Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden

Part 9

Chapter 93,193 wordsPublic domain

Was nun aber die psychischen Eigenschaften dieses ältesten Kulturvolks der Gegenwart betrifft, so möchten diese wohl zum guten Teil auf die Thatsache der seit unvordenklicher Zeit hohen Volksverdichtung in China zurückführbar sein, und diese selbst müssen wir ableiten von zwei ständig zusammenarbeitenden Faktoren: einem in der Landesnatur begründeten und einem religiösen. Chinas Nordhälfte, so lehrt die Geschichte, war die Ursprungsstätte der chinesischen Gesittung, des chinesischen Staatswesens. Nordchina, sahen wir, ist das lößbedeckte China, wo die außerordentliche Fruchtbarkeit dieser gelben Erde für den Anbau von Getreide zusammentrifft mit den beiden Segensspenden des chinesischen Sommers, der hochgradigen Wärme und den mit nie aussetzender Regelmäßigkeit diese begleitenden Monsunregen. Hier war auf unabsehbaren Flächen von der Natur die Möglichkeit also gegeben, daß ein kopfreiches Ackerbauvolk unter dem Schutz staatlicher Ordnung sich entfaltete, zuerst in der Lößmulde des zum Huangho fließenden Weiho sowie in den übrigen Gebirgs- und Thalgauen des Binnenlandes, nachmals auch in der für Anhäufung von Massenbevölkerung noch besser geeigneten Niederung, die sich im Nordosten zum Gelben Meer abdacht, aber als jüngst geborene Deltaflur der Entsumpfung bedurfte, die ihr als die älteste Kulturthat chinesischen Geistes und chinesischer Thatkraft zuteil ward, deren Glanz in den Annalen des Reichs der Mitte noch heute unverblichen strahlt. Daß nun die von der Natur gebotene Möglichkeit, auf so günstigem Boden, unter einem so gütigen Himmel ein großes Volk im Schweiß des Ackermanns erwachsen zu lassen, der Verwirklichung zugeführt werde, dafür sorgte ein seit Alters den Chinesen tief eingeprägtes Pietätsgefühl gegen ihre Vorfahren. Kongfutse, der große Weise, der zur Zeit, als Cyrus das Perserreich gründete, die Sittenlehre seiner Nation zu jenem wirkungsvollen System ausgestaltete, das bis zur Stunde Millionen als heilsame Richtschnur dient, fand diese Ehrfurcht vor den Ahnen schon als längst bestehend vor. Sie geht auf den Totenkultus zurück, der so zahllosen Völkern eigen war und vielen immer noch eigen ist. So nüchtern realistisch der Zopfmann sich sonst überall zeigt, er ist angeerbter Maßen durchschauert von dunkeln Ahnungen über ein mystisches Weiterleben in einem Jenseits nach seinem irdischen Ableben; ihn bangt vor den Strafen, die seiner harren nach Überschreiten der düsteren Grabesschwelle, doch ihn tröstet die allgemeine Zuversicht, selige Ruhe im Jenseits zu finden, wenn nur die hierfür unerläßliche Bedingung erfüllt wird, daß ihm bei jeder Wiederkehr des Jahrestages seines Todes die Totenopfer dargebracht werden. Diese aber darf nach altgeheiligter Vorschrift niemand erbringen als der leibliche Sohn oder dessen männliche Sprossen. Daher die heiße Sehnsucht der Chinesen, in die Ehe zu treten, um Söhne zu erzeugen und diese sobald wie möglich wieder zu vermählen. Nur die allergräßlichste Armut vermag einen Chinesen von der Heirat abzuhalten. Junggesellen giebt es deshalb in China fast gar nicht, Großväter von 34-36 Jahren dagegen nicht selten. Die Geburt eines Knaben wird in der dürftigsten Chinesenhütte mit hellem Jubel begrüßt, die Geburt einer Tochter selbst im Hause des Reichen mißliebig, fast wie ein Trauerfall angesehen. Die Ehefrau, die Jahr um Jahr keinem Sohn das Leben schenkt, muß sich ohne zu murren es gefallen lassen, daß ihr Gatte neben ihr eine zweite Frau ehelicht oder Konkubinen sich zugesellt; nie vermißt sich dort eine Sarah zu der Forderung, eine Hagar mit ihrem Sohne zu verstoßen, nein, sie muß demütig die Hagar auszeichnen und ehren, weil sie es ist, die ihrem Gemahl zur Erfüllung des höchsten Lebenswunsches verholfen hat. Ziehen wir dazu den Umstand in Betracht, daß es eine überseeische Auswanderung von Chinesen, so sehr sich eine solche bis nach Amerika und Australien neuerdings fühlbar gemacht hat, fast nur in den beiden Südostprovinzen Fokien und Kuangtung giebt, chinesische Auswanderer noch dazu stets bestrebt sind nach Aufbesserung ihrer Vermögenslage heimzukehren, weil es ihrer leidenschaftlichen Anhänglichkeit an den vaterländischen Boden entsetzlich dünkt in fremder Erde bestattet zu werden, so kann es uns nicht Wunder nehmen, daß China immerdar der Raum der stärksten Volksanhäufung auf Erden gewesen ist. Bis zum kürzlichen Emporkommen von Philadelphia und Chicago war China das einzige Land mit einer Mehrzahl von Millionenstädten; an großen, mit viereckiger Backsteinmauer wie das alte Babel umgebenen Städten zählt es rund 1500, manche mit einer Mauerlänge von 20 bis 30 ~km~ und dazu noch mit menschenwimmelnden Vorstädten außerhalb der Thore. Und welch ein Hin- und Herströmen des Landvolkes nach und von diesen Städten begiebt sich alltäglich, wenn sich ihre Thore bei Sonnenaufgang unter Kanonenschüssen, Gong- oder Glockenschlag aufthun, desgleichen bei Einbruch der Abenddämmerung schließen! Sowohl im Menschengewoge der städtischen Straßen als in den stadtgroßen Dörfern tritt uns die beträchtliche Kinderzahl der chinesischen Familien leibhaftig vor Augen, noch überraschender die große Zahl im Greisenalter stehender Männer, denn das Chinesenvolk ist bei aller Vielheit von Krankheiten, die es plagen, bei all seiner jämmerlichen Quacksalberei dank seiner staunenswerten Seuchenfestigkeit eins der langlebigsten.

Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1 ~qkm~, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt seinem großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher zu erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert, eine verhältnismäßig sehr hohe.

Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen, selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es, allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, -- so bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel, die unter europäischen und amerikanischen Flaggen an ihrer Küste landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.

So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete: den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.

In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und Thee, behält auch noch eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel, die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.

Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte, blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen Behausung.

Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie es höhere Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß! Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und höher gewachsenen Nordchinesen, -- ein harmloser Frohsinn, eine selbst durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die, denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.

Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt. Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen. Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.

Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem Kulturgepräge und eine chinesische. Die innigere Berührung zwischen beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte, schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.

VII.

Deutschland und sein Volk.

Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit 1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde, so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als Mitteleuropa zu bezeichnen.

Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns. Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die germanische, slawische und romanische.

Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord- und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind. Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir steigen von den firnbedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee, schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert, dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend, als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.

Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien. Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost, bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt; dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht eine Überfülle von Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im 19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.

Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich, da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also die Bewohner der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.

Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit, befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes, nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der Bayernname verblieb.

Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung der Teilstämme unserer Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt. In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz, mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland und in transozeanische Fernen.