Menschen im Krieg

Part 8

Chapter 83,472 wordsPublic domain

Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in die Hand nehmen können, ohne daß ihnen der Schaum vor dem Mund stände? Kann man wirklich das Bild von angeschossenen Zweifüßlern, die unter strömendem Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien über lückenlosen Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobel tapezierte Schützengräben lesen, mit welchen diese Kerle sich militärfrei dichten?

Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich noch spiegelt; gehen scheu, wie Traumwandler durch funkelnde Straßen. In ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan des Trommelfeuers hineingebrüllt, um nicht bersten zu müssen vor innerer Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, -- und wagen den Mund nicht zu öffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit geschwätziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rückfahrt in den Tod ist Erlösung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein unter den Daheimgebliebenen, für die Sterben und Töten Gemeinplätze ohne Schauer geworden.

So mag's denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Hallunken gegenüber, die um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehärtet, das Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebürgert haben, statt, -- als einzige Mittler zwischen Not und Macht, -- das Gewissen der Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten Plätzen so lange _»Men-schen-sa-lat!«_ zu brüllen, bis allen, deren Väter, Männer, Brüder, Söhne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen, und alle Kehlen der Welt ein Echo werden! . . . . .

Jetzt, -- wenn Sie gerade in der Nähe wären, meine Herren Ärzte, -- könnte ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und Hinterlandsgleichmut. Ich fühle ihn hinter meinem Rücken stehen; sein Gesicht aber liegt vor mir auf dem weißen Bogen, wie ein matter Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.

Groß, -- auseinanderstrebend, -- grauenhaft verzerrt hebt sich sein Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlösers aus dem Schweißtuche der Veronika.

Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und -- wandten sich unwillig ab, mit einem fast militärisch exakten »kurz kehrt euch«. Mir galt ja ihr Besuch! Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse auf der Görzer Straße lag.

Liebenswürdige Herren waren's, in märchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen, mit Reisemützen, wie aus einem Sherlock-Holmes Film entwendet! Sie wollten Briefe mitnehmen, und Grüße ausrichten, fanden es entzückend bei mir, lachten aus voller Kehle über meine Matratze aus Weidenruten, -- und wurden besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tägliche Bombardement der Italiener einsetzte.

Als sie aus dem Walde fuhren, mußten sie doch wieder an dem Manne vorbei, der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die Köpfe herum, beäugten die Zerstörungen, die ein Fliegerangriff tags vorher angerichtet, angeregt gestikulierend, als säßen sie bereits hinter den Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.

Mein Atem ging kurz, als wäre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt. Der Platz auf dem ich stand, kam mir plötzlich fremd und verändert vor. War das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den die großen Caproniapparate mit weit gespannten Flügeln, wie Geier umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, während das Abwehrfeuer der Maschinengewehre die Blätter wie Hagel peitschte? Aus _diesem_ Walde fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit fröhlichem Mützenschwenken? . . . . Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang unter den knickenden Ästen? . . . . Gab es da nicht ein Tor, das sich nur vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglänzenden Augen, oder blutigen Gliedern auftat? . . . .

Glatt rollte der Wagen über die braungestampfte Wiese, und nur das leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergnügungsreise vollkommen zu machen.

Die fuhren heim!

Zu Frau und Kind vielleicht? . . . .

Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wäre der Blick an die Räder gebunden; -- -- dann schnellte der Körper, -- wie losgerissen, -- ins Leere zurück, und . . . . und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam aufgepflügt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor Sehnsucht, sprang jäh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, -- mit einem einzigen Biß, -- für's ganze restliche Leben, unheilbar!.

Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den Rücken gekehrt hatten, als gehörte er nicht auch zu dem interessanten Museum für Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben dem schmutzigen, zerfetzten Fähnchen mit dem Rothenkreuz, den Kopf zwischen die hochgezogenen Knie gepreßt, und hörte mich nicht, hinter ihm lag der kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer noch ein wenig grünschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tag-täglich bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns Munition brachten, und für den Rückweg Verwundete luden, ins Feldspital gefahren zu werden, -- hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine Lieblingsecke auf dem Familiensopha.

Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn -- zwölf Stunden lang oft, wenn die Wagen zu früh abgefahren, oder überfüllt, oder -- nach heftigen Gefechten --, rückwärts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden waren. Fröhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das Kriegswort _»Tausendguldenschuß«_ auf den fahlen und doch lachenden Lippen, -- neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert hätten, für die gleiche Gewißheit: nicht mehr wiederkehren zu müssen. Wie viele hatte ich sich wälzen, in die Erde beißen sehen vor Schmerz; -- wie viele bei strömendem Regen, -- halb schon begraben im aufgeweichten Lehm, -- stöhnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora überbrüllen hören! . . . .

Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den flüchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot ich ihm, außer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpäckchen an. Aber er rührte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er den Kopf, -- und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurück, wie ein Faustschlag vor die Brust.

Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie überwuchernd krochen sie die rechte Wange hinauf, -- die keine Wange mehr war. Ein Stück blaurotes Fleisch blähte sich da, überzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von Straffheit hell glänzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; während von links, aus fahler, zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmütiges Auge zu mir emporblickte.

Wie ein Lasso schlang der jähe Schrecken sich mir um die Kehle!

Was war das? . . . . Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in den wie schöpfend zusammengefügten Händen behutsam die eigenen Gedärme gehalten hatte, -- versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz Frieden, ganz milde Menschlichkeit; -- rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes, geblähtes Haßgebilde schien.

-- Schrapnell? -- . . . . stammelte ich schüchtern die einleitende Frage.

Die Antwort klang verworren. Nur daß sein rechtes Schienbein ein Dum-dumgeschoß zertrümmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte er, so oft seine Hand bebend zur glühenden Backe griff, immer wieder von einer _Angel_? . . . .

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in seinen Adern, daß er wie von gegenwärtigem Geschehen, wie zu einem Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn faßte es nicht, daß es Menschen geben könne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts gesehen und nichts gehört. So stieg, mehr erraten als erzählt, aus kurzen Sätzen, derben Flüchen, und gurgelndem Stöhnen, allmählich sein Schicksal.

Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmächtig vor dem eigenen Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm. Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu können, ehe die Görzer Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht, hatte ihm ein Tölpel, -- Gott verdamm ihn! -- die Wange aufgerissen, ehe einer geübteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er -- gehorsamst bittend --, bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um -- sein Bein, und vor einem Bettlerdasein als Krüppel.

Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Sätzen, über Steine und Wurzeln hüpfend, quer durch den Wald, zur nächsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten Wagen den drei Kerlen gegeben! . . . . . . .

Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf der Wiese lag, mitzunehmen, und im Vorbeifahren abzuliefern beim Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre Menschenpflicht zu tun? Warum?! . . . . . .

Meine Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut und ich ertappte mich bei einem Griff nach der Revolvertasche, als könnte ich jene Fröhlichen noch von ihrem Wagen schießen!

Atemlos, durchglüht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den Weg zurück; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmäßig auf Menschenaas angeln. Ein merkwürdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Würgen und Kratzen stieg mir in die Kehle, als ich -- zu meinem Lagerplatz zurückgekehrt, -- dem leisen Wimmern des Hülflosen lauschen mußte.

Er war nun nicht mehr allein. Ein Häuflein von Leichtverwundeten hatte sich, -- während meiner Abwesenheit, -- zu ihm gesellt. Ich sah sie, -- zwischen den Baumstämmen hindurchspähend, -- im Kreise auf der Wiese hocken, während der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke Bein in der Hand, umherhüpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere werfend.

Gegen Mittag schickte ich meine Unteroffiziere auf die Suche, versprach ihnen fürstliche Belohnung für einen Wagen und lief, mit der Kognakflasche unter dem Arm, wieder auf die Wiese hinaus.

Jetzt tanzte er nicht mehr. Mitten im Kreise der andern lag er auf den Knien, den Leib vornüber gebeugt, und rollte den Kopf, wie einen fremden Gegenstand, hin und her auf der Erde. Als er plötzlich wieder hochschnellte, mit einem Wutgeheul, ging selbst durch die Reihe der Verwundeten, die, versunken ins eigne Leid, gleichgültig dagesessen waren, ein erschrockenes Murmeln.

Das war nichts Menschliches mehr! . . . . Die Haut, unfähig sich weiter zu dehnen, war geplatzt. Wie die Strahlen auf einem Kompaß liefen die breiten Spalten auseinander, und in der Mitte quoll glühend das rohe Fleisch hervor.

Und er schrie! . . . . Er hämmerte mit der Faust auf den riesigen, rötlich-blauen Klumpen los, bis er unter den Schlägen der eigenen Hand wehklagend wieder in die Knie fiel.

