Michelangelo Gedichte und Briefe In Auswahl herausgegeben von R. A. Guardini

Part 2

Chapter 23,612 wordsPublic domain

Auch eine träge Alte ist ihm teuer, Die grosse Amme seiner Ungestalt, Sie nährt in ihm der wilden Kühnheit Feuer, Sie reizt ihn an zu Frechheit und Gewalt. Wohnt nicht das Weib bei diesem Ungeheuer, So birgt es sich im tiefsten Felsenspalt. Geht müssig er, hockt sie in dunkler Kammer Und schickt dem Volke Hungersnot und Jammer.

Im Busen, aus dem alle Übel stammen, Trägt sie das Zeichen ihres Herrn; die Qual Des Nächsten mästet sie, sie schrumpft zusammen Bei andrer Glück, die Gier stillt ihr kein Mahl; Sie peinigt alle mit des Hasses Flammen Und liebt, o Wunder, selbst sich nicht einmal. Ihr Arm ist Eisen, Stein das liebeleere Das eis'ge Herz; sie schlinget Berg und Meere.

Und beider Kinder -- sieben sind's -- durchfliegen Die Welt von Pol zu Pol, ein Höllenchor; Nur die Gerechten wollen sie bekriegen, Sie schliessen auf und zu des Abgrunds Tor, Denn Beute bringen sie nach grossen Siegen; Unzähl'ge Arme strecken sie hervor, Um nach und nach die Seelen ganz zu binden Wie Eupheuranken einen Turm umwinden.

14. Sophie Hasenclever.

EPITAPHIEN.

O fühlest du mit mir, der hier im Staube Verschlossen ruht, der Welt entrückt, Erbarmen, So spare deine Tränen für die Armen, Die leben, wechselndem Geschick zum Raube.

* * * * *

Warum ergreifst du Tod nicht müde Greise, Warum soll ich in meiner Blüte sterben? "Weil das, was altert in der Welt Verderben, Nicht aufschwebt und nicht weilt im Himmelskreise."

* * * * *

Nicht mordete mit hoher Jahre Waffen Der Tod die Schönheit, die der Staub hier deckt, Er nahm sie schnell, auf dass sie unbefleckt Zum Himmel kehre, schön wie sie geschaffen.

* * * * *

Geboren war ich erst vor kurzer Frist, Als man mich hier begrub; so schnell entführet Der Tod mich, dass der freie Geist kaum spüret, Wie sehr sein Zustand jetzt verwandelt ist.

* * * * *

Nicht gab der Himmel meiner Reize Fülle, Die Vielen er zum Schmuck für mich entriss, Durch meinen Tod zurück, da ich gewiss Am jüngsten Tag mich kleid' in gleiche Hülle.

* * * * *

Man glaubt mich tot, der ich gelebt zum Frommen Der Welt, im Busen tragend tausend Seelen, Die mich geliebt; wie kann mir Leben fehlen, Da eine Seele nur der Tod genommen?

* * * * *

O würden Fleisch und Blut für meine Knochen -- Dass ich aufs neue lebte -- eure Tränen, Dann wär' aus Mitleid hart, wer weint; sein Sehnen Zwäng' mich zurück ins Joch, das ich zerbrochen.

* * * * *

Dass ich gelebt, weiss nur mein Leichenstein, Und denkt ein Mensch an mich, dann dünkt's ihn gar Wie Traum; so wirkt der Tod, dass das, was war, Erscheint, als könnt' es nie gewesen sein.

* * * * *

Ich, Braccio von Geschlecht, sah, seit in Schmerzen Zur Welt ich kam, nur kurze Zeit den Tag; Nun bin ich hier, wo gern ich harren mag, Leb' ich nur fort in meines Freundes Herzen.

* * * * *

War ich im Leben, der ich Staub jetzt bin, Des Freundes Leben, muss nicht Tod allein, Nein eifersücht'ge Qual dem Freund es sein, Stirbt je vor ihm ein andrer für mich hin?

