Michelangelo Gedichte Und Briefe In Auswahl Herausgegeben Von R

Chapter 4

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Wenn also Seine Heiligkeit jetzt das Werk fortzuführen gedenkt, möge sie mir besagten Betrag hier in Florenz anweisen, an dem Orte, den ich ihr bezeichnen werde. In Carrara stehen mir viele Marmorblöcke zur Verfügung; die werde ich hierher schaffen lassen und ebenso die Stücke, die ich in Rom habe. Dadurch wurden mir zwar viele Kosten entstehen, allein das sollte mich nicht kümmern, wenn ich nur das Werk hier ausführen könnte. Dann würde ich die einzelnen Teile gleich nach ihrer Vollendung nach Rom schicken, und so gut gearbeitet, dass Seine Heiligkeit ebenso zufrieden sein sollte, als wenn ich in Rom wäre; ja noch zufriedener, weil sie dann ohne weitere Belästigung bloss die fertigen Werke sehen würde. Für die besagten Geldsummen und zur Durchführung besagten Werkes werde ich mich ganz so verpflichten, wie Seine Heiligkeit es wünscht und hier in Florenz jede geforderte Sicherheit geben. Es mag sein, was es will, ich werde jede Bürgschaft aufbringen: ganz Florenz wird doch genügen! Und dann noch dies: In Rom kann ich zu diesem Preise das Werk nicht vollenden; hier hingegen vermag ich es, weil ich mir vielerlei Erleichterungen verschaffen kann, die ich dort nicht finde. Ich werde auch besser und mit grösserer Liebe arbeiten, weil ich dann nicht mehr an so viele Sachen zu denken brauche. Einstweilen bitte ich Euch, mein liebster Giuliano, Ihr wollet mir Antwort geben und das bald. Das sei's.

Euer Michelangelo, Bildhauer.

2.

AN GIOVANNI SIMONE DI LODOVICO BUONARROTI IN FLORENZ.

_Rom_, [Juli 1508].

Giovan Simone! -- Man sagt, dass durch Wohltaten der Gute gebessert, der Böse aber nur noch schlimmer gemacht wird. Ich habe schon seit Jahren versucht, Dich durch gutes Wort und gute Tat zu einem rechtschaffenen und friedlichen Zusammenleben mit Deinem Vater und uns zu bringen, doch Du wirst immer schlimmer. Ich sage nicht, dass Du schlecht seist; aber Du führst Dich in einer Weise auf, die weder mir noch den andern gefällt. Ich könnte Dir eine lange Rede über Dein Betragen halten, allein es würden nutzlose Worte bleiben, wie alles, was ich Dir bisher gesagt habe. Ich will Dir darum kurz erklären, dass Du nichts in der Welt Dein eigen nennst. Lebensunterhalt gebe ich Dir seit geraumer Zeit, und auch das Reisegeld hast Du von mir erhalten. Um Gottes willen und weil ich glaubte, Du seiest mein Bruder wie die andern, habe ich Dir all das geschenkt. Jetzt aber weiss ich, dass Du mein Bruder nicht bist, denn wärest Du es, so würdest Du meinem Vater nicht drohen. Du bist vielmehr ein Tier, und als Tier werde ich Dich auch behandeln! Das lass Dir gesagt sein: Wer sieht, wie sein Vater bedroht oder geschlagen wird, hat die Pflicht, sein Leben für ihn einzusetzen, und damit genug! Ich wiederhole Dir, dass Du nichts besitzest, was Dir gehörte, und dass ich bei der ersten schlimmen Nachricht über Dich auf dem schnellsten Wege nach Florenz komme. Dann will ich Dich über Deinen Irrtum aufklären und Dich lehren, Dein Gut zu vergeuden und die Häuser und Grundstücke, die Du nicht durch Arbeit erworben hast, zu Grund zu richten. Du bist nicht, wo Du zu sein glaubst! Wenn ich hinkomme, will ich Dir die Augen öffnen, dass Du heisse Tränen weinen und erkennen sollst, auf welchem Grund Dein Hochmut steht.

