Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
Part 7
»Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie kommen erst spät in der Nacht heim, und in aller Frühe gehen sie wieder!«
»Und Du bleibst allein bei dem Kranken?«
»Ganz allein.«
Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, daß es mir tief ins Herz schnitt.
»Habt ihr keinen Arzt?« frug ich weiter.
»Arzt? Nein, _der_ kommt nicht zu uns. Vor drei Tagen war der Thierarzt hier, der drüben die kranke Stute behandelt, aber er ging gleich wieder fort und sagte, da könne er nicht mehr helfen!«
Sie schauerte zusammen vor Frost.
»Es ist so kalt hier und mich hungert so!«
Sie wies mit dem Finger auf den Fußboden, da lagen in einer Ecke einige geschälte, kalte Kartoffeln.
»Das lassen mir die Eltern hier, wenn sie in der Frühe zur Arbeit gehen, aber der Herr giebt uns kein Holz, um Feuer zu machen, und so müssen wir's kalt essen.«
»Sonst hast Du nichts für Dich und den Kranken?«
Sie blickte verwundert auf, dann schüttelte sie wieder den Kopf.
»Wir essen nie etwas anderes!«
Ich hatte genug gehört.
»Ich komme gleich wieder!« rief ich und eilte zur Thür hinaus. Im Laufschritt durcheilte ich die Wegstrecke bis zum Herrenhaus, athemlos kam ich dort an. Es gelang mir, einen Diener aufzufinden und ihn durch ein gutes Trinkgeld meinem Wunsche geneigt zu machen.
Eine Viertelstunde später standen er und ich wieder vor der Hütte, beladen mit Holz, warmen Decken, Kleidern und Nahrungsmitteln aller Art.
Bald verbreitete ein lustig flackerndes Feuer behagliche Wärme in dem öden Gemach, eine Schüssel dampfender Suppe stand bereit und -- aber was soll ich noch weiter sagen? So gut als es möglich war, wurde für den Augenblick geholfen, aber das frohe Gefühl, das aus diesem Grunde mich erfüllte, wich einer unaussprechlichen Bitterkeit, als ich auf dem Rückwege zum Schlosse an dem -- Pferdestalle vorbeikam, aus dessen geöffneten Thüren ein Strom elektrischen Lichtes hervorquoll.
Bis in's tiefste Herz erfüllt von dem Eindrucke des soeben Erlebten, beachtete ich es wenig, als mir bei meiner Rückkehr ein Diener meldete, daß ich bereits den größten Theil des Soupers versäumt habe. Am liebsten würde ich mein Mahl jetzt allein verzehrt haben, aber das ging doch nicht an, und so begab ich mich zunächst auf mein Zimmer, um ein wenig Toilette zu machen. Kaum war ich dort eingetreten, als ein Läutewerk an dem in einer Ecke angebrachten Fernsprechapparat mir zu verstehen gab, daß mich Jemand zu sprechen wünsche. Ich trat an's Telephon. Es war Elly's Vater, dessen Stimme mich von Berlin aus anrief: »Komm so schnell als möglich zurück; ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen. Schluß!« Das war Alles. Ich wollte fragen, was das zu bedeuten habe, aber ich erhielt keine Antwort mehr. Eine heftige Unruhe begann sich meiner zu bemächtigen. Was konnte geschehen sein. War vielleicht Elly erkrankt oder verunglückt?
Ich schellte dem Diener.
»Wann kommt der nächste Zug nach Berlin in die Station?«
»In einer guten Stunde, gnädiger Herr.«
»Dann bitte ich, mir sogleich einen Schlitten einspannen zu lassen. Ich muß unverzüglich abreisen!«
»Aber das Souper, gnädiger Herr!«
»Ich werde in Berlin soupiren. Nur geschwind, bitte ich, damit ich den Zug nicht versäume.«
Der Diener verbeugte sich schweigend und verschwand.
In einigen Minuten war ich zur Abreise gerüstet und begab mich in den Speisesalon, um mich von der Gesellschaft zu verabschieden.
