Michelangelo Gedichte Und Briefe In Auswahl Herausgegeben Von R
Chapter 6
Kunstreicher Meister Michelangelo! -- Euer Brief war gewissermassen eine Antwort auf den meinigen; dies ist der Grund, weshalb ich Euch noch nicht antwortete. Dann dachte ich auch, wenn wir beide wie bisher in unserem Briefwechsel fortfahren wollten, wie es Euch Eure Liebenswürdigkeit und mir die Pflicht der Dankbarkeit vorschreiben, so könnte ich mich nicht mehr zu den vorgeschriebenen Stunden mit den Schwestern in der Kapelle der heiligen Katharina einfinden, und Ihr könntet nicht in der des heiligen Paulus vom frühen Morgen an den Tag in vertrauter Unterredung mit Euren Gemälden verbringen, die doch zu Euch in der natürlichen Sprache ihrer Linien ebenso verständlich reden, wie zu mir die lebendigen Menschen meiner Umgebung: und so würde ich gegen die Bräute und Ihr würdet gegen den Statthalter Christi fehlen. Ich kenne die Treue Eurer Freundschaft und die Kraft Eurer in christlichem Geiste gefestigten Zuneigung und denke darum, ich brauche Euch nicht durch eigene Briefe den Empfang der Euren zu bestätigen. Vielmehr will ich mich bereit halten und die erste Gelegenheit erwarten, um Euch gewichtigere Dienste zu leisten. Unterdessen bitte ich den Herrn, über den Ihr mir bei meiner Abreise Worte so glühender und demütiger Liebe sagtet, er möge mich bei meiner Rückkehr in Eurem Herzen sein Bild erneuert und so glaubenslebendig finden lassen, wie Ihr es mir auf dem Bild der Samaritanerin gemalt habt.
Euch und Eurem Urbino empfehle ich mich.
Eure ergebene
Marchesa di Pescara.
5.
[_Rom_, 1538-41 oder 1545-46.]
Der Ruhm, den Eure Kunst Euch schafft, ist so gross, dass Ihr vielleicht geglaubt hättet, weder die Zeit noch irgend ein Ereignis könnte ihm den Tod bringen, wäre nicht jener Strahl göttlichen Lichtes Euch ins Herz gedrungen, und Euch offenbar geworden, dass jeder irdische Ruhm stirbt und lebte er noch so lange. Wenn Ihr darum aus Euren Bildwerken die Güte dessen erkennt, der Euch zum einzigen Meister in dieser Kunst machte, werdet Ihr auch verstehen, dass ich nur dem Herrn für meine schon fast toten Schriften danken kann, denn dichtend beleidigte ich ihn weniger, als ich in meinem Müssiggang jetzt tue. Ich bitte Euch darum, nehmt diesen Ausdruck meiner Gesinnung als Unterpfand künftiger Werke an.
Eure ergebene
Marchesa di Pescara.
ANMERKUNGEN.
Die Erläuterungen beschränken sich auf die notwendigsten biographischen und historischen Notizen. Zur leichteren Orientierung ist eine kurze Skizze von Michelangelos äusserem Leben vorangestellt.
