Meta: Eine Erzählung

Part 1

Chapter 13,702 wordsPublic domain

META

EINE ERZÄHLUNG VON CARL STERNHEIM

ERSTES ZEHNTAUSEND

LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1916

Sechsundzwanzigster Band der Bücherei »Der jüngste Tag«.

COPYRIGHT 1916 By KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG GEDRUCKT BEI E. HABERLAND IN LEIPZIG-R.

META war ein dienender Geist, geboren im gleichen Städtchen, in dem sie bei bürgerlicher Herrschaft Stellung hatte. Siebenzehn Jahr alt, schien sie klein, fest und hatte zu mittleren Formen den vollen Busen der Frau, auf den sie stolz war, den sie herausstrich und mit Brosche und Blume garnierte. Ihr Haar, das aufgelöst mit blonder Welle ins Knie hing, wusch sie mit Branntwein und Kamille. Der dünne Sopran sang Volks- und Kirchenlied; warm wie ein Öfchen war die ganze Person.

Sprang sie morgens aus den Kissen in die Kammer, verschlug ihres Körpers Hitze gleich des Nordzimmers Kühle angenehm. Bei jeder Bewegung, warf sie die Arme ins Waschbecken, fuhr mit dem Bein in Hose und Rock, hob es zum Schuhknöpfen auf den Stuhl, ging ein molliger Hauch in die Atmosphäre, und alle Umgebung war immer behaglich für sie angewärmt.

So fand sie, von Frost und Schauern nie zur Eile getrieben, Zeit, sich beim Anziehen im Spiegel reichlich zu sehen, unter das Haar, in den Rachen zu spähen und die Zähne tüchtig zu bürsten. Mit billigen Pasten salbte sie die Haut.

Da sie aber ihrer Arbeit gewissenhaft hingegeben war, blieben die Hände, die in Soda und Lauge tagsüber schwollen, Risse und Borken bekamen, ihre ständige Sorge. Unter dem Zeug war sie blank wie Porzellan, aus den Ärmeln aber schauten breit und blau die Flossen.

Kleider von glattem Tuch standen ihr zum Entzücken, beim Schaffen schien die Schürze darüber angegossen. Stand sie hoch und auf Leitern, sah man die Säume der Wäsche weiß, und aus fester Wolle schwarze Strümpfe. In der Bewegung spielten die Glieder rund und im Rhythmus.

Der Herr, erwischte er sie in einer Ecke, patschte ihr leutselig aufs Hinterteil. Sie lächelte und nahm's als Herzensbeifall. Schon hundertmal hatte er sie getätschelt, und es sprang aus ihr kein Flämmchen. Noch war sie niedlich nur für sich selbst, und Blicke der Männer machten sie nur in der Selbstschätzung sicher. Im Sommer schwitzte sie, im Winter wünschte sie's zu tun. Der Frühling sagte ihr Besonderes. Da wurde ihr Tun gemessen. Sie verhielt sich, den Kräften, die sie spannten, begegnend. Sie flog ein wenig von innen heraus, und ihre wie zum Gebet gefalteten Hände drückten die bewegte Brust, das drängende Leibchen nieder.

Im Spiegel sah sie sich ins Auge und fand alles weit und blau. Ein großer Reiz stellte ihr das Gefieder der Haut auf; sie schnurrte. Oft fiel sie verloren in den Sitz und staunte. Befühlte Gegenstände und sich selbst und mußte, Tränen im Blick, den zierlichen Kopf schütteln. Abends aber im Bett, dem geöffneten Fenster entgegen, lächelte sie verschmitzt ins Himmelslicht und dachte ihr Teil.

Plättete sie Wäsche der hübschen Hausfrau, hatte sie gerührte Vorstellungen. Zärtlich strichen die Hände Spitzen und Rüsche. Armes, dachte sie von ihr, -- glückseliges Weib dann wieder, und aus ihr hüpfte Mitgefühl. Hemd, Kragen und Beinkleid des Mannes weckten ihr gutmütigen Spott. Die Männer, Himmel, das war eine Sache für sich; doch immer zum Kichern.

