Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden
Part 7
Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März 1882 über das Thema hielt: „~Qu’est ce qu’une nation?~“ -- der Vortrag liegt längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutschland fast unbeachtet -- weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und überrascht zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, auch künftig in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er ruft aus: „Die Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiscit.“
Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip.“
Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt sich um den objektiven Grund des Wollens, und ich denke, wir entdecken ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.
Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine Nation. „Wir +wollen+ sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt der Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. Ja, sie +wollen+ eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie +wollen+ wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche Zunge im Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren Raum ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher Herkunft sind. Und +warum+ wollen sie es? Weil sie ein und dasselbe Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis zu den firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von Genf. Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen, wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund, daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern, durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund, durch die Teilnahmlosigkeit des Deutschen Reichs in jenen schweren Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den immerdar festesten Hort, den nationalen +Staat+.
Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist, den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.
In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen. Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge, der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau bestimmte Gruppierung.“
Das letztere hat auch wohl noch niemals jemand behauptet. Staaten wie Nationen sind keine Naturerzeugnisse, sondern jedesmal Schöpfungen der Menschen. Es wäre jedoch eine Verkennung thatsächlicher Verhältnisse, wollte man den Menschen so unumschränkt in seinen Neigungen und Willensäußerungen sich denken, daß er hierin von seiner irdischen Heimat gar nicht abhinge. Im Gegenteil, so gewiß im Pulsschlag des Lebens einer Nation Blutsverwandtschaft, Gleichheit von Sprache und Sitte, Glaubensgemeinschaft sehr wohl fühlbar sein kann, -- am dauerndsten wie am allgemeinsten ruht doch die Vereinigung zu diesen umfassenden Volksgenossenschaften in dem Bewußtsein, daß man neben geistigen auch materielle Interessen gemein habe, die man darum mit geeinter Kraft zu vertreten habe. Und eben weil materielle Interessen am Boden zu haften pflegen, ist ein unlösbares Band geschlungen zwischen einer Nation und ihrem Wohnraum. Geschichtliche Strömungen mögen bald diese, bald jene Länder national verknüpfen, aber vom Boden losgelöste Nationen hat es nie gegeben. Mag eine Nation ihre Stätte wechseln, oder mag sie wie die russische in Sibirien ihren Wirkungsraum auf benachbarte, ganz neue Lande ausdehnen, stets wird sie sich dem neugewonnenen Boden innig vermählen, geistig ebenso wie durch Anbau, Handel und Gewerbe, Verkehrs- und Staatseinrichtungen. Das militärische Schutzbedürfnis kann sogar Hauptgrund werden für eine Nation, etwa ein zeitweilig außerhalb ihrer Staatsgrenze gelegenes Gebiet zu besetzen. Wir Deutsche haben „aus nationalem Interesse“ das Elsaß nebst Deutsch-Lothringen für uns reklamiert, nicht weil dort uns abtrünnig gemachte Volksgenossen wohnten oder weil diese Territorien einst dem verflossenen Deutschen Reich angehörten, sondern weil uns Metz als Sperrfeste des zum Rheinstrom ausmündenden Moselthals, vor allem aber die Wasgaumauer hocherwünscht sein mußte zur Deckung unserer Westgrenze. Mit freilich nicht ausgesprochener Bezugnahme auf diese vermeintliche Gewaltthat bemerkt Renan, eine Nation habe nicht mehr Recht als ein König zu einer Provinz zu sagen: „Du gehörst mir, ich nehme dich.“ Denn, heißt es weiter: „Niemals besitzt eine Nation ein wirkliches Interesse, ein Land gegen dessen eigenen Willen sich anzugliedern oder für sich zu behalten. Der Wille der Nationen ist schließlich das einzige gesetzliche Schiedsgericht, auf das man dabei immer zurückzukommen hat.“ Das soll also heißen: Man lasse sich die Bewohner von Elsaß und Deutsch-Lothringen frei äußern, ob sie lieber zu Frankreich oder zu Deutschland gehören wollen, und regele nach solcher Entscheidung die Karte Europas! Machen denn aber die teils französischen, teils deutschen Insassen unseres heutigen Reichslandes jenseit des Rheins, denen niemals die zu nationaler Sonderbethätigung notwendige Selbstständigkeit zu eigen sein konnte, eine „Nation“ aus? Das wollte doch gewiß auch Renan nicht behaupten. Hörten wir aber nicht eben erst sein Urteil, eine Nation beruhe auf einem stetigen Plebiscit der Zusammengehörigkeit? Nun, dann gilt bei dieser lediglich zwischen Deutschland und Frankreich schwebenden Streitfrage der Wahrspruch deutscher Nation: Wir brauchen diese unsere zurückeroberte Reichsmark, um im Frieden sicher zu leben! Und Renan, der begeisterte französische Patriot, muß nach obigem sogar selbst die Zuständigkeit eines solchen Schiedsgerichtes als des „einzigen gesetzlichen“ anerkennen!