Ich wiederhole Dir: Wenn Du ein rechtschaffenes Leben führen und Deinen Vater achten und ehren willst, so werde ich Dir wie den anderen helfen und Euch bald eine schöne Werkstatt bauen lassen. Tust Du das aber nicht, dann werde ich kommen und die Sache in einer Weise ordnen, dass Du ganz klar einsehen sollst, was Du bist und was Du hast und es nie mehr vergessen sollst. Das sei's. Wo es an Worten fehlt, werde ich mit Taten sprechen.

Michelangelo.

Ich kann es nicht über mich bringen; ich muss Dir noch einige Zeilen schreiben. Seit zwölf Jahren gehe ich bettelnd durch ganz Italien, dulde jede Schmach, ertrage jede Entbehrung, reibe meinen Körper auf in jederlei Anstrengung, setze mein Leben jeder Gefahr aus, nur um meiner Familie zu helfen; und dass nun, da ich sie ein wenig in die Höhe gebracht habe, Du es sein sollst, der in _einer_ Stunde all das zerstört und vernichtet, was ich in so vielen Jahren harter Arbeit gebaut habe, beim Leib des Heilandes, das will ich nicht erleben! Mit zehntausend Deinesgleichen will ich fertig werden, wenn es sein muss! Und nun sei gut, und bring' nicht einen Menschen auf, der wirklich andere Sorgen im Kopf hat.

3.

AN LODOVICO DI BUONARROTA SIMONI IN FLORENZ.

_Rom_, den 20. Januar 1509.

Liebster Vater! -- Ich habe heute einen Brief von Euch erhalten. Was ich daraus erfuhr, hat mich sehr geschmerzt. Ich fürchte, Ihr macht Euch mehr Sorge, als nötig ist. Wie hoch würde sich wohl der Schaden belaufen, den sie Euch im schlimmsten Falle zufügen könnte? Es wäre mir lieb, wenn Ihr mir das mitteilen wolltet. Sonst habe ich nichts zu sagen. Es bekümmert mich, dass Ihr Euch so ängstigt; darum rafft Euch auf und bereitet Euch gut auf ihre Angriffe vor; beratet Euch, dann aber denkt nicht länger daran. Denn wenn sie Euch auch alles nähme, was Ihr hier auf Erden besitzet, so wird es Euch doch nicht an Mitteln zu einem bequemen Leben fehlen, wenn auch niemand als ich da wäre, für Euch zu sorgen. Deshalb bleibt guten Mutes! Ich bin noch in grossen Nöten, denn ich habe seit nun schon einem Jahr keinen Heller mehr vom Papst bekommen; ich bitte ihn auch um nichts, denn meine Arbeit geht nicht so voran, dass ich etwas beanspruchen dürfte. Die Arbeit ist eben schwierig und schlägt dazu nicht in mein Fach. So verliere ich meine Zeit und erreiche nichts. ----

Euer Michelangelo.

4.

AN BUONARROTO DI LODOVICO DI BUONARROTA SIMONI IN FLORENZ.

_Rom_, [den 17. Oktober 1509].

Buonarroto! ---- In Deinem letzten Brief sagst Du, Lorenzo werde hier durchreisen, und ich solle ihn gut aufnehmen. Mir scheint, Du weisst nicht, wie ich hier lebe. Doch für diesmal will ich Dir verzeihen und werde tun, was ich kann. Ich höre, Gismondo will hierher kommen, um seine Angelegenheit zu ordnen. Sag ihm in meinem Namen, er dürfe nicht auf mich zählen; wohl ist er mir als Bruder lieb, aber ich kann ihm in keiner Weise helfen. Ich sollte auf mich mehr Rücksicht nehmen als auf die andern und kann nicht einmal mir das Nötige beschaffen. Ich bin hier sehr geplagt und lebe unter grossen körperlichen Entbehrungen, habe keinen Freund und will auch keinen. Ich habe nicht so viel Zeit, um das Nötigste zu essen, und will darum von keinerlei Belästigung mehr wissen, könnte auch keine Unze mehr davon ertragen.

