Meta: Eine Erzählung

Part 2

Chapter 23,630 wordsPublic domain

Meta aber, als sie Franz' geänderte Absicht sah, stürzte in harten Kampf, die gräßlichsten Zweifel. Aus unaussprechlichen Ahnungen spürte sie die augenblicklichen Verhältnisse nicht beständig und daß alles, was in ihnen sich ereigne, dem Wechsel und vielleicht späterer Verdammung unterliege. Aus allen Lüften sah sie Gebraus, Geschmetter der Kraft in des Geliebten eindrucksvolle Seele geblasen und glaubte dennoch nicht, es fände dort ursprünglicher Gefühle Begegnung. Sie zitterte, vom süßen Moment hingerissen, möchte sie, fallend, ihm seine ewige Neigung trüben, und sich selbst ihm gründlich zerstören.

Da sich in Wirklichkeit erfüllte, was einst sie geträumt: Jung, stark und gerade als Mann gewachsen, hat sie ihn vor sich, er senkt das Haupt an ihre Brust, stößt in die Falten der Taille die Spitzen des Gesichts und schlürft ihre Wärme, bis Blut sich entzündet und im Kessel des geschwollenen Leibes Überschwang an den Ventilen siedet -- zwingen sie Rufe der Not und mörderische Furcht, der ersehnten, vorzeitigen Hingabe mit schleunigem Aufbruch und schmerzlichem Aufschwung der Seele zu entfliehen.

Es weiß der Mann aus seines Leibes Verlangen immer unsinnigere Schmeichelei, Natur und alle Kreatur zaubert er vor ihre begeisterten Augen in taumelnden Aufruhr, und kaum weicht das Weib, von eigenem Verlangen gefesselt, noch aus. Schon wird über dem blanken Boden in einer Mondnacht des Mädchens Kehle und Schulter nackt, da ruft am anderen Morgen Befehl Franz zu seinem Truppenteil, und in der Hast der notwendigen Besorgungen gibt es kaum einen Abschied.

Erst aus der Garnison, dann vom Lager her, versichert er sie einer Leidenschaft, die hinter schneller Heirat fröhliche Wollust in völliger Vereinigung will. Zart fängt er zu bitten an, doch zum Schluß des Geschriebenen blitzt Mannesmut, und trumpft jedesmal die geballte Faust auf. Ihr aber beginnt, nach häufiger Wendung des Geschicks, aus seinen Worten die Ahndung eines vollkommen natürlichen Glücks, von Gott und den Menschen gesegnet, zu dämmern, und mit gefaßtem Wandel bereitet sie einfach und fromm in sich das Wesen seines Weibes vor.

Nun herrscht der Allmächtige und »Urlaub« in ihr. Mit häufigem Kirchengehen, inbrünstigem Gebet bekräftigt sie die innere Sammlung. Aufs Wiedersehen ist sie ganz gestellt, und nur manch Weibliches leuchtet ihr daneben ein. Es kam um diese Zeit die hübsche Hausfrau mit einem Knaben nieder, und Meta ist für alle Vorgänge bei der Geburt Feuer und Flamme. Als aber das Kind aus zitterndem Schoß entbunden war, und den von Qual erlösten Leib der Wöchnerin in frischen Kissen Jubel des Mutterglücks rührten, lag Meta an der Bettkante in den Knien und küßte die hängenden Hände der glückselig Erschöpften. Sie reicht ihr durch des Zimmers Sonne auch das Bündel Windeln, aus dem es quäkt und winselt, an die Brust und staunt auf all das Saugende und Gesaugte, die Spitzen Rot an den getürmten Brüsten und das in Milch verwandelte Blut. Sie fühlt sich königlich erhöht im Hinblick auf die eigene mütterliche Zukunft und hegt für das aus ihr noch nicht Geborene schon die zärtlichsten Gefühle. An Franz schreibt sie: mach schnell, komm bald. Es ist für dich alles bereit. In ihrer Seele steht das Häuschen, das mit dem kaiserlichen Briefträger sie bis ans Ende ihrer Tage bewohnen will, fix und fertig: zwei Räume und die Küche in einem Garten mit tüchtig Gemüse. In den Stuben rumoren die Kinder; im Stall ein Schwein. Am ersehnten Tag kommt statt seiner die Nachricht, der Urlaub sei verweigert; er selbst, näher den Ereignissen, ins Quartier eines hohen Stabes geholt. Ist Metas Enttäuschung schon groß, verbirgt sie sich nicht, ihr sei auf dem neuen Posten das Leben des Geliebten sichergestellt, und Ordensschmuck unter den Augen der oberen Gewalten für ihn wahrscheinlicher als in der trüben Masse an der Front. Was bedeute die Trennung, könne sie seiner endlichen, ruhmvollen Heimkehr gewiß sein? Wie er auch schilt, man habe ihm den Auszug ins Feld verwehrt, ihn vor allen Kameraden benachteiligt, lacht sie bei sich und sitzt den Winter über geschnittener Leinwand, aus der sie das Notwendige schafft zu baldigem Gebrauch. Brennt in der Kammer die Lampe, schnurrt eifrig der Ofen mit dem Kätzchen um die Wette, setzt sie Stich zu Stich mit lustigen Gedanken, und ist mit der Gewißheit, in ihrer Liebe hat sie manches gelitten, oft geschwankt, doch schließlich sich bezwungen, und nun steht ihr in einem braven Mann richtiges Frauenschicksal bevor, das beglückteste Mädchen.