Als ich die Thüre öffnete, bot sich mir ein Anblick dar, der mir das Blut in die Schläfen jagte.
Das Souper war beendet. Auf Sesseln und Divans dehnten sich, halb berauscht, die Theilnehmer an diesem Mahle, jeder ein Weib umschlungen haltend, von denen Einzelne noch mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, Andere aber vollständig nackt waren.
Ekel und Empörung kämpften in mir angesichts der schamlosen Scenen, deren Augenzeuge ich sein mußte. Die Nischen an den Wänden des Gemaches erfüllten jetzt ihren Zweck.
M. hatte mich erblickt, er war schon vollständig berauscht.
»Zum Teufel, wo treibst Du Dich herum?« lallte er, »nun mußt Du nehmen, was übrig bleibt, geschieht Dir ganz recht, dummer Kerl!«
Und mit rohem Griffe dem auf seinem Schooße sitzenden Mädchen die letzte Hülle abreißend, umschlang er in wilder Gier den nackten, zitternden Körper. »Da, komm' her, darfst meine Kleine auch einmal küssen!« --
Ich hatte genug gesehen.
Einige Minuten später sauste mein Schlitten durch die schweigende Winternacht der Station zu.
10. Capitel.
Eine verhängnißvolle Botschaft. -- Eine Audienz beim »Herrn«. -- Die Production wird eingestellt. -- Der Sturm bricht los. -- Des Urahnen Hochzeitsreise. -- Das Ende der capitalistischen Wirthschaft.
Zu später Abendstunde langte ich bei Elly wieder an. Meine Braut kam mir schon im Vorflur entgegen und eine Centnerlast fiel mir vom Herzen, als ich sah, daß sie gesund und blühend vor mir stand, wie sonst.
»Wo ist der Vater, Elly?« fragte ich nach der ersten zärtlichen Begrüßung. »Er hat mich telephonisch zurückberufen!«
»Er wartet auf Dich in seinem Schreibzimmer,« entgegnete Elly. »Ich weiß nicht, was vorgefallen ist, aber es muß etwas Schlimmes sein, denn Vater macht ein furchtbar ernstes Gesicht. Es liegt wie ein Alp auf uns Allen!«
Als ich das angedeutete Gemach betrat, erhob sich mein Schwiegervater von dem Schreibtisch, an dem er saß und streckte mir die Hand entgegen. Sein Antlitz war außergewöhnlich blaß und ernst.
»Gut, daß Du kommst,« sagte er und lud mich ein, Platz zu nehmen. »Ich bedarf Deiner Hülfe, denn es gehen Dinge vor, für die meine Kraft nicht ausreicht.«
Er holte tief Athem und fuhr nach einer Pause fort:
»Heute Nachmittag war ein Geheimsecretär des >Herrn< bei mir.«
»Des Herrn?« frug ich erstaunt. »Welchen Herrn meinst Du?«
»Ah so, Du weißt nicht!« -- seine Stimme sank unwillkürlich zu einem Flüstern herab und sein Blick schweifte scheu durch's Gemach, als fürchte er, daß irgend ein geheimnißvoller Dritter unser Gespräch belauschen könne. »Wir Alle nennen ihn nie anders, als nur den >Herrn<. Die Wenigsten wissen überhaupt seinen Namen. Er ist der oberste Leiter unserer Gesellschaft, wohl die mächtigste Persönlichkeit auf der Erde. Sein Reichthum ist unermeßlich, der Kaiser selbst, im Vergleich mit ihm, ein armer Schlucker.«
»Und was will er also von Dir?«
»Von mir will er eigentlich nichts. Er läßt mir nur mittheilen, daß die Gesellschaft morgen mit dem Schlag 12 Uhr die Production einstellen werde.«
Ich fuhr entsetzt empor.