Es war schon finster als man ihn -- endlich! auf einen Wagen lud. Und als langsam der Nachtnebel sein Gewebe durch den Wald zog und ich, in einen Berg von Decken gewickelt, als einziger noch wach lag im Gedränge der schwarzen Stämme, die zusammenrückten in der Finsternis; -- da war er wieder zurück, stand, starr aufgerichtet im Mondlicht, und seine zermarterte, kürbisgroße Wange hob sich blauleuchtend aus dem schwarzen Schatten der Bäume. Wie ein Irrlicht flammte sie bald da, bald dort; -- Nacht für Nacht; -- leuchtete in jeden Traum hinein, daß ich die Augenlider mit den Fingern auseinanderspreizte, -- bis mein Körper, nach zehn grauenvollen Nächten, zusammenbrach, und als ein heulender, zuckender Haufen eingeliefert wurde in das gleiche Feldspital, in welchem Er seinem verpesteten Blute erlegen war.

Und nun bin ich toll! Schwarz auf weiß steht es auf der Kopftafel meines Bettes zu lesen. Man klopft mich besänftigend ab, wie ein scheues Pferd, wenn ich aufbegehre und hinausverlange aus diesem Hause, das die _anderen_ einfangen sollte.

Aber die anderen sind frei! Aus meinem Fenster sehe ich über die Gartenmauer auf die Straße hinab, und sehe sie eilen, die Hüte lüften, sich die Hände schütteln, sich zusammenrotten vor dem Tagesbericht. Ich sehe Frauen und Mädchen, kokett geputzt, stolz leuchtend neben Männern trippeln, die ein Kreuz auf der Brust als Mörder zeichnet. Ich sehe Witwen, in wallenden Schleiern, immer noch geduldig; sehe junge Burschen, mit Blumen auf dem Helm, aufbruchbereit. Keiner muckt auf! Keiner sieht in finsteren Ecken zerschundene, zersetzte, geangelte Menschen lauern, mit aufgerissenem Leib, oder blauleuchtender Wange.

Sie laufen unter meinem Fenster vorbei, gestikulierend, begeistert; -- weil die Worte der Begeisterung täglich frisch geprägt aus der Münze kommen, und jeder einzelne sich geborgen und von Zustimmung umrauscht fühlt, wenn sie ihm hell von den Lippen klingen. Ich weiß, daß sie schweigen, auch wenn sie sprechen, schreien, aufheulen möchten; daß sie auf »Drückeberger« pirschen und kein Schimpfwort haben für jene tausendmal ärgeren Feiglinge, die von keinem Schlagworte berauscht, die ganze Sinnlosigkeit dieses Hinmordens von Millionen klar erkannt im Bewußtsein tragen, und dennoch den Mund nicht auftun, aus Angst vor einem Verweis der Gedankenlosen.

Ich sehe, von meinem Fenster aus, den ganzen Erdball wie einen tollgewordenen Kreisel tanzen, von stolzen Herren in schlauer Berechnung, von seilen Dienern in schleichender Ergebenheit gepeitscht.

Ich sehe die ganze Meute! Die Schreier, die zu hohl und zu träge um das eigene Ich zu formen, sich blähen wollen im gleißenden Lob, das ihrer Herde gilt. Die Schurken, die von der Menge geschirmt, getragen, genährt, scheinheilig zu einem selbsterdachten Popanz emporblicken und ihn Millionen Braven ins Gewissen hämmern, bis die Masse geschmiedet ist, die nicht Herz noch Hirn, nur Wut und blinden Glauben noch hat. Ich sehe das ganze Spiel, das in Blut und Schmerzen weiter rast, sehe die Zuschauer gleichgültig vorbeiwandern und heiße ein Narr, wenn ich das Fenster aufreiße, um hinunterzuschreien, daß die Kinder, die sie getragen und gehegt, -- die Männer die sie geliebt haben, mit angstvoll rückwärts gewandten Augen wie Vieh geschlachtet, wie Wild gejagt werden!

Diese Narren da unten, die für respektsvolle Kondolenzbesuche, anerkennenden Augenaufschlag, Glanz und Wärme ihres Lebens opfern, -- ihr Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, -- als Aas auf dem Felde faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem »Feinde« das Gleiche angetan zu haben; -- diese Narren bleiben frei, und dürfen mit ihrer armseligen Eitelkeit und lästerlichen Geduld täglich neue Hekatomben vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber muß ohnmächtig hier sitzen, -- allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen täglich neu gebärt.