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Franz, der im Haushalt des Stabsquartiers die gleichen Obliegenheiten erfüllt wie Meta für ihre Herrschaft -- er ist dort das Mädchen für alles, putzt, wäscht und wichst zu täglichem Gebrauch, was irgend vor seine Griffe kommt -- fällt nach einigen Monaten treuer Pflichterfüllung in ein hastiges Leiden, das ihm die Därme immer von neuem kehrt und entleert, bis seine gemarterte Seele kläglich durch diesen Weg aus dem kaum angebrochenen Leben entweicht. Mit rühmlicher Gefallenen verschwindet ohne Sang und Klang sein Kadaver schnell in fremde Erde.

Frei durch den Himmel ihrer Zukunft schweifend, erhält Meta die Nachricht am Abend; fällt in Ohnmacht des Begreifens und bleibt zeitlich lange genug ohne Bewußtsein, um vor selbstmörderischer Torheit bewahrt zu sein. Doch scheint Starre des eingebrochenen Winters sie miterfaßt zu haben, und geraume Weile wandelt sie, vor Besinnung gefeit, in Stummheit und Taubheit eingeschneit, huscht wie ein wundes Tier vom Bett durch die Stuben zu Bett; nicht einen Seufzer hört man von ihr. Manchmal steht groß ein Schweißtropfen an ihrer Stirn, wie aus dem Knochen herausgefroren.

Eines Tages sprach sie der Hausherr freundlich und mit väterlichem Tätscheln an. Sie solle zu sich selbst erwachen. Jung sei sie, mannigfach liege Leben vor ihr, und der Männer gäbe es viele. Auch litte mit ihrer Zerrissenheit die Qualität der Arbeit. Gott sei gnädig, die Sache des Vaterlandes stünde dank siegreicher Schlachten gut, und im Grund sei mehr gewonnen als verloren.

Oben aber sah Meta plötzlich die genähten Hemden und Herrlichkeiten, daß es sie an den Elementen packte und über den weiblichen Kram in einen Jammer warf, der Tage hindurch sie selbst und Zeug und Wäsche näßte. Auf Bett und Stuhl, wohin sie blickte, saß Franz; an Tor und Tür erschien er wieder, lachend und vertraut zu ihr aufschauend. Dann hurtig enteilend, Mütze schwingend, aufs Rad flatternd. Oder es sahen seine Augen vorwurfsvoll aus dem Dunkel; doch bei ihrem zartesten Laut strahlte sein Glaube. Und er läge ihr gestorben? Wo wäre da Sinn? War im Plan ihres gemeinsamen Lebens ein Fehler, das geringste Unreine im Zusammenklang der Seelen, und stimmt Gott der Harmonie nicht bis in die verborgenen Winkel der Schöpfung zu? Halb entkleidet steht sie zur Nacht im Loch des Fensters in feuchtem Aufruhr und sucht dem Himmel, des Busens Hügel aufnehmend, den Weg zum Herzen frei zu machen, daß er es ganz einfältig mit Franz erfüllt schaue. Wär wirklich das Unfaßbare wahr, wo in der Verkettung der Umstände sei der gräßliche Irrtum des Geschehens als Schuld anzurechnen, auf ihrer demütig irdischen oder der allmächtig himmlischen Seite? Aber die Sterne erblassen nicht vor der geheulten Anklage. Kraß und klar leuchten sie die täglichen Bilder.