Sie lächelte jeden an, dem sie Rede stand, und spürte, es ist nicht ernst mit ihm. Nur ein wenig Blitz brauchst du in den Blick zu stellen, das Mäulchen zu schürzen, und mit seiner Gewalt, dem festen Auftritt ist's vorbei. Den Beamten, die behördliche Mahnung brachten, entgegnete sie auf ihr »endlich!« und »unwiderruflich!« mit stiller Heiterkeit, daß die das Auge schlugen und gleich fröhlich von der Sache wegzureden begannen. Einem Polizisten hatte sie sogar den Arm gestreichelt. Waren die Männer schon in die Treppe zurückgetreten, schmetterte sie ihnen helle Triller nach, daß die draußen lachten und dachten: welch' niedlicher Vogel, welch' frecher! Und ihnen noch einmal wohl wurde. An allen Straßenecken grüßte sie die Obrigkeit. Die Wagenführer waren ihr gewogen. Milchmann und Schornsteinfeger grinsten bei ihrer Begegnung, und zum Dank hatte sie für alle einen Blick, irgendwie Duft ihrer Frische. Regnete es, hob sie die Röcke an die Wade, und trippelnd fing sie aus Blinzeln und Geschmunzel bärtiger Gesichter sich eigenen Sonnenschein. Hochgestimmt war sie an Sonntagen, an hohen Festen überirdisch bewegt.

Zu Weihnachten bekam sie von der Herrschaft ein leeres Heft, auf dem in goldenen Lettern »Tagebuch« stand. Dazu ein gedrucktes Buch, einen Roman des Titels »Der Zug des Herzens«. Mit der Spende des Tagebuches war von den Gebern nicht beabsichtigt, ihre Magd zur Selbsteinkehr zu führen. Irgendwann hatte es die Frau geschenkt bekommen und gab es weiter, andere Gabe zu sparen. Der Roman aber war in einer Buchhandlung eigens für Meta gekauft.

Es war die erste Liebesgeschichte, die das Kind erfuhr, und sie vermittelte ihm stürmischen Eindruck. Held und Heldin des Buches liebten sich auf vorbildliche Art; das Mädchen schien leiblich und seelisch wie aus dem Ei gepellt und machte dazu mit Rede und Geste heldische Anstrengung, stand sie bei dem Geliebten. Ihre braunen Flechten waren gelöst, es blitzten die Augen, die Brust hob sich regelmäßig stürmisch. Auf ihrem Antlitz lag Güte, sie lispelte hold, und abwechselnd ließ sie das Haupt dem Mann an die Schulter und in den eigenen Nacken sinken. Der Liebende aber war ein Standbild aus Bronze. Er sprach Gold und schwieg Erhabenheit. Es ließen sich die Situationen himmlisch an trotz einiger böser Menschen, die zum Schluß ihr Unrecht bekannten. Küsse knallten auf jeder Seite, und einmal war sogar von etwas die Rede, das Metas Blut zum Wallen brachte.

Sie war hinterher mit Dichtung gefüllt, schickte mit jedem Gedanken Übersinnliches in die Welt, verband aller Handlung fortan dunklen Zweck. Zittern befiel sie jetzt beim Bügeln der Wäsche, und es schwindelte sie, räumte sie des Ehepaars Schlafzimmer nach; ein Geheimnis wuchs in der Brust, und sie neigte ein wenig zur Angst. Auch legte sie wohl den geschwungenen Arm an einen Türpfosten und seufzte verzaubert. Schwäche saß in den Schenkeln; von der Küche sah sie zum Hof auf die Tiere, die sich berochen.

Erst wälzte sie heftig Gedanken, dann saß sie eines Abends bei Papier und Feder und stach entschlossen ins Faß. Doch flossen Tränen vor der Tinte auf die Seiten, und ihr entfuhr ein »Jesus!« nach dem andern.

