Michelangelo Gedichte Und Briefe In Auswahl Herausgegeben Von R

Chapter 3

Chapter 33,591 wordsPublic domain

O süsses Sterben! Selig, wer so brennt! Wenn ich zu Asche nach und nach verstoben, Nicht unter Toten leben muss fortan.

Ja wenn sich von Natur dies Element Zum Himmel hebt, steig' ich, mit ihm erhoben, Grad' auf, feurig verwandelt, himmelan.

46. Friedrich Bodenstedt.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Dein Geist stieg in des Leibes Kerkerzelle Von dort herab, wohin er einst enteilt, Dass sich ein Engel, der die Seelen heilt Und Ruhm der Welt verleiht, uns zugeselle.

Dein Wesen, nicht die Schönheit sonnenhelle, Entflammt mich, denn ein Herz, wo Tugend weilt, Baut niemals seine Hoffnung übereilt Auf das, was rasch entführt der Zeiten Welle.

Doch lebt solch' edler Geist in schöner Hülle, Dann fasst ihn jeder, wie man an der Scheide Die Klinge kennt, eh' eine Hand sie zückte.

Nichts in der Welt lehrt so wie Schönheitsfülle Den Schöpfer lieben! Sieh, es streiten beide, Natur und Himmel, wer zumeist dich schmückte.

47. Sophie Hasenclever.

Nicht Glück, nicht Gnade wird dem Übeltäter, So sagt das Volk, das auch für mich es sprach, Denn seit am eig'nen Selbst ich war Verräter Um dein zu sein, floh mich das Glück, und ach, Die Zeit verbeut's, dass gleich dem Phönix später Zu neuen Sonnen ich mich schwingen mag. Eins ist mein Trost, dass mehr ich mir gehöre, Wenn dein ich bin, als wenn nur mein ich wäre.

48. Sophie Hasenclever.

DIE NACHT.

Der aus dem Nichts, eh' noch die Welt bewohnt, Die Zeit in Zwiegestalt hervorgebracht, Er gab der _einen_ hoher Sonne Pracht, Der _andern_ gab er dann den nahen Mond.

So wird im voraus jedermann gelohnt, Glück, Zufall und Geschick ihm zugedacht. _Mir_ fiel die dunkle Seite zu, die Nacht; Schon in der Wiege blieb ich nicht verschont.

Und wie bei dem, der eignem Glücke wehrt, In tiefrer Nacht mehr Schatten sich verbreiten, So sorg' und klag' ich, dass ich schlecht gehandelt.

Doch Trost gibt, dass es meiner Nacht beschert, Der Sonne deines Tages vorzuschreiten, Die von Geburt an über dir gewandelt.

49. Bettina Jacobson.

DIE NACHT.

Jedweder Raum, bedeckt und eingefügt, -- Was er im Innern auch umschliessen mag, -- Bewahrt die dunkle Nacht am hellen Tag, Wo alles sich im Strahlenschimmer wiegt.

Doch wird sie von der Flamme Glut besiegt, Verjagt die Sonne, was im Finstern lag, So bleibt nichts Arges mehr im dunkeln Hag, Ja, auch ein Glühwurm hätte schon genügt.

Was in der Sonne treibt an Lebenskraft, An tausend Keimen, Pflanzen zu erkennen, Wird durchgepflügt vom starken Ackerknechte.

Die Nacht hingegen ist's, die Menschen schafft, Und weil wir ihn der Wesen bestes nennen, Sind heil'ger als die Tage uns die Nächte.

50. Bettina Jacobson.

AN DIE NACHT.

O Nacht, du liebe, wenn auch dunkle Zeit, Die jeder Arbeit stilles Ende bringt, Wohl sieht und kennt dich, wer dein Loblied singt, Und wer dich würd'gen kann, der weiss Bescheid.

Du schläferst ein des Hirnes Müdigkeit, Wie feuchter Nebel ruhvoll niedersinkt; Aus Tiefen zu ersehnten Höhen schwingt Mich oft ein Traum empor, durch dein Geleit.

