Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa
Part 6
_3. Februar._ Die ganze Nacht hatte mich die Schreckensgestalt des gestrigen Abends im Traume verfolgt. Müde und abgespannt erhob ich mich. Wie ein zum Himmel schreiendes Verbrechen erschien mir der Luxus, der mich umgab. Beim Frühstück nach dem Grunde meiner Schweigsamkeit befragt, sagte ich offenherzig, wie tief mich die Begebenheit von gestern erschüttert habe. Mein Schwiegervater zuckte die Achseln: »Das ist uns leider nichts Neues mehr,« erwiderte er. »Das Elend wird immer größer, und kein Mensch weiß, wo das hinaus will. Das Schlimmste steht uns noch bevor. Vor Kurzem hat einer unserer Ingenieure eine neue Erfindung gemacht, welche wieder ungezählte Tausende um ihr Brod bringt. Man hat jetzt in der Textilindustrie überhaupt keine Arbeiter mehr nöthig. Ein Kind von zehn Jahren genügt für jede Fabrik und es hat nichts weiter zu thun, als bald hier, bald dort auf einen Knopf zu drücken. Das Uebrige besorgen die Maschinen.« »Und die Arbeiter?« frug ich. Er schwieg und zuckte noch einmal mit den Achseln.
Nach einer Weile peinlichen Schweigens frug er mich, ob ich geneigt sei, ihn auf einem Spaziergange zu begleiten. Er hätte mir kein willkommeneres Anerbieten machen können. Eine Fluth schrecklicher Gedanken drohte wieder über mich herzufallen; die Gestalten meines nächtlichen Traumes wurden wieder lebendig, und mir war, als müsse ich in diesen Räumen ersticken. Elly hatte mich besorgten Blickes gemustert. Im ersten unbelauschten Moment umschlangen mich ihre Arme: »Oh Lieber, laß uns bald diese Stadt verlassen. Es gehen hier schreckliche Dinge vor, und kaum wage ich mehr, den Fuß auf die Straße zu setzen, wo mich überall das gräßlichste Elend angrinst.« Sie brach in Thränen aus, und ich mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um sie zu beruhigen. Mir war es aber, als sei seit gestern ein kalter Reif auf mein junges Glück gefallen.
Die seltsame Stimmung, in der ich mich befand, mochte Ursache sein, daß mir Dinge, welche mir längst bekannt waren, heute in einem ganz eigenthümlichen Lichte erschienen. In früheren Jahren hatte sich, wie ich oft erzählen hörte, in den Straßen, die wir durchwanderten, ein Schauladen am andern befunden, von denen Jeder seinen besonderen Inhaber hatte. Jeder trieb sein Geschäft für sich auf eigene Faust und hatte keine weitere Sorge, als seinen Concurrenten zu Grunde zu richten. Das hatte sich schon längst geändert. Die kleinen Geschäfte waren seit Jahrzehnten verschwunden. An ihrer Stelle nahmen Riesen-Bazars die unteren Stockwerke der Häuser ein, Colossalgeschäfte, welche sämmtlich von unserer Actiengesellschaft betrieben wurden und in denen man Alles erhalten konnte, was man zu haben wünschte, von der Stecknadel angefangen bis zum Concertflügel. Vor diesen großartigen Betrieben, welche mit weit geringeren Spesen und größerem Nutzen arbeiteten, hatten die kleinen Geschäftsleute die Segel streichen müssen; was früher Vielen gehört hatte, befand sich jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose zerstörte Existenzen bezeichneten den Weg dieser »friedlich« verlaufenen Umwälzung. Das Praktische der Einrichtung ließ sich ja nicht leugnen, aber warum, frug ich mich, warum muß der Profit dieser Riesengeschäfte nur Einigen zufallen, die ohnedies schon mehr als genug besitzen, warum darf nicht das ganze Volk, jene ungeheure Schaar Armer und Elender Theil haben am Geschäft? Mir fiel ein, was ich von der längst verschollenen Socialdemokratie gehört hatte. Wenn jetzt das ganze Volk, erfüllt von ein und demselben Gedanken im Stande wäre, an Stelle dieser Wenigen zu treten und die Leitung der Production und des Waarenvertriebes selbst in die Hand zu nehmen? Wahnsinnige Idee! Menschenalter müßten vergehen, ehe diese zu Boden getretene, verthierte Masse wieder so weit emporgehoben werden könnte, um an eine solche Riesenaufgabe heranzutreten.
