Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden

Part 4

Chapter 43,301 wordsPublic domain

Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint. Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen. Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens, das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen. Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier, weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen. Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht zu Geschlecht. So sind Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane, wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht. Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 ~m~ Höhe ins Dunkel eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 ~km~ Ferne erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.

Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung, genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen. Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses zu wohnen.

Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites, auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der Gattin niedersausen ließe.

In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung, also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen und die Trockenräume durchströmenden Flüsse -- man denke nur an den nubisch-ägyptischen Nil, diesen einzigen Strom, der die Sahara in ihrer ganzen Breite durchzieht -- zu fester Siedelung, weil hier das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.

Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters, in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem, der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß. Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben; eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des Nomaden. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen, bei Landbau nur 20-30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis sechs Russen.

Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer, als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker, denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort sich mit Lehmmauer umgürtet?

Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen haben, muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch für immer ihr Heim ~ohel~ d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen, was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung; wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau, die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm. Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht; sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.

Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier, allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen, unternehmen Erholungsspaziergänge von mehr als 60 ~km~. Der Tubu legt seine heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend. Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.

Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden. Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.

Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird leidenschaftlich gewürfelt; der Gaucho schlägt die Faulheitsstunden mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft, nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken, dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke und das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen durch ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das Zurückbleiben der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in denen unentbehrliche Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre Pflege finden. Aus den südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen Bereiterstückchen in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; Baschkiren, in Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich daran, im rasenden Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den Bügel loszulassen; die Turkmenen rennen auf 160 ~km~ um die Wette und stiften dem ersten Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf Kamelen. Das malerischeste Schauspiel bietet aber ein Renntag in der syrisch-arabischen Wüste oder eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, sei es auf Gazellen am Hauran. Da bricht die Jagd- und Reitlust der Beduinen am feurigsten aus; wie toll stürmen sie ins Weite, und wenn dann die silberweißen Jagdfalken im blauen Äther mit den Reihern im Knäuel sich verschlingen, da schauern sie wild empor, und jede Fiber zuckt den bronzefarbenen Männern, die trotz aller Nervenstählung hochgradig nervös sind, wie so oft die Menschen, die dauernd in elektrisch gespannter, trockener Luft leben.

Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren. Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen, daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte, hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht kannte.

Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 ~m~ lange Bambuslanzen, die Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei Speer und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die Schußwaffe mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich weisend. Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit tragender Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei jagendem Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren furchtbar, als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland einfielen. Der Tubu bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen Wurfeisen dem Gegner gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel gefährliche Wunden bei. Die Schleuder spielt seit alters in den Trockengebieten der alten Welt eine ähnlich große Rolle wie Lasso und Bolas in denen der neuen.

Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des ~cache-nez~ durch die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg wie Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft durch die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt, durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.

Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen, schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch. Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, z. B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu halten. Auf dem bis über 70° ~C~ erglühenden Fels- und Sandboden der Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das dortige Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, obwohl der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an die Spitze des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er leichtfüßig über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine nackten, freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein zerschnitten werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in Fetzen zerreißen.

Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen. So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien stammen.