* * * * *

Der Bracci Sonne sank hinab ins Grab, Mit ihr die Sonne der Natur. Nicht Waffen Bedurft' der Tod, um ihn dahin zu raffen; Ein Hauch schon bricht die Frühlingsblume ab.

15. Sophie Hasenclever.

DANTE.

Kein Lob erreicht ihn, denn was könnt' ich sagen, Da selbst den Blinden er voll Glanz erschienen? Doch dazu soll die Sprache jetzt mir dienen, Das Volk, das ihn beleidigt, anzuklagen!

Ihm, der zum Reich der Seelen, die verloren, Hinabstieg, ihr Geheimnis zu erraten; Ihm, dem die Himmelstore auf sich taten, Verschloss die eigne Vaterstadt die Tore.

O Vaterland des Undanks! Dir zum Schaden Hast du ihn ausgestossen! Du, das stets Die Besten mit dem schwersten Schmerz beladen.

Nur seinen Namen braucht die Welt zu lesen! Denn ward ein Mann unwürd'ger je verbannt Und ist ein Mann so gross wie er gewesen?

16. Hermann Grimm.

Wie kommt's, dass ich nicht mehr mein eigen bin? Wer ist's, durch den ich mich verlor, Der, fremd, in mir sich drängte vor, Mehr gilt in mir als eigner Sinn? Und wie durchschnitt Die harte Brust, Wer mich nicht einmal angerührt? Wer bist du, Liebe, Qual und Lust, Die nun mein Herz gefangen führt, Die durch das Aug' in meine Seele glitt Und da so masslos wächst und schwillt, Dass sie an tausend Enden überquillt?

17. Hans Grasberger.

Den Augen gebt zurück, o Fluss, o Quelle, Das Wasser, nicht entsprungen euren Bronnen, Die Tränen, die in eure Flut verronnen, Zu wilder Höhe trieben eure Welle!

Du trübe Luft, die mir das Licht, das helle, In Nebel hüllt, verdunkelnd meine Wonnen, Gib wieder, um die Blicke neu zu sonnen, Die Seufzer mir, dass es kein Dunst entstelle!

Die Schritte, Erde, gib zurück den Füssen, Es sprosse neu das Gras auf meinem Wege; Gib, Echo, heut zurück mir Klag' und Stöhnen,

Gebt meinem Aug' ihr Augen, o ihr süssen, Die Blicke wieder, dass ich lieben möge Ein andres Weib, da euch verhasst mein Sehnen.

18. Sophie Hasenclever.

So kehren wirklich die befreiten Seelen, Auf kurz bemess'ne Zeit, Zurück in anderm Kleid, Dass Leben sie und Tod von neuem wählen? Wird strenge im Befehlen, Wie einst, die Liebste nah'n, Noch ganz von ihrem alten Reiz umflossen? Fast möcht' ich darauf zählen, Sie zeigte sich alsdann Ganz ohne Groll, von Milde übergossen. Und, war ihr Aug' geschlossen, Hat, neubelebt, sie Mitleid wohl erworben Mit meinem Tod, -- die selber schon gestorben!

19. Bettina Jacobson.

AN VITTORIA COLONNA.

Des besten Künstlers herrlichsten Gedanken, Ein einz'ger Marmor kann ihn ganz enthalten, Doch muss, will ihn der Meister uns entfalten, Die Hand dem Geist gehorchen ohne Wanken.

In dir auch birgt sich Glück und Pein; verdanken Könnt' ich dir höchstes Heil, doch zu gestalten Dies Glück, es zu gewinnen, zu erhalten, Fehlt mir die Kunst; so muss an Gram ich kranken.

Nicht trägt denn Liebe Schuld an meinen Leiden, Nicht darf das Schicksal ich zu schmähen wagen; Kann Heil ich oder Tod von dir erwerben,

Trägst du im Busen sie und ward von beiden Mir Tod zuteil, muss ich mich selbst verklagen; Mein schwacher Geist verschuldet mein Verderben.

20. Sophie Hasenclever.

AN VITTORIA COLONNA.

