Part 2
-- Weißt nicht, was ihm geschehen ist, dem Dill? Weißt nicht? So sind wir gestanden, wie jetzt, er hat mir grad das neue Bild zeigen wollen, das ihm seine Frau geschickt hat. Seine tapfere Frau, hehe, seine gefaßte Frau! Denn gefaßt, das waren's alle. Auf alles gefaßt! Und wie wir so steh'n, schlagt eine Achtundzwanziger ein -- ganz weit von uns -- gut zweihundert Schritt -- haben gar nicht hing'schaut. Da seh' ich auf einmal was schwarzes fliegen -- und der Dill fallt um, mit dem Bild von seiner feschen Frau in der Hand, -- und im Kopf steckt ihm ein Stiefel, ein Bein, ein Stiefel mit dem Bein von einem Trainsoldaten, den die Achtundzwanziger zerrissen hat, ganz weit von uns. --
Einen Augenblick hielt er inne, starrte den Rittmeister triumphierend an. Dann sprach er weiter mit einem gehässigen Stolz in der Stimme, und doch ab und zu aussetzend, unterbrochen von einem merkwürdig glucksendem Stöhnen.
-- Nichts hat er mehr gesagt, der arme Dill, mit dem Sporn im Schädel, so einem richtigen Komissporn, groß wie ein Fünfkronenstück. Nur die Augen hat er verdreht, traurig das Bild von seiner Frau angeschaut, daß sie so was hat zugeben können. -- -- -- So was! -- -- So was, mein Lieber! -- -- -- Zu viert haben wir ihm den Stiefel rauszieh'n müssen, -- zu viert! Hin- und herdrehen haben wir ihn müssen, du! Bis ein Stück von seinem Gehirn mitgekommen ist, -- wie ausgerissene Wurzeln, -- wie ein grauer Polyp, ein krepierter, auf dem Sporn. -- -- --
-- Geh, hör auf! -- schrie wütend der Rittmeister, riß sich los und ging fluchend ins Haus. Die beiden anderen sahen ihm sehnsüchtig nach. Allein konnten sie den Unglücklichen doch nicht lassen. Er war, als der Rittmeister ihm den Arm entzog, erschöpft auf die Bank zurückgefallen, saß wimmernd, wie ein geschlagenes Kind, mit dem Kopfe auf der Lehne. Erst als der Philosoph leise seine Schulter berührte, um ihn, gut zuredend, zum Gehen zu bewegen, fuhr er von neuem auf und brach in ein bellendes, häßliches Lachen aus.
-- Aber wir haben sie ihm rausgerissen, seine fesche Frau. Zu viert haben wir gezogen bis sie draußen war. Ich hab ihn befreit! Raus, weg ist sie. Alle sind's weg. Meine ist auch weg; die Meine ist auch ausgerissen. Alle werden ausgerissen. Keine Frau gibts! Keine Frau mehr, keine -- -- --
Nickend sank sein Kopf nach vorne; über das tieftraurige Gesicht rollten langsam die Tränen.
Hinter seinem Rücken tauchte der Rittmeister wieder auf, gefolgt von dem kleinen Sekundararzt, der die Nachtwache hatte.
-- Du mußt jetzt ins Bett, Herr Leutnant -- knarrte der Doktor mit forcierter Strenge.
Der Kranke warf den Kopf zurück, starrte verständnislos in das fremde Gesicht. Als der Arzt den Satz mit gehobener Stimme wiederholte, leuchteten seine Augen plötzlich auf und er nickte zustimmend.
-- Müssen gehen, natürlich! -- wiederholte er eifrig und seufzte schwer -- Alle müssen wir gehen. Wer nicht geht, ist ein Feigling, und einen Feigling wollen sie nicht haben. Das ist's ja! Verstehst du nicht? Jetzt sind Helden modern. Die fesche Frau Dill hat einen Helden haben wollen zu ihrem neuen Hut, hehe. Darum hat der arme Dill sein Gehirn hinaustragen müssen. Ich auch, -- Du auch! Mußt sterben gehen, -- mußt dich treten lassen, ins Gehirn treten! Und die Frauen schaun zu, -- fesch, -- weil's jetzt so Mode ist.