Du hemmst und scheuchst zurück, o Todesschatten, Des Herzens schlimmste Feindin, jede Pein, Tust, letztes Mittel, tief Betrübten gut.

Du kräftigst unsre Glieder, unsre matten, Du trocknest Tränen, wiegst die Sorgen ein, Und rettest Edle vor Verdruss und Wut.

51. Bettina Jacobson.

DIE NACHT.

Wenn Phöbus Arme sich nicht strahlend winden Um dieses kalte, feuchte Erdenrund, Heisst solche Stunden "Nacht" der Leute Mund, Weil sie die Sonne dann nicht mehr empfinden.

Doch ist sie arm und schwach: Schon das Entzünden Der kleinsten Kerze raubt ihr Leben, und Ein Zunder an der Flinte macht sie wund, So dass wir sie gar schnell zerrissen finden.

Will man noch wirklich Wesenskraft ihr geben, Muss Phöbus' Kind sie und der Erde sein: _Sie_ trägt den Schatten, _jener_ gibt ihm Leben.

Doch, wie's auch sei: Wer lobt, der irrt. Voll Pein, Verdüstert, muss die Witwe schon erbeben Vor Eifersucht bei eines Glühwurms Schein.

52. Bettina Jacobson.

GESANG DER TOTEN.

Wer geboren wird, muss sterben In der Zeiten Flucht; die Sonne Duldet jegliches Verderben. Schnell vergehen Leid und Wonne, Geist und Wort sind bald verloren; Alle, die nach uns geboren, Schatten sind sie, leichter Rauch. Menschen waren wir ja auch, Froh und traurig so wie ihr, Und ihr seht, nun sind wir hier, Mussten schon zu Staub verderben; Alle Wesen müssen sterben.

Unsre Augen konnten schauen, Aus den Höhlen voll und hell; Heute sind sie leer, voll Grauen, Denn die Zeit entführte schnell. ----

53. Bettina Jacobson.

AN VITTORIA COLONNA.

Die Schönheit ward als Vorbild mir auf Erden Für meinen doppelten Beruf geschenket; In beiden Künsten sollte sie mir strahlen, Ein Spiegel, eine Leuchte mir zu werden; Sie ist es, die zu jenem Ziel mich lenket, Für das ich einzig meisseln mag und malen. O törichter, vermessener Gedanke, Die hohe Schönheit Sinnenlust zu schelten! Gesundem Geiste zeigt sie Himmelspfade, Am Staube aber klebt der Blick, der kranke; Ein reines Auge nur sieht jene Welten, Die einzig uns erschliesst der Strahl der Gnade.

54. Sophie Hasenclever

AN VITTORIA COLONNA.

Nicht schön zu sein, unmöglich ist's dir Schönen, Nicht gut zu sein, dir Guten! Dein Erbarmen, Verderblich ist's mir Armen, Es schmilzt mein Herz in deiner Gnadensonnen Auflösend sich in Wonnen! Stirbt eh'r nicht deines Herzens Liebesfülle, Als deine süsse Hülle, So duld', ich fleh's mit Tränen, Dass ich bei dir verweile Bis du der Welt entronnen! O dann entrückt mein Sehnen Der Erde mich, ich eile Empor zum ew'gen Heile; Gibt uns der Schöpfer einst am jüngsten Tage, Den Leib zurück, zu Wonne oder Plage, Dann nimm mich auf, ob unschön ich geblieben, Dort gilt ja mehr als Schönheit treues Lieben!

55. Sophie Hasenclever.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Als mir dein Augenstern zuerst erglühte, Da war's kein irdisch Licht, das mich getroffen, Schon sah mein Geist entzückt den Himmel offen, Ein ew'ger Friede zog in mein Gemüte;

Denn nimmer stillt mein Herz der Anmut Blüte, Erzeugt aus dieser Erde niedren Stoffen; Der Schönheit Ursprung ist sein Ziel und Hoffen; Es fliegt der ew'gen Schönheit zu und Güte.

