Part 3
Es wurde Hauptmann Marschner gleich leichter ums Herz, als er den zerknirschten Sünder so herunterkapitelt hatte. Sein Gewissen war jetzt ganz frei, als hätte er den Mann wirklich nur ganz zufällig auf diesen Posten beordert. Doch dauerte dieses Gefühl nicht lange, denn der alberne Kerl ließ es sich nicht nehmen, ihn, wie seinen Retter, anzuhimmeln. Und als er, in stramm militärischer Haltung, aber mit einer Stimme, die rauh und zitternd klang von verschluckten Tränen, »Wünsche gehorsamst viel Glück, Herr Hauptmann« stammelte, da strahlte aus diesem Wunsch eine solche Inbrunst, eine so glühende Anhänglichkeit, daß es dem Hauptmann auf einmal wieder leer wurde im Magen, und er mit einer plötzlichen Wendung auf und davon ging.
Nun wußte er ja Bescheid. Konnte sichs beiläufig ausrechnen, was der Weixler schon alles an ihm beobachtet, wie der sich schon insgeheim über seine Rührseligkeit mokiert haben mußte, wenn ein einfacher Mensch, wie dieser Tischlergeselle, seine geheimsten Gedanken erriet! Er hatte ihm ja kein Wort gesagt; hatte ihn nur verstohlen beobachtet, vorgestern abend, beim Einwaggonieren in Wien, wie er von seiner Mutter Abschied nahm. Woher ahnte der verdammte Kerl, daß die verwuzelte, eingeschrumpfte Knusperhexe, mit der Haut, die, wie ausgedörrt vom Leben, in tausend Falten, schlaff an den Backenknochen hing, solchen Eindruck auf seinen Hauptmann gemacht hatte? Er selbst wußte es ja sicher gar nicht, wie rührend es aussah, als das winzige Mütterchen, so von unten her, zu ihm emporblickte, und weil es sein Gesicht nicht erreichen konnte, mit der zitternden Hand den breiten Brustkasten streichelte. Kein Mensch konnte es ihm verraten haben, daß sein Kompagniekommandant ihn seither nicht anschauen konnte, ohne auf der himmelblauen Bluse, wie hingemalt, die zitronengelbe, dichtgeaderte Hand, die knolligen, verkrümmten Finger zu sehen, die mit so unsagbar viel Liebe den rauhen, haarigen Loden berührt hatten. Und doch war der Lump irgendwie dahintergekommen, daß diese Hand schützend über ihm schwebte, für ihn gebeten und das Herz seines Führers erweicht hatte.
Wütend stampfte Marschner über die Wiese, beschämt, als hätte ihm jemand eine Larve vom Gesicht gerissen. So leicht war es also, ihn zu durchschauen; trotz der vielen Mühe, die er sich nahm? . . . Er blieb stehen, um sich zu verschnaufen; hieb wieder auf das Gras ein und fluchte laut auf. Nun ja, er konnte sich eben nicht verstellen, konnte nicht plötzlich aus seiner Haut heraus, und wenn es tausendmal Weltkrieg gab! Er war gewöhnt, sich von Neffen und Nichten, gutmütig lachend, um die Finger wickeln zu lassen; war unfähig, von heut auf morgen, zum Eisenfresser zu werden, der vergnügt auf Menschenjagd geht! Was war das auch für ein wahnwitziger Gedanke, alle Menschen über einen Löffel barbieren zu wollen? Niemand dachte daran, aus Weixler einen weichherzigen Philanthropen zu machen; und er sollte, so mir nichts, dir nichts, auf Befehl, ein blutrünstiger Haudegen werden? . . . Er war nun mal nicht mehr zwanzig Jahre alt, wie der Weixler, und diese stillen, traurigen Männer, die man so grausam aus ihrem Erdreich gerissen hatte, waren ihm jeder mehr, als nur ein Gewehr, das man in Reparatur schickt, wenn es beschädigt, gleichgültig liegen läßt, wenn es unbrauchbar geworden ist. Wer das Leben schon von allen Seiten angesehen und überdacht hatte, konnte nicht so zum »Nur-Soldaten« werden, wie sein Leutnant, der noch gar nicht richtig Mensch geworden war, die Welt noch gar nicht anders gesehen hatte, als vom Hofe der Kadettenschule und der Kaserne aus.