»Die Production einstellen? Ist der Mensch wahnsinnig?«
»Oh, nein! Der Secretär hat mir Alles auseinandergesetzt. Das Ganze ist nichts, als ein Rechenexempel. Die Production verlohnt sich nicht mehr. Neunzig Procent der Bevölkerung sind Bettler, Vagabunden, wegen deren es nicht mehr der Mühe werth ist, das Geschäft weiter zu führen und der Rest kann, trotz allen Aufwandes, nicht den zehnten Theil von dem verbrauchen, was unsere Maschinen herstellen.«
»Aber dann steht das Chaos vor der Thür, eine entsetzliche Umwälzung!«
»Das weiß der >Herr< ganz gut, aber es kümmert ihn nicht. Die Gesellschaft hat ihr Schäflein längst in's Trockene gebracht. Schon seit Jahren hat man, ganz im Geheimen, riesige Capitalien aus dem Geschäftsverkehr gezogen und im Ausland sicher untergebracht. Vor ein paar Wochen hat die Gesellschaft für die Summe von zehn Milliarden der spanischen Regierung die Insel Cuba abgekauft. Die Actionäre haben sich dorthin zurückgezogen und werden unter Palmen ein idyllisches Dasein führen, während hier eine Welt in Trümmer geht!«
Ich war sprachlos; der Kopf schwindelte mir.
»Aber um Gotteswillen«, stieß ich endlich hervor, »giebt es denn kein Mittel, um das abzuwenden, um die Catastrophe zu verhüten?«
»Doch, es giebt noch eines! Der Staat muß die Production vorläufig in die Hand nehmen. Höre, was ich Dir sagen will und weshalb ich Dich rufen ließ. Du mußt mit dem Frühzug nach Hamburg fahren. An Bord seines Privatdampfers findest Du dort den >Herrn<. Biete alle Deine Beredsamkeit auf, um von ihm zum mindesten acht Tage Aufschub zu erlangen. In der Zwischenzeit unterhandle ich hier mit der Regierung. Die Production darf nicht einen Moment stillstehen. Unser aller Existenz hängt davon ab.« Er unterbrach sich einen Moment und fuhr dann, tief aufseufzend, fort: »Oh, wenn wir jetzt Arbeiter hätten, wie sie unsere Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert hatten! Dann wäre ja Alles gut. Dann hätten wir diese schwerfällige, eingerostete Staatsmaschine gar nicht nöthig, um uns über Wasser zu halten. Die Sünden der letzten hundert Jahre aber haben alles verdorben.« -- -- -- Die wenigen Stunden der Nacht vergingen mir schlaflos. Die Morgennebel zogen noch über die unabsehbare Ebene, als ich schon wieder im Zuge saß und gen Norden dampfte.
In den ersten Vormittagsstunden war ich in Hamburg, und mein Erstes war natürlich, zum Hafen zu fahren, wo der Lustdampfer des »Herrn« vor Anker lag. Es gelang mir indessen nicht, sogleich bei dem Mächtigen vorgelassen zu werden. Von entsetzlicher Unruhe gepeinigt, schritt ich auf dem Quai auf und ab. Ich beobachtete mit Angst, wie der Zeiger meiner Uhr langsam vorwärts schlich und jede Minute, die er zurücklegte, steigerte meine Aufregung. Entsetzliche Bilder von Aufruhr und Zerstörung erfüllten meine Phantasie. Tausende zogen an mir vorüber, ihren alltäglichen Geschäften oder Vergnügungen nach, aber Keiner unter ihnen hatte eine Ahnung von dem drohenden Unheil, das mit jedem Augenblicke näher kam. Nur ich allein sah es, und sah auch die dampfenden Schutthaufen an Stelle der glänzenden Paläste, die verstümmelten Leichen auf dem blutüberströmten Pflaster. Entsetzliches Geheimnis, das auf mir lastete!