Nie hoffe denn ein weises Herz den Frieden Von jener Blüte, die zu Staub verkehren Die rauhe Zeit, und Tod, der uns beschieden;

Wohl mag der Sinne Glut den Greis versehren, Die Liebe nicht, sie heiligt uns hienieden, Doch erst der Himmel wird uns ganz verklären.

56. Sophie Hasenclever.

Die Augen, stets der Schönheit zugetan, Der Geist, ihr hold und auf sein Heil bedacht, Sie dringen durch die Nacht Nur an der Hand der Schönheit himmelan; Denn aus der Sternenbahn Strömt Glanz vom Firmament, So klar, dass ihm zu nah'n, Die Menschenseele brennt, Und solch Empfinden nennt Man Liebe hier; ein edles Herz beflügelt, Entflammt der Blick nur, der den Himmel spiegelt.

57. Sophie Hasenclever.

AN VITTORIA COLONNA.

Im Herzen nicht ist meiner Liebe Leben; Das Herz, das irdisch, sterblich ist, enthält Die ew'ge Liebe nicht, sie lebt gesellt Dem Wahn, der Sünde nicht, von Schuld umgeben.

_Mir_ hat die Liebe klaren Blick gegeben, Die Schönheit _dir_ beim Eintritt in die Welt, So dass ich selbst in dem, was einst zerfällt, In deinem Reiz erkenn' der Gottheit Weben!

Vom ewig Schönen trennt in mir sich nimmer Die Liebe, wie die Wärme nie vom Feuer; Was ihm entstammt und gleicht, das möcht' ich schauen!

Du trägst in deiner Augen sel'gem Schimmer Das Paradies, wo du zuerst mir teuer, Und seine Pforten sind mir deine Brauen!

58. Sophie Hasenclever.

DANTE.

Als Mensch vom Himmel einst herabgestiegen, Hat Hölle er und Läut'rungsglut gesehn, Dann bracht' er lebend, aus des Himmels Höhn, Uns wahres Licht, die wir im Dunkeln liegen.

Dass du bestrahlt die Stätte meiner Wiegen, O lichter Stern, ist unverdient geschehn; Die ganze arge Welt dir zugestehn, Wär' kleiner Preis: Nur Gott kann dir genügen.

Von Dante red' ich, dessen Werk verkannt, Missachtet ward vom Volk, dem undankbaren, Das stets sich von Gerechten abgewandt.

Wär' ich wie er! Hätt' ich wie er den wahren, Tatkräft'gen Geist, und wär' wie er verbannt: Das schönste Glück der Erde liess' ich fahren.

59. Bettina Jacobson.

So viel scheint gross und kostbar, und es blickt Das Volk drauf hin bewundernd, aber einer Steht abseits; ihm erscheint es um so kleiner Und gallenbitter, was sie hoch entzückt.

Und das sogar: der eitlen unverständ'gen Gedankenlosen Welt muss er sich fügen, Muss reden, wie sie spricht und Freude lügen, Und lächelnd die verborg'nen Tränen bänd'gen.

Mein Glück ist nur, dass ganz verborgen sei, Was ich beweine und was heimlich trachtend Des Herzens Wünsche wollen, die ich hege.

Blind ist die Welt und nur Verrätern treu, Ich aber, Hass und Ehre gleich verachtend, Geh still und einsam weiter meine Wege.

60. Hermann Grimm.

Ich bin jetzt vor mir selbst an Wert gestiegen, Bin lieber mir, seit dich mein Herze hegt; So wird erst auf den Stein ein Wert gelegt, Wenn ihn der Künstler formt mit edlen Zügen.

Und wie der Blick am Blatt sich mag vergnügen, Mit Schrift und Bild geziert, nach dem nicht frägt, Das leer und kahl, so kann erst, seit geprägt In meinen Geist dein Bild, ich mir genügen.

Als wären Zauber, wären Waffen mein, So zieh' ich, ohne dass Gefahr mich trifft, Mit solchem Schutzbrief aus nach allen Winden;

Stark gegen Feu'r und Wasser werd' ich sein, Mit meinem Speichel tilg' ich jedes Gift, Und mache sehend durch dein Bild die Blinden.