Derartige Beispiele, wie der Besitz eines verhältnismäßig schmalen Landstreifens sogar für die Existenzfrage einer Nation von hohem Belang sein kann, zeigen deutlich genug, daß die Landesnatur doch nicht als bloße Äußerlichkeit betrachtet werden darf, wenn man sich über das Werden von Nationen klar werden will. Wahrhafte Nationalstaaten benutzen ihr Gebiet niemals als bloße Schaustätte ihrer Thaten. Der glücklichste Wurf zu einer nationalen (d. h. hohen Sonderaufgaben eines Volkes gerecht werdenden) Staatsgründung wird stets der sein, der den richtig erkannten Zielen des Volkes das rechte Werkzeug in die Hand giebt, sie zu erreichen, vor allem also das rechte Staatsgebiet in der national zweckgemäßesten Umgrenzung.
Das Römerreich war ein Weltreich, verbunden außer durch den eisernen Herrscherwillen der Römer allein durch die herrliche Verkehrsbrücke des Mittelmeers. Doch so verschieden wie die Natur Italiens und Syriens, Ägyptens und Galliens, ebenso verschieden gestaltete sich das Völkerleben in diesen Provinzen des Reichs, so daß nimmermehr, auch bei noch weit längerer Reichsdauer von einer nationalen Vereinheitlichung hätte die Rede sein können. Noch machtloser hierzu erwiesen sich so gewaltsame Staatsschöpfungen wie die der mongolischen Großkhane des Mittelalters oder die Napoleons I., bei denen zur Unvereinbarkeit der Länder und Völker sich auch die Kürze der zwangvollen Vereinigung gesellte. Wenn dagegen wie in den Vereinigten Staaten die Natur große Einheitszüge aufweist, und der Mensch die vorhandenen Gegensätze wie dort zwischen dem wohlbenetzten, an den nützlichsten Fossilschätzen reichen Osten und dem dürren edelmetallreichen Hochlandwesten samt den riesigen Entfernungen von atlantischer bis pacifischer Küste, samt dem argen Verkehrshemmnis der Felsengebirge, der Nevadakette durch Eisenbahnen zu überwinden versteht, dann mag in jenes gewaltige Viereck unter dem Sternenbanner ein Schwall verschiedenartigsten Volkes einströmen, -- es kann die nationale Einung doch nicht ausbleiben. Dem durch die englische Besiedlung früherer Jahrhunderte begründeten Stamm der Neusiedler schmiegten sich in Sprache und Lebensgewohnheiten so gut wie alle späteren Nachzügler aus Europa an nach dem Gesetz der Ausgleichung an der Hand des täglichen Verkehrs; das Leben auf demselben Boden, in derselben Luft wirkte nicht minder ausgleichend auf körperliche Ausbildung und Temperament, Eheschließungen verwischten ethnische Gegensätze, namentlich aber flößte das gemeinsame Wirken auf der gleichen Grundlage der Bodenmitgift nach den gleichen Zielen in Ackerbau, Gewerbe, Handel den Wunsch ein nach gleichartiger Regelung der wirtschaftlichen Einrichtungen durch den nationalen Staat, unabhängig von Fremden, und seien sie auch die daheim in England gebliebenen Väter oder Brüder. Der weltgeschichtliche Abfall der Kolonien an der atlantischen Seite Nordamerikas von England war nur der Ausdruck des frisch erwachten nationalen Sonderinteresses der englischen Amerikaner auf dem den Indianern und der Wildnis auf eigene Faust entrissenen Neuland. Man faßte den Willen der Loslösung einerseits, des selbständigen Zusammenhaltens der Kolonisten andererseits, d. h. man fühlte sich als Nation.