Seid eifrig in Euerem Gewerbe. Es freut mich, dass Giovansimone sich gebessert hat. Seht zu, dass Ihr Euren Besitz in gerechter Weise vermehrt oder erhaltet, damit Ihr später Grösseres unternehmen könnt, denn ich hoffe, Ihr könnt Euch einst selbständig machen, wenn ich heimkehre, und Ihr tüchtige Leute seid. Sag Lodovico, dass ich ihm nicht antwortete, weil ich keine Zeit hatte, und wundert Euch nicht, wenn ich nicht schreibe.

Michelangelo, Bildhauer.

5.

AN LODOVICO ...

_Rom_, den 15. September [1510].

Liebster Vater! -- Ich habe hier bei Giovanni Balducci dreihundertfünfzig doppelte Golddukaten eingezahlt, die er Euch in Florenz zustellen soll. Sobald Ihr daher diesen Brief empfangen habt, geht zu Bonifazio Fazi, und er wird sie Euch auszahlen. (Dreihundertundfünfzig doppelte Golddukaten.) Wenn Ihr sie erhalten habt, bringt sie zum Spitalverwalter und sagt ihm, er solle sie so anlegen, wie er es mit dem früheren Geld getan hat. Es bleiben dann noch einige Dukaten, von denen ich schrieb, Ihr solltet sie behalten. Wenn Ihr es noch nicht getan habt, so tut es jetzt; braucht Ihr mehr, so nehmt, soviel Euch gut dünkt. Ich schenke Euch, was Ihr braucht, und wenn Ihr die ganze Summe ausgeben wolltet. Wenn es einer Weisung an den Spitalmeister bedarf, so lasst es mich wissen.

Durch Euren letzten Brief erfuhr ich, wie Eure Sache steht. Es bekümmert mich sehr, aber ich kann nichts machen. Doch sollt Ihr Euch nicht entmutigen lassen und Euch auch kein bisschen grämen, denn wenn das Gut verloren geht, ist darum doch nicht das Leben verloren, und ich werde so viel verdienen, dass der Verlust reichlich gutgemacht wird. Doch bedenkt wohl, Ihr dürft nicht darauf zählen, denn die Erfüllung solcher Versprechungen ist doch unsicher. Tut gewissenhaft das Eure und danket Gott, dass diese Prüfung, wenn sie schon kommen soll, doch zu einer Zeit kommt, da Ihr Euch besser behelfen könnt, als es früher hätte geschehen können. Gehabt Euch wohl und lasst lieber das Geld fahren, als dass Ihr Euch Kummer macht. Ich will Euch am Leben haben, und wäre es auch in Armut; denn mit Eurem Tod möchte ich nicht alles Gold der Welt erkaufen. Und wenn die Schwätzer dort oder sonst jemand Euch tadeln, so lasst sie reden; es sind Menschen ohne Gewissen und ohne Liebe.

Euer Michelangelo, Bildhauer.

6.

AN LODOVICO ...

_Rom_, [Oktober 1512.]

Liebster Vater! -- Ihr warnt mich in Eurem letzten Brief davor, Geld im Haus zu halten oder bei mir zu tragen; dann sagt Ihr mir, man erzähle sich bei Euch, ich habe Böses gegen die Medici gesagt.

Nun, das Geld, das ich besitze, habe ich bei Balduccio auf der Bank liegen und behalte nur das im Haus oder in der Tasche, was ich für den Tag brauche. Was die Medici angeht, so habe ich nicht anders über sie gesprochen, als es allgemein und von jedermann geschieht, wie jüngst über das Geschick von Prato. Und da hätten die Steine geredet, wenn sie sprechen könnten. Auch sonst wurde hier vielerlei gesagt; wenn ich es hörte, erwiderte ich stets: Wenn sie wirklich so handeln, tun sie unrecht. Nicht als ob ich es geglaubt hätte; wolle Gott, dass es nicht so sei! Noch vor einem Monat haben einige, die mir Freundschaft bezeigen, sehr schlecht von den Taten der Medici gesprochen. Ich tadelte sie und sagte, sie täten unrecht, so zu reden, und sie sollten nichts mehr dergleichen in meiner Gegenwart äussern. Ich wünschte aber, dass Buonarroto vorsichtig in Erfahrung zu bringen suchte, woher der Betreffende gehört hat, ich rede gegen die Medici. Vielleicht kann ich dann ermitteln, von wem diese Gerüchte stammen, und mich in acht nehmen, wenn es vielleicht einer von denen ist, die sich meine Freunde nennen. Sonst habe ich nichts zu sagen. Ich bin noch untätig und warte, dass der Papst mir einen Auftrag gibt.