61. Sophie Hasenclever.

AN VITTORIA COLONNA.

Wie sich im unbehau'nen, toten Stein, Je mehr der Marmor unter'm Meissel schwindet, Anwachsend immer voll'res Leben findet, So mag es, edle Frau, mit mir auch sein.

Was Gutes in mir ist, es hüllt sich ein Tief in mein eigen Fleisch, und so, umrindet Vom rauhen, rohen Stoffe, der mich bindet, Drängt sich zu mir umsonst das Leben ein.

Zu matt und kraftlos fühl' ich mich allein, Das Ende naht und Tag auf Tag verschwindet: Nimm fort, was sich um meine Seele windet! Ich könnt' es nicht, doch du kannst mich befrei'n!

62. Hermann Grimm.

AN VITTORIA COLONNA.

Bald auf dem rechten Fuss, bald auf dem linken, Bald steigend, bald ermüdet zum Versinken, Hintaumelnd ratlos zwischen Gut und Böse, Such' ich, wer meiner Seele Zweifel löse; Denn wem Gewölk verhüllt des Himmels Weiten, Wie können den des Himmels Sterne leiten?

Drum sei mein Herz das unbeschrieb'ne Blatt, Und was das deine aus sich selbst gefunden, O schreib' es nieder! was in allen Stunden Die Richtschnur sei, nach der es Sehnsucht hat, Damit im Irrsal dieser Lebenstage Mir Antwort werde auf des Lebens Frage:

Ob die geringere Gnade einstmals finden, Die demutvoll sich nah'n mit tausend Sünden, Als die, die stolz auf das was sie getan, Im Überfluss der guten Werke nah'n?

63. Hermann Grimm.

AN VITTORIA COLONNA.

Es spricht ein Mann, es spricht ein Gott mit Kraft Aus eines Weibes Munde, Und was sie sprach, die Kunde, Hat mich mir selbst für alle Zeit entrafft. Seit ich in ihrer Haft, Mir selbst durch sie genommen, Fühl' Mitleid ich mit mir, den sie betrauert. Tief schweigt die Leidenschaft; Ihr Reiz nur ausgenommen, Dünkt hohl die Schönheit mich; in Rosen lauert Der Tod, vor dem mich schauert. Du, die durch Feu'r und Wasser führt zum Frieden, O gib mich nie mir selbst zurück hienieden!

64. Sophie Hasenclever.

AN VITTORIA COLONNA.

Hat Antlitz, Glieder, eines Menschen Sein Des Künstlers Geist erfasst, den Gott verliehn, Dazu ein Tonmodell, mit leichtem Mühn Bringt er dann Leben in den harten Stein.

So greift, nach roh entworfnen Zeichnerein, Der klügste, erste unter allen kühn Zum Pinsel, wählt, was ihm das beste schien, Nach prüfenden Vergleichen mancher Reihn.

Auch ich kam als gering' Modell zur Welt, Doch anders ward ich, besser erst geartet, Durch Euch, o edle Frau, von hohem Mut.

Werd' ich gefeilter, höher noch gestellt, Durch Eure Hand, -- welch Strafgericht erwartet, Nach solcher Zucht noch meine wilde Glut?

65. Bettina Jacobson.

Die Augen kränkt so vieles, was sie schau'n, Und alles hier muss, ach, mein Herz verletzen; Wozu noch leben, wär' mit seinen Schätzen Nicht mein das Herz der edelsten der Frauen?

Darf auf Verzeihung ich, auf Hilfe trauen, Entflieh' ich der Gewohnheit Sündennetzen, Dem bösen Beispiel, dieser Nacht Entsetzen? Du kommst! Genug, nun darf auf Heil ich bauen. ----

66. Sophie Hasenclever.

Dem Tod entgegen steu'r ich will'ger nicht, Als wer mit Widerstreben Zum Richtplatz folgt dem strafenden Gericht Und lassen muss sein Leben. Wie dieser bin dem Tod ich nah' vielleicht, Falls nicht mein Restchen minder schnell entweicht; Und dennoch gönnt mir nicht die Minne, Dass ich ein Stündchen Rast gewinne. Ich wach' und schlafe zwischen zwei Gefahren: Kaum dass ich leise Lebenshoffnung fühlt', Ist tiefer Seelenkummer aufgewühlt, Weil ich noch Gluten habe zu befahren, Und weil die Lieb' um so viel minder frommt, Als spät sie kommt.

