Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833

Part 6

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In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns hätte werden können. -- Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst Dir unsern Schrecken denken, -- denn man hat auf einer solchen Reise in den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, die sich allenfalls ersetzen ließen, sondern -- was wichtiger und nicht zu ersetzen ist -- seine +Papiere+! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen geblieben? -- Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter -- und erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, -- aber dennoch früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und schienen froh und guter Dinge. --

Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico führt, und die beiden Seen, den +salzwasserigten+ zur Rechten, und den +süßwasserigten+ zur Linken, von einander trennt, fuhren wir beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen -- so -- gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!

Du weißt mich nun hier, -- bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl zufrieden.

Mexico, den 23. Januar 1832.

Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als großartig nennen; man würde “+schön+” hinzufügen müssen, wenn etwas mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und Gebäude verwandt würde; -- aber man sieht diesen nur allzusehr den Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur +Friede+ und der Glaube -- die Ueberzeugung -- des +ruhigen, gesicherten Besitzthums+ kann die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den Stempel des Reichthums aufzudrücken! -- Diese Ueberzeugung mangelt aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht daher in +der+ Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern öffentlichen Gebäuden. -- Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit, in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge weit näher erscheinen, als sie wirklich sind. Die Luft ist hier so hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen kann.

Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen Zwischenstock (~entresuelo~) so daß sie in der Regel keinesweges von niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste, die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der ephemere Kaiser +Iturbide+ bewohnte, sodann die großartig angelegte, noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast (ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder Universitätsgebäude, und -- unter den Klöstern und Kirchen, deren es hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale!

Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern, und zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den beiden übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres in irgend einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, wo bei großen Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch geistliche Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der That +ungemein+ groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch eine Reihe von Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, und durch die vor einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben eine traurige Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück abgewonnen wäre. -- Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem nicht so reich ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön und viel größer als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, symetrisch und zum Theil im gothischen Styl ausgeführt, namentlich die an der linken Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der entgegengesetzten Seite ist der etwa 10 Fuß im ☐ große Stein mit dem berühmten altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber nicht entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. -- Die Cathedrale, so wie sie ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem erstgenannten National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang -- (er nimmt die ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock hoch, mit einem ~entresuelo~, oder einer ~Mansarde~. Das Gebäude imponirt deshalb nicht genug, und ich wundere mich in der That, daß die vormaligen Vice-Könige Spaniens sich keine prachtvollere Residenzen erbaut haben, da es ihnen doch an Vorbildern dazu -- in der Stadt Mexico selbst nicht mangelte und noch weniger an dem dazu erforderlichen Gelde. -- Den linken Flügel des Pallastes, dessen Salons geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz geschmackvoll meublirt sind, bewohnt jetzt der Präsident der Republik.

Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt, benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. -- Das Local des Senats ist zwar etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch, daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden konnten. (Die Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des Congresses, der zur +Rechten+ von dem Präsidenten der Kammer, der zur +Linken+ von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel. Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa herausrufen lassen, besprechen können.

Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist, auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon machen können. -- Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.

Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.

Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir bewohnen, haben einen viereckten Hofraum (~Patio~) in der Mitte, in welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. -- Der untere Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der Magazine steigt. -- Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen, was Auge und Nase erquicken kann. -- Das Ameublement richtet sich ja überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige “Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen.

Oben auf der ~Azotea~ (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser haben) hält man sich denn wohl, -- wie z. B. ich -- zum freundlichen Andenken an deine Liebhaberei -- Hühner, Kalkuten und Tauben die Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der eignen Zucht! -- Das werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß +hier oben+ auch der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von +oben herab+ sehr leicht macht, während man von +unten+ her, wo der Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine Wohnung hat, nichts befürchtet.

Mexico, den 29. Januar 1832.

Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt unterrichtet zu halten.

Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. -- Man will sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt +seine+ Kräfte und unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung, mit der man hier davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man, wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht mehr vertragen. Inzwischen -- die Zeit wird es lehren! -- Hier aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas (Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich das Alles ~cum grano salis~ mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!

Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte des Gartens ist ein großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. -- Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion[8] zurück, um für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade (oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder Gesellschaft zu besuchen.

Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht; die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt, die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik, die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen berechtigt ist, das ist +das Haus selbst+! Die Logen haben übrigens nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich; -- Eheherren und Papas wollen behaupten +zu reich+! Hieran sind denn aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt gesehen habe!

Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht, was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder; jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch ausnahmsweise -- aber man sieht es doch noch!

Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen; da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik, durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den Kampfplatz! Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.

Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch, daß +er+ den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch einen Trompetenstoß von +diesen+ Feinden erlös’t, und einer Anzahl Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein Ende -- und bringt den Hauptmann, den +Matador+ (Todtschläger) auf den Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten, bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.

Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!

Mexico, den 21. Februar 1832.

Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte ich das auch nicht? -- Ich hatte diesmal aber noch eine besondere Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte (es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht werden, die Pferde waren gesattelt und warteten unserer im Hofe, der leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen) belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus der Cavallerie ausstreichen lassen. -- Gebrochen scheint nichts zu seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen, da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon sagen.