Millionen; Der Tod des Iwan Lande: Zwei Novellen
Part 12
Alle wurden still. Ein kalte, fremde Regung, die ihnen aber doch entsetzlich nahe war, richtete sich in ihrem Innern auf. Deutlich klang die leise Stimme Landes, wie eine schwach aufgezogene Saite, als er sprach:
»Aber nicht doch, Täubchen! So soll man nicht über etwas reden, das niemand weiß. Wir werden alle einmal sterben, nicht ich, nicht du allein, nein alle, und wir werden es alle gleich erfahren, ob es ein Ende, ein Unkraut ist, wie du sagtest, oder ein neues Leben. Alle! Fühlst du denn wirklich nichts hinter diesem Wort? Unmöglich kann doch eine solche Kraft von Leiden, Lieben und Denken spurlos verschwinden, einfach als Unkraut aufgehen. Alle fühlen das auch und glauben es, auch du glaubst es. Nur willst du nichts glauben, weil du dich wie ein Kind vor dem Neuen, Unverständlichen fürchtest. Wir kennen doch den Tod nicht, und an ihm ist uns gerade furchtbar, daß wir ihn nicht kennen ...«
Die naive Aufrichtigkeit, die aber in ihrer Einfachheit feierlich wirkte, mit der Lande seine unklaren, in der Luft wogenden Worte sprach, umzog das gequälte Gehirn wie ein unfaßbar weicher Duft, wie ein warmer Strahl, der die Seele liebkost, das gespannte Denken beruhigt, es auf etwas Unbestimmtes und Helles ablenkt, wie zu einer fernen Morgenröte hin. Eine kindlich zutrauliche Hoffnung leuchtete schüchtern in der dunklen Tiefe des zitternden Herzens auf, und ohne sich weiter in Landes Worte zu vertiefen, sie allein mit dem Gefühl aufnehmend, lächelte Ssemjonow ruhiger und heiterer.
»Selig sind, die glauben!« sagte er leicht scherzend. Alle atmeten freier auf und kamen wieder in Bewegung. Das unsichtbare, kalte Gespenst trat leise zurück und nahm seine fürchterlich schwere Hand von ihrem Gespräch.
Ein hochgewachsener Mensch, schwarz wie ein Schatten, kam den Boulevard hinunter; seine langen Beine scharrten über den raschelnden Sand.
»Da ist Firsow,« sagte Lande und rief, ein wenig seine Stimme anstrengend: »Firsow!«
»Wer ist das?« fragte Molotschajew leise.
»So ein Beamter am Kameralhof ...« Schischmarjow machte eine wegwerfende Handbewegung. Er schien auf Lande ärgerlich zu sein.
Der schwarze Schatten blieb langsam stehen.
»Das sind Sie wohl, Iwan Ferapontowitsch?« fragte eine knarrende, hölzerne Stimme mit einem undeutlichen Nebenklang, sodaß man den Ton, der in ihr lag, nicht erkennen konnte.
»Ich,« rief Lande zurück.
Füße schlürften, und der flache Schatten verwandelte sich allmählich in einen langen, dürren Menschen. Firsow kam näher.
»Willkommen bei uns, Iwan Ferapontowitsch, willkommen!«
Mit übertriebener Freundlichkeit setzte er zu sprechen ein und drängte sich über die Füße der Sitzenden hinweg zu Iwan Lande. Es machte den Eindruck, als ob er sich Mühe gab, nach Möglichkeit zu lärmen und begeistert zu sein.
»Passen Sie auf! ... Sie!« bemerkte unfreundlich Ssemjonow.
»Guten Abend, Firsow! Wie geht es Ihnen?« sagte Lande mit festem Händedruck.
»Ja,« antwortete Firsow, die Hände reibend, »wie sollte es mir schon gehen? Dienst und wieder Dienst. -- So geht das ganze Leben! Doch natürlich lebe ich auch im Geiste. Wenn ich in der Kirche bin, da erneuere ich mich.«
Durch seine Stimme klang, während er von seinem Leben sprach, kaum hörbar ein falscher Ton von Selbstbeweihräucherung, als wollte er damit vor Lande prahlen.
»Reich ist Ihr Leben gerade nicht!« bemerkte Schischmarjow mit unverhohlenem Spott.