Ich stehe am Fenster -- und zwischen mir und der Straße liegen hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos stehe ich da, -- denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Muß in andersfarbige Uniformen gesteckt, über den Haufen knalle, -- wurde mir hier abgenommen, aus Angst: ich könnte einige Massenmörder aufstöbern in ihrer Sicherheit und als warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.

So muß ich hier harren, als Seher über den Blinden, -- hinter meinen Gitterstäben; und kann nichts weiter tun, als diese Blätter dem Winde übergeben, -- Tag für Tag von neuem niederschreiben und immer wieder hinausstreuen auf die Straße.

Unermüdlich will ich schreiben. Die ganze Welt übersäen! Bis in allen Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben -- gespenstisch blau -- ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, -- endlich, als herrliches Erlösungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei: _»Men-schen-sa-lat!«_ unter meinem Fenster erklingt.

Heldentod

Der Herr Stabsarzt hatte nicht verstanden. Er schüttelte ärgerlich den Kopf und sah, über den Kneiferrand, fragend auf seinen Assistenten hinab.

Der blonde Oberarzt schwieg schüchtern und stramm, denn er hatte auch nicht verstanden.

Nur der Bursche, am Fußende des Bettes, schien immer noch einigen Kontakt zu haben mit den Wahnvorstellungen seines Herrn, denn auf den Spitzen seines aufgewichsten Schnurrbartes glitzerten, wie aufgespießt, zwei Tränentropfen. Aber der Bursche sprach nur ungarisch, und so ließ ihn der Herr Stabsarzt mit einem halblauten »dummes Luder«, neben dem Bett stehen und schob sich, gefolgt von der semmelblonden Schüchternheit, schwitzend und pustend in der Richtung des Operationszimmers weiter.

Die ungeheuerliche Wattekugel, die, laut der Tafel über dem Bette, den Kopf des Oberleutnants der Reserve Otto Kadar vom Feldartillerieregiment No . . . . in ihrem Innern barg, sank, als die Ärzte gegangen waren, auf die Kissen zurück. Miska setzte sich wieder auf seinen Rucksack, schnupfte die Tränen hoch und dachte, den Kopf zwischen die großen, ungewaschenen Hände gepreßt, verzweifelt über seine Zukunft nach. Denn, daß es mit dem Herrn Oberleutnant nicht mehr lange dauern könne, darüber war er sich im klaren. Er wußte ja, was unter der riesigen Wattekugel verborgen lag; hatte die zertrümmerte Schädeldecke gesehen, und das fürchterliche graue Gekröse unter den blutigen Splittern: das Gehirn des armen Herrn Oberleutnant, der so ein gar guter Mensch und Vorgesetzter gewesen. Ein zweites Mal durfte er auf so ein Mordsglück nicht hoffen. Ein zweites Mal gab es solch einen seelenguten Herrn überhaupt nicht mehr! Die vielen, vielen Scheiben Salami, die ihm der Herr Oberleutnant von seinem eigenen Vorrat immer geschenkt, -- die sanften, warmen Worte, die er ihn hatte jedem Verwundeten zuflüstern hören, -- alle Erinnerungen der langen, blutigen Zeit, die er, fast als Kamerad, an der Seite seines Herrn stumpfsinnig durchgelitten hatte, stiegen jetzt in ihm auf. Er tat sich ganz furchtbar leid, der gute Miska, in seiner grenzenlosen Wehrlosigkeit gegenüber der großen Kriegsmaschine, in die er nun irgendwo von neuem hineingeworfen werden sollte, ohne der sicheren Stütze des guten Herrn Oberleutnant an seiner Seite.

So kauerte er, den breiten Bauernschädel zwischen den Fäusten, wie ein Hund, zu Füßen seines sterbenden Herrn, und auf den Spitzen seines, mit Staub und Pomade festgekleisterten Schnurrbarts, spießten sich in sanfter Folge die herabrollenden Tränen auf.

Ganz klar war es ja Miska auch nicht, warum der arme Herr Oberleutnant immer wieder so furchtbar nach seinem Grammophon schrie. Er wußte nur, daß die Herren im Unterstand gesessen, und sich vom Grammophon den Rakoczymarsch hatten vorspielen lassen, als plötzlich die verdammte Granate heranpfiff und dann alles in Rauch und Erde verschwand. Ihm selbst war ja auch Hören und Sehen vergangen, denn ein losgerissenes Brett hatte ihn, wie vom Himmel kommend, über den Rücken geschlagen, daß er hinfiel und eine Ewigkeit nicht Atem holen konnte.