Er hatte seinen abgezehrten Leib mühsam an der Banklehne hochgestemmt, sah allen Umstehenden der Reihe nach fragend ins Gesicht, auf Zustimmung wartend.
-- Ist das nicht traurig? -- frug er leise. Dann, mit plötzlich wieder emporschnellender Stimme, von jäher Wut gepackt, schreiend, daß es unheimlich durch den Garten gellte: -- Ist das nicht Betrug, he? Nicht Betrug? War ich ein Messerstecher? Ein Raufbold? War ich ihr nicht recht, am Klavier? Sanft und rücksichtsvoll haben wir sein müssen! Zartfühlend! Und auf einmal, weil die Mode gewechselt hat, wollen sie Mörder haben. Verstehst du das?
Losgelöst vom Arzt, stand er wieder torkelnd da, und seine Stimme sank allmählich zu einem wehleidigen Klageton herab, der, aus gepreßter Kehle, gröhlend, wie das Lallen eines Trunkenen klang.
-- Die Meine war auch fesch; versteht sich. Keine Träne! Ich habe gewartet, immer gewartet, wann sie zu schreien anfangen wird, wann sie mich endlich bitten wird auszusteigen, nicht mitzufahren, feig zu sein, für sie! Aber sie haben nicht den Mut gehabt; -- keine hat den Mut gehabt; nur fesch haben's sein wollen. Meine auch! Meine auch! Mit dem Taschentuch gewinkt, wie die anderen.
Seine zuckenden Arme strebten, sich windend, in die Höhe, als wollte er den Himmel zum Zeugen anrufen.
-- Was das Gräßlichste war, willst du wissen? -- stöhnte er leise, sich unvermittelt wieder an den Philosophen wendend, -- die Enttäuschung war das Gräßlichste, der Abmarsch. Der Krieg nicht! Der Krieg ist, wie er sein muß. Hat's dich überrascht, daß er grausam ist? Nur der Abmarsch war eine Überraschung. Daß die Frauen grausam sind, das war die Überraschung! Daß sie lächeln können und Rosen werfen; daß sie ihre Männer hergeben, ihre Kinder hergeben, ihre Buben, die sie tausendmal ins Bett gelegt, tausendmal zugedeckt, gestreichelt, aus sich selbst aufgebaut haben, das war die Überraschung! Daß sie uns hergegeben haben -- daß sie uns geschickt haben, geschickt! Weil jede sich geniert hätt' ohne einen Helden dazustehen; das war die große Enttäuschung, mein Lieber. Oder glaubst du, wir wären gegangen, wenn sie uns nicht geschickt hätten? Glaubst du? So frag doch den dümmsten Bauernburschen draußen, warum er eine Medaille haben möchte, ehe er auf Urlaub geht. Weil ihn sein Mädel dann lieber hat, weil ihm die Frauenzimmer dann nachlaufen, weil er mit seiner Medaille den anderen die Weiber vor der Nase wegangeln kann; darum, nur darum. Die Frauen haben uns geschickt! Kein General hätt' was machen können, wenn die Frauen uns nicht hätten in die Züge pfropfen lassen, wenn sie geschrien hätten, daß sie uns nicht mehr anschaun, wenn wir zu Mördern werden. Nicht Einer wär hinaus, wenn sie geschworen hätten, daß keine von ihnen ins Bett steigt mit einem Mann, der Schädel gespalten, Menschen erschossen, Menschen erstochen hat. Nicht Einer, sag ich euch! Ich hab's ja nicht glauben wollen, daß sie's so tragen können! Sie heucheln nur, hab ich gedacht; sie halten sich noch zurück; aber wenn erst der Pfiff kommt, dann werden sie aufschreien, werden uns herausreißen aus dem Zug, werden uns retten. _Einmal_ hätten sie uns schützen können, und sie haben nur fesch sein wollen! Auf der ganzen Welt, nur fesch.
