Meta: Eine Erzählung

Part 3

Chapter 33,591 wordsPublic domain

Aber sie will, nachdem ihr der Weg zu eigener, bedeutender Fühlung einmal gesperrt ist, aus von ihr aufgeregtem, fremden Schicksal unbedingt die fortdauernde Bestätigung nicht gewöhnlicher Natur. In Gestalt eines alternden Mädchens, durchschnittlicher Dienstmagd zum Kehricht geworfen zu werden, diesen Ausgang ihres Lebens ertrüge sie nicht. Sie weiß nicht, wie der Dämon in sie kam, aber daß sie vor jedem Atemzug gelten, vor sich selbst bestehen muß, und daß, diese Voraussetzung ihres Lebens zu schaffen, ihr jedes Mittel gilt.

Als mit dem in gesetzlicher Ehe geborenen Sprößling die jung Verheiratete alsbald aus ihrer Macht und ihrem Gesichtskreis entschwunden ist, spürt sie der Hausfrau Launen auf und wo bei ihr der Eingriff ins Leben zu wagen sei. Sie sieht die noch Begehrenswerte in simplem Haushaltskram befangen, und lange Zeit weiß sie nicht, wie ihr beizukommen wäre. Da springt ihr Zufall zu Hilfe, als sie den Erzieher des nun zwölfjährigen Knaben im Unterricht über ein samtenes Band der Prinzipalin träumend findet. Der Brennpunkt ist entdeckt, und mit unwiderstehlichem Drang facht sie Feuer unter den Primitiven, kocht sie durch Monate in ununterbrochener Hitze gar, bis der Boden des Topfes, in dem sie schmoren, wie Papier mürbe ist, und die Minute sich ankündigt, wo die Siedenden und Gesottenen ins offene Feuer fliegen.

Dicht vor der Katastrophe aber kommt ihr ein närrischer Einfall und macht sie vor Freude toll. Nicht halbe Arbeit will sie mehr leisten; diesmal soll das ganze Haus, der Familie rundes Ensemble, in sie untertauchen, und Herrschaft auf alle soll Lohn für fünfzehnjährige Sklaverei sein. Als der Herr wie stets in einer Ecke sie tätschelt, sprengt sie durch den ihm zugeschleuderten Blick seine gedämpfte Existenz und überläßt am gleichen Tag, da auch der junge Lehrer das ersehnte Glück findet, sich dem täppischen Alten.

Der hat durch seine Lebensstellung gefällige Umgangsformen mit der Frau. Meta nahm ohne Eifer mit Befriedigung, was er bieten konnte. Aus immer lebendiger Phantasie machte sie ihn abhängig; unterjochte ihn ganz. Sie probte und spannte ihn wie einen Handschuh, so weit er sich streckt; ersah an seinem Beispiel, wie weit der Mann dem Weibe wirklich folgt und stellt nach ihm das Bild von Franzens Männlichkeit richtig. Der Rest Bedauern, den sie über dessen Tod noch immer fühlte, minderte sich füglich. Als sie den Alten am Schnürchen hatte, er erst wie ein Pudel in ihrem Dunstkreis hüpfte, zwang sie auch die Hausfrau aus der Mitwisserschaft um ihr Verbrechen in dramatisch geführten Szenen zur Unterwerfung, allmählich zu striktem Gehorsam. Jetzt gab sie im Haus die Kommandos, nicht so sehr mit Worten als mit Blick, einer verlorenen Geste; spielte Richter und oberes Gesetz. Nie wollte sie, was jene wünschten, verbot, was ihnen erfreuliche Aussicht war und konnte nicht schlafen, gab ihr der Überblick des hingegangenen Tages nicht Gewißheit ihrer bewiesenen Macht. Drohten anfangs die Geprügelten, sich zu empören, das noch ungewohnte Joch abzuwerfen, dämpfte sie durch anonyme Briefe, die das Infame mit gemeinen Worten an die Wand malten, die Lust zum Aufstand; durch auferlegte Strafen den Wunsch, Widerstand zu wiederholen.

Sie zog in ein geräumiges Zimmer am Hauptflur, das sie mit hübschen Dingen schmückte, die ihr anderswo entbehrlich schienen. Setzte den Papagei im Bauer und einen Ledersessel ans Fenster, in dem sie regelmäßig als erste die Zeitung las und rückte schließlich das Grammophon im Mahagonischränkchen aus dem Eßzimmer zu sich herüber. Ein buschiger Kater hockte auf ihrem Schoß.