Fedor, der Held des Romanes, wuchs stracks in ihr Leben. Aus den Armen Leonores, der sie auf manche Schliche kam, riß sie ihn und zog ihn zu sich hinüber. Eine Vollkommenheit ihrer Seele nach der andern entschleierte sie dem Entzückten, der mit »geliebtes, himmlisches Weib« respondierte und segnende Gebärden auf sie schwenkte. Dazu murmelte Meta innerlich ein erlöstes: ach! Einmal, als sie ihm eine Tugend, die ihr eignete, zuraunte, wollte der Hingerissene flink ihre Lippen. Da aber richteten sich Trotz und Person des Mädchens noch einmal hoch, bis sie durch Glut der Blicke versengt, schmelzend in den Wirbel seiner Küsse einging.

Nun hockte sie, von der Arbeit fort, oft in den Winkel und ließ sich von ihm umschließen. Die Lippen schmiegte sie zwischen die eigenen Finger, die sie geschlossenen Augs besog. Fedors Atem blies sie aus ihnen an, sein Wunsch und Wille mit ihr lag wie Faust auf ihrem Haupt. Er wuchs sich aus, ward bald ein Schlimmer. Dem Schluß ihrer Arbeit lauerte er auf, trieb sie, die Hände wie Hämmer über sie gehoben, flugs in die Kammer hinauf. Dort preßte er den Rücken gegen die Tür, breitete Arme und Beine und sperrte gänzlich den Weg. Dann stellte er die schreckliche Forderung: ihr Kleid solle sie abwerfen, Wäsche zeigen. Sie aber schlug ihr purpurnes Antlitz in die Hände, und während Fieber sie quirlten, stieß ihr Stimmchen das noch gerade hörbare Nein als Hilfeschrei heraus, der ihn verjagte.

Das ging nun Abend für Abend. Schon beim Einbruch der Dunkelheit sprang seine Tatze aus der Wand und trieb sie. Wo sie stand, hatte sie das Gefühl, der Zugriff blieb hinter ihr. Sie lief mit vorgestoßenem Schoß und legte die Hände schützend unter das Gesäß. Das war ihres jungen Lebens Zustand, bis Franz erschien.

* * * * *

Er brachte eines Morgens ein Telegramm, und als er's gab, sah er in die Luft. Da er auf Antwort wartete, blieb er in der Küche. Meta suchte, seinen Blick aus dem Nichts zu fangen, doch wich er aus. Endlich gelang ihr's, sich ihm in den Sehwinkel zu haken, und nun zog sie des Jungen Haupt gegen ihr Antlitz, ließ es Kreise beschreiben, und als er es recht geradeaus hielt und die Augen gleich zwei Tassen aufriß, blies ihm das Mädchen mit Stichflamme ihren Glanz bis zur Herzgrube. Sofort war er mit Licht innen tapeziert. In Magen und Eingeweide, an des Leibes Wänden, -- überall verzehrten ihn ihre Feuer. Er stand gelähmt, und erst, als sie ihn anredete, schlenkerte er weg. Doch wurden die Depeschen im Städtchen hinfort nicht schnell bestellt, denn er verweilte auf Brücken, in öffentlichen Gärten. Bog die Zweige der Büsche nieder, ließ sie schnellen, und ihm war's süßer Schreck. Im Tritt mied er Ritzen der Trottoirplatten und alle Schatten; ließ den Finger an Gittern spielen. Sonntags sackte er in eine Bank im Park und trank Erinnerung des unvergeßlichen Morgens.