Ja, wenn es noch gewesen wäre, wie am Anfang, als noch lauter junge, abenteuerlustige Burschen aus den Waggonfenstern johlten, die nichts daheim zurückließen, als höchstens Eltern, denen sie nun endlich imponieren konnten! Damals hätte auch er seinen Mann gestellt, so gut wie irgend einer; so gut, oder besser, als der stramme Leutnant Weixler. Damals marschierten die Leute zwei, drei Wochen lang, ehe sie auf den Feind stießen. Da löste man sich noch langsam vom Leben los, ging durch tausend Mühen und Entbehrungen; bis über Hunger, Durst und Müdigkeit allmählich alles vergessen war, was man weit -- weit rückwärts zurückgelassen hatte. Da schwelte der Haß gegen den Feind, der einem all' die Not angetan hatte, von Tag zu Tag immer höher; und der Kampf war Erlösung nach der langen, passiven Leidenszeit.
Heute aber ging das alles auf eins--zwei. Vorgestern noch in Wien, -- und jetzt, noch mit dem Abschiedskuß auf den Lippen, noch nicht ganz losgerissen, gleich hinein ins Feuer. Und nicht blindlings, nicht ahnungslos, wie die ersten! Für diese armen Teufel hatte der Krieg keine Geheimnisse mehr. Jeder hatte schon Tote in seiner Familie oder seiner Bekanntschaft; jeder hatte schon mit Verwundeten gesprochen, hatte verstümmelte, entstellte Invaliden gesehen, und wußte mehr über Schrapnellwunden, Querschläger, Gasgranaten und Flammenwerfer, als, vor dem Kriege, Artilleriegeneräle und Stabsärzte gewußt.
Und just diese Sehenden, diese grausam Entwurzelten, mußte er nun führen! Er, der ausrangierte Hauptmann Marschner, der Zivilist, der anfangs hatte zu Hause bleiben müssen, bei den Rekruten. Jetzt, da es tausendmal härter war, jetzt kam die Reihe an ihn, den Führer zu machen und er durfte sich nicht wehren gegen die Aufgabe, der er nicht gewachsen war. Nein, er hatte sich noch vordrängen, hatte, -- aus Anstand, -- auf seinem Rechte bestehen müssen, damit nicht andere, die schon draußen ihr Blut vergossen hatten, noch einmal hinausgingen, für ihn! -- -- --
Eine dumpfe, ohnmächtige Wut kam über den Hauptmann, als er nun vor seine Soldaten hintrat, die in breiter Reihe aufgestellt, in atemloser Spannung auf seine Lippen starrten. Was sollte er ihnen sagen? . . . Es widerstrebte ihm, die üblichen patriotischen Phrasen, die wie von außen her diktiert auf die Lippen verlangten, gefügig abzuleiern! Seit Monaten trug er den trotzigen Entschluß in sich herum, das vorgeschriebene »dulce est pro patrira mori« nicht auszusprechen, koste es was es wolle. Nichts war ihm so zuwider, als dieses Klimpern mit dem Opfertod, dieser Marktschreierkniff: das Sterben auszurufen, während es drinn in der Bude um's Morden ging.
Er biß die Zähne aufeinander und senkte scheu den Blick vor dieser Mauer aus bleichen Gesichtern. Die dumme, kindische Bitte: »Gieb acht auf uns!« blinzelte aufreizend aus allen Augen; brachte ihn zur Verzweiflung.
