Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
Part 3
Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau gethan haben würde.
Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet; auf dem Kopf das bekannte ~mouchoir~, leichte baumwollene Jacke und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig abbüßen müssen.
Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u. dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn; wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen, wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen, alle +ihre+ Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich ohne einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und ausführt.
Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach Portauprince als Zahlung sendet.
Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse, daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer +deutschen+ Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte +Christoph+ hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer Nähe, aus Mangel an Zeit -- nicht besuchen zu können; sie wird von den Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.
Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.
Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt und wahrgenommen wird.
Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (~Stores~ genannt) +Alles+, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser ~marchandes~ in englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß, ~mouchoirs~ u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge der während des ganzen Continentalkrieges ausschließlichen Zufuhr englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide.
Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden den Anblick des Binnenlandes verbirgt.
Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme (Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert; man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.
Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen Nächten, welche in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen. Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. -- Zu verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art, Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden, würde sich sehr irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade, welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche vollkommen bestätigt fand.
Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war, und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten, schwarzen Mädchen dafür gab.
Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.
Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als +zwei Stunden+!
Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.
Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben, so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten, auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden Landreise Seiten. -- Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang auch, und der Mensch -- nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits erzählt, und fahre damit fort. --
Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas, war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt, die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten, zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.
Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen, um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. -- Diesen letztern kamen wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder blos den Himmel über uns und um uns her die See. -- Wir befinden uns nun in dem +mexicanischen Meerbusen+ auf der Bank von Campeche, und die vielen Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald beendigten Reise.
Am 24. December 1831.
Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen +diese+ Täuschung deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht kennt.
Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden, wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes unangenehm überrascht; es schien von der Küste von Campeche gekommen zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs, Länge-Berechnung[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu halten, wo sie ihren Raub hinführen. -- Welch ein reges Leben sich in jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück, vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen schrecklich für uns hätten werden können. --
Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und unerhörte Gräuel verübt. -- Den vereinten Bemühungen der englischen und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen, wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord +bewaffneter+ Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte![2]
Am 25. December.
Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten, nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns wieder untreu werden zu wollen scheint. --
So eben ruft man +Land!!+ und wir erblicken hoch in den Wolken, den Pic des Orizaba! -- Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die Meeresfläche emporragende Bergspitze aus sehr weiter Ferne sehen kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick! Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.
Am 29. December.
Die Stille dauerte nicht lange. -- Gegen Abend erhob sich der Wind und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten Tag.
Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen +Orizaba+, gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je gesehen!
So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig; denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu erreichen.
Am Bord des Esteva, den 31. December 1831, im Hafen von Vera-Cruz.
Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns gestern endlich, den +Hafen+ zu erreichen, wenn anders eine offene Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste gekettet, die wir -- leider! -- so bald noch nicht verlassen sollen; denn, -- stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, -- +wir müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten+!
Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn überall verfolgenden Gassenhauer “~Marlborough s’en va-t-en guerre~” in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf jagte! -- So soll es mir, wie es scheint, (versteht sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der +Cholera+ ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen, hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten +würde+, und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen +könnte+. Ueberall war die Rede von der Cholera und fast nur von ihr! -- Gut, dachte ich, dies hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens +diese+ verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom +gelben Fieber+ spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß, als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das +Sanitätsboot+ war, um uns anzukündigen, daß “+da wir aus Europa kämen, allwo die Cholera herrsche+,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und unser Schiff das +erste+, auf welches die Maßregel angewandt ward. -- Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!
Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu machen? man muß sich ~bon gré mal gré~ darein finden, und wir können uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man will mir heute Abend ein Boot senden, um die Briefe abzuholen, und ich werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.
Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm, sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich niederzuschreiben.
Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden! In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. -- Was das Treiben auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem Landungsplatze (~Muelle~) an der Stadt, gewährt einen recht belebten und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio[3] liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen; wir haben diesem also den Rang abgelaufen.