Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Part 14
Lande öffnete sofort die Tischlade und nahm das Geld heraus -- vier Pakete lange, schöne Scheine, die unter seinen dünnen Fingern trocken raschelten.
»Ich wollte dir sagen ...« begann Schischmarjow plötzlich, als ob er von hinten einen Stoß bekäme, mit erzwungener Stimme. »Vielleicht gibst du nicht alles? ...«
Lande erwiderte einfach, als ob er an etwas anderes dachte: »Das bleibt sich gleich; wenn schon, dann Alles.« Er überlegte, schwieg eine Weile und fügte hinzu: »Ljonja, ich werde nicht mit dir gehen, verteile es selbst; ich werde dir sagen, warum: Mutter ist furchtbar böse auf mich, wegen dieses Geldes ... ich muß sie beruhigen, mit ihr sprechen ...«
Schischmarjow nahm unschlüssig das Geld.
»Siehst du, auch deine Mutter ist unzufrieden ...«
Über Landes Gesicht zog ein blasses aber festes Lächeln.
»In solchen Fällen darf man nicht an eine Mutter denken!« sagte er ernst.
Schischmarjow rührte sich immer noch nicht; er fühlte sich immer peinlicher.
»Ich weiß wirklich nicht ...« meinte er. »Wie soll ich denn allein ...«
Lande lächelte wieder; jetzt hell und zärtlich.
»Irgendwie ...« er machte eine gleichgültige Handbewegung.
»Dein Herz wird dir schon sagen. Und es ist ja auch weiß Gott keine schwierige Aufgabe.«
»Na, wie du willst!« Schischmarjow willigte ebenso unentschlossen ein und nahm seine Mütze. Auf einmal tat ihm Lande so leid, daß ihm fast die Tränen kamen. Im Zimmer war es etwas ungemütlich, leer, man hatte den Eindruck mönchischer Einsamkeit. Lande sah krank und trübe aus. Gegen seinen Willen fand Schischmarjow seltsam und unbegreiflich, daß ein Mensch, der eine so gute, große Tat vollbrachte, nicht Freude und Stolz in seinen Mienen zeigte.
»Er ist ein sonderbarer Mensch!« dachte Schischmarjow, und dieser Gedanke schwächte in ihm, fast unmerklich für ihn selbst, das Gefühl für Lande und dessen Tat ab.
»Auf Wiedersehen, mein Lieber!« sagte Lande.
»Wanja!« rief hinter der Tür die zitternde Stimme der Mutter.
Ein schmerzlicher Zug strich um Landes Lippen.
»Geh, Lieber!« sagte er leise, aber fest zu Schischmarjow.
Schischmarjow stand verlegen da. Das Geld brannte ihm in der Hand, als wenn es gestohlen wäre.
»Du mußt das einfach lassen!« sagte er mit einem leichten Unterton trüben, unangenehmen Ärgers.
Lande schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er, »es muß getan werden. Dort ist entsetzliche Not, Kummer ... Der Mutter scheint nur, daß sie leidet ... Ich mußte doch so wie so dieses Geld für mich verwenden.«
Landes Mutter trat ein. Ihr weiches, von Trauer und Gutmütigkeit durchschienenes, altes Gesicht sah jetzt aufgeregt und böse aus. Sie atmete schwer und häufig, so daß ihr Atmen in dem ganzen Zimmer hörbar war.
Lande ging ihr rasch entgegen, nahm ihre beiden Hände und legte sie auf seine Brust.
»Mama ...« sagte er, ihr flehend in die Augen blickend. »Nicht doch!«
Schischmarjow verbeugte sich linkisch.
Die Mutter riß ihre Hände los.
»Was nicht?« begann sie mit schroffer und lauter Stimme, der man anhören konnte, wie viel sie geschrieen und geweint hatte. »Du hast kein Recht dazu! Der Vater hat nicht sein ganzes Leben lang für irgendwelche Bettler gearbeitet! Du Dummkopf!«
»Geh, Ljonja!« sagte Lande traurig zu Schischmarjow.
Die Mutter sprang erregt auf und stellte sich in den Weg, obgleich sich Schischmarjow noch gar nicht vom Fleck gerührt hatte. Ihre grauen Haare zerzausten sich auf ihrer Stirn. Gierige Angst lugte aus den rund gewordenen, fast wahnsinnigen Augen.