Wir besorgten einige Einkäufe und traten den Heimweg an. Eine Abtheilung Soldaten, Trommler und Pfeifer an der Spitze, marschirte an uns vorüber. Ehemals hatte ich ein solches Schauspiel mit gleichgültigen Blicken gemustert; heute betrachtete ich Alles mit anderen Augen und so entging mir der finstere Ernst nicht, welcher auf den Zügen der übrigens gut genährten und strammen Männer lag.
»Diese wenigstens scheinen keine Noth zu leiden«, sagte ich zu meinem Begleiter.
»Nein, man thut alles Mögliche, um sie bei Kraft und guter Laune zu erhalten,« erwiderte er, »aber es werden ihrer von Jahr zu Jahr weniger; die Regimenter schmelzen zusammen, wie Schnee an der Sonne; die Zahl der Tauglichen nimmt geradezu reißend ab.«
»Das begreife ich; ein Volk, das vor Hunger stirbt, ist nicht mehr im Stande, Waffen zu tragen.« Ich sagte das mit einer Bitterkeit, die mir sonst fremd war.
Im Uebrigen gab es nichts Absonderliches in der Physiognomie des Straßenlebens. Eine elegant gekleidete Menge, Damen und Herren, füllte die Gehsteige und strömte bei den Flügelthüren der Bazare aus und ein. Equipagen, Omnibusse, Tramway-Waggons kreuzten sich in unaufhörlicher Folge auf dem Asphalte der Fahrbahn. Nicht das geringste Anzeichen deutete die schreckliche Catastrophe an, die wir einige Tage später erleben sollten.
Ich verbrachte den Rest des Tages in etwas besserer Stimmung, in Gesellschaft Elly's. Wir plauderten von unserer Zukunft, bauten entzückende Luftschlösser und ließen es an den kleinen verstohlenen Zärtlichkeiten nicht fehlen, wie sie unter Verliebten Brauch sind. Gegen Abend erinnerte ich mich, daß ich versprochen hatte, einen Bekannten aufzusuchen, der nur wenige Minuten entfernt seine Wohnung hatte. Ich bat deshalb meine Braut um ein Stündchen Urlaub und war nicht wenig erstaunt, als Elly bei meinen Worten die Farbe wechselte und mich flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. »Benutze wenigstens Vaters Wagen, wenn Du den Besuch nicht bis morgen Vormittag aufschieben kannst,« bat sie. »Aber weshalb denn, Elly, es sind ja kaum mehr als zehn Minuten Wegs; da verlohnt es sich doch wahrlich nicht, erst einspannen zu lassen«, entgegnete ich. »Oh, doch, doch,« rief sie aufgeregt, »geh' nicht auf die Straße um diese Zeit, wenn Du mich lieb hast. Es geschehen oft schreckliche Dinge da draußen.«
Ihre Angst schien mir kindisch und zudem weckten ihre Aeußerungen die Neugierde in mir; ich wollte einen Blick in dieses Straßenleben werfen, das ihr solchen Schrecken einflößte.
Einige Minuten später eilte ich durch die taghell erleuchteten Straßen der mir wohlbekannten Wohnung meines Freundes zu. Auf den ersten Blick war mir indessen aufgefallen, daß das Publikum sich jetzt aus ganz anderen Elementen zusammensetzte, als in den Vormittagsstunden. Die Zahl der Schutzleute hatte beträchtlich zugenommen und hie und da traf mein Auge auf eine jener unheimlichen Gestalten, welche ich am Vorabende bemerkt hatte. Die Frauenwelt, das konnte mir nicht entgehen, war fast ausschließlich aus jenen, nicht mehr zweideutigen Elementen zusammengesetzt, die eine Eigenthümlichkeit moderner Großstädte bilden. Das Alles fand ich indessen nicht allzu verwunderlich, hatte mir's auch kaum anders vorgestellt und lächelnd über Elly's Angst, deren Beweggrund mir schlecht verhüllte Eifersucht schien, setzte ich meinen Weg fort. Ich traf den Gesuchten zu Haus und verplauderte ein halbes Stündchen mit ihm. Seltsam schien mir jedoch, daß mein Freund, sonst die Höflichkeit selbst, in förmlich unartiger Weise meinen Besuch abzukürzen trachtete und mir mehr als einmal zu verstehen gab, es wäre besser, wenn ich meine Braut nicht länger allein lasse. Etwas ärgerlich ging ich endlich.