Wie zerbrochen saß er nun wieder auf der Bank, geschüttelt von einem sanften, kummervollen Weinen, den Kopf wehmütig hin- und herrollend auf der keuchenden Brust.
Hinter seinem Rücken hatte sich ein ganzer Kreis gebildet. Auch der alte Landsturmkorporal stand da, neben dem Arzt, mit vier Wachsoldaten, bereit, jeden Augenblick einzugreifen. Im Offiziersflügel waren alle Fenster aufgeflammt, notdürftig bekleidete Figuren beugten sich heraus, und sahen neugierig in den Garten hinab.
Der Kranke musterte ängstlich die fremden, teilnahmslosen Gesichter. Er war erschöpft; die heisere Kehle gab keinen Laut mehr her. Seine Hand griff hilfesuchend nach dem Philosophen, der wie gebrochen an seiner Seite stand.
Nun hielt der Arzt den richtigen Augenblick für gekommen.
-- Komm', Herr Leutnant, geh'n wir schlafen, -- sagte er mit tölpelhaft forcierter Gemütlichkeit, -- Die Weiber sind nun mal so. Da kann man nix mach'n.
Er wollte weiter reden, um den Kranken, im Gespräch, unbemerkt ins Haus zu locken; aber schon der nächste Satz blieb ihm vor Überraschung in der Kehle stecken. Das kraftlose, schlotternde Skelett, das sich von ihm und dem Philosophen eben noch wie ohnmächtig hatte aufrichten lassen, sprang ruckartig hoch, schnellte die Arme auseinander, daß die beiden, die ihn hatten stützen wollen, strauchelnd in den Kreis der Zuschauer flogen. Er duckte sich, in den Knien wippend, wie ein Lastträger mit schwerer Fracht im Nacken, und so hockend, mit schwellenden Adern, wiederholte er, keifend vor Wut, die Worte des Doktors.
-- Sind nun mal so? . . . Sind nun mal so? Seit wann denn, he? hast du nie was von Suffragetten gehört, die Minister geohrfeigt, Museen in Brand gesteckt, sich an Laternenpfähle haben anketten lassen für das Stimmrecht? Für das Stimmrecht, hörst du? Und für ihre Männer nicht? Nicht einen Laut, nicht einen Schrei!
Einen Augenblick hielt er inne, atemholend; übermannt von wilder, würgender Verzweiflung. Dann raffte er sich noch einmal auf und schrie, mühsam gegen das Schluchzen ankämpfend, das ihn immer wieder gurgelnd erfaßte, aus tiefster Not, wie ein gehetztes Tier:
-- Hast du von einer gehört, die sich für ihren Mann vor den Zug geworfen hat? Hat eine für uns Minister geohrfeigt, sich an die Schienen gebunden? Keine einzige hat man wegreißen müssen. Nicht eine hat gekämpft, nicht eine hat uns verteidigt. Nicht eine hat sich gerührt, in der ganzen Welt. Hinausgejagt haben sie uns! Den Mund verstopft haben sie uns! Die Sporn haben sie uns gegeben, wie dem armen Dill. Morden haben sie uns geschickt, sterben haben sie uns geschickt, für ihre Eitelkeit. Willst du sie verteidigen? Ausgerissen müssen sie werden! Ausgerissen wie Unkraut, mit der Wurzel! Zu viert müßt ihr zieh'n, wie beim Dill. Zu viert, dann muß sie raus. Bist du der Doktor? Da! Mach ihn auf meinen Kopf! Ich will keine Frau. Sieh, -- zieh sie raus . . . .
Weit ausholend sauste seine Faust, wie ein Hammer, auf den eigenen Schädel, griffen seine gekrümmten Finger erbarmungslos in den spärlichen Haarwuchs am Hinterkopf, bis er, aufbrüllend vor Schmerz, einen ganzen Büschel ausgerissen in die Höhe hielt.
Im nächsten Augenblick lagen, auf einen Wink des Arztes, die vier Wachsoldaten schon keuchend über ihm. Er schrie, knirschte, schlug um sich, strampelte sich frei, schüttelte sie ab wie Kletten; auch der alte Korporal und der Doktor mußten mit zugreifen, dann erst gelang es ihn ins Haus zu schleppen.
