Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden

Part 8

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Ein trübes Gegensatzbild zum britischen Weltreich, wo nationale Kraft bis auf einen gewissen Grad trotz der verschiedenen Landesnatur, trotz der riesigen Entfernungen sich einheitlich und dadurch stark erhält, bietet Österreich-Ungarn. Eine mächtige Schlagader für die Einheit seines Wirtschaftslebens ist ihm durch den Donaustrom beschieden; an ihm liegen seine beiden prächtigen Großstädte, nach ihm gravitiert der Hauptverkehr, selbst der böhmische, denn offen liegen die Wege von Böhmen nach der mährischen Donauprovinz, somit nach Wien, wogegen nach Norddeutschland bloß der eine Engpaß des Elbthals als natürliche Verbindungsstraße führte, bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts obendrein wenig benutzt. Indessen es stoßen hier unversöhnte Völkergegensätze in engem Gehege aufeinander. Ungarn haben wir so gut wie unabhängig werden sehen, und die Magyaren sind rüstig dabei, ziemlich schonungslos ihren Staat national auszubauen bis zum trefflich grenzenden Mauerbogen der Karpaten. In Österreich aber tobt der Unfriede zwischen Deutschen, Tschechen, Polen, Slowenen und Italienern weiter; die wie zum Spott sogenannte Versöhnungspolitik des verflossenen Ministeriums Taaffe hat einen wechselseitigen Völkerhaß dort ins Kraut schießen lassen, der die jetzt erhoffte Verknüpfung der Reichsteile auf der Grundlage realer, vornehmlich wirtschaftlicher Interessengemeinschaft recht fern rückt; und wie lose sind in der That an diesen Donaustaat angeschlossen Länder wie Galizien und Dalmatien!

Doch man behaupte ja nicht: da sieht man, wie Nationen wesentlich doch aus Blutsverwandtschaft hervorgehen! Nein: Österreich beweist nur, daß thörichte innere Politik und andere unglückliche Umstände, vor allem auch eine ungeographisch am grünen Tisch zurechtgeschmiedete Zusammenschweißung von Ländern die Verschmelzung verschiedenartigen Volkes hemmt, zumal wenn die Gemeinsamkeit der Wirtschaftsinteressen bei peripherischen Gliedern eine so geringe ist wie beim adriatischen Litoral und dem galizisch-bukowinischen Außenrand der Karpaten. Rußland war ethnisch noch viel buntscheckiger als das heutige Österreich, bis Peter der Große und Katharina II. dem ursprünglich nur im Centrum der großen osteuropäischen Niederung wohnenden Großrussenvolk die Herrschaft über die ringsum gelagerten Völker, die Küsten der Ostsee und des Schwarzen Meeres gewann, so daß nun der umfangreichste aller Nationalstaaten der östlichen Erdfeste sich ausgestalten konnte, alles Nichtrussische allmählich russifizierend, unterstützt durch die Österreich fehlende Bodenform des weiten Tieflands ohne jede Gebirgsscheide, was sich für Ausgleichen volkstümlicher Gegensätze, für Aufrichtung straffer Staatseinheit zufolge schrankenlosen Verkehrs stets so günstig erweist.

Wollen wir schlagende Beweise, daß nicht Blutsverwandtschaft, sondern Eigenart des Wohnraums in erster Linie nationaler Ausbildung die Wege weist, so brauchen wir gar nicht über Europas Grenzen hinauszublicken. Wie schwer würde es fallen, Siebenbürgen mit dem rumänischen Nachbarland unter einen Hut zu bringen, trotzdem doch beide Lande so gut wie allein von Rumänen bewohnt werden! Ganz wie von selbst haben wir es dagegen geschehen sehen, daß die Moldau und Walachei als linksseitiges Uferland der unteren Donau sich staatlich einten, während Siebenbürgen beim karpatischen Donaureich Ungarn verblieb. Portugal löste sich aus dem spanischen Nationalverband heraus wie die Niederlande aus dem deutschen einzig und allein auf der Grundlage litoraler Sonderinteressen; so wurden die Portugiesen eine eigene Nation, erhoben ihre spanische Mundart zur Schriftsprache, wurden früher seegewaltig als ihr spanisches Hinterland; und ganz dem entsprechend die Niederländer, deren Kolonialbesitz 280 Jahre älter ist als der deutsche. Die englische Nation entstand, wie jeder weiß, dadurch, daß deutsche Angeln, Sachsen und Friesen nach Britannien hinüberzogen, die norwegische dadurch, daß die dänischen Normannen an der ozeanischen Fjordenküste Skandinaviens heimisch wurden.