Mit einer langsamen, fast knisternden Bewegung wandte sich Firsow zu ihm.
»Meinen Sie?« Mit zusammengepreßten Zähnen fügte er hinzu: »Einen größeren Reichtum als die Gemeinschaft mit Gott kenne ich nicht. Sie denken darüber wahrscheinlich anders.«
In seiner Stimme zitterte leise eine versteckte Drohung, doch Schischmarjow blickte ihn verächtlich an und wandte sich ab.
»Tja ...« sagte Firsow gedehnt nach einer Pause. »Iwan Ferapontowitsch, ich hatte neulich hier auf dem Gericht als Geschworener zu tun. Eine ganz interessante Sache kam uns in die Hände. Verstehen Sie, ein Arbeiter war wegen schweren Diebstahls angeklagt ... früher war er hier auf der Dampfweberei als Meister gewesen. Ich glaube, Sie kennen ihn übrigens: Tkatschow heißt er ...«
»Tkatschow?« rief Lande erschrocken. »Das ist ja nicht möglich!«
»Jawohl,« meinte Firsow vergnügt. »Wegen Diebstahls. Die Sache ist an sich eine Bagatelle, aber sein Verhalten ... Denken Sie sich nur: er wollte keinen Verteidiger haben; er plaidierte selbst. >Ich habe gestohlen, natürlich,< sagte er, >aber, meine Herren Geschworenen, wer von Ihnen ohne Sünde ist, der soll mich als erster verurteilen.< Eine Gotteslästerung, im Grunde genommen! Aber doch verstand ich da erst, welche Macht in diesen Worten liegt ...«
»Auf die Worte kommt es hier gar nicht an!« warf Ssemjonow ein.
Firsow sprach in äußerster Entrüstung:
»Nein, gerade auf diese Worte! Nur auf die Worte!«
Und er versuchte unklar auseinanderzusetzen, daß gerade diese Worte wie ein Wunder, als »Gotteswort«, ganz unabhängig von dem Menschen, der sie aussprach, um sie auf sein eigenes, bitteres Leben zu beziehen, »auf die Herzen schlugen«. Aber alles, was er sprach, war so trocken und ohne Leben, daß ihm niemand zuhörte.
Marja Nikolajewna streckte ihren Arm, der in dem weiten, weißen Ärmel wie der Flügel eines großen Vogels aussah, in die Luft und rief fröhlich:
»Der Mond, der Mond geht auf!«
Firsow brach jäh ab und blickte sie gekränkt an.
»Tja, allerdings ... Der Mond ist wahrscheinlich wichtiger!«
»Alles ist wichtig,« sagte Lande beruhigend und lächelte zärtlich.
Aus der tiefen Finsternis lugte hinter dem schwarzen Horizont etwas Rotes hervor und wurde allmählich runder und größer. Im dunklen Wasser glänzten sofort Funken auf, und eine feine, zittrige Brücke von Gold spannte sich geradlinig von einem Ufer zum anderen, wie eine geheimnisvolle, wortlose Aufforderung, in eine neue, azurne Welt hinüberzusteigen.
»Wie schön!« rief Marja Nikolajewna mit voller, begeisterter Stimme, und freudig leuchtete diese frische und kräftige Stimme über den Abhang.
Lande richtete seinen Blick auf sie und schaute auf ihr junges, schönes Gesicht, das mit tiefen Augen an ihm vorbei in die Ferne sah.
»Iwan Ferapontowitsch,« sagte Firsow mit trauriger, knarrender Stimme, während er sich erhob, »wir werden uns gewiß noch sehen ... Jetzt muß ich gehen.«
»Gewiß sehen wir uns noch!« sagte Lande, indem er weich und schwach seine Hand mit den kalten, feuchten Fingern drückte.
Firsow verabschiedete sich schweigend von den andern und ging, die Füße über den Boden schleifend, fort.
»Welch Vergnügen macht es dir, mit dem anzufangen!« Schischmarjow zuckte kühl die Achseln, als er fort war. »Ein Mucker, ein Geizhals ... treibt sich in Kirchen umher und quält zu Hause sein Kind.«
»Er ...«
»Ach, sprechen wir nicht davon, bitte!« fiel ihm Schischmarjow geärgert ins Wort.