»Sie verleiten ihn dazu!« schrie sie wütend. »Wie unterstehen Sie sich! Ich werde Sie anzeigen. Das ist Plünderung ... Sie haben sich schon gefreut!« ...
»Ich ...« stotterte Schischmarjow verwirrt und verletzt.
»Geben Sie das Geld her!« kreischte die Greisin auf und riß rasch das Geld mit gekrümmten Fingern, die mit einem Mal knochig und hakenartig, wie Krallen aussahen, aus Schischmarjows Hand.
Auf dem Gesicht des kleinen Studenten zeigte sich wütende Empörung. »So nehmen Sie es doch,« brüllte er, die Fäuste ballend, so laut, daß man es auf der Straße hören konnte.
Im Augenblick wurde es still. Die Greisin sah ihn mit offenen, erschreckten Augen an. Schischmarjow wandte sich zu Lande hin, bewegte die Lippen, rang nach Atem; ein Krampf verzerrte sein linkes Auge und die eine Backe.
»So geht's denn doch nicht,« sagte er mit Mühe. »Adieu ... ich gehe!«
»Geh, Ljonja ...« antwortete ihm Lande ebenso traurig. »Sei mir nicht böse!«
Schischmarjow machte eine Bewegung, setzte eine ratlose Miene auf, als ob er noch etwas hinzufügen wollte, sagte aber nichts und ging fort. Im Zimmer wurde es still. Die Mutter Landes hielt die Hand mit dem festgepreßten Geld tief in der Tasche; und Lande sah sie traurig und sanftmütig mit offenen Augen an. Sie waren zu zweit in dem kleinen Zimmer, aber jeder fühlte sich, als ob er nur allein wäre.
»Schlage dir gefälligst diese Dummheit aus dem Kopf!« sprach endlich die Mutter mit verkniffener Stimme.
»Es ist keine Dummheit ...« Lande schüttelte den Kopf.
»Wem willst du damit imponieren?« fuhr die Mutter spöttisch fort. »Schämst du dich nicht? Wozu hast du es gebracht!« Ihre Worte klangen plötzlich weinerlich; gleich nahm sie auch die Hand aus der Tasche und fing an, zu weinen.
Lande schwieg, bitter die Hände ineinander gefaltet. Im Zimmer war es dunkel und grämlich.
»Du wirst mir später selbst einmal danken!« sagte die Mutter leise.
»Ich weiß nicht. Höre, Mama, wenn du mir nicht das Geld gibst, werde ich es nicht von dir verlangen. Mag es für dich bleiben ...«
Die Mutter fühlte sich gekränkt und beleidigt. »Wie du das nur sagen kannst!« rief sie mit Tränen der Entrüstung, während sie vorwurfsvoll die Hände ineinander schlug. »Will ich es denn für mich? ... Wozu brauche ich es denn! ... Für mich ist die Zeit zu sterben ... Was du da sprichst, überlege nur!«
Lande schwieg. Dann erst sagte er: »Ich weiß. Doch nicht das will ich sagen. Ich liebe Sie ja, Mama, ich liebe Sie herzlich. Aber Sie glauben, daß Sie mich vor dem Untergang bewahren, indem Sie mir dieses Geld zurückhalten; und ich glaube, daß Sie mich dadurch zugrunde richten. Meinen Sie denn wirklich, daß ich das Geld jemals für mich behalten werde? Ich würde es doch fortgeben, ganz gleich, ob diesen Leuten oder anderen, wenn ich es eben meinem Gefühl nach tuen müßte ... Und daher ...«
»Du bist am Ende ganz verrückt?« rief die Mutter entrüstet. »Und wovon würdest du leben?«
»Irgendwie schlage ich mich schon durch; darüber braucht man nicht nachzudenken!« sagte Lande überzeugt.
»Du willst mir wohl ewig auf der Tasche liegen?« fragte sie giftig.
»Nein, ich werde von Ihnen fortgehen. Es ist für uns schwer, zusammen zu leben, es geht nicht gut: Sie werden mich nicht so leben lassen, wie ich möchte; und ich werde Sie quälen ... Lieber will ich allein leben.«
Die Mutter riß die Augen auf; das Blut schwand langsam aus ihrem Gesicht.