Die zehnte Stunde war schon längst vorüber, als ich endlich an Bord des Dampfers Einlaß fand. Es war ein kleines, lauschiges Cabinet, in das man mich führte. Die Wände waren bis zur Brusthöhe mit hellfarbigem Holze getäfelt und oberhalb desselben mit violettem Sammt ausgeschlagen. Ein kostbarer Teppich bedeckte den ganzen Boden, schwere Seidengardinen verhüllten die Eingänge. Auf einem Divan, vor sich ein elegantes Rauchtischchen, lag ein Herr in schwarzem Salonanzug, einen Fez auf dem spärlich behaarten Scheitel. Er mochte etwa Mitte der vierziger Jahre stehen, hatte aber einen eigenthümlichen, milden, abgespannten Zug im Gesicht, der ihn weit älter erscheinen ließ.
Es war der »Herr«, vor dem ich stand. In diesem Moment fiel mein Blick auf einen Chronometer, der zu Häupten des Divans hing; er zeigte auf zehn Minuten vor elf Uhr. Ein Schauer flog über meinen Körper, als ich diese Wahrnehmung machte. Wenn es mir im Laufe der nächsten halben Stunde nicht gelang, den Mächtigen umzustimmen, so war Alles verloren. Alle Kraft zusammennehmend, begann ich meinen Vortrag.
Der »Herr« hörte mich schweigend, den Dampf einer Cigarette von sich blasend, an; nur von Zeit zu Zeit flog ein nervöses Zucken über sein Antlitz. Ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufgeboten und Worte gefunden, so eindringlich, so herzerschütternd, daß sie einen Stein hätten bewegen müssen. Als ich geendet, blieb es einige Augenblicke ganz still im Gemach; ich glaubte, mein eigenes Herz schlagen zu hören.
Der »Herr« erhob sich aus seiner liegenden Stellung und stand dicht vor mir, die eine Hand in der Tasche seines Beinkleides, in der anderen die Cigarette haltend, von der die schmalen, weißen Finger die Asche nachlässig abstreiften.
»Ich bedaure, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können; es ist Alles wohl überlegt und vorbereitet. Den Befehl jetzt rückgängig machen, hieße unseren ganzen Plan vernichten.«
Seine Stimme war trocken, klanglos, ohne jede Bewegung.
»Kann es in Ihrem Plane liegen, unabsehbares Unheil über das Vaterland heraufzubeschwören?« frug ich erregt.
»Vaterland? Wer Geld hat, braucht kein Vaterland!« erwiderte er mit leichtem Achselzucken.
»Aber die Catastrophe wird an den Grenzen Deutschlands nicht Halt machen. Ganz Europa wird der Brand erfassen, sobald er einmal ausgebrochen ist und alle Cultur wird in Trümmer gehen.«
»Das kümmert uns nicht. Bis nach Cuba werden die Flammen nicht schlagen und übrigens, je toller es zugeht, desto besser.«
»Wie so? Das verstehe ich nicht.«
»Sie sind ein schlechter Geschäftsmann, mein Lieber, wenn Sie das nicht einsehen,« meinte der »Herr« mit jovialem Lächeln. »Nun gut, ich will es Ihnen erklären, weil wir noch etwas Zeit haben, ehe mein Dampfer abfährt. In der bisherigen Weise läßt sich die Production nicht mehr fortführen; wir verdienen nichts mehr dabei und sind keinen Augenblick vor einer Catastrophe sicher. Wir müssen einmal _tabula rasa_ machen mit dem großen Heere überzähliger Menschen, um dann mit frischen Kräften wieder anzufangen. Also stellen wir den Betrieb freiwillig ein, und warten in sicherer Entfernung ab, bis sich die Wogen wieder beruhigt haben. Wenn der richtige Moment gekommen ist, erscheinen wir wieder auf der Bildfläche und man wird uns als Retter der Gesellschaft freudig aufnehmen. Verstehen Sie nun, weshalb es nicht in unserem Interesse liegen kann, den Betrieb in die Hände des Staates übergehen zu lassen? Sollen wir uns selbst das Geschäft für alle Zukunft verderben? Nein, wir wissen recht wohl, daß die Regierung mit ihrem zusammengeschmolzenen Heere, in dem sich ohnehin schon viel unsichere Elemente befinden, der Bewegung nicht Herr werden wird, die sie ganz unvorbereitet trifft. Aber gerade das wollen wir. Es muß Alles zu Grunde gehen, damit wir von Neuem Geschäfte machen können.«
Ich stand wie erstarrt und war keines Wortes fähig. Erst nach längerer Pause vermochte ich mich soweit zu sammeln, um ihn an die unzähligen Menschenleben zu erinnern, die diesem Geschäftskniff zum Opfer fallen würden.