Euer Michelangelo, Bildhauer.

7.

AN BUONARROTO ... IN FLORENZ.

_Rom_, den 30. Juli [1513].

Buonarroto! ---- Michele erzählte mir, Du habest ihm vorgerechnet, dass Du in Settignano für uns ungefähr sechzig Dukaten von Deinem Gelde ausgegeben habest. Ich erinnere mich, dass Du auch hier bei Tisch zu mir sagtest, Du habest eine grosse Summe aufgewandt. Doch ich stellte mich, als verstünde ich nicht, wunderte mich aber nicht, denn ich kenne Dich. Ich denke, Du wirst Dir den Betrag aufgeschrieben haben, um ihn eines Tages von uns zurückfordern zu können. Ich möchte aber von Dir undankbarem Menschen wissen, mit welchem Geld Du ihn erworben hast; und ebenso möchte ich wissen, ob Ihr nicht mehr an jene zweihundertundachtundzwanzig Dukaten denkt, die Ihr mir von meinem Guthaben in Santa Maria Nuova genommen habt, an die vielen Hunderte, die ich für Euer Haus und die Familie ausgegeben habe, und an die Drangsale und Entbehrungen, die ich ertrug, um Euch zu helfen. Ich möchte wissen, ob Du daran denkst! Wenn Du nur soviel Verstand hättest, um die Wahrheit erkennen zu können, würdest Du nicht sagen: 'ich habe mein Geld ausgegeben', wärest auch nicht gekommen, um mich an Eure Forderungen zu mahnen; Du hättest vielmehr daran gedacht, wie ich mich Euch gegenüber in der vergangenen Zeit betragen habe. Du hättest Dir gesagt: 'Michelangelo weiss, was er uns zugesichert hat, und wenn er es jetzt nicht erfüllt, so muss ihn irgend etwas, was wir nicht wissen, gehindert haben', und Ihr würdet Euch gedulden. Denn es tut nicht gut, dem Pferd noch die Sporen zu geben, das schon so schnell läuft, als es vermag. Aber Ihr habt mich nie gekannt und kennt mich auch jetzt nicht. Gott verzeihe es Euch! Er hat mir die Kraft gegeben, auszuharren unter der Last, die ich trage, damit Euch geholfen werde. Ihr werdet all dies schon einsehen, wenn Ihr mich nicht mehr habt.

Ich glaube in diesem Sommer nicht nach Florenz kommen zu können, denn ich bin in einer Weise in Anspruch genommen, dass ich nicht einmal zum Essen Zeit habe. Gebe Gott, dass ich nicht erliege! Doch will ich -- und kann es auch -- Lodovico die Anweisung ausstellen, wie ich versprach, denn ich habe es nicht vergessen. Ich will Euch tausend doppelte Golddukaten geben, damit Ihr Euch mit diesem Geld und dem, was Ihr schon habt, selbst forthelfen könnt. Von Eurem Verdienst beanspruche ich nichts. Nur will ich die Sicherheit haben, dass Ihr mir nach Ablauf von zehn Jahren, wenn anders ich noch lebe, diese tausend Dukaten in Geld oder anderem Gut zurückgebt, sobald ich sie fordere. Ich glaube nicht, dass dieser Fall eintritt, aber wenn ich sie brauche, muss ich sie, wie gesagt, wiederbekommen. Das wird auch ein Zügel für Euch sein, damit Ihr sie nicht verschleudert. Überlegt Euch deshalb die Sache, beratet Euch und schreibt mir, was Ihr zu tun gedenkt. Die vierhundert Dukaten, die Ihr noch von mir habt, schenke ich Euch; sie sollen in vier Teile geteilt werden, so dass jeder von Euch hundert erhält. Hundert für Lodovico, hundert für Dich, hundert für Giovansimone und hundert für Gismondo, mit der Bedingung, dass Ihr das Geld zusammen in Euer Gewerbe steckt. Das sei's. Zeig' den Brief Lodovico; entschliesst Euch und gebt mir die Sicherheit, von der ich sprach. Am dreissigsten Juli. Vergiss nicht, das Geld, das ich Dir für Michele mitschicke, auch abzugeben.