Die Straßen, welche ich passirte, waren auffallend menschenleer; nur hie und da huschte ein Schatten an den Häusern entlang. Eine matt beleuchtete Seitengasse passirend, sah ich plötzlich zwei Gestalten, in weite Mäntel gehüllt, vor mir auftauchen. Ich erkannte beim Schein der Laterne eine ältere Frau mit abgezehrtem, geisterbleichem Antlitz und ein junges, kaum dem Kindesalter entwachsenes Mädchen, das seine großen Augen nur einmal scheu zu mir emporhob, um sie sogleich wieder zu senken.
»Erst siebzehn Jahre, Herr,« flüsterte die Alte. »Wollt Ihr sie haben? Für ein Stück Brot gebe ich sie Euch! Seht nur her, wie hübsch sie ist!«
Das Weib schlug den Mantel zurück, der die Gestalt des Kindes verhüllte; ein blühender, nackter Mädchenleib drängte sich mir entgegen, schmiegte sich an mich, und eine Stimme, die ich nie vergessen werde, flehte:
»Ein kleines Stück Brot nur; ich habe so Hunger, Herr!«
Zitternd, betäubt, eine Welt voll Schmerz und Scham in mir, trat ich zurück und legte alles, was ich an Baarschaft bei mir trug, in die kleinen zitternden Hände, dann, -- ich schäme mich nicht, es einzugestehen -- ergriff ich die Flucht.
Nach wenigen Schritten aber sah ich mich von Neuem angehalten. Ein Weib kniete vor mir mit flehend erhobenen Händen und wieder gellte die furchtbare Klage in mein Ohr: »Ich sterbe vor Hunger, Herr!« Verzweiflungsvoll wühlte ich in meinen Taschen, es war nichts mehr darin. Da drängte es sich von rechts und links an mich heran, weiche Arme legten sich um meinen Hals und aufgelöstes Frauenhaar streifte mein Gesicht. Ich fühlte meine Hände festgehalten; als ich sie losmachen und die Gestalten, die mich umgaben, zurückdrängen wollte, da sah ich hier und dort eine Hülle zu Boden gleiten und meine Finger berührten die weichen Formen der entblößten Frauenleiber. Meiner Sinne kaum mehr mächtig, riß ich mich los und stürmte davon.
Einige Minuten später erreichte ich die Straße, in der Elly's Haus lag. Hier hatte sich die Scenerie indessen sehr verändert. Das elegante Publikum war gänzlich verschwunden; die ganze Straße, Kopf an Kopf, mit verwilderten Erscheinungen, Männern und Weibern erfüllt, die Schaufenster der Bazare sämmtlich geschlossen. Noch tief erschüttert von dem eben Erlebten, fühlte ich, wie es mir heiß zu den Augen hinanschoß, als ich diese hohlwangigen, bleichen Gesichter mit all ihrem stummen Elend sah. Vor jedem Hause waren Infanterie-Pickets postirt; Schutzmänner zu Fuß und zu Pferd patrouillirten beständig Straße auf, Straße ab, aber ich hatte das Gefühl, als wenn die unzählbare Masse der Armen und Elenden nur eines Wortes, eines Signals bedürfe, um sich auf diese Wächter der Ordnung zu stürzen und sie mit ihrer Wucht zu erdrücken. So gut es gehen wollte, drängte ich mich durch. Schweißtriefend, ohne Hut, mit beschmutzten und zerrissenen Kleidern, bleich vor Entsetzen und Aufregung, langte ich endlich bei Elly wieder an.
_5. Februar._ Am folgenden Tage fühlte ich mich durch die Erlebnisse, die ich soeben geschildert, so angegriffen, daß ich mich nicht entschließen konnte, das Haus zu verlassen. Ich blieb also den ganzen Tag bei Elly, die sich große Mühe gab, die unangenehmen Eindrücke zu verwischen, welche mir der verflossene Abend hinterlassen hatte.