67. Hans Grasberger.

Ich sehe meine Zukunft wie im Spiegel, Wenn bald vom Frost und bald von Glut getroffen, Ich, dem das Grab schon offen, Voll Scham vergangner Zeiten denken muss. Gleich blieb sich Lieb' und Hoffen, Doch weil mit schnellrem Flügel Die Zeit jetzt flieht, und nah der Freude Schluss Dem Greise ist, dünkt Schmerz fast der Genuss! Entweicht denn beide, Lust so wie Beschwerde! Der Glücklichste ist ja auf dieser Erde, Wer, ach, auf ihr nur kurze Stunden weilet, Denn Tod nur ist der Arzt, der alles heilet.

68. Sophie Hasenclever.

Der frischen Jugend wird es nicht bewusst, Wie so ganz anders, Herr, kurz vor dem Ende, Gedanken, Hoffen, Lieb' und Wünsche werden. Wächst unsere Seele, bringt's der Welt Verlust;

Die Kunst reimt mit dem Tod sich nicht zusammen, Drum, was erwart' ich noch von mir auf Erden? ----

69. Bettina Jacobson.

Ich leb' der Sünde, leb', um mir zu sterben, Mein Leben ist nicht mein, von Schuld umstrickt Gehört's der Sünde. Gott, der gern beglückt, Gab Segen nur, ich selbst gab mir Verderben.

Die Freiheit macht' ich, die wir alle erben, Zur Sklavin, Staub zum Götzen, wahnberückt; Zu welcher Schmach hab' ich das Licht erblickt! ----

70. Sophie Hasenclever.

Hier am äussersten Rande des Lebensmeeres Lern' ich zu spät erkennen, o Welt, den Inhalt Deiner Freuden, wie du den Frieden, den du Nicht zu gewähren vermagst, versprichst und jene Ruhe des Daseins, die schon vor der Geburt stirbt. Angstvoll blick' ich zurück, nun da der Himmel Meinen Tagen ein Ziel setzt: unaufhörlich Hab' ich vor Augen den alten, süssen Irrtum, Der dem, den er erfasst, die Seele vernichtet. Nun beweis' ich es selber: den erwartet Droben das glücklichste Los, der von der Geburt ab Sich auf dem kürzesten Pfad zum Tode wandte.

71. Hermann Grimm.

Mein Lebenslauf gelangt durch Sturm und Wogen Auf schwankem Boot nun zu dem grossen Port, Dahin wir alle steuern fort und fort, Für alles Tun zur Rechenschaft gezogen.

Wohl merk' ich nun, wie sehr du mir gelogen, O Phantasie, die du als Herrn und Hort Die Kunst mir gabst, wie irrig Tat und Wort, Und wie auch mich manch eitler Wunsch betrogen.

Was wird aus lang verflog'nem Liebesweben, Wenn bald der Doppeltod mir nahen soll? Nicht ahn' ich, was man bei dem zweiten leidet.

Mir kann nicht Stift noch Meissel Ruhe geben, Nur Gottes Liebe noch, die mitleidvoll Am Kreuz die Arme nach uns ausgebreitet.

72. Bettina Jacobson.

Ihr meine vielen, irrtumsschweren Träume, Ihr solltet euch, da sich das Leben neigt, Zu einem einz'gen formen, der mir reicht Die Führerhand in lichte Himmelsräume. ----

73.

Mir raubten Eitelkeiten dieser Welt Die mir verlieh'ne Zeit, in Gott zu leben, Der Gunst vergass ich, die er mir gegeben, Hab' mehr mit ihr, als ohne sie gefehlt.

Mich machte blind, was andre aufgehellt, Zu spät erkannt' ich Tor mein irrig' Streben, Verzagt fleh' ich dich an, den Bann zu heben, Darin mich noch die Eigenliebe hält.