Dein leuchtend helles Diadem erringen, Auf steilem Pfade rauh und lang, O das vermag im Liebesdrang Ein Herz voll Demut nur und edler Sitte. Dir wächst die Kraft, mir werden lahm die Schwingen, Versagt der Odem auf des Weges Mitte. O höre meine Bitte: Obgleich mein Herz sich freut an deiner Ehre, Und jauchzt, dass deine Tugend so erhaben, So fleht es dennoch: lenke deine Schritte Ein wenig nur herab zu mir und wehre Mir Schwachem nicht, den Geist an dir zu laben; Wenn minder gross, du Hehre, Mein Herz dich wünscht, nicht höh'ren Flug will dulden, O so vergib dir selber mein Verschulden.

21. Sophie Hasenclever.

AN VITTORIA COLONNA.

Der Freundlichkeit, mit der Ihr mich bedenkt, Nicht allzu unwert, Herrin, mich zu zeigen, Wollt ich mit dem, was meinem Geiste eigen, Erst das erwidern, was Ihr mir geschenkt.

Bald aber fühlt' ich: da Euch nachzusteigen, Wohin der Genius Euch empor gelenkt, Gibt's keinen Weg für mich: verzeiht und denkt, Wie sehr ich weiss, warum mir ziemt zu schweigen.

Denn Irrtum wär' mein Glaube, wenn ich dächte, Dem gleichzutun mit meinem schwachen Werke, Was von Euch wie des Himmels Gnade regnet.

Das Feuer fehlt, die Kunst, die es vollbrächte, Mir Sterblichem, dem kein Versuch die Stärke Verleiht, mit der der Himmel Euch gesegnet.

22. Hermann Grimm.

AN VITTORIA COLONNA.

Ach neben dir, die durch zu grosse Wonne Das Leben mir entreisst, Wie arm bin ich an Geist, An Kraft und Kunst! Ja deinen Strahlensegen Flieht, wie der Blick die Sonne, Mein blöder Geist; die Flügel möcht' er regen Weit über sein Vermögen; Er übertrifft sich selbst, nur deiner kleinsten Spende Auch wert zu sein; bald aber, ach zum Schaden, Erlahmt sein Flug, und klar sieht er am Ende, Nie kann der Dankesschuld er sich entladen, Für so viel Gnaden! Je mächt'ger lodern deiner Seele Flammen, Je mehr sink' ich in toten Staub zusammen.

23. Sophie Hasenclever.

Was ist es, das die Seele mir entzündet? Ahn' ich der Gottheit Glanz, die Strahlen krönen? Sah ich auf Erden je ein Bild des Schönen, Das meine Seele zitternd nachempfindet?

Blieb mir ein Himmelsstrahl, der nie erblindet, Von jener Seligkeit, nach der mit Tränen Sich die verbannten Menschenherzen sehnen, Die niemals ganz aus dem Gedächtnis schwindet?

Das, was ich fühl' und schau', das, was mich leitet, Ist nicht in mir, noch weiss ich, wo es finden! Zeig' du es mir, denn seit ich dich erschaue,

Fühl' ich, wie sich in meinem Busen streitet Ein Ja und Nein, ein bittersüss Empfinden; Gewiss dein Auge ist es, holde Fraue!

24. Sophie Hasenclever.

"Sprich Amor, ist es Wahrheit, ist's ein Wähnen, Dass Götterpracht der Herrin Antlitz schmückt, Oder hat mich ein inn'res Bild entzückt, Und seh' ich hier den Abglanz jenes Schönen?

Du weisst es, denn du kamst mit ihr; mein Sehnen Entfachst nur du, nur du hast mich berückt; Doch fleh' ich, trotz der Qual, die mich bedrückt, Nicht mindre diese Flammen, diese Tränen!"

"Die Schönheit, die du siehst, entstammt der Erde, Doch wächst ihr Glanz, steigt sie zu höhern Sphären; Durch deine Augen tritt sie in die Seele,

Und diese, dass gleich ihr unsterblich werde Die Schönheit, nimmt sie auf, sie zu verklären; So laut're Schönheit siehst du, ohne Fehle."