Er wurde am 6. März 1475 im Städtchen Caprese (Toscana) geboren, wo sein Vater Lodovico das Amt eines Podestà bekleidete. Nach Ablauf seiner Amtszeit kehrte dieser nach Florenz zurück. Ursprünglich für das Gewerbe der Seidenweberei bestimmt, setzte Michelangelo seine Neigung durch und kam in die Werkstatt des Ghirlandajo. 1489 wurde er in Lorenzo des Prächtigen Bildhauerschule, 1490 in dessen Hausgemeinschaft aufgenommen und genoss den Verkehr mit dem um den Magnifico versammelten Gelehrten- und Künstlerkreis. (Madonna an der Treppe, Centaurenkampf.) 1492 starb Lorenzo, 1494 wurde sein Nachfolger Piero vertrieben. Michelangelo war schon vorher nach Venedig, darauf nach Bologna gegangen. Er blieb dort ein Jahr, und kehrte dann nach Florenz zurück, in dem Savonarola an der Spitze des Volkes stand. (Giovannino, schlafender Amor.) 1496 kam er nach Rom, wo er sich bis 1500 aufhielt. (Bacchus, Pietà.) 1501 war er wieder in Florenz. (1501-04 der David, 1504 der Karton zur Pisanerschlacht.) 1505 wurde er von Julius II. nach Rom berufen und mit der Errichtung von dessen Grabdenkmal beauftragt. Bis Ende 1505 war er in Carrara (Madonna von Brügge) mit der Zurichtung des Materials beschäftigt und ging dann nach Rom. 1506 entstand ein Konflikt mit dem Papst, und Michelangelo floh aus Rom auf Florentiner Gebiet. Lange Bemühungen Julius' vermochten ihn nicht zur Rückkehr zu bewegen. Erst als dieser 1506 Perugia und Bologna unterworfen hatte und sich in letzterer Stadt aufhielt, erreichte eine erneuerte Aufforderung an die Regierung von Florenz ihren Zweck. Michelangelo begab sich nach Bologna und söhnte sich mit dem Papste aus. 1507-08 schuf er dort die Erzstatue Julius' und ging dann nach einem kurzen Aufenthalt in Florenz nach Rom, in der Hoffnung, jetzt das Juliusgrab ausführen zu können. Der Papst nötigte ihn aber zur Ausmalung der Sixtinadecke. (1508-12). Nach deren Vollendung durfte er sich den Arbeiten am Grabmal wieder zuwenden, und Julius beauftragte seinen Notar und den Kardinal Grossi, für die Ausführung zu sorgen. 1513 wurde Giovanni de Medici als Leo X. Papst. Noch im gleichen Jahr wurde durch einen Vertrag das Grabmal sichergestellt. (Die zwei Gefangenen, der Moses.) 1516 musste Michelangelo sich eine Einschränkung des Planes gefallen lassen; ein neuer Vertrag bestimmte das Jahr 1525 als letzten Termin und gestattete ihm, auch in Florenz oder Carrara daran zu arbeiten. Aber schon 1516 sah sich der Meister trotz seines energischen Widerstands genötigt, für Leo X. den Bau der Lorenzofassade in Florenz zu übernehmen. Die Arbeit kostete ihn vier Jahre und verlief ohne jedes Ergebnis, da besonders endlose Verordnungen und Intriguen die Lieferung des Materials verhinderten. 1520 wurde er von dem Auftrag befreit und widmete sich wieder dem Grabmal, musste aber 1520/21 im Auftrag des Kardinals Giulio de Medici mit Vorarbeiten für die Mediceergräber beginnen. Das Schwanken des Kardinals und Geldschwierigkeiten zogen die Ausführungen hinaus. 1523 wurde Giulio Papst (Clemens VII.) und nun gingen die Arbeiten besser voran, obwohl Michelangelo sich fortwährend mit dem Gedanken an das unvollendete Juliusgrab quälte. Der Papst beruhigte ihn etwas, und die Erben Julius' II. wagten nicht mit Forderungen aufzutreten. 1525 machten sie ihre Ansprüche doch wieder geltend und die Verhandlungen zogen sich durch die nächsten zwei Jahre hin. 1527 wurde Rom geplündert; die Republikaner in Florenz standen auf und richteten ihre Regierungsform ein. 1529 musste die Stadt sich gegen Clemens und die Kaiserlichen rüsten, und Michelangelo wurde zum Leiter der Befestigungsarbeiten ernannt. 