Wenn der erste Kanzler des Deutschen Reichs einmal im Reichstag äußerte, „ein Deutscher, der sein Vaterland abstreift wie einen alten Rock, ist für mich kein Deutscher mehr, ich habe kein landsmannschaftliches Interesse mehr für ihn“, so atmet dieser nur scheinbar herzlose Ausspruch die ganze Schärfe Bismarckscher Realpolitik, die auf der Überzeugung ruht: das Vaterland bestimmt die Nation, weist ihr die ganze Lebensrichtung, giebt einem jeden das Pfund, mit dem er wuchern soll, verleiht ihm dafür indessen auch nur so lange Schutz, als sein Wirken ihm zu gute kommt.
Was wir hier zu erweisen suchen, daß eine Nation gar nicht auf wirklicher Blutsverwandtschaft aller ihrer Angehörigen von Uranfang beruht, so gewiß dauerndes Beisammenwohnen infolge von unvermeidlicher Blutmischung schließlich sogar nach Millionen zählende Nationen familiär vereinheitlicht, wird kaum jemals die Überzeugung der Masse, des gemeinen Mannes werden. Der wird sich nach wie vor, schon unter Einwirkung des trügerischen Namenschalles, unter einer Nation die naturgegebene große Familie denken, die von einem Adam und einer Eva herstammt, wenn man auch deren Eintragung in das Standesamtsregister nicht mehr vorzuweisen vermag, ebenso wenig wie den ordnungsmäßig bis zur Gegenwart fortgeführten Stammbaum. Unsere eigenen Vorfahren, die sich erst seit der Regierungszeit Ludwigs des Deutschen den Gesamtnamen „Deutsche“ beilegten, müssen ihren Verwandtschaftszusammenhang doch schon lange vor jeder staatlichen Vereinigung erkannt haben, denn sie hielten sich für eine weit ausgezweigte Germanenfamilie, und ihrem Kausalitätsbedürfnis genügte die kindliche Vorstellung, es sei zur Gründung dieser Familie gar kein Ehepaar erforderlich gewesen, sondern allein der „Urmann“ (~mannus~, wie Tacitus sagt), der, aus der Erde hervorgesprossen, das blonde Germanengeschlecht aus sich erzeugt habe. Viel mag auch in unseren Schulen der Unterricht in biblischer Geschichte dazu thun, daß man sich in früher Jugend bereits unter dem Eindruck der schlicht klassischen Erzählungen von den Erzvätern das Entstehen von Völkern vollkommen so geschehen denkt wie das einer Einzelfamilie, ohne zu ahnen, daß die angeblichen Abrahamsöhne schon in der Periode, da sie mit ihren Herden im Land Kanaan hin und her zogen, sicherlich nicht reinblütig d. h. nicht von völlig gleicher Abstammung waren, geschweige denn in der Folgezeit, als sie seit dem Einzug in das ihnen „verheißene“ Land den langwierigen Verschmelzungsvorgang durchmachten, der aus ihnen und all den Vorbewohnern des eroberten Landes zu beiden Seiten des Jordan, mithin aus einer nicht mehr analysierbaren Mischung von semitischen wie nichtsemitischen Elementen die jüdische Nation hervorbrachte.