Er zuckte die Achseln und zündete sich eine frische Cigarette an. »Das ist schlimm für die, welche es trifft, aber im Geschäftsleben darf man nicht sentimental sein. Uebrigens ist es immer besser, die Leute büßen ihr Leben schnell ein, als daß sie verhungern.«
Er sah auf die Uhr. Der Zeiger wies auf 20 Minuten nach 11 Uhr.
»Wenn Sie den nächsten Zug nach Berlin erreichen wollen, müssen Sie sich sputen. Auch fährt mein Schiff Punkt 12 Uhr ab und es giebt für mich noch vorher einige Geschäfte zu erledigen.«
Er geleitete mich in verbindlichster Weise bis zur Thür. Meine Mission war zu Ende.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, suchte ich auf schnellstem Wege den Bahnhof zu erreichen. Als ich die Freitreppe zur Bahnhofshalle emporstieg, erklang die Mittagsstunde von den Thürmen Hamburgs.
In diesem Augenblick, das wußte ich, flog auf dem Telegraphendraht der gleiche verhängnißvolle Befehl durch das ganze Reich von Stadt zu Stadt, von Fabrik zu Fabrik und Millionen arbeitsgewohnter Hände begannen in diesem Augenblick für immer zu feiern. Wie lange konnte es dauern und diese Hände griffen zur Mordwaffe, zum Feuerbrand?
Mit Windeseile trug mich der Zug durch die Winterlandschaft der Hauptstadt zu. Meine Mitpassagiere plauderten ahnungslos mit einander, nur ich saß, mit einem Herzen, das sich angstvoll zusammenkrampfte, in meiner Ecke und wagte kaum, den Anderen in's Gesicht zu sehen.
Ohne Zwischenfall kamen wir bis in die Nähe der Hauptstadt. Auf freiem Felde hielt plötzlich der Zug. Es entstand ein hastiges, angstvolles Hin- und Herlaufen, die Passagiere begannen unruhig zu werden. Einzelne öffneten die Waggonthüren und stiegen hinab, um die Ursache des unerwarteten Aufenthalts zu erfragen. Unbestimmte Gerüchte wurden laut. Arbeiterunruhen seien wieder einmal in Berlin ausgebrochen, hieß es, aber das Militär werde der Bewegung in Kürze Herr werden.
Nach einer Viertelstunde etwa fuhren wir in langsamem Tempo weiter. Den Bahnhof fanden wir von einem Füsilierbataillon besetzt; in voller Feldausrüstung campirten die Mannschaften längs des Perrons und in der Vorhalle. Ich eilte auf die Straße. Alles war menschenleer. Kein Wagen weit und breit. So schnell ich es vermochte, eilte ich dem Hause meiner Schwiegereltern zu. An einer Straßenkreuzung mußte ich Halt machen. In scharfem Trabe kam die Gardeartillerie vorübergesaust, dahinter im Laufschritt Bataillon auf Bataillon, die Kerntruppen der deutschen Armee. Ohne mich umzusehen rannte ich weiter. Als ich bei Elly anlangte, fand ich die ganze Familie schon in höchster Aufregung, Vorbereitungen zur Flucht treffend.