Lande lächelte traurig und verstummte.
Der Mond tauchte über der Erde auf und hing rund und schweigsam in der Luft.
»Hier, malen Sie mal so etwas, Molotschajew!« sagte Marja Nikolajewna, ohne den Kopf zu wenden. »Ich werde Sie dann gleich für einen großen Künstler halten!«
Molotschajew blickte schweigend auf den Mond, seine Augen weiteten sich und wurden weicher und tiefer, als ob er etwas Geheimnisvolles und Großes sähe, das für niemanden außer ihm sichtbar war.
Schischmarjows Augen folgten ihm mit verächtlicher Aufmerksamkeit.
»Gleich wird er es malen!« Er wandte sich an Lande und fing eilig, scharf und besorgt an, zu sprechen. »Lande, wir hatten auf der Werschilowschen Mühle folgende Geschichte: Werschilow wollte seinen Arbeitern faules Fleisch geben, und da haben sie ihm die Fenster eingeschlagen und den Geschäftsführer durchgeprügelt ... Zweiundzwanzig Mann sind verhaftet.«
»Na, Lande, hatten die Leute recht?« fragte Ssemjonow mit gutmütiger Ironie.
»Ja ...« antwortete Lande fest.
Ssemjonow stieß einen unbestimmten Laut aus und wurde düster.
»Ihre Familien sind in einer entsetzlichen Lage ... Eine furchtbare Geschichte!« Schischmarjow schüttelte den Kopf. »Wir haben hier einiges für sie getan, -- -- aber ...!«
Alle schwiegen. Lande blickte auf den Boden und bewegte ein wenig seine dünnen Finger.
Ssemjonow hustete leise; der Schall hallte deutlich über dem Abhang wider. Unmerklich, wie auf Schleichfüßen, stieg der Mond über etwas Schwarzem, Unbegreiflichem immer höher und höher; je höher er stieg, desto begreiflicher und heller wurde dieses Schwarze, und bald lag das gegenüberliegende Ufer klar, wenn auch gespensterhaft, vor ihnen, und weiße Nebelstreifen wurden auf den Wiesen sichtbar. Auch aus dem Flusse hob sich der gleiche, kalte Nebel, und weiße, schweigsame Schatten begannen über das kalte, tiefe Wasser zu gleiten.
Feucht und kalt wurde es. Ssemjonow knöpfte seinen Paletot zu, stülpte sich die Mütze tief über den Kopf, sodaß seine Ohren tief in ihr steckten, und stand auf.
»Ich muß nach Hause ...« sagte er. »Es wird kalt ... Und du, Ssonja, kommst du mit?«
»Nein,« antwortete nachdenklich ein Mädchen, so dünn wie ein Grashalm, das die ganze Zeit unbeweglich dicht über dem Abhang gesessen hatte.
»Wie du willst ...« sagte Ssemjonow gleichgültig mit trüber Stimme. »Es ist kalt ... Komm mal zu mir, Lande!«
»Gut!«
»Auf Wiedersehen!«
»Was?« fragte Molotschajew mechanisch.
»Der Maler ist in Gedanken versunken! Auf Wiedersehen!«
Ssemjonow bückte sich krankhaft und ging langsam den Boulevard entlang.
»Höre, Ljonja ...« meinte Lande plötzlich langsam; es war merkbar, daß er die ganze Zeit darüber nachgedacht hatte. »Man muß diesen Menschen helfen ...«
»Ja, was möglich war, ist getan worden. Es gibt kein Mittel« antwortete Schischmarjow.
Lande stand auf.
»Weshalb keine?« sagte er nachdenklich. »Du mußt morgen zu mir kommen ... Ich gehe jetzt. Meine Mutter wartet auf mich.«
Es wurde bald sehr kalt. Die Erde wie der Himmel, das Wasser, die Gesichter der Menschen -- alles wurde hellblau und schien durchsichtig und kühl zu sein, wie blaues Eis. Schischmarjow ging mit Ljonja nach der einen Seite, Lande, Molotschajew und Marja Nikolajewna nach der anderen.
II
»Ich werde nach Ihnen einen Akt malen!« sagte Molotschajew, während er sich nahe an das Gesicht Marja Nikolajewnas, das hell vom Mond bestrahlt wurde, neigte.