25. Sophie Hasenclever.

O meine Augen, wisst: Die Zeit vergeht, die Stunde kommt heran, Wo trüber Tränen Born sich schliesst!

Gott halt' euch aufgetan, So lange meiner Herrin Huldgestalt Auf Erden wallt.

Schliesst sich der Himmel auf, Und meine Erdensonne Lenkt, euch entrückt, den Lauf Hinan zu aller Sel'gen Wonne, Was bleibt euch fürder noch zu schauen dann?

26. Hans Grasberger.

AN VITTORIA COLONNA.

Wenn Kunst, im Stein gestaltend, Erschaffend und erhaltend, Dir dauernd Leben gibt durch Menschenhände Bis an der Zeiten Ende, Wie könnte erst der Himmel dich verklären, Der Himmel, göttlich waltend, Der höh'rer Schönheit Spende Als Menschenkunst verleiht, wollt' er dir Hehren Auf Erden schon Unsterblichkeit gewähren! Doch ach, dein Bild besteht, und du musst sterben? Wer rächt hier dein Verderben? Dich räche die Natur, denn sieh, es bleibet Der Menschen Werk, indes ihr Werk zerstäubet.

27. Sophie Hasenclever.

AUF VITTORIA COLONNAS TOD.

Als sie, um die viel Seufzer mich verzehren, Der Erde, meinem Blick und sich entschwand, Da blieb Natur, die ihrer wert uns fand, Beschämt zurück, und, der sie sah, voll Zähren.

Heut wird man nicht den Tod sich rühmen hören, Ob dieser Sonnen Sonne: ihm entwand Die Liebe sie: hier lebend festgebannt, Weilt sie dort oben unter Engelchören.

Wohl meinte dieser arge, böse Tod: Verstummen müssten hier die Ruhmesklänge, Darin man Tugend, Seelenschönheit ehrte.

Und dennoch spenden jetzt uns die Gesänge Mehr Lebensglanz, als einst ihr Leben bot: Der Himmel liess uns, was ihm nicht gehörte.

28. Bettina Jacobson.

AUF VITTORIA COLONNAS TOD.

Dass nah dem Feuer mich die Glut verzehrte, Was Wunder? Und, dass jetzt, wo es verglommen, Ich mich bekümmert fühle und beklommen, So dass ich nach und nach zu Asche werde?

Ich sah, wie Flammenschein den Ort verklärte, Von dem mir all die schwere Pein gekommen, Doch gab der Anblick schon mir Heil und Frommen, Der Qual und Tod in Wonne mir verkehrte.

Jetzt, da der Himmel mir des Feuers Helle, -- Die mich entzündet, mich ernährte, -- nimmt, Glüh' ich als Kohle noch im Aschengrabe.

Schafft mir nicht Amor Feuerstoff zur Stelle, Bleibt auch kein Fünklein mehr, das weiterglimmt, Wenn ich zu Asche mich verwandelt habe.

29. Bettina Jacobson.

AUF VITTORIA COLONNAS TOD.

Um so vollkommne Schönheit nicht von allen Zurückzufordern, wenn der Tod erschien, Ward einer sie verliehn: Der Hohen, Reinen, unter zartem Schleier. Hätt' allen Sterblichen es Gott gefallen, Sie zu gewähren, war der Rückkauf teuer. Ein Hauch ward zum Befreier, Ein Augenblick, an Dauer kaum gemessen, Genügte, dass sie Gott Zurückgeholt: Kein Auge schaut sie wieder! -- Doch bleiben unvergessen, Ob auch die Hülle tot, Uns ihre schönen, heilgen, süssen Lieder. Lieh Gott an schlimme Brüder So viel wie ihr, wollt' es zurückerwerben, Mitleid, gesteh's: Wir alle müssten sterben! --

30. Bettina Jacobson.

AUF VITTORIA COLONNAS TOD.

Ward auch schon manches Menschenbild gesehn, Das aus dem harten Stein mein Hammer bricht, So steht er doch in Meisters Bann und Pflicht, Durch den allein kann Schlag und Führung gehn.