Michelangelo, Bildhauer.

8.

AN LODOVICO ... IN SETTIGNANO.

_Florenz_ [1516].

Liebster Vater! -- Ich war sehr erstaunt über Euer Tun, als ich Euch neulich nicht zu Hause fand. Nun höre ich, dass Ihr Euch über mich beklagt, dass Ihr erzählt, ich habe Euch vertrieben, und wundere mich immer mehr. Bin ich doch sicher, dass ich vom Tage meiner Geburt bis heute nie die Absicht hatte, Euch in irgend etwas, in Grossem oder Kleinem zu nahe zu treten, dass ich vielmehr alle Mühen meines Lebens Euch zu Liebe getragen habe. Und Ihr wisst, dass ich es seit meiner Rückkehr aus Rom nach Florenz stets mit Euch gehalten und jederzeit mein Eigentum zu Eurer Verfügung gestellt habe. Erst vor wenigen Tagen noch, als Ihr unwohl waret, versicherte und versprach ich Euch, mit all meinen Kräften und mein Leben lang Euch zu Diensten zu sein und bestätige es auch jetzt noch. Darum wundere ich mich heute, dass Ihr alles das so bald vergessen habt. Ihr samt Euren Kindern habt doch schon dreissig Jahre lang meine Treue erprobt und wisst, dass ich Euch immer wohl gesinnt war und Euch Gutes tat, so viel ich konnte. Wie könnt Ihr da sagen, ich habe Euch weggejagt? Seht Ihr denn nicht, in welch' schlechten Ruf Ihr mich gebracht habt, wenn man sich erzählt, ich habe Euch vertrieben? Nur dies Schlimmste fehlte mir noch in all meinen Mühseligkeiten, die ich Euch zu Liebe ertragen habe! Ihr vergeltet sie mir gut! Doch mag die Sache sein, wie sie wolle, ich will glauben, ich habe Euch stets Schande und Schaden gebracht, und bitte Euch so inständig um Vergebung, als ob ich es wirklich getan hätte. Denkt, Ihr habet einem Sohn zu verzeihen, der stets ein schlimmes Leben geführt und Euch alles Leid dieser Welt zugefügt hat, und ich bitte von neuem, Ihr möget mir schlechtem Menschen vergeben und mich nicht in den Ruf bringen, als habe ich Euch aus dem Hause gejagt, denn das geht mir näher als Ihr denkt, bin ich doch immer Euer Sohn. Diesen Brief wird Euch Raffaello da Gagliano bringen. Ich bitte Euch um Gottes-, nicht um meinetwillen, kommt nach Florenz, denn ich muss abreisen und habe Euch sehr wichtige Mitteilungen zu machen, kann aber nicht zu Euch kommen. Von meinem Diener Pietro habe ich aus seinem eigenen Munde Dinge gehört, die mir nicht gefallen. Ich habe ihn darum heute morgen nach Pistoja heimgeschickt, und er wird nicht mehr zu mir zurückkehren, denn ich will nicht, dass er unserem Hause Schaden bringt. Ihr hättet mich aber wirklich schon früher von der Sache in Kenntnis setzen können, denn ihr wusstet alle um sein Betragen und liesset mich darüber doch ganz im Dunkeln. Ich muss notwendig abreisen, will aber nicht fort, ehe ich Euch gesprochen habe und Euch hier im Haus zurücklassen kann. Ich bitte Euch, lasst allen Groll fahren und kommt!

Euer Michelangelo.

9.

AN BUONARROTO ... IN FLORENZ.

[_Carrara_], den 23. November 1516.

