Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden
Part 5
Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt. Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen, die sich sogar stolz hierauf ~kara hunn~, d. h. schwarze Menschen, nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen, ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich, wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“ Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des Christentums.
Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst, wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen Sinn meist noch nicht angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“ hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit. „In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten als aus Allahs heiligem Willen geboren.
Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom +einen+ Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des alten Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders denkt der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im Himmel wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es, mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche, jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige Gott, „der die Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen lassend über Gerechte und Ungerechte.
Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt, das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.
IV.
Der Mensch als Schöpfer der Kulturlandschaft.
Die Entwicklung der Erdkunde während der letzten drei Jahrzehnte, wo sie bei uns in Deutschland nach so langem Harren endlich überall unter die Universitätswissenschaften Aufnahme fand und somit auf ihre Methode und ihre Abgrenzung gegen andere Gebiete des Wissens gründlicher geprüft wurde, lief einmal wirklich Gefahr auf einen Abweg zu geraten. Hatte Karl Ritter in seinem monumentalen Werk „Die Erdkunde im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen“, wie schon diese Titelworte verkünden, das physisch-historische Doppelantlitz der Wissenschaft von der Erde von neuem enthüllt, wie es im engeren Umkreis antiker Länderkenntnis 18 Jahrhunderte vor ihm bereits Strabo gethan, hatten manche Jünger der Ritterschen Schule in dem Interregnum der deutschen Erdkunde, wie es 1859, mit Humboldts und Ritters Tod, einsetzte, das historische Element dieser Wissenschaft sogar überwuchern lassen, so erreichte die naturgemäß folgende Reaktion eines umgekehrt etwas einseitig naturwissenschaftlichen Betriebs der Geographie ihren Gipfelpunkt, als Georg Gerland in Straßburg die Losung ausgab: die Erdkunde ist reine Naturwissenschaft, die Werke des Menschen darf man nicht in sie hineinziehen, denn sie sind Sondergegenstand der historischen Disziplinen.
Es darf wohl ein Glück genannt werden, daß dieser revolutionäre Weckruf, der für den ersten Augenblick viel Bestrickendes hat und ernsthaft methodologischer Erwägung entstammt, keine allgemeinere Nachachtung in Deutschland und, dürfen wir stolz dazufügen, somit auch in der übrigen Welt erfuhr. Selbst unser führender Geograph, F. v. Richthofen, unter dessen Banner die Geologie die ihr gebührende Stellung gewann, der Erdkunde als Fundament zu dienen, erklärte sich rückhaltlos gegen Ausschluß des Menschen aus der Geographie.
Gerland hatte freilich vollkommen Recht mit seinem mahnenden Hinweis darauf, daß die Erdkunde gleichsam ihre methodische Sauberkeit, bloß mit Naturkräften und Naturgesetzen zu rechnen, preisgebe, sobald sie den Menschen in ihr Bereich ziehe, denn unrettbar tritt dann sogleich menschliche Willkür in die Betrachtung ein, man muß dann bald mit den Methoden des Naturforschers, bald mit denen des Historikers oder des Volkswirtschaftlers operieren. Aber liegt das nicht eben in der eigenartigen Natur der Erdkunde begründet? Nicht von ungefähr hat ihr der Altmeister Ritter die centrale Stellung zugewiesen mitten inne zwischen den naturwissenschaftlichen und den geschichtlichen Fächern. Wäre die Erde nichts weiter als ein Naturkörper, so wäre selbstverständlich die Erdkunde thatsächlich reine Naturwissenschaft; weil wir uns jedoch namentlich das landerfüllte Viertel der Erdoberfläche gar nicht vorstellen können ohne die ihm tief eingeprägten menschlichen Züge, so wird es wohl bei dem Schiedsspruch verbleiben: die Erdkunde ist eine wesentlich naturwissenschaftliche Disziplin, indessen mit integrierenden historischen Elementen.