Meta aber putzte die Scheiben zur Straße, nach ihm zu spähen. Erschien er, hing sie den Rumpf, die halbe Brust ins Freie und flatterte, Tuch in Händen, wie eine Fahne am Fenster. Den Kopf in die fortstehende Sohle, das offene Loch ihres Rockes gereckt, marschierte Franz unten vorbei. Einmal doch wurde er flach hingenagelt, als sie ihn anrief. Er sperrte Mund und Auge wie ein Karpfen, und ohne daß er sie verstanden hätte war er verhimmelt. Nun begann, was Regeldetri ist: eine einfache, dumme Liebe in dem Jungen, der träumte, was das Zeug hielt, mit keuschen Symbolen. Engel war für die Angeschwärmte das mindeste Gleichnis. Er gab ihr Krone, Kelch und Dorn und alle Vollkommenheit im Voraus. Sie empfand's auch, als sie das erstemal mit ihm in die Felder ging. Ganz anders als in ihrem einstigen Verhältnis zu Fedor mußte sie sich nicht brüsten. Wort aus ihrem Mund war ihm Allegorie, Silbe schon Botschaft. An ihrer Seite ging er, Andacht und Glaube. Sie schwatzte Blasen ins Blaue und spürte gleichviel, wie Basalt fiel ihre Rede auf sein lauschendes Herz. Die blasseste Geste von ihr blieb ihm denkmalhaft in der Vorstellung; schloß er die Lider, rauschte sie großflügelig daher mit Schwung und Faltenwurf des Gewandes. Auch Natur, die sie einmal bezeichnet, verharrte für ihn endgiltig. Als sie bei einer Promenade den sinkenden Sonnenball zeigte, stand der fortan Tag und Nacht seinem Auge an der gleichen Stelle. Silhouette der Berge, an einem regnichten Morgen von ihr mit dem Finger an den Himmel gerändert, blieb dort, fest in die Wolken gemeißelt. Überglücklich fand sich Meta und diese Anbetung wie ein Wunder, das den Sinn ihres Lebens erhellte. Was galt Arbeit und Abhängigkeit, stand am Haustor abends der Trabant mit dem Tronhimmel seiner Liebe, unter dem sie als Kaiserin schritt? Maskerade war ihr Dienst; Wirklichkeit begann an der Seite des Verliebten.

Das Mädchen sah der Gottesmutter Bildnis oft und dringend an und nahm aus Haltung und Gebärde viel für sich wahr. Denn sie meinte, des Jünglings Sinn allmählich mit Wirklichkeit stützen zu müssen; doch erfuhr sie nicht, daß der Eindruck ausblieb, weil die männliche Seele sie ewig strahlender sah, als sie es darstellen konnte. Ihm war sie nicht nur Maria aber Meta dazu. Und die war ihm ursprünglich herrlicher.

Flitzte auf gelbem Rad er vorüber -- stand sie im Fenster --, riß er die Mütze in die Wagerechte und schickte mit gedoppeltem Blick ihr ewige Treue. Lob für sein forsches Fahren spendete sie ihm und bat, sie's auch zu lehren. Doch als er bei Dunkelheit kam und sie in den Sattel hob, saß sie schlecht und bewegte sich unkundig. Fürchtend aber, seine Erwartung sei, schnell müsse sie die Lenkstange greifen und, die Maschine beherrschend, sie mit Schwung aus sich selbst in Gang setzen und lächelnd entschweben, stieg sie gleich zur Erde nieder, behauptend, dies zieme ihr durchaus nicht.

Überall und immer, weil sie infolge seiner grenzenlosen Anbetung eine Formel der Vollkommenheit erfüllen wollte, bemühte sie sich jetzt, die Schöpfung abhängig von ihr zu zeigen. Hatten sie auf Märschen den Gipfel des Berges bei schlimmer Hitze erstiegen und starrten, Atem ausbrausend, den Rausch der Freiheit oben an, wollte sie Wasser, sonst nichts, wohl wissend, anderes möchte am Ende nicht zu finden sein; Göttern aber versage sich nichts. Oder sie sprach, wenn schon die Tropfen fielen: daß es doch regnen möchte! Und stellte den Sturm der Elemente mit dem Hinweis auf die Pracht des Regenbogens ab, doch so ein wenig, als hätte der auf ihren Ruf erst sich illuminiert.

Sie war sich nun bewußt, unvergleichliches Leben mit Franz zu machen. Keine Nebenbuhlerin könne gefährlich werden, denn an goldenen Fäden lenkte sie für ihn die Welt und zog mit sphärischer Landschaft, englischen Freuden, mit sich selbst immer das Paradies auf die Szene.