Frankreichs wie Italiens nationale Einheit beruht mitnichten auf ursprünglicher Blutsverwandtschaft, sondern auf dem natürlichen Zusammenschluß jedes der beiden Länder, ihrem Abschluß nach außen durch Meer und Gebirge. Die Völkergruppe der Kelten, aus der die Franzosen hervorgingen, breitete sich auch über Hispanien, die britischen Inseln, West- und Süddeutschland, ja über Oberitalien aus; nur ein Teil dieser Völker hatte Frankreich inne und verschmolz daselbst mit ganz fremden Völkerschaften: Iberern und Ligurern, Römern und Griechen, Franken und Burgundern. Nicht anders wuchs die Nation Italiens aus den verschiedensten Bevölkerungselementen, auch deutschen, hellenischen und arabischen hervor; zweimal hat sie uns das fesselnde Schauspiel gewährt, daß sie genau innerhalb des nämlichen Raums von den Alpen bis nach Sizilien sich ausgestaltete: einmal im Altertum bis unter Augustus, dann wieder nach der Zerstörung durch die Stürme der Völkerwanderung.

So gleichen natürlich geschlossene Landräume Hohlformen, in welche die bildsame Masse verschiedenster Volksart sich einschmiegt, um zur nationalen Einheitsform zu verschmelzen. Die Masse kann wechseln, die Form bleibt. Flußthäler, die Schiffahrt längs den Küsten, offene Ebene, bequem überschreitbare Gebirge erzeugen in dem nämlichen Landraum immer wieder die nämlichen Verkehrs- und Handelslinien; größere Meeresflächen, höhere Gebirge schranken von der Fremde ab. Handel und Verkehr aber sind die einflußreichen Bildner der Völker; sie greifen nicht so geräuschvoll ein wie Naturkatastrophen oder Völkerschlachten, dafür sind sie alltäglich bei ihrem Werk, kleine Ursachen in milliardenhafter Summierung zu großen Wirkungen hinanführend.

Ernste Pflicht dünkt es uns, der Störung des Völkerfriedens entgegenzutreten, die da heuchlerisch einherschreitet unter der Lügenmaske eines Napoleon III. vom „Nationalitätsprincip“, nach dem die Staaten Europas sollten zurecht geschnitten werden. Der schlaue ~empereur~ zog mit dieser klangvollen Fanfare nach Italien, nur um Österreich zu demütigen und sich mit der Abtretung von Savoyen nebst Nizza ein gutes Trinkgeld von Italien zu holen, das französische ~prestige~ mit etwas neuer gloire zu vergolden. Am liebsten bekanntlich hätte er uns die linke Rheinseite nach der unendlich fadenscheinigen Anwendung des Nationalitätsgrundsatzes abgenommen, weil, wie er in seiner ~Vie de Jules César~ laut betont, die französischen Gallier einstmals bis an den deutschen Rhein heranreichten. Wenn dergleichen Weisheit genügen soll, den Länderbestand anzutasten, dann mag man der italienischen Irredenta nur gleich Südtirol ausantworten und Triest dazu. Mehr aber als die Thatsache, daß man in Triest italienisch redet, gilt doch das historische Recht, die Erinnerung daran, daß Triest, um im Wettbewerb gegen Venedig Hilfe zu erlangen, im 14. Jahrhundert freiwillig unter Habsburgs Schutz trat und alles, was es heute ist, Österreich verdankt; noch schwerer aber wiegt es, daß wohl Italien, jedoch nicht Österreich Triest entbehren kann, diese seine Weltmeerpforte, das österreichische Hamburg.