Auch die Meere sind jetzt sämtlich eingesponnen in das Thun und Treiben der Menschheit. Nähme der Mensch seine Hand von ihnen, so wären sie nicht mehr, was sie sind, nicht mehr lebenerfüllte Räume, auf denen die Flaggen aller seefahrenden Nationen sich entfalten, damit das Adersystem, wie es erst seit kurzem die Wirtschaftsthätigkeit unseres Geschlechts zu einem Ganzen zusammenschließt, unablässig seinen Segensdienst leiste. Ohne den Menschen würden die Ozeane wieder rückfällig werden in jenen Zustand, da Ichthyosauren und Plesiosauren zur Jurazeit ihr Wesen in ihnen trieben, sie würden wieder wüstenhafte Ödungen, auf denen an Stelle von Schiffen nur noch Eisberge ihre kalten Pfade zögen.
Freilich hinter dem Kiel selbst der mächtigsten Kauffahrer, der gewaltigsten Panzer verwischen die zusammenschlagenden Wogen stets wieder die Spur der Wasserstraße. So allgemein fühlbar die Wirkungen des Verkehrs in jenem Geäder der großen Seestraßen auch sind, in dem die Schiffe gewissermaßen die Blutkörperchen vertreten, -- diese Straßen selbst bleiben unsichtbar, nur der Kartograph zieht sie in Liniengestalten auf seinen Weltbildern aus. Anders das Netz der Landverkehrswege! Wie zeigt es uns in seinen engeren oder weiteren Maschen, in der Güte des Straßenbaus, im Vorhandensein von Eisenbahnen neben glatten Kanallinien den Maßstab für Beurteilung der Gesittungshöhe des bewohnenden Volkes! Welch ein Abstand zwischen solchen Bildern des wimmelnden Menschen- und Güterverkehrs auf den nach einem Punkt zusammenstrahlenden Land- und Wasserwegen, wie sie sich um unsere Handels- und Industrie-Metropolen alltäglich darbieten, gegenüber den bloß vom Menschenfuß ausgetretenen zitterigen Wegen durch die unabsehbaren Grasfluren des tropischen Afrika, auf denen die schwarzen Träger in langem Karawanenzug nur einzeln hintereinander ihre armseligen Warenbündel dahinschleppen, oder gar gegenüber den Urwaldgründen im Gebiet des Amazonenstroms, wo sich noch heute wie seit grauer Vorzeit der braune Jäger seinen Weg immer von neuem mühsam durch das Dickicht bricht!
Je mehr sich die wirtschaftliche Kultur eines Volkes hebt und je mehr sich dessen Zahl steigert, desto vielseitiger spiegelt das von ihm bewohnte Land seine Thätigkeit wieder, indem zuletzt wenig mehr übrig bleibt von dessen ursprünglichem Antlitz als das Relief des Bodens. Das großartigste Schauspiel fast urplötzlicher Umwandlung von Wildland in Kulturland haben uns im Laufe der Neuzeit Nordamerika und Australien geboten. Während noch im vorigen Jahrhundert das große Viereck der Vereinigten Staaten von heute im Ostdrittel bis über den Mississippi hinaus von prachtvollen, bunt gemischten Wäldern rauschte, im ebenen Mitteldrittel, das allmählich zum hochgelegenen Fuß des Felsengebirges ansteigt, ein Gräsermeer sich ausbreitete, das nur dem Wild zu statten kam, donnerartig durchdröhnt vom tausendfältigen Hufschlag der Büffel, und dann die kahle Hochlandwüste, die Stätte der ungehobenen Gold- und Silberschätze, folgte, bis an das pazifische Küstengebirge mit seinen riesigen Mamutbäumen und der noch völlig toten herrlichen Hafenbai am Goldenen Thor, -- da ist jetzt der Wald ungefähr wie bei uns in Deutschland auf etwa