Für die Arbeit hat sie längst eine Magd genommen. Samt den übrigen Hausinsassen dient ihr die tagtäglich irgendwie zur Befriedigung dunkler Instinkte. Durch immer neue Nadelstiche, tausend gesiebte Bosheiten und Intriguen, gegen die sie wehrlos ist, im Mark des Lebens gelähmt, sinkt die ganze Sippe allmählich in so bodenlose Abhängigkeit, daß jede Reibung schwindet. Für den Besucher bildet die Gemeinschaft das Bild idealen Friedens; wie zärtliche Verwandtschaft liebenden Eifers bemüht ist, das Leben der verehrten Tante zu erhalten, vor Schreck und Trubel zu bewahren. Man buhlt mit den niedrigsten Mitteln um ihre Gunst; der Gatte verleumdet die Gattin, das Kind die Eltern, alle aber die Magd, die sich auf gleiche Weise rächt. Wo Meta auftrumpfen will, liegen die Stiche schon auf dem Tisch. Ihr zum Schlag gehobener Arm fällt auf Samt, zutretender Fuß taucht in Watte. Um sie ist schließlich Atmosphäre von Thymian und Lavendel, und wie sie auch immer im Einzelfall streng entscheidet, sieht sie doch nur verklärte Gesichter. Man ist unter allen Umständen entschlossen mit ihr, unbedingt für ihren Willen. Ihrer längst nicht erloschenen, leidenschaftlichen Lust am Aufruhr stellt sich in ihrer Umgebung einfach kein Gegner.

Sie muß ihren Groll künstlich päppeln, sich aufsagen, wie sie von Gott und den Menschen tödlich beleidigt ist um etwas, das ihr lange sehr deutlich war. Während sie im Genuß ertrinkt, betet sie sich vor, sie sei gemartert und grausam gehöhnt; aber die Sühne des Himmels stehe noch aus. Sie fühlt, verliert sie Aufstand und Empörung erst völlig aus dem Blut, muß in ihr ein Vakuum entstehen, das sie in Abgründe schleudert. Aber die vier Menschen um sie, die den Schlüssel ihrer Natur gefunden, singen ihr Hymnen, überstürzen die geringste Forderung an sie von sich her und entkräften immer mehr Metas einst lodernden Haß.

Schon, wenn am Jahresersten die Familie mit dem Frühesten an ihr Bett tritt -- sie aber liegt in schleifenverzierter Haube, kostbarem Hemd mit gefalteten Händen unbeweglich auf dem Rücken wie ein sehr kostbarer Gegenstand -- und das erdenklich Gute wünscht, oder an ihrem Namenstag das Haus mit brennenden Lichtern und Kränzen ein Tempel der Freude ist, Likör und edler Wein in Römern herschwebt, der die Geister verzaubert, schwindet ihr Erinnerung alles Gewesenen. Aber an ihrem vierzigsten Geburtstag, da Segenswunsch und Musik, als Enthusiasmus mit frohen Toasten prasselt, und in allen Blicken die Träne der Rührung hängt, fühlt sie aus sich das Heftige gerissen; sitzt im Kreis der Feiernden betäubt und gestäupt als leere Attrappe.

Alle Arbeit ist ihr aus dem Weg geräumt, den Finger darf sie schließlich nicht mehr rühren, und die geringste Handreichung wird mit stürmischer Abwehr nicht geduldet. Aber Überraschung bringt man ihr von draußen, freundliche Grüße der Bekannten, nur gute Nachrichten. Jeder Eintretende stellt strahlenden Augs mit lachendem Mund vor ihr ein lebendes Bild. Alle haben die zierlichsten Bewegungen, holde Sprache, Händedruck und Herzbeteuerung. So ist ihr jeder Anlaß zu Scheltworten genommen. Wie sie auch Argwohn und zänkische Erwartung spannt, immer endet jeder Vorgang über Erwarten glücklich in Sonnenschein. Man schmeichelt dem Vogel im Bauer, bringt ihm Biskuits und fragt mit schmelzender Besorgnis: »wen liebst du am meisten auf der Welt?«, und kreischt der bunte Bursche: »Meta! Meta!«, scheint man gerührt, entzückt, sogar erschüttert. Vom ewigen Sitzen und Gefüttertwerden wird die Verwöhnte von neuem unförmig fett. Ihre gefräßige Natur widersteht den Leckerbissen nicht, die man ihr reicht, und aller Welt macht es gehässigen Spaß, die Anschwellende nach Kräften zu mästen.