Hinter ihm leerte sich rasch der Garten. Als letzter humpelte der Musulmann, mit dem Philosophen an seiner Seite, dem Eingang zu. Vor dem Portal blieb er stehen, sah, im Schein der Laterne, ernsthaft auf sein vergipstes Bein, das wie leblos zwischen den Krücken hing.
-- Weißt, Philosoph, da ist mir meine Hax'n doch lieber. Narrisch wer'n, wie dieser arme Teufel, is schon 's Ärgste, was ei'm draußen passieren kann. Dann schon lieber gleich ganz weg mit'n Kopf! Oder meinst du, daß der noch mal wer'n kann?
Der Philosoph schwieg. Sein rundes, gutmütiges Gesicht war aschfahl geworden; seine Augen schwammen in Tränen. Er zuckte die Achseln und half dem andern wortlos über die Treppe. Als sie auf den Korridor traten, hörten sie, weit irgendwo im Haus, noch Türen schlagen und einen letzten, dumpfen Schrei.
Dann wurde es still. Die Fenster im Offiziersflügel erloschen der Reihe nach, und bald lag der Garten, wie eine buschige, schwarze Insel, in den Fluß geschmiegt, der lautlos sich kräuselnd vorbeizog. Nur das Husten der Geschütze brachte ein Windstoß ab und zu, wie fernes Echo, aus dem Westen herüber.
Noch einmal knirschte der Kies, als die Patrouille, quer durch den Garten, zum Wachtgebäude zurückmarschierte. Ein Soldat fluchte leise und nestelte an seiner zerrissenen Bluse. Die anderen atmeten schwer, -- wischten sich mit dem Handrücken den Schweiß von der roten Stirne. Hinter ihnen ging der alte Landsturmkorporal, die Pfeife im Mundwinkel, mit gesenktem Kopf. Als er in die Hauptallee einbog, flammte eben ein heller Feuerschein über den Himmel und ein langes Rollen, das sich schließlich knurrend in die Erde verkroch, machte alle Fenster erklirren.
Der Alte blieb stehen. Er horchte, bis das Grollen verstummt war, hob drohend die geballte Faust, spie in weitem Bogen zischend durch die Zähne, und brummte, mit einem Ekel, der aus tiefster Seele kam:
-- Pfui Teufel! .ch Feuertaufe
Eine halbe Stunde hatte die Kompagnie am Waldrande gerastet; nun gab Hauptmann Marschner den Befehl zum Aufbruch. Er war, trotz der mörderischen Hitze, ganz blaß, und sah beiseite, während er Leutnant Weixler den Auftrag gab, dafür zu sorgen, daß innerhalb zehn Minuten alles marschbereit sei, bis auf den letzten Mann.
Eigentlich hatte er sich selbst überrumpelt mit diesem Befehl. Denn nun, das wußte er, gab es keinen Aufschub mehr! Wenn er Weixler auf die Mannschaft losließ, dann klappte alles; die Leute zitterten vor diesem knapp zwanzigjährigen Jungen, als wäre er der leibhaftige Teufel. Und manchmal schien es dem Hauptmann selbst schon, als hätte die baumlange, knochige Gestalt wirklich etwas Unheimliches an sich. Nie flammte auch nur ein Funken Wärme aus diesen kleinen, stechenden Augen, die immer eine flackernde Unruhe spiegelten, immer wie im Fieber glänzten. Nichts war jung an dem ganzen Menschen, außer dem kleinen, schütteren Schnurrbart über den verkniffenen Lippen, die sich nur auftaten, um mit hämischer Härte die Bestrafung eines Soldaten zu fordern. Ein Jahr fast hatte ihn Hauptmann Marschner schon an seiner Seite, und hatte ihn noch nie lachen gehört; wußte noch nichts von seiner Familie, nicht woher er kam, ob er überhaupt Angehörige hatte. Er sprach nur selten, in kurzen, hastigen Sätzen, die er zischend hervorstieß. Wie das Brodeln einer verbissenen Wut, die in ihm kochte, klang alles, was er sagte, und handelte immer von Dienst oder Krieg, als gäbe es außer diesen beiden Dingen überhaupt nichts auf der Welt, was Worte lohnte.