Heute früh, als ich leidlich beruhigt, zum Frühstück kam, fand ich Elly in Thränen schwimmend, einen offenen Brief in der Hand, den sie mir bei meinem Eintritt sogleich entgegenstreckte. Der Brief enthielt die herzzerreißende Schilderung der Lage, in welcher eine ehemalige Bonne Elly's sich befand. Es war das alte Lied: der Mann seit Monaten arbeitslos, die Frau krank, von Allem entblößt, mit ihrem kleinen Kinde dem Hungertode nahe.
Elly wollte selbst sofort einspannen lassen, um der unglücklichen Familie Hilfe zu bringen. Aber ihr Vater legte ein energisches _Veto_ ein.
»Wir werden das selbst besorgen«, sagte er zu mir gewendet, »in jene Quartiere darf Deine Braut keinen Fuß setzen. Elly soll Kleider und Lebensmittel in einen Korb packen; ich lasse inzwischen einspannen. Du aber gehst mit dieser Karte zur nächsten Polizeiwache und bittest um ausreichende Bedeckung.«
»Um Bedeckung -- --?« frug ich erstaunt.
»Selbstverständlich«, erwiderte er etwas ungeduldig, »in jenen Stadttheil begiebt man sich nur unter Polizeischutz.«
Eine halbe Stunde später setzte sich unsere Expedition in Bewegung. Im Wagen uns gegenüber hatten zwei Wachleute, auf dem Bocke neben dem Kutscher ein bis an die Zähne bewaffneter Dritter Platz genommen. Zwei andere Polizisten trabten hoch zu Roß auf beiden Seiten des Wagens. Wir selbst waren mit scharfgeladenen Revolvern versehen. So ausgerüstet verließen wir das elegante Stadtviertel und drangen in eine Gegend vor, welche den grellsten Contrast zu ersterem bildete. Vorher hatten wir die doppelte Postenkette eines Infanterie-Regimentes zu passiren, welche den Zugang zu diesem Quartiere absperrte. Je weiter wir fuhren, desto unheimlicher wurde unsere Umgebung. In den von hohen rußgeschwärzten Häusern eingefaßten Straßen schien eine ewige Dämmerung zu herrschen. Unbeschreibbare Dünste erfüllten die dicke nebelfeuchte Luft; überall, wohin auch das Auge traf, grinsten ihm die unzweideutigen Spuren tiefsten Elends und entsetzlicher Verkommenheit entgegen. Die Gassen waren fast menschenleer, nur hier und da zeigte sich an den mit Papier verklebten Scheiben ein bleiches Gesicht, das uns apathisch aus tief liegenden Augen anstarrte. In einem der elendesten Seitengäßchen hielten wir. Ziemlich lange dauerte es, bis wir uns durch eine Flucht von schmutzigen, dunklen Höfen, Gängen und Stiegen durchgefunden hatten an den Ort unserer Bestimmung. Was wir da fanden -- kaum vermag ich es zu schildern. Der Brief, den Elly erhalten, mochte wohl zu lange unterwegs gewesen sein, denn unsere Hülfe kam zu spät. Am Fensterkreuz des vollständig kahlen, eisig kalten Gemachs hing die zu einem Skelett abgemagerte leblose Gestalt eines, nur mit einigen Lumpen bekleideten Mannes. Der Unglückliche hatte schon vor mehreren Tagen seinem Leben ein Ende gemacht; der Körper war bereits in Fäulniß übergegangen. Niemand hatte sich die Mühe genommen, ihn abzuschneiden, und für seine Bestattung zu sorgen. Das war aber noch nicht das Gräßlichste! In einem Winkel kauerte ein Weib und nagte an einem Knochen. Sie hatte uns zuerst völlig theilnahmslos betrachtet; als ich mich jedoch ihr näherte, schrie sie auf und breitete die Hände über ein irdenes Gefäß, das neben ihr stand. Aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn. »Geht hinaus! Ihr weckt mir mein Kind auf!« kreischte sie. Dann lachte sie wieder: »Wollt ihr's anschauen, wie süß es schläft?« Sie zog einen schmutzigen Lappen von dem Gefäß. Entsetzlich! Da lagen blutige, halbabgenagte Fleischreste! Die Wahnsinnige zog ein Stück davon heraus und schlug gierig die Zähne hinein: »Mich hungert!« Das war das Letzte, was ich hörte, die Sinne schwanden mir! Als ich wieder zur Besinnung kam, saß ich im Wagen, der im tollen Lauf über das Pflaster flog. Ein furchtbares Geheul umtobte ihn, Schüsse krachten, ein Steinhagel prasselte gegen Fenster und Verdeck der Kutsche, mein Schwiegervater saß an meiner Seite, todtenbleich, den Revolver in der Hand; mir gegenüber, von den Schutzleuten gehalten, die Wahnsinnige, mit lächelndem Gesicht und glanzlosen Augen, auf ihren Kleidern noch die Blutreste der entsetzlichen Mahlzeit. So erreichten wir die Postenkette des Militärs, das unser Fuhrwerk sofort in die Mitte nahm. Aus der Ferne nur, wie eine tosende Brandung, schlug dumpfes Schreien und Heulen an mein Ohr.