»Und morgen soll Elly's Trauung sein!« klagte die Mutter meiner Braut. »Ihr armen Kinder, Ihr habt eine traurige Hochzeit.«
»Was morgen sein wird, kann Niemand sagen,« entgegnete mein Schwiegervater. »Ich habe mir schon überlegt, was geschehen muß. Ihr müßt sofort getraut werden; der Geistliche wird in einigen Minuten hier sein, unterdessen packt Ihr das Nothwendigste ein und sobald die Ceremonie vorüber ist, fahrt Ihr zum Bahnhof.«
»Nein, Mutter, Vater, ich lasse Euch nicht allein zurück hier in dieser schrecklichen Zeit,« rief Elly. »Ihr müßt mit uns fliehen!«
»Das geht nicht so schnell, Elly,« entgegnete der alte Herr; »es ist ja auch augenblicklich noch keine Gefahr. Noch immer ist Hoffnung, daß die Truppen den Aufstand niederschlagen. Sollte dies aber bis morgen nicht der Fall sein, so folgen wir Euch nach. In Euerem stillen Thüringen wird man ja wohl noch einen sicheren Zufluchtsort finden.«
Bei diesen Worten -- ich weiß nicht, wie es kam -- fielen mir plötzlich die finsteren Gesichter, die abgezehrten Gestalten der Arbeiter ein, mit denen ich in Weimar täglich zu thun hatte, und mit _einem_ Male wurde mir klar, welch' furchtbarer Zündstoff auch dort aufgehäuft war.
Der Geistliche kam; in Reisekleidern wurden wir getraut; fernes Gewehrfeuer, einzelne Kanonenschüsse und das unaufhörliche Dröhnen der Sturmglocken begleitete die Ceremonie. Die feierliche Handlung war kaum vollendet, als von der verödeten Straße herauf lautes Stimmengewirr und der schwere Tritt einer großen Menschenmenge zu uns empordrang. Ich eilte an's Fenster. In ganzer Straßenbreite wälzte sich, der inneren Stadt zu, ein ungeheuerer Knäuel bewaffneter Männer und Weiber.
In der Masse, die nach Tausenden zählte, blitzte hie und da eine Pickelhaube, ein Bayonnet auf. Einzelne Soldaten marschirten inmitten der Aufständischen; schließlich kam, umringt von der tosenden Menge, ein ganzes Bataillon, Trommler und Pfeifer an der Spitze, daher marschirt.
Als ich aufsah, blickte ich in das Antlitz meines Schwiegervaters. Es war todtenbleich.
»Es sind die Arbeiter von Spandau und Charlottenburg,« sagte er mit tonloser Stimme, »die Garnison geht mit ihnen.«
Wir nahmen Abschied von den Eltern und ahnten nicht, daß es ein Abschied für immer war. Ich habe die Beiden nie wiedergesehen und nie erfahren, was ihr Schicksal gewesen. Auf einer Hintertreppe, durch den Hofraum, gelangten wir an einen Seitenausgang des großen Gebäudes, der in einer stillen Sackgasse gelegen. Hier erwartete uns der Wagen, der uns zum Bahnhof führte. Von dem zahlreichen Dienstpersonal ließ sich Niemand blicken; wir trugen unser Gepäck selbst zum Wagen hinab. Ich war fast erstaunt, als ich sah, daß der Kutscher noch wie sonst seinen Dienst versah, und wie sonst, den Hut in der Hand, uns den Schlag öffnete. Durch menschenleere Straßen, wo alle Schaufenster geschlossen waren, fuhren wir zum Bahnhof. Es war alles still und düster, wie auf einem Friedhofe. Elly lehnte an meiner Schulter und weinte still für sich hin. Mein Gott, wie ganz anders hatte ich mir diesen Tag vorgestellt!
Am Bahnhof fanden wir ein Treiben, für das mir die Worte fehlen.
Die riesige Halle war in allen ihren Theilen mit Flüchtenden vollgestopft. Ein wahnsinniger Tumult herrschte; es war, als sei man mit einem Male in ein Tollhaus gerathen. In Intervallen von zehn Minuten verließ Zug auf Zug die Halle.