Noch wartet Meta und schiebt den Tag der Abrechnung mit Gott fort, und während das Ohr auf Nachricht aus dem Feld gespannt bleibt -- sie ist gewiß, auf einmal kommt Alarm seines Lebens, und bebändert und besternt steht er vor ihr und wirft verhaltenen Lebenssturm wie Gewitter und Blitz in sie -- prüft sie innerlich von neuem ihre bisherige Führung nach den strengen Vorschriften der Religion, um nicht im geringsten über berechtigte Enttäuschung des Gläubigen hinaus sich anklagend zu empören. Sie bekommt auch günstige Zeichen. Ein Sergeant beim gleichen Stab, den der unverhüllte Jammer ihrer Briefe rühren mochte, antwortet in geschraubten Reden so Unterschiedliches, daß höhere Hoffnung allerhand in ihnen finden kann. Aus hundert Zeitungen erhält sie Bestätigung, daß Totgeglaubte, Totgewußte in die Arme der Liebenden zurückkehrten. Franz aber, von Fibern jugendlichen Willens hingerissen, sei ganz gewiß aus eintönigem Tagdienst in die Hitze der Gefechte geeilt und werde sich in den Berichten schließlich als ein Held und lebend wiederfinden.

Bis sie ein Bündel mit der Post erhält, das der gleiche Kamerad, ihrer Beschwörungen überdrüssig, an sie sandte: Lumpen von seinem entseelten Körper geschält, in beschämendem, kläglichem Zustand.

Ihr entgeht nicht die hämische Geste des Schicksals, die obendrein das Andenken des Verblichenen schänden will. Doch ist ihr der endliche Fall je tiefer umso lieber, da sie schon merkt, wie viel herrlicher sie sich von ihm erheben wird. Inmitten verwüsteter Hoffnungen, der jämmerlichen Trophäen seines Erdenwandels bleibt sie trauernd liegen und saugt aus tausend Erinnerungen Haß, allmählich rasenden Zorn gegen ein sinnloses Geschick und seinen oberen Lenker. Als sie endlich jeden Ort des Leibes mit gleicher Überzeugung angefüllt fühlt, erhebt sich ein neuer Mensch zu gewandeltem Leben. Mit Gott macht sie nicht mehr viel Worte. Sie sieht ihm frei ins Gesicht und zeigt ihre Meinung: Seine Entscheidung in ihren Sachen hat sie verurteilt und hängt nicht länger von ihm ab. Zum zweitenmal nimmt sie vom Dasein Besitz, belebt jetzt von sich selbst her ihre Welt. Aus deren Mitte sie alles bisher Verehrte hebt, es durch einen Götzen zu ersetzen: Franz, den sie mit jeglichem Tand der Phantasie schmückt. Je weiter sein irdisches Leben zurücksinkt, um so frischer macht sie ihn sich lebendig. Alle Kräfte müssen fortan für den einzigen Zweck sich regen, den toten Freund ihr fortwährend seiend zu erschaffen. Sie hat unaufhörliche Gesichte, Begegnungen und vertraute Zwiesprache mit ihm und riecht und schmeckt den ganzen angebeteten Mann. Ist sie aber mit ihm im innigen Verein der Gemüter, fliegt ihr Blick durch die Scheiben höhnisch zum Firmament, und Trotz spottet hell auf.