»Wanja ... was sprichst du!« stammelte sie entsetzt.
Lande seufzte still, kam auf sie zu, sank in die Kniee und fing an, ihre tränennasse Hand zu küssen. Sie blickte auf seinen Kopf mit den weichen, schwachen Haaren, und fühlte, wie ein unüberwindliches Unglück auf sie heranrückte.
»Weine nicht, Mutter, du teure! ... So wird es besser sein ...« sprach Lande kaum vernehmbar mit schwacher, zitternder Stimme.
VI
Marja Nikolajewna saß am offenen Fenster und schaute unverwandt, in Gedanken versunken auf die lange Straße, deren eine Seite von grünlich-blauem Mondenschein überflutet war, während die andere im tiefen Dunkel lag. Fern flimmerten hell und kühl die Sterne, schwarze Bäume standen wie versteinert im Mondschein. Es war leer und kühl.
Aus der Ferne ertönten einsame Schritte, die still und deutlich auf den Brettern des Bürgersteigs widerhallten. Ein unsichtbarer Mensch kam durch die Nacht, immer näher und näher. Es war sonderbar und geheimnisvoll, diese Schritte zu hören, als ob sich in der kühlen, klingenden Stille die Töne von selbst näherten und ein eigenes einsames Geheimnis mit sich trügen.
Marja Nikolajewna lehnte weit aus dem Fenster und als sich in der Dunkelheit ein schwarzer Schatten abzuheben begann, sah sie genauer hin, erkannte ihn und rief: »Iwan Ferapontowitsch, sind Sie das?«
Lande fuhr zusammen und blieb stehen, dann lächelte er freudig und ging auf sie zu.
»Wo gehen Sie hin?« fragte das Mädchen, als er direkt vor ihr stand.
»Nach Hause ... zu Ssemjonow. Ich wohne doch jetzt bei ihm ... vorläufig ...« erwiderte Lande schwach und müde.
Er stand dicht am Fenster, und das Mädchen sah ganz deutlich sein eingefallenes Gesicht mit unnatürlich großen Augen. Das Gefühl neugierigen Mitleides, jenes Gefühl, welches Lande stets in ihr hervorrief, erhob sich in ihrer Brust, ebenso rein, jung und kraftvoll, wie diese junge Brust selbst.
»Iwan Ferapontowitsch ...« fragte sie weich; ihr war vor ihm bange. »Ist es wahr, daß Sie mit Ihrer Mutter vollständig gebrochen haben?«
Doch sofort erschrak sie und sprach hastig weiter, als ob es ihr um die unwillkürliche Frage leid tat: »Ich frage Sie, weil Sie und Ihre Mutter mir so leid tun ... und bei Ihnen darf man doch nach allem fragen ... nicht wahr?«
»Mich kann man fragen ...« antwortete Lande mechanisch. Er hatte offenbar ihr Erschrecken nicht bemerkt; er sagte traurig und nachdenklich: »Ich habe mit ihr nicht gebrochen, -- ich habe nie und mit niemandem gebrochen ... Meine Mutter liebe ich auch jetzt -- vielleicht sogar mehr noch, weil sie unglücklich ist ... Ich bin nur fortgegangen, um allein zu leben ... Da mußte ich eben wählen: entweder nicht so leben, wie mich meine Überzeugung heißt, oder fortgehen ... Ich glaube, Sie hätten ebenso gehandelt ... wie ich.«
Marja Nikolajewna sah ihn mit zutraulichen Blicken an. »Nein, ich könnte es nicht ... wie käme ich dazu!« wehrte sie mit schwachem Lächeln ab.
»Wissen Sie,« fuhr Lande, der nicht zugehört hatte, fort, und ein Ton feierlicher Trauer lag in seiner Stimme, -- »es ist leichter das Leben zu opfern, als ... doch nein, ich verstehe nicht, es auszusprechen!« ... er lachte plötzlich kurz und traurig auf und verstummte.
»Wo waren Sie denn?« fragte Marja Nikolajewna nach einer Pause.
»Im Kloster,« antwortete Lande.