Ihr Lohn war sein staunender Beifall. Ausgleich für Gefühle, die sie irgendwie schon heimsuchten. Einen Frühling hindurch liefen sie in Freistunden durch umhuschte Wege Höhen hinan. Saßen oben im Moos, das Bild der Heimat vor sich ausgebreitet, in dem Meta die gestellte Sonne blieb.

Sie lebte Dogma. In seinen Glauben geschient, war ihr Wille seiner Demut unterworfen. Seine herrische Andachtsforderung ließ ihr im einzelnen Spielraum, zwang aber unbedingt die Richtung ihres Lebens. Herzlich liebte sie ihn, bewunderte die entfesselte Hingabe, und mählich, mehr und mehr, begann sie, ihm diese zu neiden.

Baute er sie steil vor sich auf und machte Kniefall, sie aber mußte irgendwie mit seelischer Verzierung stehen, hätte sie neben ihn hinsinken und auch anschmachten, anbeten wollen. Ihre gezwungene Stärke trieb ihr schließlich Tränen ins Auge. Das gefügte Erz der Gesten begann zu reißen, ihrer Stimme Metall zerbrach. Brüchig ward das eherne Standbild, und Fleisch begann, allenthalben in die Furchen zu wuchern. Stand er jung, stark und gerade als Mann gewachsen vor ihr, senkte das Haupt an ihre Brust, auf das sie dem Ritus zufolge die gekreuzten Handflächen legen mußte, konnte sie Aufwallung nicht mehr unterdrücken. Oft schüttelte sie an seiner Seite der Reiz so mächtig, daß die Zähne schlugen und Gebein klappte. Er aber, knabenhaft frei, sang das Marschlied in die Luft.

Sie betete zu allen Heiligen, den Sinn ihm von Grund auf zu ändern; seiner Kraft und Gewalt möchte er sich bewußt werden. Sie wünschte die ins Fenster geschmetterte Faust, daß Scherbe vom Kitt klirre. Vorm Schlafengehen brach sie ins Knie und senkte der Seele unbezähmbare Sehnsucht nach Hingabe in selbstvergessenes Gebet. Wollte sie aber sanft und mit gütiger Schonung Anfall ihrer weiblichen Schwäche von weitem ankünden, schob er unwiderstehlich doppelte Riegel vor. Er wollte seine Andacht bis an die Sterne spreizen, doch müsse sie das unzerreißbare, sich immer weitende Gefäß für sie bleiben. Dazu flatterten seine Worte ekstatisch, und die Arme ruderten wie mystische Mühlen. So blieb sie Heilige weiter, aber der Wurm fraß in ihrem Blut. Sie duldete seinen Kult und spürte nur immer mit allen Sinnen, durch welche Mittel sie ihn zerschlagen, wie sie Franz vergotten und in der Rolle der demütigsten Magd sich selbst mit natürlichem Glück bis an den Rand füllen könnte.

Eines Abends, als sie zum Bad in flacher Schale Wasser stand und das Gesicht über die Schulter in den Spiegel legte, sah sie sich rückwärts so: von mittlerer Größe, schien die Gestalt in der Hüfte edel geteilt. War auch das Postament der Beine höher, saß der Rumpf mit gutem Verhältnis darauf. Leuchtendes Weiß des Fleisches war durch der Flechten Blond getönt, die von der Hand im Nacken zusammengepackt, von dort in zwei Flüssen mit spitzer Mündung zu jenem Taillenschwung liefen, der Meta das geheimnisvolle Mittel ihres Körpers schien. Sie bleibt von Reiz gefangen, als sie die geschnürte Betonung der Hüfte in Linien, die das Kissen des Gesäßes vom Schenkel, das Knie von der Wade trennen, sich wiederholen sieht. Ihr heller gewordenes Auge stellt schließlich den vierten Ton dazu fest: die Schulterlinie, die durch den hochgenommenen Arm noch deutlicher wird. Mit dieser Vierteilung Hilfe geht ihres Leibes Sinn ihr völlig auf: Zum Denken der Kopf, die Beine zum Schreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns das Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus dem wir leben.