Sie wird wie eine Nonne schlicht und eindeutig. Dem einmal gewählten Bräutigam treu, geht sie wie mit Zäunen umstellt dahin. In ihre Bestimmung mit sich selbst ist von außen her kein Pfeil, kein anderes Verlangen zu senken. Sie weiß zu gut, wie der Geliebte sie wollte; nicht kleinmütig und verzagt, aber hoch über dem Los der Sterblichen. Die selbstherrlichen, keuschen Gebärden muß sie bewahren, daß beim endlichen Wiederfinden seine Erwartung von ihr sich vollauf bestätigt. So wandelt sie in Stahl gepanzert. Schicken ihr die Frühlinge Begierden, blühend erwachte Natur Versuchung, zwingt sie das Fleisch in kühle Richtlinien und lacht zum Schluß über der Geister Blendwerk. Männer, die ihr nahen, wollüstig und aufgeschwänzt, erledigt sie mit dem Blick eines für sie zu gewaltigen Maßes, in das sie wie Erbsen in riesigen Topf fallen. Je mehr das Leben sie versuchen will, um so freudiger wirft sich Meta ihm furchtlos entgegen, gewiß, mit ihrem Liebesbegriff jeder Wirklichkeit überlegen zu sein, und daß der verschmitzten Himmel lockere Absichten an ihrem Willen schließlich zerbrechen müssen.

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Der Friede, den das Land erlangt, schwemmt die Menge der Männer in die Arme der Jungfrauen, Bräute und jungen Frauen zurück. Es hebt eine allgemeine, gewaltige Hochzeit an, und die Demut des Weibes ist an sich schon groß vor dem heimgekehrten Helden. Als aber sein Arm in der verwahrlosten Heimat richtend und regelnd überall fühlbar wird, die Jugend den zu Haus gebliebenen Greisen und irgendwie Verschnittenen die willkürliche Leitung der Ämter und Geschäfte scheltend entreißt, bricht befreiter Dank aus allen Herzen so stürmisch hervor, daß Verehrung männlicher Kraft und Vernunft allenthalben oberstes Gesetz ist. Auch Meta, der es einfällt, wie in letzter Spanne ihres Beisammenseins Franz sich zu eigenem Willen gereckt, Herrschaft und Gewalt über sie gefordert hat, formt den Geliebten dem allgemeinen Ideal nicht nur, sondern eigenem, ursprünglichem Wunsch nun unbedenklich nach. Macht ihn zum unbeschränkten Gebieter ihres Gewissens und ihrer Glieder; endlich stürzen die inneren Gewalten in das Bett einer einzigen Leidenschaft: schrankenloser Hingabe des Leibes und der Seele an den Vergötterten. Alle Organe werden, von Besessenheit ergriffen, Eingangspforten für den Atem seines Wesens. Der männliche Geist fährt wie Schwert in das Weib und reitet es mit Windsbraut in alle Abgründe des Empfindens, peitscht es durch Hohlwege und Schluchten sinnlicher Wünsche. Man hört sie aufschreien unter seiner würgenden Faust, sieht sie bäumen, stürzen, wieder stehend, halb sich heben und zum andernmal mit Wucht in die Furche der Bettstatt schlagen. Sie fühlt sich von ihm in die Wälder an alle jene Örter entführt, an denen sie einst gemeinsam scheues Gespräch geflüstert. Dort packt er sie, und während keusches Andenken sie rührt, bricht und knickt er sie in ein Bündel keuchender Wollust nach seinem Willen.

Tagsüber, mit geschundenen Gliedern, erfüllt sie dennoch die Pflichten dienender Stellung. Aus der Stärke der sie schüttelnden Empfindungen fühlt sie sich stolz von eigenen Gnaden Überwinderin des von Gott ursprünglich mit ihr gewollten Schicksals, Urschöpferin ihrer Lust und nimmt aus diesem Bewußtsein düstere Kraft. Doch immer ist es ihr Beweises eigener Person nicht genug. Rings horcht sie die Frauen nach dem Maß des natürlichen Glücks mit ihren Männern aus und jubelt, hört sie laue Anerkennung, meistens Enttäuschung. Im Verein mit ihrem süßen Mann hat Sturm und Schwelgerei kein Ende, sie unterliegt seinen Launen, Bedenken, Schwächen nicht. Jahre hindurch steigert sich noch das Maß des Entzückens, das von ihm kommt. In alle Blut- und Nervenbahnen ist sie von ihm schon besessen; aber immer noch findet Begierde neuen Genuß und blendende Überraschung.