»Haben Sie zu Gott gebetet?« fragte scherzhaft das Mädchen.
»Nein, ich ging so hin ... dort ist es so still ... Und übrigens, ich habe auch gebetet ...« erwiderte Lande ernst, als ob er ihren Scherz weder verurteilen, noch an ihm teilnehmen könne.
»Glauben Sie denn an Gott?« fragte sie mit jugendlich leichtsinniger Neugierde.
Lande blickte sie an.
»Es ist unmöglich, nicht an Ihn zu glauben!« erwiderte er still und überzeugt, fast verwundert.
»Warum unmöglich? Ich z. B. glaube nicht an ihn.« Marja Nikolajewna senkte ein wenig den Kopf, als ob sie auf die süßen Töne ihrer Stimme lauschte.
»Sagen Sie das nicht!« versetzte Lande heiß und innig. »Das ist nicht wahr. Alle glauben, und auch Sie glauben ...«
Er streckte plötzlich seine Hand aus und ergriff ihre feinen, zarten Finger. »Blicken Sie nur auf und Sie werden sehen, daß es unmöglich ist, nicht zu glauben ... Schauen Sie in den Himmel, schauen Sie!«
Unwillkürlich hob Marja Nikolajewna den Kopf, und von unten erschienen Lande ihre großen Augen voll tiefer Sehnsucht.
Kein Ende sah man für die Weite des Himmels und keinen Boden gab es für die strahlende Tiefe. Je mehr sie hineinsah, um so ferner und höher, unfaßbar, gingen die Sterne fort und schwanden gegenstandslos in dem unübersehbaren Raum. Es war, als ob das geheimnisvoll-feierliche Schweigen irgend eine unergründliche schwingende Bewegung durch seine ewige Kühle zum Stillstand gebracht und gefesselt hätte. Eine überdenkliche Kraft hob ein gewaltiges, undurchdringlich durchsichtiges Gewölbe über den Weltenraum und erstarrte in ungeheurer Spannung.
»Wie furchtbar ist es da!« sagte Marja Nikolajewna plötzlich mit bebender Stimme. »Und wenn das einmal zusammenstürzt ... Herrgott, könnte man sich denken, vorstellen, was da sein würde! ...«
Lande lächelte zärtlich und still; leise fuhr er gleichmäßig streichelnd über ihre Hand.
»Nein, es stürzt nicht zusammen!« sagte er. »Schauen Sie, was für eine erdrückend grenzenlose Größe das ist, und wir sind so klein, so klein; wir können nicht einmal den tollen Wirbel sehen, in dem alles dahinsaust. Vergegenwärtigen Sie das sich nur: wie klein muß doch der Mensch sein! In jedem Augenblick, in jedem millionsten Teil eines Augenblickes trägt ein furchtbarer Rausch das Riesengebäude der Welt in unbegreifliche Fernen; wir aber sehen nur Starrheit ... Welch ein Orkan von überwältigenden Tönen muß das sein; uns gaukelt es feierliche Stille vor! ... Und trotzdem schreiten wir, die so winzig sind, so frei vorwärts, als ob alle diese Riesenmassen uns aus dem Wege gingen! Als ob uns eine Hand leitet, die uns durch jedes Hindernis hindurchführen kann. Das geringste Teilchen der feindlichen Kraft könnte uns hinwegwischen; aber die menschliche Geschichte bewegt und entfaltet sich so frei, als ob sie in allem der Mittelpunkt wäre. Damit etwas so Kleines, Schwaches derart auf seiner Bahn gehen konnte, sicher, daß es zum Ziele vordringen wird, ist es notwendig, daß es zu irgend einem Zweck in der Welt nötig wäre und daß es vom Weltwillen für eine Zeit bewahrt würde, wenn ...«
Lande schwieg eine Weile, sah mit glänzenden Augen nach oben und fuhr fort:
»Scheint es Ihnen nicht so, als ob alles erstarrt wäre und wartete, bis hier, auf der Erde, etwas geschieht, was einmal geschehen muß ... Und wenn das eintrifft, dann wird alles urplötzlich in Bewegung geraten, hier vernichtet, dort geschaffen werden, irgend ein neues Licht aufleuchten, neue Formen, neues Leben emporsteigen.«
»Manchmal ist es so,« antwortete still Marja Nikolajewna. Ihr war eigentlich bange zumute. Etwas wuchs vor ihr hoch, ungeheuer groß wie aus der Ewigkeit in die Ewigkeit, wie aus einem unendlichen Raum in einen unendlichen Raum hinein. Die Stille der Nacht schwang sich wie eine feierlich dröhnende, dräuende Musik vor ihr.