ein Viertel der Gesamtfläche eingeschränkt worden. Goldene Weizenfelder wogen an Stelle der Steppengräser, die größten Mais- und Baumwollenernten der Welt spendet der nämliche Boden, der vordem öde Wildnis war; aus zahllosen Gruben fördert man Eisenerz und Kohlen samt Erdöl an den Alleghanies, in deren Umgebung wahre Wälder von rauchenden Schornsteinen die Industriebezirke kennzeichnen; der centrale Riesenstrom ist gebändigt, daß er bis zum Meer die größten Flußdampfer gehorsam auf seinem Rücken dahingleiten läßt, das großartigste Netz von Eisenbahn- und Kanallinien verflicht das Mississippithal mit der atlantischen Küste wie mit den kanadischen Seen, wo Chicago als ein Seehafen mit Weltverkehr mitten im Kontinent zu einer Millionenstadt erwuchs; selbst durch die vorher in Todesschweigen liegenden Jagdgründe der Indianer des fernen Westens zieht das Dampfroß schrillen Pfiffs seine transkontinentale Eisenstraße zum wirtschaftlichen Zusammenschmieden der früher kaum sich kennenden atlantischen und Südseefront; die weiße Kalkwüste am blauen Salzsee von Utah ist durch künstliche Bewässerung in ein grünes Gartengefilde verwandelt, Nevada nebst Kalifornien schütten ihre Milliarden aus, wo vorher kaum ein paar streifende Horden von Rothäuten ein kümmerliches Dasein fristeten; San Francisco erstand in 50 Jahren aus dem Nichts zur stolzen Königin der Westküste, ein strahlendes Gegenüber zu New York, der merkantilen Beherrscherin des Ostens, dieser volkreichsten Stadt der Welt nächst London, wo vormals an der Hudsonmündung die Wigwams eines Indianerdörfchens standen. Noch rascher, erst seit 1788, ist Australien aus einer gottvergessenen Armutsstätte des Hungers und Durstes, ohne einen Getreidehalm, ohne Fruchtbäume und Melktiere, ja bis auf die spärlichen Känguruherden fast auch ohne jagdbares Wild, durch englische Thatkraft umgestaltet worden zu einer beneidenswerten Schatzgrube von Reichtümern aller drei Naturreiche. Klassisch wurde daselbst die graue Theorie, der zufolge die Geschöpfe vom Schöpfer selbst überall da heimisch gemacht seien, wo sie fortzukommen vermöchten, durch die frische That der Versuchs widerlegt. Alle unsere Getreide- und Obstarten wie unsere Nutztiere gedeihen vortrefflich unter dem australischen Himmel; an Stellen, die dem Australschwarzen nicht mit einem Tropfen Wasser die Zunge lechzten, hat Moseskunst Quellen angeschlagen oder sammeln tief ausgebrochene Felscisternen die Regenwasser umgebender Höhen, um jene ungeheuern Schafherden zu tränken, deren Vließ im Trockenklima Australiens so seidenweich auswächst, daß die Squatter bereits heute dort vom Schafesrücken eine größere, vor allem aber eine ungleich dauerndere Einnahme sich gesichert haben als Goldwäscher und Goldgräber. Dieser einzige Erdteil, der bis vor etwa 113 Jahren keine Stadt, ja kein Dorf trug, ist nun mit blühenden Ortschaften übersät, ja sein Melbourne ist analog, aber noch schneller und höher emporgekommen wie San Francisco, denn diese vornehme Kapitale der Südhemisphäre gleicht Rom an Bewohnerzahl und wird Dank seiner unvergleichlichen Hafenbai die Haupthandelspforte Australiens bleiben, wenn längst auch die letzte Goldader Viktorias ausgebeutet worden.
