Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa

Part 5

Chapter 53,396 wordsPublic domain

Gänzlich hoffnungslos war auch die Lage des Kleingewerbes, insoweit überhaupt von einem solchen noch gesprochen werden konnte. Durch das rapide Anwachsen der Großindustrie war schon früher das Kleingewerbe arg geschädigt worden; seine Lage war aber damals noch glänzend zu nennen im Vergleiche mit dem jetzigen Zustande. Eine andere Arbeit, als wenig lohnende Reparaturen, gab es überhaupt nicht mehr für den kleinen »selbständigen« Meister. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war z. B. ein Schustermeister, der die Anfertigung eines Paares Stiefeln in Auftrag erhielt und diesen Auftrag auch auszuführen verstand, oder ein Schneidermeister, der einen Anzug von A bis Z herzustellen wußte, eine Seltenheit. Um 1970 waren die meisten Handwerksfertigkeiten vollständig verloren gegangen; nur so weit, als es im Dienste der Großindustrie und bei einer weitgehenden Arbeitstheilung nöthig war, hatten sich diese Fertigkeiten erhalten. Es gab wohl Arbeiter, welche mit Hobelmaschinen umzugehen wußten, und solche, welche mit Maschinenhülfe täglich ein paar Hundert Stuhlbeine anzufertigen verstanden; es gab aber keine Tischler mehr, welche ganz selbständig, nur mit dem Handwerkszeug des neunzehnten Jahrhunderts ausgerüstet, einen Stuhl, einen Tisch oder einen Schrank anzufertigen fähig gewesen wären. Der Bildungsgrad der noch übrigen Kleinmeister war der denkbar niedrigste. Ihre Lage war so hoffnungslos und der Kampf um's Dasein, den sie zu führen hatten, ein so harter, daß ihnen schon längst jeder Trieb zur Weiterbildung, zur Vermehrung ihrer spärlichen Kenntnisse abhanden gekommen war. Sie waren einfach nichts als Proletarier, welche von den Abfällen der Großindustrie lebten, ohne Urtheilskraft, ohne Energie, ewig jammernd, ewig schimpfend, aber nicht im Stande, ihre klägliche Situation auch nur um Haaresbreite zu verbessern. Was die Lage der Landbevölkerung anbetrifft, so war dieselbe nicht viel besser. Schon in den letzten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts war die Position der Bauern, die ihre Selbständigkeit bewahrt hatten, eine sehr ungünstige. Die Bewirthschaftung ihrer mit Hypotheken überbürdeten Güter wurde immer schwieriger und immer weniger nutzbringend. Der Großgrundbesitz, der immer mehr Land an sich riß, die Großindustrie, welche immer mehr Fabriken errichtete und der Staat, welcher immer mehr Soldaten benöthigte, nahm ihnen ihre eingeschulten Arbeitskräfte und gab ihnen dafür im besten Falle ausgemergelte Fabrikarbeiter zurück, deren Körperkräfte durch langes Elend so herabgekommen waren, daß sie zur Feldarbeit nichts mehr taugten. Der Kleinbauer wurde mehr und mehr abhängig von dem Großgrundbesitzer, mit dem er schon deswegen nicht concurriren konnte, weil derselbe weit billiger producirte, und seinen Boden weit ertragsfähiger zu machen verstand. Wenn der Bauer nach Begleichung der Zinsen und Steuern noch so viel übrig behielt, daß er nicht gerade mit den Seinigen Hunger zu leiden und daß er die nächste Aussaat erübrigt hatte, so pries er sich schon glücklich. Die Fälle aber, in denen Hof und Feld solcher Kleinbauern zwangsweise versteigert und zu niedrigsten Preisen von den nächsten Großgrundbesitzern erworben wurden, mehrten sich von Jahr zu Jahr. Die neuen Besitzer, welche meistentheils große Jagdfreunde waren, brachen oft die verlassenen Höfe ab und schlugen den urbaren Grund zu ihrem Jagdgebiete. Auf diese Weise verschwanden alljährlich nicht allein Hunderte von Einzelgehöften, sondern hie und da auch ganze Dorfschaften, von denen nicht einmal ein Mauerrest übrig blieb. Die früheren Besitzer, aller Mittel entblößt, mußten sich entweder mit Weib und Kind dem Großgrundbesitzer als Lohnarbeiter verdingen, oder in die nächste Fabrik wandern, und glücklich sein, wenn sie dort Arbeit fanden. Aus den freien Bauern waren Fabriksproletarier geworden. Viele Bauerngüter wurden auch von Speculanten angekauft, welche dieselben parcellirten und kleinweise an den Mann brachten. Durch diesen Prozeß wurde ein Heer von Kleinhäuslern geschaffen, deren Grundbesitz wieder nicht im Stande war, sie zu ernähren. Wenn diese Leute unter Entbehrungen der schlimmsten Art sich noch ein paar Jahre über Wasser erhielten, einmal kam doch unfehlbar die Stunde, welche ihnen ihr Besitzthum entriß und sie zu den Uebrigen in den Abgrund warf. Es wäre schwer zu entscheiden gewesen, wessen Elend größer war: das der Lohnarbeiter in den Fabriken, oder das der Tagelöhner auf den Gütern. Die Arbeitszeit der Letzteren war eine schier unbegrenzte: von Sonnenauf- bis Untergang, d. h. im Sommer von 4 Uhr früh bis 9 Uhr Abends, und wenn der oft Stunden lange Weg zum Arbeitsplatz und zurück mitgerechnet wird, so war eine Arbeitszeit von ½3 Uhr Morgens bis ½11 Uhr Nachts keine Seltenheit. Die Wohnungen der Landarbeiter standen an Comfort und Sauberkeit den Ställen der Gutsbesitzer weitaus nach; die Löhne waren gerade genügend, um das Lebenslicht vor dem Erlöschen zu bewahren und die Kost bestand demnach jahraus, jahrein aus Kartoffeln, Kraut und dünnem Cichoriencaffee. Gleichwohl widerstand diese Classe von Lohnarbeitern der allgemeinen Degeneration ziemlich lange, was wohl seinen Grund in dem täglichen Aufenthalt in frischer, gesunder Luft haben mochte. In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren aber auch die Landarbeiter körperlich und geistig so tief gesunken, daß sie kaum mehr tiefer sinken konnten.