Buonarroto! -- Du schreibst mir in Deinen zwei letzten Briefen, Lodovico sei todkrank gewesen, der Arzt habe aber neuerdings erklärt, bis auf weiteres sei er ausser Gefahr. Wenn es so ist, komme ich nicht nach Florenz, denn es würde mir sehr schwer fallen. Sollte aber noch Gefahr sein, so will ich ihn um jeden Preis noch einmal sehen, ehe er stirbt, und müsste ich auch mit ihm sterben. Aber ich hoffe zuversichtlich, es geht ihm gut, und deshalb komme ich nicht. Sollte ein Rückfall eintreten, wovor Gott ihn und uns behüten möge, so sieh zu, dass ihm die geistlichen Tröstungen und die Sakramente der Kirche nicht fehlen, und lass Dir von ihm sagen, ob er wünscht, dass wir etwas Bestimmtes für sein Seelenheil tun. Sorge auch, dass ihm für sein leibliches Wohl nichts abgeht, denn ich habe mich nur für ihn geplagt, um ihm noch bis zu seinem Tode helfen zu können. Sag' Deiner Frau, sie solle mit Liebe für seinen Haushalt sorgen; ich werde Euch alles vergüten, wenn es nötig ist. Sparet nichts, und sollten wir auch alles darangeben, was wir besitzen. Damit mag es genug sein. Lebt in Frieden und Du schreibe mir, wie es steht, denn ich bin in grosser Angst und Sorge. ----

10.

AN PAPST CLEMENS VII. IN ROM.

_Florenz_, [1524].

Heiliger Vater! -- Mittelspersonen verursachen oft viel Arger und Verwirrung, deshalb wage ich es, ohne eine solche an Eure Heiligkeit über die Gräber hier in San Lorenzo zu schreiben. Ich weiss wirklich nicht, was besser ist, das Schlimme, das Nutzen bringt, oder das Gute, das Unheil anrichtet. Doch so viel weiss ich gewiss: ich mag noch so untauglich und unvernünftig sein, aber wenn man mich ruhig hätte fortfahren lassen, wie ich angefangen hatte, dann wären jetzt alle Marmorblöcke für die Arbeiten in Florenz, und zwar mit geringeren Kosten, als bis jetzt bereits aufgewendet wurden, schon für ihren Zweck zugehauen und in so gutem Zustande, wie alle anderen, die ich bisher schon hergebracht habe.

Nun fürchte ich, dass sich die Sache noch lange hinziehen wird, und weiss nicht, wie sie ausgehen kann. Ich bitte daher im voraus Eure Heiligkeit um Entschuldigung für den Fall, dass sich etwas Missliches ereignen sollte, denn ich habe keine Autorität und glaube deshalb auch für nichts verantwortlich zu sein. Ich bitte aber Eure Heiligkeit, wenn Ihr mir irgendeinen Auftrag zuweisen wollt, mir in meiner Arbeit keinen Vorgesetzten zu geben, sondern mir Vertrauen zu schenken und freie Hand zu lassen. Ihr werdet dann sehen, was ich vollbringen und wie ich Euch Rechenschaft über meine Tätigkeit geben werde.

Die Laterne der Kapelle von San Lorenzo hat Stefano vollendet und enthüllt. Sie gefällt jedermann und wird, so hoffe ich, auch Eurer Heiligkeit zusagen, wenn Ihr sie seht. Wir lassen jetzt die Kugel anfertigen. Sie wird einen Arm im Durchmesser betragen. Ich dachte, sie facettieren zu lassen, um sie von den übrigen etwas zu unterscheiden, und so wird sie denn auch ausgeführt.

Eurer Heiligkeit Diener

Michelangelo, Bildhauer.

11.

AN SEBASTIANO DEL PIOMBO IN ROM.

[_Florenz_, Mai 1525.]

Mein teuerster Sebastiano! -- Gestern abend nahmen mich unser Freund, der Hauptmann Cujo, und einige Edelleute gütigerweise zum Abendessen mit. Das machte mir grosse Freude, denn dadurch wurde ich für kurze Zeit aus meiner Melancholie -- wenn ich sie nicht Wahnsinn nennen soll -- gerissen. Die Mahlzeit war sehr ergötzlich. Noch mehr freuten mich die Gespräche, die da geführt wurden; besonders als ich den Hauptmann Euren Namen nennen hörte, war ich ganz entzückt. Und wie nun besagter Hauptmann erklärte, Ihr seiet einzig auf Erden und in der Kunst und werdet auch entsprechend in Rom geschätzt, wäre meine Freude noch gewachsen, wenn das nur möglich gewesen wäre. Auf diese Art wurde mir bestätigt, dass mein Urteil über Euch nicht falsch war. Drum widersprecht mir nicht mehr, wenn ich Euch in meinen Briefen "einzig" nenne, denn ich habe der Zeugen genug; dazu haben wir hier ein Bild, das weiss Gott jeden, der Augen hat, zwingt, mir recht zu geben.