1530 ergab sich die Stadt, und Alexander de Medici wurde als Herzog eingesetzt. Michelangelo erhielt vom Papst für seine Sicherheit Gewähr und nahm die Arbeit an den Mediceergräbern wieder auf, aber stets verfolgt durch den Gedanken an das Juliusgrab. Endlich, 1532, ging er auf Anraten des Papstes nach Rom, um die Angelegenheit zu ordnen, und es kam ein Vertrag zustande, nach dem das Denkmal in S. Pietro in Vincoli in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgestellt werden sollte. Michelangelo solle zugleich in Florenz arbeiten dürfen. Zur selben Zeit erhielt er den Auftrag zur Ausmalung der Sixtinawände und fertigte den Entwurf zum letzten Gericht. Als er 1534 Florenz verliess, geschah es für immer. Clemens starb; dadurch war ihm der mächtige Beschützer gegen Alessandro, der ihn hasste, genommen, und er fühlte sich in seiner Heimatstadt nicht mehr sicher. Die Mediceergräber blieben unvollendet; der ihm befreundete Vasari sorgte für die Anordnung der Teile, die fertig geworden waren. Auch jetzt sollte es noch nicht zur Vollendung des Juliusdenkmals kommen. Paul III. nötigte den Meister zur Ausführung des letzten Gerichts. 1535-41 arbeitete er daran. Erst 1545, nach einem letzten Vertrag mit dem Erben Julius' II., konnte Michelangelo das Werk zu Ende bringen. Unterdessen liefen von 1542-49 die Malereien in der Capella Paolina, im Auftrag vom Papst Paul. Seine letzte grosse Arbeit war die Leitung des Baues von St. Peter, die 17 Jahre, von 1547 bis zu seinem Tode am 15. Februar 1564 in seinen Händen lag.
* * * * *
ZU DEN GEDICHTEN.
Die äusseren Ereignisse in Michelangelos Leben hatten für sein Dichten keine grosse Bedeutung. Gelegenheitsgedichte finden sich nur in sehr geringer Zahl in seinem Canzoniere. Einige an Rom und Florenz, an den Papst, einige an Freunde, Dank oder Entgegnungen -- und selbst von diesen scheinen mehrere langgetragene Gedanken zu enthalten, die nur bei einem bestimmten Anlass ihre Form fanden.
Ein tieferer Zusammenhang wird wohl zwischen seinen bildnerischen Werken und seinen Dichtungen bestehen, und es würde Gegenstand einer besonderen Untersuchung sein müssen, Parallelen in der Entwicklung von Gedanken und Form auf den verschiedenen Gebieten seines künstlerischen Schaffens aufzuzeigen.
Von grossem Einfluss für sein Dichten waren die Menschen, die er liebte: Die Unbekannten, an die er die Liebesgedichte vor und nach der Colonnazeit mit ihren wechselnden Stimmungen richtete, Febo di Poggio (vor 1534, als er Florenz für immer verliess), Cecchin Bracci, und vor allem jene beiden, die die schönsten seiner Gedichte werden liessen, Tommaso Cavalieri und Vittoria Colonna.
Zwischen und in den so entstehenden grossen Gruppen liegen einzelne Dichtungen von, man möchte sagen, objektiverem Charakter, soweit hiervon bei einem Michelangelo überhaupt die Rede sein kann. So der Gesang der Toten, die Epitaphien, die Stanzen auf Stadt und Land, die Sonette auf die Nacht und jene zwei auf Dante, in denen er wie mit Autorität über seinen grossen Landsmann spricht.
Für sich steht die lang vorbereitete Gruppe der letzten Jahre. Diese Gedichte sind zum grossen Teil an Christus gerichtet, und die Ideen der Schuld, der Reue, des Ringens nach Erlösung finden in ihnen oft wundervollen Ausdruck.