Ißt sie reichlich zu Tisch, schlürft viele Tassen Kaffee und mummelt Kuchen, dösen die Augen träg ins Leere. Nicht Feuer mit Blitz steht in ihnen, kaum mehr Strahl des Lebens. Bei Zeitungstratsch und Phonographengeplärr läppert sie Tage. Ihrer Umgebung achtet sie nicht mehr, läßt die beherrschte Welt immer weiter aus den Zügeln und kümmert sich ängstlich nur um die Gemäßheit der Verdauung.

Doch die vom Leitseil Entspannten schweifen in ein freies, früheres, durch sie nur unterbrochenes Sein fort. Mit vorgeschrittenem Alter hat man eine gewisse Höhe des Lebens erreicht. Vom Hügel herab sieht man Jugend, Torheit und Tollheit, und sicher vor ihnen, betrachtet man sie kritisch und belächelt sie. Ohne treibende, innere Flamme sind die Gatten aus der Häuslichkeit nicht mehr fortgerissen, sondern, der schwachen eigenen Kräfte, der Kämpfe im Dasein bewußt, aufeinander zu schmalem, letztem Lebensgenuß angewiesen. Und was man nie vermocht hat: da man das Gleiche will, traut man einander, nähert sich und lernt sich wirklich kennen. Der silbernen Hochzeit steuert man zu, geht das Vergangene im Geist durch, macht entschuldigende und begreifende Anmerkungen und ist mit Hin- und Widerrede eines Tages so weit, daß man spürt, wäre es nötig, könnte man auch einen Fehltritt, der weit zurückliegt, dem andern ohne Gefahr getrost gestehen.

Als aber diese Wahrheit erkannt und eingesehen war, begann man, die Gehätschelte im Lehnstuhl mit neuen Augen zu sehen. Noch ließ man es an der Anrichtung der Speisen nicht merken, wie sich die Lage schlimm für sie geändert hatte, doch sparte man mit Besuch und machte für sie keinerlei Anstrengung mehr. Meta nahm die mangelnde Teilnahme entweder garnicht wahr oder empfand sie als erhöhte Rücksicht, die ihrer Bequemlichkeit erwiesen wurde. Immer mehr dämmerte sie in den Zustand zufriedener Gleichgültigkeit hinüber.

Doch wollte sie eines Morgens Dienstleistung und hatte dreimal den Klingelknopf gedrückt. Als niemand kam und ohne Erregung sie mechanisch weiterschellte, öffnete endlich die Hausfrau die Tür und fragte schnippisch, was ihr denn einfiele. Ganz verdutzt, blieb Meta glotzenden Blicks die Antwort schuldig. Da erhob die Scheltende schreiend die Stimme, sie verbitte sich Art und Weise. Was denn im Werk sei, und ob sie sich, was sie brauche, nicht gütigst selbst holen wolle und ob überhaupt . . . und da höre alles auf! Und je weniger die Gescholtene zu entgegnen vermochte, um so mehr tobte der Frau entfesselte Wut. Zischend spie sie Wortschlangen auf die Vertatterte, berauschte sich an deren demütiger Stille so unmäßig, daß sie Stühle vom Platz, Gegenstände durchs Zimmer schleuderte. Mehr von der Dynamik der Stürmenden als vom eigenen Trieb bewegt, richtete sich Meta schließlich auf, nach bewährtem Rezept zum Angriff überzugehen. Sah aber beim ersten Blick dem Gegner ins Auge; der hatte alle Angst vor ihr verloren, und ihr Spiel sei unwiederbringlich und gründlich verspielt. Trotzdem machte sie eine fürchterliche Bewegung, zeigte plötzlich das alte, von tödlichem Haß entstellte Gesicht so drohend, daß die von neuem Geängstigte gellend den Gatten zu Hilfe rief. Der übersieht, im Schlafrock herbeieilend, mit einem Blick nach rückwärts und vorwärts die Lage und nie wiederkehrende Gelegenheit, fuchtelt die Arme wuchtig aufwärts, dröhnt mit riesiger Stimme Löwentöne, daß alles zusammenläuft, und die Nachbarn an die offenen Fenster eilen. Da er fühlt, ihn verlassen die Kräfte, es müsse aber zum Schluß noch die entscheidende Granate einschlagen, kreischt er mit schneidendem Schrei, sie solle nicht vergessen, daß sie Dienstbote und gelitten sei. Der Satz tat dämonische Wirkung. In die Brust flog die Familie. Wie vom Blitz zerschmettert aber knickte Meta in den Wirbeln und fiel wie Plunder ins Dunkle. Dann flog Bann und Fluch auf sie, und eh' ihr noch ein Gedanke keimte, war ihr für vierzehn Tage später gekündigt und zugleich anbefohlen, noch am gleichen Tag das Haus zu verlassen. Lohn und Kostgeld würde nach dem Gesetz bezahlt.