Am liebsten hätte er sie alle zurückgejagt zu den ihren, und wäre allein weiter! Mit einem Ruck warf er sich trotzig in die Brust, heftete den Blick starr auf eine Medaille, die ein Mann, in der Mitte der langen Reihe, auf der Brust trug, und rief:
»-- Kinder! Wir geh'n jetzt an den Feind. Ich rechne darauf, daß jeder von euch seine Pflicht tun wird, getreu seinem Fahneneid. Ich werde nichts von euch verlangen, was nicht im Interesse unseres Vaterlandes, in eurem eigenen Interesse also, für die Sicherheit euerer Frauen und Kinder geschehen _muß_; darauf könnt ihr euch verlassen. Viel Glück! Und jetzt los! --«
Er hatte, ohne es zu bemerken, die Stimme Weixlers, seinen überlauten, forciert-schneidigen Kommandoton nachgeahmt, um die Rührung zu überschreien, die ihm zitternd in der Kehle lauerte; und nach dem letzten Worte kehrte er sich blitzschnell ab. Nur über die Schulter hinweg, ohne sich noch einmal umzuschauen, gab er Befehl zum Ausschwärmen, ließ den Kopf auf die Brust fallen, und begann mit großen Schritten den Aufstieg.
Hinter ihm knirschten die Stiefel, schlugen die Eßschalen klappernd gegen irgend ein Ausrüstungsstück. Bald setzte auch das Keuchen der schwerbepackten Mannschaft ein, und eine dicke, würgende Schweißwolke legte sich über die marschierende Kompagnie.
Hauptmann Marschner schämte sich! Ein tiefer, körperlicher Ekel überkam ihn vor der Rolle, die er da gespielt hatte. Was blieb diesen einfachen Leuten, diesen Maurern, Monteuren und Landarbeitern, die ohne Fernblick, über ihren Werktag gebeugt, dahingelebt hatten, denn zu tun übrig, wenn die feinen Herrschaften, die studierten Leute, wenn der Herr Hauptmann, mit den drei goldenen Sternen auf dem Kragen, sie versicherte, es sei ihre Pflicht und höchst rühmenswert, italienische Maurer, Monteure und Landarbeiter über den Haufen zu schießen? Sie gingen; -- -- keuchten hinter ihm her; und er -- -- -- er führte sie! Führte sie, gegen seinen Glauben, aus erbärmlicher Feigheit, und forderte von ihnen Mut und Todesverachtung. Er hatte sie beschwatzt, hatte ihr Vertrauen mißbraucht, ihre Liebe zu Frau und Kind ausgebeutet, weil er eben lieber, für eine Lüge, vielleicht am Leben blieb, vielleicht doch noch heil aus dem Kriege heim kam, als sich für die Wahrheit, an die er glaubte, sicher füsilieren zu lassen! Er setzte sein Leben, und das ihre, va banque auf falsche Karten, weil er zu feige war, dem sicheren Verlust allein ins Auge zu schauen! -- -- --
Die Sonne brannte mit mörderischer Glut auf den steilen, baumlosen Abhang. In das Platzen der Schrapnells, das Tacken der Maschinengewehre, das Aufbrüllen der eigenen Geschütze, mischte sich, jetzt schon immer näher, immer heller, das Heulen der herankommenden Geschosse. Und immer noch war die Kammlinie nicht erreicht! . . . Der Hauptmann fühlte seine Lunge versagen, blieb stehen, und hob den Arm. Die Leute sollten sich einen Augenblick verschnaufen; waren seit vier Uhr morgens schon unterwegs; hatten Tüchtiges geleistet mit ihren vierzigjährigen Beinen. Er merkte es an sich selbst.
Mitleidig blickte er auf die blauroten, schweißüberströmten Gesichter, und fuhr zusammen, als er Leutnant Weixler mit großen Schritten auf sich zukommen sah. Warum konnte er dieses Gesicht nicht mehr sehen, ohne sich wie angefallen zu fühlen, wie an der Kehle gepackt von einem Haß, der sich kaum noch zügeln ließ? Er hätte eigentlich froh sein müssen, ihn hier draußen an seiner Seite zu haben. Ein Blick in diese lauernden Augen mußte genügen, um jeder Rührung Herr zu werden.