Den halben Weg, Herr, wolle mir erlassen, Der aufwärts führt, doch ohne deine Hand Fürcht' ich, dass ich auch diesen nicht vollende;

Lehr' mich, was diese Welt so hoch hielt, hassen, Auch das, was ich verehrte, köstlich fand, Dass ew'ges Heil mir sicher vor dem Ende.

74. Bettina Jacobson.

Vom Alter und von Sündenlast beschwert, Von festgewurzelt argem Trieb gehalten, Droh'n mir des Todes zwiefache Gestalten, Und oft hab' ich mein Herz mit Gift genährt.

Auch kann ich, da die Kraft mir nicht beschert, Nicht Leben, Liebe, Schicksal umgestalten, Wenn fürder dein erleuchtend göttlich Walten Nicht leitend, zügelnd mich die Wege lehrt.

Doch nicht genug, o Herr, wenn es mich treibt, Dass meine Seele wieder dorthin fahre, Wo du sie einst geschaffen aus dem Leeren,

Gib, wenn an ihr nichts Irdisches mehr bleibt, Dass Reue ihr den halben Weg erspare Zu seligem und reinem Wiederkehren.

75. Bettina Jacobson.

Was nicht ich will, o Herr, das möcht' ich wollen! Vom heil'gen Brand trennt mich ein Schlei'r von Eis Und löscht die Glut; nicht passt mein Tun zum Preis Der Feder; Lügen sind ihr nur entquollen.

Dem Herrn kann mit der Zunge Lob ich zollen, Nicht mit dem Herzen! Ach, dass ich nicht weiss, Welch' Tor der Gnade auftun? Ihr Geheiss Verjagt allein den Stolz, den ränkevollen.

Zerreiss', o Herr, den eisigkalten Schleier; Die Mauer, hart und starr, wirf sie zusammen, Sie, die dein Licht verbirgt, die Wehr der Sünde.

Gib deiner schönen Braut dein Himmelsfeuer, Gib das verheiss'ne Licht, dass ich in Flammen, Von Zweifeln frei nur einzig dich empfinde.

76. Sophie Hasenclever.

Dich lass an jedem Ort mich schau'n! Dein Feuer Verschlinge jeder Erdenliebe Flammen, In Gluten brenn' ich dann, die dir entflammen, So hell wie damals, als die Welt mir teuer.

Zerreisse du des Irrtums dunkle Schleier, Die Sünden, die das Herz zur Qual verdammen, Vernichte sie; o lass ersteh'n zusammen Vernunft und Kraft und Willen, mein Befreier!

Der Zeit hast du die Seele übergeben, Mit hartem Spruch hältst du ein göttlich Wesen Gefangen in des Leibes Kerkerwänden,

Nicht ich kann wandeln dies mein sündig Leben; Nichts ohne dich ist gut in mir, erlösen Kannst du allein, nur du mein Schicksal wenden!

77. Sophie Hasenclever.

Es fühlen Schmerz, es fühlen Trost nicht minder Die auserwählten Geister, dass erkoren Du hast für sie den Tod, um zu den Himmelstoren Den Eingang zu erkämpfen für uns Sünder.

Sie jauchzen, weil entsühnt die Menschenkinder Von ihrer ersten Schuld wie neugeboren, Sie weinen, weil die Nägel dich durchbohren, Weil Knecht der Knechte wird des Heiles Gründer.

Der Himmel zeugt für dich, denn in den Lüften Erlischt das Weltenauge, Berge wanken, Die Erde birst, das Meer erbraust im Laufe,

Die grossen Väter steigen aus den Grüften, Indes die bösen Engel niedersanken, Der Mensch nur freut sich, den entsühnt die Taufe.

78. Sophie Hasenclever.

Erinnrung ist mir lieb, doch mehr beschweret Sie noch mit Gram das Herz, der Schuld, der frühen, Gedenkend, will zur Rechenschaft sie ziehen Für eine Zeit mich, die nicht wiederkehret;

Lieb ist sie mir, weil vor dem Tod sie lehret, Dass alle Erdenfreuden treulos fliehen, Herb, weil vom Himmel Gnad' herabzuziehen Dem schwer gelingt, der sich so spät bekehret.