Die meisten seiner Dichtungen entstanden, indem lange in ihm arbeitende Gedanken sich endlich zur Formung durchrangen, oder es ihm unter dem Eindruck von Persönlichkeiten oder Ereignissen gelang, sich, sein Streben und Sehnen auszusprechen. Dann lösten sie sich aus diesem Zusammenhang los und wurden immer mehr Gegenstand rein künstlerischer, unermüdeter Arbeit. Mit Freunden wurden sie durchgesprochen, beurteilt, Version auf Version entstand, Zeile auf Zeile wurde variiert, bis der Dichter, befriedigt, vielleicht das Gedicht mit seiner schönen, malenden Schrift noch einmal abschrieb. Oder aber es wurde noch nach Jahren wieder hervorgeholt und umgearbeitet. Andere blieben Fragment; entweder war die Stimmung erschöpft, oder der Dichter vermochte ihr keine volle Form zu schaffen, liess das Begonnene liegen und versuchte es vielleicht in einem neuen Anlauf. --
Wenn nun hier die Gedichte unter bestimmte Adressen gesetzt sind, so will damit nicht gesagt sein, dass Michelangelo sie alle ausdrücklich an die betreffende Persönlichkeit gerichtet habe, sondern dass sie unter ihrem Einfluss entstanden und tatsächlich auch oft an sie gelangt seien. --
Wortschatz und Bilder nahm er aus der literarischen Sprache seiner Zeit. Besonders Petrarca und Dante, den er wohl wie kein zweiter mit kongenialem Geiste verstand, haben stark auf ihn gewirkt. Eben aus ihnen und durch den Verkehr mit den Gelehrten am Hofe Lorenzos wurden ihm auch die Gedanken der platonischen Philosophie vertraut. In ihnen fand er die Formeln für sein eigenes Suchen nach dem Ewiggültigen, und sie sind so tief durch sein Wesen gegangen, dass sie ganz als sein Eigentum gelten müssen. Vollends in jenen Dichtungen, in denen er die Bilder aus "seiner" Kunst, der Plastik, nahm, schuf er völlig Neues. Und diese Bilder sind gerade da am häufigsten, wo er in vollendetster Form sein Sehnen nach der Vollkommenheit ausspricht, in den Gedichten an Vittoria. --
Der Gedankengang dieser Auswahl ist etwa dieser: einige Gedichte an Florenz, den Papst; Gelegenheitsgedichte; leichtere Liebesgedichte; Dank und Freundschaft; einige Dichtungen "objektiveren" Inhalts; tiefere, persönlichere Liebesgedichte; Vittorias Tod; für Michelangelos Kunstauffassung bedeutsame Gedanken; Suchen nach ewiger Schönheit (Cavalieri); die Nacht, der Gesang der Toten; der Vollkommenheitsgedanke (Vittoria); endlich die geistlichen Dichtungen, Schuld, Reue, Tod, Erlösung.
Den Übersetzungen liegt der Text von Guasti zugrunde; es wird deshalb in den Anmerkungen auf ihn verwiesen (G. p. = Cesare Guasti, Le rime de Michelangelo Buonarroti ... Firenze MDCCCLXIII, Seite ... ). Sonst hätte die neuere Ausgabe von G. Frey, Die Dichtungen des Michelagniolo Buonarroti, Berlin 1897, angezogen werden müssen. Auf ihren sehr umfangreichen kritischen Apparat stützen sich hauptsächlich die Anmerkungen zu den Gedichten, ebenso die Zuweisung der Dichtungen an die betreffenden Adressaten. --
In den Übersetzungen von Sophie Hasenclever wurden einige kleine Änderungen da vorgenommen, wo das Original nicht sinngerecht wiedergegeben schien.