So wird wohl in den Köpfen weiter spuken der Wahn von der Familiennation, eben weil er für so selbstverständlich wahr hingenommen wird, obwohl er eine Fülle irriger, gar nicht ungefährlicher Schlußfolgerungen mit sich führt ähnlich wie der schöne Satz: „Der Mensch besteht aus Leib und Seele“, woraus ganz harmlos das Gleichnis von Hülle und Inhalt herauswächst, dieser vom gräßlichsten Aberglauben übervoll wuchernde Boden des Wähnens einer Trennbarkeit der Seele von ihrem „Wohnhaus“. Man wird sich auch fernerhin eine Nation zumeist wie die eigene Familie entfaltet denken, von der sie sich eigentlich gar nicht wesentlich, sondern nur in der ungeheuer viel größeren Kopfzahl unterscheide. Man wird demzufolge auch gern geneigt sein, sentimentale Erwägungen anzustellen über Bruderpflichten, die man habe selbst gegen späte Nachkommen von Nationalgenossen, die einst in wer weiß wie weite Fernen dahingezogen sind. Wer möchte spotten über echten Brudersinn? Wurzelt er doch in der edeln Selbstlosigkeit der Nächstenliebe, ist ja nur eine ganz naturgemäße Steigerung letzterer. Ein solches geistiges Band aufrichtig familienhafter Zuneigung wird gerade die Besten der Nation auch mit den Auszüglern verbinden, so lange sie ihre Nationalität bewahren (unter „Nationalität“, diesem noch nicht genügend begrifflich gefestigten Wort, hier die Summe der Eigenschaften verstanden, die vom Wesen der Nation bei jedem einzelnen wiederkehren, besonders Sprache, Charakter, Denkart und Sitte). Wenn die aus unserer Mitte nach Nordamerika Gezogenen und dort in dem gewaltigsten Freistaat der Welt zu hohem Wohlstand Gelangten ihre milde Hand aufthun, um den von arger Überschwemmung heimgesuchten Bewohnern der oberrheinischen Niederung einen Teil ihres Vermögensverlustes hochherzig zu ersetzen, oder wenn sie edelsinnig von ihrem Reichtum spenden zur Unterstützung der Hinterbliebenen jener tapfern Streiter, die uns das neue Reich erkämpften, so findet solche Handlungsweise einen dankbaren Widerhall in unser aller Herzen. Unzweifelhaft fühlen wir uns auch zu Gegenleistung verpflichtet. Mit freudigem Stolz verfolgen wir die Laufbahn der Unsrigen, die dort drüben deutsche Art zu hohen Ehren gebracht haben wie Karl Schurz auf dem Gebiet des Staatswesens, Joh. Aug. Röbling, der Erbauer der Eastriverbrücke, und so viele andere auf den Feldern der Technik und der Wissenschaft. Vollends eint uns noch ein lebendiges Band gleichen Strebens insbesondere bei wissenschaftlichem oder künstlerischem Schaffen dermaßen innig mit unseren Volksgenossen in der deutschen Schweiz, in Österreich-Ungarn, als gehörten sie noch heute der deutschen Nation an. Viele unter uns werden da in feuriger Erregtheit einwenden: „Noch immer gehören sie ihr an!“ Jedoch eben hier klafft der Zwiespalt zwischen der am Wort haftenden traditionellen Auffassung vom Begriff Nation und der hier vertretenen. Manche bringen es freilich fertig, begeisterungsvoll von der „nun im Deutschen Reich vereinten Nation“ zu reden, und gleichzeitig den Angehörigen „deutscher Nation“ in Österreich Jubelgrüße hinüberzusenden. Indessen da liegt doch der innere Widerspruch klar zu Tage. Gewiß wird man im Anschluß an die eben erst hier versuchte Deutung dessen, was man etwa unter „Nationalität“ verstehen dürfte, ohne chauvinistischen Beigeschmack die Deutschen in Österreich, die wackern Sachsen in Siebenbürgen deutscher Nationalität zuzählen, man wird auch nicht vergessen, daß sie aus unserem alten Reich hervorgesproßt sind, die Deutsch-Österreicher als ruhmwürdige Kämpfer im Grenzbereich unserer alten bayrischen Mark, die Sachsen auf der ungarischen Akropolis des fernen Südostens als unsere weitaus treueste Kolonie noch aus dem staufischen Zeitalter. Ob aber hinausgezogen über unsere ehemalige Volksgrenze nach Osten, wie es ja auch die Ahnen der Deutschen in Rußlands Ostseeprovinzen gethan, oder ob auf dem Boden der Väter sitzen geblieben wie die Deutschen der Schweiz, Nordbelgiens, der Niederlande, -- sie sind im Lauf der Geschichte in eigenartige Staatsgebilde, folglich in uns fremde Interessenkreise einbezogen worden, sie zählen also in diesem realpolitischen Sinn entschieden nicht mit zur deutschen Nation. Wenn jeder von uns sagt, ein Werk wie der Nord-Ostsee-Kanal sei eins „von hoher nationaler Bedeutung“, wenn niemand unter uns den oben von uns gebrauchten Ausdruck bemängeln wird, wir hätten der Erwerbung des Elsasses samt Deutsch-Lothringen „aus nationalem Interesse“ benötigt, -- so ist hiermit stillschweigend eingeräumt, daß sich bei solcher moderner Abklärung des Begriffes „national“ gar nichts verschwommen Genealogisches mehr in ihm findet, sondern der deutlich geographisch umrissene vaterländische Gedanke ihm innewohnt. Bismarck war gewiß urdeutsch bis ins Mark hinein, indessen seine klare Realpolitik hätte nie das Schwert Germaniens aus der Scheide lockern lassen zum Schutz der Deutschen in Siebenbürgen oder in Rußland, in Südbrasilien oder Südaustralien.