Wie fest wir auch auf die Verheissung bauen, So ist doch jener Glaube Frevelmut, Dass leicht des Zögerns Schuld verzieh'n uns Armen;

Und dennoch tut, verspritzt in Todesgrauen, Vom Kreuz herab uns kund dein strömend Blut: So masslos wie dein Schmerz sei dein Erbarmen!

79. Sophie Hasenclever.

O Herr, befreit von schwerer Bürde, wende Ich mich zu dir, die Weltlust gibt mich her; Ein schwankes Boot, im Sturm auf wildem Meer, Treib' ich nun müd' an ruhiges Gelände.

Die Dornenkrone, die durchbohrten Hände, Dein gütig mildes Antlitz, mitleidschwer, Verheissen Gnade reu'ger Wiederkehr, Und trüben Seelen künft'ge Heilesspende.

Lass deine heil'gen Augen, lass dein Ohr Nicht richten über mein vergangnes Leben, Zeig nicht dorthin mit drohender Gebärde.

Nur reicher ströme mir dein Blut hervor, Je greiser ich, die Sünden aufzuheben, Dass schnell mir Hilfe und Verzeihung werde.

80. Bettina Jacobson.

BRIEFE MICHELANGELOS.

Übersetzt von R. A. Guardini.

1.

AN MEISTER GIULIANO DA SANGALLO AUS FLORENZ, ARCHITEKT DES PAPSTES IN ROM.

_Florenz_, den 2. Mai 1506.

Giuliano! Ich entnahm aus Eurem Briefe, der Papst habe mir meine Abreise übelgenommen, ferner, dass Seine Heiligkeit jetzt bereit sei, den Betrag zu erlegen und auch im übrigen alles unserer Abrede gemäss zu erfüllen und endlich, dass ich ohne Besorgnis zurückkehren solle.

Über meine Abreise folgendes: Am Samstag der Karwoche hörte ich -- ich sage Euch die volle Wahrheit -- den Papst im Gespräch mit einem Goldschmied und dem Zeremonienmeister bei Tisch sagen, er wolle weder für grosse noch für kleine Steine auch nur noch einen Heller hergeben. Darüber wunderte ich mich sehr; trotzdem bat ich ihn vor meiner Abreise um einen Teil des Geldes, das ich zur Weiterführung des Werkes brauchte. Seine Heiligkeit erwiderte mir, ich solle am Montag wiederkommen. Am Montag kam ich wieder und kam am Dienstag und am Mittwoch und am Donnerstag, wie sie selbst bestätigen kann. Endlich, am Freitag, wurde ich hinausgeschickt, nein, weggejagt. Der mich hinauswies, sagte, er kenne mich wohl, allein er habe nun einmal den Befehl. Als ich so die Bestätigung der Worte sah, die ich am Samstag gehört hatte, geriet ich in grosse Verzweiflung. Doch war das nicht der einzige Grund, weshalb ich Rom verliess. Es war da noch etwas, worüber ich schweigen will. Nur so viel will ich sagen, dass ich befürchten musste, wenn ich noch in Rom bliebe, würde eher _mein_ Grabmal, als das des Papstes aufgerichtet werden. Das war der Grund meiner plötzlichen Abreise.

Nun schreibt Ihr mir im Auftrag des Papstes; Ihr werdet ihm also diesen Brief vorlesen. Seine Heiligkeit soll wissen, dass ich mehr als je bereit bin, das Werk fortzuführen; und wenn sie das Grabmal durchaus haben will, so kann es ihr gleichgültig sein, wo ich daran arbeite, wenn es nur nach Ablauf von fünf Jahren, wie wir vereinbart haben, in Sankt Peter an der ihr genehmen Stelle aufgerichtet und ein schönes Werk ist, wie ich versprochen habe. Denn dessen bin ich gewiss, wenn es zustande kommt, wird die Welt nicht seinesgleichen besitzen.