Aber dahin, wo wie ein geschwellter Kessel der Leib zwischen Schenkel und Hüfte eingelassen ist, hat ihr kindischer Sinn, hat Franz nie gedacht. Dort, während Blutsturm sie purpert, die Arme zur Höhe fliegen, fühlt sie plötzlich die entscheidenden Gewalten sitzen.

Die Folgen ihrer Erkenntnis waren beim nächsten Beisammensein deutlich. Kopf und Oberteil hatten die Schwere verloren; aber die Schritte setzte sie gewichtig, als liefen die Beine in Scharnieren, und sie müsse, Reibung und Kreischen der Teile in den Gelenken zu vermeiden, die Hüftknochen emsig drehen und das Rückgrat unten pendeln lassen. So kam es, daß beim Gehen ihr Rock des Mannes Schenkel schlug, während Metas Blick auf seltsame Art sich verglaste. Aber schnell merkte sie von seinen Gliedern Widerstand, der ihr die Knochen bog und sie in das lustige Trippeln zurückzwang, mit dem sie bisher neben ihm gegangen war. Auch im Gespräch duldete er die Einführung solcher Vokabeln nicht, die irgendwie ein Fallenlassen der strengen zwischen ihnen geltenden Regeln andeuten wollten.

So griff sie zu Listen, ihr Gleiten aus Franzens Himmel zur Erde zu ermöglichen. Den Hut ließ sie fort, ihr Haar vor ihm in Verwirrung spielen. Sie ging leicht gekleidet, daß Wind die Musseline blähte und Sonne sie durchsichtig mache und zeigte an Hals und Armen Streifen rosiger, gepelzter Haut. Auch hob sie sitzend das Bein übers Knie, gelöstes Schuhband zu knüpfen und war seinen Blicken nirgends geizig. Die aber schienen in solchen Augenblicken mit milchigem Horn gepanzert und schossen hinterher Drohungen auf, die das Mädchen rührten und endlich, als sie einmal gewagt, den gesunkenen Strumpf in seiner Gegenwart aufzunehmen, durch ihre lodernde Gewalt vollends erschütterten.

So riß sie die Kräfte zusammen und gelobte mit zusammengebissenen Zähnen, ein für allemal auf ein anderes Glück zu verzichten und ihm weiterhin entschieden die himmlische Liebe zu sein. Für ihren Verzicht aber wollte sie ihn auch wirklich an den Grenzen der Hingabe sehen, damit, könne schon sie selbst sie nicht betätigen, sie in seiner Seele das süßeste Bild demütiger Liebe entzündet finde. Er müsse in ihrem Dienst seine gesamte Leiblichkeit ändern, verlangte sie, die Lebenswärme für sie beleben, Geschmeidigkeit und Beweglichkeit ausbilden. Das Zerrissene möge er in sich binden, das Gebundene in sie auflösen. Höher solle er jubilieren, und die Gabe der Träne müsse ihm immer eignen. Sie fordere den Gesamtsinn verfeinert, Einbildungskraft gesteigert; Poesie wollte sie in ihn eingegossen, kurz überall stürmische Bewegung der Willenskräfte. Sie sei nicht eine vollkommene Heilige, ohne daß ein im stärkeren Maß ergriffener Gläubiger zu sein, er sich inständig bemühe.

Durch solche Worte über den statischen Zustand seiner Jugend in eine seiner Natur genehme Entwicklung geführt, brach Franz in die Ekstasen der Liebe unverzüglich auf. In seinen tiefen, mittleren und obersten Gebieten wandelte er Leiblichkeit in reinen Geist und war alsbald zu jeder von ihr gewollten Vision bereit. Während Meta tagsüber Arbeit als simples Stubenmädchen verrichtete, erblickte Franz sie, wo sie vor ihm erschien, in höhere Erscheinung transformiert. Sah erst ihr Antlitz, dann die Hände, Haare, Atem leuchtend werden. Und erlebte sie schließlich aus leerer Luft strahlend und figürlich.

Ihr blieb auf diesem Gebiet von ihm nichts mehr zu hoffen übrig.