Nur was da göttlich wohnt in Himmelshöhn, Ist schön durch sich, versendet eignes Licht; Doch wird ein Hammer ohne Hammer nicht, Kann Leben auch aus Leben nur erstehn.

Weil nun der Schlag nur stärker niederfährt, Je höher wir hinauf den Hammer schwingen, Flog über mich der deine himmelan.

So, wenn Gott gnädig Hilfe nicht gewährt, Kann des Unfert'gen Bildung nur misslingen, Weil sie kein andrer hier vollbringen kann.

31. Bettina Jacobson.

NACH VITTORIA COLONNAS TOD.

Versetz' in jene Zeit zurück mich heute, Wo zaumlos toben mochte blinde Glut! Gib mir das Antlitz wieder engelgut, Dem alle Jugendkraft gewelkt zur Seite;

Die Schritte ohne Zahl in alle Weite, Die schwer und müh'voll nur das Alter tut, Dem Busen Feuer gib und Tränenflut, Willst du noch einmal, Amor, mich zur Beute.

Denn lebst von Zähren wirklich du, vergossen In Leid und Lust, was macht den Greis dir teuer, Der fast am andern Ufer angekommen?

Schon wehrt der Geist mit himmlischen Geschossen Sich gegen deinen Pfeil. Das stärkste Feuer, Es zündet nicht im Holz, das schon verglommen.

32. Sophie Hasenclever.

Ein frohes Herz verschönt, und hässlich macht Ein traurig Herz; so werd' ich umgestaltet Durch dich, die meins verwaltet. -- Nur eins begreif' ich nicht: du müsstest glühen, Da du die Glut entfacht! -- Ein Auge klar und helle Hat für das Schöne mir mein Stern verliehen, Und willst du mir entziehen Des Trostes letzte Strahlen, Wirst du, seh' ich, dir schaden, denn ich meine, In jedes Bildnis malen Zugleich mit dem Modelle Wir Künstler uns hinein; wie wird das deine, Wenn ich so trostlos weine? Beglücke mich, dann mal' ich ohne Tränen, Und du wirst schön und wirst auch mich verschönen.

33. Sophie Hasenclever.

Oft gleicht ein Bild dem Bildner mehr, o Jammer! Als dem Modell; so bilde Ich jetzt nur schmerzlich wilde Entstellte Züge, klägliche Gestalten! Dich formen will mein Hammer, Und formt mich selbst, die Stirn voll Schmerzensfalten. Was könnt' ich auch gestalten, Da Liebe mich vernichtet, Als diesen müden Leib voll Angst und Trauer? Gleicht nicht dem Stein, dem kalten, Aus dem ihr Bild errichtet, Die strenge Herrin? Felsen sind nicht rauher. Die Kunst allein gibt Dauer; Drum, willst du, dass dein Reiz dich überlebe, Beglücke mich, dass ich dir Schönheit gebe!

34. Sophie Hasenclever.

Wohl muss ein reiner tücht'ger Sinn sich freuen An von der Kunst geschaffenen Gestalten, Die liebe Züg' und Formen aufbehalten Und Menschen bilden in Wachs, Ton und Stein.

Wenn dann fühllose Zeiten sie entweihen, Solch edles Werk zertrümmern und zerspalten, So wird das Bild sich dennoch in der alten Schönheit im Geist, der es erfasst, erneuen.

So ist es deiner Schönheit widerfahren: Als Bild des Heiles, das den Himmel schmückt, Hat sie der ew'ge Künstler ausgesendet.

Verringert sie nun gleich sich mit den Jahren, Sieht meine Sehnsucht sie nur mehr vollendet, Der Schönheit denkend, die kein Alter knickt.

35. Carl Witte.

Herrin, wie mag's nur sein -- und doch bewährt Es die Erfahrung -- dass weit längeres Leben Dem Bildwerk als dem Bildner wird gegeben, Des Meisterhand den rohen Stein verklärt?

Der Schöpfer schwindet das Geschaffne währt, Kurzlebig muss Natur vor Kunst erbeben, Ich weiss es, der ich ganz der Kunst ergeben, Klar sehe, wie die Zeit mit mir verfährt.