9. Capitel.
Jagdausflug. -- Die allerjüngste Dichterschule. -- Rittergut Groß-Wackernitz. -- Pferdeloos und Menschenschicksal. -- Ein feines Souper mit Zubehör.
_6. Februar._ Die Schreckensbilder des gestrigen Tages hatten mir die Nachtruhe geraubt, sie trieben mich am nächsten Vormittag in's Freie; der frische Wintermorgen, hoffte ich, werde sie verscheuchen. Ich war etwa eine halbe Stunde ziellos durch die Straßen gestrichen, als ich plötzlich von einem Officier angeredet wurde.
»Morgen, alter Knabe, wie geht's Dir denn?!«
Verwundert sah ich auf. Die Stimme kam mir bekannt vor. Richtig, er war's, mein Schulkamerad und Studiengenosse M. -- und erfreut über die Begegnung schüttelte ich seine dargebotene Rechte.
»Nimm mir's nicht übel, Du siehst ziemlich schlecht aus,« begann M., indem er sich bei mir einhängte, »das Berliner Klima scheint Dir schlecht zu bekommen«.
Ich gab eine ausweichende Antwort; es wäre mir nicht möglich gewesen, meine Erlebnisse jetzt zum Besten zu geben.
»Du mußt Dich zerstreuen!« erwiderte mir M., »damit Du die Melancholie los wirst; weißt Du was, komm mit mir; wir sind fünf oder sechs gute Bekannte für morgen zu einer Jagd da in der Nähe eingeladen. Heute Nachmittag fahren wir mit der Anhalter Bahn hinaus, Abends giebt's ein feines Souper mit Zubehör« -- M. lachte sonderbar, als er das sagte -- »und morgen in der Früh' geht's auf die Hasen. Komm mit, es wird lustig, das kann ich Dir sagen!«
Der Vorschlag kam mir nicht ungelegen; ich fühlte wirklich, daß ich etwas thun müsse, um die Gespenster los zu werden, die mir bei Tag und Nacht keine Ruhe mehr ließen. Ich nahm also mit Dank die Einladung an und fand mich pünktlich zur angegebenen Stunde am Bahnhofe ein, wo ich M. bereits in Gesellschaft einiger Herren traf: junge Banquierssöhne, Großgrundbesitzer und Gardeofficiere, wie ich aus der üblichen Vorstellung entnehmen konnte.
Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß die Unterhaltung während der Fahrt besonders geistreich gewesen wäre; das Gesprächsthema bildete hauptsächlich ein neues Stück, welches das Repertoire eines der größten Theater der Residenz zur Zeit beherrschte. Soviel ich aus den Bemerkungen darüber entnehmen konnte, spielte es größtentheils in einem Bordell und die Vorstellung war Abend für Abend ausverkauft.
Sein Glanzpunkt war die sog. Nothzuchtsscene im dritten Act, in welcher die Heldin des Stückes, ein junges, noch unschuldiges Geschöpf, von einem Stammgast des besagten Etablissements auf offener Bühne in Gegenwart ihrer Mutter entehrt wird. Diese Scene wurde jedesmal wüthend beklatscht. Meine neuen Bekannten fanden es unverzeihlich, daß ich schon fast acht Tage in Berlin war, ohne dieses glanzvolle Product der allerjüngsten deutschen Dichterschule gesehen zu haben.