-- Bitt gehorsamst, Herr Hauptmann, -- hörte er ihn schnarren -- ich geh auf den linken Flügel hinüber. Da sind ein paar Kerle, die mir nit recht g'fallen. Besonders der Simmel, der rote Hund! Der zieht jetzt scho' den Kopf ein, wann drüben ein Schrapnell platzt. --
Marschner schwieg. »Der rote Hund?« -- -- »Der Simmel?« -- -- Das war doch der rothaarige Flügelmann im zweiten Zug; der Tapezierer, der das entzückende, kleine Mäderl auf dem Arm getragen hatte, bis zum letzten Augenblick. Bis der Weixler ihn brutal in den Wagen gejagt . . . Dem Hauptmann war's, als sähe er noch den erstaunten Aufblick der Kinder zu dem mächtigen Mann, der ihren Vater anzuschnauzen wagte.
-- Laß ihn nur, er wird sich schon drann gewöhnen -- sagte er mild. -- Er hat halt noch seine Kinder im Kopf, und hat's net eilig, sie zu Waisen zu machen. Die Leut können ja net alle Helden sein! Wann's nur ihre Pflicht tun. --
Das Antlitz Weixlers wurde starr. Um die schmalen Lippen erschien wieder jener harte, verächtliche Zug, der den Hauptmann jedesmal wie ein Peitschenhieb traf.
-- Er soll jetzt eben nicht mehr an seine Fratz'n denken, sondern an den Fahneneid, den er seinem allerhöchsten Kriegsherrn g'schworn hat! Hast es Ihnen ja eben erst g'sagt, Herr Hauptmann. --
-- Ja, ja. Ich hab's ihnen gesagt! -- nickte Hauptmann Marschner geistesabwesend, und ließ sich langsam ins Gras nieder. Nicht daß dieser so sprach, wunderte ihn. Aber daß auch ihm einmal vor fünfundzwanzig Jahren, als er, durch und durch mit Begeisterung wattiert, aus der Kadettenschule kam, »Fahneneid« und »allerhöchster Kriegsherr« genau so erschöpfend geklungen hatten! Wie dieser, wäre damals auch er voll freudiger Begeisterung in einen Krieg gezogen. Wie aber sollte er heute, taub geworden für den Fanfarenklang solcher Worte, und hellsehend für das Gebälk, das sie trug, Schritt halten mit der Jugend, die für alles, was stehend und mit erhobener Stimme verkündet wurde, ein gläubiges Echo war? Wie sollte er von seinen braven, behäbigen Spießern, die das Leben schon so gründlich gebändigt hatte, daß sie daheim hungernd an Reichtümern vorbeigingen, die nur eine dünne Glaswand von ihnen schied, hier plötzlich ein wildes Draufgehen verlangen? Wie an den Tapezierermeister Simmel die gleichen Anforderungen stellen, als an den jungen Leutnant, der noch nie anderes erstrebt hatte, als im Fechten, Ringen und Mut zeigen unter den ersten genannt zu werden? Waren je Söldner für ihre Sitten, biedere Bürgersleute für ihre Unerschrockenheit berühmt, -- je ein und dieselben Menschen zwanzig und fünfundvierzig Jahre alt zugleich gewesen? -- -- --
Zusammengekauert, den Kopf zwischen den Fäusten, war der Hauptmann so tief in seine Gedanken versunken, daß er Zeit und Ort vergaß, und alle Versuche Leutnant Weixlers, ihn durch wiederholtes Vorbeischleichen, lautes Umherhetzen der Mannschaft aufzuscheuchen, blieben erfolglos. Endlich brachte ihn nahes Pferdegetrappel wieder zu Bewußtsein. Auf dem Feldweg, der in halber Höhe um den Hügel lief, galoppierte ein Offizier, die hohe Generalstäblermütze auf dem Kopf. Er parierte sein Pferd, erkundigte sich verbindlich nach dem Marschziele der Kompagnie, und rümpfte die Nase, als Hauptmann Marschner die Nummer der Quote nannte.
-- Dorthin geht's Ihr! -- rief er aus, und die Grimasse ging langsam in ein respektvolles Lächeln über. -- Aa, da gratulier' ich! Da kommt's ja grad in die dickste Schweinerei hinein. Dort wollen die Herren Katzelmacher seit drei Tagen scho durch. Da will ich Euch net aufhalten! Die armen Teufln, die dort liegen, wern die Ablösung gut brauch'n können. Servus. Und viel Glück!