Bald sieht Meta Folgen ihres unbändigen Glücks mit dem Mann. Der Leib, aus einem Teil einst, regelmäßig praller Formen, brach die Bünde gehügelter Üppigkeit und hat strengen Rhythmus schon gesprengt. Entzückt sieht sie ihre Schönheit für ihn, wie bei Weibern mit lebendigen Gatten, zerfließen. Nicht weniger scheint sie gestülpt, brüchig und gerupft. Mit Triumpf hängt sie in den gleichen Spiegel, der einst ihrer Jugend Knappheit faßte, die zerfallenen Kuchen der Brüste, des Bauches schleppende Fettguirlande. Sie meckert sich Beifall, schlägt die entstellten Lenden, um sie mit Inbrunst neuen Visionen auszuliefern. Aber zu allen Freuden ekstatischer Liebe leidet sie alsbald Schmerzen und täglich andere. Erst ist es Freßgier, die sie befällt und unzähmbar quält. Mit tierischem Hunger schlingt sie alles Erreichbare wahllos in den offenen Schlund, bis Ekel vor sich selbst sie packt, der aufgetriebene Magen sich brüsk erleichtert. Dann quillt Speichel in Wellen aus den Häuten des Mundes und der Nase, schäumt auf den Lippen und wechselt dort in vielen Farben. Oder es preßt eine Hand den Hals zusammen, daß sie zu ersticken meint; eine gespenstische Kugel steigt aus der Gurgel in die Eingeweide nieder, wobei kalter Wind den Leib durchweht. Tiefer, traumloser Schlaf wechselt mit anhaltender Schlaflosigkeit, die sie völlig erschöpft, und wüster Halluzination. Doch immer gelingt es noch trotziger Energie, Franz, zur Umarmung bereit, vor sich aufzuzaubern. Als aber Materie fast vom Knochen geschabt ist, das Fett verlebt, die Säfte, nicht ergänzt, träg geworden, kann sie die erlangten Ohnmachten und Zerschmetterungen mit neuem Aufschwung nicht mehr regelmäßig ausgleichen. Nur hier und da erfaßt sie noch des Mannes feste Gestalt. Meist muß sie sich mit einem Schatten begnügen. Und wie sie auch die Augen aus den Höhlen dreht, die mageren Hände sehnend reckt, -- bei sich fühlt sie nur mehr etwas unwirklich Zerschlissenes. Dann stöhnt sie große Seufzer und fällt durstend in die Kissengrube; aber der ausgemergelte Körper stürmt in Schlaf, und die Sehnsucht der Halbentseelten flieht vom Gift des Sichzerfleischens häufiger zu Bildern guter Ruh.

Das angetrümmerte Gebein, dicht vor seiner Vernichtung, schreit nach Befreiung. Mit dem Mut der Verzweiflung wehrt es sich, bereit, alle anderen Möglichkeiten des Seins gutzuheißen, ihnen zu dienen, nimmt man von ihm die Zentnerlast der durch Jahre getragenen Qualen.

Alsbald tritt in das erfrischte Gehirn Bild der Umwelt zögernd wieder ein. Sie nimmt des Stübchens Einrichtung deutlich wahr: den Teppich vorm Bett, dessen Mitte vertreten ist; bunte Gardinen gegen das Licht. Erstaunt sieht sie ihren Fenstern das Dach eines Hauses gegenüber, das die frühere Aussicht ins Grüne und die angrenzenden Gärten sperrt. In der Küche glänzt Kupfer mit Zinn, und bemerkenswert scheint ihr der Ausdruck in Menschenaugen. Da kommt morgens ein Mann ins Haus, der Zeitungen trägt. Blond, greller Rede, drängt er sich kräftig in Metas Wirklichkeit, stellt sich quer vor das blasse Bild ihres Schattenmännchens. Gaukelt sie das noch manchmal her und bringt seine Züge nicht bündig zusammen, ist quick der Stellvertreter vollkommen da, zu allem Möglichen bereit. Sie dreht sich also, nur vager Absicht, in seine Bahn und hat ihn plötzlich unmittelbar, Aug in Auge vor sich. Gespannt sieht sie sein vorbereitendes Gebahren, schluckt seine bis zu den Haaren steigende Röte, die Wasserperlen auf der Stirn, zitternde Hände. Auch leises Knirschen der Kaumuskeln belustigt sie sehr. Als er aber, männlich perfekt, in die Horizontale schwenkt, macht sie der Schwitzende lachen, und sie springt von ihm fort. Zu albern wirkte sein strikter Angriff, es mangelt gewohnter, phantastischer Hinschwung; sie hat die Fanfare nicht gehört, unwiderstehliches Muß völlig vermißt.