Nach etwa einstündiger Fahrt stiegen wir an einer kleinen Station aus und fanden dort mehrere mit prächtigen Pelzen und Decken versehene Schlitten unser harren, deren feurige Gespanne uns mit Windeseile über die weite schneebedeckte Ebene unserem Ziele, dem Rittergute Groß-Wackernitz, entgegen führte. Das palastähnliche, im reichsten Barokstyl erbaute Herrenhaus öffnete uns bald seine Pforten, und aufs freundlichste bewillkommnet vom Gutsbesitzer, einer stattlichen eleganten Erscheinung begab sich zunächst jeder von uns in das ihm zur Verfügung gestellte Fremdenzimmer, um den Staub der kurzen Reise von seinen Füßen zu schütteln. War die Einrichtung dieser Räume schon das Raffinirteste an Luxus und Bequemlichkeit, was mir bis dahin vor Augen gekommen, so wurde dies alles noch übertroffen von dem Speisesalon, in dem wir uns bald darauf zu einem Imbiß zusammenfanden. Das Tageslicht hatte in diesen Raum keinen Eintritt. Die Wände ringsum waren nicht mit Tapeten, sondern mit kunstvoll drapirten Vorhängen verkleidet, die aus einem sonderbaren Stoff bestanden; unendlich weich und üppig, wie das Federgewand tropischer Vögel, oder das Pelzkleid unbekannter Polarthiere, ließ dieser Stoff das Haupt, welches sich gegen seine Falten lehnte, tief in seiner weichlichen Hülle versinken. Das Ganze war derart arrangirt, daß längs der Zimmerwände eine Anzahl lauschiger Nischen und versteckter Winkel gebildet wurde, in denen man ungesehen auf üppigen Lagerstätten aus dem gleichen Stoffe sich ausstrecken konnte. Das Ganze schwamm in einem Meere bläulich weißen electrischen Lichtes. Als ich neugierig eine der halb zurückgezogenen Gardinen lüftete, sagte M., der just neben mir stand, schmunzelnd:
»Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber später, später --« er schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollüstigen, mit eigenthümlichem Parfüm erfüllten Gemache behagte mir nicht sonderlich. Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern credenzten Weines, einige Bissen des in großen Cristallschalen vor uns stehenden Gebäcks und trachtete, Kopfweh vorschützend, ins Freie zu gelangen. Fast gierig sog ich, über die Stufen der Freitreppe hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten der Dämmerung begannen sich schon über die schneebedeckten Bäume des herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte nach einigen Minuten vor ein großes, abseits stehendes Gebäude, dem eine von korinthischen Säulen eingefaßte Vorhalle fast den Charakter eines Tempels verlieh.
Neugierig trat ich durch die weitgeöffnete Pforte und sah mich zu meinem Erstaunen im Innern eines -- Pferdestalles. Das trübe Licht des Winternachmittags fiel von oben durch große, matt geschliffene Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte schlossen sich plötzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche geräuschlos, von unsichtbaren Kräften bewegt, sich darüber hinschoben und statt des fahlen Dämmerlichtes flammten hundert Glühlichter an Decke und Wänden auf. An fünfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz zusammengefügten Ständen, die, jeder ein Meisterwerk der Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stäubchen Unrath beleidigte das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wärme erfüllten Pferdepalast und eine vorzüglich functionirende Ventilation sorgte für Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches.
Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll gebauten Thiere beschäftigt; hier ergoß sich, auf den Druck an einem electrischen Taster, eine Fülle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen, dort bemühten sich zahlreiche Hände um die Reinhaltung der Stände und Gänge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten Tüchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge.
Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dämmerung, aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer Gebäude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen eines Stalles Anspruch machen durften.
Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdächern waren hie und da kleine Fenster, kaum größer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein leises Wimmern an mein Ohr dränge. Ich trat näher heran und bemühte mich, durch das Fenster das Innere zu erspähen. Es war aber vergeblich, die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste überzogen, welche jeden Einblick verwehrte. So entschloß ich mich denn, den abgerissenen kläglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen ließen, nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwärts schreitend, durch eine niedrige Thür in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter, modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im nächsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene stöhnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten übelriechenden Luft erfüllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden Estrichs lag. Auf diesem Lager krümmte sich in Fieberschauern eine menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm, beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjähriges Mädchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Röckchen bekleidet, zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: »Großvater stirbt!« schluchzte sie, »oh, wie ich mich fürchte!«
»Bist Du denn ganz allein?« frug ich. »Ist denn gar Niemand in der Nähe, der helfen könnte?« Sie schüttelte den Kopf.