»Warum nicht gleich zwei!« lachte sie, und ihre Augen funkelten vor fröhlichem Vergnügen.
Lande hob den Kopf, sah sie an und sagte:
»Das ist gut ...«
Er wollte ihnen sagen:
... Das ist gut, daß ihr beide so jung, so schön und daß ihr so ineinander verliebt seid! Er sprach aber nicht weiter und lächelte nur.
»Was wollen Sie also für die Arbeiter tun?« Marja Nikolajewna erinnerte sich an Landes Worte und machte ein ernstes Gesicht.
Lande schlug leise die Hände auseinander.
»Auch nichts besonderes ... nur so, für die allererste Zeit ... ich habe Geld ...«
Molotschajew blickte ihn an. -- Von diesem mondbeleuchteten, mageren, gar nicht schönen Gesicht mit den großen, herrlichen Augen wehte eine schlichte und unentwegte Entschlossenheit auf den Maler hinüber. Ein Gefühl unangenehmen, unbestimmten Neides regte sich in Molotschajew, als ob sich in der Tiefe seiner Seele irgend ein versteckter, trüber Geist unter einem Lichtstrahl zusammenzöge.
»Wollen Sie es hingeben?« fragte er, mit einem mißtrauischen Zug um die Lippen.
»Ja,« antwortete Lande.
»Das ganze Geld?« fragte Molotschajew wieder, als hörte er einen schlechten Scherz.
»Ich weiß wirklich nicht, mein Täubchen ...« antwortete Lande gutmütig, dabei selbst überlegend, als ob er sich mit ihnen beratschlagte. »Vielleicht auch das ganze ... je nachdem es notwendig ist.«
»Und Sie ... haben Sie viel Geld?« sagte Molotschajew mit verstellter Ironie ... Er macht sich originell! dachte er, wurde aber sofort ärgerlich, weil er fühlte, daß er nur aus Neid die Unwahrheit dachte.
Marja Nikolajewna sah Lande aufmerksam an.
»Ich habe ...«
Lande strich die Mütze zurecht und fuhr ruhig fort: »Nicht sehr viel ... ich habe vier Tausend.«
Und wieder mußte Molotschajew denken:
... Hat doch eine wirkungsvolle Pause gemacht!
Dann blickte er zufällig auf Marja Nikolajewna und vergaß an Lande.
»Sie haben ein Gesicht wie aus einem Stuckschen Gemälde wenn Sie lachen oder wenn Sie nachdenklich werden!« sagte er mit begeisterter, aufrichtiger Stimme, und seine Augen glänzten freudig.
Marja Nikolajewna lachte; ihre weißen Zähne schimmerten unter dem Mondlicht für einen Augenblick hell und geheimnisvoll zwischen den scharfumrissenen, halbgeöffneten Lippen. Lande blickte sie an und sah, daß ihr Gesicht in der Tat weiß und kräftig, zart und brutal war, wie auf einem Gemälde von Stuck. Und sie war auch sonst so hochgewachsen, schlank und kräftig; ein frischer und erregender Duft strömte von ihr aus.
»Wollen Sie ihnen wirklich gleich alles geben?« fragte Marja Nikolajewna Lande und versuchte ihr Gesicht vor Molotschajew zu verbergen.
»Gleich alles geben!« lächelte Lande freudig und zärtlich ihrer Schönheit und ihren klaren Augen zu.
Auch seine Stimme war so ruhig und innig, daß Marja Nikolajewna für einen Augenblick nachdenklich wurde. Irgend eine warme und sanfte Saite hallte feinfühlig im Innern ihrer Seele wider.
... Reizend ist er und ganz eigenartig ... Ein Seliger. Sie erinnerte sich wie Ssemjonow einmal Lande genannt hatte ... Nein, er ist kein Seliger.[4]
Sie wünschte, daß er es nicht wäre. Nicht weil er vor ihr stand. Aber in dieser Nacht stieg das Verlangen in ihr auf, daß jenes Machtvolle und Schöne, das im Mondenschein, im gestirnten Himmel, in der feierlich-ruhig schlafenden Erde um ihr war -- jetzt auch, im Lebendigen und Bewußtsein schlicht und einfach aufleuchte.