So endgültig, spürte sie, war ihre Niederlage, daß sie keinen Versuch machte, den Gang der Ereignisse aufzuhalten. Aus allen Winkeln räumte sie ihre Habseligkeiten und Siebensachen. Beim Umkehren der Schübe fiel auch ein Bündel beschmutzter Lumpen vor ihre Füße. Erst begriff sie deren Sinn und Herkunft nicht. Dann, während Ekel sie schnürt, erkennt sie Franzens irdische Hinterlassenschaft. Sie kneift die Mundwinkel und stößt den Packen zum Kehricht.

Wenige Stunden später sitzt sie im Gasthof allein, aus dem sie nach ein paar Tagen, noch halb im Traum, zu einer Verwandten aufs Land übersiedelt.

* * * * *

Von dort wollte sie anfangs, das letzte Wort im Streit zu behalten, einen Brief der ehemaligen Herrschaft schicken, in dem Verachtung und Überlegenheit maßlosen Ausdruck hätten. Da sie das Schreiben aber trotz Mahnung des Verstandes von Tag zu Tag aufschob, merkte sie endlich, wie gleichgültig im Grund die Katastrophe sei, und wie sie eher mit diesen Leuten als die mit ihr fertig gewesen. Sie findet jetzt, die letzten Monate seien durch innere Teilnahmslosigkeit als einzige ihrem Leben verloren. Aus eigenem Antrieb hätte sie eher aus einem Haus aufbrechen müssen, das längst von ihr mit Stumpf und Stiel gefressen sei. Aus welchen Quellen hätte sie dort ihr Lebensgefühl speisen sollen? Welche Gewißheit der Gegenwart und Aussicht für die Zukunft konnte sie da noch beschwingen? Ein grämlich bequemes Alter sei ihr gewiß gewesen. Halber Tod im Leben. Hier aber war vor allem die Landschaft, zu der sie aus Vergangenheit keine Beziehung hatte, ihr Phänomen, und sie hoffte, befeuernd werde die auf sie einwirken. Mit der menschlichen Umgebung, die sie ihrer Erfahrung gemäß fand, trat sie am neuen Ort nicht mehr in Wettkampf. Wo Wucht des Fühlens und der Instinkte entschied, wußte sie sich ein für allemal auserwählt und der Menge gründlich überlegen. Auf dem Gebiet geistiger Kräfte aber suchte sie keinen Anschluß, der ihr aus Begabung und Erziehung verwehrt war. Hochmut, Neid, Zorn fielen als überflüssig fort, als sie merkte, das simple Bauernvolk stand an Geltungswillen noch hinter den besiegten Städtern zurück. Unter Unbewaffneten aber im Harnisch zu gehen, erschien ihr sinnlos. Hübsche Ersparnisse gaben ihr zudem in diesen bescheidenen Verhältnissen auch die äußere Sicherheit, die ihre kurzen Gesten, knappen Anmerkungen von innenher bezeugten.

Da sie aber spürte, noch immer wende sie zuviel Kraft an den täglichen Umgang mit belanglosen Menschen, nutzte sie vor allem weiteren ihr Geld dazu, einen Mann zu fesseln, der Mittler zwischen ihr und den anderen sein, die Unkosten des von der Welt geforderten Entgegenkommens tragen sollte. Jakob war Kriegsinvalide, ein rüstiger Fünfziger mit Stelzfuß. Medaillen und Schnallen auf der Brust bezeugten seinen Sinn für Gemeinschaftsideale, den Willen, sich in bürgerlichem Verein bemerkbar zu machen und die Fähigkeit dazu. Sie heiratete ihn und setzte ihn vor ihre eigene Person als Damm gegen die kleinliche Zudringlichkeit der Nachbarn. Es wirkte nicht störend, ein brillanter Hans in allen Gassen hatte eine schweigsame, zugeknöpfte Frau. Es ließ sich im Gegenteil versöhnend an. Jede Satzrakete ihres Gatten, seine Schwärmer und Leuchtkugeln, die verständnisvolle Bewunderer fanden, sicherten ihr Stille und innere Abgeschiedenheit auch dann, saß sie mitten im aufgeräumten Kreis, der bei der Erzählung von Jakobs Kriegsanekdoten lärmend vaterländisch begeistert war. Sie stützte seine einfache, seelische Mechanik, ölte die Maschine, drehte die Kurbeln und stellte sie auf Jahrestage beliebter Schlachten, auf Kaisers Geburtstag oder sonst ein Jubiläum, um ihn, rasender Brisanz mit Lampions und Feuerwerk, auf die Zeitgenossen loszulassen.