Aus halber Anschauung und vollendeter Ahnung sah sie der hingegangenen Liebe unvergleichliche Höhe ein. Und wie vorher Natur, sind Trotz und Eitelkeit in ihr befriedigt. Reste von Zärtlichkeit und Schwärmerei schwinden schnell aus dem Herzen, und dreißigjährig stellt sich Meta, immer noch Dienstmagd in des Färbereibesitzers Familie, mit gänzlich veränderten Begriffen zu weiterem Dasein kräftig gewillt fest.

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Bedient sie jetzt Gäste bei Tisch, die regelmäßig einmal in der Woche kommen, reicht ihnen Teller und Schüsseln, sieht sie die Speisenden eindringlich an. Sie merkt ihre Gespräche und kennt nach kurzer Zeit die Verhältnisse der Geladenen. Doch, was sie erzählen oder mit Zwinkern und Blinzeln von ihren Gefühlen ausdrücken, ihr menschlicher Inhalt scheint Meta armselig und flach. Sie, die gemeiner Herkunft wegen vor diesen Bürgern alle Schauer des Respekts gefühlt, merkt aus der Überlegenheit selbstgewollten und überwundenen großen Schicksals, Hochmut in sich wachsen. Die da sitzen, scheinen geschlagene Leute, denen das Menschliche zu karg gemessen ist. Ihre Begierden bleiben weit hinter Metas Sehnsucht zurück. Um kleine Vorteile treibt ihr Ehrgeiz, aus der Größe des Vermögens sind sie sich wichtig. Dem Unbemittelten dienen Fabeln seiner geschäftlichen Verschlagenheit, sich zur Geltung zu bringen. Da ist ein Herr mittlerer Jahre in kaffeebraunem Rock, der von seinen Spekulationen Wesens macht. Zum Schluß seiner Vorträge, die er mit trüben Witzworten krönt, pflanzt er, beifallheischend, der Hausfrau jüngerer Schwester, die seit kurzem zu Besuch da ist, einen runden Blick mitten ins Gesicht. Meta kennt die Stelle, wo auf des Mädchens Backe antwortend jedesmal der rote Fleck aufbrennt, sieht aber geschwind zum Erzähler zurück, um noch wahrzunehmen, wie der mit dem Mundtuch herausfordernd sich die Schnurrbartspitzen wichst. Sie findet diese Spießbürger Würmer, die man bodenlos gering zu achten und nach dem Maß der Verachtung zu behandeln das Recht hat. Mit dieser Feststellung begnügt sie sich nicht, sondern beginnt, sich in die Schicksale der Lendenlahmen sofort zu mischen und sie zu treiben. Erst springt sie das Mädchen an, das nach unabänderlich trägen Gesetzen die Tage verschleißt, indem sie Gedrucktes aus des Hausherrn Bücherei ihm in den Weg legt, das durch gewagten Inhalt es erregen soll. Durchs Schlüsselloch sieht sie der sich Entkleidenden zu und wartet auf den Effekt. Aber die klassisch Nackte, deren ebenmäßige Schönheit Meta gehässig bewegt, hält lesend das Buch mit der gemarkten Stelle, und kein Hauch rührt ihr Gesicht. Sie gähnt nur ein wenig, nestelt, kämmt, dreht die Lampe und schläft.