Neunzig Procent der Bevölkerung befand sich um das Jahr 1970 in einem Zustande, der auf das Krasseste abstach von dem Leben, das die übrigen zehn Procent führten. Dieser Rest oder vielmehr diese dünne Schicht, welche auf der Oberfläche des allgemeinen Elends schwamm, setzte sich zum überwiegenden Theile aus Großindustriellen und Großgrundbesitzern zusammen. Hierzu kamen die Vertreter des Großhandels, der hohen Finanz, welche indessen meistens auch zu den beiden erstgenannten Classen zählten, das Heer der Beamten und Officiere, einige wenige auserlesene Künstler, Gelehrte, Schriftsteller und Techniker und endlich eine an Zahl und Bedeutung arg zusammengeschmolzene und noch immer rapid abnehmende »wohlhabende« Bürgerschaft. Die Geschichte der »oberen Zehntausend«, vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts an, zeigt ebenso einen Degenerirungsproceß, wie die Geschichte des unglücklichen Proletariats in jener Zeit. Während namenloses Elend den an Zahl größten Theil der Bevölkerung zu Boden drückte, erlag der andere Theil an der Last des Reichthums, der sich auf seinen Schultern angehäuft hatte. Er verlor dabei alles, was seine Vorfahren einst auszeichnete: Mannesmuth, Charakterfestigkeit, Ueberzeugungstreue und nicht zum mindesten die Ehrlichkeit. Schon im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts war der Byzantinismus auf eine geradezu schwindelnde Höhe gestiegen. Der Spucknapf eines Hoflakeien war ein Gegenstand der Verehrung geworden. Die Presse brachte spaltenlange Berichte, wenn das Schoßhündchen der Frau Obersthofmeisterin sich erkältet hatte, aber sie ignorirte es gänzlich, wenn Schaaren von Arbeiterkindern am Hungertyphus dahinsiechten. Im engsten Zusammenhange mit diesen Erbärmlichkeiten stand ein auf allen Gebieten sich vordrängendes, widerwärtiges Streberthum, das in der Wahl seiner Mittel nichts weniger als wählerisch war und wenn es nicht anders ging, auch auf dem Wege der Denunciation oder in sonst verächtlicher Weise vorwärts zu kommen trachtete.