12.

AN GIOVAN SIMONE ... IN SETTIGNANO.

_Florenz_, [1533].

Giovan Simone! -- Mona Margherita hat mich falsch verstanden. Als ich vorgestern morgen von Dir und Gismondo sprach -- Ser Giovanni Francesco war dabei --, sagte ich, ich habe für Euch stets mehr getan als für mich und viele Mühen auf mich genommen, damit Ihr keine zu tragen hättet, Ihr aber habet nichts getan, als mich in ganz Florenz zu verleumden. So viel habe ich gesagt, und wollte Gott, es wäre nicht wahr, dass Ihr Euch wie Tiere benommen habt! Was Deinen Aufenthalt in Settignano angeht, so bleib nur dort, pflege dich und sieh zu, dass Du gesund wirst. Was an mir liegt, will ich stets für Euch tun, denn ich achte nur auf meine Pflicht, nicht auf Eure Reden. Dann wünschte ich, Du beschafftest dort eine Wohnung, damit auch Mona Margherita hinkommen kann, denn mein Vater hat sie mir vor seinem Tode empfohlen, und ich werde sie deshalb nie verlassen.

Michelangelo.

13.

AN MESSER LUIGI DEL RICCIO IN ROM.

[_Rom_, 1542.]

Dieses [Madrigal] habe ich vor längerer Zeit nach Florenz geschickt. Nun ich es umgearbeitet habe, sende ich es Euch, damit Ihr, wenn es Euch so beliebt, es den Flammen gebet, denen, meine ich, die mich verzehren. Noch bitte ich Euch um eine andere Gnade. Ihr sollt mich nämlich von einem Zwiespalt erlösen, in den mein Geist heute nacht geriet. Denn als ich unsern Liebling im Traum grüsste, schien es mir, als ob er mit einem Lächeln mir drohte. Da ich nun ungewiss bin, welcher der beiden Gebärden ich glauben soll, so bitte ich Euch, fragt ihn selbst; und wenn wir uns am Sonntag wiedersehen, lasst es mich wissen.

Ich bleibe, Euch stets verpflichtet, der Eurige.

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14.

AN MESSER LUIGI DEL RICCIO, MEINEN FREUND ODER VIELMEHR VEREHRUNGSWÜRDIGEN HERRN, IN ROM.

[_Rom_, 1543.]

Mein lieber Messer Luigi! -- Ich weiss, dass Ihr im Zeremonienwesen ein ebenso vollendeter Meister seid, als ich darin untauglich bin. Ich habe nun von Monsignor di Todi das Geschenk erhalten, von dem Euch Urbino berichten wird, und da ich glaube, dass Ihr mit Seinen Gnaden befreundet seid, so bitte ich Euch, danket ihm in meinem Namen mit den Zeremonien, die Euch leicht, mir aber schwer fallen. ----

Euer Michelangelo Buonarroti.

15.

AN MESSER LUIGI DEL RICCIO.

[_Rom_ 1545.]

Unser toter Freund redet und spricht: Der Himmel nahm allen Menschen der Welt ihre Schönheit und schenkte sie mir allein. Durch göttliches Gesetz werde ich am Tage des Gerichts auferstehen, wie ich im Leben war. Darum kann der Himmel die Schönheit, mit der er mich begabt hat, jenen nimmer wiedergeben, denen er sie raubte, und so muss ich in Ewigkeit schöner bleiben als alle, und alle anderen hässlich.

Diese Auffassung ist das Gegenteil von der, die Du mir gestern auseinandersetztest und ist die rechte, jene aber ist ein Gefabel.

Euer Michelangelo Buonarroti.

16.

AN VITTORIA COLONNA IN ROM.

[_Rom_ 1545.]