»Wie wunderbar, wie kompliziert ist das alles!« sprach Lande mit geheimnisvoller Begeisterung. »Selbst die Ewigkeit und die Unendlichkeit, die nicht klein, nicht groß sind, die keine Zeit besitzen, durch welche ein Augenblick im Leben der Welten mit dem Augenblick im Dasein eines Menschen zu vergleichen wäre ... Soll das die kalte, tote Ordnung einer durch seelenloses physisches Gesetz geschaffenen Maschine sein? Das ist die furchtbare Tragik im Prozeß des Schaffens, der alles umfaßt, der keine Teilungen, gleich für welche Zwecke, duldet. Ein Geist dieses Schaffens, eine Seele der Welt -- sie existiert. Es wäre unmöglich, das nicht zu glauben, unmöglich, das nicht zu sehen! ... nicht zu hören, nicht zu empfinden ...«
Ein eisiges, mystisches Grauen schlich stockend in die Seele Marja Nikolajewnas. Sie zog sich nervös zusammen; ihre Augen weiteten sich, wie bei einer Katze, die etwas ängstigendes vor sich sieht.
Lande verstummte; es wurde still, so still, als ob jemand über die Erde schreitet; mit metallnem Klang setzt er schwer und geheimnisvoll Schritt vor Schritt.
»Meine Ohren klingen!« sagte Marja Nikolajewna, am ganzen Körper zitternd. »Es ist kalt ... Auf Wiedersehen!«
Sie zog sich in die schwarze Finsternis des Zimmers zurück und schloß das Fenster, das auf seiner einen Scheibe blind glänzte.
Lande blieb allein und stand lange inmitten der leeren Straße; mit feuchten Blicken schaute er nach oben, zwischen die Sterne, in die dunkelblaue, kühle Tiefe hinein.
VII
In ein Laken, aus dem unten die dürren, nackten Beine herausblickten, eingewickelt, einem schlecht kostümierten Gespensterdarsteller ähnlich, öffnete Ssemjonow Lande die Tür. Den Augen Landes, die noch an die feuchte Luft und den reinen Glanz der Nacht gewöhnt waren, kam das gelbe trockene Licht der Lampe, die dünnen, gebrechlichen Möbel, das durcheinandergeworfene Bett mit den heißen Kissen und das trockene, gelbe Gesicht Ssemjonows, seine stockdürren, weißen Beine, im ersten Augenblick ganz unerträglich vor.
Ssemjonow setzte sich auf das Bett; sein Aussehen war entsetzlich. Sein erdfarbenes gerunzeltes Gesicht, die dünnen Haare, die schweißdurchtränkt an den mit trockener Haut bezogenen Schläfen klebten, der magere Körper, auf schmale, spitzige Schulterblätter gespannt, alles sprach in einfacher, furchtbarer Sprache von der sinnlosen Krankheit, die von niemandem in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit begriffen werden konnte, die sich im Innern eines Menschen verbirgt; und an einer kleinen Stelle der Zerstörung seine ganze Welt -- sein Leiden, Verzweifeln und Grauen -- einschloß.
Ssemjonow blickte mit geweiteten, fieberglänzenden Augen auf Lande; sobald er sich neben ihm auf das Bett gesetzt hatte, sagte er hastig: »Es ist gut, daß du herkommst ... Mir ist schlecht ... bange, irgend warum ... gewesen. Ich werde schon bald sterben, Lande ...«
Es schien, daß er nicht auf Lande sprach, sondern auf jemanden, der sich in der Tiefe seines leidenden Körpers grämte, einredete, um ihn von dem unvermeidlichen, und doch nicht auszudenkenden Ende zu überzeugen. Stechendes Mitleid riß Lande fort. Er wandte seinen Körper ganz zu Ssemjonow hin und legte beide Arme um die mageren Schultern, die nach kaltem Schweiß rochen. Durch das abgeriebene, fadenscheinige Hemd ließ sich der heiße Körper und die harten Knochen fühlen.