Kunst und Literatur kannten keine andere Aufgabe mehr, als die Verherrlichung und Verewigung aller jener Vorfälle, welche sich in der Atmosphäre eines Fürstenhofes abspielten. Die Gegenwart eines gekrönten Hauptes bei irgend einer öffentlichen Feierlichkeit war genügend, um diesen Moment zum Gegenstande unzähliger Darstellungen durch Feder, Pinsel und Meißel zu machen. Die Journalisten wurden nicht müde, das betreffende Ereigniß bis in's allerkleinste _Détail_ zu schildern. Die Dichter besangen es in begeisterten Hymnen, die Maler opferten Leinwandstücke von der Größe eines Fregattensegels und unzählige Kilo Farbe, um den erhebenden Moment der Nachwelt zu überliefern und den Bildhauern war kein Marmorblock zu diesem Zwecke groß und rein genug.

Von den Leiden des Volkes wußte aber die Kunst nichts; sie verschmähte es, in die Tiefen des menschlichen Lebens hinabzusteigen und betrachtete es lediglich als ihre Aufgabe, diejenigen zu glorificiren, die sie am besten bezahlten.

Der Luxus hatte eine exorbitante Höhe erreicht. Die, welche sich zur »Gesellschaft« zählten, hatten kein Verständniß mehr für den Begriff: »Arbeit«. Die Leitung der Fabriken überließen sie ihren Direktoren und Ingenieuren, den Betrieb auf den Gütern ihren Verwaltern und Förstern; sie selbst hatten kein Ziel und keinen Zweck mehr, als das Geld zu vergeuden, was dort verdient wurde. Die Einrichtung der Paläste, die Marställe, die Maitressen, die Gastmähler und allerhand Feste verschlangen Unsummen. Für ein einziges Frühstück gab man mehr aus, als zehn Arbeiterfamilien ein ganzes Jahr lang zum Leben brauchten. Diese colossalen Summen kamen aber nicht der breiten Masse des Volkes, sondern stets nur wenigen Großunternehmern zu Gute, welche ihrerseits ebenfalls Reichthum auf Reichthum häuften, während die eigentlichen Erzeuger aller Producte im Elend verkamen. Baar jeder idealen Regung, war die besitzende Klasse vom krassesten Materialismus durchtränkt; das Geld war ihr Gott, der Genuß ihr einziger Lebenszweck, Kunst und Wissenschaft von ihnen zu käuflichen Dirnen degradirt worden. Dem Gewinne jagte Alles mit rastloser Gier nach; unablässig die Augen auf das blinkende Ziel gerichtet, kümmerte man sich wenig um die Existenzen, welche man auf diesem Wege zertrat, war man nichts weniger als wählerisch in der Auswahl der Mittel, welche zum Besitz führen sollten. Was Geld einbrachte, war in den Augen dieser Classe moralisch, was nichts einbrachte, einfach Narrheit. Das ganze Leben war zu einem tollen Wirbeltanze um das goldene Kalb geworden; wer dabei zu Falle kam, nun, der fiel eben; die Uebrigen rasten weiter und würdigten ihn nicht einmal eines Blickes mehr. Um sich zu bereichern, scheute man auch vor ungeheuerlichen Verbrechen nicht zurück, die nur selten eine Sühne vor dem Richter fanden; mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen betrog man sich gegenseitig um Millionen, trieb man einander zum Selbstmord, zum Wahnsinn.