1. G. p. 303. -- Capitolo, Fragment, wahrscheinlich 1524-26, in Florenz. Die Auffassung des Gedichtes schliesst sich an die H. Grimms an. In jener Zeit arbeitete Michelangelo in Florenz an den Grabdenkmälern der Medici. Die Unbeständigkeit seines Auftraggebers, Clemens VII., der seine Arbeiten durch andere Pläne unterbrach und auch über die Ausführung der Gräber öfter seine Ansichten wechselte, Zwistigkeiten mit seiner Familie, Schwätzereien der Florentiner, Verdächtigungen und Intriguen seiner Feinde brachten ihn in diese Stimmung, in der ihm die Stadt wie eine grausame, spottlustige, launische Geliebte erschien. (Vgl. Grimm, "Fiorenza", Pr. Jahrb. Bd. 47, p. 319ff.). -- Frey hält das Capitolo für ein Liebesgedicht, eine von vier Versionen, die 1546 von Michelangelo zu einem Madrigal (G. p. 100) verarbeitet wurden.
2. G. p. 3. -- Epigramme, 1545. -- 1492 war Lorenzo il Magnifico gestorben. Auf ihn folgte sein Sohn Piero II. 1494 zog Karl VIII. von Frankreich über die Alpen, um seine Ansprüche auf Neapel geltend zu machen. Nun hatte Piero mit Alfons II. von Neapel Beziehungen angeknüpft und war so dem Angriff des Franzosen ausgesetzt, zumal auch Lodovico il Moro Karl gegen Florenz hetzte. In der Gefahr verlor er alle Fassung und lieferte schon in den ersten Verhandlungen die Festungen des Landes aus. Die entrüsteten Florentiner vertrieben ihn bei seiner Rückkehr aus der Stadt, die nun in die Hände der Franzosen fiel. Es folgte die Zeit Savonarolas, der 1498 gestürzt wurde. Die 1495 eingerichtete republikanische Regierungsform musste wieder fallen, als 1512 Julius II. Giovanni und Giuliano de Medici, die Brüder Pieros II., in die Stadt zurückführte. Giovanni wurde 1513 als Leo X. Papst; auf ihn folgte Giuliano und dieser gab bald seine Herrschaft an Pieros Sohn Lorenzo II. Nach ihm Giulio, der 1523 als Clemens VII. den päpstlichen Thron bestieg, die Herrschaft über Florenz aber mitbehielt. Als 1527 Rom durch die kaiserlichen Truppen erobert und geplündert wurde, machten in Florenz die Republikaner den Versuch, die frühere Regierungsform wieder herzustellen, aber das vereinigte Heer der Kaiserlichen und des Papstes zwangen die Stadt nach zehnmonatlicher Belagerung (Michelangelo war bei der Befestigung tätig) zur Übergabe (1530). Zur Herrschaft kam Lorenzos II. natürlicher Sohn Alexander, der 1537 durch seinen Vetter Lorenzino ermordet wurde. Nun gelangte Cosimo, des ersten Cosimo Urenkel, zur Herzogswürde und wusste in geschickter Weise seine Herrschaft endgültig zu befestigen. -- 1545, als für die aus Florenz geflüchteten Republikaner jede begründete Hoffnung auf Wiederherstellung der Republik geschwunden war, entstanden die Epigramme. Michelangelo antwortet in Rom auf einen Vierzeiler des Giovanni di Carlo Strozzi (1517-1570). Dieser lebte in Florenz humanistischen Studien und war Mitglied der Akademie.
3. G. p. 25. -- Madrigal, 1545-46. -- Ein Zwiegespräch der verbannten Florentiner mit ihrer Heimatstadt.
4. G. p. 156. -- Sonett, wohl 1511, gegen Ende der Arbeiten an der Sixtinadecke (1508-12).
5. G. p. 158. -- Sonetto caudato oder ritornellato; das eigentliche Sonett schliessen 1-2 Ritornelle, Kehrreime. Etwa 1508-11. -- Giovanni da Pistoja, vielleicht, was Frey bezweifelt, Kanzler der Florentiner Akademie. -- Das Gedicht spricht von den Mühen der Arbeit an der Sixtinadecke.