»Ich muß hier ...« Lande war unschlüssig. Er wäre am liebsten mit ihnen zusammengeblieben.
»Adieu!« Molotschajew reichte ihm kühl und hastig die Hand.
Lande überlegte; dann ging er still lächelnd fort.
... Laß sie schon ...! sagte er sich; seine Seele wurde weit und gerührt, als umarmte er die ganze Welt.
Marja Nikolajewna ging lange schweigend neben Molotschajew; feierliche Stille schien auch ihre Seele zu überwältigen.
»Dieser Lande ist wohl übergeschnappt!« meinte Molotschajew. »Ein Narr ... Vielleicht nicht mal ein Narr, ganz im Gegenteil!« fügte er mit einer Grimasse hinzu; doch plötzlich fuhr er nachdenklich fort:
[Fußnote 4: Im Volksmund die Bezeichnung für religiös überspannte Personen.
D. Übers.]
»Sein Gesicht ist nicht schön, aber sehr interessant.«
»Sie wissen nur von Ihrer Kunst etwas; -- nichts mehr!« sagte Marja Nikolajewna, lachte halblaut und wandte ihr Gesicht dem Mond zu.
»Nein, ich sehe alles Schöne!« erwiderte Molotschajew, wobei er in diese unbedeutenden Worte einen besonderen Sinn legte, der aber ihr nahe und verständlich war.
»Und außer dem Schönen?«
»Weiß es der Teufel! Wohl nichts!« Molotschajew zuckte die eine Achsel.
Marja Nikolajewna lachte. Unter der weißen Bluse hob sich durch das Lachen ihre Brust; sie sah bei dem Mondenschein, scharf umrissen von tiefen, feuchten Schatten, fast nackt aus.
Mit weitgeöffneten Augen schaute Molotschajew sie an; es trieb ihn gebieterisch zu ihr. Er beugte sich nieder und sah von der Seite ihre dunklen, glänzenden Augen, die nicht auf ihn blickten, die wortlos zu warten und etwas geheimnisvoll zu verheißen schienen.
Es war still. Nur irgendwo fern hinter den düsteren und kalten Häusern schlug einmal ein kleines Hündchen an.
Eine seltsam gespannte Erregung steckte in allem.
»Leben möchte ich!« sprach Marja Nikolajewna erst leise, aber ihre Stimme wurde wie von selbst lauter und stärker. »Etwas tun möchte ich, lieben möchte ich ...«
Plötzlich brach sie in unerwartetes klingendes Lachen aus. »Auf den Mond springen möchte ich, wie es Schischmarjow nennt!«
»Schlafen, schlafen gehn!« fügte sie mit singender Stimme hinzu. »Das ist es! Auf Wiedersehen!«
»Auf Wiedersehen ...« antwortete Molotschajew immer noch zitternd und seufzte tief auf.
Sie standen schon an der Pforte zu ihrem Haus.
»Auf Wiedersehen!«
Leichte Schritte klangen hinter dem Zaun. Irgendwo schnappte einmal und ein zweites Mal ein Schloß; man hörte, wie die Tür schwer nach innen nachgab, jemand schläfrig irgend etwas fragte, und wieder alles still und leer wurde.
Molotschajew ging lange durch die leeren, vom Mondlicht überschwemmten Straßen, sah auf die ferne Mondesscheibe und dachte an nichts, obwohl er voller Freude war.
III
Als Lande nach Hause kam, saß seine Mutter am Tisch; sie wartete augenscheinlich schon lange mit dem Abendbrot auf ihn.
Zu Hause war es seit dem Tode ihres Mannes leer und öde; sie tat sich selber leid. Ihr schien, daß alles in der Welt zu Ende, gestorben sei; ihr Leben war durch eine dunkle und verhängnisvolle Macht in zwei gleiche Hälften gespalten worden. Das, was früher in ihm langweilig und schwer gewesen war, vergaß sie und sah hinter sich furchtbar weit, alles nur freudig und warm, wie von hellem, wärmenden Licht durchströmt. Jetzt aber blieb es kalt und leer. Nur wenn sie an den Sohn dachte, flimmerte etwas Lichtes vor ihr auf, und sinnvoller wurde alles, was sie tat.