Aber diese glänzende, innerlich angefaulte Welt war von Zeit zu Zeit, und zwar in immer kürzeren Zwischenräumen, furchtbaren Erschütterungen ausgesetzt, welche stets ungezählte Existenzen vom Gipfel des Reichthums in's tiefste Elend schleuderten. Niemand wußte, ob ihm nicht eine der nächsten, schnell aufeinander folgenden Handelskrisen das nämliche Schicksal bereiten werde.

Die fortwährend steigende Concurrenz zwang unaufhörlich zu Verbesserungen an den Maschinen, zu Vereinfachungen der Productionsprocesse, zur Vermehrung der Arbeitsstunden und Verringerung der Löhne. Die unausbleibliche Folge war Ueberproduction, Sinken der Preise, Geschäftsstockung, Krise, auf welche dann eine leichte Erholung eintrat, der aber allsogleich eine neuerliche Krise auf dem Fuße folgte. Das Schlimmste war aber, daß, während die Production beständig anwuchs, die Consumtion fortwährend im Sinken begriffen war. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß der bei Weitem größere Theil der Bevölkerung am Hungertuche nagen mußte, und daß seine Kaufkraft beinahe gleich Null war. Die Production arbeitete hauptsächlich für den Export, aber da sich überall in allen Culturstaaten dieselben Zustände eingestellt hatten, so wurde die Concurrenz im Handel nach überseeischen Märkten immer schärfer und fühlbarer. Nachdem sich in Afrika eine blühende Industrie zu entwickeln begann, welche für die Bedürfnisse dieses Welttheiles bald in ausreichender Weise zu sorgen im Stande war, verengte sich das Exportgebiet von Jahr zu Jahr immer mehr, während sich die Culturbedürfnisse der exotischen Völkerschaften nicht in gleicher Weise steigerten.

Um der sinkenden Tendenz der Preise entgegenzutreten, hatten sich schon im neunzehnten Jahrhundert einzelne Großindustrielle, Actiengesellschaften &c. zusammengethan, und Verabredungen getroffen, welche jeden dieser Producenten verpflichteten, nicht unter einem bestimmten Preise zu verkaufen oder seine Waaren so lange zurückzuhalten, bis eine Preissteigerung von bestimmter Höhe eingetreten sein werde. Diese Cartells nahmen im zwanzigsten Jahrhundert derart überhand, daß es bald keinen einzigen Verbrauchsartikel mehr gab, dessen Preis nicht in der angedeuteten Weise in die Höhe geschraubt werden konnte. Vorbedingung war, daß man zuerst die außer Cartell stehenden Concurrenten zu Grunde richtete oder aufkaufte und auf diese Weise concentrirte sich die gesammte Production in immer weniger Händen, nahm der Reichthum dieser Wenigen immer collossalere Dimensionen an. Im letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland nur noch eine einzige Riesen-Actiengesellschaft, welche alles producirte, was überhaupt zu produciren möglich war, und Theilnehmer dieses gigantischen Unternehmens waren lediglich zwölf Großkapitalisten, vielfache Milliardäre, in deren Besitz sich der gesammte Nationalreichthum concentrirte.

Hundert Jahre früher hatte ein geistvoller, weitblickender Mann, der Amerikaner Bellamy, diesen Gang der Entwicklung vorausgesehen und prophezeit, daß, sobald dieser Moment eingetreten sei, die Umwandlung des capitalistischen in den socialen Staat ohne weiteren Widerstand auf friedlichem Wege und sozusagen ganz von selbst sich vollziehen werde. Diese Prophezeiung, auf einer richtigen Erkenntniß der wirthschaftlichen Kräfte beruhend, wäre auch sicherlich in Erfüllung gegangen und ihre Realisirung hätte für die Welt den Beginn einer glänzenden Epoche in der Culturgeschichte der Menschheit bedeutet -- wenn die große Masse des Volkes vorbereitet gewesen wäre für diese Umwälzung der Gesellschaftsordnung, für diesen plötzlichen Uebergang vom tiefsten Schatten zum glänzendsten Lichte.

