieser Firsow ist doch ein allgemein bekanntes Dreckstück, ein Mucker, Angeber, ein Mitglied des echtrussischen Verbandes, und du gibst dich mit ihm ab ... Mir hat Ssonja erzählt, daß du ihn beinahe um Verzeihung angefleht hast.«
»Er ist kein so schlimmer Mensch ...« erwiderte Lande leise.
»Aber auf Schritt und Tritt begeht er Schuftereien.«
»Er begreift nicht, was er tut und wie sehr er sich dadurch selber schadet. Hätte er das verstanden, würde er es nicht getan haben ... Man muß es ihm klarmachen, ihn mehr bemitleiden, dann wird er es begreifen ...«
»Pfui Teufel!« Ssemjonow spie entrüstet aus.
Schischmarjow starrte Lande fragend an.
»Sei mir nicht böse, mein Lieber! ...« sagte Lande sanftmütig zu Ssemjonow. »Ich rege dich in einem fort auf, aber ich bin wirklich ...«
»Wenn du es wissen willst,« fiel ihm scharf und hitzig Schischmarjow ins Wort, »eine solche Liebe ist einfach sinnlos. Lieben muß man Menschen, die der Liebe oder wenigstens des Mitleids wert sind; aber wer nur Verachtung verdient, der muß verachtet und vernichtet werden, wie man krankheitserregende Keime vernichtet, um die Luft, die von allen eingeatmet wird, zu säubern und gesund zu machen. Diese berühmte Nächstenliebe, diese unterschiedslose, widersinnige Liebe, hat nur dazu geführt, daß man eine ganze Menge von dem Schädlichen, das unbedingt vernichtet werden müßte, kultiviert und erhält!«
»Es gibt sehr viele Menschen, denen wir, ich und du schädlich vorkommen. Ich glaube nicht, daß es unter den Menschen Schädlinge geben kann ...«
»Du kannst unmöglich nicht daran glauben!« erwiderte Schischmarjow hitzig und zupfte die Ärmel seiner kurzen Litewka zurecht.
Die schlanke Ssonja atmete gespannt auf; hielt aber gleich wieder den Atem ein, ohne ein Auge von Lande zu lassen.
»Nein, ich glaube es nicht!« Lande schüttelte den Kopf. »Wenn es auch böse Menschen gibt, so sind es doch nicht schädliche Menschen. Hätte es nicht ihr Böses gegeben, so könnten auch nicht die besten Eigenschaften des menschlichen Geistes: Selbstvergessen, Vergebung, Selbstaufopferung, reine Liebe sich zeigen und entwickeln ... aber sie müssen in Erscheinung treten, ohne sie wäre das Leben nur sinnloses Vegetieren.«
»Ich danke dafür!« erwiderte Schischmarjow aufgeregt. »Demnach wäre auch der Gestank nützlich, weil er die frische Luft zu schätzen lehrt?«
»Vielleicht,« Lande lächelte. »Nur ist es etwas ganz anderes ... und zu einfach: ein Mensch ist Vieles zusammengenommen. Er ist doch zu schön und kraftvoll, als daß man an ihn das gleiche Maß anlegen könnte, mit dem man Mist mißt!«
»O Gott! Und der Mensch macht noch Kalauer!« lachte Ssemjonow mit komischem Entsetzen.
»Ich? ... das war kein Witz, -- das kam mir so in den Mund.« Lande wurde verlegen.
»Der liebe Wanja! ...« flüsterte Ssonja leise Marja Nikolajewna zu; sie blühte in einem hellen Lächeln auf, das ihrem stets exaltierten Gesicht gar nicht eigen war.
Marja Nikolajewna seufzte leicht. Das Lächerliche und Jämmerliche, das sie in der letzten Zeit an Lande gesehen und das ihr unbewußt leid getan hatte, -- war an diesem Abend allmählich weiter und weiter von ihrem Herzen fortgezogen, bis es plötzlich irgend wohin ganz verschwunden war. Und ein stilles, frohes Gefühl trat an seine Stelle. Sie wendete Lande ihren Kopf zu, blickte auf sein mageres Gesicht, das unter dem Mondlicht und dem angespannten Denken blaß geworden war, und sagte sich:
»... Es ist alles richtig, was er sagt! Eine Wahrheit, die vor ihm allein offen liegt! ... Man kann es nicht mit Worten ausdrücken, aber wahr ist es ... Der liebe, der gute! ...«
Sie errötete, wandte sich ab und drückte Ssonja fest an sich.
»Wann werden Sie endlich genugsam gestritten haben, meine Herren?« warf Molotschajew mit selbstsicherer Nachlässigkeit ein. »So werden Sie Ihr ganzes Leben lang verstreiten ... Gehen wir lieber rudern ... Mag doch jeder so leben, wie es ihm gefällt!«
»Sie verkünden eine heilige Wahrheit,« erwiderte Ssemjonow und schwenkte die Hand. »Nur werde ich gerade ihrer richtigen Bemerkung gemäß nicht rudern, sondern schlafen gehen.«
»Auch ich kann nicht mitkommen,« sagte Schischmarjow; »ich habe noch einiges zu lesen.«
Lande lächelte.
»So werden Sie wohl allein mitfahren, Marja Nikolajewna, weil ich auch fortgehe ... Ich fühle mich nicht ganz wohl.«
Sie gingen auseinander. Als das Boot in die Mitte des Flusses hinauskam, wurde es um sie ganz besonders hell und geräumig; es war leicht zu atmen. Ssonja kauerte unbeweglich auf dem Boden des Bootes und starrte von ihrem Sitz unverwandt in den Mond.
Das Wasser neben dem Boot war schwarz, schwer und bodenlos; in der dunklen Tiefe barg sich kaltes Grauen. Marja Nikolajewna beugte sich über Bord, und ein gieriger Hauch schlug aus der Tiefe in ihr Gesicht. Trübe spiegelte er sich in ihm wieder; es sah blaß und tot aus.
»Ah, es ist ängstlich!« sagte sie und lehnte sich zurück.
Molotschajew warf den Kopf hoch, lachte und begann zu singen. Seine Stimme schlug wie herausfordernd an die glatte, düstere Oberfläche und hallte irgendwo im freien Raum wieder.
»Der Dampfer ...« sagte Ssonja leise.