So könnt' ich langes Leben wohl uns beiden Verleih'n, ob Stein, ob Farbe dir beliebt, Liess ich ein Bild von uns ganz treu und wahr:

Dass man noch tausend Jahr nach unserm Scheiden Säh', wie du schön warst, wie ich dich geliebt, Und dass mein Lieben keine Torheit war.

36. Friedrich Bodenstedt.

AN VITTORIA COLONNA.

Nach vielen Jahren, vielem Suchen, Ringen, Erreicht der Weise erst, nah seinem Ende, Wie er durch Geist und Hände Lebendig aus dem Stein ein Bildnis schafft. Denn zu so hohen Dingen Gelangt man spät, und bald erlischt die Kraft. Dein Antlitz, götterhaft, Hat, lange suchend und nach vielem Irren, Natur, am Gipfel angelangt, gefunden; Nun ist sie alt, und ihre Kraft verzehrt. Darum ist Furchtverwirren Mit Schönheit oft verbunden, Das wundersam ein stark Verlangen nährt. Wer ist's nun, der mich lehrt, Was besser sei, nachdem ich dich gesehn: Die höchste Lust? Der Erde Untergehn? --

37. Bettina Jacobson.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Was ich in deinem Antlitz sah, beschreibe Mit Worten nimmer ich; doch was es kündet Hob oft den Geist, den noch der Körper bindet, Zu Gott empor aus diesem Erdenleibe.

Dien' ich dem Spott des Pöbels auch zur Scheibe, Zeiht er der Regung mich, die er empfindet, So hoff' ich doch, dass Treue fest gegründet, Dass keusche Glut so wert wie einst dir bleibe!

Die ird'sche Schönheit, für den Blick des Weisen Gleicht sie dem Liebesquell, dem wir entstammen; Vom Himmel hat die Welt nicht andre Proben,

Nicht andre Früchte kann die Erde weisen; Sind treu und keusch nur meiner Liebe Flammen, Ist süss der Tod und frei mein Flug nach oben.

38. Sophie Hasenclever.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Ich sehe sanftes Licht mit deinen Blicken, Mit meinen eignen Augen bin ich blind, Mit dir im gleichen Schritte wandelnd, sind Leicht mir die Lasten, die mich sonst erdrücken.

Von deinen Schwingen mit emporgetragen Flieg' ich mit dir hinauf zum Himmel ewig; Wie du es willst: kühn oder zitternd leb' ich, Kalt in der Sonne, warm in Wintertagen.

In deinem Willen ruht allein der meine, Dein Herz, wo die Gedanken mir entstehn, Dem Geist, in dem der Worte Quell sich findet:

So kommt's, dass ich dem Monde gleich erscheine, Den wir soweit am Himmel nur ersehn Als ihn der Sonne Feuerstrahl entzündet.

39. Hermann Grimm.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Wenn in zwei Liebenden des Schicksals Walten, Wenn keusche Lieb' sich gleich und Frömmigkeit, Wenn einer weinet bei des andern Leid, Ein Will' und Geist in beiden Herzen schalten;

Wenn eine Seele lebt in zwei Gestalten, Verklärt in beiden, sie zu gleicher Zeit Mit einem Flügel trägt zur Seligkeit, Ein goldner Pfeil zwei Busen hat gespalten;

Wenn beide füreinander liebend brennen, Doch keiner selbst sich liebt, wenn jeder täglich Zum höchsten Ziel den andern will begeistern,

Und wenn dies schwacher Abglanz nur zu nennen Von uns'rer Liebe, sag mir, ist's dann möglich, Dass Groll das Band löst zwischen solchen Geistern?

40. Sophie Hasenclever.

Durch dich erst kenn' ich mich und aus der Ferne Streb' ich dem Himmel zu, von dem wir kamen, Und wie der Fisch geködert wird vom Hamen, Reichst du mir Speise, und ich komme gerne. Nur schwach kann ein geteiltes Herze schlagen, Drum gab ich dir das meine ganz und gar: Was von mir bleibt, du weisst es, der mich kennt! Ans Beste nur soll sich die Seele wagen, Drum muss ich heiss dich lieben, will ich leben! Denn ich bin Holz nur, du bist Holz, das brennt.