Sie selbst aber ging heimliche Wege in die Landschaft. Am überraschenden Wirken sprühender Natur wollte sie das eigene, kräftige Leben messen. Morgenröte, Sonne im Zenith und die Sternbilder am Firmament, Wind, Regen, Hagel und Schnee stellte sie als wechselnde Erscheinungsformen fest, von denen sie den jedesmal gewollten Effekt zu erkennen suchte. Sie mochte nicht einsehen, Regelmäßigkeit sei das Prinzip, aus dem Natur sich rege und sträubte sich, zu glauben, Sonne gehe ohne besonderen, heutigen Zweck auf, um zu sterben und morgen wieder pünktlich am Platz zu sein. Am Wiederkehrenden wollte sie durchaus das einmalig Notwendige erkennen, das es erst legitimiere.

Doch je tiefer sie in den Plan der Schöpfung eindrang, sah sie Gleichförmigkeit und Gegebenheit als letztes Gesetz ein. In noch höherem Maß als der Mensch waren Pflanze und Tier artmäßig übereinstimmend; es ging im weiten Umkreis der Natur gattungsgemäß nach ewigen Formeln von der Geburt zum Tod ohne den Aufschwung, den für sich selbst der niedrigste Mensch einmal im Dasein beweist. Was aber mit Gewißheit vorauszubestimmen war, langweilte sie nicht nur am Menschen; und so langweilte sie bald erst recht Natur. Was man den Reihen des aus gleichem Stoff Gewesenen in gleicher Absicht nachtat, könne als eigentliches Sein nicht rechnen, dachte Meta. Denn es entkleide des Selbstgefühls und noch Erhabeneren, das sie nicht zu nennen wußte, aber mit allen Fasern ihrer Seele immer anstrebte. Sie mochte nicht aus fremden Zungen reden, nicht aus fremder Gewißheit handeln. Von sich selbst mußte sie fortwährend zeugen, und im Haus und draußen wollte sie nur mit Organismen umgehen, die, die Form sprengend, eine andere eigentümliche Form bildend, sich bewiesen.

In des Hauses entlegene Stube zog sie und saß im Halbdunkel. Da die Gegenwart ihrem Erlebnisdrang nicht günstig ist, lebt sie von Erinnerung, während sie wie eine Spinne im Netz auf Anlaß lauert, sich zur Höhe ihres Gefühls von neuem aufzurichten. Sie zaubert den Abglanz aller Stationen ihres weiblichen Blühens und Welkens her. Franz tritt mit vollkommener Sensation zu ihr, und erst jetzt kennt sie ihn in seinem ganzen Verein: Er war absonderlich jung und so wenig eigene Person, daß sie ihren ganzen Traum vom Mann mit ihm hat austräumen können. Je eindringlicher sie ihn gliedert, eine Zukunft bildet, die er gelebt hätte, wäre er vom Krieg heimgekehrt, um so deutlicher wird er das Ebenbild Jakobs. Derselben Begabung, des gleichen seelischen Gewichts, hätten Sprüche in seinem eitlen Maul den Mangel an Tatkraft stets ersetzen müssen. Wie Jakob hätten auch ihn Schnallen und Medaillen auf der Brust in seiner Welt beglaubigt; hinreichende Betätigung seiner selbst hätte auch er in Prost und Toast gefunden.

Zehn Jahre früher würde sie ihn damit aus dem Herzen verloren haben, und die Zeit ihres höchsten Aufschwungs mit ihm wäre nie gewesen.