»Wanja?« fragte sie leise hinter der Lampe.
»Ich bin es, Mütterchen!« antwortete Lande, warf seine Mütze auf den Tisch, ging auf sie zu und setzte sich neben sie, den Kopf gegen ihre volle, aber nicht mehr elastische Schulter, die warm wie eine Ofenbank war, gelehnt. Sie streichelte ihn über den Kopf, über die lockeren, sehr weichen und hellen Haare und dachte, daß ihre ganze Zukunft und Freude, ihr Glauben und Sinn, ihr ganzes unbegreifliches, fürchterliches Leben nur noch in diesem Sohne ist.
»Willst du essen?« fragte sie und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»Ja.« Lande fing an, ihre volle Hand mit den kurzen, verschrumpften Fingerchen still und zärtlich zu küssen.
»Mein lieber Junge!« sagte die Mutter mit Tränen in den Augen.
»Mutter, was hat uns Vater eigentlich hinterlassen. Alles in allem?«
Die Mutter war über die Frage nicht im geringsten verwundert, weil Lande darüber klar sein mußte, ob er weiter studieren könnte oder nicht.
»Nicht viel, Wanja ...« sagte sie traurig, während sie an etwas anderes dachte. »Hier das Haus, und dann die Pension hat man mir, Gott sei Dank, nicht zu schlecht bewilligt. Aber an Bargeld haben wir nur vier Tausend.«
»So dachte ich es auch. Das Haus und die Pension gehören dir selbstverständlich, Mama, und das Geld, erlaube, daß ich es jetzt nehme -- ich brauche es ...« Lande empfand im gleichen Augenblick, daß ein schweres, banges Gefühl seine Seele durchströmte.
»Ah ja ... nimm, nimm es ... es ist dir ja auch vermacht worden ...«
Die Mutter sah Lande nachdenklich an und strich mit der Hand über sein Haar.
»Was willst du denn damit anfangen?« fragte sie still und zärtlich, ihm wie einem Kind zulächelnd.
Nicht für einen Augenblick kam Lande der Gedanke, ihr es zu verschweigen. Er sah ihr in die Augen schlicht und klar, sein Gesicht wurde heller, und er antwortete freudig:
»Ich will es den Familien der Arbeiter geben, die Werschilow auf die Straße geworfen hat.«
»Was?« fragte die Mutter. Sie lächelte und sagte: »Ein Dummchen bist du, ganz ein Kind, obgleich du schon einen tüchtigen Bart hast.«
Lande lächelte traurig und schwieg.
»Mach aber nicht etwa Ernst damit! Von dir wäre es schon zu erwarten!« sagte sie, plötzlich mit einer ganz anderen, mit banger und warnender Stimme. Doch ehe sie noch zu Ende gesprochen hatte, sah sie an seinen klar und fast zu weit geöffneten Augen, daß er es wirklich im Ernst meine. Eine Minute schwieg sie und starrte ihm erschrocken ins Gesicht, dann meinte sie, mehr um sich zu beruhigen: »Unsinn! Und was wird denn aus dir selber?«
»Irgendwie wird es sich machen ...« sagte Lande traurig. Er fühlte, wie eine unübersteigbare, eisige Mauer unsichtbar zwischen ihnen aufstieg.
»Unsinn!« wiederholte die Mutter hartnäckig, als ob sie sich gegen etwas Feindseliges und Böses wehren müsse. Und tatsächlich waren auch seine Absichten für sie unannehmbar, weil dadurch alles in Nichts aufgelöst wurde, womit sie ihr langes, emsiges Leben aufgebaut hatte.
Er antwortete nicht mehr. Er schwieg und fühlte, wie sich ein blutender Fetzen aus seinem Herzen riß.
Als er nachts im Bett lag, dachte er:
... Was tun? Die Mutter wird es nicht verstehen und nicht verstehen wollen. Es wird für sie ein furchtbarer Schlag sein; aber ich kann nicht anders ... Wir würden uns einander in den Weg stellen, und da ich sie liebe, müßte ich ihr nachgeben. Und das darf nicht sein! Also muß ich von ihr fort ...