Mit Grazie berührten seine Finger die Kappe; das Pferd schrie auf unter dem Druck der Sporen; -- und fort war er.
Der Hauptmann starrte ihm wie betäubt nach. »Aa, da gratulier ich!« klang es ihm in den Ohren. Ein Mensch, hoch zu Roß, gut ausgeruht, rosig, sauber, wie aus dem Schachterl, trifft zweihundert todgeweihte Opfer: verschwitzt, atemlos, am Rande der Gefahr; weiß, daß in einer Stunde so manches Gesicht, das sich jetzt noch neugierig ihm zuwendet, schon leidverzerrt oder totenstarr im Grase liegen wird; -- und sagt lächelnd: »Aa, da gratulier' ich!« Reitet weiter, ohne daß ihm ein andächtiger Schauer über den Rücken liefe, ohne daß ein Schatten seine Stirne streifte!
Spurlos wird die Begegnung aus seinem Gedächtnis verschwinden; . . . nichts heute abend, beim tafeln, ihn an den Kameraden erinnern, dem er am Morgen, als Letzter vielleicht, die Hand gereicht! . . . Was bedeutete diesen Auserwählten, die, aus sicherem Hinterhalt die Kolonnen ins Feuer schoben, der Todesmarsch einer Kompagnie? Und der unglückselige rothaarige Tapezierer, da nebenan, zitterte, zog den Kopf ein, riß großmächtig die Augen auf, als hinge das Schicksal der Welt daran, ob er sein rotgelocktes Mäderl noch einmal wird auf dem Arm tragen. Wahrlich, wenn man die Sache so aus der richtigen Perspektive sich ansah, -- als vorbeigaloppierender Generalstäbler, der das Ziel, den Sieg, den man früher oder später, bei Gläserklirren bejubeln wird, im Auge hat, -- dann hatte der Weixler eigentlich recht! Es mußte ihn empören, ein so großzügiges Heldengedicht von einem einzelnen Hasenfuß derart ins Lächerliche gezogen, zu einer weinerlichen Familienangelegenheit degradiert zu sehen.
-- Die armen Teufel, die dort liegen! . . . Marschner überlief es kalt, als ihm, über die Worte des Generalstäblers, jäh die Vision des zerschossenen, blutgetränkten Grabens aufstieg, mit der zu Tode erschöpften Besatzung, die ihn, wie den Erlöser, herbeisehnte. Er erhob sich stöhnend, übermannt von einem grimmigen, erbitterten Haß gegen diese Zeit. Keine Masche blieb da offen! Jede Minute, die er seinen Leuten noch schenkte, war Diebstahl oder gar Totschlag, begangen an jenen dort vorne. Wild warf er den Arm in die Höhe und schritt aus, fest entschlossen, nicht mehr stehen zu bleiben, ehe der Graben erreicht war, den er zu beziehen hatte. Sein Gesicht war bleich, vergrämt; verzerrte sich zu einem gequälten Lächeln, so oft vom anderen Flügel das aufreizend schnarrende: »Vorwärts, vorwärts!« seines Leutnants zu ihm herüberklang.
Auf einmal blieb er stehen. In das Knattern, Pochen, Knallen sprang plötzlich ein neuer Ton hinein; hob sich hell aus dem ganzen, kaum noch ins Bewußtsein dringenden Spektakel. Er kam so gellend, so scharf drohend und blitzschnell heran, daß der Ton gleichsam sichtbar wurde, ein heulender Bogen in der Luft entstand, sich nahe an die Stirne heranbiß, und dort mit einem kurzen, harten Peitschenschlag abriß, während, wenige Schritte weiter vorne, ein kleiner Staubwirbel aufstieg, und unsichtbare Hagelkörner klatschend ins Gras prasselten.
-- Ein Schrapnell! . . . .