Es muß der Überzeugung Raum geschaffen werden, daß gesunde Staaten reale Interessengemeinschaft vertreten und in diesem Sinn, aber nicht im ethnologischen Nationalstaaten darstellen. Wahr also bleibt der Satz des verdienstvollen französischen Anthropologen Quatrefages: ~Toute repartition politique, fondée sur ethnologie, est absurde.~ Auch unser neues Reich ist zuerst als ein engerer Verkehrs- und Handelsbezirk aus dem alten Deutschland herausgetreten, denn es erscheint 1834 als Zollvereinsgebiet fast schon genau in seinen heutigen Grenzen. Ohne Blut und Eisen vermochte es freilich nicht seine Losgliederung von dem in ganz andere Interessenkreise hineingezogenen Österreich zu erringen und zuletzt im gerechtesten und herrlichsten aller Kriege die Kaiserkrone zu erwerben. Dafür steht es nun auch um so geachteter da, ein treuer Schutz und Schirm des echtesten Deutschtums, ein eherner Verband zwischen Nord und Süd, vom Fels der Alpen bis zum Meer, ein wohlbewahrtes Haus für friedliche Bewohner, die sich zusammenthaten, weil’s ihrer Arbeit frommte und weil sie auch zumeist sich rühmen können als Söhne und Töchter Germanias verschwistert zu sein, ja allesamt sich eins fühlen, da sie seit Jahrtausenden schon Freud und Leid miteinander geteilt haben. Doch vergessen wir es nicht: weder Blutsgenossenschaft noch geistiges Verwandtschaftsgefühl allein gewährleistet uns das Glück unserer Zukunft, einzig der thatenfeste Wille, die Brüderlichkeit fest und ehrlich zu wahren, erhält eine Nation.

VI.

China und die Chinesen.

Das Land China, früher den verhaßten Fremden so fest verschlossen, ist jüngst das Ziel des Wettlaufs europäischer Großmächte geworden, von denen eine jede möglichst großen Anteil erstrebt an dem materiellen Aufschwung, wie er sich dort durch den endlich begonnenen Eisenbahnbau vorbereitet. Denn dieser Aufschluß Chinas für den Verkehr muß zu einer gewaltigen Steigerung seines Außenhandels führen, und was bedeutet das bei einer Bevölkerung, die sicher an Zahl diejenige von Afrika und Amerika zusammengenommen weit übertrifft! Was für Summen sind allein schon durch den Bau und Betrieb von Eisenbahnen, durch die rationelle Ausbeutung der ungeheuern Steinkohlenlager in diesem Menschengewimmel von China zu verdienen! Auch uns Deutschen winkt ein guter Gewinnanteil hieran seit unserer rechtzeitigen Besitzergreifung von Kiautschou, dieser trefflich gelegenen marinen Eingangspforte ins Innere von Nordchina.

Jedoch ganz abgesehen von seiner wirtschaftlichen Bedeutung schon für die allernächste Zukunft, ist China auch rein geographisch eins der interessantesten Länder der Welt.

Zuvörderst imponiert das Land China, das zugleich im wesentlichen den Staat China bildet, da die Außenbesitzungen in der Mandschurei, Mongolei, im Tarimbecken und Tibet ihm doch nur lose anhängen, durch seine Raumerfüllung. Es giebt nur wenige Länder auf Erden, die China an Größe übertreffen, drei in Amerika, in Afrika die Sahara, in Asien Sibirien, in Europa Rußland. Indessen bloß einige Randstücke des europäischen Rußlands würden hervorragen, könnten wir China auf Osteuropa decken. China kommt von sämtlichen kontinentalen Ländern der Kreisgestalt am nächsten, die insofern für einen Staat am günstigsten erscheint, als nach Ausweis der Geometrie diese Gestalt die im Vergleich zur eingenommenen Fläche kleinste Umrißlinie besitzt, kreisförmige Staaten mithin die kleinstmögliche Angriffslinie bieten. Chinas Grenze ist dabei ziemlich gleich verteilt auf Land und Meer: die Nordwesthälfte der Grenze zieht von der noch zum eigentlichen China gehörigen Provinz Schöngking im Liaugebiet der südlichen Mandschurei in etwas willkürlichen Zacken und Einbuchtungen durch die Übergangszone, in der die Natur des abflußlosen Centralasien anhebt, durchweg vor Länderräumen hin, die wie China von Völkern der mongolischen Rasse bewohnt werden und der Macht der chinesischen Regierung unterstehen; die Südostküste wölbt sich als selten gestörter Halbkreisbogen hinaus in das stille Weltmeer. Die ungefähre Mitte des chinesischen Kreises liegt da, wo der Jangtsekiang aus der großen Westprovinz, dem roten Becken von Sötschuan, übertritt in die Provinz Hupe. Von hier aus läßt sich ein Kreis mit einem Halbmesser von 1130 ~km~ beschreiben, über den nur das nordöstliche Tschili (jenseit Peking) nebst Schöngking weiter herausragt, falls wir die neuerdings zu den 18 alten Provinzen des Kaiserreichs geschlagene ostturkestanische Mulde des Tarim, wie wir geographisch müssen, bei Centralasien belassen. Und jener Halbmesser gleicht der Entfernung des äußersten Südwestens Deutschlands von der Nogatmündung ins frische Haff oder dem Abstand Hamburgs von Kap Landsend an der Westspitze Südenglands.