_Jetzt aber war der Moment gekommen, wo sich die Sünden der letzten hundert Jahre in furchtbarster Weise rächen sollten, wo die Saat, welche am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Eugen Richter gesäet hatte, erst ihre entsetzlichen Früchte zur Reife brachte. Im Laufe der letzten hundert Jahre war nichts, rein gar nichts geschehen, um das Volk für den großen Augenblick, der seiner harrte, vorzubereiten._

Bis zum Staatsstreich des Jahres 1900 hatte die Socialdemokratie sich dieser letzterwähnten Aufgabe unterzogen. Aus dumpfer Erstarrung und kläglicher Unwissenheit hatte sie das arbeitende Volk unter unsäglichen Mühen, Gefahren und Hindernissen, zur Selbständigkeit, zum Selbstbewußtsein, zur Bildung heranzuziehen sich bemüht. Und ihre Bemühungen waren auf dem besten Wege, von Erfolg begleitet zu sein. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der Arbeiter von einem heißen Drange nach Bildung und Wissen erfüllt; in weiter Ferne sah er eine glänzende Idealgestalt vor sich herziehen, die seinen Weg erleuchtete und die Socialdemokratie war es, die seine Schritte auf diesem Wege leitete, die ihm, so oft er es vergaß, immer und immer wieder die Mittel einprägte, welche ihn auf demselben vorwärts bringen konnten.

Aber die Socialdemokratie that noch mehr: sie wurde auch zur Erzieherin der anderen Classen. Indem sie die träge Masse des Proletariates aufrüttelte, organisirte und zielbewußt machte, zwang sie die Besitzenden, ihre Aufmerksamkeit Dingen von höchster Wichtigkeit zuzuwenden, welche bis dahin in unverantwortlicher Weise vernachlässigt worden waren.

Eine ganze Welt von neuen Fragen, Ideen, Gesichtspunkten machte sie plötzlich lebendig. Es half nichts, daß man sich anfänglich davon abwendete, daß man sich die Augen zuhielt, daß man sich taub stellte. Die Sprache der Thatsachen war eine zu eindringliche; man war genöthigt, der Sache wohl oder übel seine Aufmerksamkeit zu schenken, sich auf Discussionen einzulassen, seine Lethargie abzuschütteln, um dem Gegner Stand halten zu können. So brachte die Socialdemokratie neues, frisch pulsirendes Leben in die alternde Gesellschaft, sie streute mit vollen Händen einen unerschöpflichen Stoff zur Anregung auf allen Gebieten aus; Dichter, Schriftsteller und Künstler schöpften aus dem nie versiegenden Quell einer neuen Ideenwelt, und selbst die rostig werdende Staatsmaschine sah neues Oel auf ihre knarrenden Achsen träufeln und ging daran, Institutionen zu schaffen, die man ein Vierteljahrhundert früher als phantastisch bezeichnet haben würde.

Dieser frische Quell versiegte mit einem Male, als man die Socialdemokratie mit eiserner Faust für immerdar vernichtet, ausgerottet hatte.

_Als der große Moment, den Bellamy prophezeit hatte, thatsächlich eintrat, fand er an Stelle einer politisch reifen, mit dem Rüstzeug moderner Bildung ausgestatteten und physisch tüchtigen Arbeiterschaft eine verthierte Masse, die kein anderes Ziel kannte, als endlich einmal Rache zu nehmen für die schmähliche Unterdrückung, deren Opfer sie seit hundert Jahren geworden war._

8. Capitel.

Berlin acht Tage vor dem großen Krach. -- Feiernde Fabriken. -- Der Hungertod. -- Riesenbazare. -- Mangel an Soldaten. -- Ein Abendspaziergang im Jahre 1998. -- Ein Besuch im Arbeiterviertel.