41. Bettina Jacobson.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Wohl darf mit meiner Liebe heissen Flammen Gerechte Hoffnung sich zum Himmel schwingen, Denn wollte unsre Wünsche Gott verdammen, Warum hiess er die Welt aus Nichts entspringen?

Wie sollt' ich auch für Höh'res mich entflammen, Als um der ew'gen Schönheit Ruhm zu bringen, Von der die Reize, die dich zieren, stammen, Die keusch und rein'gend jedes Herz durchdringen?

Trüg'risch ist nur die Hoffnung jener Lust, Die mit der Schönheit stirbt und stets entflieht, Weil sie der Züge Wechsel untertan.

Doch die ist unfehlbar in treuer Brust, Die um der Hülle Wandlung nicht verglüht; Durch sie wird uns der Himmel aufgetan.

42. Carl Witte.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Wäre der Schönheit deiner Augensterne Das Feuer gleich, das sie ringsum entzünden, Dann flammte wohl die Welt aus Feuerschlünden, Es schmölzen selbst des Poles eis'ge Kerne.

Doch hat der güt'ge Himmel, der sich gerne Erbarmt des Schwachen, dass wir nicht erblinden, Die Augen uns umflort, und wir empfinden Den Glanz nur wie ein Licht in weiter Ferne.

Nie wird, wie's deinem Reiz gebührt, entbrennen Der Liebe Glut; nur Stückwerk schau'n wir Toren Des Ew'gen, lieben das nur, was wir sehen.

Mich auch bewahrt mein mangelhaft Erkennen, Die Schwäche nur, dem Menschen angeboren, Für dich im Flammentode zu vergehen.

43. Sophie Hasenclever.

Ein schönes Antlitz spornt mich himmelan, Nichts andres freut mich mehr, da schon im Leben Ich darf empor zu sel'gen Geistern schweben -- Ein Glück, wie selten es ein Mensch gewann.

So sehr zum Schöpfer stimmt sein Werk: ich kann durch Gottgedanken mich zu Gott erheben, Vom Himmel wird mir Geist und Wort gegeben, Seit ich erglüht in holdem Liebesbann.

Drum kann ich von zwei schönen Augen nimmer Den Blick abzieh'n, als ob zum höchsten Glück, Empor zu Gott ihr Licht den Weg mir wiese.

Und fühl' ich mich durchglüht von ihrem Schimmer, Strahlt mir aus ihrer edlen Glut zurück Das ew'ge Lächeln sel'ger Paradiese.

44. Friedrich Bodenstedt.

AN TOMMASO CAVALIERI.

Ein Schwefelherz in einem strohernen Leibe, Mit Knochen wie geschnitzt aus dürren Asten, Ein Flackergeist, der sich der ersten, besten Hingibt, betört von jedem üpp'gen Weibe;

Ein Scheinmensch, blind für Höh'res, mürb wie Zunder, Dergleichen viele auf der Glücksjagd rennen, Mag lichterloh im Augenblick entbrennen Gleich wie vom Blitz gerührt; es ist kein Wunder!

Mir konnte nur die höchste Schönheit taugen, Zu ew'gen Werken heil'ge Glut zu schüren: Ihr Glanz allein könnt' mich so hoch erheben.

Klein schien mein Grösstes mir in deinen Augen; Ich floh das Volk, dich Einz'gen zu erküren; Mein Werk gab meiner Liebe ew'ges Leben.

45. Friedrich Bodenstedt.

Das Feuer darf der ems'ge Schmied nicht scheuen, Sein Eisen neu und kunstvoll zu gestalten; Mit Kraft des Feuers muss der Meister schalten, Will er des lautern Goldes sich erfreuen.

Der einz'ge Phönix kann sich nicht erneuen, Eh' er verbrennt. So auch in Glutgewalten Hoff' ich zu sterben, mit den Lichtgestalten Vereint, die Tod und Zeit nicht mehr bedräuen.