China bildet ein uraltes Bestandstück des asiatischen Festlandes, das seit der Juraperiode nie wieder vom Ozean überflutet wurde. Sein Felsgerüst besteht aus altkrystallinischen Gesteinen, aus paläozoischen Schiefern, Kalk- oder Sandsteinlagen und älteren mesozoischen Schichten; dagegen fehlen Kreideformation und marines Tertiär gänzlich, nirgends blinken weiße Kreideklippen hervor wie bei uns in Rügen, nirgends schaut man die schluchtigen Thäler und mit Plattenform gipfelnden Kreidesandsteingebirge wie bei uns in der sächsischen Schweiz; ebenso wenig erblicken wir jüngst erloschene Vulkane neben noch thätigen wie in dem großen Gürtel fortgesetzter vulkanischer Thätigkeit, der sich vom Malaien-Archipel über Formosa und Japan bis zum Beringsmeer hinzieht.

Eine weite Tiefebene besitzt China bloß im Nordosten; das ist die gelbe Lößniederung, aus der die gebirgige Schantung-Halbinsel spornartig hervorragt. Im übrigen ist China überwiegend gebirgig; und zwar bedingt sein Gebirgscharakter eine strenge Scheidung des Landes in eine Nord- und eine Südhälfte. Als eigentlichen Reichsteiler hat uns Richthofen eine Fortsetzung des uralten Kuenlun, dieses echten Rückgratgebirges von ganz Asien, kennen gelehrt. Es ist der Tsin-ling-schan, der, die Hauptrichtung des Kuenlun, Ost zu Süd, aus Innerasien nach China übertragend, mit nur geringer Unterbrechung quer durch Chinas Mitte bis gegen Nanking reicht. Dieser Reichsteiler scheidet nun nicht allein die Gebiete der zwei Riesenströme, die China aus dem fernen Quellenschoß Centralasiens mit östlichem Abfluß empfängt, den Huangho und den Jangtsekiang, sondern er trennt auch zwei wesentlich verschiedene Gebirgssysteme voneinander ab. Nordchina stellt ein verschüttetes Gebirgland dar; hier haben in entlegener Vorzeit trockne Winde feinkrumige, lehmige Verwitterungsmassen, sogenannten Lößlehm, in gelben Wolken über Berg und Thal gebreitet, und Graswuchs hat jede neu aufgewehte Lößdecke durch das Wurzelwerk in sich wie mit der älteren Unterlage verfestigt, so daß gewöhnlich nur die Kämme der Gebirge mit ihren festen Felsmassen anstehenden Gesteins aus der bis auf Tausende von Metern aufgeschütteten braungelben Lößumhüllung aufragen wie Dachfirsten eines deutschen Gebirgsdorfes, wenn es zur Winterzeit in tiefem Schnee begraben worden. Trotzdem ist die nordchinesische Gebirgslandschaft keineswegs bloß aus abgerundeten Gebirgskämmen mit dazwischen gelagerten flachen Hochlandmulden ungeschichteten Lößes zusammengesetzt; vielmehr haben die fließenden Gewässer ein äußerst vieladriges System schluchtiger Thalwege in den weichen Lößschutt eingearbeitet, dessen senkrecht verlaufende Haarröhrchen, herstammend von längst abgestorbenen Graswurzeln, die geradezu groteske Ausbildung immer ganz steiler Thalwände bedingen. Von diesen nackten Gehängen der Lößschluchten heben noch gegenwärtig bei trockener Witterung die Winde gelben Staub empor, daß die Sonne dann bleich durch eine fahlfarbene Atmosphäre schimmert, Fußgänger wie Fuhrleute samt ihrem Geschirr, die unten im Lößthal ihres Weges ziehen, über und über lößgelb werden. Natürlich tragen die Flüsse den von ihnen so leicht abgenagten oder in sie hineingewehten Löß seewärts; von seiner deshalb stets lehmfarbigen Wassermasse führt der Huangho d. h. der gelbe Fluß seinen Namen, er schüttete die gelbe Deltaflur des Nordostens auf, in der er bald süd-, bald nordwärts der Schantung-Halbinsel seine Mündung suchte, wie ein ungebärdiges Ungetüm sich in seinem Bett hin und her wälzend, die ihn einengenden Schutzwälle von Menschenhand durchbrechend, und stiftete dem seine trüben Fluten aufnehmenden Innengolf des ostchinesischen Meeres den Namen Huanghai d. h. gelbes Meer.