»Wassja ... mein Lieber, Armer!« sagte er und versuchte ihn, beinahe weinend, von alldem zu überzeugen, was er selbst liebevoll und naiv glaubte: »Unmöglich kann ein Leben nur für die Erde existieren, zu riesig sind die Mühen und Leiden, als daß sie vergehen könnten, ohne sich über das Irdische zu erheben. Unbegreiflich, armselig und sinnlos wäre dann die Existenz des menschlichen Geistes mit seiner lichten Vernunft und dem geschmeidigen, reichen Denken in der unendlich großen, schönen, ewigen Welt.«
Lande sprach lange, eilig, als ob er fürchtete, daß es seinen Worten nicht gelingen werde, das Gewaltige, Dunkle, das langsam von der leidenden Seele Besitz nahm, zum Stehen zu bringen, ihm den Weg zu verlegen. Ssemjonow hockte regungslos zusammengekauert und blickte starr in die Flamme der Lampe. Seine dünnen rissigen Lippen waren fest aufeinandergepreßt und von der Seite sah Lande ein glänzendes Auge, in dem sich die gelbe Flamme der Lampe wiederspiegelte. Manchmal kam es ihm vor, daß Ssemjonow gar nicht auf ihn höre; dann wünschte er ihm ins Ohr zu schreien, ihn anzurufen, an der Schulter zu rütteln, voll Trauer und Verzweiflung. Doch mit Entsetzen bemerkte er, daß dieses einsame Leiden taub und verschlossen blieb, wie der Deckel eines eisernen Sarges, der ebenso kühl und stumm ist und ein furchtbares Geheimnis in sich birgt, das ihm allein offenbar ist.
»Wassja, ich weiß doch, du glaubtest!« rief Lande. »Erinnerst du dich, wie glücklich und frei wir waren, als wir von Gott, vom ewigen Leben, von den ewigen Freuden sprachen! ... Warum schweigst du denn, Wassja? ... Sage doch etwas!«
»Höre, Lande ...« erwiderte Ssemjonow plötzlich, ohne den Kopf zu heben, als ob er einen verborgenen Ausdruck seines Gesichts vor ihm verstecken müßte. Er sprach auch nicht wie sonst, oberflächlich und ironisch, sondern mit bemitleidenswerter und ratloser Stimme, mit kindisch schluchzenden Tönen. -- »Ich wollte dir sagen, Lande ... ich möchte gar nicht sterben! ...«
Ein feiner Gram weinte und flehte aus jedem Wort; seine Stimme grub sich scharf in die Ohren.
»Ich möchte nicht, Lande ... Mag alles so sein, vielleicht ... und ich ... komme nur früher als ihr ... zum gemeinsamen Ziel ... Mag auch Gott und alles sein ... aber ... aber ich möchte doch nicht sterben, Lande! ... Um das Leben schmerzt es mich, um dich, um mich, die Sonne, das Gras ... um alles schmerzt es mich. Vielleicht sehe ich es nie mehr wieder ... Lande!«
Lande weinte; dicke Tränen flossen über sein gespanntes Gesicht und die Hände bewegten sich ohnmächtig hin und her.
Ssemjonow schwieg. Dann setzte er sich auf, während er in seinem dünnen, hellen Kinnbart kraute, überlegte ein wenig, und fiel wieder zurück. Sein gerunzeltes Gesicht veränderte sich auf einmal; wurde trocken und gelb.
»Ein Dummkopf bist du, Lande!« sagte er mit einem boshaften Lächeln: »glaubst du denn wirklich, daß all dieses dumme Zeug über Gott irgend eine Bedeutung haben kann, wenn man tatsächlich ans Sterben kommt? ... Es ist ja ganz tröstlich und behaglich, über Unsterblichkeit nachzudenken ... man muß darüber denken, um zu leben. Aber wenn man stirbt und weder vor noch hinter sich irgend einen Gott sieht ... da läßt man sich nicht betrügen ... es hat auch keinen Zweck ... Rede nur nicht weiter! ... Es regt mich bloß auf!«
Die letzten Worte rief er mit dünner und böser Stimme, sein Unterkiefer klappte unaufhaltsam gegen den oberen.