Ich beginne nunmehr mit der Erzählung meiner eigenen Erlebnisse in der Zeit des allgemeinen Zusammenbruchs.

Am Abend des 2. Februar 1998 fuhr ich mit dem Blitzzug von Weimar nach Berlin. Ich befand mich in der glückseligsten Stimmung; ich hatte ja die Reise unternommen, um meine Braut heimzuführen aus ihrem Elternhause in das behagliche Nest, das ich ihr in Thüringen bereitet hatte. Dank der Protection meines zukünftigen Schwiegervaters, welcher eine einflußreiche Stellung bei der großen Actiengesellschaft bekleidete, war ich zum Verwalter der Thüringischen Centralmagazine ernannt worden, ein Posten, der ebenso angenehm, als einträglich war. So drückte ich mich also in die Kissen meines Coupésitzes und überließ mich, während der Zug seinem Ziele entgegenbrauste, den angenehmsten Träumen, eine Beschäftigung, der ich mich um so ungestörter hingeben konnte, als ich anfänglich allein in meinem Coupé war. Auf einer Zwischenstation, einem Städtchen, in welchem die Gesellschaft große Teppichfabriken besaß, stieg ein Herr in meine Abtheilung ein, in dem ich alsbald einen ehemaligen Schulcollegen erkannte. Ebenfalls im Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen Wochen an diesen Ort versetzt worden. Nachdem wir uns begrüßt und die üblichen Redensarten gewechselt hatten, fiel mir plötzlich ein, daß ich der Ausstattung meiner Wohnung ganz gut noch einen Teppich von bestimmter Specialität beifügen könne, wie ihn die erwähnten Fabriken in vorzüglicher Beschaffenheit anfertigten. Ich frug also meinen Freund nach dem Preise einer mir zusagenden Größe und war nicht wenig erstaunt, als ich zur Antwort erhielt, daß in den Fabriken diese Gattung von Teppichen nicht mehr hergestellt werde.

»Warum denn nicht mehr?« frug ich, »ist vielleicht keine Nachfrage mehr nach dieser Qualität?«

Mein Freund lächelte düster und erwiderte mit gepreßter Stimme: »Weil wir überhaupt nichts mehr fabriciren. Die Fabriken haben ihren Betrieb vor drei Tagen eingestellt.«

»Eingestellt? Ich war der Meinung, das Geschäft gehe bei Euch vorzüglich. Ihr habt doch, wenn ich nicht irre, an fünftausend Arbeiter beschäftigt?«

»Das ist richtig,« sprach mein Gegenüber. »Die ganze Einwohnerschaft des Städtchens, mit Ausnahme der wenigen Staatsbeamten, arbeitete für unsere Gesellschaft; wir haben sie aber sämmtlich entlassen müssen, weil sich die Fabrikation schon längst nicht mehr rentirte.«

»Ich verstehe aber nicht! Eure Teppiche hatten einen Weltruf. Sie waren dauerhaft, elegant, preiswürdig --«

»Und doch war der Absatz auf ein Minimum herabgesunken und deckte nicht einmal die Betriebskosten. Wir haben eben in ganz Deutschland nur sehr wenig Leute, die sich den Luxus eines Teppiches gestatten können. Es müssen ja selbst Fabrikationszweige eingeschränkt werden, welche nothwendigen Lebensbedarf produciren. Wenn jeder Arbeiter in Deutschland im Stande wäre, für sich und die Seinen Betten zu kaufen, so könnten wir vierzig Millionen Stück davon fabriciren. Wie viel Arbeit gäbe das für unsere Möbelfabriken, für die Leinenindustrie, für die Fabrikation von Matratzenstoffen; selbst die Landwirthschaft würde profitiren, denn wo nähme man die Tausende von Centnern an Bettfedern her? Ich glaube aber, daß heute Nacht im ganzen Reich kein einziges Mitglied einer Arbeiterfamilie in einem Bette schlafen wird. Die Leute liegen im besten Falle auf einem Haufen Stroh oder Lumpen; die Meisten aber in ihren Arbeitskleidern auf dem nackten Fußboden.«

»Was fangen denn nun diese fünftausend Menschen an, die Ihr entlassen habt?« frug ich weiter.

