Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden

Part 3

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Wissen und technisches Können wurde schon dadurch beim Umgang mit dem Meer mächtig angeregt, weil dieser zum Bau des nötigen Fahrzeugs sowie zu dessen immer höherer Vollendung hintrieb. Und wie vielseitig wurde Wissenschaft und Technik für den Schiffsbau vollends in Anspruch genommen, seitdem das 19. Jahrhundert die Dampfer schuf, um selbst gegen Wind und Strömung die Ozeane zu durchkreuzen! Mittelbar hat ferner die Sicherung der Schiffsführung eine Mehrzahl von Wissensgebieten segensvoll beeinflußt. Noch leben auf karolinischen Eilanden einige greise Glieder jener merkwürdigen Gilde, in der sich genaue Kenntnis der Fixsternlage zum Sommer- und Winterhorizont für Verwertung bei der Bootssteuerung vererbt und zugleich eine so genaue Bekanntschaft mit der Ortslage der Inseln in weitestem Umkreis, wie sie die zeitgenössische Geographie der Kulturvölker lange noch nicht besaß.

Italienischen Nautikern danken wir die Einführung des Kompasses in unseren Schiffsdienst auf grund der zuerst in China erkannten Richtungskraft der Magnetnadel. Er hat nicht bloß zahllosen Tausenden von Schiffen, denen in Nacht und Nebel kein Gestirn schimmerte, den rechten Weg gewiesen, sondern ohne die am Kompaß durch alle Zonen von den Schiffern gemachten Massenbeobachtungen hätte auch kein Gauß erfolgreich am Problem des Erdmagnetismus zu arbeiten vermocht. Und wenn schon vor Jahrhunderten die Markscheider im Klausthaler Bergwerk ihre unterirdischen Gänge zielsicher ausbauten, beim Grubenlicht den Kompaß befragend, so klingt selbst in diese wahrlich seeferne Arbeit ein verhallendes kulturgeschichtliches Echo vom Wogengetümmel.

Zum Größten jedoch führte das Weltmeer den Menschen hinan, indem es ihm die einzige Möglichkeit erschloß, die Erde als Ganzes auf dem Weg der Entschleierung des irdischen Antlitzes kennen zu lernen, durch den Welthandel die Wirtschaft der einzelnen Völkerkreise zur Weltwirtschaft zu verknüpfen, endlich durch dieses Mittel allseitigen Verkehrs, wie ihn allein der alle Lande umschlingende Ozean zu schaffen vermag, die urzeitliche Trennung der Menschenstämme nach den einzelnen Kontinenten zu überwinden, auch eine geistige Verbindung der gesamten Menschheit anzubahnen. Daß der Welthandel hierbei die Führung übernahm, versteht sich aus der nicht bloß bösen Macht der Gewinnsucht. Rief doch schon Strabo aus, da er im entsetzlichen Tanz der Wellen die Seeleute ihr Leben einsetzen sah, um die nach Rom bestimmten Waren auf hoher See vor der schon damals zu seichten Tiber aus dem Kauffahrer in die Leichterboote überzuladen: „Ja, die Sucht nach Erwerb besiegt alles!“ Das Meer öffnete von jeher die freisten und, was sehr schwer wiegt, die billigsten Wege um den Erdball. Wir werden bald aus den unfernen Schantungwerken billigere Steinkohlen nach Tsingtau liefern, als man von England dort feilbieten könnte; dagegen schon Mailand, geschweige denn die italienische Küste liegt uns zu fern, um dort die englische Kohle auszustechen, weil diese fast schon vom Förderungsplatz bis nach Italien den Seeweg vor unserer deutschen Binnenlandkohle voraus hat. Apfelsinen aus Italien werden in Hamburg billiger feilgeboten als in München oder in Wien, weil die Seefracht von Sizilien nach Hamburg nicht einmal ganz so teuer zu stehen kommt wie z. B. die Landfracht von Hamburg nach Berlin. So wirft allerwegen der Seehandel wegen wohlfeilster Fracht den meisten Verdienst ab; um die billige Seestraße nicht um ein Kilometer unnütz zu verkürzen, sind ja die größten Seehandelsplätze eben in den innersten Nischen von Meereseinschnitten ins Land erblüht; und der Millionenverdienst des Welthandels wirft genug ab, um die Unsummen herzuliefern, die der Schiffsbau verschlingt, und um jene Millionengarde wackerer Schiffsbemannung zu lohnen, auf daß sie fern der süßen Heimat harte und mit steter Lebensgefahr bedrohte Arbeit leiste, selbst den Taifunen trotzend.

„Unfruchtbar“ nannte Homer die See, und doch wie viel Güter beschert sie den Menschen, aus eigenem, nimmer versiegenden Schatz, mehr noch dadurch, daß sie die Schätze der ganzen Erde über ihre spiegelnde Fläche geleitet mit denkbar geringster Beeinträchtigung ihrer Marktfähigkeit. Über die Gestadeländer des Meeres, zumal der am intensivsten arbeitenden gemäßigten Zonen, schauen wir einen Abglanz dessen sich ausbreiten: die verkehrsreichsten Städte, die dem Welthandel als Hafenorte dienen, Werfte, Industriestätten, die überseeisch erzeugte Rohstoffe aus erster Hand haben wollen, um sie in Kunstprodukte umzusetzen, vereinigen sich an den Küstenstreifen mit einer Fülle kleinerer Siedelungen, teils auch vom Seehandel oder von Küstenfahrt und Fischerei lebend, umgeben von meist wohlbestellten Fluren, über denen der milde Seehauch befruchtend waltet. Der leichter zu erringende Wohlstand ist es, was die Menschen an die Küste zieht. Darum zeichnen sich Inseln so oft vor dem benachbarten Festland, kleinere Inseln unter sonst gleichen Verhältnissen vor größeren aus durch stärkere Volksverdichtung zufolge ihres relativ größeren Küstenanteils. Wo Land und Meer einander berühren, da zeigt sich mithin naturgemäß am offenkundigsten des Meeres Segen für die Menschheit.

Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel, Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen, den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in zielbewußten Vorstößen die Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum Huanghai.

Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle. Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel, somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen! Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus: sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.

Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile aufs festeste zusammen mit der Küste, über die allein der lebendige Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt, die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im Weltmeer.

III.

Steppen- und Wüstenvölker.

Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen, was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn geprägt ist.

Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns erst eine vorsichtige Anwendung vergleichender Methode führen. Wir müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach dem russischen Ausdruck ~stjep~ für Grasflur Steppen nennen, und in den so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.

Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander, seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte, gern zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches. Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“ dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.

Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen- und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren, blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme, die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft einschränkt.

Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen. Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich. Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen. Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar mehr als drei Wochen.

Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten ausmachte, von Palästina bis zum indischen Fünfstromland, und was ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt, fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück, als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht, mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken, mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten. Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern, Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren, offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.

Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig; bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite, der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des Negers!

Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas, wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.

So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd- oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen menschenöden Landen alle Sinne im alltäglichen Daseinskampf zur entscheidenden Mitwirkung berufen waren.