Und doch steckt sie seit Wochen, glaubt sie sich unbemerkt, dem kaffeebraunen Herrn die Finger schnell in die seinen. Sieht ihn geschwungener Braue an, senkt den Kopf und entschwebt. Als eines Abends die Herrschaft ins Städtchen fort ist, die Jungfrau vorm Spiegel mit gelöstem Haar und blanken Beinen zur Nacht sich schickt, schiebt Meta den scheuen Verehrer, der vorbeigehend nach der Anwesenheit der Freunde obenhin gefragt hatte, ohne weiteres der Überraschten in die Kammer und wartet verhaltenen Atems vor der Tür. Da es innen still bleibt, bringt sie den Blick an die Öffnung und sieht Mädchen und Mann beieinander, Hand in Hand und Aug in Auge. Dazu atmen beide kräftig aus geblähten Nüstern. Ein Weilchen, während das Herz vor Erwartung steht, sieht Meta ihnen zu; als aber die Haltung der Aufrechten sich nicht verändert, öffnet sie erbost die Tür und zwingt das monumentale Paar zum Aufbruch.

Doch gibt sie sich nicht zufrieden. Nach ihren höheren Absichten sollen sich dennoch die Geschicke der Armseligen erfüllen. In stärkerem Feuer will sie die Seelen glühen sehen, gewiß, noch immer wird sich dort ihr eigener Wert über dem der anderen erhärten, und sie kann an ihrer salamanderhaften Unbrennbarkeit von neuem vergleichend sich berauschen. Engeren Anschluß sucht sie an die Ahnungslose, ist beim Anzug behilflich, streift ihr die Strümpfe schmeichelnd an die Beine, das Hemd über die zarte Haut. In Kürze vollendet sie mit sympathischen Strichen jeder Nerve zärtliches Verständnis, und als sie ihr Opfer zu eigener Regung flügge glaubt, weiß sie es bald wieder einzurichten, daß der lau Temperierte das junge Weib allein im Aufruhr der Gefühle findet.

Von der völlig Entzündeten fängt der schwer zu Entflammende Feuer. Nun girren hinter der Tür die Stimmen, es fordert Verlangen und seufzt die Schwäche. Das Mal des Sieges leuchtet auf Metas Stirn.

Allem, was folgt, widmet sie sich inständig; vermittelt den Liebenden Bequemlichkeit. Je dringlicher er Halt will, um so stürmischer wird der Mann geliebt, und das schleunige Ergebnis ist des Mädchens vollendete Schwangerschaft. Da aber ist die Mittlerin erst vollends selig. Für des Hauses Ruh, die nur durch banalen Anlaß bislang gestört wurde, hofft sie gründlichen Sturm und Raserei. Sie reibt sich die Hände und schneidet dem Himmel Grimassen. Und als sich das Unglück den Verwandten nicht länger verheimlichen läßt, mit einemmal im grünen Salon Aufschrei und Verwünschung schallt, als zweier Frauen Ohnmachten zu enden sind, und Nasenbluten des erschütterten Färbereibesitzers ihre Pflege und Essig fordert, schwebt Meta, überlegene Zuschauerin der Blamage und Verlegenheit, in sieben Himmeln.

Jede Stunde ist ihr nun höchster Erwartung voll. Sie glaubt an zerschelltes Geschirr, eingetretene Türfüllungen, den aus dem Fenster in den Hof zerschmetterten Leib. Auf den Pistolenschuß wartet sie, der plötzlich die Nachbarschaft alarmieren soll, hört Feuerwehr und Polizei schon die Treppe stürmen. Doch steigt das allgemeine Elend nicht über ein finsteres Schweigen und Tränen in Strömen. Eines Morgens aber erscheint der Verführer im schwarzen Rock mit hohem Hut; Verbeugungen, Komplimente, dann heftige Umarmungen werden getauscht, und bald kleidet Meta die Braut in Batist, Schleier und steifen Atlas. Während das erlöste, ausgelassene Mädchen lockende Kapriolen in den Spiegel stellt, fühlt sich die Bedienende von den himmlischen Gewalten aufs neue geneckt und um jeden Erfolg gebracht.