Und diesem Menschen hatte das Schicksal den Streich gespielt, ihn das ganze erste Kriegsjahr hindurch im Hinterland zurückzuhalten! Elf und ein halb Monate dauerte schon der Krieg, und Leutnant Weixler hatte noch keinen Feind gesehen. Wenige Kilometer war er nur, gleich zu Beginn, über die russische Grenze gekommen, dann hatte ihn der Typhus erwischt, ehe er noch einen Schuß abgefeuert. Nun kam er endlich an den Feind! Hauptmann Marschner wußte, daß er ein Mannschaftsgewehr für sich mitschleppen ließ, und seine gesamten Ersparnisse für ein Zielfernrohr geopfert hatte, um ganz auf Numero sicher zu gehen, und genau zu wissen, wie viel Feinden er das »Lämpchen ausgeblasen«. Er war fast fröhlich geworden, seit man das Feuer schon aus der Nähe hörte, gesprächig, von einem nervösen Eifer getrieben, wie ein passionierter Jäger, wenn er die Fährte aufnimmt. Der Hauptmann sah ihn bald da, bald dort aus dem Gedränge auftauchen, und wandte sich ab. Er wollte es nicht sehen, wie der Kerl seine armen, totmüden Leute drangsalierte, sie anfuhr, genau wie ein kläffender Schäferhund, der die Herde zusammentreibt. Lange, ehe die zehn Minuten vergangen waren, würde die Kompagnie gestellt sein, dafür sorgte Weixlers Ungeduld; und dann, -- dann gab es keinen Grund mehr, noch länger zu zaudern. Keine Möglichkeit mehr, den schweren Entschluß weiter hinauszuschieben!
Hauptmann Marschner tat einen tiefen Atemzug, und sah mit merkwürdig gespannten, weit aufgerissenen Augen zum Himmel hinauf. Da vorne, jenseits des steilen Hügels, der jetzt noch die Aussicht auf das Gefechtsfeld versperrte, tackten, in atemloser Eile, unsichtbar die Maschinengewehre; und kaum eine Spanne hoch über dem Rande der Böschung schwebten, dicht gesät, kleine, gelb-weiße Päckchen, wie hochgeworfene Schneeballen in der Luft: die Sprengwolken des Sperrfeuers, durch das er seine Kompagnie zu führen hatte.
Es war kein kurzer Weg! Zwei Kilometer noch, vom jenseitigen Fuße des Hügels, bis zum Eingang der Laufgräben; und immer über freies Feld, ohne jede Deckung. Für eine Landsturmkompagnie, für ehrwürdige Familienväter, die seit wenigen Stunden im Felde standen, jetzt erst ihre Feuertaufe erhalten, zum erstenmal Pulver riechen sollten, wahrlich keine kleine Aufgabe. Für den Weixler, der nichts anderes im Kopf hatte, als das Verdienstkreuz, das er sich je eher holen wollte, -- für solch einen zwanzigjährigen Raufbold, der die Welt um die eigene, hochwichtige Person rotieren ließ und noch keine Zeit gehabt hatte, das Leben schätzen zu lernen, mochte das nur ein aufregender Spaziergang sein, eine prickelnde Sache, bei der man sich so richtig fühlen, seine Unerschrockenheit ins rechte Licht setzen konnte. Im Stillen machte der sich wohl längst schon lustig über die Unentschlossenheit seines alten Hauptmanns, und fluchte über diese letzte Rast, die ihn noch eine halbe Stunde länger auf seine erste Heldentat zu warten zwang.
Marschner mähte mit seinem Reitstock die hohen Grashalme nieder, und schielte, von Zeit zu Zeit, verstohlen zu seiner Kompagnie. Er merkte es an den schleppenden Bewegungen der Leute, an dem Widerstreben, mit dem sie sich erhoben, wie Kinder, die man aus dem Schlafe weckt, daß sie es längst schon erfaßt hatten, wohin der Weg nun ging. Die lautlose Stille, in der sie ihre Bündel packten und eintraten in die Reihe, krampfte ihm das Herz zusammen.