Anders in Südchina! Hier halten die Gebirgszüge noch weit allgemeiner als in Nordchina sinische Streichung ein, also die Richtung Südwest zu Nordost; in langen Parallelreihen ziehen sie so gegen jene chinesische Fortsetzung des Kuenlun, gegen den Tsin-ling-schan hin, in dessen Nähe sie ostwärts umbiegen, da ihre Auffaltung an dem bereits vorhandenen alten Querriegel offenbar ein Hemmnis fand; und, was die Hauptsache ist, sie sind ohne Lößverschüttung geblieben. Unverhüllt recken sie mithin ihre Gipfelzinnen gen Himmel, keine Lößwehen haben die Böschungen ihrer Gehänge verkümmert, in hurtigem Schuß eilen von ihren Höhen die Gewässer hernieder und verbinden sich zu klaren, unvertrübten Strömen. Allen voran steht der Ta-kiang, der „große Strom“, den wir Jangtsekiang zu nennen pflegen; nachdem er, der hochgeborene Tibetaner, innerhalb des Sötschuan-Beckens durch Aufnahme ansehnlicher Seitenflüsse vollkräftig geworden, durchtost er gegen die Landesmitte hin, in eine wundervolle Thalschlucht eingeengt, zwischen hochragenden Felswänden noch eine ganze Staffelreihe von Stromschnellen, um sodann, majestätisch ruhig seinen Vorzug, der schiffbarste Strom Chinas zu sein, zur vollen Geltung zu bringen, bis er in dem seenreichen Delta mündet, das im Norden der tumultuarische Huangho Jahrhunderte lang mit ihm bauen half, ehe er sich 1852 launisch von ihm abwandte. Der schönste Schmuck wird Südchina verliehen durch seine immergrüne Pflanzenwelt. Während der Löß Nordchinas wie der in anderen Ländern dem Waldwuchs sich abhold zeigt, durch die außerordentliche Fruchtbarkeit seines fein aufgeschlossenen, völlig steinfreien Bodens hingegen Feld an Feld reiht von dem Niveau der Niederung bis zu St. Gotthardshöhe, hält sich der Bodenanbau Südchinas mehr an die Thalsohlen und die unteren Gehängestufen, darüber aber prangt noch eine ursprüngliche Vegetation immergrüner Strauch- und Baumarten mit einer für China überhaupt bezeichnenden Fülle von Holzgewächsen, unter denen die Kamelien, die Verwandten des Theestrauchs, eine tonangebende Rolle spielen.