Verdutzt blickte Hauptmann Marschner sich um, und sah zu seinem Schrecken alle Blicke auf sich gerichtet. Wie um Rat fragend starrten alle Augen ihn an; um die Lippen aller spielte ein sonderbares, verlegen verschämtes Lächeln;
Nun hieß es mit gutem Beispiel vorangehen! Unbekümmert weiter marschieren ohne stehen zu bleiben oder aufzublicken! Es war ja im Grunde ganz alles eins was man tat. Ein Davonlaufen oder Verstecken gab's da nicht. Da hieß es Glück haben; -- sonst gab es keinen Schuß. Also vorwärts, als wüßte man von nichts! War nur einer da, der sich nichts aus der Sache zu machen schien, dann bekamen's die anderen mit der Scham, kontrollierten sich gegenseitig, und dann war alles gewonnen. Er merkte es ja an sich selbst, wie ihm das Gefühl, von allen Seiten beobachtet zu werden, Haltung gab. Wäre er ganz allein gewesen, er hätte sich vielleicht hingeworfen; hätte hinter einem Stein Deckung gesucht, und wenn er noch so klein gewesen wäre.
-- War nur ein Weitschuß! Vorwärts Kinder! -- rief er laut, fast fröhlich gemacht von dem Gefühl: seinen Leuten eine Stütze zu sein. Da schwirrten, -- ehe er noch fertig gesprochen hatte, schon die nächsten heran. Er versteifte alle Muskeln, und knirschte vor Wut, als sein Oberkörper dennoch zurückfuhr, und der Kopf für einen Augenblick zwischen den Schultern versank. Nicht die Wucht, mit der das Heulen heranflog, ließ ihn zusammenzucken! Die sonderbare Deutlichkeit, mit der die Flugbahn, genau wie auf der Abbildung im Artillerieunterricht, sich vor ihm wölbte; dieses widernatürliche Gefühl, einen Ton mehr mit den Augen, als mit dem Ohr erfassen zu müssen, das war's, wogegen kein Wille aufkam.
Man mußte was tun, sich irgendwie die Illusion verschaffen, nicht ganz wehrlos zu sein! -- Kompagnie Laufschritt! -- schrie er, so laut er nur konnte, beide Hände als Sprachrohr vor dem Mund.
Wie erlöst stürmten die Leute los. Die Spannung schwand von ihren Gesichtern; jeder einzelne war irgendwie mit sich beschäftigt, stolperte, raffte sich auf, haschte nach locker gewordenen Ausrüstungsstücken; und in dem allgemeinen Keuchen und Pusten ging der drohende Pfiff der ankommenden Geschosse fast unbemerkt unter.
Nach einer Weile war es Hauptmann Marschner, als fauchte ihm jemand ins linke Ohr hinein. Er wandte den Kopf, und sah Weixler, dunkelrot im Gesicht, neben sich herlaufen. -- Was gibt's? -- frug er, unwillkürlich in Schritt fallend.
-- Herr Hauptmann, ich meld' gehorsamst, man sollt' ein Exempel statuieren! Der Simmel, der Feigling, demoralisiert die ganze Kompagnie. Bei jedem Schrapnell schreit er »Jesus-Maria«, schmeißt sich hin und macht den andern Angst. Man sollt' den Kerl als abschreckendes Beispiel . . . .
Mitten in den Satz sauste eine Lage von vier Schrapnells hinein. Das Heulen schien noch lauter. noch schärfer geworden zu sein; dem Hauptmann war's, als flitzte, blendend hell, eine ungeheure Sense in steilem Bogen direkt auf seinen Schädel zu. Diesmal aber durfte er mit keiner Wimper zucken! Wie beim Zahnarzt, wenn die Zange ansetzt, krampften sich seine Glieder; zugleich starrte er seinem Leutnant forschend ins Gesicht, neugierig, wie er sich im ersehnten Feuer nun benahm. Allein der schien von den Schrapnells gar nicht Notiz zu nehmen. Er reckte sich, sah mit gespannter Aufmerksamkeit zum linken Flügel hinüber und rief empört:
-- Da! Siehst, Herr Hauptmann! Da liegt der verdammte Kerl schon wieder! Ich will ihm doch . . .