Der Andere zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich nicht. Ein oder zwei Dutzend werden wohl im Orte bleiben, und die paar Aecker bearbeiten, die ihnen noch verblieben sind. Alles übrige Land, auf Meilen hinaus, gehört der Gesellschaft, die es im Großen bearbeiten läßt und so schon Ueberfluß an Arbeitern hat. Das große Heer der Arbeitslosen wird um einige Bataillone zunehmen, das ist Alles, was man heute sagen kann.«

Die Worte meines Freundes hatten bereits genügt, um meine gute Laune zu verscheuchen. Heiter und sorglos von Natur, hatte ich mir bisher wenig Mühe gegeben, den Wolken, welche sich rings um mich zusammenzogen, eine größere Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem war es auch mir nicht entgangen, daß die wirthschaftlichen Zustände sehr viel zu wünschen übrig ließen; in dem Stadium hochgradiger Verliebtheit, in dem ich mich jedoch seit mehr als Jahresfrist befand, war ich noch weniger als früher geneigt, mich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Die Zukunft lag so verlockend, so rosig vor mir, daß ich stets mit Gewalt alle aufsteigenden Gespenster verscheuchte; ich wollte mir mein Glück um so weniger trüben lassen, als ich ja an den allgemeinen Zuständen nichts ändern und bessern konnte. Heute aber vermochte ich der finsteren Mächte nicht Herr zu werden. Die Worte, die ich soeben vernommen, hatten einen Abgrund vor mir geöffnet und erst, als ich am Bahnhofe in Berlin anlangend, von meiner Braut und deren Eltern empfangen wurde, als sich Elly mit glückseligem Lächeln an meinen Arm hängte, verscheuchte ihr fröhliches Geplauder die düsteren Bilder, von denen mein Inneres erfüllt war.

Eine Viertelstunde später bog der Wagen, in dem wir saßen, in die taghell beleuchtete Einfahrt eines jener palastähnlichen Gebäude ein, in denen die höheren Beamten unserer Gesellschaft, zu denen auch mein Schwiegervater zählte, ihre Dienstwohnungen hatten. In diesem Moment prallten die Pferde zurück, wir erhielten einen starken Stoß, der Wagen neigte sich zur Seite. Die Frauen schrieen angstvoll auf, mein Schwiegervater öffnete den Schlag und sprang hinaus; ich folgte ihm und sah den Wagen umringt von einer Schaar Menschen, deren Gesichter ich nie vergessen werde. Ein unbeschreibbarer Haß lag in diesen funkelnden Blicken.

Ich fand jedoch keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen. Schutzleute waren zur Hand, welche die Menge aus der Einfahrt auf die Straße drängten und das Gitter schlossen. Nun standen sie draußen, unverwandten Blickes durch die Lücken der Eisenstäbe hereinstierend, mit entsetzlichen, abgezehrten Gesichtern und wirren Haaren.

Gleichzeitig sah ich, wie man eine leblose Gestalt, den Körper eines Weibes, unter dem Wagen hervorzog. Als man die Unglückliche forttragen wollte, fiel mein Blick auf ihr wachsbleiches Gesicht. Es schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen und glich dem Schädel einer Mumie. Ich wandte mich an einen der Schutzleute: »Der Wagen hat sie getödtet?« rief ich. »Nein, sie war schon vorher todt,« sprach der Mann gleichgültig, »sie ist verhungert!«