6. G. p. 338. -- Stanzen, Fragment, etwa 1518-24. Ein Spottgedicht auf eine Unbekannte in Florenz.
7. G. p. 68. -- Madr., 1535-46. An eine Unbekannte.
8. G. p. 58. -- Madr., 1534-46. Nach Frey ist es an Vittoria Colonna in der ersten Zeit der Freundschaft gerichtet.
9. G. p. 97. -- Madr., 1546. An eine Unbekannte, die vielleicht mit der Adressatin von No. 33 und 34 identisch ist.
10. G. p. 178. -- Son., 1507-08, in Bologna, an ein unbekanntes Mädchen der Stadt.
11. G. p. 29. -- Madr., 1546. -- Luigi del Riccio war Geschäftsträger der Strozzi in Florenz. Mit Michelangelo war er eng befreundet und leistete ihm wichtige Dienste. Er verfolgte mit besonderem Interesse die dichterische Tätigkeit des Meisters, mit feinem Verständnis beurteilend, besprechend. Er bemühte sich auch um eine Herausgabe der Gedichte und vereinigte deren 87 in der nach ihm benannten Ricciosammlung. -- Auf ein unbekanntes Vorkommnis hin schrieb Michelangelo das Gedicht in seiner ersten Fassung. Riccio erwiderte mit folgendem Madrigal:
Es darf kein Liebesdienst Des Freundes lästig sein Dem Freunde, denn ein alter, weltbekannter Satz Verlangt, dass jedes Gut Und jegliches Geschick Ihnen gemeinsam sei. Ja Kerker, Tod Sah man schon einen für den andern leiden, Und Gut und Ehr' und Leben tauschen sie. Drum kann ein Streit uns beide nicht entzweien, Denn alles zu verzeihn, ist Freundschaft stets bereit.
Darauf arbeitete Michelangelo sein Madrigal zu einer zweiten, längeren Fassung um, die hier gegeben ist.
12. G. p. 167. -- Son., 1551. -- Giorgio Vasari lebte 1512-74 und betätigte sich als Maler, Architekt und Schriftsteller. Er stand beim Herzog von Florenz in grosser Gunst und hatte in Michelangelos späteren Jahren zwischen diesem und dem Herzog zu vermitteln (vgl. Brief 26. und 30). Mit dem Sonett dankt ihm der Meister für die Zusendung der "Vite degli artisti".
13. G. p. 164. -- Son., 1555. Dank für Geschenke.
14. G. p. 325-328. -- Fragment einer Dichtung in Stanzen. Nach Frey würde dieser Teil in die Jahre 1536-40 fallen, während die Stanzengruppe, in denen der Dichter das Landleben preist und die übrigen Laster geisselt (G. p. 317-24), aus seinen letzten Jahren (1556) stammen, also zwei selbständige Dichtungen vorliegen würden. -- Andere Deutungen für die Gestalten der Dichtung: der Gigant der Stolz, das Weib die Grausamkeit, oder Habsucht, oder der Geiz. Dazu Frey (a.a.O. 350): "All diese Interpretationen sind individueller Art und unverbindlich. Es muss gesagt werden, dass, so real Michelangelo diese Bilder ausgeführt hat, so unbestimmt ist gleichwohl für uns ihre Bedeutung gelassen, wohl weil auch dem Dichter während des Schöpfungsprozesses immer neue Gedanken, Vergleiche und Züge in den Sinn kamen, die die ursprüngliche Richtung abänderten. Gleichwohl lassen sich meiner Überzeugung nach doch Michelangelos Intentionen ahnen und deuten, wenn man, was durchaus nötig ist, mit den Stanzen das Sonett gegen die Pistojesen (G. p. 160) vereint. Dort die Pistojesen, die al ciel nemici, invidiosi, superbi; Söhne Kains hiessen sie, weil sie im Bruderkampfe sich gegenseitig totschlugen. Hier trägt das Weib das Kainszeichen; freut es sich und wächst del mal d'altrui, und die Pistojesen sind del danno loro amici. Wie zur Zeit Dantes Neri und Bianchi in Pistoja sich zerfleischten, so wieder zur Zeit der Revolution in Florenz. Und dann die Ermordung des Herzogs Alessandro (1537). Die città intera, die der Gigant mit dem Fusse deckt, wäre Pistoja, die montagne die dortigen Apenninen, die vielfach den Parteien ricovero boten wie dem Weibe le gran rocche. Besonders im Frühjahr 1537 waren die Wirren in Pistoja gross. ... Man könnte annehmen, dass [Giovanni da Pistoja] ... ausführlich von allen diesen Ereignissen Michelangelo unterhalten habe, und Schmerz und Zorn über das Gehörte hätten ihn zu Dichtungen veranlasst, die wohl niemals abgesandt worden sind."