* * * * *

Da wurde die Nation in einen Krieg gestürzt. Die Männer verließen die Familie, das Vaterland zu verteidigen, wie sie, in Schritt und Tritt marschierend, durch die Gassen sangen. Franz, der das zwanzigste Jahr nicht erreicht hatte, blieb daheim. Doch lag auch auf den Bleibenden der Druck, und es schien unmöglich, ihr Schicksal von denen, die im Feld standen, zu trennen. Jeder war von sich fort zu fremdem Los gerissen. Als im Fortschreiten des Feldzuges immer neue Scharen hinauszogen, war es den beiden offenbar, auch ihre Trennung stünde bevor. Wehmut legte sich auf alles Erleben, und die Welt schien die gewohnte Weite verloren, die Brücken zum Himmel zerstört zu haben. Jede Frage wurde praktisch, Antwort lautete aus irdischen Begriffen. Maßnahmen des Feindes zwangen, an Notdurft, Beschaffung von Essen und Trinken zu denken. Die ersten zusammengeschossenen Krüppel traten auf, und es galt, ihre künftige Versorgung vorzubereiten. Überall stand plötzlich das Allgemeinmenschliche für das menschlich Besondere. Auch Franz und Meta sprachen von geschlagener Schlacht, Gefahr und Verwundung der Freunde und Verwandten. Sie lernten Artillerie und Infanterie, spickten ihre Sätze mit kriegerischem Begriff und unterlagen dem Eindruck von Sieg und Niederlage. Die Zeitungen bestätigten die märchenhafte Niedertracht der Gegner, bravuröse Tapferkeit der eigenen Truppen immer von neuem. Bei jeder Begegnung rief nun einer dem andern schon von weitem zu: »Hast du gehört« und »weißt du auch«. Vom eigenen Schicksal war täglich weniger die Rede.

Als aber erst kräftiger neue Welt sich in Franzens Vorstellung schob, aus den Kampfberichten eine herrliche Erscheinung um die andere vor ihn trat, ward Meta aus dem Zenith seines Denkens gedrängt und führte in ihm fortan ein wenn auch verehrtes doch peripherisches Dasein. Das Übermenschliche hatte für ihn den Sinn geändert. Die passive Entrücktheit des Weibes nicht mehr war anzubeten, aber des Mannes heldischer Griff.

So hob sich der Jüngling aus dem Gewinde geübter Riten und gruppierte nach veränderten Trieben innere Natur um. Religion war das Vaterland, Vorbild der tapfere Soldat. Ein anderer Gott, kriegerisch geschient, erschien in einem Himmel geschwungener Fahnen und Lanzen.

Meta, mit den vergilbten Emblemen friedlicher Güte, war als Ideal in gründlich geänderten Verhältnissen unbrauchbar. Handgreifliches Verlangen konnte sich an sie nicht klirrend klammern. Zwar gab sie ihrem Umriß herbere Kontur, der Erscheinung Strenge, den Worten Kommandoton, aber vor Prall und Knall der Armeerlasse, dem Alarm der Katastrophen und Verlustlisten konnte sie nicht bestehen. In Haltung und Ausdruck ließ Franz Respekt nicht im mindesten missen. Innerlich aber schaltete er mit ihr nach neuen Begriffen und Gutdünken. Er fand sie, in Waffenglanz nicht denkbar, vor dem schwächsten Manne schwach. Sah ihren zärteren Aufbau, ihrer Stimme dünne Resonanz ein, und daß sie oft zu schonen war. Er stellte sie der mit Standarte stürmenden Angriffslust des männlichen Prinzips, das plötzlich aus allen Kulissen der Welt wetterleuchtete, richtig als ein anderes gegenüber, das ruhend ergriffen sein wollte.

Als ihm die Einsicht das erstemal sprang, bäumte mit Lust herrischer Wille nach ihr auf, und er reckte sich in alle Winde. Den Gestellungsbefehl trug er in der Tasche -- da war das Knabenalter hin, und sein Blick lenkte keck zu des Mädchens Brust, die unter Kattun doppelt gerundet stand.