Dann . . . . dann, erinnerte sich Miska nur mehr, ganz unklar, an einen unerhörten Haufen von zerhackten Brettern, eingestürzten Balken, an einen Brei aus Sackfetzen, Beton, Erde, menschlichen Gliedern und viel Blut! . . . . und . . . . an den Herrn Kadetten Meltzar, der immer noch aufrecht dasaß, den Rücken gegen die Reste der Seitenwand gelehnt, mit der Grammophonplatte, die eben noch den Rakoczymarsch gespielt hatte und die, wie durch ein Wunder, ganz geblieben war, an der Stelle, wo eigentlich sein Kopf hingehörte. Aber der Kopf war nicht da. Der Kopf war weg, ganz weg, nur die schwarze Grammophonplatte stand, auch an die Wand gelehnt, direkt auf dem blutigen Kragen. Das war schauderhaft gewesen! Kein Soldat hatte Hand anlegen wollen an den sitzenden Körper, mit der Platte, die genau wie ein Kopf auf dem Halse oben saß. Brr! . . . . Miska fühlte, wie's ihm kalt über den Rücken lief bei der Erinnerung, und das Herz blieb ihm stehen vor Schrecken, als just in diesem Augenblick der Herr Oberleutnant wieder zu schreien anfing:

-- Grammophon! nur Grammophon! -- . . . .

Miska sprang auf, sah die große Wattekugel sich mühselig von den Kissen lösen, sah das einzige Auge, das seinem Herrn geblieben war, gierig auf ein unsichtbares Etwas geheftet, und stand beschämt da, wie ein Schuldiger, als ihm aus allen benachbarten Betten unwillige Blicke zuflogen.

-- Das ist ja nicht zum aushalten! -- schrie ein schwerverwundeter Major vom anderen Ende des langen Korridors, -- tragen Sie den Menschen doch weg! --

Aber der Major sprach deutsch, und so stand Miska erst recht ratlos da, wischte sich den Angstschweiß von der Stirne und meldete, -- da ihn sein Herr ja doch nicht hören konnte, -- einem nebenan liegenden Leutnant, daß das Grammophon kaput gegangen sei, in tausend Stücke kaput, sonst hätte er, Miska, es gewiß nicht liegen lassen, sondern mitgebracht, wie alles, was von den Sachen des Herrn Oberleutnant noch irgend aufzufinden gewesen.

Niemand gab ihm Antwort. Den ganzen langen Korridor entlang hatten die Herren Offiziere, wie auf Kommando, die Köpfe unter die Kissen gesteckt, die Decken über die Ohren gezogen; der alte Major wickelte sich sogar seinen blutigen Mantel wie einen Turban um, bloß um das fürchterliche, glucksende Lachen, das bald in Heulen, bald in wütende Schreie nach dem Grammophon überging, nicht zu hören.

-- Herr Oberleutnant! . . . . Bitt' gehorsamst Herr Oberleutnant -- . . . . bettelte Miska, und strich mit seinen großen, harten Pratzen ganz -- ganz leise über die zuckenden Kniee seines Herrn.

Aber Herr Oberleutnant Kadar hörte ihn nicht. Fühlte auch die schwere Hand nicht, die auf seinen Knieen lag. Denn ihm gegenüber saß immer noch der Kadett Meltzar, auf dem Halse einen flachen, schwarzen, runden Kopf, in welchen der Rakoczymarsch spiralförmig eingezeichnet war. Nun wurde es dem Oberleutnant auf einmal sonnenklar, daß er dem armen Meltzar bitter Unrecht getan hatte, sechs Monate lang! Was konnte denn der arme Teufel für seine Dummheit, für die abgeschmackten patriotischen Floskeln? Wie hätte er mit einer Grammophonplatte als Kopf vernünftig denken können? . . . . Der arme Meltzar! . . . . Oberleutnant Kadar konnte einfach nicht begreifen, es schien ihm unfaßbar, daß er nicht vor sechs Monaten schon, gleich als Kadett Meltzar seine Einrückung zur Batterie meldete, dahinter gekommen war, was man dem guten Jungen im Hinterlande angetan hatte! . . . .