Wenn der Wintermonsun aus Nordwest die furchtbar kalte Luft Ostsibiriens und der Mongolei über China breitet, so erwärmt sich dieser Luftstrom nur langsam beim Vorrücken in diesem Land, das doch mit Italien und Nordafrika die Breitenlage teilt. Selbst in Kanton, obwohl es bereits innerhalb des Wendekreises liegt, giebt es noch gelegentlich Schneefälle. Immerhin hat Südchina noch verhältnismäßig milde Winter; in seinem Tropenanteil erinnern Palmen und Elefanten an Indien, es gedeihen auch noch weiterhin Orangen und Zuckerrohr, Theebau findet überall seine Stätte. In Nordchina wird dieser durch den anhaltenden Frost ausgeschlossen; Peking, trotzdem es südlicher liegt als Neapel, hat einen Winter wie Petersburg, Mukden in Schöng-king, die große Stadt der Kaisergräber, genau unter Roms Breite, erduldet im Januar weit härtere Kälte als Moskau. Dreht sich dann aber im Frühjahr der Wind in die entgegengesetzte Richtung, setzt der ebenso anhaltende Sommermonsun aus Südost ein, so lagert sich eine aus dem Tropengürtel kommende heiße Luft über ganz China, und befruchtende Regen ergießen sich über seine Reis- und Baumwollenfelder, am reichlichsten naturgemäß über Südchina. Der thermische Gegensatz zwischen Süd und Nord, wie er im Winter bestand, ist dann ganz ausgetilgt; man spürt kaum einen meßbaren Wärmeunterschied zwischen Kanton, Schanghai und Peking, denn die Wärme nimmt während des Hochsommers in China überhaupt nicht von Norden nach Süden zu, sondern vielmehr gegen das Glutgebiet des südasiatischen Inneren hin, also gen Westen. Schon von Hankau, der wichtigen Handelsstadt in Hupe, wo die große nordsüdliche Verkehrsstraße den Jangtsekiang kreuzt, heißt es: „Wenn der Teufel dort eine Zeit lang im Sommer verweilte und dann wieder in seine Hölle zurück käme, so würde er seinen Überzieher brauchen.“ Nur noch einmal begegnet auf Erden ein Land, das unter einem ähnlichen Einfluß jahreszeitlicher oder Monsunwinde schwankt zwischen arktischer Kälte und tropischer Hitze, begleitet von tropenhaften Regengüssen vom nahen Meer her. Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Während indessen hier die Segensgaben des heißfeuchten Sommerwindes fast ausschließlich dem östlichen Landesdrittel beschert werden, erfährt China in seiner Gesamtheit den Wechsel erfrischender Winter und tropischer Sommer im regelmäßigen Wandel der Horen, mithin die Gunst der gemäßigten und der heißen Zone in seltenster Verknüpfung.

Jahrtausende hindurch sind nun die Chinesen den Einwirkungen der Natur dieser ihrer endgültigen Heimat ausgesetzt gewesen. Mögen sie also auch manchen Zug ihres Wesens schon von ihrem früheren, wie man vermutet, ostturkestanischen Wohnsitz mitgebracht haben, es verlohnt sich gewiß zu prüfen, inwiefern China seine Chinesen auf dem Wege tellurischer Züchtung ausbilden half. Ja man hat hier sogar den nirgends sonst wiederkehrenden Fall vor Augen, daß ein nach Hunderten von Millionen zählendes Volk so lange Zeit immer den nämlichen Natureinflüssen unterstanden hat. Ein wahres Massenexperiment, wie es sich der Geograph nicht besser wünschen kann!

Da drängt sich uns zuerst im Anschluß an das kurz vorher Erörterte die Schlußfolgerung auf, daß der alljährlich von den wechselnden Monsunen gebrachte Gegensatz zwischen polarer Winterkälte und tropischer Sommerhitze keinerlei Menschen in diesem Reich der Mitte duldete, die allzu zärtlich nur mäßige Temperaturschwankungen vertrugen, daß mithin auf diesem Boden nur diejenigen sich lebensfähig erwiesen, die der Kälte gleiche Widerstandskraft entgegensetzen wie der Hitze, gewissermaßen also in dieser Hinsicht die Körperleistung von Jakuten oder Tschuktschen verbinden mit der des Negers. Thatsächlich bewähren das auf Erden einzig und allein die Chinesen. Darum sind sie die einzigen Menschen, die beim Hinauszug in die Fremde, läge sie unter hohen oder ganz niederen Breiten, so gut wie niemals dem Klima zum Opfer fallen. Der Chinese trotzt in der Mandschurei und Ostsibirien einer Kälte, bei der das Quecksilber erstarrt, und arbeitet ebenso frohgemut unter der scheitelrechten Sonne Javas, Singapores oder in der siedeheißen Luft am Kessel der Rohrzuckerfabriken Kubas. Bringt er es doch daheim fertig in der Julihitze von 30-40° ~C~ von früh bis abend ein schweres Boot stromaufwärts zu rudern, höchstens mit dem Fächer dem glühenden Kopf dann und wann etwas Kühlung zuführend, und nach Halbjahrsfrist mit der nämlichen Ausdauer noch größere Lasten auf dem Eisspiegel desselben Stroms bei schneidender Kälte im Schlitten zu befördern. Emin Paschas Idee, Chinesen als Kolonisten ins tropische Afrika einzuführen, war physiologisch wohlberechtigt, denn auffallenderweise erliegen die Chinesen nächst den Negern auch am wenigsten dem Malariafieber, wie sich beim Bau der Panama-Eisenbahn gezeigt hat.