Aber wie? Hängen denn die englischen Koloniallande im kanadischen Amerika, in Südafrika, in Australien nicht eng mit dem britischen Mutterland zusammen? Ja, dieser nationale Verband ist in der That erhalten geblieben, aber nur dadurch, daß infolge der ununterbrochen thätigen Dampfer- und Seglerverbindung diese Tochterländer in einem regen Wechselverkehr mit dem Mutterhaus Britannien verharren, ihm ihre Roherzeugnisse liefernd, von ihm ihre Fabrikwaren empfangend und, in Erinnerung an den schweren Fehler, den England vor mehr denn hundert Jahren mit dem Versuch einer Besteuerung seiner nordamerikanischen Kolonien machte, frei geblieben sind in der Verwaltung der eigenen Angelegenheiten. Nicht einen Penny unmittelbarer Abgabe liefern sie in den Staatsschatz nach London und bilden doch eine Hauptgrundlage britischer Größe durch den gewaltigen Umsatz von Milliarden im Familienkreis dieses „~Greater Britain~“, dieses Nationalkörpers von noch nie vordem dagewesener Lagerung über den Erdball durch alle vier bewohnten Zonen, mit dem Herzen in Europa, den Gliedern in sämtlichen Weltteilen, dem Adersystem interkontinentaler Schiffahrtslinien.
Wohl gemahnt dieses britische Reich an das Weltreich der Römer im Altertum; was diesem das Mittelmeer war, ist jenem der Ozean. Der tiefgreifende Unterschied jedoch liegt darin, daß die Römer fremde Nationen von großenteils älterer, ureigener Kultur unter ihr Joch zwangen, die Engländer dagegen ihre Koloniallande, abgesehen von Indien, mit dem eigenen Blut erfüllten, im stetigen Blutaustausch mit ihnen blieben und sie paritätisch behandeln.
Das Britenreich lehrt uns also, wie bei weiser Schonung materieller Sonderinteressen eine stark ausgeprägte Volksindividualität selbst bei Überwanderung über das Weltmeer bis in die fernsten Lande den nationalen Zusammenhang bewahren kann an der Hand des Schnellverkehrs, der die Entfernungen kürzt. Der Deutsche hingegen zerschneidet in der Regel als Auswanderer seinen Zusammenhang mit der Heimat; er findet nirgends überseeische Länder für deutsche Massenansiedelung unter deutschem Banner, er geht im fremden Volk auf, zumal im englisch redenden. Wie viele Millionen der Unsrigen sind hinübergezogen nach den Vereinigten Staaten, aber so wenig haben sie als Deutsche dem Absatz deutscher Waren dort drüben Bahn gebrochen, daß nächst der englischen Zufuhr nach dem vereinsstaatlichen Gebiet die französische die bedeutendste blieb, obwohl doch die französische Einwanderung daselbst ganz untergeordnet erscheint. Jüngst zwar hat Deutschland auch auf diesem Feld Frankreich überflügelt, jedoch offenbar nicht darum, weil seine Einwanderer dort auf einmal nationaler sich bethätigen, sondern weil seine industrielle Machtstellung sich schon vor dem glorreichen Triumph von Chicago der französischen überlegen zeigte.