Unermüdlich hatte er sich seit Kriegsbeginn auf diesen Augenblick vorbereitet, Tag und Nacht gegrübelt, sich's tausendmal vorgesagt, daß wo Höheres auf dem Spiele stand, die Not des Einzelnen nichts bedeutete; daß ein gewissenhafter Führer sich wappnen müsse mit Gleichgültigkeit. Und nun stand er da, -- und merkte mit Schrecken, wie alle guten Vorsätze abbröckelten und nichts in ihm übrig blieb, als heißes, grenzenloses Mitleid mit diesen aufgescheuchten Nesthütern, die sich so still ergeben bereit machten; gleichsam ihr Leben in die Hände nahmen wie ein kostbares Gefäß, um es in den Kampf zu tragen und dem Feinde vor die Füße zu werfen, als wäre es ihr Geringstes, was da in Scherben ging!
Ein Kaninchen, das man selbst großgezogen hatte, unter's Messer zu liefern; einen liebgewonnenen Haushund eigenhändig zum Schinder zu schleifen, schon Solches hätte man ihm, dem gutherzigen »Onkel Marschner« -- wie er in Bekanntenkreisen hieß --, nicht zumuten dürfen. Und nun sollte er Menschen, die er selbst zu Soldaten ausgebildet, monatelang unter den Augen gehabt hatte, Menschen, die er wie seine Taschen kannte, ins Schrapnellfeuer hineinjagen! Was nutzten da alle tiefsinnigen Betrachtungen? Er sah nur die ängstlich flehenden Blicke, die seine Leute zu ihm hinüberschickten, um Schutz bittend, als glaubten sie, ihr Herr Hauptmann könne auch Flintenkugeln und Sprengstücken den Weg vorschreiben. Und dieses Vertrauen sollte er nun mißbrauchen? Sollte diese bärtigen Kindsköpfe, die er vorgestern erst, von ihren Kleinen umringt, Abschied nehmen gesehen von den weinenden Frauen, jetzt ohne Rührung in den Tod kommandieren? Sollte unbekümmert weiter marschieren, wenn der eine oder andere getroffen hinfiel, sich jammernd in seinem Blute wälzte? Woher sollte er die Kraft nehmen, zu solcher Härte? Von dem höhern Ziele etwa? Es war nicht da. Nicht mit den Händen zu fassen. Es war zu sehr gesprochen, zu sehr nur Klang, als daß es ihm hätte seine Soldaten verdecken können, die mit heimwärtsgewandter Seele dem Sperrfeuer entgegenbangten!
Wie ein Schlag in die Magengegend traf ihn die Meldung, die ihm Leutnant Weixler strahlend, mit geröteten Wangen ins Gesicht schmetterte. Das klang so herausfordernd! Die dreiste Frage: »Nun, warum freust du dich nicht auch auf die Gefahr, wie ich?« war nicht zu überhören. Hauptmann Marschner strömte alles Blut in die Schläfen, er mußte den Blick abwenden, und seine Augen irrten unwillkürlich zu den Schrapnellwolken, trugen eine Bitte, eine heimliche Invokation zu den dummen, wahllos niederprasselnden Dingern hinauf: sie möchten diesem frostigen Burschen doch das Leiden lehren, -- ihn überzeugen von seiner Verwundbarkeit!