Ehe ihn Marschner erhaschen konnte, war er schon losgesprungen, blieb aber auf dem halben Wege stehen, machte Kehrt und kam mißmutig zurück.
-- Der Kerl ist getroffen, -- meldete er mürrisch, mit einem verärgerten Achselzucken.
-- Getroffen? -- entfuhr es dem Hauptmann, und ein häßlicher, bitterer Geschmack klebte ihm plötzlich die Zunge an den Gaumen. Er sah die frostige Ruhe in Weixlers Zügen, den teilnahmslosen, gleichgültigen Blick, und seine Hand zuckte in die Höhe. Schlagen hätte er ihn mögen, so aufreizend wirkte diese Unberührtheit, so weh tat ihm dieses hingeworfene »der Kerl ist getroffen«. Das Bild des netten Mäderls, mit der hellen Schleife in den roten Locken, blitzte vorbei, und die Vision einer verkrümmten Leiche, die ein Kind in den Armen hielt. Wie durch einen Schleier hindurch sah er Weixler, an sich vorbei, der Kompagnie nacheilen, und lief hinüber, wo neben etwas Unsichtbarem zwei Sanitätssoldaten knieten.
Der Verwundete lag am Rücken; seine flammend roten Haare umrahmten ein grün-graues, gespenstisch-regungsloses Gesicht. Vor wenigen Minuten hatte Hauptmann Marschner den Mann noch laufen, -- dasselbe Antlitz noch erhitzt, in erregter Lebendigkeit gesehen. Seine Kniee gaben nach; -- wie eine kalte Hand wühlte der Anblick dieses unfaßbar jähen Wechsels in seinem Innern. War das möglich? . . . . Konnte so alles Blut in einer Sekunde entweichen; ein gesunder, kräftiger Mensch in wenigen Augenblicken zur Ruine zerfallen? Welche Höllenkraft lauerte in so einem Stück Eisen, daß es die Arbeit monatelangen Siechtums zwischen zwei Atemzügen verrichten konnte.
-- Keine Angst, Simmel, -- stammelte der Hauptmann, auf die Schulter eines Sanitätssoldaten gestützt, -- man wird sie runtertragen zum Train! -- und tief atemholend, rang er sich mühsam die Lüge ab: -- Jetzt kommen's gar als Erster nach Wien zurück! -- Er wollte auch noch etwas von der Familie, von dem rotlockigen Mäderl hinzufügen, brachte es aber nicht über die Lippen. Es war ihm bange vor einem Aufschrei des Sterbenden nach den Seinen, und ein inneres Zittern durchlief ihn, als der qualvoll verzerrte Mund sich langsam auftat. Er sah die Augen sich öffnen; erschauerte vor dem gläsernen Blick, der an nichts Körperlichem mehr einen Halt zu finden, durch alle Anwesenden hindurch in weiter Ferne was zu suchen schien. Der Körper krümmte sich unter den wühlenden Händen des Sanitäters; aus der aufgerissenen, blutüberströmten Brust stiegen gurgelnd unverständliche Laute, bliesen den roten Schaum vor dem Mund zu platzenden Luftblasen auf.
-- Simmel! Was wollen Sie Simmel? -- bat Marschner, tief über den Verwundeten gebeugt. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er dem Lallen, überzeugt, daß es eine letzte Botschaft zu erhaschen galt! Er atmete auf, als die verirrten Augen endlich zurückfanden, und ängstlich forschend haften blieben auf seinem Gesicht. -- Simmel -- rief er wieder und haschte nach der Hand, die zitternd die Wunde suchte. -- Simmel! Kennen's mich denn nicht?
Simmel nickte. Er riß die Augen auf, seine Mundwinkel sanken herab, und weinerlich, vorwurfsvoll, -- wie es dem Hauptmann schien, -- kam aus der zerfetzten Brust die Klage: -- Weh -- -- Herr Hauptmann -- -- -- so weh! -- und nach einem kurzen, röchelnden Schmerzenslaut wiederholte er schäumend, mit einem gellenden Wutschrei: -- Weh! -- -- -- Weh! -- -- -- und schlug um sich, mit Händen und Füßen.