Mensch und Erde: Skizzen von den Wechselbeziehungen zwischen beiden
Part 10
Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab. Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half. Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende Losgliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und süddeutschen Staatengruppe.
Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt; im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden. Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation, daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.
Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider beruht.
Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse, wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen. Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten, -- die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleichartigen Stempel auf. Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen, Gesundheit spendenden Natur.
Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg verrät durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.
Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens, das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt der Welt.
Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen, die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland. Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen. Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die Steinkohlen vom norddeutschen Rheinland auf Schienen- wie Wasserweg heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.
Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt, erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.
Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb, wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher angehörte, noch heute nachwirkt.
Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk, zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.
Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf sind sie an die Ruhrgegend gefesselt; verschlingen doch die Kruppschen Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging. Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.
Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer, letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben, wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!
Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges, tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen, wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön, aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken Satzes „Basalt macht fromm“.
Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes, dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz, dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg- und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vorfahren kamen als Bergleute auf die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten, blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei, Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen wurden.
Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur. Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer- und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und große wie mittlere Städte sind über unser ganzes Tiefland verteilt. Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene. Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O., Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien, Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!
Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf allen Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte. Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.
Aus Natur und Geisteswelt.
Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen aus allen Gebieten des Wissens.
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=Deutsche Baukunst im Mittelalter.= Von Prof. ~Dr.~ +A. Matthaei+. Mit zahlr. Abb. i. T. Geh. _M._ 1.--, geschmackv. geb. _M._ 1.25.