15. G. p. 5-21, No. 2, 3, 4, 7, 8, 12, 18, 20, 23, 31, 38, Epitaphien, 1544. -- Im Jahre 1544 starb in Rom Cecchino (Francesco) de Zanobi Bracci im Alter von 15 Jahren. Er war Riccios Neffe und wurde von diesem zärtlich geliebt. Seit 1534 lebte er als verbannter Florentiner in Rom, wegen seiner Schönheit allgemein bewundert. Sein Tod war für Riccio ein herber Verlust. Die Freunde, unter ihnen auch Michelangelo, bemühten sich, ihn zu trösten, und zu diesen Versuchen zählen auch die ersten dieser Vierzeiler. Die Abfassung der Gedichte war anfangs lebendig mit der Erinnerung an Cecchino verknüpft, löste sich aber bald davon los, und das Grab des Freundes wurde zum Ort, an dem der Dichter in stets neuen Beziehungen und knappster Fassung eigenartige Gedanken über Leben und Tod aussprach. Riccio ermunterte den Freund durch Bitten und Geschenke, durch Besprechung und Kritik zur Fortsetzung, und so entstand im Laufe des Jahres 1544 eine Reihe von 48 vierzeiligen Grabschriften. Kurze scherzhafte Bemerkungen unter den Gedichtmanuskripten, die Michelangelo dem Freunde zusandte, zeigen, wie sehr ihm dieser zusetzte. So zum Epitaph
12. "Wenn Ihr keine mehr wollt, so schickt mir nichts mehr."
16. (nicht in dieser Auswahl) "Ich wollte es Euch eigentlich nicht schicken. Es ist ein gar zu plumpes Ding; aber die Forellen und Trüffeln würden selbst den Himmel bezwingen. Ich empfehle mich Euch."
20. "Für die gesalzenen Schwämme, wenn Ihr schon nichts weiter wollt!"
21. (n. i. d. A.) "Dies plumpe Ding, schon tausendmal aufgetischt, für den Fenchel."
23. "Hier reden die Forellen, nicht ich; wenn Euch die Verse nicht gefallen, dann mariniert sie das nächste Mal nicht mehr ohne Pfeffer."
33. (n. i. d. A.) "Unbeholfene Sachen! Der Brunnen ist ausgetrocknet; man muss abwarten, bis es regnet. Ihr habt zu grosse Eile!"
36. (n. i. d. A.) "Tolle Sachen! Wenn man aber von mir verlangt, ich soll sie zu Tausenden fabrizieren, so muss schon von jeder Sorte darunter sein!"
16. G. p. 155. -- Son., 1545. Zugleich mit No. 59 entstanden.
17. G. p. 50. -- Madr., Fragm., 1504/5-11. Adressat und Anlass unbekannt.
18. G. p. 197. -- Son., Zeit, Adressat ist fraglich. Vielleicht 1534-38 in Rom.
19. G. p. 81. -- Madr., Adressat unbekannt. Entstehungszeit etwa Beginn der 40er Jahre.