Hatte der europäische Ansiedler dem amerikanischen Boden vieles von daheim mitgebracht, vornehmlich den Weizen und das Pferd, dazu Rind, Schaf, Schwein, Esel, Ziege, aus Asien den Kaffeebaum, so bekam also Australien überhaupt erst durch die Kolonisten sein Kulturgewand angethan, und zwar ein so gut wie ganz europäisches. Doch auch unsere Ostfeste hat nicht ganz unähnliche Verwandlungswunder in seiner Kulturscenerie erlebt. Javas Bedeutung für den Welthandel beruht fast allein auf dem Massenertrag an ursprünglich ihm fremden Erzeugnissen; der immergrüne Pflanzenteppich seines Kulturlandes, wie er sich über die Niederungen zu Füßen seiner alpenhohen Vulkane und über die Unterstufe seiner Gebirge ausbreitet, besteht neben dem seit alters einheimischen Reis aus Zuckerrohr vom indischen Festland, aus Tabakstauden von der Habana, aus dem Theestrauch Ostasiens, dem ursprünglich nur afrikanischen Kaffeebaum und den herrlichen Cinchonen Perus, die uns in ihrer Rinde das fieberbannende Chinin schenken. Die nächst Java ertragreichste Tropeninsel Asiens, Ceylon, büßte unter der Hand seiner englischen Herren das prächtige Urwaldkleid seines Südgebirges großenteils ein, um in unseren Tagen sogar zweimal umgekleidet zu werden: zuerst überzog man den gerodeten Waldboden mit lauter Kaffeepflanzungen und nun aus Furcht vor dem verheerenden Blattpilz mit lauter Theepflanzungen. Wer könnte sich die Sahara heute ohne das Kamel denken? Gleichwohl ist dieses für die große Wüste wie geschaffene Tier erst durch den Menschen dorthin eingeführt worden; man erblickt es nirgends unter den mannigfaltigen Tierbildern Ägyptens aus der Pharaonenzeit, es scheint vielmehr den Ägyptern bis zur Ptolemäerzeit ganz fremd geblieben zu sein und hat seinen das Verkehrswesen Nordafrikas umgestaltenden Einzug in die ganze Sahara und darüber hinaus sicher erst im Gefolge der Ausbreitung des Islam bis in den Sudan gehalten. Religionen sind auch sonst bei der Metamorphose des landschaftlichen Kulturbildes mehrfach mit beteiligt gewesen, nicht allein durch bauliche Anlagen wie Moscheen mit schlanken Minarts, Pagoden und Buddhistenklöstern, die geradeso wie christliche Wallfahrtskirchen und Klöster aus einem tief im Menschenherzen begründeten Zug die Berggipfel suchen, wo sie dann landschaftlich um so bedeutender wirken; und was wäre uns die Ebene am Niederrhein ohne den Kölner Dom, die oberrheinische Ebene ohne Straßburgs Münster? Um uns aber bewußt zu werden, wie Religionen z. B. unmittelbar eingriffen in die vegetativen Landschaftstypen, brauchen wir nur dessen zu gedenken, daß die Weinpflanzungen überall zurückwichen, wo Mohammeds puritanisches Nüchternheitsgebot erschallte, selbst in dem einst so weinreichen Kleinasien, das Christentum hingegen den Anbau der Rebe nach Möglichkeit förderte, schon um den Weihekelch des Abendmahls rituell zu füllen. Mit dem Athenakultus war der der Göttin heilige Ölbaum untrennbar verbunden; mit dem Apollodienst wanderte der Lorbeerbaum um das Mittelmeer. Die Verdienste gewisser Mönchsorden um den Wandel des finstern Waldes in lichtes, fruchttragendes Gefilde während des Mittelalters sind hoch zu preisen. Ja wir haben geradezu den urkundlichen Beleg eines solchen Wandels immer vor uns, sobald uns nur bezeugt wird, daß zu bestimmter Zeit an dem betreffenden Ort ein Cistercienserkloster gegründet sei; denn das durfte nach der Ordensregel gar nicht wo anders geschehen als da, wo noch bare Wildnis den Anblick der Urzeit bot, damit alsbald dort mit Rodung, Entsumpfung, Anbau begonnen werde. Wo jetzt die Thüringer Eisenbahn uns so gemächlich durch die grünen Fluren des Saalthals an Weingeländen und hochragenden Burgruinen bei Schulpforta vorbei dem inneren Thüringen zuführt, kann beispielsweise im 12. Jahrhundert nur eine versumpfte Thalsperre bestanden haben, die zu umgehen die Fahrstraßen auf benachbarten Höhenrücken hinzogen, denn -- die ~Porta Coeli~ ward damals als Cistercienserabtei angelegt. Gerade von ihr ist uns kürzlich durch einen hübschen geschichtlichen Fund die gärtnerische Bedeutung der alten Mönche in helles Licht gerückt werden; man verstand früher nie, warum in Frankreich der auch dort weit und breit geschätzte Borsdorfer Apfel ~pomme de porte~ heißt, -- nun wissen wir den Grund: die fleißigen Mönche von Pforta hatten auf ihrem Klostergut Borsdorf unweit von Kamburg an der Saale eine neue feine Geschmacksvarietät einer kleineren Apfelsorte entdeckt und verteilten alsbald Pfropfreiser derselben an ihre Ordensbrüder weit über Deutschland hinaus, und nur die Franzosen bewahren zufällig durch den ihnen selbst nun unklar gewordenen Herkunftsnamen pomme de porte die Erinnerung daran, daß die rotbäckigen Borsdorfer alle Nachkommen sind von Stammeltern, die in einem stillen Klostergarten an der thüringischen Saale gewachsen.