Mild stimmte sie die Erkenntnis mit Gott, und aufmerksam sah sie ins treibende Gewölk, als läge hinter ihm vielleicht noch Überraschung und neuer Aufruf zu tätigem Leben. Ihre inneren Bestände von jeher musterte sie und stellte fest: nie habe gegen den Höchsten sie sich vergangen, hätte sie, ein menschliches Weib und nach den Worten der Schrift sein Abbild, vom ersten Lebenstag das Recht auf eigene Person und volle Verantwortung für sich gefordert. Denn nie, wohin immer die Sucht persönlichen Erlebnisses sie geführt, sei sie noch so schrecklichen Folgen ausgewichen. Sie hielt es sogar des Menschen als des göttlichen Gleichnisses für unwürdig, lebte er im Hinblick auf die Allgegenwart und Allkraft Gottes träge im Bett der Gewohnheiten, ohne mit seinem Blut die überkommenen Begriffe zu füllen und für sich selbst lebendig zu machen. Ihr ganzes Leben hindurch hatte sie nur gegen Sattheit, Ruhe und Stillstand in sich und anderen gemeutert, sich empört gegen den Tod in jederlei Gestalt, als gegen den grimmigsten Gegner des allebendigen Gottes. In Menschen, die ein nutzloses Sein nach Schema und Klischee hinbrachten, war sie wie Flamme gefahren und hatte sie zu eigener Äußerung endlich gebracht.

Wo sie weilte, hatte Gefühl in Marsch und Aufruhr gestanden. Niemand habe mit ihrer Bewilligung einfach geschlafen, gegessen oder von beiden ausgeruht.

Als mit dieser Einsicht alle Bedenken über Vergangenheit in ihr ausgeglichen waren, regte sie sich, nach dem Tod des Gatten Jakob, wieder rüstiger und richtete von sich fort den Sinn unmittelbarer auf die Mitwelt. Es reizte sie mächtig, nicht mehr aus dunklem Drang, sondern mit vollkommener Erkenntnis manchen schwächeren Weltkinds Bürde auf ihre Schultern zu nehmen, seine Bedenklichkeit, sich zu sich selbst zu bekennen, in alle Winde zu zerstreuen. Eine alte Eva war sie, gebraucht und in den Kesseln des Geschlechts gesotten. Aber unter weißem Haar stand das Menschliche ihr frisch und unversehrt. Nicht weniger als die Jungfrau einst, im Fenster auf Ausschau hängend, war sie für sich und andere keck und zukunftssicher.

Ihre Kraft in abgestecktem Raum aufs beste noch zu nützen, trat sie in das Altfrauenhaus ihrer ländlichen Gemeinde ein. Zwanzig in durchschnittlichem Leben abgeblaßte Seelen traf sie dort, erloschene Flämmchen, die sich schämten, noch zu schwelen. In verschlissenen Kleidern, das weibliche Aussehen arg vernachlässigt, schlichen diese menschlichen Trümmer unsicher im Dämmerlicht.

Meta wie Jugend, Sturm und himmlische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück, wies die häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der entsprechenden Stelle ihre ganz unvergleichliche, irdische Wirksamkeit. In welken Brüsten entzündete sie eine späte aber vollkommene Überzeugung von der einzigen Bedeutung dessen, wofür sie geblüht hatten.

Und jede dieser Kreaturen setzte einige schüchterne Schößlinge an. Das kahle Holz begann zu treiben in der Gewißheit, solange es lebte, am neuen Morgen noch immer den ersten Tag zu haben. Es wurde das Licht der Augen wieder hell; die Hauben gebügelt und gewaschen, bekamen Rüschen; Spitzen und gefälteltes Weiß sahen aus den Ärmeln. Finger, Ohren und das gepflegte Tuch der dunklen Kleider waren plötzlich goldgeschmückt.

Nach vollbrachtem Tagwerk findet man die Runde der Weiber allabendlich um die gewaltige Tafel: aus den Hälsen die Häupter steif gehoben, die Hände wie bewiesene und bedeutende Einheiten breit auf die Platte des Tisches gestreckt, lauschen sie andächtig Metas Rede. In allen Antlitzen aber brennen zinnoberrot hektische Flecken, und manchmal klopft zu dem Gesprochenen ein Fuß mit hohem Bewußtsein den Boden.

Als vom benachbarten Kloster die Nonne Äbtissin, die von Metas Hochgemutsein in der strengen Abgeschiedenheit gehört hatte, sie aufsuchte und, mit ihr plaudernd, meinte, vielleicht sei das Kloster auch für den Rest _ihrer_ Tage der rechte Ort, gab die alte Magd bescheiden doch gewiß dies zurück:

Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt nicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht Unterwerfung unter hohe, unumstößliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklichkeit bin ich mir selbst, und auch vor meinen Herrn will ich einst so treten, daß er mich als das Höchstpersönliche erkennt, welches er, von aller Menschheit streng unterschieden, einst schuf, und das er »Meta« nannte.

ENDE

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