Ein heißes Gefühl entstieg diesem Entschluß; doch in der dumpfen Finsternis verlöschte es sofort wieder; er empfand sich plötzlich einsam, von allem losgerissen. Zum ersten Mal in seinem Leben sollte er die Verbindung mit einem unendlich geliebten Menschen abbrechen; es schien ihm unsagbar schwer, er bangte sich davor. Da sah er plötzlich den todkranken Ssemjonow auf sich zukommen; eine unerklärliche Erregung durchwühlte ihn.
... Hier liege ich nun, dachte er, allein mit der Überzeugung, daß ich alles zerbreche, daß ich Kummer und Schmerz zufügen muß; und vielleicht ist dennoch ... trotz allem ... nichts weiter um mich, nichts vorhanden, nur Leere, unendliche Leere ... Da sind irgendwo Sterne, nichts als Sterne! Und ich bin nicht einmal ein Sandkorn, viel weniger, unendlich weniger, mein Leben ist in der Ewigkeit kaum ein Augenblick, fast als ob es gar nicht existierte ... Und ich lebe, glaube, gebe selbst von meinem Leben ab ... Was tue ich denn?
Die Haare bewegten sich auf seinem Kopfe, das eine Bein zitterte unaufhörlich. Für einen Augenblick glaubte er, in irgend einer kalten, toten und majestätisch-furchtbaren Leere zu hängen. Unten und oben, alles ist dunkel und leer. Dann erinnerte er sich an ein Kätzchen, das ein Kutscher Werschilows in seiner Gegenwart am Genick packte, hoch hob und dann gegen den Boden schleuderte. Das Kätzchen war auf der Stelle tot. Ihm kam es vor, als ob er selbst, am Genick gepackt, in der Leere hänge, dem Tode nah, und hilflos seine Glieder bewege. Und gleich wird er niedergeschleudert werden, ein donnernder Schlag trifft ihn, und alles wird still, unbeweglich, dunkel sein. Das Gefühl der Einsamkeit wurde für seine überreizten Nerven unerträglich; es trieb ihn, von jemandem zu hören, daß er nicht in dieser Welt, die riesig wie eine Ewigkeit ist, allein sei.
Krampfhaft warf Lande den Kopf zurück. Seine aufgerissenen Augen starrten gespannt in einen schwarzen Abgrund, der sich vor ihm auftat, sein ganzes Wesen zerfloß in überquellender Verzückung; unwillkürlich begann er, zu einem zu beten:
... Herr, Herr ... Herr Gott ...
Seinen Kopf durchwirbelten in unglaublichem Chaos Gedanken, flimmerten, schlugen zusammen, verwickelten sich ineinander; alles in ihm ging in dem Gebet auf. Ihm kam nichts als diese Worte in den Kopf; in ihnen drängte sich sein ganzes Selbst zusammen, und in dem Übermaß der Spannung, die bis an die Grenzen des Ertragbaren ging, wuchs etwas Machtvolles, Großes, das unmöglich zwecklos sein konnte, heran.
... Herr, Herr!
Und er fühlte, daß ihm jemand zuhöre, gebieterisch und ruhevoll.
Plötzlich begann in dem Wirbel der Gedanken, unerwartet, unbewußt für ihn selbst, ein einziger Gedanke hervorzutreten, zu erstarken und aufzuleuchten.
... Ich bete, während ich in einem warmen Bett liege; und die Arbeiter Werschilows schlafen jetzt nach einem schweren, auswegslosen Tag auf kahlem Fußboden ...
Er blieb etwas stehen und lauschte erwartungsvoll, in ihm und um ihn. Alles war still, gespannt still, und Lande vernahm jeden seiner schweren und krampfhaften Atemzüge.
... Ja, was soll denn daraus werden? Was soll ich tun? fragte er den in ihm um Rat. Und tief in seiner Seele entstand, erst unmerklich, dann immer stärker und klarer, der abgerissene Wunsch, aufzustehen und sich auf den kalten Boden zu legen.
... Doch darauf kommt es ja nicht an! sagte er sich.
Der Trieb wurde immer größer, überwältigend groß und fing an, ihn zu quälen.
... Herr! er versuchte dagegen anzukämpfen und wieder zu beten, aber der Aufschrei hallte leer und tot in seiner Seele wider.