»Da leide ich ... kannst mir glauben, daß ich nicht zum Scherz die Schmerzen habe --« auf sein Gesicht trat ein krummes Lächeln. »Mein Leben ist schon zu Ende, alle Freuden, Sinn ... alles zu Ende! ... Nur das Leiden allein ist geblieben ... Man könnte glauben, hier wäre dein Gott vor allem nötig ... Sonst ist das Leiden sinnlos! ... Aber wo bleibt nun dein Gott? ... Warum zeigt er sich jetzt nicht? ... Wenn ich im Todeskampf liege und meine Beine kalt werden ... vor meinen Augen, bei vollem Bewußtsein kalt werden ... Verstehst du es? ... Ach, auch dann werde ich immer noch nicht wissen, ob es wahr ist, ob es einen Gott gibt! ... Wozu sollte ich es auch wissen.«
Ssemjonows Stimme pfiff und kreischte auf, bohrte sich in die Wände und brach plötzlich ab. Er wurde blaß, sperrte wild die Augen auf, zitterte am ganzen Körper, und mit einem Mal riß ein abgerissenes, feuchtes Husten sein von Angst, Haß und Schmerz verzerrtes Gesicht fast in Stücke.
Lande ergriff ihn und stützte ihn mit zitternden Händen. Ssemjonow rollte ihm seine Augen, ungeheuer vergrößert wie das Leiden selbst, entgegen; er strengte sich noch immer an, weiter zu reden.
»Ah, also was für einen Wert hat dann noch dein Gott!« sagte er, nachdem er aufgeatmet hatte, und schielte erregt auf das Taschentuch, in dem Schleim und Blut klebte. »Für einen lebenden Menschen. Der Mensch erkennt ihn also, falls er überhaupt existiert, nur dann, wenn alles Menschliche in ihm ... alles Lebendige bereits gestorben ist ... wenn der Mensch nicht mehr da ist, nur eine Leiche ist, aber kein Mensch ... Gehe schlafen ... Ich lösche die Lampe aus ...«
Lande antwortete nichts; er fühlte sich unfähig, sein Gefühl und seinen Glauben einem anderen Menschen mitzuteilen, der zwei Schritt neben ihm bitter litt.
Ssemjonow blicke ihn scharf an und lächelte mit selbstquälerischem Genuß.
»Weißt du, worüber ich heute nachgedacht habe, Lande?« begann er in seinem gewöhnlichen Ton, indem er den Mund spitz verzog. »Daß alle Menschen meine Brüder sind und daher wirklich kommen werden, um mir ihre letzten brüderlichen Küsse zu geben ... Nun will ich dir aber sagen,« er strengte sich wirklich an, die Rückkehr des Wutanfalls zurückzuhalten, »daß, wenn mich irgend etwas trösten kann, es nur noch das ist, daß dann alle an mir verrecken werden!«
Er warf sich ins Bett zurück, und, klein, schmächtig, wie ein geschlachtetes Huhn, erstarrte er.
Lande löschte die Lampe aus und legte sich, ohne sich auszukleiden, nieder, das Gesicht in die Kissen gepreßt. In dieser Nacht schlief er nicht ein; sie verstrich für ihn fast unmerklich, als ob er außerhalb jeder Zeit stünde. Ohne Schlaf und Ruhe dachte er darüber nach, daß er selbst nicht weit genug in seinen freudevollen Glauben gedrungen und vertieft war, da er nicht die Kraft hatte, ihn anderen mitzuteilen. Noch litt er selber, wenn auch nur an fremdem Schmerz, noch verlangte er selber nach Gnade, Erlösung und Heilung, wenn auch nur für einen anderen. Zum ersten Mal stieg in ihm der Gedanke auf, daß das Leben für seinen schwachen Geist bunt und sonderlich sei; in seinem Glänzen und Flackern verlor er das wahre Licht. Nur Einsamkeit, konzentriertes Vertiefen in die eigene Seele konnte ihm die Klarheit und Festigkeit im Glauben, die in ihm durch Mitleiden ins Wanken kam, wiedergeben.