Eine Sekunde später senkte er schon beschämt den Kopf. Sein Zorn wuchs gegen den Menschen, der ihm eine solche Regung hatte entlocken können. -- Danke. Laß die Leute »Ruht« stehen; ich muß noch einmal nach den Pferden schau'n, -- sagte er gemessen, mit einer erzwungenen Ruhe, die ihm wohl tat. Er wollte sich nicht drängen lassen, nun erst recht nicht, und freute sich, als er den Leutnant zusammenzucken sah; lächelte zufrieden in sich hinein über das indignierte Gesicht, und das trotzige »Zu Befehl, Herr Hauptmann«, das lange nicht mehr so schmetternd hell klang, sondern knirschend aus gepreßter Kehle kam. Der Junge sollte nur auch einmal merken, wie wohl es tat, gebändigt zu werden! Sonst liebte er es ja, sich auf Kosten der Mannschaft an seiner Macht zu berauschen, triumphierend, als wäre es die Kraft seiner Persönlichkeit, die den Leuten Herr ward, und nicht das Dienstreglement, das immer ihm zur Seite stand.
Mit gemächlichen Schritten ging Hauptmann Marschner in den Wald zurück, doppelt froh, daß die Lektion, die er Weixler erteilt, seinen alten Knaben eine kurze Galgenfrist bescheert hatte. Vielleicht sauste eine Granate vor ihrer Nase in die Erde, und diese wenigen Minuten retteten zwanzig Menschen das Leben. Vielleicht? . . . Es konnte freilich auch umgekehrt kommen: just diese Minuten . . . Ach! was hatten solche Berechnungen für Zweck? Am besten war nicht daran denken! Er wollte den Leuten helfen so viel er konnte; Retter konnte er keinem sein.
Oder doch? . . . Den einen, der ihm eben mit Feuereifer aus dem Walde entgegenstürzte, hatte er vorläufig geborgen. Der blieb, mit sechs Mann, bei den Pferden und dem Train zurück. War es ein Unrecht, gerade diesen zu bestimmen? Alle anderen Unteroffiziere waren älter, und verheiratet; der kleine, dicke, mit den O-Beinen hatte sogar sechs Kinder daheim. Konnte er es vor seinem Gewissen verantworten, diesen jungen, ledigen Burschen hier in Sicherheit . . .
Mit einer wütenden Handbewegung unterbrach der Hauptmann seine Gedanken. Am liebsten hätte er sich mit der Faust an der Brust gepackt und tüchtig durchgebeutelt. Daß er das verdammte Grübeln und Abwägen noch immer nicht lassen konnte! Gab es hier noch eine Gerechtigkeit, im Machtbereiche der Granaten, die Taugenichtse verschonten und die Besten niederstreckten? Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, sein Gewissen, seine Rührseligkeit, sein ewig waches Mitgefühl mit allen überflüssigen Gedanken daheim zu lassen, bei seiner eingekampferten Zivilkleidung, in der Friedenswohnung? Das alles gehörte zum Zivilingenieur Rudolf Marschner, der früher einmal Offizier gewesen und mit dreißig Jahren noch einmal zur Schulbank zurückgekehrt war, um das Kriegshandwerk, in das er sich als dummer Junge verirrt hatte, gegen einen Beruf zu vertauschen, der seiner weichen, nachdenklichen Natur besser entsprach. Daß ihn dieser Krieg jetzt, zwanzig Jahre später, noch einmal zum Soldaten gemacht hatte, war ein Unglück. Eine Katastrophe, die ihn -- wie alle --, unverdient traf; mit der er sich aber endlich abfinden mußte. Und dazu gehörte, in erster Reihe, das Loskommen von allem raisonieren! Wozu sich viel mit Fragen quälen? Einer mußte doch im Walde zurückbleiben, zur Aufsicht. Der Kommandant hatte diesen jungen Zugführer bestimmt, also blieb dieser da. Und damit basta!
Peinlich war es nur, daß der Kerl so ein gerührtes Gesicht schnitt. Widerlich, einfach widerlich war die hündische Dankbarkeit, die ihm aus den feuchtschimmernden Augen strahlte! Wie kam der Mensch dazu, etwas von seiner Mutter zu stammeln? Er wurde hier gelassen, weil der Dienst es erforderte; seine Mutter hatte dabei nichts zu tun. Die saß in Wien, -- und hier war Krieg. Das mußte er sich gesagt sein lassen: sein Kommandant wollte nicht hoffen, daß er es als Glück, oder gar besondere Gnade empfinde, nicht mit in den Kampf zu müssen!