Ganz Europa ähnelt einem Versuchsfeld, auf dem nützliche Gewächs- und Tierarten gezüchtet wurden, um sie dann mit dem alle übrigen Erdteile durchflutenden europäischen Kolonistenstrom nach systematischer Auslese auch dort einzubürgern, wo es die geologische Entwicklung nicht hatte geschehen lassen. Nicht +ein+ Erdteil wird vermißt unter den Darleihern von Zuchttieren, Nutz- oder Ziergewächsen an Europa. Am schwächsten ist Afrika vertreten, nämlich bloß mit Schmuckpflanzen wie Calla und Pelargonien; Australien schenkte uns in seinem Eucalyptus einen kostbaren raschwüchsigen Baum, der durch die energische Saugthätigkeit seines mächtig ausgreifenden Wurzelwerks u. a. in den pontinischen Sümpfen Wunder thut zur Austrocknung des Bodens, zur Vernichtung des Fiebermiasmas; Amerika verdanken wir den Truthahn, die Tabakpflanze, den Mais, vor allem aber die Kartoffel, ferner die eigenartig fremdländische Staffage der Mittelmeerländer: Agave nebst Opuntie; am meisten jedoch spendete uns Asien, mit dem Europa zufolge seines breiten Landanschlusses im Osten sowie der bequemen Schiffahrt über das Mittelmeer stets im engsten Bunde gestanden hat durch Wanderungen der Völker und durch Warenaustausch. Jeder Hühnerhof stellt eine asiatische Geflügelkolonie dar, innerhalb deren nicht selten der Pfau eine echt indische Farbenpracht entfaltet. In vor- oder doch frühgeschichtliche Zeitfernen reicht die Einführung des Weizens und der Gerste aus Asien, noch während des Altertums folgten Walnuß und Kastanie, Mandel, Pfirsiche und Aprikose, erst durch Lucullus die Kirsche. Oberitalien, vormals ein sumpfiges Urwaldgebiet rein europäischer Baumformen, ward zu einem prangenden Fruchtgefilde, wo hier asiatischer Reis, dort amerikanischer Mais blüht und aus China gekommene Seidenzucht tausend emsige Hände beschäftigt; nur die Weinrebe, die im Poland so reizend sich von Ulme zu Ulme schlingt, darf als alteuropäisches Eigengut gelten. Der Büffel, so heimisch er sich jetzt in den Donausümpfen Rumäniens wie in den Morästen am tyrrhenischen Gestade Italiens fühlt, ist doch erst im frühen Mittelalter durch Nomadenstämme aus Westasien zu uns gelangt. Das Land, „wo die Citronen blühn, im dunkeln Laub die Goldorangen glühn“, ist Italien noch in Cäsars Tagen nicht gewesen, ja die Apfelsine, die schon durch ihren Namen „Apfel von Sina“ ihre chinesische Heimat verrät, wurde sogar erst durch die portugiesische Kauffahrtei des 16. Jahrhunderts über Südeuropa ausgebreitet.
Allein, um den Landschaftswandel durch Menschenhand zu gewahren, brauchen wir uns gar nicht im Geist ans blaue Mittelmeer zu versetzen, etwa nach Sizilien, dieser Lieblingsstätte der Ceres, wo man nun nicht mehr bloß Weizen, Wein und Oliven wie vor Alters erntet, sondern ganze Schiffsladungen von Hesperidenäpfeln von Palermo nach Nordamerika und halb Europa verfrachtet, den Opuntienkaktus die Etnalava in fruchtbaren Humusboden verwandeln und gleichzeitig dem armen Volk eine billige, labende Frucht schaffen läßt, -- nein, unser eigenes Vaterland offenbart uns das eindringlich genug.