Sobald eine neue Wagenreihe bereit stand, stürzte sich die Menge darauf; im Nu waren die Coupé's gefüllt, die Dächer erklettert; auf den Trittbrettern stand, wer sonst keinen Platz fand; um jeden Fuß breit wurde mit wahnsinnigem Ingrimm gekämpft, Weiber und Kinder zu Boden getreten, oder unter die Räder geschleudert. Wenn der Zug die Halle verlassen hatte, lagen da und dort zuckende Leichname auf den Schienen, und der Todesschrei der Verstümmelten, um die sich kein Mensch mehr kümmerte, gellte in das allgemeine Toben.
Wir standen in einen Winkel gepreßt, uns fest umschlungen haltend. Ich dachte an den Tod.
Von Zeit zu Zeit drang irgend eine neue Schreckenskunde in die verzweifelnde Menge und fachte die Todesangst immer von Neuem wieder an. Nur einiges vermochte ich aus abgerissenen Worten zusammenzufassen. Offenbar machte der Aufstand rapide Fortschritte; ein großer Theil der Truppen war offen zu den Insurgenten übergegangen; der Rest kämpfte matt, widerwillig, ganze Regimenter weigerten sich zu schießen, und sahen, Gewehr bei Fuß, gleichgültig der allgemeinen Zerstörung zu.
Als eines der ersten Opfer des Aufstandes war der »Herr« gefallen. Im Moment, als sein Schiff die Anker lichten wollte, zeigte es sich, daß an der Maschine etwas in Unordnung gerathen sei. Noch ehe der Schaden gut gemacht werden konnte, stürmten schon die ersten Arbeiterschaaren aus den geschlossenen Fabriken daher und stürzten sich wie Hyänen auf ihre Beute. Ein wüthender Kampf entspann sich, in welchem der »Herr« und die ganze Mannschaft seines Schiffes ihren Untergang fand.
Der Abend war bereits hereingebrochen, als es mir endlich gelang, Elly in ein Coupé zu schieben, in dem sich schon zwölf Menschen befanden. Ich selbst blieb auf dem Trittbrett stehen. So fuhren wir in die Nacht hinaus. In meinen Träumen hatte ich mir meine Hochzeitsreise anders vorgestellt. Stunde auf Stunde verrann; meine Finger, welche sich an den metallnen Handgriff klammerten, drohten, erstarrt von der eisigen Zugluft, zu erlahmen. So schnell wir aber auch dahinfuhren, die Revolution schien mit uns gleichen Schritt zu halten. Mehr als einmal sahen wir weit draußen in der endlosen Ebene die Feuersäulen brennender Fabriksgebäude aufflammen.
Jeden Augenblick fürchtete ich, daß unsere Reise ein gewaltsames Ende finden werde. Eine Zerstörung der Bahnlinie durch ein Streifcorps der Aufständischen lag ja im Bereiche der Möglichkeit. Wir erreichten indessen unangefochten Wittenberg, wo eine größere Zahl Flüchtlinge den Zug verließ; es wurde mir dadurch ermöglicht, meinen sehr unangenehmen Standpunkt mit einem Sitz an Elly's Seite vertauschen zu können, woselbst ich verblieb, bis wir in den ersten Morgenstunden Weimar erreichten. Hier herrschte noch volle Ruhe und nichts Außergewöhnliches schien sich ereignet zu haben. Wir konnten ungehindert unsere Wohnung aufsuchen und zum ersten Male aufathmen nach der Todesangst der letzten schrecklichen Stunden. Elly jammerte um die Eltern und machte sich selbst die bittersten Vorwürfe, Berlin ohne die Ihrigen verlassen zu haben. Nur schwer gelang es mir, meine junge Frau zu beruhigen, glaubte ich doch selbst nicht an die Trostesworte, von denen mir jedes wie eine Lüge vorkam. Die Nachrichten des nächsten Tages bestätigten meine schlimmsten Erwartungen. Die große Volkserzieherin, die Socialdemokratie, hatte man vor hundert Jahren zertreten und zermalmt, aber die wirthschaftliche Entwicklung war nicht in andere Bahnen gelenkt worden.
Ruhig, mit unfehlbarer Sicherheit, hatte sich das Ende vorbereitet.